Jenseits der Schatten - Juliette Hardwell - E-Book

Jenseits der Schatten E-Book

Juliette Hardwell

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Beschreibung

Elara lebt mit den Narben einer traumatischen Vergangenheit. Jahre voller Angst und Kampf haben sie geformt, doch die Sehnsucht nach Freiheit und einem eigenen, selbstbestimmten Leben treibt sie weiter an. Als sich erste Lichtblicke zeigen, lernt sie, ihren eigenen Mut zu finden, sich der Vergangenheit zu stellen und die Kontrolle über ihr Schicksal zurückzugewinnen. Doch die Dunkelheit, die sie hinter sich lassen wollte, kehrt zurück – leise und unerwartet … Ein intensives Drama über Stärke, Vertrauen und die unerschütterliche Sehnsucht nach Neubeginn.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch:

Elara war 15 als sie von zu Hause weggelaufen ist. Sie trägt die Narben einer traumatischen Kindheit mit sich. Nach Jahren des Kämpfens erhält sie plötzlich eine Chance, die alles verändern könnte: eine Anstellung als Kindermädchen bei einer wohlhabenden Familie. Zwischen Vertrauen, Freundschaft und Liebe beginnt Elara, die Wunden ihrer Vergangenheit zu heilen – bis die Schatten, die sie zu entkommen glaubte, plötzlich wieder in ihr Leben treten. Eine packende Geschichte über Mut, Vergebung und die Kraft, sich selbst neu zu entdecken.

Juliette Hardwell

Jenseits

der Schatten

ROMAN

Texte:

© Copyright by Juliette Hardwell

Umschlaggestaltung:

© Copyright by Juliette Hardwell

Verlag / Herausgeber:Juliette Hardwell

c/o RA MatutisFürstenstraße 55400 Hallein

Herstellung: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

ROMAN

Inhalt

Kapitel 1: Flucht und Neuanfang

Die Vergangenheit – Wo alles begann

Von Stadt zu Stadt

Zurück in der Gegenwart

Kapitel 2 – Das Bewerbungsgespräch

Stunden der Selbstzweifel

Der erste Eindruck

Das Haus...oder eher der Palast?

Zu schön, um wahr zu sein?

Kapitel 3 – Das neue zu Hause

Die Qual der Wahl

Spesenkonto, Ballett und andere Dinge

Eine fremde Realität

Sarah…die prima Ballerina

Kapitel 4: Der neue Job

Ein neues Ich

Eine unerwartete Begegnung

Neues Jahr, neues Glück

Wachsende Gefühle

Ein rießen Schritt

Kapitel 5 – Neue Wege im Sonnenlicht

Ungeplante Heimkehr

Das Abenteuer kann starten

Lockere Zunge

Strandtag

Neue Gefühle und alte Ängste

Sarahs Abenteuer

Kapitel 6: Zeit zu zweit

Eine gute Investition

Dampf, Verlangen und ein heißer Morgen

Das perfekte Kleid

Endlich eins

Kapitel 7: Schatten im Rückspiegel

Ein Riss im Alltag

Hallo Vergangenheit

Spurensuche

Wie in alten Zeiten

Ein Hinweis

Die Flucht

Widersprüche

Verschwunden

Kapitel 8: Auf eigenen Füßen

Nach der Dunkelheit

Das Leben wartet

Kapitel 1: Flucht und Neuanfang

Dunkelheit. Dicht und undurchdringlich. Sie ist gefangen in einer endlosen Schwärze, die jeden Laut verschluckt. Ihr Herz pocht heftig gegen ihre Rippen, der Klang dröhnt in ihrem Kopf, doch kein Laut dringt aus ihrer Kehle. Sie will sich rühren, doch ihr Körper ist schwer wie Blei. Ein Gewicht hält sie fest. Sie kann nicht entkommen. Sie kann sich nicht wehren.

Seine Präsenz ist allgegenwärtig. Kalte, beißende Angst breitet sich in ihrer Brust aus, ihre Lunge zieht sich schmerzhaft zusammen. Sie spürt ihn. Seine Nähe ist wie ein eisiger Hauch auf ihrer Haut. Ein Atemzug, warm und feucht, streift ihren Nacken. Sie erstarrt. Ihr Magen verkrampft sich, und ein Schauer jagt durch ihren Körper. Seine Stimme ist leise, ein gehauchtes Versprechen, das sich wie Gift in ihren Verstand frisst.

"Sei still. Es wird nicht weh tun."

Sie will schreien. Sie will fortlaufen. Doch ihre Lippen bleiben versiegelt, ihr Körper gehorcht ihr nicht. Eine unsichtbare Kraft drückt sie weiter in die Matratze. Das alte durchgelegene Teil gibt viel zu leicht nach, umschließt sie wie ein Gefängnis. Sein Griff ist fest, unerbittlich, hält sie fest, als wäre sie eine Puppe, bedeutungslos, machtlos. Seine Hände gleiten über ihren Körper, hinterlassen eine brennende Spur aus Ekel und Angst. Sie windet sich innerlich, doch er ist stärker. Viel stärker. Ihre Gedanken kreisen, suchen nach einem Ausweg, doch es gibt keinen.

Nacht um Nacht kommt er zu ihr und jede Nacht wird ihre Angst größer, die Verzweiflung tiefer. Sie weiß, was kommt. Sie kennt den Ablauf. Sie weiß, dass es kein Entkommen gibt. Ein Ruck. Der Stoff ihrer Unterwäsche reißt. Ihr Atem stockt, ihr Herz rast. Panik durchströmt sie, wie eine Welle, die sie ins offene Meer zieht und tief im dunklen Ozean begräbt.

Sie spürt sein Gewicht immer stärker auf sich. Er flüstert ihr ins Ohr: „Du darfst mich niemals verlassen. Hörst du? NIEMALS! Falls du es doch tust, werde ich dich finden. Vergiss das nicht.“

Dann – Schmerz. Ein brutaler, schneidender Schmerz, der ihr den Atem nimmt.

Sie erwachte mit einem Keuchen, schweißgebadet, der Schmerz hallte noch in ihrem Körper wider, auch wenn er nicht mehr real ist. Doch die Angst blieb. Die Dunkelheit um sie herum war nicht mehr die des Traums – doch sie war noch immer gefangen. Elara Monroe atmete schwer aus und rieb sich über das Gesicht. Nur ein Traum. Wieder einmal. Ihr Schlafanzug war durchgeschwitzt und ihre Hände zitterten, als sie die Decke von sich riss. Ihr Atem war wild, als hätte sie gerade eine halbe Ewigkeit unter Wasser verbracht. Die dunkle Silhouette ihres Albtraums verblasste, aber das Gefühl, das sie hinterließ, blieb.

Diese Hilflosigkeit.

Diese Angst.

Die alte Matratze auf dem harten Holzrahmen des kleinen Motelzimmers war alles andere als bequem, doch Elara hatte sich an das unbequeme Lager gewöhnt. Schlaf war längst zu einem Fremdwort geworden. Tief atmete sie ein.

Langsam setzte sie sich auf die Bettkante und ließ die Beine baumeln. Es war immer derselbe Traum, der sie Nacht für Nacht heimsuchte – eine Erinnerung, die wie ein Fluch in ihr wohnte, sie in die Tiefe zog und aus der es kein Entkommen zu geben schien. Ihr Blick wanderte zur Uhr auf dem kleinen Nachttisch: 4:30 Uhr.

Es war früh, viel zu früh, doch sie wusste, dass sie aufstehen musste. An Schlaf war längst nicht mehr zu denken, also konnte sie sich ebenso gut einem weiteren hoffnungslosen Tag in ihrem eintönigen Leben stellen. Jeder Tag war ein Kampf, jede Stunde fühlte sich an wie eine Last, die sie ertragen musste, um irgendwie voranzukommen.

Aber es war zugleich die einzige Möglichkeit, die Erinnerung an den Traum zu vertreiben: sich in die Welt der anderen zu stürzen – in die Welt von Menschen, die nicht wussten, was sie durchgemacht hatte, die nicht einmal bemerkten, dass sie da war. Nur so konnte sie einen klaren Kopf bewahren.

Elara war 17 – in ein paar Monaten 18 - Jahre alt, aber manchmal fühlte sie sich doppelt so alt. Seit über anderthalb Jahren schlug sie sich allein durch – von Stadt zu Stadt, von Job zu Job. Sie verfügte weder über einen Schulabschluss noch über ein festes Zuhause und hatte niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte. Ihr gesamtes Hab und Gut passte in einen abgenutzten Rucksack, doch unerschütterlich war ihr Wille zu überleben.

Der Straßenlärm drang unaufhörlich durch das dünne Fenster ihres Motelzimmers im Stadtteil Overtown. In Miami herrschte rund um die Uhr ein lautes Leben – hupende Autos, Gespräche und Streitigkeiten der Passanten sowie das Dröhnen der nahegelegenen Baustellen. Das Viertel, in dem sie seit einem halben Jahr lebte, war gefährlich, doch mehr konnte sie sich nicht leisten. Sie hatte sich mit dem schäbigen Zimmer abgefunden, das keinerlei Komfort bot. Es machte ohnehin keinen Unterschied, wo sie sich aufhielt, denn jeden Morgen begann für sie derselbe Kampf: der Kampf gegen die Schrecken ihrer Gedanken und Erinnerungen. Mit dem Tagesanbruch lastete die Vergangenheit wie ein Schatten schwer auf ihr.

Die Vergangenheit – Wo alles begann

Elara Monroe wuchs in Arlington auf, einer nahezu vergessenen Kleinstadt im Bundesstaat Georgia. Ein Ort, den kaum jemand kannte und den noch weniger Menschen besuchten. Die Straßen waren von rissigem Asphalt durchzogen, die Häuser vom Sonnenlicht ausgeblichen, und abends übertönten die zirpenden Grillen den schwachen Verkehrslärm. Es gab genau einen Supermarkt, eine Tankstelle, eine Kirche und eine Bar, in der sich die wenigen verbliebenen Männer nach Feierabend mit billigem Bier betäubten. Die meisten jungen Menschen verließen die Stadt nach dem Schulabschluss, um ihr Glück in Atlanta oder weiter westlich zu suchen. Wer blieb, hatte sich entweder mit seinem Schicksal abgefunden oder nie wirklich daran geglaubt, dass es irgendwo da draußen etwas Besseres gab.

Auch Elara hatte als Kind davon geträumt, eines Tages fortzugehen – nicht etwa, weil sie ihren Vater oder ihr Zuhause nicht liebte, sondern weil sie mehr wollte als rostige Veranden und kleinstädtische Tratschgeschichten. Sie sehnte sich danach, die Welt zu entdecken, ferne Orte zu erforschen und alte Geheimnisse zu lüften. Archäologische Stätten, verborgene Fossilien und seltene Mineralien faszinierten sie zutiefst. Während andere Kinder von einem Haus mit Garten träumten, stellte sie sich vor, mit staubigen Händen in einer Ausgrabungsstätte zu knien und die Vergangenheit Schicht für Schicht freizulegen.

Ihre Eltern waren nie wohlhabend, doch sie schafften es, über die Runden zu kommen. Ihr Vater arbeitete als Mechaniker in einer kleinen Autowerkstatt, ihre Mutter war Putzkraft in einem nahegelegenen Motel. Sie lebten in einem alten Haus am Stadtrand, das dringend renovierungsbedürftig war – doch Geld dafür fehlte stets. Dennoch war ihre Kindheit nicht durchwegs von Entbehrungen geprägt.

Ihre Mutter war eine liebevolle, jedoch seelisch fragile Frau, die mit den Herausforderungen des Lebens nur schwer zurechtkam. Sie war warmherzig und sanftmütig, doch schnell überfordert, wenn die Dinge nicht nach Plan liefen. Die finanziellen Angelegenheiten überließ sie vollständig ihrem Mann und stützte sich oft auf ihn, als wäre er ihr sicherer Anker. Ihr Vater war eher streng, doch seine Liebe zu ihr stand außer Frage. Wenn er gute Laune hatte, setzte er sie auf den Lenker seines alten Motorrads und fuhr mit ihr über die Feldwege hinter ihrem Haus. Er brachte ihr bei, wie man Motoren repariert, und zeigte ihr die kleinen Geheimnisse der Maschinen. An schlechten Tagen nahm er sie in den Arm und sagte: „Kleines, es wird schon werden.“

Doch dann wurde er krank – Lungenkrebs.

Elara war zehn Jahre alt, als ihr Vater starb, und damit veränderte sich alles. Sein Tod hinterließ eine Lücke in der Familie, die niemals wieder gefüllt wurde. Ihre Mutter brach unter der Last zusammen. Sie verfiel in eine Lethargie und ließ den Haushalt allmählich verkommen. Schmutzige Wäsche stapelte sich in den Ecken, Rechnungen blieben ungeöffnet auf dem Küchentisch liegen. An manchen Tagen war sie fast wie früher – sanft und liebevoll, mit traurigen Augen, die sich um ihre Tochter bemühten. An anderen Tagen lag sie nur da, ließ die Jalousien geschlossen und sprach kein Wort.

Und dann kam ihr Onkel...

Zunächst mochte sie ihn sehr. Er war freundlich, brachte ihrer Mutter und ihr regelmäßig Essen mit und erzählte Elara faszinierende Geschichten von der großen, weiten Welt. Er übernahm Rechnungen und Reparaturen im Haus. Nach einem halben Jahr zog er schließlich bei ihnen ein und wurde zum neuen Mann im Haus – eine scheinbare Rettung. Doch schon bald veränderte sich etwas...

Sie war inzwischen elf Jahre alt, und ihr Körper begann allmählich, sich zu verändern. Zunächst waren es nur Blicke, die zu lange verweilten und ihr unangenehm waren. Dann stürmte er immer wieder ohne anzuklopfen in ihr Zimmer, um unnötige Fragen zu stellen. Die ersten Berührungen kamen, kurze Zeit später. Sanfte, scheinbar zufällige Berührungen an ihrer Schulter, an ihrer Hüfte. Später wurden sie länger, fester. Mit dreizehn wusste Elara bereits, dass nichts an den Berührungen ihres Onkels harmlos war. Sie wusste es in dem Moment, als seine Hand länger auf ihrer Schulter verweilte, als es nötig gewesen wäre. In dem Moment, als seine Stimme zu sanft wurde, als seine Nähe zu aufdringlich war. Ihre Mutter, die einzige Person, die sie hätte beschützen können, war nicht mehr dieselbe. Seit dem Tod ihres Vaters schien sie wie ein Geist durch das Haus zu wandeln, gefangen in einer Trauer, die ihren Blick für alles andere verstellte. Wenn Elara versuchte, ihr zu erklären, dass etwas nicht stimmte und sich ihr Onkel unangemessen verhielt, wischte sie ihre Sorgen einfach beiseite.

„Er hilft uns doch, Liebling. Sei nicht so undankbar.“

Vielleicht hatte sie es wirklich nicht bemerkt. Vielleicht wollte sie es auch nicht wahrhaben. Er umarmte sie immer häufiger und strich scheinbar zufällig über ihren Hintern, wenn sie an ihm vorbeiging. Sie konnte sich kaum noch im Haus bewegen, ohne von ihm angestarrt oder berührt zu werden. Es schien, als sei er ständig in ihrer Nähe. Und dann … wurde es schlimmer.

Doch was konnte sie tun? Sie war ein Kind – ein Kind, das niemanden hatte, dem es sich anvertrauen konnte. Also schwieg Elara. Sie hatte es niemandem erzählt, nicht einmal ihrer besten Freundin Claire. Sie hatte es versucht – mehrmals sogar – aber wie sollte sie das in Worte fassen? Nicht einmal ihre Mutter schenkte ihr Glauben, wie sollten es dann andere tun?

Sie wurde nach und nach immer stiller, zog sich zunehmend zurück und verschloss sich mehr und mehr gegenüber ihrer Umwelt. In der Schule bekam sie bald den Ruf als „die Merkwürdige“, jene Schülerin, die mit niemandem sprach, auf keine Einladungen reagierte, an keinem einzigen Schulfest teilnahm und sich niemals mit anderen verabredete. Sie war wie eine unsichtbare Wand zwischen sich und der Welt. Selbst Claire, die ihr einst nahegestanden hatte, begann langsam, Abstand zu ihr zu halten. Es schien, als würde sie immer mehr versuchen, sich unsichtbar zu machen – nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der eigenen vier Wände.

Vorsichtig und beinahe scheu bewegte sie sich durch die Welt, vor allem aber durch ihr zu Hause. Sie sprach kaum noch ein Wort und zog sich in jeden Schatten zurück, der sich ihr bot. Selbst an den heißesten Sommertagen trug sie mehrere Pullover übereinander, als könne der dicke Stoff eine schützende Barriere gegen die Außenwelt bilden. Die Tür zu ihrem Zimmer hielt sie konsequent verschlossen; es war ihr Rückzugsort, ihre Festung gegen alles, was von außen kam. Doch all diese Bemühungen schienen vergeblich, denn er fand immer wieder Wege, sie zu erreichen.

Getrieben von dem Wunsch, diesem bedrückenden Ort zu entfliehen, suchte sie nach Möglichkeiten, dem Haus zu entkommen. Sie blieb oft länger in der Schule als nötig, erfand Ausreden wie Nachhilfestunden und verbrachte diese Zeit meist in der Bibliothek. Dort konnte sie sich ihrer großen Leidenschaft hingeben: der Archäologie, der Geschichte vergangener Kulturen sowie der faszinierenden Welt der Steine und Ausgrabungen. Mit einer fast schon unersättlichen Neugier verschlang sie jedes Buch, das sie finden konnte. Sie tauchte tief ein in Berichte über alte Zivilisationen, lernte von längst vergangenen Zeiten und verlor sich in Geschichten über vergessene Welten. In ihren Gedanken stand sie selbst an einer Ausgrabungsstätte, die Hände tief in der Erde vergraben, auf der Suche nach den Spuren einer fernen Vergangenheit. Diese Leidenschaft war für sie weit mehr als nur ein Hobby – sie war ihre Flucht aus dem eigenen Leben und zugleich ein Funken Hoffnung: die Hoffnung darauf, dass ihr Wissen und ihre Begeisterung sie eines Tages an einen anderen Ort führen würden. Einen Ort weit weg von hier – fernab von allem Bekannten und Belastenden.

Sie bot an, Einkäufe zu erledigen, sich um den Garten zu kümmern oder jede andere Aufgabe zu übernehmen, die ihr nur erlaubte, nicht dort sein zu müssen, wo er war. Jede Gelegenheit, die sie bekam, nutzte sie, um sich abzulenken und Abstand zu gewinnen, um nicht in seine Nähe zu geraten. Doch egal wie sehr sie versuchte, sich abzulenken oder sich in Beschäftigungen zu flüchten – irgendwann musste sie immer wieder zurückkehren. Die Zeit verging, und mit der einbrechenden Dunkelheit kehrten auch ihre Ängste zurück. Es wurde Nacht, und mit der Dunkelheit kam er zurück in ihr Leben, unaufhaltsam und bedrückend.

Mit fünfzehn Jahren war die Angst längst zu einer ständigen Begleiterin geworden, eine unsichtbare Präsenz, die sie nie losließ. Sie entwickelte ausgeklügelte Routinen und Verhaltensweisen, um sich so gut wie möglich zu schützen: Sie lauschte aufmerksam auf seine Schritte vor dem Betreten eines Raumes, vermied es um jeden Preis, mit ihm allein zu sein, und versuchte so gut es ging, seine Launen vorherzusehen. Manchmal klammerte sie sich an die Hoffnung und redete sich ein, dass es bald besser werden würde – dass sie nur noch ein paar Jahre durchhalten müsse und dann endlich frei sein könnte. Doch in den stillen Nächten, wenn sie sich ängstlich in ihre Decke krallte und spürte, wie er sich nahm, was er wollte, wusste sie tief im Inneren ganz genau, dass diese Hoffnung trügerisch war und sie sich selbst etwas vormachte. Die Realität war härter als jeder Traum von Freiheit.

Die Hoffnung, dass ihre Mutter doch noch bemerken würde, was vor sich ging, und ihr endlich zur Seite stehen würde, schwand mit jedem einzelnen Tag immer mehr. Anfangs hatte sie noch daran geglaubt, dass sich alles zum Guten wenden könnte, dass ihre Mutter die Zeichen erkennen und eingreifen würde. Doch die Tage verstrichen, und die Stille, das Schweigen und die Gleichgültigkeit ihrer Mutter ließen diese Hoffnung Stück für Stück zerbrechen. Sie fühlte sich zunehmend allein gelassen, als wäre sie in einem Labyrinth gefangen, aus dem es kein Entrinnen gab.

Dann kam der Tag vor ihrem sechzehnten Geburtstag – ein Tag, der eigentlich voller Vorfreude und Erwartungen hätte sein sollen. Doch an diesem Tag geschah etwas, das sie tief erschütterte und ihr eine Welle von Angst und Schrecken durch den Körper jagte. Ihr Onkel hatte gerade zusammen mit ihrer Mutter das Haus verlassen, sodass sie endlich ganz allein war. Die Stille im Haus schien plötzlich drückend zu sein, beinahe bedrohlich.

Sie beschloss, in die Küche zu gehen, um sich etwas zu trinken zu holen. Als sie am Küchentisch vorbeiging, fiel ihr Blick auf einen Stapel geöffneter Post. Zwischen den Briefen und Zetteln ragte ein einzelner Zettel heraus, der sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Obwohl der Absender verschwommen war und sie ihn nicht eindeutig erkennen konnte, stachen ihr die Worte „Geburtstagsgeschenk“ sofort ins Auge. Ein Gefühl von Neugierde überkam sie – langsam zog sie den Zettel aus dem Stapel heraus und begann zu lesen.

Der Inhalt ließ ihr Blut in den Adern gefrieren: Ihr Onkel hatte eine Reise für sie beide geplant – ein Wanderwochenende in den Bergen, weit weg von allem Bekannten und Vertrauten. Ein ganzes Wochenende nur für sie beide allein. Die Vorstellung eines solchen Ausflugs hätte im Normallfall Freude hervorrufen können, doch stattdessen breitete sich ein kalter Schauer über ihren Rücken aus. Ihr ganzer Körper spannte sich an, und ihr Herz begann heftig in ihrer Brust zu pochen.

Ein unheilvolles Gefühl kroch langsam in ihr hoch – ein Gefühl des drohenden Unheils, das sich kaum noch verdrängen ließ. Sie schreckte regelrecht zusammen bei dem Gedanken an diese Reise. Es war viel zu offensichtlich, viel zu durchschaubar. Diese scheinbare Geste der Zuwendung, dieser vermeintlich entspannende Ausflug in die Natur war nichts anderes als ein perfider Vorwand. Sie wusste genau, was ihr Onkel damit bezweckte – seine Absichten waren klar und unerträglich.

Mit jedem weiteren Gedanken daran wuchs ihre Angst ins Unermessliche. Die Furcht schnürte ihr die Kehle zu und ließ sie kaum noch atmen. Sie spürte die drohende Gefahr wie eine dunkle Wolke über sich hängen – eine Gefahr, vor der sie sich so sehr fürchtete, dass sie am liebsten davongelaufen wäre. Doch das Haus war leer, und niemand war da, der ihr helfen konnte. Die Einsamkeit verstärkte ihre Angst nur noch mehr und ließ sie verzweifelt zurück.

Wie konnte sie nur in einem Raum mit ihm sein, an einem Ort, von dem sie tief in ihrem Innersten wusste, dass er dort nur noch weiter in seine eigenen finsteren Absichten abdriften würde? Wie war es möglich, diese Reise zu überstehen, ohne sich selbst dabei völlig zu verlieren? Der bloße Gedanke daran, mit ihm ganz allein zu sein, lastete wie ein schwerer Stein auf ihrer Brust und erschlug sie förmlich. Ihre Hände begannen unkontrollierbar zu zittern, als sie den kleinen Zettel langsam und vorsichtig wieder auf den Tisch legte. Doch trotz der lähmenden Angst und des Schreckens wusste sie ganz genau, tief in ihrem Inneren: Sie musste jetzt handeln. Sie musste einfach etwas tun. Sie durfte nicht länger bleiben. Sie musste weg – weg von ihm, weg von dieser Bedrohung, die sich wie ein dunkler Schatten in ihrem eigenen Zuhause eingenistet hatte. Es gab keinen anderen Weg mehr. Sie konnte nicht bleiben. Sie durfte nicht bleiben.

Mit leisen Schritten schlich Elara zurück in ihr Zimmer, während ihre Gedanken unaufhörlich wirbelten und sich immer schneller drehten. Was sollte sie nur tun? Wohin konnte sie überhaupt gehen? Die Angst schnürte ihr die Kehle zu und lähmte sie beinahe vollständig. Doch gleichzeitig wuchs in ihr die Erkenntnis, dass sie handeln musste – und zwar sofort. Sie konnte nicht länger zögern, nicht länger abwarten. Sie musste so schnell wie möglich verschwinden.

Mit zitternden Fingern öffnete sie ihren Kleiderschrank und zog einen kleinen, unauffälligen Rucksack hervor. Nur das Nötigste durfte hinein: eine Hose, drei Blusen und einen Hoodie – mehr brauchte sie nicht. Es war wenig, aber es würde ausreichen für den Anfang. Sie wusste genau, dass sie nichts Wertvolles mitnehmen durfte; nichts, was ihre Flucht unnötig erschweren oder gar gefährden könnte. Vorsichtig griff sie nach ihrem Handy, doch entschied sich dann dagegen, die SIM-Karte mitzunehmen. Lieber würde sie sich später eine neue kaufen müssen – billig und unauffällig –, als jetzt irgendwelche Spuren zu hinterlassen oder entdeckt zu werden.

Ihr Blick wanderte zum Boden unter ihrem Bett, wo eine kleine, versteckte Dose lag. Mit einem leisen Seufzer zog sie diese hervor – dort zwischen dem Staub und den vergessenen Dingen befand sich das Geld, das sie über Jahre hinweg von diversen Babysitter-Jobs beiseitegelegt hatte: 400 Dollar. Es war kein Vermögen, aber es war genug – genug zumindest, um aus dieser Stadt herauszukommen und ein Stück weit Abstand zu gewinnen von allem, was sie so erdrückte. Vorsichtig griff sie nach dem Geldscheinbündel und drückte es fest in ihrer Hand zusammen, als wäre es der einzige Halt in diesem Moment voller Unsicherheit und Angst – ihr letzter Anker in einer Welt voller Dunkelheit.

Schnell und mit zitternden Händen packte sie den Rucksack, den sie aus der Ecke hervorgeholt hatte. Behutsam versteckte sie ihn hinter dem Haus, tief im dichten Gebüsch, wo niemand ihn entdecken konnte. Es durfte niemand auch nur den leisesten Verdacht schöpfte. Plötzlich vernahm sie das vertraute Geräusch von Autotüren, die mit einem dumpfen Knall ins Schloss fielen – ihr Onkel und ihre Mutter waren zurückgekehrt. Ihr Herz begann unaufhörlich schneller zu schlagen, der Druck in ihrer Brust wurde unerträglich. Sie musste sich unbedingt beherrschen, durfte keine Regung zeigen, keine Spur von Angst oder Aufregung. Mit einem gezwungenen Lächeln betrat sie die Küche, als ihre Mutter sie freundlich begrüßte, und antwortete ebenso gelassen, als wäre nichts geschehen. Gemeinsam setzten sie sich ins Wohnzimmer, wo man so tat, als sei alles wie immer – als würde in ihr nicht ein Sturm toben, als stünde sie nicht kurz davor, alles hinter sich zu lassen und in eine völlig unbekannte Zukunft aufzubrechen.

Als der Fernseher schließlich anging und ein Film begann, zog sich Elara wie jeden Abend in ihr Zimmer zurück. Doch heute war alles anders. Sie hielt den Atem an und legte vorsichtig ihr Ohr an die Tür, lauschte auf jedes noch so kleine Geräusch im Flur. Die Stille war überwältigend – eine beinahe beruhigende Bestätigung dafür, dass niemand dort war, dass er ihr nicht gefolgt war. Ein Gefühl von Erleichterung durchströmte sie. Jetzt oder nie – dachte sie bei sich. Ohne einen weiteren Moment zu zögern schlich Elara sich leise zum Fenster und kletterte vorsichtig hinaus in die Dunkelheit der Nacht.

Der kalte Boden unter ihren Füßen fühlte sich fremd an und doch zugleich befreiend. Sie bewegte sich langsam zum Gebüsch hinüber, griff nach dem Rucksack und zog ihn hervor. Mit jedem Schritt durch den dunklen Garten entfernte sie sich weiter von dem Ort, der für sie zur Falle geworden war. Der Nachthimmel spannte sich still und weit über ihr aus; die Sterne funkelten sanft wie stille Zeugen ihres Aufbruchs. Obwohl sie nicht wusste, wohin genau ihr Weg führen würde, spürte sie tief in sich drinnen, dass jeder einzelne Schritt sie ihrem einzigen Ziel näherbrachte – der Freiheit.

Noch einmal atmete sie tief durch, sammelte all ihren Mut und begann zu laufen. Sie lief ohne Pause, ohne Zögern, ohne sich auch nur einmal umzudrehen oder zurückzublicken. Gedanken an ihre Mutter oder daran, was aus ihr werden würde, verdrängte sie eisern. Denn wenn sie geblieben wäre, hätte sie sich selbst verloren – ihre Träume, ihre Hoffnung und vor allem ihre Zukunft. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Von Stadt zu Stadt

Seit jenem Zeitpunkt war sie vollkommen auf sich allein gestellt, ohne jemanden, der ihr beistand oder Schutz bot. Der erste Ort, den sie ansteuerte, war die große Stadt Atlanta. Sie hatte sich insgeheim erhofft, dass diese pulsierende Metropole sie einfach verschlucken würde – dass sie dort nur eine von vielen Gesichtern sein könnte, die unauffällig in der Menge untergingen, ohne dass jemand nach ihr fragte oder sie zur Rede stellte. In ihrem Inneren träumte sie von einem völligen Neuanfang, von einer Welt, die ihr bislang unbekannt war, und von Menschen, die nicht über sie urteilen würden.

Doch die Realität des Lebens auf der Straße erwies sich als weitaus härter und gnadenloser, als sie es sich jemals vorgestellt hatte. Die ersten Nächte verbrachte sie notgedrungen in kalten Wartehäuschen an Bushaltestellen, hinter verwaisten und verrammelten Läden oder versteckt in den dunklen Hinterhöfen von Restaurants. Hunger und Durst zwangen sie dazu, um Essen zu betteln oder ein paar Münzen zu schnorren – gerade genug für einen billigen Kaffee oder eine kleine Mahlzeit. Ihre Haut fühlte sich ständig schmutzig und klebrig an, als könne sie die Unsauberkeit nie ganz abschütteln. Gleichzeitig nagte das quälende Gefühl der Verlassenheit tief in ihrem Inneren. Es gab keinen sicheren Ort für sie, keine Wärme, keinen Trost – nur Kälte und eine allgegenwärtige Unsicherheit.

Die Tage verbrachte sie damit, sich notdürftig in den Toiletten von Tankstellen zu waschen oder sich mit Feuchttüchern zu reinigen, wenn es keine Möglichkeit gab, eine richtige Dusche zu finden. Die Stadt wirkte auf den ersten Blick riesig und überwältigend, doch gleichzeitig fühlte sie sich leer und unnahbar an. Doch mit der Zeit begann sie langsam zu lernen, wie sie in dieser neuen Umgebung überleben konnte. Sie fand kleine Unterschlüpfe dort, wo es möglich war, und entwickelte Strategien, um möglichst unsichtbar zu bleiben. Sie tauchte in der Menge unter, hielt sich stets im Schatten zurück und wusste doch genau: Die Gefahr lauerte überall.

Sehr schnell wurde ihr bewusst, dass Mädchen auf der Straße besonders verletzlich waren und oft leichte Beute für skrupellose Menschen wurden. Es gab Blicke, die viel zu lange auf ihr hafteten und ihr unangenehme Gänsehaut bereiteten; es gab Worte voller Hintergedanken und Männer, die vorgaben „helfen“ zu wollen, in Wahrheit aber nur versuchten, ihr näherzukommen oder ihre Nähe zu erzwingen. Einmal saß sie in einem kleinen Café, als ein älterer Mann sie immer wieder unverhohlen anstarrte. Schließlich senkte sie den Blick aus Angst und floh so schnell sie konnte hinaus auf die dunklen Straßen. Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust vor Panik und Unsicherheit. Während sie durch die Nacht rannte, dachte sie an das zurück, was sie zurückgelassen hatte – an das Leben vor all dem –, aber vor allem an die unaufhörliche Angst, die wie ein Schatten mit ihr ging und niemals ganz von ihrer Seite wich.

Sie zog weiter, immer weiter, ohne wirklich zu wissen, wohin die Reise sie noch führen würde. Von der geschäftigen Metropole Atlanta ging es für sie zunächst nach New Orleans, eine Stadt voller Leben und Musik, die jedoch für sie kaum mehr als eine Durchgangsstation war. Von dort aus führte ihr Weg weiter nach Houston, einer Stadt mit endlosen Straßen und Wolkenkratzern, die ihr ebenso wenig Halt bot wie die vorherigen Orte. Schließlich landete sie in Austin, bekannt für seine kreative Szene und seine entspannte Atmosphäre, doch auch hier gelang es ihr nicht, Wurzeln zu schlagen oder ein dauerhaftes Zuhause zu finden. In jeder dieser Städte versuchte sie aufs Neue, sich selbst neu zu erfinden, sich irgendwo niederzulassen – wenigstens für eine kurze Weile –, doch die Umstände ließen es nicht zu, dass sie wirklich ankam.

Das Leben auf der Straße war hart und unbarmherzig. Um irgendwie über die Runden zu kommen, nahm sie Gelegenheitsjobs an, die ihr wenigstens ein Minimum an Sicherheit verschafften. Sie arbeitete als Spülhilfe in einer lauten, verrauchten Bar, wo der Geruch von Bier und Fett in der Luft hing. Manchmal putzte sie Zimmer in einem abgelegenen Motel, das mehr Schatten als Licht kannte. Dann wieder stand sie hinter den Regalen eines Supermarkts und half aus, so gut es ging. Diese Jobs waren nie fest oder verlässlich; es gab keine garantierten Einkommensquellen und keine Aussicht auf Stabilität. Dennoch gaben sie ihr zumindest das kleine Stück Normalität zurück: die Möglichkeit, eine Nacht in einem Bett zu verbringen – wenn auch oft unbequem und fern von jeglichem Komfort.

Doch egal, wohin sie ging, die Gefahr war überall gegenwärtig und lauerte im Verborgenen. Einmal fand sie sich in einem Motel in Texas wieder, wo sie aus Angst vor einem betrunkenen Gast gezwungen war, sich in einer dunklen Abstellkammer einzuschließen. Sie hörte das aggressive Rütteln an der Tür und spürte die Bedrohung förmlich auf ihrer Haut. Ihr Atem stockte vor Panik, als die Tür erneut heftig gegen den Rahmen schlug. Erst als der Mann endlich weiterzog und ihre Sicherheit nicht mehr unmittelbar bedrohte, wagte sie es vorsichtig, die Tür einen Spalt zu öffnen und in die kalte Dunkelheit der Nacht zu entkommen. An einem anderen Ort, einem Motel in Louisiana, hatte ein Restaurantbesitzer ihr beim Übergeben des Lohns unwillkommen und respektlos an den Oberschenkel gefasst. Sie hatte nichts gesagt – aus Angst und Scham –, nur ihre Faust fest um das Geld geballt und sich so schnell wie möglich aus der Stadt entfernt.

Ihre Sinne waren stets geschärft; ihre Augen blickten wachsam umher, ihre Ohren lauschten aufmerksam auf jedes Geräusch. Sie hatte gelernt, sich unauffällig zu bewegen, jede Form von Blickkontakt zu vermeiden und sich wie ein Schatten durch Menschenmengen hindurchzuschleichen. Es war eine Überlebensstrategie: so unsichtbar wie möglich zu sein, um nicht aufzufallen oder zur Zielscheibe zu werden. Ihre Schritte waren leise und vorsichtig gesetzt, jede Bewegung wohlüberlegt und bedacht. Doch trotz aller Vorsicht war da immer diese nagende Angst tief in ihrem Inneren. Ihr Herz begann jedes Mal schneller zu schlagen, wenn sie allein mit einem Mann in einem Raum war. Jedes Mal, wenn hinter ihr eine tiefe Stimme erklang oder schwere Schritte näherkamen, schoss ihr Puls unkontrolliert nach oben – ein ständiger Begleiter in ihrem Leben voller Unsicherheit und Furcht.

Sie wusste nur zu gut, dass nicht alle Männer wie ihr Onkel waren – nicht jeder war grausam oder verletzend. Dennoch hatten die Narben, die er in ihr hinterlassen hatte, eine tiefe, unsichtbare Präsenz in ihrem Inneren. Diese Wunden waren nicht äußerlich sichtbar, aber sie hatten sich fest in ihr Herz und ihre Seele eingebrannt. Ihr Körper schien sich an all das zu erinnern, was ihr Geist verzweifelt zu verdrängen versuchte. Die Erinnerungen an die Vergangenheit verfolgten sie unermüdlich, ließen sie nie los – egal, wo sie sich befand oder wie sehr sie versuchte, ihnen zu entkommen. Nie hatte sie das Gefühl, wirklich sicher zu sein; selbst inmitten von Menschen und scheinbar friedlichen Momenten spürte sie die ständige Bedrohung im Hintergrund.

Es gab jedoch seltene Augenblicke, in denen sie für einen kurzen Moment das Gefühl hatte, irgendwo ein kleines Stück Heimat gefunden zu haben. Vielleicht in einem kleinen Café oder einer Bar, wo freundliche Gespräche und ein ehrliches Lächeln von jemandem, der nichts von ihr wollte, ihr für einen Moment Trost spendeten. Ein netter Kellner in Houston etwa, der ihr nach ihrem ersten Job als Spülhilfe einen Teil seines Trinkgelds zusteckte – eine kleine Geste der Freundlichkeit inmitten ihrer Einsamkeit. Oder ein Verkäufer in Austin, der sie einmal fragte, ob sie Hilfe bei der Arbeitssuche benötigte und ihr damit zeigte, dass es auch Menschen gab, die ohne Hintergedanken halfen. Doch diese Momente waren immer flüchtig und vergingen schnell. Die Gewissheit darüber, dass sie weiterziehen musste und niemals lange an einem Ort bleiben konnte, lastete schwer auf ihr wie ein unsichtbarer Ballast.

So setzte sich ihre Reise fort – von Stadt zu Stadt, von einem unbekannten Ort zum nächsten. Mit jedem Schritt entfernte sie sich weiter von dem Leben und den Menschen, die sie einst kannte und zurückgelassen hatte. Doch trotz aller Veränderungen begleiteten sie die Schatten ihrer Vergangenheit unaufhörlich und ließen ihr keine Ruhe.

Seit nunmehr einem halben Jahr lebte sie in Miami – einer Stadt, die sich grundlegend von all den Orten unterschied, an denen sie zuvor gewesen war. Hier war es laut und heiß; die Luft war erfüllt vom Duft des Meeres gemischt mit Parfüm und Sonnencreme. Überall um sie herum bewegten sich Menschen mit sonnengebräunter Haut – die Schönen und Reichen genossen hier ihr Leben unter Palmen und glitzernden Lichtern. Doch zugleich gab es auch jene Verlorenen und Gebrochenen, die sich irgendwo zwischen den glänzenden Fassaden verloren hatten. Elara gehörte zu dieser letzten Gruppe.

Sie hatte ein kleines Zimmer in einem billigen Motel gemietet – schlicht und heruntergekommen, doch für sie besser als nichts. Das Bett quietschte bei jeder Bewegung und die dünnen Wände ließen jedes Wort aus den Nachbarzimmern durchdringen. In diesen Nächten wurde ihre Welt besonders schwer: Wenn die Stadt zur Ruhe kam und es still wurde um sie herum, kehrten die Erinnerungen zurück – begleitet von den immer gleichen Albträumen. Sie sah sich selbst vor ihrem inneren Auge: ihre Hände krallten sich verzweifelt in die Laken, kalter Atem hauchte ihr in den Nacken und das lähmende Gefühl völliger Bewegungsunfähigkeit überkam sie wieder und wieder.

Jedes Mal erwachte sie mit rasendem Herzen und schweißgebadet aus diesen Träumen. Doch trotz all dieser Qualen ging der Tag danach weiter – als wäre nichts geschehen. Die Welt drehte sich weiter und verlangte von ihr Stärke und Durchhaltevermögen, auch wenn sie innerlich zerbrach.

Zurück in der Gegenwart

Elara saß noch immer auf dem schmalen Bett in dem kleinen, spärlich eingerichteten Motelzimmer. Der kalte Wind, der durch das undichte Fenster hereinpfiff, ließ sie frösteln, doch nicht nur die Kälte hielt sie wach – es war vor allem der Albtraum, der sie so heftig aus dem Schlaf gerissen hatte, dass ihr Herz noch immer rastete und ihre Gedanken wirr umherschwirrten. Noch benebelt von den düsteren Bildern und dem beklemmenden Gefühl, das der Traum hinterlassen hatte, zog sie die dünne Decke enger um sich. Dabei streifte sie unwillkürlich die kleine Halskette, die sie stets bei sich trug – ein filigraner Anhänger in Form eines Einhorns, der an einem feinen Faden um ihren Hals hing. Instinktiv griff sie nach dem kühlen Metall, fühlte die glatte Oberfläche des Anhängers zwischen ihren Fingern. Dieses kleine Schmuckstück war für sie viel mehr als nur ein Accessoire; es war ein Anker inmitten all der Unsicherheiten, eine Verbindung zu einer Vergangenheit, die längst verblasst schien.

Der Anhänger baumelte sanft und fast zärtlich in ihrer Handfläche. Er war das letzte greifbare Relikt aus einer Zeit, die Elara kaum noch zu greifen vermochte – eine Zeit voller Hoffnungen und Versprechen. Ihr Vater hatte ihr diese Kette an einem jener magischen Sommerabende geschenkt, als die Welt noch voller Möglichkeiten schien und das Leben unendlich erschien. Damals glaubte sie fest daran, dass Liebe und Geborgenheit unerschütterlich seien, dass sie für immer bei ihr bleiben würden. Für einen kurzen Moment schloss Elara die Augen und ließ sich von dieser Erinnerung tragen: Sie sah sich selbst als kleines Mädchen wieder, das im warmen Licht der untergehenden Sonne im Garten saß. Im Hintergrund hörte sie das vertraute Lachen ihres Vaters, spürte die behagliche Wärme auf ihrer Haut und fühlte sich geborgen wie nie zuvor. Doch diese Erinnerung verblasste allmählich, wurde von den dunklen Schatten der Gegenwart überlagert und verschwand schließlich hinter einer Mauer aus Sorge und Angst.

Inzwischen lebte Elara von Aushilfsjobs im Sunnys Dinner, einem kleinen Lokal, in dem sie unregelmäßig Schichten übernahm – wann immer es möglich war oder jemand ausfiel. Das Einkommen reichte gerade so aus, um die Miete für ihr winziges Motelzimmer zu bezahlen, ein paar Dosen Suppe zu kaufen – wobei sie diese oft kalt essen musste, weil sie keinen Herd besaß – und gelegentlich etwas Wasser für den Monat zu besorgen. Doch trotz all dieser Mühen fühlte sie sich nie wirklich sicher oder geborgen. Jede einzelne Rechnung schien wie eine drohende Last über ihr zu schweben, jede Preiserhöhung brachte ihre ohnehin fragile finanzielle Lage zum Wanken und löste Panik in ihr aus. Wenn es nötig war, nahm sie zusätzliche Stunden bei einer Reinigungsfirma an oder half in einem kleinen Laden beim Einräumen der Regale – oft auf Bitten hin und egal wie erschöpft sie war. Eine Schicht abzulehnen konnte sie sich schlichtweg nicht leisten.

Elara war sparsam bis zur Selbstaufgabe geworden. Frühstück fiel meist ganz aus; wenn überhaupt einmal jemand im Diner Reste zurückließ, schnappte sie sich schnell einen Teller davon, bevor der Koch alles wegwarf. Manchmal waren es nur ein halbes Sandwich oder ein paar kalte Pommes oder vielleicht eine angefangene Portion Pancakes – doch Elara ekelte sich längst nicht mehr davor. Der Hunger war schlimmer als jeder Stolz oder Ekelgefühle. Mittag- und Abendessen bestanden meistens aus einem einfachen Teller kalter Dosensuppe – sofern das Geld für zwei Portionen reichte. Oft aß sie nur eine Portion und sparte den Rest für den nächsten Tag auf. Sie wusste nie genau, wie lange das wenige Geld noch reichen würde; deshalb musste sie jeden Cent zweimal umdrehen – selbst beim Essen gab es keinen Spielraum für Verschwendung oder Genuss. Jeder Tag war ein Kampf ums Überleben in einer Welt, die ihr kaum eine Chance zu geben schien.

Ihre Kleidung war abgenutzt und zeugte von einem Leben, das von Entbehrungen geprägt war. Alte Shirts, die sie aus Wohlfahrtsläden gezogen hatte, hingen schlaff an ihrem Körper, ihre Farben längst verblasst und die Stoffe dünn geworden. Ihre Schuhe waren schon seit langem durchgelaufen, die Sohlen an mehreren Stellen dünn und teilweise sogar leicht aufgerissen. Es gab keinen Raum für neue Anschaffungen, keine Möglichkeit, sich etwas zu gönnen oder gar modische Kleidung zu kaufen. Sie kaufte nichts, was nicht absolut notwendig war – kein Luxus, kein Vergnügen. Selbst ein einfacher Kaffee für zwei Dollar erschien ihr als ein unerschwinglicher Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Jeder Cent wurde sorgsam abgewogen und für die wichtigsten Ausgaben zurückgelegt. Dennoch war ihr bewusst, wie zerbrechlich ihre Lage war. Eine Krankheit, eine einzige verpasste Mietzahlung – und sie würde ohne Zweifel wieder auf der Straße landen, obdachlos und ohne Perspektive.

An diesem Morgen begann ihre Schicht im „Sunny’s Diner“ bereits um sieben Uhr. Noch bevor die Stadt richtig erwachte, machte sie sich auf den Weg dorthin. Sie ging zu Fuß, obwohl der Weg fast 40 Minuten dauerte. Busfahrkarten waren ein weiterer Luxus, den sie sich schlichtweg nicht leisten konnte. Der Monat neigte sich dem Ende zu und bisher hatte sie erst fünf Schichten gearbeitet – nicht genug, um wirklich über die Runden zu kommen, aber besser als nichts. Die Arbeit als Kellnerin bei Sunny’s bedeutete zumindest, dass sie einen Teil ihrer Rechnungen bezahlen konnte und so dem Albtraum des völligen finanziellen Zusammenbruchs ein kleines Stück weit entkam. Doch die Arbeit war hart: lange Stunden auf den Beinen stehen, schmutziges Geschirr stapeln und immer wieder das erzwungene Lächeln aufsetzen – egal wie erschöpft sie war oder wie sehr ihr Körper schmerzte.

Auf ihrem Weg zur Arbeit nahm sie die übliche Route durch den Park. Es war noch früh am Morgen und der Park lag fast menschenleer da; nur vereinzelt waren andere Frühaufsteher unterwegs oder Jogger in der kühlen Morgenluft. Sie setzte sich für einen Moment auf eine der alten Holzbanken am Wegesrand, um kurz die Stille zu genießen und Kraft zu schöpfen. Der Himmel über ihr war noch von einem blassen Grau bedeckt, das langsam aber sicher in ein warmes Gelb überging – das verheißungsvolle Licht eines neuen Tages. In diesem ruhigen Augenblick konnte sie für einen Moment ihre Sorgen beiseiteschieben und die Gedanken an ihre Vergangenheit vergessen.

Überall lagen Zeitungen verstreut auf dem Boden, vom Wind durcheinandergewirbelt und zerknittert. Sie griff nach einer der Blätter und begann gedankenverloren darin zu blättern. Die Schlagzeilen über lokale Kriminalität – immer wieder dieselben Geschichten von Diebstählen, Streitereien und kleinen Dramen – hinterließen bei ihr keine Regung mehr. Alles schien in dieser Stadt festzustecken; nichts Neues kam hinzu, kein Lichtblick am Horizont – nur das ständige Wiederholen desselben gewohnten Wahnsinns. Doch dann fiel ihr Blick auf eine kleine Annonce in einer Ecke der Seite. Ihre Augen weiteten sich plötzlich, als sie die Worte las:

„Haushaltshilfe & Kindermädchen gesucht – Wohnmöglichkeit inklusive.“

Elara hielt kurz inne. Sie wusste nur zu gut, dass ihre Chancen äußerst gering waren. Wer würde schon ein Mädchen wie sie einstellen? Ohne Ausbildung, ohne familiären Rückhalt, ohne jegliche Absicherung. Doch der Gedanke, endlich einen festen Platz zu finden – einen Ort, an dem sie bleiben konnte – schenkte ihr einen Funken Hoffnung. Ihr Herz schlug schneller, als sie die Telefonnummer in der Anzeige entdeckte: eine Möglichkeit, zu entkommen und neu anzufangen.

Sie griff nach ihrem Handy, dem einzigen kleinen Luxus, den sie sich noch erlaubte, um für Gelegenheitsjobs erreichbar zu bleiben. Ihre Hände zitterten leicht beim Eintippen der Nummer, doch dann hielt sie inne. Sie wusste genau, dass ihre Chancen minimal waren. Die Stelle würde sicher an jemanden vergeben werden, der mehr Erfahrung mitbrachte, der nicht so war wie sie. Aber sie hatte genug – genug von den heruntergekommenen Motels, genug von der ständigen Angst.

„Du musst jetzt wirklich anrufen“, murmelte sie sich selbst zu.

Noch eine Weile schwebten ihre Finger über dem Display, doch schließlich steckte sie das Handy wieder weg. Mit einem Seufzer erhob sie sich, steckte die Zeitung in ihre Tasche und machte sich auf den Weg zum Diner.

Das „Sunny’s Diner“ war eines dieser typischen Lokale mit roten Lederbänken, dem Duft von gebratenem Speck und einer Kaffeemaschine, aus der der Kaffee nie versiegte. Hier arbeitete sie seit vier Monaten immer dann, wenn eine Schicht frei war und sie einspringen konnte. Sie schenkte Kaffee ein, servierte Pancakes, wischte Tische ab und spülte Geschirr – besser als nichts.

Während sie Tabletts balancierte, Teller abräumte und Bestellungen entgegennahm, fiel ihr Blick immer wieder auf ihren Rucksack. Die Zeitung steckte noch darin. Immer wieder starrte sie darauf, als könnte sie dort die Antwort finden.

Ich sollte es tun.

Ihre Finger glitten über den Stoffrand ihrer Schürze, dann griff sie nach dem Handy in ihrer Tasche.

Nicht jetzt.

Drei Stunden später stand sie an der Kaffeemaschine und blickte auf die dampfende Tasse Kaffee vor sich. Das Handy lag direkt daneben. Sie nahm es in die Hand, tippte erneut die Nummer ein – inzwischen hatte sie sie auswendig gelernt durch das viele Eingeben – und löschte sie wieder.

Zehn Minuten später versuchte sie es erneut.

Haushaltshilfe & Kindermädchen. Feste Anstellung. Unterkunft inklusive.

Ihr Daumen schwebte über dem grünen Anruf-Button…

Was, wenn sie mich nicht wollen? Diese Frage nagte unaufhörlich an ihr, während sie zögernd den Sperrknopf ihres Handys drückte und das Gerät langsam in ihre Tasche gleiten ließ. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus, eine Mischung aus Angst und Unsicherheit, die sich kaum abschütteln ließ.

Es war Mittagszeit, und das kleine Diner füllte sich allmählich mit Gästen, die laut plaudernd und lachend ihre Mittagspause genossen. Sie bewegte sich flink und routiniert zwischen den Tischen hindurch, brachte frische Bestellungen an die Plätze der hungrigen Kunden und wischte gewissenhaft die Oberflächen ab. Doch trotz der geschäftigen Atmosphäre um sie herum waren ihre Gedanken weit entfernt – immer wieder kehrten sie zurück zu der Stellenanzeige. Immer wieder griff sie nach ihrem Handy, nur um es dann wieder enttäuscht sinken zu lassen.

Als ihre Schicht endlich vorbei war, fühlte sie sich erschöpft bis in die Knochen. Sie ließ ihre schweißnasse Schürze achtlos in den Spind fallen und atmete tief durch, als wolle sie damit auch all die Zweifel aus ihrem Inneren vertreiben. „Jetzt oder nie“, murmelte sie leise vor sich hin, als wolle sie sich selbst Mut zusprechen.

Draußen empfing sie die warme Nachmittagssonne, und sie lehnte sich gegen die raue Hauswand des Diners. Das Handy zog sie wieder hervor, das kleine Gerät wirkte plötzlich schwerer in ihrer Hand als zuvor. Elara starrte auf das Display; ihre Finger schwebten unsicher über der Anruftaste. Ein leichtes Zittern verriet ihre Unsicherheit und Nervosität. Für einen kurzen Moment schien alles stillzustehen – als hielte die Welt den Atem an und wartete gespannt auf ihre Entscheidung. Doch dann glitten ihre Finger wieder über den Bildschirm, ohne dass sie weiterkam. Ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Brust, dass es ihr fast den Atem raubte. Die Worte, die sie sagen wollte, verhedderten sich in ihrem Kopf zu einem dichten Netz aus Ängsten und Zweifeln, das es ihr unmöglich machte, klar zu denken.

Die Stille um sie herum war beinahe greifbar – ein schwerer Moment voller Spannung und Erwartung. Sie atmete tief ein; der tiefe Luftzug brannte kurz in ihren Lungen und riss sie zurück in die Realität. Ihre Gedanken rasten: Was, wenn sie abgelehnt wird? Was, wenn alles genauso endet wie bei den vielen anderen Bewerbungen zuvor? Die Angst vor dem Scheitern schien überwältigend.

Doch dann sammelte sie all ihren Mut, ballte die Hand um das Handy fest zusammen – klamm vor Nervosität – und drückte mit einem entschlossenen Ruck die Anruftaste.

Das monotone Piepen der Wählmaschine durchbrach die Stille des Nachmittags auf markante Weise. Herzschläge und Freizeichen verschmolzen zu einer Brücke zwischen einer sicheren, aber leeren Insel voller Zweifel und der unbekannten Weite der Ungewissheit.

„Christine Bennett am Apparat, hallo?“, ertönte schließlich eine freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Kapitel 2 – Das Bewerbungsgespräch

Elara hielt den Atem an, als die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung erklang. Es war eine Frau, deren gelassener Ton ganz anders war, als sie es sich in Gedanken ausgemalt hatte.

„Hallo, ähm, hier spricht Elara … Monroe.“ Den Nachnamen hatte sie sich im letzten Moment ausgedacht. „Ich habe Ihre Anzeige für die Stelle als Kindermädchen in der Zeitung gesehen und wollte fragen, ob die Position noch frei ist?“ Ihre Stimme klang rau und unsicher.

„Ja, die Stelle ist noch zu vergeben“, antwortete die Frau am Telefon, nun mit leicht gesteigertem Interesse. „Könnten Sie mir etwas mehr über sich erzählen? Wie alt sind Sie?“

„Ich bin 18“, sagte Elara schnell, ohne lange zu überlegen. Die Wahrheit hätte ihr hier vermutlich nicht geholfen, und da sie in wenigen Monaten tatsächlich 18 werden würde, erschien ihr die kleine Unwahrheit vertretbar. Viele Familien bevorzugten sicherlich Bewerberinnen mit mehr Erfahrung, doch Elara wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. Sie brauchte diesen Job, um ihrem bisherigen Leben zu entkommen.

„18 also“, kommentierte die Frau nachdenklich. „Und was haben Sie in letzter Zeit gemacht?“

„Ich habe als Kellnerin gearbeitet und in verschiedenen Haushalten geputzt und geholfen. Ich weiß, wie man Ordnung hält, kann gut kochen und komme gut mit Kindern zurecht. In der Schule habe ich oft auf die Kinder meiner Nachbarn aufgepasst, wenn deren Eltern ausgegangen sind. Das hat mir immer Freude bereitet“, erklärte Elara, ohne weiter auf ihre Vergangenheit einzugehen.

„Haben Sie bereits in einer festen Anstellung als Kindermädchen gearbeitet?“

„Nein, aber ich habe häufig lange Schichten übernommen – auch über Nacht. Ich bin zuverlässig, liebe den Umgang mit Kindern und denke, dass ich mich gut in diese Aufgabe einarbeiten kann.“

„Das klingt vielversprechend“, sagte die Frau nachdenklich. Nach einem kurzen Zögern fügte sie hinzu: „Hätten Sie morgen Zeit für ein persönliches Gespräch? Sagen wir gegen 14 Uhr?“

Erleichtert atmete Elara aus. „Ja, das passt mir gut.“

„Sehr schön. Ich schicke Ihnen die Adresse per Nachricht. Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen, Elara.“

„Ich mich auch. Vielen Dank, Mrs. Bennett.“

Als sie auflegte, blieb Elara noch einen Moment regungslos stehen. Ein Vorstellungsgespräch – ein erster Schritt in eine neue Zukunft. Kaum zu fassen.

Stunden der Selbstzweifel

Die Stunden bis zum Bewerbungsgespräch zogen sich quälend langsam dahin, und doch vergingen sie für Elara viel zu schnell, als könnte die Zeit sich nicht entscheiden, ob sie ihr gnädig sein oder sie noch mehr unter Druck setzen sollte. Am Vorabend, nachdem sie ihre Schicht beendet und erschöpft ins kleine, spärlich eingerichtete Motelzimmer zurückgekehrt war, hatte sie alles versucht, um Ruhe in ihre Gedanken zu bringen. Doch egal wie sehr sie sich bemühte, ihr Geist kreiste unaufhörlich um das bevorstehende Gespräch – eine Mischung aus Hoffnung, Angst und Selbstzweifeln, die wie ein schwerer Nebel über ihr schwebte.

Was, wenn sie sich verhaspelte? Wenn die Worte einfach nicht aus ihrem Mund fließen wollten und sie dadurch einen schlechten Eindruck hinterließ? Was, wenn Mrs. Bennett ihre Unsicherheiten sofort bemerkte und kein Interesse daran zeigte, ihr eine Chance zu geben? Und was, wenn sie sich mit der Tochter der Familie nicht verstand? Diese Gedanken nagten an ihr wie kleine, unaufhörliche Stiche.

Elara legte sich schließlich auf das knarzende Bett des Motels, dessen Matratze jeden ihrer Bewegungen lautstark quittierte. Sie versuchte einzuschlafen, doch die Nervosität ließ ihr keine Ruhe. Immer wieder drehte sie sich von einer Seite auf die andere, wälzte sich in den dünnen Laken und starrte mit weit aufgerissenen Augen an die vergilbte Decke des kleinen Raumes. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss und hoffte, Ruhe zu finden, tauchten unwillkürlich Bilder aus ihrer Vergangenheit vor ihrem inneren Auge auf – die dunklen Flure ihres alten Zuhauses mit den Schatten der Erinnerungen, die Worte und Berührungen ihres Onkels, die ihr so viel Angst bereitet hatten. Dieses Gefühl von Bedrohung hatte sich tief in jede Faser ihres Körpers eingegraben und ließ sie nicht los. Verzweifelt zwang sie sich dazu, an etwas anderes zu denken. Sie konzentrierte sich auf die sanfte Stimme von Christine am Telefon – diese freundliche Frau hatte ihr den Termin angeboten und damit eine Tür geöffnet. Doch selbst der Gedanke an Christine konnte das beklemmende Gefühl in ihrer Brust nicht vertreiben.

Irgendwann in den frühen Morgenstunden, kurz bevor das erste Licht der Morgendämmerung zaghaft durch das Fenster drang, fiel Elara in einen unruhigen Schlaf. Doch dieser war nur von kurzer Dauer: Wenige Stunden später erwachte sie schweißgebadet und mit einem rasenden Herzen aus ihrem üblichen Albtraum. Der Wecker blinkte gnadenlos 7:42 Uhr – nur noch wenige Stunden bis zum entscheidenden Gespräch.

Mit zitternden Fingern rieb sie sich das Gesicht und zwang sich mühsam aus dem Bett. Schwäche durfte sie sich keine erlauben; jetzt zählte nur noch Stärke und Fokussierung. Nachdem sie geduscht hatte, stand sie vor dem winzigen Spiegel im Badezimmer und betrachtete ihr Spiegelbild mit einem kritischen Blick. Ihre Haut wirkte blass und fahl, unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Schatten ab – Spuren der schlaflosen Nacht. Ihr Haar war noch feucht und fiel in wilden Wellen ungebändigt um ihr Gesicht. Sie fuhr mit den Fingern hindurch und seufzte leise. Es war lange her gewesen, dass sie sich wirklich Gedanken um ihr Äußeres gemacht hatte – nicht etwa weil es ihr gleichgültig gewesen wäre, sondern weil es in ihrem bisherigen Leben schlichtweg keine Rolle gespielt hatte. Doch heute musste alles anders werden; heute musste Elara zeigen können, wer sie wirklich war – oder zumindest wer sie sein wollte.

Aber heute wollte sie einen guten Eindruck hinterlassen. Sie durchwühlte ihren Rucksack und fand schließlich ein schlichtes, schwarzes Top sowie eine einigermaßen ordentliche Jeans. Nichts Besonderes, doch es würde ausreichen. Ihre Haare band sie zu einem lockeren Zopf zusammen, wischte sich mit einer zitternden Hand über die Wangen und versuchte, ihr Spiegelbild zu ignorieren.

Nach einem hastigen Schluck aus der Wasserflasche, die sie sich am Vorabend gekauft hatte, schnappte sie sich ihre Tasche und machte sich auf den Weg zu 148 Ocean Breeze Drive, Miami Beach.