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SWR Bestenliste September 2025 »Ein exquisiter, minutiöser, kraftvoller Roman«David Mitchell Vor der Küste Mexikos werden zwei Männer in ihrem Fischerboot in einem Sturm auf die offene See getrieben. Wie schon in »Das Lied des Propheten«, geht es in diesem Roman von Booker-Prize Gewinner Paul Lynch um alles. Um Überlebenswillen, Einsamkeit und die menschliche Existenz im Angesicht der Katastrophe. Der Fischer Bolivar lebt ein einfaches, unbeschwertes Leben. Im Gegensatz zu seinen Kollegen beginnt er seinen Tag meist erst mittags, raucht viel und trinkt Bier bei Rosa, der Frau, in die er verliebt ist. Er will gerade zu seinem Fang aufbrechen, als er von den Dorfbewohnern vor einem aufkommenden Sturm gewarnt wird. Aber Bolivar fährt entgegen jeder Vernunft an diesem Tag zur See. Er nimmt Hector mit, einen jungen Fischer, der das zusätzliche Geld gut gebrauchen kann, das Bolivar ihm für das Wagnis bietet. Obwohl er Angst vor dem Sturm hat, lässt er sich auf den Job ein. Als sie der Sturm aufs offenen Meer treibt, blicken sie gemeinsam – und doch jeder für sich – dem Untergang ins Auge. »Jenseits der See« zeichnet ein eindringliches Bild der menschlichen Psyche und geht der Frage nach, wie man es schafft, die Hoffnung in einer aussichtslosen Situation nicht zu verlieren.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2025
Paul Lynch
Jenseits der See
Roman
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart
Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Beyond the Sea« im Verlag Oneworld, London
© 2019 by Paul Lynch
Für die deutsche Ausgabe
© 2025 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten
Cover: Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München
unter Verwendung des Originalentwurfs © Ben Summers for Oneworld Publications
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-96688-6
E-Book ISBN 978-3-608-12485-9
Für meinen Sohn Elliot
und meinen Vater Pat,
erst Seemann, dann Küstenwache
Wer weiß schon, ob das Leben Tod sei
oder der Tod das Leben?
– Euripides
Nicht der Traum von einem Sturm folgt Bolivar in die Stadt, vielmehr sind es am Vorabend mitgehörte Worte, vielleicht in Gabrielas Bar, die ihm nun ein Traumgefühl geben. Er glaubt, es hätte das Geplapper von Alexis oder José Luis sein können – wer weiß, das sind ja solche Stinkstiefel. Und dennoch hält sich dieses Traumgefühl. Es ist das Gefühl einer einst gekannten, nun aber vergessenen Welt, die von jenseits der See fragt.
In Sandalen folgt er der Straße über die wacklige Brücke. Vorbei an den leeren Cabanas am Strand. Vorbei dort, wo die nistenden Meeresschildkröten muschelgleich auf dem Strand liegen. Sein Blick schweift über die Lagune hinaus, wird dann aber zum Küstenstreifen gelenkt. Dort liegt ein angespülter Ölkanister, umringt von glitzernden toten popocha-Fischen. Er zieht die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und geht auf den Strand.
Er denkt, es ist doch bloß ein rundes Dutzend, trotzdem. Nicht mal die Bettler würden sie anfassen. In den Flüssen ist ein Übel, das niemand je erklären wird.
Er prüft die indigoblaue Dämmerung auf Ärger. Er prüft die Wolken und den Wind. Dass der Ozean eine Färbung hat, ist eine Lüge unter Männern. Er weiß nicht mehr, wer das gesagt hat. Denn das Meer birgt alle Farben, somit ist alles darin enthalten. Aber wer weiß schon, was man so hört.
Die weißen Plastikstühle in Rosas Café lehnen wie betrunkene Schlafende an ihren Tischen. Er haut gegen ein Netz voller Strandbälle, das an dem palapa-Dach hängt. Verdammt, sagt er. Angel wartet nicht. Er tritt einen Stuhl am Windschutz vorbei, und als er sich daraufsetzt, bricht die Lehne. Er betrachtet seine Hände, die auf der überhängenden Wampe ruhen. Solche Hände sind vielleicht zu groß, das hat er oft gedacht. Ein Handgelenk wie ein Unterarm. Ein Arm wie ein Schenkel. Ein Nacken wie Schultern. Aber was erwartet man sonst bei einem Fischer?
Er dreht den Kopf und brüllt: Rosa!
Von da aus kann er das Panga-Boot sehen, das er als seins betrachtet, allein und hoch auf den Strand gezogen. Der weiße Rumpf, darauf in türkis Camille gemalt. Angel ist nicht da. Er sieht die Geister zweier Männer, sein früheres Ich und Angel gestern Abend, wie sie auf dem Panga gesessen haben, mondgezeichnete Abbilder von Fischern, die inmitten von körperlosem Geschrei und dem fahlen, aus den Bars an der Meile geworfenen Licht Bier trinken.
Erneut ruft er Rosa, hört den verrückten Alexander, wie er wieder singt, die Stimme des Alten ein glashelles Tremolo. Er beugt sich vor, bis er ihn auf einer Kühlbox von unbestimmter, längst verblasster Farbe sitzen sieht. Mit blitzenden Nägeln flickt er vom Meer verschlissene Netze. Jeden Tag versucht Bolivar, nicht zuzuhören, trotzdem tut er es, denn solche Lieder wecken in ihm Gefühle, die er nicht erklären kann. Manchmal fast ein Schuldgefühl. Manchmal eines, vor langer Zeit gelebt zu haben, als hätte er das Leben eines anderen gelebt, und was soll man von so was halten?
Feiner Sand rieselt über die Matten. Er drückt einen Finger an die Nase und stößt Rotz aus. Rosa!
Auf ihrem hohen Bord betrachtet die Jungfrau von Guadalupe Bolivar, als wäre er eine Erscheinung, die sich durch den Perlenvorhang in der Tür schiebt. Da schläft Rosa in einer Hängematte, immer schläft sie. Er langt nach der Fernbedienung und macht den Fernseher an, es läuft ein Spiel vom Vorabend.
Rosa!, sagt er. Hast du Angel gesehen?
Die Frau regt sich mit einem gereizten Laut. Sie schwingt sich aus der Hängematte, die Füße schlackernd, steht dann im Halbdunkel und bindet sich die Haare hoch. Bloß ihre Augen kann er sehen, als könnten sie das wenige Licht auf sich ziehen. Er blinzelt sie zweimal an, und ein alter Teil seines Denkens sieht sie als Hexe im Dunkeln, bis sie den Schirm hochrollt und ihr Körper seinen Ausdruck findet. Sein Blick folgt dem Licht, das auf ihren Bauch im losen Hemd fällt, auf ihre schimmernden Hände und Schenkel. Er sieht sie an, wie ein Mann eine Frau ansieht.
Ist Angel noch nicht aufgetaucht, Rosa?
Die Kiste Limonen, Bolivar. Hast du sie dabei? Gestern Abend hab ich dich drum gebeten.
Der ist mal da und dann wieder nicht. Ich hab bloß ein paar Limonen, und die nehm ich im Boot mit.
Wie Rosa offenbar bei allem seufzt, was sie tut. Ihr Körper ist Trauer, als sie sich zum Kühlschrank beugt. Sie holt zwei Flaschen Bier heraus, das Wiederaufrichten ist von einer Mattigkeit, die zu einer so jungen Frau nicht passt. Ohne hinzusehen, öffnet sie die Flaschen, die Augen bei einem fernen Gedanken weit jenseits der Lagune.
Bolivar trinkt einen langen Schluck, hält sie dabei fest im Blick. Aus dem Fernseher schallt Torjubel, und er beugt sich kurz durch die perlenverhangene Tür, dann wieder zurück und wischt sich dabei mit dem Handgelenk über den Mund.
Das glaubst du nicht, sagt er. Weißt du noch, das große Fischsterben letztes Jahr? Grad hab ich am Strand angespülte tote popocha gesehen.
Rosa mustert ihn kurz.
Sie sagt: Gestern Abend war einer da, der hat nach dir gefragt.
Was für einer?
Weiß ich nicht. Er hat gesagt, er schneidet dir die Ohren ab.
Der also.
Wer?
Ich hab was Blödes gemacht. Aber das regle ich.
Er sieht zu, wie sie beim Trinken das rechte Auge zukneift. Betrachtet den kühlen Backsteinraum, den sie bewohnt. Eine Hängematte und zwei Palmholzstühle, ein summender Kühlschrank. Leichter Schweißgeruch. Ihre Kleider an Nägeln aufgehängt.
Er langt nach ihrem Handgelenk, doch Rosa weicht zurück, die Worte kommen unbedacht aus seinem Mund.
Irgendwann mal, Rosa, solltest du mich heiraten. Gut, ich bin bloß ein Fischer. Aber ich zahl dir deinen Fernseher ab. Kauf dir vielleicht sogar einen Jeep. Ich kauf dir Möbel für deine Kleider. Ich geb dir so viele Limonen, wie du willst.
Rosa starrt auf seine sonnengebräunten Füße, die geflickten Plastiksandalen, die dicken, gespreizten Zehen. Am großen Zeh des linken Fußes fehlt der Nagel.
Als sie ihn anschaut, dreht Bolivar den Fuß nach innen.
Sie seufzt. Ich hab so viel zu tun, Bolivar. Die Limonen. Ich muss los.
Sie hören, wie Alexander vor sich hin lacht.
Bolivar wendet sich zur Tür, dann fängt der Alte wieder an zu singen.
Dieser Idiot, sagt er. Was der wieder für einen Blödsinn singt.
Rosa sagt: Diese Lieder singt man für die Knochen der Toten.
Bolivar zieht ein Stück Wandputz ab.
Das fällt hier ja schon auseinander, Rosa. Irgendwann mal tragen dich Wind und Meer davon.
Rosa zuckt die Achseln. Aber heute wohl nicht gerade.
Arturo! Boss! Bolivar tritt in Arturos Büro, dessen Front auf den Strand geht. Er holt tief Luft. In der auffrischenden Brise hängt der schwache Moder des Meers. Er ruft erneut und drückt die Kappe fest auf seinen Kopf. Ein Walkie-Talkie knistert, verweht zu einem fernen Rauschen. Arturo ist da, wo er immer ist, denkt er. Schläft in seinem Zimmer bei dieser Frau, guckt fern oder ist vielleicht schon bei Gabriela einen trinken und meckert über die, die ihm in die Taschen greifen wollen.
Er geht in den Hof, da hockt der kleine Arturo auf den Stufen. Der Junge ist ein direktes Abbild des Vaters oder dessen, was der früher mal gewesen sein mag. Das Gesicht mit der starken Stirn ein Zeichen des werdenden Mannes.
Wo ist der Boss? Ich brauch ihn gleich.
Der Blick des Jungen liegt leer auf Bolivar. Achselzuckend tippt er weiter auf sein Telefon.
Ist er da oder nicht?
Über ihnen geht eine Tür auf, und ein Kopf mit platten Haaren darauf erscheint. Arturo kommt barfuß die Zementtreppe herab und grüßt Bolivar mit einem Knautschgesicht. Bolivar mustert ihn. Arturo trägt wie jeden Tag das graue Unterhemd und rote Shorts. Bestimmt schläft er in den Sachen auch, sie sind zu seiner Haut geworden.
Arturo sagt: Komm mal mit, Porky, ich will dir was zeigen.
Bolivar folgt Arturo und steht vor einem pfauenfarbenen Allrad-Jeep. Arturo zeigt darauf.
Sieh dir das an, Porky. Sag, wer macht so was?
Bolivar folgt dem Finger des Mannes und geht in die Hocke. Er fährt mit der Hand über einen Kratzer, der mit einem Schlüssel tief in den Lack geritzt ist. Ein Schuldgefühl sickert ihm in die Haut, trotzdem weiß er genau, dass er’s nicht war. Er wühlt in seinem Hirn und stößt auf das Gefühl, dass es Angel war. Er steht auf, seufzt, drückt die Kappe fest und zieht am Bund seiner Shorts.
Das war bestimmt irgendein Besoffener. Oder einfach bloß so ein junger Bursche. Viele Jungs machen Ärger. Sag, Arturo, Boss, hast du Angel gesehen? Er ist nicht erschienen.
Arturo bedenkt Bolivar mit einem prüfenden Blick. Dann schließt er die Augen, und als sie wieder aufgehen, ruhen sie bekümmert auf dem Jeep.
Ich fasse es nicht, Porky. Nichts auf dieser Welt bleibt neu. Ich dachte, du warst gestern Abend draußen. Solltest heute zurückkommen. Warum bist du nicht mit den anderen raus?
Ruf ihn an.
Wen?
Angel.
Wozu?
Ich muss raus, aber wie kann ich das ohne Angel? Ich fische mit niemand sonst.
Arturo stößt lange die Luft aus und blickt auf das Aschgrau des Meers. Dann wendet er sich wieder dem Mann vor ihm zu und starrt ihn an.
Hör mal zu, Bolivar. Von Nordost kommt Sturm auf. Die Meldung ist raus. Sieh dir doch den Strand an. Die meisten Boote sind rausgezogen. Die übrigen kommen gerade rein.
Das stimmt nicht, Arturo. Ich hab drei Boote rausfahren sehen. Memos Boot und noch zwei.
Ja. Memo ist genauso verrückt wie du, Porky.
Ruf Angel an.
Hör mal, Bolivar. Niemand schickt dich raus.
Ruf ihn an.
Warum denn?
Bolivar ächzt, zieht an einem Ohr.
Hör zu, ich muss schnell Geld machen.
Ruf ihn doch selber an.
Bolivar zuckt die Achseln. Mein Handy ist alle. Ich hab kein Guthaben mehr. Die letzte Frau hat’s mitgenommen, als sie auf und davon ist. Sieh mal, ich bin doch bloß ein Fischer.
Arturo zieht ein Handy aus der Gesäßtasche und wählt mit zugekniffenen Augen. Kopfschüttelnd starrt er auf den Jeep, klickt weg, wählt eine andere Nummer.
He Skinny, ich hab hier Porky, der spielt gerade Taschenbillard. Hast du Angel gesehen? Sein Handy ist tot. Klopf doch mal bei ihm.
Bolivar betrachtet den Mann am Handy, betrachtet das Bild des Mannes, wie es sich im Glanz des Jeeps zeigt. Der Schimmer gewordene Mann, eine Reflexion des Willens, der die verschlingende Seele in ihm ist. Er betrachtet Arturos Gesicht, dessen Farbe sich in letzter Zeit vertieft hat, als zeigte sie eine Schattierung stockenden Blutes, von Blut, das einer letzten dunklen Farbe entgegengeht. Das Fleisch löst sich über den Knochen, denkt er. Man kann direkt zusehen.
Arturos Augen starren beim Hören ins Leere, die Augen blicken nicht direkt auf den Strand, auch nicht auf die Lagune, sondern darüber hinaus, jenseits der Surfer und der Krabbenfischer, jenseits des diesigen, unerreichten Horizonts.
Arturo nickt und legt auf.
Angel ist nicht zu Hause, Porky.
Vielleicht ist er ja krank oder tot oder so was. Du musst mir schnell jemanden besorgen. Und zwar einen guten.
Ich besorg dir wen, Porky. Aber warum kannst du denn nicht wie alle anderen auch rausfahren? Du kommst her, ich geb dir eine Hütte, und früher hast du immer gefischt, aber jetzt trinkst du stattdessen die Tage weg. Du glaubst an nichts. Du kümmerst dich um nichts, nur um dich selbst.
Das soll wahr sein?
Beweis mir, dass es nicht wahr ist.
Hör mal, Arturo, Boss. Was ändert’s, wann ich rausfahre, ob zu dieser oder jener Zeit? Okay, ich bin heute also nicht wie die anderen bei Sonnenaufgang rausgefahren. Aber ich mach’s halt, wie’s mir passt. Ich kenn die besten Stellen. Ich fahr weiter raus als alle anderen. Die fahren dreißig, vierzig Seemeilen raus. Die sind wie Kinder. Ich fahre hundert raus, wenn’s sein muss. Ich fahre bis ans Ende der Welt. Ich kenn keine Grenzen.
Porky. Da zieht ein Sturm auf, der wird richtig wehen.
Bolivar begutachtet den Himmel.
Für mich ist der gut.
Bolivar richtet sich vom Boot auf, als er Arturo mit einem langhaarigen jungen Burschen zu ihm kommen sieht. Er treibt sie mit Blicken an, schaut dann aufs Meer. Er lehnt sich hinaus und zieht einen Müllsack voller Eis ins Boot. Vom Rand seines Blickfelds aus mustert er den Jungen. Es steckt in dem schlaffen Gang des Jungen, denkt er. In den lockeren Armen und Handgelenken. Der gebeugten Statur. Der ist bestimmt so ein Insekt aus den Mangroven.
Er lehnt sich aus dem Boot und spuckt auf den Strand.
Als sie sich dem Boot nähern, fixiert Bolivar den Jungen, bis der den Blick senkt.
Dann sagt Bolivar, an Arturo gewandt: Wer ist das?
Er nimmt den Sack und leert das Eis in einen eins achtzig Meter langen Kühlkasten, der in der Bootsmitte liegt.
Das ist dein neuer Bootsgenosse, Porky. Sag Hallo, Hector.
Bolivar tritt um den Kühlkasten herum zum Heck, den Blick auf Arturo.
Besorg mir einen anderen, Boss. Der Kleine da hat doch vom Fischen keine Ahnung.
Er sieht, wie dem Jungen die Gesichtszüge entgleisen, sieht die stammelnde Zunge, wie Furcht die Augen leuchten lässt und die Glieder dirigiert, bis der Junge mit unsicheren Händen dasteht.
Bolivar knüllt den leeren Sack zusammen und wirft ihn auf den Strand.
Arturo sagt: Mal langsam, Porky. Hector hat jede Menge Erfahrung. Stimmt’s, Hector?
Er legt dem Jungen die Hand auf den Arm und drückt zu.
Hectors Zunge erwacht mühsam zum Leben.
Ich –– Ich hab letztes Jahr in Papas Boot die Lagune gemacht. Hab den Motor bedient. Hin und wieder zurück –– Hör mal. Interessiert mich nicht.
Arturo zerrt Hector am Arm.
Hector sagt: Okay. Was zahlt er?
Arturo nickt dem Jungen lächelnd zu.
Sein Vater ist ein Vetter von Ernesto, der mit meinem Bruder fischt. Ich hab ihn gerade am Strand entdeckt. Kannst ihm ja ein Paar Handschuhe leihen.
Bolivar tut, als würde er das kurz bedenken, tatsächlich aber betrachtet er den Dschungelhügel hinter der Stadt. Er hat ihn nie so richtig wahrgenommen. Wie er da liegt wie eine große, von der Natur zur Reglosigkeit gewobene Welle. Er betrachtet diesen Gedanken und findet ihn merkwürdig, stellt sich vor, wie er mit Rosa im Bett liegt. Stellt sich vor, dass er sie im Kühlkasten hat, der hat genug Platz für zwei, wär allerdings ein bisschen eng. Bis auf den Fischgeruch wär das die beste Nummer überhaupt.
Bolivar verschränkt die Arme und starrt den Jungen an.
Er sagt: In der Lagune fischen ist nicht fischen.
Hector zuckt die Achseln, befreit den Arm aus Arturos Griff und tut, als wollte er weggehen.
Er sagt: Ich hab noch anderes zu tun.
Bolivar betrachtet das Meer, wo Möwen über zwei nahenden Booten kreisen. Er senkt den Blick und sieht seine beiden Ohren, abgeschnitten im Sand liegen. Er dreht sich zu Arturo, der den Jungen am Ellbogen festhält.
Okay, Boss, sagt er, bloß dieses eine Mal. Ich muss schnell los. Ich zahl ihm dreißig.
Arturo sagt: Vierzig, Porky, vierzig.
Bolivar bückt sich, nimmt zwei leere Benzinkanister und drückt sie Hector in die Arme.
Er sagt: Geh damit zum Tank vom Boss und füll sie. Dann bring noch sechs.
Arturo sagt: He Porky, grade eben hab ich Daniel Paz gesehen. Er hat gesagt, letzte Nacht war was zwischen euch beiden.
Zwischen wem?
Dir und Angel.
Was meinst du damit?
Er hat gesagt, da ist was passiert.
Nichts ist passiert.
Doch.
Nö. Wir haben bei Rosa was getrunken und dann bei Gabriela, dann haben wir noch auf dem Boot getrunken, und dann bin ich nach Haus, vielleicht hat er ja weitergetrunken. Was weiß ich mit wem.
Und wo ist er dann?
Er ist zu seiner Mutter, Arturo. Er hat’s vergessen. Sie haben ihn verhaftet, weil er wieder vor dieser Polizistin die Flöte rausgezogen hat und gesagt hat, sie soll drauf blasen. Wie soll ich das wissen, Arturo? Ich bin bloß ein Fischer.
Er läuft mit behandschuhten Händen die Meile entlang, unter den Palmen, starrt auf die Füße. Das Geräusch eines aufheulenden Lasters dringt dunkel in seine Gedanken. Eine bekannte Gestalt konturiert sich vor ihm, spricht einen Gruß und geht vorbei. Es ist Daniel Paz, doch Bolivar schaut nicht auf. Er denkt an den Mann, der ihn sucht. Er denkt an seine Ohren. Er hebt den Blick über die Baumwipfel und über die Lagune hinaus. Es könnte schon stimmen, dass ein Sturm aufkommt, denkt er. Aber nach viel sieht’s nicht aus.
Bolivar geht zum Panga, er trägt zwei Eimer Sardinenköder. Sein Blick ist auf Hector gerichtet. Wie der Junge am Boot lehnt, ins Handy quatscht, die eine Hand locker, der kleine Mund lacht.
Bolivar denkt: Der ist immer noch so eine Art Insekt.
Hector schaut kurz auf, beendet dann das Gespräch, räuspert sich.
Hör zu, Bolivar, ich kann da nicht mit raus. Daniel Paz hat gesagt, es gibt Sturm.
Bolivar lacht. Was redest du da?
Hector lacht auch, doch das Lachen stockt unter den Augen. Dann spannt sich sein Mund. Er wischt sich die Haare aus den Augen, blickt Bolivar direkt an, sein Körper richtet sich von seinem schlaffen Ausdruck auf.
Bolivar nimmt die Hände von den Hüften und verschränkt die Arme, steht nun massig und unnachgiebig vor dem Jungen. Hectors Kinnlade spannt sich kurz, wird wieder locker. Er will sprechen, doch sein Blick senkt sich von Bolivars Gesicht, hin zu einem verblassten Namenstattoo auf Bolivars Unterarm, dann auf einen Bettler, gebeugt am Stock weiter draußen auf dem Strand. Als er spricht, blickt er zu Boden.
Hör zu, sagt er. Ich kann nicht, selbst wenn ich wollte. Ich hab nachher ein Spiel. Ich hab meiner Freundin versprochen, dass wir uns sehen.
Bolivar löst die Arme. Er zieht den linken Fuß aus der Sandale, bückt sich und wischt Sand von der Fußsohle, schlüpft wieder in die Sandale. Er sieht, dass Hector den nagellosen Zeh bemerkt. Er geht einen Schritt näher zu Hector, schaut auf dessen Ohren.
Was wollt ich dir zahlen?
Vierzig.
Ich geb dir sechzig.
Hectors Mund geht auf, die Zunge bewegt sich, doch kein Laut kommt heraus. Er steckt die Hände in die Taschen. Er zieht sein Handy heraus. Er dreht sich halb weg und tut, als tippte er darauf.
Dann sagt er: Bolivar, du bist verrückt.
Sag mir, Hector, was ist ein Sturm? Ein bisschen Wind, mehr nicht. Das Meer wird ein bisschen kabbelig. Echte Fischer sind so was gewöhnt. Mir ist noch kein Sturm begegnet, der mich unterkriegt. Wir fahren einfach raus und kommen einfach wieder rein. Kein Stress. Schau dir das Boot da an. Das ist das beste von allen hier. Ich hab mit dem Boss geredet. Er hört Radio. Er sagt, wie schwer es auch ist, es wird sich ziemlich schnell wieder legen. Davor muss man keine Angst haben.
Hectors Blick schwenkt auf jemand, der auf den Strand läuft.
Bolivar dreht sich um und sieht Daniel Paz und Arturo, der Boss fixiert ihn. Paz lacht über einen Scherz.
Bolivar geht einen Schritt näher zu Hector.
Hör zu, sagt er, ich geb dir die Hälfte meines Anteils. Das ist der Deal, den ich mit Angel habe. Was Besseres kriegst du nicht.
Hectors Blick fällt auf die zwei Männer, dann auf das Boot, schweift über das Meer bis dorthin, wo das Tageslicht in verblassender Farbe hängt.
Bolivar sieht, wie der Blick schlaff wird, die Schultern weich werden, wie die Hände unruhig in den Taschen stecken.
Bolivar flüstert: Die Hälfte.
Arturo schreit: Porky!
Bolivar dreht sich um und spricht schnell.
Nichts zu sehen hier, Boss. Wenn wir zurück sind, feiern wir tagelang wie die wilden Tiere. Stimmt’s, Hector?
Arturo bleibt stehen und betrachtet das Boot. Er schaut hinaus aufs Meer. Dann mustert er Hector und lächelt.
Der Typ, von dem du mir erzählt hast, Porky. Der, der Industriemüll loswerden kann. Mein Bruder kennt einen, der muss einen Kessel verdorbene Melasse loswerden.
Er wird Hände und Augen, Hände und Augen werden Meer. Das Boot schneidet einen Pfad durch den gefurchten Ozean. Er hat das Panga zwischen Küste und Lagune hindurchgesteuert. Vorbei an dünnbeinigen Watvögeln auf Sandbänken. Dann direkt in den Wind gedreht. Tiefliegend diesiges Meerlicht. Er zieht einen vorgedrehten Joint und ein gelbes Feuerzeug aus der Tasche. Beim Inhalieren denkt er an Rosa. Das nächste Mal bringst du aber Limonen mit.
Er betrachtet das endlose Wogen des Wassers, das keinen Ursprungsort hat. Betrachtet Hector, wie er am Dollbord lehnt, der Junge spuckt in den Wind, die Spucke huscht gleich einem Insekt. Bolivar spürt es zusehends unter der Haut, hier und da ein Jucken, es ist die immer tiefere Abneigung gegen den Jungen. Erst jetzt sieht Bolivar, was hinten auf den Pullover des Jungen gedruckt ist – ein Totenkopf.
Er denkt: Bestimmt lacht sich Arturo jetzt eins.
Bolivar starrt auf Hectors dünnen Versuch eines Spitzbarts. Dann lässt er ein Piratengrölen los.
Hector dreht sich verblüfft um, begegnet Bolivars schartenzahnigem, nussbraunem Grinsen.
Nach vierzehn Seemeilen auf dem GPS passiert er zwei Boote, die Richtung Land fahren. Erkennt eins davon als Ovidios, ein Streifen Gelb auf Weiß. Wie Ovidio dasteht, einen Fuß auf dem Dollbord, mit Finger und Daumen einen Pfiff ausstößt. Dann brüllt Ovidio zwei verwehte Wörter, doch Bolivar starrt stur geradeaus, als hätte er sie nicht gesehen. Hector winkt halb im Stehen, bis Bolivar eine Sardine aus dem Ködereimer nimmt und nach ihm wirft.
Er steuert das Boot und blinzelt gegen die feine Gischt. Ein Auge auf dem GPS, ein Daumen wischt die Scheibe. Genau das will er. Den ferneren Ozean. Salzgeschmack auf den Lippen. Wie die Zeit schwindet, indem die haarfeine Küste zurückweicht. Er versucht, das Meer zu lesen, doch sein Blick fällt immer nur auf Hector. Wie der Junge das Dollbord gepackt hält und dabei auf seinem Handy ein Netz sucht. Als Hector fragt, wie weit noch, hält Bolivar eine Hand ans Ohr und zuckt die Achseln. Er sieht, wie der Junge sich abwendet. Sieht, wie der Wind am Pferdeschwanz zerrt, die Haare in alle Richtungen wehen, wie Hector sie neu zusammenbindet. Bolivar nimmt die Baseballkappe ab und setzt eine Wollmütze auf, hängt die Kappe an einen Haken unterm Sitz.
Als Hector sich umdreht und ein zweites Mal fragt, schaut er ihn nur achselzuckend an. Da sieht er in Hectors Augen Wut aufblitzen. Bolivar dreht sich weg, hält aber zwei tabakbraune Finger hoch.
Noch zwei Stunden, sagt er.
Es ist Viertel nach fünf, als Bolivar den Motor abstellt.
Die Welt fällt in endlose Stille. Nur das Geräusch des Meers, das den Wind auf dem Rücken trägt. Den Ellbogen aufs linke Knie gestützt, schüttelt er die Steifheit aus der Ruderhand. Dann krümmt er die Finger um einen Joint.
Hector dreht sich ihm erwartungsvoll zu.
Bolivar zieht an dem Joint und holt unterm Sitz ein Paar graue Gummihandschuhe hervor. Er wirft sie Hector hin und stößt eine Rauchwolke aus.
Hector starrt auf seine Hände. Die Handschuhe sind zu weit.
Die Sonne sinkt hinters Meer.
Bolivar sagt: Jetzt fangen wir an.
Am Himmel Höhlen vergehenden Lichts. Beide Männer lösen sich in dem Dämmer auf, als sie mit dem Beködern der Haken fertig sind. Hector lässt die Leine gemächlich durch die Hand laufen, während Bolivar das Panga wendet. Er sieht die Schwimmer aus Reinigerflaschen zu trüben Quallen werden. Er schaut nach dem letzten Augenblick Licht, als es auf das Dunkel trifft, kneift die Augen zusammen und versucht, es zu sehen. Darüber hat er mit Angel eine Wette laufen, eines Tages werde ich ihn bestimmt sehen, den genauen Augenblick, in dem es passiert. Er stellt sich vor, dass er ein Geräusch macht – ein Ächzen oder Ploppen. Er stellt den Motor ab und horcht auf die Welt, als hätte ihn jähe Einsamkeit überfallen.
Bolivar schnippt eine Kippe über Bord und schaut empor, wo der Vollmond sich hinter Wolken verbirgt. Er nimmt die Batterielampe und schaltet sie an. Dann schnallt er eine Kopfleuchte aus Plastik über die Wollmütze. Wortlos essen sie Brot und gegarte Leber mit Zwiebeln. Bolivar träufelt ein paar Tropfen Salzwasser über sein Essen.
Er mustert Hector im Lampenschein. Wie der Junge über seiner Schale kauert und kleine Bissen nimmt. Wie der Mund leicht offen bleibt, die Kinnlade unterm Mund kurz. Er beugt sich vor, um besser zu sehen, meint, er habe es noch nicht richtig bemerkt. Das lange Gesicht, die kurze Kinnlade und wie das dem Gesicht etwas Gaffendes verleiht.
Hector beugt sich vor, um aus der Rolle von Bolivars Mütze eine Kippe zu ziehen.
Bolivar weicht zurück, sagt: Erst musst du fragen.
Hector sagt: Kann ich bitte eine Kippe haben, Porky?
Bolivar runzelt die Stirn und beugt sich vor.
Was hast du da gesagt?
Hector sagt: Bitte, kann ich eine Kippe haben?
Das hast du aber nicht gesagt.
Bolivar blendet den Jungen mit der Lampe, sieht zu, wie die Augen rätseln, der Schimmer eines unsicheren Gedankens über sein Gesicht huscht.
Hector sagt: Doch, das hab ich gesagt.
Du hast einen Namen gesagt.
Hector schluckt und betrachtet seine Füße. Er gräbt die Schuhspitze ins Deck. Schließlich schaut er Bolivar an.
Nennt dich nicht Arturo so? Porky?
Bolivar bedenkt Hector mit einem vernichtenden Blick, der in der Dunkelheit nicht zu sehen ist. Hector zieht an den Händen, langt dann langsam in die Tasche.
Er sagt: Magst du Schokolade?
Ich bin noch keinem begegnet, der keine Schokolade mag. Das ist das Einzige, worauf sich alle einigen können.
Willst du?
Nein.
Bolivar knipst die Batterielampe aus, die Welt fällt in endloses Dunkel. Er horcht auf die Verschlingung von Wind und Meer, meint, er könne Hector kauen hören. Die Zunge, die die Schokolade an den Zähnen zu Paste drückt, die kurze, mahlende Kinnlade.
Er denkt: Verdammt, Angel hätte Bier mitgebracht.
Etwas später sagt Hector: Bloß noch ein Monat bis Weihnachten.
