Jenseits der Menschheitsdämmerung - Philipp Mido - E-Book

Jenseits der Menschheitsdämmerung E-Book

Philipp Mido

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Beschreibung

"Ich möchte dich etwas fragen", stand auf dem Papier geschrieben. "Stell dir vor, du findest ein Buch. Irgendwo auf der Straße. Du hebst es auf, siehst den zerfetzten Umschlag. Es liegt schwer in deiner Hand, Dutzende Zettel mit Zeichnungen stecken darin. Du blätterst, siehst: Es ist ein Tagebuch. Aber dies hier berichtet vom Ende der Welt. Dem Ende des Menschen. Von einem hoffnungslosen Überlebenden geschrieben, der mit seinen Freunden zusammen das Grauen selbst erlebt hat. Und nun sage mir: Würdest du ihm glauben?" Janosch Hoang warf das Tagebuch zur Seite und seufzte. Wie er sich an dieses dämliche Fünkchen Hoffnung klammerte! Dass es noch jemanden da draußen gab, der von ihrem Höllenritt erfuhr. Und dann ließ er sich von dem Gedanken tragen, gemeinsam mit diesem Leser einer Frage auf den Grund zu gehen: Wie weit, fragte sich Janosch, wie weit ist unsere Phantasie bereit zu gehen?

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erster Akt – Sturz und Schrei

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Zweiter Akt – Erweckung des Herzens

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Dritter Akt – Aufbruch und Empörung

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Letzter Akt – Liebe den Menschen

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Epilog

Prolog

Knarzend schoben sich die schweren Geländewagen durch knietiefen Neuschnee. Einer stillen Prozession gleich, bahnten sie sich ihren Weg die Promenade entlang, während der breite Fluss zu ihrer Linken im Schneesturm kaum noch zu erkennen war. Die Dämmerung hatte an diesem Dezembertag früh eingesetzt und auch die mächtige Rheinbrücke verschwand bereits hinter einem Vorhang aus dichtem Schneetreiben.

Einzig die Scheinwerfer der Militärfahrzeuge durchbrachen die Dunkelheit. Elektrizität gab es keine mehr. Die Lichter der Stadt waren erloschen. Der eilig zusammengestellte Spähtrupp war nun schon seit Tagen unterwegs und bestand weitestgehend aus Freiwilligen. Unter dem Kommando von Jürgen Pfandeisen, Stabsfeldwebel der Bundeswehr außer Dienst, sollte die südwestliche Zone ein letztes Mal nach Überlebenden abgesucht werden, ehe man diesen Teil des Landes endgültig sich selbst überlassen würde. Trotz des heftigen Schneefalls konnte man die Leichen an der Uferpromenade sehen. Vor nicht allzu langer Zeit waren dort noch verliebte Paare unter dem Blätterdach der Platanen entlangspaziert; jetzt legten sich Schneeflocken wie eine weiße Decke über die Toten und ihre in Todesqualen erstarrten Körper, bis nur noch deren Umrisse zu erkennen waren.

Kurz darauf passierten die gepanzerten Wagen eine breite Kreuzung und ließen den Fluss hinter sich. Sie bahnten sich ihren Weg durch die Häuserschluchten der Geisterstadt, bis der Fahrer des ersten Geländewagens ohne Vorwarnung stehen blieb. Der restliche Konvoi stoppte ebenfalls. Pfandeisen saß im zweiten Humvee und fluchte lauthals. Er glaubte schon lange nicht mehr daran, hier noch Überlebende zu finden, und sehnte sich insgeheim nach der Rückkehr in die Zentrale der Nationalen Überlebensgemeinschaft. Nach seiner Zeit beim Heer hatte er längst nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch einmal selbst in den Kampfanzug schlüpfen zu müssen. Allerdings war der 71-Jährige als mit Abstand erfahrenster Soldat auch Profi genug, um das eigene Schicksal nicht über das einer Mission zu stellen.

„Wenn dieser verdammte Hornochse keinen triftigen Grund hat, bei diesem Scheißwetter hier stehenzubleiben …“, schimpfte er in der für ihn typischen Art und legte die Stirn in Falten. Er spähte aus dem Fenster, konnte aber kaum etwas erkennen. Draußen schneite es unaufhörlich. Die Kolonne stand mitten auf einer mehrspurigen Straße. Zu beiden Seiten ragten mehrgeschossige Wohnhäuser auf, die allesamt unbewohnt waren. Deckung gab es keine, doch wirklich gefährlich schien es ohnehin nicht mehr zu sein.

Wieso der Fahrer im ersten Wagen gestoppt hatte, war Pfandeisen absolut schleierhaft. Weil der Funk seit dem Beginn des Schneesturms ausgefallen war, blieb ihm nichts anderes übrig, als persönlich nachzusehen, was los war. Er verfluchte sein Glück, überlebt zu haben, und stieg aus dem Wagen. Dichter Schneefall wehte ihm um die Ohren und er zog sogleich die Mütze tiefer und setzte sich seine Schneebrille auf, die das halbe Gesicht bedeckte. Dann stapfte er los.

Pfandeisen watete durch knietiefen Schnee. So stark hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr im Flachland geschneit. Nach ein paar Metern stellte er den Kragen des Wintermantels auf. Immerhin hielten seine Stiefel dicht, wenn sie auch die Kälte nicht gänzlich abzuhalten vermochten. Mühsam und mit gesenktem Oberkörper hielt er auf den vordersten Geländewagen zu. Dahinter stand eine Kirche auf einem Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen. Mit zusammengekniffenen Augen konnte er einen kleinen Park erkennen, samt eingeschneiten Brunnen, Hecken und einer langen Allee von Bäumen. Früher saßen dort die Leute, dachte der Offizier traurig, haben ihr Feierabendbier getrunken und an heißen Tagen ihre Beine in die Brunnen gehalten, um die Hitze der Stadt für einen Moment zu vergessen. Jetzt lebte hier niemand mehr.

Am Fahrzeug angelangt, riss er die Fahrertür mit einem solchen Ruck auf, dass der Schnee ins Wageninnere gewirbelt wurde. Die wettergegerbte Haut und die sonore, kraftvolle Stimme verliehen ihm eine natürliche Autorität, derer er sich vollauf bewusst war.

„Sie! Erklären Sie mir gefälligst, wieso wir hier stehen bleiben, verdammt noch mal“, verlangte er von dem eingeschüchterten Fahrer zu wissen.

„Äh, entschuldigen Sie, ähm … Herr Stabsfeldwebel“, sagte der junge Mann unschlüssig, „aber sehen Sie doch … da vorne, rechts neben der Kirche.“

Im Licht der Scheinwerfer, die nur den Schnee unmittelbar vor ihnen anstrahlten, konnte der Offizier zuerst nicht sehen, wovon der Mann überhaupt sprach. Dann nahm er einen rötlichen Schimmer wahr. „Machen Sie die Scheinwerfer aus“, knurrte er. Der Fahrer tat wie geheißen. Die anderen Geländewagen stellten die Motoren ab und löschten ebenfalls das Licht.

Dem Aufklärungstrupp präsentierte sich etwas ganz und gar Ungewöhnliches. Als dem erfahrenen Offizier Pfandeisen klar wurde, was er da grade sah, fiel ihm beinahe die Kinnlade herunter. Er riss sich zusammen, hob den Arm in die Luft und gab damit das allgemeine Signal, die Gegend zu sichern. Seine Männer folgten ihm mit angelegten Waffen in das Schneetreiben und begannen, die Umgebung abzugehen.

Dann stapfte er los und bewegte sich zielgerichtet auf die Stelle neben der Kirche zu, die wie von Zauberhand in rötlichem Licht zu leuchten schien. An der alten Kathedrale angekommen, sah er ein gutes Dutzend Signalfackeln auf der Straße liegen. Vor dem Schneefall geschützt wurden sie vom Ast einer Tanne, die weit über die Fahrbahn ragte. Nur eine brannte.

Pfandeisen sah seinen Schatten hinter dem Vorhang aus sanft fallenden Schneeflocken metergroß über die Seitenwand des Gotteshauses tanzen. Vorsichtig näherte er sich.

Es war nicht die Tatsache, dass sie seit weit über einem Monat erstmals wieder auf ein Lebenszeichen gestoßen waren; fast ein halbes Jahr nach dem Beginn der Katastrophe.

Vielmehr ließen ihn die Umstände stutzig werden. Diese Fackeln waren erst vor Kurzem hier deponiert worden. Bei genauem Hinsehen erkannte er, dass sie akribisch miteinander verdrahtet waren. Das Magnesium zischte tiefrot glühend aus einem der Stäbe. Drei andere waren bereits erloschen, der Rest unberührt.

Und zwischen ihnen lag etwas.

Der Stabsfeldwebel ging in die Knie und hob einen Plastikbeutel empor. Darin war in einem zweiten durchsichtigen Zipper ein schwarzes Notizbuch verpackt, das reichlich mitgenommen aussah. Ungläubig blickte er sich um und zog sich, fasziniert von seinem Fund, die Handschuhe aus. Hinter ihm stand der Fahrer, doch Pfandeisen war so erregt, dass ihm entging, wie der Mann einen Blick auf das Ding in seiner Hand zu erhaschen versuchte. Weitere Männer traten hinzu.

Vorsichtig schob der Offizier den Verschluss des Beutel auf und betastete die Vorderseite des Buches. Auf dem Einband stand in feiner Schrift, aber gut leserlich Jenseits der Menschheitsdämmerung. Das sagte ihm überhaupt nichts. Vorsichtig blätterte er durch die Seiten.

Sie waren mit Hand geschrieben und nur unterbrochen von Kapitelüberschriften und einigen Skizzen, die er im Fackelschein kaum zu deuten vermochte. Die unter dem Schnee verborgenen Leichen in der Nähe hatte er vollkommen vergessen. Auch seine Männer nahm er kaum noch wahr. „Was ist das?“, fragte jemand neugierig und er antwortete kaum hörbar: „Das werden sie mir nie glauben …“

Es handelte sich offenbar um eine Art Tagebuch. Das Exemplar war abgegriffen und stark zerfleddert, als hätte es ein Schiffbrüchiger auf einer Insel zurückgelassen. Die Seiten waren teilweise gerissen, wieder geklebt und von einem Wechselspiel aus Nässe und Sonne gewellt wie bei einer Flaschenpost. Die ersten Zeilen waren offenbar ziemlich hektisch heruntergekritzelt worden; die Schrift schien aber im Laufe der nächsten Seiten akkurater zu werden. Es war ein Zeitzeugenbericht!

„Ein Abschiedsbrief vom Ende der Welt“, flüsterte der Einsatzleiter fasziniert. Unschlüssig, was er mit diesem Fund anfangen sollte, blätterte er bis zum letzten Eintrag und erschrak dermaßen, dass ihm das Buch beinah aus der Hand gefallen wäre. Über dem letzten Eintrag stand in zittriger Handschrift: Tag 106 // 24. Dezember 2035, Weihnachten.

Die Augen des alten Mannes weiteten sich. „Mein Gott …“, flüsterte er und ihm entfuhr lauter als beabsichtigt: „Das ist heute!“ Noch am selben Morgen hatte er überrascht festgestellt, dass ihr Einsatz tatsächlich auf die Weihnachtsfeiertage fiel. Freilich gab es längst nichts mehr zu feiern. Er kniff die Augen zusammen und suchte die Umgebung ab. Jemand hatte dieses Buch grade erst hier abgelegt.

Die bunt zusammengewürfelte Truppe aus Freiwilligen wirkte zunehmend beunruhigt. Endlich hatten sie ein Zeichen auf Überlebende gefunden – nur das war es dann auch. Hier war niemand mehr. Unschlüssig blätterte er durch die Seiten und fragte sich, wie wohl die Entstehungsgeschichte zu diesem ungewöhnlichen Fund aussehen mochte.

Plötzlich erstarb die brennende Fackel vor ihnen und für einen kurzen Augenblick erschien die verschneite Straße samt der Kolonne und den Soldaten im weißgrauen Glanz der Winternacht. Völlige Stille lag in der Luft.

„Was zur Hölle …?“, fragte Pfandeisen leise, während die nächste Fackel zischend Feuer fing und die Umgebung erneut in tiefrotes Licht tauchte.

Erster Akt – Sturz und Schrei

Kapitel 1

Tag X // Montag, 9. September.

„Was für ein Tag!“

Die alte Linde im Innenhof des Wohnblocks bewegte sich sanft im Wind, während Janosch ganz still in der Ecke des engen Zimmers kauerte und zu schreiben begann.

„Ein Baum ragt hoch vor dem Dunkel der Nacht“, notierte er einer spontanen Eingebung folgend. „Die Linde steht dort im Hof seit Hunderten von Jahren und hat doch nie etwas Vergleichbares zu dem erlebt, was am heutigen Tage geschehen ist. Mein Name ist Janosch Hoang – und dies ist meine Geschichte.“

Er überlegte, wie es weitergehen sollte. Er glaubte nicht daran, dass er noch allzu lange zu leben hatte, und wollte unbedingt von den außergewöhnlichen Ereignissen erzählen, die sich soeben zugetragen hatten. Es war schon weit nach Mitternacht, als er im Lichtschein seiner Taschenlampe die ersten Wörter zu Papier brachte, und ihn beschlich zunehmend das ungute Gefühl, dass hier gerade das womöglich letzte Buch der Menschheitsgeschichte entstand.

Wie nur sollte er darüber berichten, was ihnen widerfahren war? Am Mittag waren sie aus dem Urlaub zurückgekehrt und in eine verkehrte Wirklichkeit geraten. Irgendwie fühlte er sich seitdem ganz so wie Alice, die in den Kaninchenbau gefallen war: Ohne Vorwarnung waren er und seine Freunde in das pure Chaos hineingepurzelt. Er lächelte schief. Diese Story war so unglaublich, die konnte man gar nicht vermasseln.

Auf den ersten Blick wirkte alles um ihn herum ziemlich banal. Er befand sich im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses im Westend, lag im Wohnzimmer seines besten Freundes auf einem Sofa, hatte sich eine warme Decke über die Beine gezogen und trank Tee. Seine Augen schmerzten ein wenig, weil er im spärlichen Licht der Taschenlampe die Wörter kaum erkannte, die er niederschrieb. Aber er wollte die anderen nicht wecken, die mit ihm im Zimmer lagen und schon schliefen. Janosch musste das alles irgendwie allein begreifen, wollte die bösen Geister bannen. Also schrieb er es auf.

Einerseits hatten sie unendliches Glück, überhaupt noch am Leben zu sein. Andererseits waren alle anderen Menschen, die er kannte, tot. „Nur wir haben überlebt.“ Seine Hand zitterte, als er die erste Seite umblätterte. Wir, das waren seine vier besten Freunde Robert, Wilm, Kutek und Leonor – und natürlich er selbst. Janosch Hoang.

Erschöpft massierte er sich die Schläfen. Er dachte an seinen Job, den er seinen Eltern gegenüber noch vor einer Weile als Sklaventreiberei beschrieben hatte, und auf den er sich nach der Auszeit der letzten Tage nur wenig gefreut hatte. Er arbeitete als Freelancer im Rhein-Main-Gebiet und produzierte kurze Videobeiträge zu regionalen Themen, die er dann an die umliegenden Medienhäuser verkaufte. Aber das spielte jetzt alles keine Rolle mehr.

Er konzentrierte sich darauf, nicht gänzlich zu verzweifeln. Ein Gutes hatte die Sache ja. Schon lange hatte er sich an etwas so Mächtiges wie einen Roman wagen wollen, doch stets hatte es ihm an Durchhaltevermögen und der nötigen Fantasie gefehlt, wie er sich mehr als einmal hatte eingestehen müssen. Nun aber hatte ihm das Schicksal diese Entscheidung abgenommen. Als Folge der aktuellen Ereignisse hatte er sich das Taschenbuch besorgt. Es war komplett neu und sollte sein kleiner persönlicher Kalender werden, um die Tage nach dem Tag X nicht zu verlieren. „Ich frage mich, wie wohl richtige Schriftsteller mit dieser Ausnahmesituation umgehen würden …“, schrieb er und ergänzte: „…, wenn es noch welche gäbe“. Schließlich nahm er sich vor, nur das festzuhalten, was sie selbst erlebt hatten. Und was sie erleben würden.

Die Szenerie, die sie umgab, war gespenstisch. Sofort kamen die schrecklichen Bilder wieder hoch: Die Toten lagen zu Hunderten in den Straßen, rein überall waren Leichen zu sehen; ein grauenvoller Anblick, der so unglaublich war, dass man das Gespür für die Realität verlieren konnte. Janosch kam es vor, als hätten er und seine Mitstreiter sich gedanklich schon in eine andere Dimension von Raum und Zeit geflüchtet. Doch anders konnten sie die Anblicke um sie herum nicht mit dem eigenen Leben, der eigenen Existenz verbinden. Das da draußen war nun eine vollkommen andere, eine surreale Welt! Das Virus war schnell gekommen und es hatte die Menschen unvorbereitet getroffen.

Das Wohnzimmer, in dem er gerade lag, wirkte im schwachen Licht eng und bedrückend. Hier hatte es zwar immer schon etwas muffig gerochen – noch zu ihrer Studentenzeit, als er mit Robert zusammen in einer Wohngemeinschaft lebte –, aktuell lag es aber vor allem daran, dass er den Raum mit vier weiteren Personen teilte. Sie lagen kreuz und quer herum und verarbeiteten, ihrem unruhigen Schlaf nach zu urteilen, die Schrecken des Tages in Form von Träumen. Und genau davor fürchtete Janosch sich.

Gähnend blickte er auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach drei. Wie so oft war er selbst in der Katastrophe als Einziger noch wach. „Was für ein Tag“, murmelte er fassungslos, während Robert, mit dem er schon seit der Schulzeit befreundet war, vom Sofa gegenüber im Schlaf ein leises Wimmern hören ließ. Wie sein bester Freund da zusammengekauert in Embryonalstellung lag, das passte überhaupt nicht zu seiner hünenhaften Statur, aber selbst er konnte einen solchen Schock nicht so einfach wegstecken.

An diesem Tag waren sie zu Zeitzeugen der schlimmsten aller Schreckensmeldungen geworden: Der Global Killer hatte zugeschlagen. Schon den ganzen Tag lang hatte Janosch das Gefühl, er müsste doch jeden Moment aus einem Fiebertraum aufschrecken. Doch dieser Moment wollte und wollte nicht kommen.

Obendrein war die gesamte digitale Welt zusammengebrochen. Warum? Wussten sie nicht. Sie bekamen keinen Zugriff auf das Internet. Das war der Hauptgrund, warum er ihre Geschichte festhalten musste. Das Notizbuch, in das er jetzt schrieb, hatte er in Roberts Arbeitszimmer entdeckt. Und die Seiten füllten sich schneller als gedacht.

Seine Ex(!)-Freundin Leonor, die mit ihm auf dem länglichen Dreisitzer lag, schlief regungslos. Er sah ihr einen Moment zu und sofort lockerte sich die unsichtbare Schlinge um den Hals. Gemeinsam hatten sie eine weltweite Katastrophe überstanden, was einem echten Wunder gleichkam. Ihrer aller Überleben lag einzig und allein daran, dass sie zusammen über die Feiertage die Stadt verlassen hatten, weil sie in einem weit abgelegenen Ferienhaus dem Stress ihres hektischen Alltags entfliehen wollten. Allein die Wahl des Reiseziels hatte ihnen das Leben gerettet. Und deshalb verbrachten sie jetzt hier auf engstem Raum die Nacht miteinander.

Während die anderen längst schliefen, hatte er problemlos die ersten Seiten gefüllt. Nun war es allerdings Zeit für eine Pause, denn er musste inzwischen dringend auf die Toilette. Janosch legte den Stift zur Seite, richtete sich auf und stieg vorsichtig über Wilm und Aliakszandhar hinweg, die beide auf Isomatten lagen und leise schnarchten. Aliakszandhar wurde wegen des komplizierten Vornamens von allen nur mit seinem Nachnamen – nämlich Kutek – gerufen. Die Tür zum Wohnzimmer hatten sie vorsichtshalber abgeschlossen. Die Wohnungstür war ebenfalls von innen verriegelt. Mehrere Fenster im Erdgeschoss waren eingeschlagen und die morschen Rollläden zum Hof wirkten auch nicht sonderlich stabil. Er drehte leise den Schlüssel und schloss die Zimmertür auf.

Obwohl sich der Herbst an diesem Tag von seiner nasskalten Seite gezeigt hatte, war es in Roberts Wohnung angenehm warm. Im Haus war nicht das geringste Geräusch zu hören, auf der Straße dagegen heulten dagegen noch die Sirenen verlassener Streifenwagen. Er versuchte, nicht darauf zu achten und ging ins Badezimmer.

Im Spiegel blickten ihm die Augen eines europäischen Mischlingskindes entgegen. Janosch war Mitte Dreißig, er hatte asiatische Züge und sah immer ein wenig blass aus, was jetzt aber vor allem daran lag, dass er am Abend vor der Rückreise viel zu viel getrunken hatte. Die Form seiner Augen deutete auf Indochina, die grüne Iris und die unbändigen dunkelbraunen Haare hatte er dagegen von seiner deutschen Mutter mitbekommen. Er hatte kaum Bartwuchs und wurde meist jünger geschätzt. Jetzt konnte man ihm deutlich ansehen, wie fertig er war. Unter müden Augen zeichneten sich tiefe Schatten ab. Als er vor fast vierundzwanzig Stunden aufgestanden war, hatte er sich noch vor dem hektischen Tempo des Alltags gefürchtet – nun gab es dieses Leben nicht mehr. Er lächelte sein Spiegelbild grimmig an. Es lachte nicht zurück.

Janosch schöpfte sich etwas Wasser ins Gesicht und putzte sich mit halb zufallenden Augen die Zähne, ehe er zurück in das zum Schlafsaal umfunktionierte Wohnzimmer stolperte, wo er sich wieder zu Leonor aufs Sofa legte. Das schwarze Notizbuch lag noch an Ort und Stelle. Er hielt es eine Weile in den Händen, drehte es, roch sogar daran und blätterte durch die vielen leeren Seiten, während er seine vier Begleiter beobachtete, die sich unruhig hin und her wälzten. Gerne hätte er noch weitergeschrieben, aber seine Hände zitterten bei jedem Gähnen und es gelang ihm kaum noch, die Augen offen zu halten.

Er musste sich eingestehen, dass es wirklich passiert war. Die Apokalypse war eingetreten. Zumindest im übertragenen Sinn. Lange genug hatten alle davon gesprochen, unzählige Male war es in Computerspielen, Literatur und Film thematisiert worden. Und nun war es tatsächlich eingetreten.

Von nun an würde er Tag um Tag festhalten, was mit ihnen geschah, das schwor er sich vom ersten Abend an. „Solange ich durchhalte, werde ich von unserem Schicksal berichten; für wen auch immer“, schrieb er und legte das Buch beiseite.

Leonor zuckte zusammen, stöhnte und wälzte sich kurz, schlief aber sofort wieder ein. Eigentlich hatten sie einen wunderbaren Urlaub, denn zwischen ihnen beiden war mehr passiert, als er sich nach ihrer Trennung hätte erhoffen können. Jeder Tag, den er jetzt noch mit ihr verbringen durfte, war ein Wunder. Nichts auf der Welt bedeutete mehr als das.

Dann schlief er endlich ein.

Kapitel 2

Tag X // die Nacht auf den 09. September.

„Literarturkritiker gibt es ja nun keine mehr.“

Janosch träumte von einem riesigen Schlachtfeld, das direkt neben einem kleinen Waldstück lag und älter als die Menschheit selbst schien. Dort stand er jetzt, mutterseelenallein. Kein Mensch war zu sehen. Der Wind pfiff ihm auf der weiträumigen Lichtung um die Ohren. Instinktiv versuchte er, auf seine Armbanduhr zu sehen, aber eine unsichtbare Macht hielt ihn davon ab. In der anderen Hand spürte er das schwere Notizbuch. Er hielt es wie ein Kleinod fest umklammert, und niemals würde er es loslassen.

Auf einmal tauchten zwischen den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung dunkle Schatten auf. Immer mehr unheilvolle Gestalten krochen aus dem Unterholz und versammelten sich. Dann stieß diese Armee der Finsternis wie ein einziger Krieger einen markerschütternden Schrei aus und setzte sich in Bewegung. Sie wollten sein Manuskript, das wusste er. Und er war ihnen hilflos ausgeliefert.

Längst ahnte Janosch, dass er träumte, und er hoffte inständig, aufzuwachen, bevor die Meute ihn erreichte. Doch er wachte nicht auf. Der Schrecken nahm seinen Lauf und ohne, dass er etwas hätte tun können, wurde ihm das Buch aus der Hand und er selbst in Stücke gerissen – ehe er schweißgebadet aufschreckte.

Seine schwarze Armbanduhr verriet ihm, dass er keine zehn Minuten geschlafen hatte. Mit pochendem Herzen fiel er zurück in die Kissen und versuchte gar nicht erst, die schrecklichen Bilder zu vergessen. Die Gestalten waren das pure Böse – dem er sich stellen musste.

Bislang hatte er verschweigen können, was genau geschehen war. Den ganzen Tag hatte er dieses unangenehme Thema gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Nun aber würde er auspacken. Offen und ehrlich seinem Leser berichten und die ganze Tragweite ihrer Gefangenschaft aufklären. Auch wenn ihm das niemand glauben würde. Oder seinen Stil wertschätzte. Doch Literaturkritiker gab es nun ja keine mehr. Die Wahrheit lautete: Diese neuartige Infektionskrankheit, die die Menschheit befallen hatte, war mehr als ein einfacher Virus. Es war ein raffiniert konstruierter Killer, und jeder Kontakt mit einem Infizierten bedeutete mehr als nur den Tod.

Es war viel schlimmer.

Als Erzähler kam er nun nicht mehr um die Tatsache herum, dass mit den Verstorbenen etwas Merkwürdiges geschehen war. Zuerst war es nur schlimm; wie bei Ebola … oder der Pest. Die Erkrankten entwickelten binnen kürzester Zeit schweres Fieber, es folgten innere Blutungen, ehe die Atmung aussetzte und man schließlich an den Folgen verstarb. Soweit so schlecht.

Folgenschwerer war, dass der Erreger danach irgendwie die Naturgesetze überwand. Das Bild von Toten, das die Menschheit seit Jahrtausenden kannte, es stimmte nicht mehr, war durch modernste Technik verzerrt worden. Irgendwer – ob Militär, Regierung oder eine Terrororganisation, das wusste niemand – hatte etwas Furchtbares erschaffen, etwas, das lange befürchtet, aber niemals für tatsächlich möglich gehalten worden war. Doch am Ende war aus Science-Fiction Wirklichkeit geworden. Warum sonst hätten sich die Freunde hier verbarrikadieren müssen?

Egal ob Kleinkind oder Greis, die halbstarken Ghettokids aus der Vorstadt oder die Priester der letzten freien Kirchen, ihre eigenen Eltern, sämtliche Nachbarn, Polizisten und Ärzte

– die bis zuletzt vergeblich versucht hatten, ein Chaos zu verhindern – keiner, der erkrankte, war nach dem Fiebertod vor seinen Schöpfer getreten, um es mal biblisch auszudrücken. Nein, sie waren alle noch da. Mehr oder weniger.

Eher weniger …

Janosch wurde schwindelig. Er fühlte sich wie in einem makabren Traum, aus dem es kein Erwachen gab. Gefangen in einer seiner Kurzgeschichte von Poe, Lovecraft oder Cortázar. Er wollte laut aufschreien, denn nichts von dem, was er da gerade zu Papier brachte, klang nach dem, was man als Realität bezeichnete. Aber was er mit den eigenen Augen gesehen hatte, konnte er doch nicht leugnen!

Wie um sich zu überzeugen, verließ er erneut den Raum und betrat das gegenüberliegende Zimmer, in dem aufgrund der geringen Breite nur eine Schrankwand Platz fand. Am Fenster zur Straßenseite blieb er stehen. Der Mond schien hell über der Stadt und man hatte einen guten Ausblick auf die große Kreuzung am Eck. Dahinter war die Westseite der nahegelegenen Inselkirche zu sehen, und sogar den im Dunkeln liegenden Park dahinter konnte man noch erkennen. Die Straßenlaternen erleuchteten die Gehwege und in den meisten Wohnungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite brannte Licht.

An manchen der beleuchteten Fenster huschten dunkle Schatten vorbei. Wenn man genau darauf achtete, konnte man sie sehen. Von den Grünflächen bewegten sich schemenhafte Gestalten über das nasse Gras, direkt auf ihr Haus zu. In den Straßenzügen zu seiner Linken das gleiche Bild. Aus allen Himmelsrichtungen strömten sie ihm entgegen, stiegen über die Leichen anderer Seuchentoter hinweg, die alsbald selbst wieder auferstehen würden. Und wie nicht anders zu erwarten, war keiner von ihnen mehr Herr seiner Sinne, alle glichen sie eher Tieren als Menschen.

Selbst aus dem dritten Stock konnte er erkennen, dass etwas in ihren Augen leuchtete. Wie das Flackern einer Kerze, kurz bevor die Flamme gänzlich erlischt. Dutzende Augenpaare sahen so schon von unten zu ihm hinauf. Der Anblick ließ Janosch vom Fenster zurückweichen. Unter ihm bildete sich eine kleine Ansammlung. Inzwischen standen dort gut fünfzig dieser abscheulichen Kreaturen in der Nacht. Der Pulk bewegte sich langsam, wogte wie ein Kornfeld im Wind, ein Kollektiv, rhythmisch wie ein Vogelschwarm, der von Minute zu Minute größer wurde.

Kapitel 3

Tag X // die Nacht auf den 09. September.

„Wie können da Erdbeeren dranhängen? Es ist September!“

Ihre Geschichte begann genau dort unten, drei Stockwerke unter dem Fenster, an dem er jetzt stand und das Notizbuch in seinen Händen hielt. Im Nachtigallenweg, Hausnummer vier, zwischen dem unübersichtlichen Straßengeflecht der Neustadt und den Gassen der Hafenkante, tief im Herzen des alten Westends. Die Straße war das exakte Gegenteil der imposanten Sandsteingebäude und Stadtvillen der Altstadt, hier hatte der Krieg nichts Historisches übriggelassen. Fünfzigerjahrebauten und der Beton der Achtziger bestimmen das Bild. In den engen Straßenschluchten lag seit jeher das typische Kopfsteinpflaster, das in den Nachkriegsjahren überall verlegt worden war. Ihre Heimatstadt war Universitätsstadt, Medienstadt, Landeshauptstadt – und binnen weniger Tage zu einer Geisterstadt geworden. Ein gesellschaftliches Erbe von mehr als zweitausend Jahren, dessen kulturelle Strahlkraft über Nacht bedeutungslos geworden war.

Hier hatten sie sich am vergangenen Donnerstag getroffen.

Kutek kam frühmorgens mit dem Rennrad aus dem Rheingau geradelt, wo er mit seiner Familie auf einem alten Hofgut lebte und arbeitete. Wilm war eine Woche auf Besuch und wie immer bei Robert untergekommen. Wilm war ein Abenteurer, hatte keinen festen Wohnsitz und war stets auf der Durchreise. Leonor wohnte seit ihrer Trennung ganz in der Nähe in einer WG. Sie wohnte mitten im Stadtzentrum, traf aber als Letzte ein und kam als einzige mit dem Auto, weil die meisten S- Bahnen überraschend ausgefallen waren, sehr zum Entsetzen der vielen Wochenendpendler. Janosch war schon da, denn er wohnte nur einige Treppenstufen über Robert im fünften Stock des Nachtigallenwegs. In ihrer alten Wohnung, die sie in Erinnerung an ihre Studentenzeiten den Fuchsbau nannten, hauste Robert.

Leonor strahlte vor Freude, als sie Wilm sah, der es trotz der allgemein schwierigen Reisebedingungen mal wieder heil nach Hause geschafft hatte. Beide fielen sich zur Begrüßung um den Hals. Janosch wusste noch, wie aufgeregt er war, Leonor nach so langer Zeit wieder zu sehen. Seit ihrer Trennung vor über einem Jahr hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen und sich auch nicht mehr gesehen. Sie umarmten sich etwas gezwungen – ein Umstand, der im allgemeinen Trubel unterging.

Nach dem großen Wiedersehen waren sie so schnell wie möglich aufgebrochen. Die Straßen waren trotz der frühen Uhrzeit verstopft, weil alle die letzten Spätsommertage außerhalb verbringen wollten. Es war der 06. September. An diesem Datum gedachte man nun schon zum siebten Mal des Amoklaufs von München von 2028, als bei Anschlägen von Milizen der nationalistischen Untergrund-Organisation Deutsche Freiheit in der Münchener Innenstadt über vierhundert Menschen ums Leben gekommen waren. Der Tag des schlimmsten innerdeutschen Terroranschlags war anschließend zum nationalen Gedenktag erklärt worden. Seitdem versuchten sie, mit ihrer Clique über die Feiertage immer ein großes Treffen zu arrangieren. In diesem Jahr waren sie allerdings so wenige wie noch nie und nur zu fünft in den Kurzurlaub gestartet.

Das Ferienhaus hatten sie schon vor Monaten reserviert. Sie hatten sich für das abgelegene Landhaus entschieden, weil sie dort absolut unerreichbar waren. Die Unterkunft verfügte weder über TV noch WLAN und Netzempfang gab es so weit draußen kaum noch. Eine digitale Einöde sozusagen. Die Idee kam von Wilm. Er lebte nach den Grundsätzen der Free-Walker-Bewegung, die den Digital Detox proklamierte. Ein Leben ganz ohne Internet und Smartphone, das längst alle Vorlieben und Lebensgewohnheiten seines Besitzers kannte und inzwischen mit seinen Algorithmen jegliches Handeln weltweit beeinflusste. „Dafür, dass wir nur überentwickelte Primaten sind, haben wir einige erstaunliche Dinge erfunden“, überlegte Janosch beim Schreiben. Computer. Medikamente. Mikrowellenherde. Weltuntergangsmaschinen. Künstliche Nieren. Und ein globales Kommunikationsnetzwerk, das alles wusste, seinen Nutzern alles ermöglichte. Das für sie mitdachte. Unendliche Datensätze erlaubten dem Homo sapiens den nächsten großen Entwicklungsschritt – zu einem hoch entwickelten Kollektiv, das von einer Technik abhängig war, die jeden Schritt erfasste und bewertete. So sahen es jedenfalls die Free Walker. Und für ein paar Tage gefiel Janosch der Gedanke, ganz ungestört das Leben zu genießen.

Als sie die Stadt über eine der Hochstraßen verließen, war in den Zelt-Lagern zwischen den Betonpfeilern dichtes Gedränge zu erkennen. Landflucht und Wohnungsknappheit hatten dafür gesorgt, dass die Zahl der wohnungslosen Tagelöhner in den Sommermonaten rasant anstieg. Die Parks in den Vororten waren gesäumt von provisorisch aufgebauten Zelten, Plastiksilos und sanitären Anlagen; öffentliche Plätze wurden zu Flüchtlingslagern umfunktioniert.

Viele der missmutig dreinschauenden Menschen blickten den vorbeifahrenden Autos hinterher. Nach einer halben Stunde wichen die dörflichen Vororte endlosen Getreidefeldern, Weinreben und schließlich unberührter Natur. Tracknet übernahm auf der Autobahn das Steuer, so dass Robert sich zurücklehnen und ausgelassen mit Freddie Mercury zusammen Who wants to live forever singen konnte. Sie scherzten und lachten über seine Gesangskünste, die er stets ohne jegliche Selbstachtung zum Besten gab. Er schrie und pfiff schräg und hämmerte dabei wild auf dem Lenkrad herum, obwohl er weder singen noch einen Takt halten konnte. Und natürlich schien es keinen Song zu geben, den er nicht in- und auswendig kannte. Es war der perfekte Start in ein langersehntes freies Wochenende.

Die Spätsommersonne schien schräg durch das Schiebedach von Roberts altem Kombi, der noch über einen der leistungsstarken, aber ziemlich teuren Hybridmotoren verfügte und damit eigentlich kaum rentabel war. Er hatte ihn vor über zehn Jahren günstig auf einer Versteigerung erworben, und obwohl der Volvo schon mehr als 500.000 Kilometer auf dem Buckel hatte, schnurrte er immer noch wie eine Katze. Ihr Trip in die unberührten Wälder der Eifel war damit in etwa so kostspielig wie die Interkontinentalflüge, die Janosch als Kind mit seinen Eltern unternommen hatte. Einmal Kanada und zurück. Heute undenkbar, ging es ihm beim Schreiben durch den Kopf. Er war seit über zehn Jahren nicht mehr geflogen.

Nach einer weiteren Abzweigung ging es auf eine wenig befahrene Autobahn in Richtung der luxemburgischen Grenze. Der Motor beschleunigte selbstständig auf einhundertzwanzig Stundenkilometer. Die App im Display der Scheibe sagte drei warme Tage voraus, ehe es zu Wochenbeginn deutlich abkühlen sollte. Janosch saß tiefenentspannt auf dem Beifahrersitz und döste beim Vorbeiziehen der Landschaft beinahe ein. Nach den ersten Updates genossen alle die Ruhe und tippten auf ihren IDDs herum. Auch er hatte noch ein letztes Mal die Nachrichtenseiten seines holografischen Tablets überflogen. Die Berichte handelten von Straßenkämpfen in Berlin und Unruhen in Caracas, der nächsten sich anbahnenden Eurokrise und zuletzt war auch noch von einer neuen Grippewelle als möglicher Folge von Impfprotesten zu lesen. Die ewig gleiche Panikmache.

Plötzlich vibrierte das IDD und das Porträt eines seiner Agenten, der die ortsansässigen Medienhäuser vertrat, erschien. Ohne sich mit einem Gruß aufzuhalten, fragte dieser kurz angebunden, wie er Janosch in den nächsten Tagen erreichen könnte, der keine Aufträge für das Wochenende angenommen hatte.

„Gar nicht“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Es gibt kein Netz, da wo wir hinfahren.“ Was er weder den Rundfunkanstalten noch anderen Video-Redakteuren offenbarte, war die Tatsache, dass alle fünf Freunde ihre IDDs noch während der Fahrt in einen Safe schließen würden. Nur um sicherzugehen, dass auch keiner schwach wurde, denn mit einigen Tricks konnte man selbst dort, wo sie hinfuhren, Kontakt zur Außenwelt herstellen. Sein Anrufer wirkte überrascht. „Na ja“, knurrte er, „die Welt wird schon nicht untergehen.“

„Da wäre ich nicht sicher“, entgegnete Janosch vergnügt. Eigentlich war er gut auf den Mann zu sprechen, nur die erwartete ständige Erreichbarkeit nervte gewaltig. „Die Welt kann jederzeit untergehen, aber wenn ich der Einzige bin, der sie retten kann, sollten wir noch einmal über mein Honorar sprechen“, feixte er und ohne eine Antwort abzuwarten, legte er auf. Robert prustete los und alle stiegen in einen Lachanfall ein, der niemals zu enden schien. Es war fantastisch. Im Nachhinein klang das wie eine fürchterliche Offenbarung, dachte Janosch unglücklich.

Nach einigen Minuten hatte er die Augen geschlossen und schlief ein. Als er eine Stunde später wieder wach wurde, wirkte die Gegend verlassen und die Dörfer, durch die sie fuhren,

heruntergekommen und unbewohnt. Nur hier und da sah man jemanden in den Gärten arbeiten. Die Gehwege blieben leer. Das Navi lotste sie rund vierzig Kilometer über hügelige Landstraßen und durch verschlafene Ortschaften, bis zu einer Abzweigung, die mitten in ein Waldstück führte.

An dieser Stelle sammelte Leonor die Tablets ein. Das war der Deal. Während Wilm und Kutek ihre alten Smartphones abgaben, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, fiel es den anderen deutlich schwerer, auf ihr Internet Display Device zu verzichten. Janosch musste zugeben, dass das IDD sein ganzer Stolz war. Die Basisversion des Tablets wurde jedem Bundesbürger kostenlos bereitgestellt. Weil er aber damit arbeitete, hatte er einige Modifikationen vorgenommen. Meistens surfte er über ein unscheinbares Headset, mit dem er dank Eyetracking schnell und einfach im Netz navigieren, schreiben und Filme schneiden konnte. Das IDD war sein ständiger Begleiter, bündelte es doch alle digitalen Anwendungen. Als er es zusammen mit den anderen Geräten in den kleinen Safe legte, wurde ihm schwer ums Herz. Die Box würde erst nach dem Ausflug wieder geöffnet, hatten sie sich geschworen.

Danach ging es weiter. Sie brauchten aber eine Weile, ehe sie die richtigen Wegmarkierungen zwischen den Bäumen fanden. Wie aus dem Nichts öffnete sich im Wald ein schmales Tal, und graue Felsformationen ragten zu beiden Seiten empor. Hinter einem verwitterten, schmiedeeisernen Tor folgten sie dem Pfad zwischen den Bäumen in engen Serpentinen eine Anhöhe hinauf. Ihr Ziel lag auf einem natürlichen Plateau mitten im Wald, auf dem das Anwesen stand.

Selbst in ihren kühnsten Träumen hätten sie sich ihre Unterkunft nicht derart luxuriös und erhaben vorgestellt. Vor ihnen ragte ein uraltes Forsthaus auf, das dort offensichtlich schon viele Jahrzehnte dem rauen Wetter getrotzt hatte. Ursprünglich wahrscheinlich komplett aus Holz errichtet, war das Anwesen modernisiert worden, was sich in dezent eingesetztem Beton und Edelstahl sowie ebenso breiten wie deckenhohen Fenstern ausdrückte, die einem in den Räumen das Gefühl gaben, mitten im Wald zu stehen.

Mit ihrer Ankunft fiel sämtliche Anspannung ab und wenig später erkundeten sie im lauen Spätsommerwind zusammen die Umgebung. Sie schwitzten in der Sonne, lachten und tranken die ersten Weinschorlen und Radler. Hinter dem Haus entdeckten sie einen Weg, der an einer Grillstelle vorbeiführte, sie durch einen Hain aus sauber gestutzten Buchsbäumen führte und an einer natürlichen Lichtung mitten im Wald endete. Dort, wo sich in jedem Schwedenroman der obligatorische Bergsee verbarg, lag ein riesiges Erdbeerfeld, das übersät war mit saftigen roten Früchten. Genau in der Mitte befand sich ein Podest mit einem weiß getünchten Pavillon darauf. Dahinter ragten uralte Eichen und Buchen empor und über allem lag der süßliche Duft der Beeren.

„Unglaublich“, sagte Leonor. „Wie schön es hier ist. Jetzt ist auch klar, warum das Anwesen Strawberry Fields heißt.“ Das Haus am Erdbeerfeld bedeutete das Ziel ihrer Reise. Vollkommene Abgeschiedenheit.

„Wie können da überhaupt Erdbeeren dranhängen? Es ist September“, wunderte sich Wilm. Er bückte sich und pflückte eine der Beeren. „Mhmmm. Lecker.“

„Hammer! Abgefahren“, ergänzte Robert schmatzend.

Voller Hochgefühl ließen sie sich am Rande des Pavillons nieder. Robert zog sich das Hemd aus und entblößte einen kräftigen und behaarten Oberkörper, der dem eines Braunbären wenig nachstand. Auch Wilm entledigte sich seines T-Shirts. Sein Rücken war dunkelbraun gebrannt und von unzähligen kleinen weißen Narben überseht, die er sich beim Surfen zugezogen hatte. Das ließen Kutek und Janosch nicht auf sich sitzen, und selbst Leonor lag wenig später oberkörperfrei neben ihren Freunden in der Nachmittagssonne. Sie war überzeugte Feministin und ließ sich genauso unbeschwert die letzten Sonnenstrahlen des Jahres auf die nackte Haut scheinen wie die Männer neben ihr.

Sie hatte sich nach hinten gelegt und den Oberkörper auf die Ellenbogen gestützt. Ihre Füße baumelten in den sattgrünen Erdbeerpflanzen. Das Haar fiel ihr über die Schultern und Janosch musste sich einmal mehr eingestehen, dass sie ausgeprägtere Bauchmuskeln hatte als er. Etwas forsch und beflügelt von dem wundersamen Moment, lächelte er sie verträumt an.

„Was ist?“, fragte sie mit hochgezogener Augenbraue. Er hatte nicht nachgedacht und es war ihm peinlich, sie so angestarrt zu haben.

„Äh, gar nichts“, antwortete er hastig, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken, als er den Glanz ihres schwarzen Haares, die stolzen dunklen Augen und die geschwungenen Lippen registrierte. Sein Herz schlug Purzelbäume. Wie sehr er sie vermisst hatte! Verlegen blickte er über die Lichtung, sog den Duft der Früchte ein und genoss die Herbstsonne. Irgendwo plätscherte ein Bach. Da wusste er, dass dies das schönste Wochenende seit Langem werden würde.

Kapitel 4

Tag X // der Morgen des 09. September.

„Es war sehr schön letzte Nacht.“

Es waren wunderbare Tage, und sie in allen Einzelheiten wiederzugeben, hätte Janosch viel Zeit gekostet. Zeit, die er nicht hatte. Es war jetzt tiefste Nacht und seine Freunde schliefen nun schon seit mehreren Stunden neben ihm und verarbeiteten die Ereignisse des Tages – doch er schrieb unbeirrt weiter.

Wenn er an das Wochenende zurückdachte, kam ihm sofort der heutige Morgen in den Sinn, vor der Rückfahrt, als nichts außer hämmerndem Kopfschmerz und einem fauligen Pelz auf der Zunge vom Urlaub übrigblieb. An jenem schicksalhaften Tag regnete es über dem Grenzgebiet, und zwischen den mit Moos bewachsenen Stämmen des Waldes zog Nebel auf. Nach einem spätsommerlich-warmen Wochenende erwarteten sie deutlich kühlere Temperaturen. Der Sommer war vorbei.

Irgendwo weit entfernt zerriss der Ruf eines Raubvogels die Stille des anbrechenden Tages. Janosch erwachte im Bett des Gästezimmers, das er die vergangenen Tage bezogen hatte. Unter der Decke war es angenehm warm und er schlief tief und fest – bis der schrille Alarm seiner Casio ertönte.

Diese Uhr begleitete ihn schon seit seiner Jugend, und ihr vertrautes Piepsen setzte jeden Morgen um 06:00 Uhr ein. Instinktiv drückte er den Alarm weg. Diesmal dröhnte der Lärm in seinem Schädel und seine Schläfen pochten von einem Kopfschmerz, der sich nur mit einem Übermaß an hartem Alkohol erklären ließ.

Im nächsten Moment bewegte sich die Decke wie von Geisterhand, etwas stieß gegen seinen Oberschenkel und ein kurzer Schmerz fuhr durch sein rechtes Bein. Mit einem Mal war die Bettdecke verschwunden und er lag splitterfasernackt auf der Matratze.

„Janosch?“, murmelte Leonor neben ihm.

„Ja?“, antworte er unentschlossen, doch es gab keine weitere Reaktion. Sie war schon wieder eingeschlafen. Er richtete sich abrupt auf. Warum um alles in der Welt lag Leonor neben ihm? Benommen versuchte er, sich an den Abend zu erinnern, aber da war nichts als gähnende Leere. Sie hatten es alle übertrieben, so viel war klar. Zu viel Wein und Bier und er meinte auch mit dem ein oder anderen Schnaps angestoßen zu haben. Das Übliche. Nicht mehr. Glaubte er zumindest. Fuck. Seine Festplatte schien wie gelöscht.

Er fragte sich, ob sie auch nackt war, so wie er, konnte unter dem Gewühl an Decken aber nichts erkennen. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er auf der improvisierten Tanzfläche noch einen großen Bogen um sie gemacht.

„Was immer dich durch die Nacht bringt …“, hatte Kutek spitz formuliert, bevor er einen giftgrünen Minz-Schnaps aus dem Kühlschrank zauberte und auf die Theke stellte. Robert wartete mit seinem besten Whiskey auf und Wilm hatte einige Gramm Gras aus Südamerika rausgeschmuggelt. Das Ende ihres Kurzurlaubes war gekommen und sie tranken schneller als üblich und mehr als beabsichtigt.

Das Highlight aber hatte Leonor in petto. Über ihren Vater, der für eine ortsansässige Pharmafirma arbeitete, hatte sie auf die neuesten Psychopharmaka aus einer klinischen Studie Zugriff. Ihr Vater brachte dauernd die neusten Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel mit nach Hause, und manchmal griff sie zu, so wie dieses Mal. Einige der Gelkapseln waren blass, andere funkelten in den unterschiedlichsten Farben. „Die hier macht, dass man Musik intensiver hört, die Weiße da lässt dich einfach nur lange schlafen. Die orangenen Tabletten unterdrücken alle Arten von Allergien, und die roten da putschten total auf, die habe ich schon probiert“, erzählte Leonor und kramte in der Tasche herum. „Wartet mal, hier ist irgendwo eine Gebrauchsanweisung von Papa.“ Kutek begutachtete argwöhnisch eine schwarze Kapsel mit kleinen blauen Punkten darauf.

„Und sowas gibt’s in der Apotheke?“, fragte Kutek argwöhnisch.

„Na ja, im Augenblick eher noch nicht. Papa weiß nicht, dass ich mir die geborgt habe. Die sind noch in der Betaphase. Aber keine Angst, uns passiert nichts“, schob sie bei Janoschs kritischem Blick rasch hinterher. „Wir nehmen jeder eine, den Rest bringe ich zurück in sein Arbeitszimmer.“ Sie grinste schelmisch und sprach weiter: „Ah, die hier hebt die Laune, und es gibt irgendwo auch eine Sorte, die den schlimmsten Kater in Sekunden verschwinden lässt.“

„Reserviert!“, rief Robert wie aus der Pistole geschossen. Er trank für sein Leben gern und zog vor allem Whiskey allem vor, was man so schlürfen, schlucken, schnupfen, spritzen, essen oder sich sonst wie einverleiben konnte.

Also probierten sie sich gemeinsam quer durch die Spirituosen- und Pillensammlung und feierten ausgelassen bis in die frühen Morgenstunden.

Drei Tage und Nächte waren sie abgetaucht, vom Radar verschwunden. Und an diesem Morgen, der nun, während Janosch die Erlebnisse niederschrieb, nicht einmal vierundzwanzig Stunden zurücklag, sollte es wieder nach Hause gehen. Und dann das. Der letzte Abend. Dieser Morgen. Leonor.

Janosch war vollkommen durcheinander. Nach einem Jahr der Trennung sahen sie sich wieder und landeten direkt im Bett? Das konnte nicht sein. Ein Draufgänger wie Robert war er nie gewesen. Dafür war er viel zu schüchtern. Außerdem war ihm der Filmriss peinlich. Womöglich hatten sie miteinander geschlafen, und er konnte sich nicht einmal daran erinnern. Denk nach, versuch, dich zu erinnern, mahnte er sich, aber die Geschehnisse wollten einfach nicht wiederkommen.

Leonor schlief tief und fest, während Janosch sich aus dem Bett quälte und damit ablenkte, seine Sachen zu packen. Kurz blinzelte sie im Halbschlaf zu ihm herüber. Er lächelte zurück. Ihre braunen Augen hatte er nie wirklich deuten können, und oft schien es ihm, als würden sie ihre Farbe wechseln. Mal waren sie hell wie Mandeln, dann wieder beinahe schwarz. An diesem Morgen erinnerten sie an das schimmernde Fell eines scheuen Rehs.

Ihre Eltern waren portugiesische Einwanderer, die nach der Wirtschaftskrise nach Deutschland gekommen waren. Leonor wuchs in einem portugiesischen Viertel auf, sprach beide Sprachen fließend und hatte das südländische Temperament ihrer Mutter geerbt. Auf der anderen Seite er, der asiatische Nerd aus gutbürgerlichem deutschem Hause. Ihre Geschichte war gelebter Multikulturalismus – aber er schweifte ab.

Janosch suchte nach seinen Klamotten und fand sie, ordentlich zusammengelegt, im Rucksack. Selbst betrunken konnte er von seinem Ordnungswahn nicht ablassen. Ganz anders Leo. Über der Lehne eines Sessels hing ihre graue Jogginghose, Top und Kapuzenpulli lagen achtlos weggeworfen auf dem Boden, ihre Unterwäsche war um das Bett herum verteilt … Er schluckte und fragte sich, was das zu bedeuten hatte.

Während Leonor sich noch tiefer unter der Decke vergrub, torkelte Janosch zum Nachttisch und griff nach dem Buch, das er seit seiner Ankunft ungefähr bis zur Hälfte gelesen hatte. Er überlegte, wann er es wohl zu Ende lesen würde, und sein IDD kam ihm in den Sinn. Inzwischen freute er sich richtig darauf, es wieder in den Händen halten zu können. Das durchsichtige Glas fühlte sich viel angenehmer an als das raue Papier des Paperbacks unter seinen Fingern und der schmale Rahmen aus gebürstetem Aluminium verlieh dem Gerät eine Aura von Unzerstörbarkeit.

Leider bedeutete das IDD auch, erneut in die hektische Onlinewelt einzutauchen, was sofort wieder eine alte Beklemmung aufsteigen ließ. In letzter Zeit fiel es ihm immer schwerer, ein Buch zu lesen oder einen Video-Beitrag anzuschauen, einen interessanten Podcast zu hören oder auch nur eine Serie über einige Folgen hinaus zu verfolgen, ohne an all die Errungenschaften von Gleichaltrigen oder Jüngeren erinnert zu werden. Ihn überkam Scham und Wut, was vor einigen Monaten schließlich zu einer Blockade geführt hatte. Seine Beiträge waren öde geworden, und damit war der kontinuierliche Absprung von Followern in seinen Kanälen besiegelt. Neue Aufträge blieben aus. Es war ein Teufelskreis. Ohne Leonor wollte ihm nichts mehr gelingen.

Er hatte den Urlaub gebraucht, um wieder in die Spur zu kommen. Gewissermaßen hatten sie in den Wäldern wieder zu sich selbst gefunden. Womöglich sie beide sogar zurück zu sich als Paar? Nun sollte es zurück in die wirkliche Welt gehen und alles Hochgefühl der letzten Tage schien verschwunden – bis Leonor sich zu ihm drehte.

Er hielt den Atem an. Sie hatte tatsächlich nichts an. „Hey“, hauchte sie verschlafen. Dann stand sie auf und streckte sich anmutig vor dem deckenhohen Panoramafenster. Trotz oder gerade wegen der zerzausten Haare und der müden Augen sah sie umwerfend aus. Leo schien zu spüren, dass die Situation Janosch unangenehm war. „Es war sehr schön letzte Nacht“, sagte sie leise.

„Ja, das war es“, log er angesichts der fehlenden Erinnerung und fühlte sich sofort ertappt. Sie hatte sein Zögern offensichtlich bemerkt und sagte: „Es war fast wie früher.“

Er lächelte verlegen. Damit war das Thema fürs Erste aus der Welt. Zusammen beobachteten sie, wie eine Eule nach erfolgreicher Jagd in eine Baumkrone flatterte. Direkt vor ihnen, wo dichter Nebel über dem Waldboden schwebte, erstreckte sich das Unterholz bis dicht ans Haus. Die Wangen in ihrem ewig jungen, beinahe kindlichen Gesicht glühten. Nur die Augen ließen ihr wahres Alter erahnen. Jetzt waren sie beinahe schwarz und blitzten auf, als er ihr über den Rücken strich. Seine Hände erkundeten ihren Körper und dann küsste er sie. Leidenschaftlich erwiderte Leonor diesen Abschiedskuss, glaubten doch beide, in den nächsten Tagen nur über Messenger vom anderen zu hören. Dann lösten sie sich voneinander und der intime Augenblick war vorbei.

Kapitel 5

Tag X // der Morgen des 09. September.

„Was um alles in der Welt?“

Gleich nach dem Kuss hatte es zu regnen begonnen. Viele Meilen von der nächsten richtigen Straße entfernt, irgendwo im deutsch-luxemburgisch-französischen Grenzgebiet, erwachte nach und nach der Rest der Belegschaft von Strawberry Fields.

„Na klasse, passt ja prima“, beschwerte sich Leonor auf dem Weg in ihr Zimmer.

„Wetterumschwünge sind hier ganz normal“, rief Wilm ihr im Vorbeigehen zu. Er war groß gewachsen, hatte eine Glatze und tiefgrüne Augen. Außerdem war er der älteste der Gruppe. Auf dem Weg ins Bad grinste er Janosch zweideutig an, ehe er die Tür hinter sich schloss. Wilm, der mit vollem Namen Wilhelm Werner Walter hieß („Was haben sich deine Eltern nur dabei gedacht?! Beste Aktion aller Zeiten!“– Zitat Robert), war schon früh wach, denn er meditierte vor dem Frühstück meist eine Zeit lang. Nacheinander gingen Kutek, Leonor und Janosch ins Bad. Der Aufbruch war bald in vollem Gang und die fertig gepackten Rucksäcke standen wenig später im Flur bereit.

Nur Robert schlief noch. Er besaß einen unverkennbaren Hang zur Selbstzerstörung und trank in der Regel, bis er nicht mehr konnte, was bei seiner Footballspieler-Statur dauern konnte. Das exzessive Trinken war ein Überbleibsel aus seiner Zeit beim Bund, war er doch der Einzige unter ihnen, der freiwillig Wehrdienst und einen Auslandseinsatz abgeleistet hatte. Der Dienst in Liberia und an der Elfenbeinküste hatte ihm trotz allgemeinem Stellenabbau in den Schulen den ersten Platz bei der Besetzung einer Lehrerstelle eingebracht. Das war einer der wenigen Vorzüge, wenn man beim Heer gedient hatte. Seitdem unterrichtete er an einer Sportschule und schien beruflich zufrieden zu sein. Den Rest seines Lebens konnte man allerdings getrost als Scherbenhaufen bezeichnen. Er hatte drei Mal geheiratet, war aber kinderlos geblieben.

An diesem Morgen lag er auf einem ausgeblichenen Sessel mit Blümchenmuster, dessen Fußteil ausgefahren und Rückenlehne heruntergeklappt war, und schnarchte so laut, dass niemand Anstalten zu machen brauchte, leise zu sein. Janosch musste lachen. Er begann die Küche aufzuräumen, setzte Kaffee auf, spülte das restliche Geschirr und war in Gedanken schon bei den ersten Terminen der Arbeitswoche. Unbehagen befiel ihn, als er an die überquellenden Postfächer seiner Email-Konten dachte. Noch heute Abend würde er stundenlang damit beschäftigt sein, sich auf den neuesten Stand zu bringen.

Als der letzte Teller abgetrocknet war, war der Kaffee durchgelaufen. Das Koffein half gegen die Müdigkeit. Kurz schlurfte Kutek herein, grüßte, nahm sich eine Tasse und war auch schon wieder verschwunden. Er war offensichtlich genauso mit der bevorstehenden Rückkehr beschäftigt wie Janosch. Sein kleines Cateringunternehmen hatte er über die Feiertage geschlossen, seine Frau kümmerte sich um die Kinder.

„Aufstehen, du Penner!“, rief Wilm dagegen entspannt, ja beinahe euphorisch in Roberts Richtung. Der Angesprochene hing schräg im Sessel, war aber inzwischen aufgewacht und suchte die Hosentaschen nach seinem IDD ab.

„Noch nicht, Rob“, mahnte ihn Janosch.

„Ich weiß, ich weiß“, antwortete Robert mit belegter Stimme. Er sah fürchterlich aus. „Echt, ich freu mich vielleicht, wenn ich wieder surfen kann. Dann muss ich nicht länger mit euch Pennern abhängen“, ergänzte er und gähnte ausgelassen, ehe er sich mühsam aufrichtete. Seine Augäpfel hatten die Farbe einer reifen Wassermelone.

„Kontaktlinsen?“, stellte Janosch mitleidsvoll fest. Robert knurrte, griff nach der Kaffeetasse, die Janosch ihm hingestellt hatte, und trank sie in einem Zug aus.

Kutek und Wilm saugten die Zimmer, während Robert in Richtung Bad schlurfte. Leonor und er waren plötzlich allein. Zusammen rückten sie die Sofas wieder auf ihre ursprünglichen Plätze zurück.

„Janosch.“

„Ja?“, fragte er nervös.