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Wie wäre es, wenn man in die Köpfe anderer Menschen sehen könnte? Ein Schweizer Forschungsteam tut genau dies und misst die Gehirnaktivität buddhistischer Mönche bei der Meditation. Weniger ausgeglichen als bei den Testpersonen sieht es jedoch in den Köpfen der Teammitglieder aus. Und so ist es kein Zufall, dass Konflikte innerhalb des Forschungsteams aufbrechen: Oona hat sich von Q getrennt, muss aber trotzdem mit ihm zusammenarbeiten, Paul steht vor den Herausforderungen eines alleinerziehenden Vaters und Jessica fühlt sich in ihren beruflichen Ambitionen eingeschränkt. Aber auch der koreanische Mönch Jibong ringt mit seiner Vergangenheit - und auf einmal ist der Erfolg der Studie infrage gestellt.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2025
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VERA HOHLEITER
Roman
Tag -1
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Tag 5
Hinweise
Einatmen, ausatmen, einen Punkt auf der Wand fixieren, das warme Wasser auf den Händen spüren, die einzelnen Bewegungen beim Händewaschen wahrnehmen, fühlen, wie die Finger und die Handflächen aneinanderreiben … »Ich bin nicht traurig!« Oona sah in den Spiegel, aus dem Spiegel blickte eine Fremde zurück. Das verhärmte Gesicht, die Augenringe, die heruntergezogenen Mundwinkel … »Ich bin nicht traurig!« – Negativsatz, ungünstig, gab dem Gehirn die falschen Signale. Oona versuchte, eine positive Formulierung zu finden. »Ich bin glücklich«, brachte sie nicht heraus – weder laut ausgesprochen noch leise im Selbstgespräch. »Mir geht es gut«, damit gab sie sich zufrieden, das musste für den Moment genügen. »Mir geht es gut!«
»Geht es dir gut?« Jessica kam aus der Toilettenkabine heraus und trat an das Waschbecken neben Oona. »Du siehst müde aus.«
»Müde, ja, zu viel Arbeit.« Oona trocknete ihre Hände mit langsamen, bewussten Bewegungen ab, versuchte, sich auf das Kratzen des Papierhandtuchs auf ihrer Haut zu konzentrieren, beobachtete, wie das grüne Krepppapier die Nässe aufsog und aufweichte.
»Ich weiß, die Auswertung der Kontrollgruppe ist zum Großteil an dir hängen geblieben. Aber wenn die Meditationsstudie erst mal läuft, wird das besser«, sagte Jessica.
»Weißt du von dem Meeting, das Paul gerade hat?« Oonas Hände waren längst trocken, aber sie fuhr weiter mit dem feuchten Papierhandtuch über ihre Haut und hoffte, dass Jessica das leichte Zittern ihrer Hände nicht bemerkte.
»Mit dem Koreaner von der Meditationsapp?«
»Schweizer.«
»Wie?«
»Er ist Schweizer. Kyu-ho Park ist Schweizer«, sagte Oona.
»Ich dachte Koreaner.« Jessica zuckte mit den Schultern.
»Ist in Genf aufgewachsen und hat einen Schweizer Pass, der Vater war Diplomat bei der uno – kann man in jedem Zeitungsartikel über ihn lesen.« Die Meditationsapp SoundofSilence, SoS, war die App der Stunde, mit der Millionen gestresster Büromenschen ihre Nerven unter Kontrolle brachten. Die Medienresonanz war enorm gewesen. Kyu-ho Park, der geniale App-Entwickler, Psychologe, Informatiker, Unternehmer der Zukunft, Visionär …
»Hast du ein spezielles Interesse an dem?«, fragte Jessica.
»Nein, wieso? Ich wollte nur wissen, was er im Institut zu tun hat? Was will er von Paul?«
»Keine Ahnung. SoS ist schließlich an der Finanzierung der Studie beteiligt, die waren sehr großzügig, da wird es schon was zu besprechen geben.« Jessica steckte ihre Hände in den Händetrockner, bewegte sie auf und ab, wackelte dabei mit den Fingern. Sie redete weiter, sprach besonders laut, um die Geräusche des Händetrockners zu übertönen, ließ sich darüber aus, wie viel die Technik kostete, die Reise und die Unterbringung der Mönche. »Gestern hat Paul mich dazu verdonnert, ein koreanisches Restaurant ausfindig zu machen, weil wir Catering für die Mönche organisieren müssen. Wir können denen ja nicht einfach ein paar Brötchen schmieren, die müssen ihr gewohntes Essen bekommen, sonst werden die noch krank und das verfälscht dann die Studienergebnisse.«
An das Essen für die Mönche hatte Oona gar nicht gedacht. Die Mönche mussten eine Woche im Forschungsinstitut verbringen, mehrmals am Tag mit dem geodätischen Sensornetz auf dem Kopf ihre Gehirnaktivität messen lassen, fmrt-Scans durchführen lassen, dazwischen längere Wartezeiten. Natürlich mussten sie irgendwann essen. Oona fragte sich nur, warum Paul Jessica für organisatorische Aufgaben eingespannt hatte. Sie war Psychologin, keine Teilzeit-Assistentin. Gleichzeitig war Oona froh, dass er ihr selbst nie solche Aufträge gab.
»Ist doch auch egal, was für ein Meeting die haben. Paul wird ihn bei der Stange halten müssen, der soll uns ja als Geldgeber nicht abspringen«, sagte Jessica und verließ die Damentoilette.
Oona blieb allein zurück. Sie überlegte, ob sie sich noch länger verstecken sollte. Unter keinen Umständen wollte sie mit Q auf dem Gang zusammenstoßen. Sie hatte ihn von Weitem gesehen, wie er auf Pauls Büro zuging, kerzengerade in der Mitte des Korridors lief, mit einer Körpersprache, als gehörte das gesamte Gebäude ihm. Ihr war nichts Besseres eingefallen, als in die Damentoilette zu flüchten. Sie ärgerte sich über sich selbst.
Einatmen, ausatmen, Oona zählte, bemerkte, wie sich ihr Atem beruhigte. Sie konnte sich nicht den ganzen Tag verstecken, wie ein kleines Mädchen, das sich vor der Lehrerin fürchtet. Für einen Augenblick blitzte das Bild ihrer Grundschullehrerin aus der ersten Klasse in ihrem Gedächtnis auf. Unangenehme Person, streng und ungerecht, bevorzugte immer die Jungs und mochte eigentlich keine Kinder … Oona versuchte, die Erinnerung abzuschütteln, bevor sie sich in den Hass auf ihre Grundschullehrerin hineinsteigerte. Sie hielt ihre Hände unter den Desinfektionsmittelspender, wartete auf den kurzen Sprühstoß, dann verteilte sie die Flüssigkeit auf ihren Händen, konzentrierte sich auf den beißenden Alkoholgeruch.
»Mir geht es gut«, sagte sie wieder zu sich selbst und zu ihrem Spiegelbild, »mir geht es gut.« Und dann: »Das ist mein Job, mein Projekt, mein Institut!« Q konnte tun und lassen, was er wollte. Irgendetwas führte er im Schilde, aber es war ihre eigene Schuld, wenn ihr der bloße Gedanke daran den Tag verdarb. »Du bist nicht, was du fühlst, reiß dich zusammen!«
Oona öffnete die Tür, wandte für einen Moment ihre Aufmerksamkeit der kühlen Türklinke in ihrer Hand zu. Dann trat sie hinaus auf den Gang. Niemand war zu sehen. Sie gab dem Impuls nicht nach, sich möglichst nahe an der Wand zu ihrem Büro zurückzuschleichen, sondern lief kerzengerade genau in der Mitte den Korridor entlang. »Mir geht es gut.«
* * * * *
»Wie geht's, Herr Park?«
Konventioneller Einstieg und gleichzeitig eine extrem dumme Frage für einen Psychologieprofessor – Professor Paul Kaufmann, der große Studienleiter. Er erwartete doch wohl kaum eine ehrliche Antwort. Wer wollte denn schon wirklich sagen, wie es ihm ging? Und wer wollte es überhaupt hören? Das musste ihm bewusst sein, oder sollte das die Einleitung zu einer Therapiesitzung sein, aber aus dem Therapie-Business musste Kaufmann raus sein, einmal Forschung, immer Forschung, einmal Studienleiter, immer weiter die Karriereleiter rauf.
»Sie können mich Q nennen.« Indifferenter Blick von Kaufmann. »Q – als Abkürzung von Kyu-ho, den Namen finden viele schwierig auszusprechen. Q – wie die Figur in den James-Bond-Filmen.«
»Identifizieren Sie sich mit Q?«
Wieder so eine Therapiefrage und ein Klischee noch dazu: Alle asiatischen Männer sind Computer-Nerds, seit Grundschulzeiten tausendmal gehört – »der kleine Chinese, der so gut in Mathe ist«. Dass der kleine Chinese eigentlich Koreaner war oder Schweizer koreanischer Herkunft und außer in Mathe auch in allem anderen gut, interessierte niemanden. »Nein, ich identifiziere mich nicht mit Q. Mit der Abkürzung mache ich es nur meinen nicht-koreanischsprachigen Mitmenschen leichter, mit mir zu kommunizieren und Spitznamen schaffen Vertrautheit, fördern den Team-Zusammenhalt. Kann ich nur empfehlen.« Das klang schnippisch, aber schnippisch war gut, damit konnte man sein Gegenüber aus der Bahn werfen, gleich beim Gesprächseinstieg die Machtverhältnisse klären.
»Mit wem identifizieren Sie sich denn? In den James-Bond-Filmen zum Beispiel?« Kaufmann ließ sich scheinbar nicht aus der Ruhe bringen.
»Mit James Bond natürlich.«
»Warum?«
»Weil er die Hauptfigur ist. Jeder ist doch lieber die Hauptfigur in seinem eigenen Leben als nur eine Nebenfigur.«
Kaufmann lachte. Q musste zugeben: Der Mann ruhte in sich selbst, da war nichts zu machen. Von Sarkasmus ließ er sich offenbar nicht beeindrucken. Q hoffte, dass damit das Vorgeplänkel beendet war.
Kaufmann ging zurück zu seinem Schreibtisch, wies Q mit einer Geste an, ihm gegenüber auf einem grauen Polsterstuhl Platz zu nehmen. Q setzte sich, scannte dabei den Büroraum ab: mittelgroßes Büro, spartanisch eingerichtet, weiße Wände, außer einer Kalligraphie mit Bambusmotiven keine Kunstobjekte, ein großer Schreibtisch mit Drehstuhl, der graue Polsterstuhl, auf dem er selbst saß, in der Ecke noch ein Klappstuhl aus rot lackiertem Holz, ein metallener Aktenschrank, ein überfülltes Bücherregal, unter anderem mit der einschlägigen Fachliteratur von Daniel Goleman, Richard Davidson, Daniel Siegel …
Auf dem Schreibtisch entdeckte Q doch noch etwas Persönliches, ein gerahmtes Foto von einem wesentlich jüngeren dunkelhaarigen Paul Kaufmann, einer blonden Frau mit einem schön geschnittenen, symmetrischen Gesicht und hohen Wangenknochen, zwischen ihnen ein lachendes pausbäckiges Kleinkind. Neben dem Foto der drei stand ein kleineres Bild mit einem ergrauten, leicht sorgenvoll dreinblickenden Kaufmann und einem Teenager mit zerzaustem blau-grün gefärbtem Haar. Das Mädchen war gerade in einer ungünstigen Pubertätsphase, hatte zwar die gleiche schöne Gesichtsform wie seine Mutter, nur war die Haut mit einem dichten Teppich von Aknepusteln überzogen. Die blau-grüne Haarfarbe ließ das zornige Rot der Pickel noch intensiver wirken. Q überlegte kurz, ob er »hübsches Mädchen« sagen sollte oder etwas Ähnliches, was Eltern gern hörten, aber wahrscheinlich klang das zu offensichtlich gelogen. »Coole Haarfarbe« hätte vielleicht funktioniert, aber irgendetwas in Kaufmanns Blick sagte ihm, dass es riskant wäre, über Privates zu sprechen, diese Tür zu öffnen.
Q fragte sich, wie es wohl sein mochte, einen Vater zu haben, der Fotos von einem als verpickeltem Teenager aufstellte, als sei nichts dabei, als sei es völlig in Ordnung, dass seine Tochter mit 13, 14, 15 oder wie alt sie auch immer sein mochte, hässlich aussah und sich zu allem Überfluss mit einer unvorteilhaften Haarfarbe noch hässlicher machte. Plötzlich fühlte Q sich befangen. Kaufmann musste gesehen haben, wie lange er auf die Familienfotos gestarrt hatte. Als Psychologe musste er daraus seine Schlüsse gezogen haben. Genau aus diesem Grund konnte Q Psychologen nicht leiden. Man fühlte sich so nackt vor ihnen.
Andere Menschen abzuchecken und zu bewerten, war eine schlechte Angewohnheit. Das ging leider oft nach hinten los und im Endeffekt fühlte Q sich auf eine unangenehme Art und Weise seiner selbst bewusst. Aber er konnte das Abscannen, Vergleichen, Hierarchisieren nicht sein lassen. Das steckte in ihm, war fest verankert, ein Überbleibsel seiner Erziehung. Om-jin-a, Q fiel das koreanische Slangwort ein für den »Sohn von Mutters bester Freundin«. Egal ob er wirklich existierte oder nicht, dieser Sohn der anderen war immer größer, schöner, intelligenter, kurzum: besser, ein Goldstandard, den man nie erreichen konnte, der einem bis in alle Ewigkeit die eigene Unzulänglichkeit vorführte und einen mit Konkurrenzdenken quälte. Wenn es einen Aus-Knopf dafür gegeben hätte, vielleicht hätte Q ihn gedrückt, vielleicht auch nicht, Konkurrenzdruck steigerte die Performance, da war auch etwas Gutes dran.
»Was führt Sie zu uns, Q?« Kaufmann sprach »Q« überdeutlich aus, als ob er sich über ihn lustig machte.
Q ignorierte die Spitze, im Gegenteil, es gefiel ihm, wenn sich jemand auf Wortgefechte einließ. »Siezen Sie sich in Ihrem Team?«
»Nein, hier im Institut duzen sich eigentlich alle.«
»Gut, dann können wir uns jetzt auch duzen. Genau darum geht es ja.« Verständnisloser Blick von Kaufmann. »Ich meine, ich möchte direkt bei der Studie dabei sein, Teil des Teams sein.«
»Ich fürchte, ich verstehe nicht recht. Wir sind sehr, sehr dankbar für die Gelder, die SoS bereitstellt. Aber …«
»Nein, nein, darum geht es nicht. Ich möchte einfach bei der Datenerhebung dabei sein, möchte die Mönche kennenlernen, möchte zusehen, wie die Gehirnaktivität aufgezeichnet wird.«
Kaufmann schien nicht überzeugt. »Das ist ein ungewöhnlicher Wunsch. Darauf war ich jetzt nicht vorbereitet. Wir sind ein eingespieltes Team. Die Datenerhebung an der Kontrollgruppe ist bereits abgeschlossen. Es wäre ungünstig, in diesem Stadium eine neue Person ins Spiel zu bringen.«
»Ich kenne mich aus, brauche keine Einarbeitung und ich spreche Koreanisch«, sagte Q.
»Wir haben eine junge Koreanerin angeheuert, eine studentische Hilfskraft, und eine Psychologin in meinem Team spricht auch ein wenig Koreanisch, hat einen Masterabschluss von der Yonsei-Universität. Wir sind da schon ganz gut aufgestellt.« Kaufmann nahm einen Kugelschreiber in die Hand, drehte und wendete ihn, drehte und wendete ihn wieder. Q wunderte sich, dass Kaufmann sich so zierte.
»Ich wäre einfach ein externer Beobachter. Ich brauche ein besseres Verständnis für die Daten, wenn wir neue Features für die App entwickeln wollen. Ich muss selbst dabei sein.«
Kaufmann spielte weiter an dem Kugelschreiber herum, klickte mehrmals, schien zu überlegen, welche Gründe er noch für ein Nein finden konnte.
Nein war für Q keine Option, und er hatte auch keine Lust mehr auf längere Diskussionen. »Ich unterstütze die Studie ja nicht zum Spaß. Für SoS muss da auch etwas herausspringen.«
Q wusste noch aus seiner Zeit in Stanford, dass bei solchen Studien meist eine Person Vollzeit damit beschäftigt war, Förderanträge auszufüllen und Geldgeber zu finden. Niemand wäre so verrückt, in diesem Stadium der Studie die Finanzierung aufs Spiel zu setzen, nur weil jemand bei der Datenerhebung dabei sein wollte.
»Ich brauche die Daten aus erster Hand. Ich will dabei sein.«
Kaufmann gab sich geschlagen. »Als externer Beobachter können Sie dabei sein, damit können sicher alle leben. Aber ich hoffe, Ihnen ist klar, dass das kein Ausflug nach Disneyland wird. Wir arbeiten oft lange, bis tief in die Nacht. Ich kann auf niemanden in meinem Team verzichten. Niemand kann Sie betreuen oder Ihnen Sachen erklären. Sie müssen sich dem Team anpassen.« Kaufmann klickte wieder mit dem Kugelschreiber in seiner Hand.
»Geht klar.« Q konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er liebte das überlegene Gefühl, wenn man ihm seine Wünsche nicht abschlagen konnte. »Wann kommen die Mönche an?«
»Sie sind schon in Zürich gelandet. Unsere studentische Hilfskraft und unser Fahrer haben sie abgeholt und sind mit ihnen jetzt auf dem Weg zum Hotel. Sie kommen natürlich nicht sofort ins Institut. Wir wollten ihnen ein bisschen Zeit geben, sich einzugewöhnen.« Kaufmann stand auf und signalisierte Q, ebenfalls aufzustehen. »Morgen um 10 Uhr geht es los.«
»Ich werde da sein.« Q ging zur Tür.
»Wie gesagt, versprechen Sie sich nicht zu viel davon. Für Außenstehende kann das ganz schön langweilig werden.« Kaufmann öffnete die Tür.
»Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Die Arbeit an Studien kenne ich aus Stanford. Wir können uns jetzt duzen, oder?«
Kaufmann streckte ihm seine rechte Hand entgegen. »Willkommen im Team, Q.«
Q nahm seine Hand und schüttelte sie. Sehr überzeugt wirkte Kaufmann immer noch nicht, aber darum ging es Q nicht.
* * * * *
Worum ging es bei der ganzen Sache? Oona fragte sich, was Q im Schilde führte, fand es schwer, sich abzulenken. Sie biss in ihr mitgebrachtes Wrap-Sandwich, schloss kurz die Augen, versuchte, sich auf die einzelnen Geschmäcker und Konsistenzen zu konzentrieren – den elastischen Tortilla-Fladen, das sämige Hummus, die cremige Avocado, den süß-sauer marinierten Tofu, die knackigen Gurkenscheiben, die grasigen Salatblätter, …
»Das sieht gut aus. Was ist das?«
Oona öffnete die Augen. Paul hatte ihr gegenüber am Tisch im Pausenraum Platz genommen.
»Ach, das ist nur ein simples Wrap-Sandwich mit mariniertem Tofu, lässt sich schnell und einfach machen.«
»Was ist da drin? Vielleicht wäre das was für Kaja. Seitdem sie Veganerin ist, versuche ich, vegan kochen zu lernen, aber mein Repertoire ist noch sehr beschränkt.« Paul stocherte in einer Art Nudelsalat oder kalter Pasta herum, die er in einem Einwegglas mitgebracht hatte. »Das sind die Reste von gestern Abend«, sagte er, als er Oonas Blick bemerkte.
»Die Tortillas bekommst du in jedem Supermarkt. Dann habe ich Hummus und Avocado darauf geschmiert, ein paar Salatblätter, Gurkenscheiben und ein paar Scheiben marinierten Tofu dazugelegt.«
Paul machte sich Notizen auf einer Papierserviette. Oona erklärte ihm, welche Zutaten er für die Marinade benötigte und wie er den Tofu anbraten musste. Paul schrieb alles auf: fingerdicke Tofuscheiben in Maisstärke wälzen, die Marinade aus Ahornsirup, Sesamöl, Weißweinessig, Sojasoße und Chiliflocken, Tofu anbraten …
»Das ist alles, klingt komplizierter, als es ist«, sagte Oona.
Paul sah sich an, was Oona sonst noch in ihrer Bento-Box hatte – Vollkorn-Cracker, Hummus, ein Stück Bananenbrot. Er notierte alles, dann legte er den Stift weg und stocherte weiter in seinen kalten Nudeln herum.
»Wie geht es Kaja?«
»Sie ist tapfer«, sagte Paul. »Schon komisch, wenn man sein ganzes Leben lang über Resilienz forscht und dann auf einmal seine Erkenntnisse bei sich selbst und seiner Tochter anwenden kann – oder muss, sollte ich wohl sagen. Wir haben ja keine Wahl.« Paul schob sich eine Gabel Nudeln in den Mund und kaute eine Weile still darauf herum, dann wechselte er das Thema. »Unsere Mönche sind jetzt im Hotel. Sun-mi hat sich schon zurückgemeldet. Morgen geht es los, aufregende Zeiten …«
»Allerdings«, Oona schluckte den letzten Bissen ihres Wrap-Sandwiches herunter. »War das eigentlich vorhin Kyu-ho Park in deinem Büro?«
»Ja. Ist er inzwischen so eine Berühmtheit geworden, dass man ihn schon von Weitem erkennt?«
»Was wollte er denn?« Die Frage lag Oona die ganze Zeit schon auf der Zunge, aber sie hatte ihre Neugier im Zaum gehalten. Sie nahm einen Vollkorn-Cracker aus ihrer Bento-Box.
»Er will bei der Datenerhebung dabei sein, als eine Art externer Beobachter.«
»Was? Warum? Was will er da? Das geht ihn doch alles nichts an.« Der Cracker in Oonas Hand zerbrach. Krümel fielen auf die Tischplatte.
»Das habe ich mir auch gedacht, habe ich ihm auch so gesagt. Unser Team ist schon gut aufgestellt, aufeinander eingespielt. Aber er ließ sich nicht abwimmeln. SoS war bei der Finanzierung der Studie sehr großzügig, weißt du. Ich kann ihn jetzt nicht vor den Kopf stoßen, und er ist da möglicherweise sehr empfindlich. Die Mönche kommen aus Südkorea, dem Herkunftsland seiner Eltern, vielleicht ist da was Persönliches im Spiel.«
»Da ist garantiert was Persönliches im Spiel!« Oona fegte die Cracker-Krümel von der Tischplatte. »Aber er wird alles durcheinanderbringen, er verursacht nur Ärger.«
»Das habe ich schon mit ihm geklärt. Ich habe ihm gesagt, dass er sich anpassen muss, dass wir niemanden im Team haben, der sich um ihn kümmern könnte. Beobachten kann er ja, solange er dabei niemanden stört. Ich werde schon dafür sorgen, dass er dir nicht in die Quere kommt.«
»Wenn das so einfach wäre … Er kann nicht dabei sein, er kann nicht mit uns im Team arbeiten, das ist voll und ganz ausgeschlossen. Du musst ihm absagen. Ich kann mit ihm nicht arbeiten.«
»So schlimm wird er schon nicht sein, kein Grund, sich aufzuregen.«
»Ich kann ja Babysitter spielen und ihn dir vom Hals halten.« Jessica setzte sich neben Oona an den Esstisch und stellte einen Thermobehälter mit warm gehaltener Suppe vor sich ab.
Oona fragte sich, wie lange Jessica schon mitgehört hatte.
»Ich hatte mal einen Studentenjob bei einem Filmfestival, bei dem ich Promis betreut habe. Ich kann mit solchen Leuten umgehen«, fügte Jessica hinzu.
»Na ja, ein Hollywoodstar ist er ja nicht gerade«, sagte Oona.
Jessica setzte zu einer weitschweifigen Erzählung über den Job beim Filmfestival an und wie sie einmal Richard Gere begegnet war, der hinter der Bühne meditiert hatte.
»Richard Gere? Dreht der überhaupt noch Filme?« Paul schien die Geschichte zu interessieren. Oona hatte sie gefühlt schon tausendmal gehört, ließ die Worte an sich vorbeiziehen, hörte zu und hörte doch nicht zu.
Richard Gere, Modeerscheinung, PR-Gag, Image steuern, ernsthaft, nicht ernsthaft, Dalai Lama, besser als nichts … – Oona schnappte Wortfetzen auf, gerade genug, um dem Gespräch halbherzig folgen zu können, zu wenig, um sich zu beteiligen.
Sie konnte nicht mit Q zusammenarbeiten, sie konnte es einfach nicht, das war völlig ausgeschlossen. Sie bemerkte, dass ihre rechte Hand wieder zu zittern begann. Schnell stopfte sie sich einen Vollkorn-Cracker in den Mund und ließ die Hand unter die Tischplatte sinken. Sie kaute auf dem Cracker herum. Die Kaubewegung verschaffte ihr Erleichterung. Wie sich der Ober- und der Unterkiefer bewegten und den Cracker langsam zermalmten, zerbröckelte auch ihr Zorn, bis er kaum mehr fassbar war und Oona vorkam wie ein Gefühl außerhalb ihrer selbst, wie der Wutanfall eines Kleinkindes, den sie von Weitem beobachtete und eher lustig als besorgniserregend fand.
* * * * *
Der leere Blick, der abwesende Gesichtsausdruck – Jessica konnte genau sehen, dass Oona überhaupt nicht zuhörte. Offenbar fand Oona alles, was Jessica zu erzählen hatte, irrelevant, machte sich nicht einmal aus Höflichkeit die Mühe, ihr Desinteresse zu verschleiern.
Wenigstens Paul schien sich für Richard Gere und meditierende Hollywoodstars zu interessieren. Also redete Jessica weiter, steigerte sich in ihre Geschichte hinein, schmückte sie ein wenig aus. Sie bemerkte, wie ihre Stimme immer lauter und aufgeregter wurde. Es war ihr unangenehm, sich selbst dabei zu ertappen, wie sie überkompensierte, aber es kam selten genug vor, dass Paul ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Sonst hieß es immer, Oona hier, Oona da. Jessica kümmerte sich um Organisatorisches, alles, wofür Oonas wertvolle Zeit zu schade gewesen wäre. Heimlich ärgerte sie sich darüber, aber sie beschwerte sich nie, dass sie auch nach zwei Jahren im Institut kaum mehr Verantwortung übernehmen durfte als eine studentische Hilfskraft. Sie hatte immer gedacht, wenn sie hart arbeitete, wenn sie sämtliche Aufgaben, egal wie klein und bedeutungslos, gründlich und sorgfältig erledigte, würde sie irgendwann Anerkennung dafür bekommen. Aber das passierte nie. Für Paul war sie immer die zweite Wahl. Da half auch keine laute Stimme. Im Gegenteil – vielleicht stieß ihn das eher ab, vielleicht ließ die Überkompensation Jessica in seinen Augen nur unsouverän und unreif wirken, noch ein Grund, die wichtigen Aufgaben weiterhin Oona zu geben.
»Billie Eilish nutzt offenbar auch eine Meditationsapp«, sagte Paul.
»Billie Eilish?« Jessica wunderte sich, dass Paul sie überhaupt kannte. Auch Oona sah kurz auf, lächelte zerstreut, aber dann wirkte sie wieder abwesend.
»Kaja ist ein großer Billie-Eilish-Fan, hört ständig ihre Musik. Ich muss sagen, ich finde sie auch höchst interessant.«
Paul betonte, wie gut Billie Eilish die Ängste und Gefühle von Teenagern in ihren Liedtexten verarbeitete, wie wichtig es für Jugendliche war, Vorbilder zu haben. Wechselnde Haarfarben, den eigenen Körper kennenlernen und austesten … Jessica hatte den Eindruck, dass Paul eigentlich mehr über Kaja redete als über Billie Eilish.
Paul sprach ständig über seine Familie, Oona nie. Oona hielt Distanz, erzählte nie etwas Persönliches, vertraute Jessica offenbar nicht genug, um etwas Privates mit ihr zu teilen. Über Oonas Familie wusste Jessica nur, dass Oona einen Schweizer Vater und eine irische Mutter hatte, daher der keltische Vorname. Mehr gab Oona nicht preis. Aber das war sowieso nicht nötig. Auch ohne die Details konnte sich Jessica vorstellen, wo Oona herkam, wer sie war. Die Eliteunis, die Auslandsaufenthalte, der dezente, aber teure Schmuck – bestimmt war sie die Tochter eines Arztes oder Zahnarztes, vielleicht auch eines Unternehmers. Oona hatte sicher nicht in den Semesterferien alle möglichen dämlichen Jobs machen müssen, hatte nie bei einem Filmfestival ausgeholfen.
Jessica dachte an das Festival, an die Aufregung hinter den Kulissen, an die bekannten Gesichter, die sie auf einmal ganz nahe vor sich sah, an die Hollywoodstars, die in echt viel kleiner und zerbrechlicher wirkten als im Film, an die Menschenmengen im Publikum, an das Drängen und Schieben, an das Gefühl von Autorität, das sie gespürt hatte, wenn sie die Mengen in die richtige Richtung lenkte. Von all den Nebenjobs war das ihr liebster gewesen, besser als Kellnern, besser als endlose Stunden an einer Theatergarderobe, im Call Center oder an einer Kinokasse. Sie hatte auch Fließbandjobs in Fabriken gehabt, hatte Schrauben festgezogen, Paletten kontrolliert, Pakete zusammengepackt, um was es genau ging, war ihr egal gewesen – Hauptsache, es finanzierte ihr Studium. Jessica versuchte, sich Oona an einem Fließband vorzustellen, aber das Bild wollte nicht entstehen.
Warum verglich sie sich eigentlich ständig mit Oona? Im Grunde genommen konnte Oona ihr egal sein. Wenn nur Paul nicht so große Stücke auf sie gehalten hätte … Paul hätte endlich einmal mitbekommen müssen, dass Oona nicht die Perfektion in Person war. Oona machte Fehler wie alle anderen auch. Aber wenn Oona etwas falsch machte, schienen es immer lässliche Fehler zu sein.
Jessica redete weiter mit Paul über Billie Eilish und über Teenager- und Kinderstars und deren spezifische psychische Herausforderungen, warf aber immer wieder einen Seitenblick auf Oona. Sie spürte, dass irgendetwas in ihr vorging. War es Missbilligung oder Ärger? Jessica hätte sich gern eingeredet, dass es sie nicht kümmerte, was Oona von ihr hielt. Nur leider war es ihr nicht egal.
* * * * *
War es Missmut oder Ärger oder schlicht und einfach Angst? Aber wovor? Irgendein Gefühl saß in Oonas präfrontalem Cortex, das sie nicht richtig benennen konnte. Nachdem sich die Amygdala beruhigt und das erste Schockgefühl abgeebbt war, nachdem sie begriffen hatte, dass Q bei den Messungen dabei sein würde, sie ihn für eine Woche jeden Tag sehen, mit ihm in einem Raum sein würde, erst dann begann ihr Gehirn, die Situation zu analysieren.
Zumindest war sie vorgewarnt. Sie wusste, dass sie in den nächsten Tagen irgendwie mit Q umgehen musste, ob es ihr passte oder nicht. Sie sah auf ihre Armbanduhr, beobachtete, wie der Sekundenzeiger sich in stetigem Rhythmus vorwärtsbewegte, sie hatte noch mehr als 20 Stunden Zeit, sich mental vorzubereiten.
Die Sekunden verstrichen. Wie lange hatte sie Q nicht gesehen? Eineinhalb Jahre, fast zwei? Sie zählte nicht die Tage, im Gegenteil, es war ihr eher peinlich, wie lange sie es mit ihm ausgehalten hatte, völlig blind dafür, wer er wirklich war. Sie hatte nicht gedacht, dass sie ihn wiedersehen würde, zumindest jetzt nicht mehr. Vor einem Jahr noch hätte es sie nicht überrascht, wenn er plötzlich im Institut aufgetaucht wäre. Je mehr Zeit verstrichen war, desto sicherer hatte sie sich gefühlt, hatte angenommen, Q hätte losgelassen, dazugelernt, sich vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vernünftig und erwachsen benommen.
Was fiel Q überhaupt ein, sich in ihr Projekt hineinzudrängen? Warum rief er sie nicht einfach an, wenn er reden wollte? Warum musste er sich ausgerechnet in ihre Arbeit einmischen? Oona forschte weiter nach dem Gefühl, das sich in ihrem präfrontalen Cortex ausbreitete. Wut, es war Wut, die in ihr aufstieg, vermischt mit einem leichten Anflug von Traurigkeit. Wenn sie ehrlich war und ihre Wut für einen Moment beiseiteschob, fand sie es traurig, dass Q immer noch in der Vergangenheit festzustecken schien. Aber war sie selbst in der Gegenwart angekommen? Sie hatte Q aus ihrem Leben geschnitten, so wie man mit einem Skalpell ein Geschwür von dem gesunden Gewebe abtrennte. Doch leider gelang ein perfekter, sauberer Schnitt nur selten. Meist wurde auch gesundes Gewebe zusammen mit dem Geschwür entfernt und die Wunde verheilte schlecht. Vielleicht war sie zu sehr mit Q verwachsen gewesen und es würde für immer eine hässliche Narbe zurückbleiben.
»Ich bin nicht traurig«, sagte sie in Gedanken zu sich selbst. »Mir geht es gut. Mir geht es gut. Mir geht es gut.« Sie wiederholte den Gedanken mantraartig, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen, die negativen Gefühle zu vertreiben. Sie fingerte an einem Haargummi herum, das sie um ihr rechtes Handgelenk gelegt hatte, zog leicht daran, befühlte den rotbraunen Kunststoff, mit dem das Gummi ummantelt war. Sie trug es nicht aus praktischen oder modischen Gründen, sondern um ihr Gehirn zu trainieren. Konditionierung funktionierte bei allen Lebewesen, auch beim Menschen.
Oona warf einen Seitenblick auf Paul und Jessica, die sich angeregt über Billie Eilish unterhielten, versicherte sich, dass niemand sie beobachtete. Dann ließ sie ihre Hände unter den Tisch wandern. Sie zog an dem Haargummi, ließ es gegen ihr rechtes Handgelenk schnalzen, konzentrierte sich nur auf den Schmerz. Das wiederholte sie mehrmals, bis sich die Haut leicht rötete und der Schmerz in eine Art Kribbeln überging, bis ihr Gehirn diese Disziplinierungsmaßnahme als Konsequenz für die negativen Gedanken verarbeitet hatte und die Abwärtsspirale in ihrem Kopf durchbrochen war.
Sie ließ ihren Blick zurück zu ihrem linken Handgelenk wandern, sah auf ihre Armbanduhr. Noch 20 Stunden und 18 Minuten. Wenn Q im Institut eintreffen würde – für seinen Rachefeldzug oder für eine peinliche Szene oder was auch immer er planen mochte, sie würde vorbereitet sein.
In der Lobby bildete sich eine Gasse, als sei eine Gruppe Popstars angekommen, der unbedingt sofort Platz gemacht werden musste.
Die Mönche aus dem Jogye-Tempel waren in weite graue Gewänder gekleidet, wirkten wie aus der Zeit gefallen, seltsam-deplatziert in der klinischen Atmosphäre des Instituts. Sie ignorierten die neugierigen Blicke, wahrscheinlich waren sie daran gewöhnt. Überraschend schnell und leichtfüßig bahnten sie sich ihren Weg durch die Menge. Das gesamte Institut war in der Lobby versammelt, beobachtete die Ankunft dieser illustren Gruppe. Sun-mi, die studentische Hilfskraft, begleitete die Mönche, erklärte hier und da etwas auf Koreanisch, führte sie zu Paul, leitete mit einigen Höflichkeitsfloskeln die Vorstellungsrunde ein. Der älteste Mönch sprach überraschend gutes Englisch. Er nannte sich »Jibong«, was er als »der weise Phönix« übersetzte. Ein ungewöhnlicher Name für einen Mönch, fand Oona. Soviel sie wusste, gingen koreanische Mönchsnamen auf chinesische Schriftzeichen zurück, deren Bedeutung für Fähigkeiten oder Tugenden stand, auf die der Mönch sich konzentrieren wollte. Offenbar waren Jibong Weisheit und Resilienz am wichtigsten.
Ohne Dolmetscherin unterhielt Jibong sich mit Paul über die Reise, über das Klima in der Schweiz, über die Berge, die er auf dem Weg vom Flughafen in der Ferne gesehen hatte.
»Dr. Oona Keller, Dr. Jessica Galvagni«, Paul stellte Oona und Jessica vor, erklärte ihre Funktionen im Team. Sie tauschten Verbeugungen und Höflichkeitsfloskeln aus. Die Mönche hatten Gebetsarmbänder aus Zedernholz als Geschenke mitgebracht. Oona und Jessica legten sich die Armbänder um die Handgelenke, verbeugten sich zum Dank.
Als Oona sich wieder aufrichtete, entdeckte sie plötzlich Q hinter den Mönchen. Paul machte Anstalten, ihn den Mönchen vorzustellen.
»Nicht nötig, wir haben uns schon bekannt gemacht.« Q machte einen Witz auf Koreanisch, den die Mönche wie aufs Stichwort mit einem heiteren Lachen beantworteten.
Oona wunderte sich nicht, dass Q sich vorgedrängt, sich einfach selbst vorgestellt und die Mönche noch vor Paul begrüßt hatte, als sei es seine Studie und nicht Pauls. Wahrscheinlich hatte er Sun-mi überredet, dass er die Mönche schon im Hotel treffen und mit ihr abholen konnte.
»Q – Oona, Oona – Q.« Paul machte einen Vorstellungsversuch.
»Wir kennen uns«, sagte Q.
Oona bemerkte eine Spannung in seinem Unterkiefer, als beiße er die Zähne zusammen.
»Flüchtig.« Oona fiel auf, dass Q sie anstarrte. Sie starrte zurück.
»Woher?« Jessicas Interesse war sofort geweckt. Wahrscheinlich witterte sie eine interessante Tratschgeschichte.
»Stanford. Wir haben zusammen in Stanford studiert. Bachelor in Psychologie. Wir waren der Jahrgang mit der Steve-Jobs-Rede.« Kaum hatte Oona den Namen Steve Jobs ausgesprochen, hätte sie sich auf die Zunge beißen können. Steve Jobs – Bauchspeicheldrüsenkrebs – dieselbe Krebsart, an der Pauls Frau Laetitia im Vorjahr gestorben war, Oona glaubte, etwas in Pauls Augen aufflackern zu sehen, aber sie war sich nicht sicher. Wahrscheinlich war es egal, ob jemand Steve Jobs erwähnte oder nicht. Paul brauchte keine Erinnerung daran, dass Laetitia gestorben war. Wie sollte er es auch nur eine Sekunde vergessen?
»You are already naked«, sagte Q. Es herrschte eine peinliche Stille. »Das hat Steve Jobs in der Rede gesagt. – You are already naked, im Sinne von: Du hast nichts zu verlieren, es gibt keinen Grund, nicht dein Ding durchzuziehen. Danach habe ich mein gesamtes Leben ausgerichtet.«
»Soll Steve Jobs nicht privat ein ziemliches Arschloch gewesen sein?«, bemerkte Jessica.
»Passt doch«, sagte Oona.
»Was? Dass Steve Jobs ein Arschloch war oder dass Q sein gesamtes Leben nach ihm ausgerichtet hat?«, fragte Jessica.
»Such es dir aus.« Oona hielt Qs Blick stand. Er fixierte sie immer noch, wartete darauf, dass sie ihm auswich.
