Jenseits des dunklen Horizonts - Andy Luxbender - E-Book

Jenseits des dunklen Horizonts E-Book

Andy Luxbender

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Beschreibung

Lilly hat kein leichtes Leben gehabt. Ein tyrannischer Vater, der auch noch Gemeindepastor ist und Frauen wie Besitz behandelt. Kaum konnte sie sich nach der Schule ins Pharmaziestudium retten und das alte Leben hinter sich lassen, kommt schon neuer Ärger. Antony und sein Freund Mark überrumpeln Lilly auch noch mit dem attraktiven Kevin, zu dem sie eine seltsame Anziehung fühlt. Als Lillys Mutter plötzlich krank wird, eskalieren ihre Probleme. Aus Geldnot und der Unfähigkeit, sich ihrem Vater stellen zu können, lässt sich Lilly mit ihrem neuen Freund von Antony zu einem übersinnlichen Abenteuer verführen. Doch statt nur das Selbstbewusstsein zu stärken, verändert sich alles und die Reise wird zum Höllentrip... Taucht ein in eine Welt von Göttern, Dämonen und Magie.

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Seitenzahl: 676

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Andy Luxbender

Jenseits desDunklen Horizonts

Pfade der Unsterblichen

Buch 1:

Erbschaft von Himmel und Hölle

© 2018 Andy Luxbender

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-4421-0

Hardcover:

978-3-7469-4422-7

e-Book:

978-3-7469-4423-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Prolog: „Ankunft“

Kapitel 1: „Als noch alles normal war…“

Kapitel 2: „Tauchgang in die Dunkelheit“

Kapitel 3: „Zweifel“

Kapitel 4: „Die etwas andere Weihnachtsfest“

Kapitel 5: „Die Horizontwelt“

Kapitel 6: „Trügerisches Utopia“

Kapitel 7: „Der Fall der Lilienblüten“

Kapitel 8: „Wiedersehen und Abschied“

Kapitel 9: „Worin die Freiheit ruht“

Kapitel 10: „Maß des Stolzes“

Prolog 2: „Erinnerungen an einen Neuanfang“

Kapitel 11: „Dunkle Zeichen“

Kapitel 12: „Überall und Nirgendwo“

Kapitel 13: „Mit Wolfspelzen in die Höhle des Löwen“

Kapitel 14: „Im Netz der Spinnen“

Kapitel 15: „Equilibrium“

Prolog: „Ankunft“

Kaum ein Lebender vermag in die Welt hinter dem Todesschleier zu blicken. Manch einer sucht nach Antworten im Glauben, ein Anderer in der Wissenschaft. Jedoch unabhängig von der Methode, bleibt die Ungewissheit jenseits der Beweisbarkeit.

Wenn sich einem aber die Möglichkeit zur Erkenntnis offenbart, würde man die Wahrheit wirklich wissen wollen? Selbst wenn diese für manch einen grausam erscheinen mag?

An einem regnerischen, kalten Oktoberabend sollte jedoch ein seltenes Ereignis stattfinden. Etwas von der „anderen Seite“ würde erneut in die lebende Welt sickern. Erwartungsvoll standen bereits drei verhüllte Männer direkt im inneren Kreis des verfallenen Stonehenge-Monumentes. Sie trugen Regenschirme und waren von langen Mänteln verdeckt, sodass man nicht mal ihre Gesichter richtig erkennen könnte. Der Boden war nass und matschig. Die Felsen glänzten im starken Regen. Nur ein einzelnes, leeres Auto parkte noch an der Straße in der Nähe. Der donnernden Himmel schien mit seinem lauten Grollen ein dunkles Omen zu verkünden.

Einer der Anwesenden hielt ebenfalls einen dicken, ledernen Aktenkoffer in seiner Hand. Die emotionsarmen Gesichter blickten zum Innersten des Stonehenge. Plötzlich tauchten Schlieren in der Luft auf, die sich im Zentrum des alten Monuments zu einer Konvergenz sammelten. Über den Oberflächen der großen Felsen leuchteten alte, keltische Glyphen. Eine widerhallende Stimme flüsterte langsam in einer arkanen, auf der Erde unbekannten, Sprache direkt in die Köpfe der Anwesenden: „(Ark.) Eure Aufgaben sind fast erfüllt… ICH werde diese Welt nun betreten… Das Wetter könnte allerdings einen Funken besser sein.“

Im nächsten Moment schlug ein Blitz direkt in die Mitte des Stonehenge-Phänomens ein und sein helles Ende öffnete ein kleines, im Regen dampfendes Portal. Eine durchsichtige Gestalt floss hindurch und nahm die Form eines in Roben vermummten Geistes an. Dessen körperlose, milchig durchsichtige Präsenz wurde nur durch die Lichtverzerrungen an seinen Rändern begrenzt. Der Unsichtbare hatte jedoch noch jemand im Schlepptau. Es war ein in grüne Tarnuniform vermummter Dämon mit kleinen Hörnern, dessen restliche Gestalt vollkommen menschlich erschien. Mit nur einer Hand schleuderte die Entität den sich wehrenden Gefangenen zu den wartenden Männern vor die Füße.

„(Altar.) Und Dämon? Wie fühlt es sich an, die Freiheit in einer essenzarmen Atmosphäre zu spüren?“, fragte die durchsichtige Gestalt dann in Altaramäisch.

Der Dämon schien von der Umwelt stark geschwächt zu werden und ein seltsamer, schwefliger Dampf entwich ihm fortwährend. Schwer nach Luft schnappend, entgegnete der Dämon in unhöflichem Englisch: „(Eng.) Maaan, ist das etwa Altaramäisch? Aus welchem Grab bist du den emporgestiegen? Heute sprechen das nur noch die alten Mumien!“

„(Ark.) Ihr, Dämonen, seid auch nicht mehr das, was Ihr mal wart“, setzte enttäuscht die Entität in Arkansprache fort und schaute dann auf einen der wartenden Männer, der sich sofort sich zum Gefangenen niederkniete.

„(Eng.) Der Meister gibt dir gleich eine Aufgabe, eine Botschaft, die du zu einem diplomatisch begabten Dämonenherrscher persönlich überbringen wirst!“, sagte der Mann in Englisch, während die durchsichtige Entität etwas aus sich herausholte. Zuckende Blitze machten den Gegenstand sichtbar. Es war ein goldenes Schriftrollenbehältnis. Der Geist reichte dieses zum Dämon. „(Eng.) Was steht darin?“, fragte der Dämon von Misstrauen und Angst übermannt. „(Eng.) Ich werde meine Existenz nicht dafür riskieren, eine Hiobs-Botschaft zu überbringen.“

Die durchsichtige Gestalt trat heran und presste gewaltsam einen Finger auf die Stirn des Dämons. Der Gefangene konnte sich plötzlich nicht mehr bewegen.

„(Eng.) Du wirst in dieser Angelegenheit zwar keine Wahl haben, aber sieh es als Überbringung eines fairen Angebots!“, setzte ein weiterer der Männer fort. In diesem Moment formte sich ein kurzer Lichtbogen zwischen dem Dämon und dem Unsichtbaren. Es formte ein kleines Siegel auf seiner Stirn, das schnell unter die Oberfläche der Haut versank und seinen ganzen Astralkörper durchströmte.

„(Eng.) Fürchte dich nicht!“, fügte der Dritte hinzu. „(Eng.) Erfülle deine Aufgabe und du bist wieder frei.“

„(Eng.) Versage und du wirst vernichtet!“, drohte der erste Mann.

Diese ganze Situation schien dem Dämon reichlich seltsam. Um ihn waren zwar 4 Individuen versammelt, aber die Präsenz war wie von einer einzigen Seele. Auch die gleichgültige Art wie die offensichtlichen Diener redeten, erinnerte mehr an Maschinen als an Menschen.

Die durchsichtige Entität drückte dem Dämon die Rolle in die Hände und richtete sich wieder auf. Dabei wurde der Gefangene von einer unsichtbaren Kraft gepackt und in die Luft gehoben.

„(Eng.) Nur ein Erzdämon darf das Siegel öffnen. Ein Anderer wird verbrennen und du mit ihm“, warnte der erste Mann erneut. „(Eng.) Du hast zwölf Erdentage Zeit, bevor der Fluch dich vernichtet.“

„(Eng.) Wirst du dein Wort halten? Werde ich weiterleben, wenn ich diese Rolle zustelle?“, fragte der Dämon von Terror erfüllt.

„(Altar.) Ich halte mein Wort“, sagte die Gestalt in Altaramäisch und machte den Weg zum Portal für den Dämon frei. Dieser verstand die Worte zwar nicht genau, aber das leichte Kopfnicken des Geistes machte es deutlich genug. Kaum ließ die Kraft auf den Gefangenen nach, packte dieser die versiegelte Rolle und floh sprintend durch das Portal.

Als das dimensionale Tor sich danach nahezu augenblicklich schloss, öffneten die zwei Äußeren der anwesenden Männer ihre Arme und fielen auf die Knie, als ob sie den Besucher anbeten wollten.

Die Entität aber entgegnete wieder in arkaner Sprache: „(Ark.) Noch nicht!“, und streckte ihren dursichtigen Zeigefinger zum Koffer.

Der mittlere Untergebene ließ sein Gepäckstück los, jedoch statt auf den Boden zu fallen, schwebte es langsam zum Geist. Dabei öffnete sich der Koffer und gab all seinen Inhalt preis. Gleichzeitig bildete sich eine Rauchblase, die das umgebende Regenwasser in Umkreis von 10 Metern verdrängte und so die herausschwebenden Dokumente vor Nässe schützte. Es waren eine Geburtsurkunde, ein britischer Kinderausweis mit Bild und fünf Personalakten dabei. Außerdem befanden sich eine mit Blut gefüllte Plastikphiole und vornehme Kleidung mit Schuhen für ein Kind im Koffer.

„(Ark.) Ganz ausgezeichnet“, flüsterte das Wesen zufrieden. Dann griff es ins eigene Innere und holte erneut etwas zuerst Unsichtbares heraus. Plötzlich sammelte sich dort Licht zu einer Kugel. Daraus flogen viele kleine, gravierte, goldmetallisch glänzende Teile. Diese ordneten sich zuerst in kreisförmigen Bahnen um die Lichtquelle. Als das letzte Stück jedoch erschien, begannen die Teile um die Sphäre etwas herum zusammen zu bauen. Am Ende war ein verzierter goldener Würfel in der Hand des Wesens, das ihn in der offenen durchsichtigen Hand präsentierte. Der Würfel schien eine Art energetische Verbindung zum Wesen aufrecht zu erhalten. Dann sprach der Geist: „(Ark.) Zwei dürfen nun heimkehren! Einer wird mich noch in meiner neuen, unausgereiften Hülle fahren.“

Kaum hatte das Wesen das letzte Wort beendet, öffneten die beiden äußeren Männer voller Freude ihren Mund und ein schwach leuchtender Nebel strömte heraus. Der puzzleartige Würfel vergrößerte sich und das zwischen den Ritzen erstrahlende Licht sog diesen leuchtenden Dunst restlos ins Innere. Die beiden, leblosen Körper blieben kurz stehen und zersetzten sich dann in eine gelartige, milchig trübe Flüssigkeit. Dieses Liquid entwich schlängelnd aus allen Hohlräumen zwischen den noch intakten Kleidungsstücken und sammelte sich zu einer schwebenden Kugel vor dem Unsichtbaren. Selbst Knochen und Zähne lösten sich spurlos auf. Die Plastikphiole öffnete sich und sämtliches Blut strömte durch die Luft in die wachsende, liquide Sphäre aus stetig klarer und wässriger werdender Flüssigkeit. Der Würfel in der Hand des Wesens schob einen einzelnen Stein zur Seite und ließ flutartig den hell leuchtenden, weißen Nebel direkt in Richtung des Bluttropfens im Inneren heraus. Der leuchtende Strahl versickerte restlos in der Probe.

„(Eng.) Hmm, das Waisenkind litt unter aggressiver Leukämie?!“, stellte das Wesen plötzlich auf akzentfreiem Englisch fest. „(Eng.) Ich hoffe, es hat seine letzten Monate in einer familiären Atmosphäre verbracht.“

„(Eng.) Ja, Quelle“, entgegnete der Mann unterwürfig mit gebeugtem Haupt. „(Eng.) Dem Identitätsspender wurde kein Wunsch abgeschlagen.“

„(Eng.) Hm… Gut, dann werde ich mal die Erbinformation der Krebszellen modifizieren. Wäre äußerst bedauerlich solches Regenerationspotenzial zu verschwenden. Die restlichen Gene sind ja auch hervorragend“, entgegnete das Wesen zufrieden.

Das Blut im Inneren begann zu pochen. Ein kleiner Embryo wurde sichtbar, der direkt beim schnellen Wachsen beobachtet werden konnte. Die Nabelschnur endete direkt in der umgebenden Lösung und sog diese so zügig ein, dass es Schlieren in der Flüssigkeit verursachte. Innerhalb von nicht mal einer Minute schwebte der fertige Körper eines etwa 10-jährigen Jungen anstelle der Sphäre. Die restliche Nährflüssigkeit sowie die eintrocknende, sterbende Nabelschnur lösten sich vom Körper und fielen herunter aufs Gras. Während der nackte Junge langsam auf den Boden hinabschwebte, öffnete er seine Augen und stellte sich mit eigenen nackten Füßen auf den kalten, schlammigen Boden. Das emotionslose Kind verlor kurzzeitig sein Gleichgewicht, schwankte und fiel auf die Knie. Dann richtete er sich wieder selbstbewusst auf und ging geradewegs zur unsichtbaren Entität zu, die ihre freie Hand zu dem Kind ausstreckte. Der Junge packte mit einer Hand den wieder geschlossenen Kubus und mit der Anderen berührte er den Unsichtbaren, der strudelartig an der Berührungszone in den neuen Körper gesogen wurde. Der Junge nahm den Würfel, streckte seine Hand zum Gras aus, wo er seinen ersten Schritt machte und ein Teil der Flüssigkeit stieg wieder aus dem Boden. Es formte sich zu einer Schachtel aus Pflanzenfasern und erstarrte dann zum gräulichen, festen Holz. Feinste Glyphen, geometrische Figuren und Gravuren brannten sich ins Material. So fertigte sich eine kunstvoll verzierte Box mit Deckel. Der Junge öffnete die Schachtel und platzierte den goldenen Würfel behutsam ins Innere. Er wusch im Regen den Schlamm ab, nahm die Kleidung aus dem, jetzt auf einem Stein liegenden, Koffer und zog sie ruhig an. Sein durchnässter Körper zitterte bereits im kalten Wetter. Währenddessen sammelte der verbliebene Mann die lose Kleidung seiner verschiedenen Kollegen ein, nahm die Würfelschachtel und lief Richtung Parkplatz zu dem unscheinbaren, alten Auto. Der Diener stellte die Schachtel auf den Beifahrersitz und die Kleidung der Anderen packte er in einen Sack für Kleiderspende, welches er aus seiner Tasche gezogen hatte. Als er sich wieder umdrehte, stand der Junge bereits reisefertig mit dem Aktenkoffer vor ihm. Der Regen hörte nicht auf, aber das Kind war jetzt trocken. Die Wassertropfen schienen von einem Feld abgestoßen zu werden. Der Mann reagierte etwas überrascht.

„(Eng.) Da hat wohl jemand die Socken vergessen“, sagte der Junge etwas enttäuscht und hob seine Hosenbeine an. Die Füße waren erwartungsgemäß nackt in den Schuhen. „(Eng.) Die Schuhe in dieser Welt sind seit meinem letzten Besuch nur wenig bequemer geworden. Lass uns fahren und dreh bitte die Autoheizung auf! Ich habe kein Interesse weitere Essenz zu verschwenden.“

Kaum hatte der Knabe fertig gesprochen, ging er ohne eine Antwort abzuwarten um das Fahrzeug herum und setzte sich auf den Beifahrersitz. Während der Fahrt studierte er still die erste Akte. Darin befand sich auch bereits ein vorgefertigtes Dokument für eine Adoption eines Kindes mit dem Namen Antony Lerking. Außerdem lag direkt dahinter eine Detektivakte über die Industriemagnaten-Familie Quinn.

„(Eng.) Hmm… Du hast einen reichen Industriellen als meinen Deckvater ausgesucht“, stellte der Junge neugierig fest, während er die Akte durchblätterte.

„(Eng.) Ja. Trotz des massiven Einbruches seiner Kapitalreserven erfüllt das Familienoberhaupt die notwendigen Eigenschaften, wie einen fürsorglichen Charakter, Beziehungen zur einflussreichen Schichten und viel Entwicklungspotenzial“, entgegnete der Diener beim Lenken.

„(Eng.) Was kannst du mir über diese Welt noch erzählen? Die Gedanken und Erinnerungen der Anderen sind etwas… verworren“, fragte der Junge. „(Eng.) Aber sie waren ja auch kürzer hier als du.“

„(Eng.) Diese Zivilisation befindet sich in der Blüte des Informationszeitalters, etwa ein halbes Jahrhundert bis zur selbst beschleunigten Umweltkatastrophe und noch vor der Erschließung wichtiger Ressourcen im Weltraum. Die Genetik-Ära wird wegen moralischer und religiöser Bedenken ausgebremst. Politisch sind die Nationen in korrupte Demokratien und Diktaturen unterteilt, die sich vorwiegend den Interessen einer reichen Minderheit unterordnen. Der Großteil der Bevölkerung lebt in nur sehr langsam abbauender Armut, während der extrem reiche Anteil sich immer mehr abschottet. Mit aktiver Medienpropaganda werden diese Zuständeaufrechterhalten. Unzufriedene, gewaltbereite Minderheiten werden mit heimlich fließendem Kapital radikalisiert, dann zu Terroristen erklärt und als Feinde in lukrativen Kriegen bekämpft“, erörterte der Diener detailreich, aber sonst teilnahmslos. „(Eng.) So werden die ‚Störenfriede des Systems‘ dezimiert und gleichzeitig neue Rohstoffquellen legal erobert. Meine Prognose lautet, dass sie die nächste Zivilisationsbarriere nicht passieren werden.“

Der Junge schmunzelte in den Rückspiegel und entgegnete: „(Eng.) Da hat sich ja jemand sehr ins Recherchieren reingesteigert, auch wenn es sicher nicht ganz so schwarz aussieht. Aber das ist nur eine weitere, primitive Welt… Gibt es noch gefährliche Gruppierungen von Relevanz?“

„(Eng.) Es existiert wohl ein geheimer Bund der Religionen, deren Sonderabteilung sich mit der ‚übernatürlichen‘ Verteidigung der Erde beschäftigt. Aber außer Gerüchten, Vermutungen und Verschwörungstheorien konnte ich nicht viel finden. Sie tarnen sich wirklich gut“, erörterte der Fahrer ernst.

„(Eng.) Hm… Gut. Ich werde mich anpassen. Jedoch vielleicht kann ich das später auch zu meinem Vorteil nutzen“, entgegnete der Junge grübelnd. „(Eng.) Ich hoffe nur J.W. ist unwissend über meinen Aufenthalt!?“

„(Eng.) Erstickt in Bürokratie und hat sogar den Seelenschmuggel nicht bemerkt. Die Gerüchte besagen sogar, dass sie ein Persönlichkeitsproblem entwickelt hat“, sagte der Diener und das Kind vertiefte seinen Blick wieder in die Akten. Er blätterte die Seiten so zügig, als ob er über ein fotografisches Gedächtnis verfügen würde. Währenddessen betrachtete er auch kurz das Foto einer Frau, die an eine, auf illegale Weise beschaffene, Krankenakte geheftet war.

„(Eng.) Die Ehegattin des Industriemagnaten ist also an aggressivem Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Der besorgte Ehegatte hat, auf seiner Suche nach einem Heilmittel für diese Zellspezialisierungsstörung, sein Unternehmen vernachlässigt und fast sein gesamtes Vermögen für experimentelle Behandlungsmethoden verschwendet. Jetzt stirbt seine Frau und er steht am Rande des Bankrotts“, fasste der Junge zusammen. „(Eng.)

Schon wieder Krebs? Haben die armen Äffchen etwa schon so sehr ihre Umwelt vergiftet?“

„(Eng.) Er hat von allen Anwärtern auf Ihr Profil am besten gepasst“, fügte der Fahrer hinzu. „(Eng.) Die Umwelt ist noch intakt. Das ist nur Zufall.“ „(Eng.) Dann hoffen wir mal, dass mein Angebot ihn nicht verschrecken wird. Menschen sind doch sehr primitiv in dieser Hinsicht“, sagte der Junge schmunzelnd.

Nach knapp eineinhalb Stunden Fahrt endete die Reise in einer reicheren Vorstadt Londons. Das Auto fuhr auf das Gelände einer kleinen runtergekommenen Villa am Rand der Siedlung. Das einzeln stehende Privatgebäude mit großzügigem Grundstück stammt aus der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg und wurde wohl teilweise restauriert. Für den restlichen Teil reichte offensichtlich das Geld nicht mehr. Als die beiden Insassen aus dem, gerade auf dem bewucherten Parkplatz abgestellten, Fahrzeug ausstiegen, öffnete ein Haushälter die Eingangstür. Der Regen hatte gerade für einen kurzen Moment aufgehört und ein Butler trat verwundert an die Treppe:

„(Eng.) Guten Abend. Das Gelände hier ist Privatbesitz. Bitte entfernen Sie Ihr Auto vom Grundstück. Oder kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ „(Eng.) Ich grüße Sie, Mister Harley. Wir müssen sofort zum Hausherren und seiner kranken Gemahlin“, sagte der Junge ohne Zögern in höflichem, akzentfreiem Englisch. Er hielt die Schachtel unter seinem Arm. „(Eng.) Er erwartet uns bereits.“

„(Eng.) Es tut mir Leid, junger Mann! Ich weiß leider nichts von einem Termin“, entgegnete der Butler.

„(Eng.) Ich sagte ja auch nicht, dass wir einen Termin hätten… Er ERWARTET mich!“, antwortete Junge mit einem ruhiger aber bestimmenden Ton. „(Eng.) ICH… bin in diesem Augenblick die einzige Überlebensmöglichkeit für seine Frau.“

Unter normalen Umständen hätte der alte Mann keine Fremden ins Haus gelassen, besonders nicht nach solch einer irrsinnigen Behauptung. Der Junge hatte jedoch etwas in seinem Blick, Selbstbewusstsein und Manieren, dass weder an ein Kind erinnerte noch gar von dieser Welt zu sein schien. Der Butler lud die Besucher etwas von der Situation verwirrt ins Haus und bat sie im Gästezimmer zu warten. Der Junge lehnte es jedoch ab: „(Eng.) Zeit, Mister Harley, ist für Miss Quinn ein sehr teures Luxusgut. Der Tod hängt bereits über diesem Haus. Ich muss JETZT zu ihr.“

Der Butler verstand nicht, woher der Knabe solches Selbstvertrauen hatte. Er schien jedoch genau zu wissen, wovon er redete. Deswegen führte Harley die ungewöhnlichen Gäste zu einem Vorraum und klopfte kurz an die antiken Schlafzimmertüren.

„(Eng.) Ja“, entgegnete eine zitternde, männliche Stimme aus dem geschlossenen Zimmer.

Der Butler betrat den lichtgedimmten Raum. Auf dem Bett lag die schwerkranke Ehefrau und zwei elektrische Infusionsständer standen daneben. Die Maschine mit der großen Spritze beinhaltete Morphium, um der Kranken ihre letzten Stunden erträglicher zu gestalten. Die Vorhänge waren halb zugezogen, um nicht zu viel helles Licht reinzulassen, was durch die Dunkelheit kaum noch relevant war. Einige wenige Leselampen füllten neben den Maschinendisplays das Zimmer mit schwachem Licht. Harley wurde von tiefem Kummer übermannt und zweifelte selbst daran, was er sich eigentlich dabei gedacht hat. Doch dann sammelte er seine Gedanken und sprach: „(Eng.) Sir, ich weiß, dass es ein schlechter Zeitpunkt ist. Da ist ein seltsamer Besuch, der behauptet: Sie hätten nach seiner Hilfe gerufen und er könne Ihre Frau jetzt noch retten. Normalerweise hätte ich sie weggeschickt, aber dieser Eine hat etwas an sich… ich weiß nicht… vielleicht etwas, dass nicht von dieser Welt scheint…. er wusste auch exakt über den Zustand Ihrer Frau Bescheid.“

„(Eng.) Hören Sie sich selbst reden?“, antwortete der Hausherr mit langsamer, heiser Stimme. „(Eng.) Mein Frau stirbt und Sie … füllen mich mit falschen Hoffnungen. Kein Mittel dieser Welt kann sie noch retten.“

In diesem Moment ging die Tür auf und der mysteriöse Junge trat mit hinten verschränkten Armen herein. Er strahlte durch seine Haltung und Gesichtsausdruck die Seriosität eines erfahrenen, alten Arztes, aber der Hausherr wurde durch die Präsenz des fremden Kindes nur gereizt. Der Begleiter des Kindes folgte diesem unterwürfig mit dem Aktenkoffer und der Holzschachtel.

„(Eng.) Soll das etwa ein böser Scherz sein? Wie kannst du es wagen, hier unerlaubt einzutreten, Junge!“, flüsterte der Ehemann drohend. „(Eng.) Werde ich jetzt von Euch, Scharlatanen, jetzt auch in meinem eigenen Haus belästigt. Habt Ihr gar keine Skrupel, nicht mal davor Kinder als Vorsprecher zu schicken?“

Der Junge ignorierte es und schaute kurz zum Butler, der auf eine Reaktion den ungebetenen Gastes wartete.

„(Eng.) Bitte verlassen Sie den Raum, Mr. Harley! Ich möchte persönlich mit Master Quinn und seiner Frau reden!“, sprach der ernste Knabe ruhig und drehte sich dabei zur, leidend im Bett, liegenden Frau. Plötzlich erhöhte sich der Puls der Kranken, sie fing scheinbar einen Augenblick der Klarheit und blickte auf den Jungen. Sie war gerade dem Tod näher als dem Leben und sah ihm in die Augen. Ihr Blick war zwar verschwommen, aber in diesem Moment fühlte sie trotzdem diese Tiefe. Es war, als würde sie direkt in die Weiten des Weltalls blicken, unverschleiert durch Atmosphäre oder Sonnenlicht.

„(Eng.) Schaa….atz“, hauchte sie all ihre letzte Kraft zusammen sammelnd.

„(Eng.) B…bitte…lass… ihn… ver…suchen!“

Ihr Ehemann hob völlig verblüfft seinen Kopf. Er konnte seiner sterbenden Frau in diesem Moment keinen Wunsch mehr abschlagen. Schweren Herzens bat er mit einer Fingergeste den Butler heraus. Der Hausherr hatte selbst hingegen keine Hoffnung mehr.

Der Junge trat mit langsamen Schritten zur freien Seite des Bettes, streichelte kurz mit geschlossenen Augen über die Hand der Kranken und sprach dann zu Mister Quinn: „(Eng.) Sie ist bereits sehr nah zur Todesschwelle. Ihr bleibt maximal 1 Stunde, bevor sie hinübergeht. Also werde ich direkt zu Euch sein: Ich kenne einen Weg sie zu heilen, aber der Preis ist hoch!“

Der Mann schmunzelte zynisch und flüsterte heiser: „(Eng.) Ich habe bereits alles versucht, nahezu mein gesamtes Vermögen für alle möglichen Methoden, Esoterik, Wunderheiler ausgegeben, aber es war alles vergebens. Was sollte mir ein Kind bieten können, wenn selbst erfahrene Ärzte, Wissenschaftler und selbsternannte Wunderheiler versagt haben?“, zweifelte der Hausherr.

„(Eng.) Ich kann im Gegensatz zu den Anderen etwas bieten, das mit Materiellem allein nicht zu kaufen ist“, antwortete der Junge geheimnisvoll. „Die Rettung Ihrer Frau verbiegt förmlich die Gesetze dieser Schöpfer und benötigt ein äquivalentes Opfer, um die Balance auszugleichen. Der Preis wird für sie Beide hoch sein.“

Der Ehegatte rollte erschöpft mit den Augen und entgegnete: „(Eng.) Von wie viel Pfund sprechen wir hier? Meine Ressourcen sind immer noch nahezu aufgebraucht.“

„(Eng.) Oh, ich rede nicht von Geld… Mister Quinn. Meine Bezahlung sieht anders aus, als Sie denken“, widersprach der Junge. „(Eng.) Für die Rettung Ihrer Frau müssen Sie zwei Instanzen bezahlen. Die Welt verlangt eine Bezahlung in Form von Leben, nicht Papier, Gold oder digitalen Zahlen. Mein Anteil ist hingegen ein Anderer. Eine Familie, die mit guten Kontakten und einer finanziellen Basis meine Vorhaben ermöglichen kann.“

„(Eng.) Eine Familie?“, wunderte sich der bereits dreifache Vater. „(Eng.) Ich soll dich also als Sohn adoptieren? Falls du es schaffst meine Frau zu retten, werden wir dir die gleiche Liebe schenken, die meine eigenen Kinder auch genießen.“

Das gewiefte Kind schmunzelte kurz selbstbewusst. „(Eng.) Bitte belügen Sie mich nicht, Mister Quinn! Menschen, die meine Macht gesehen haben, fürchten mich entweder oder versuchen mich auszunutzen. Ich sage es Ihnen gleich: Ich strebe stets eine ausbalancierte Partnerschaft an. Hintergehen Sie mich also nicht! Die restlichen Details können wir auch später besprechen. Jetzt zum Preis für die Balance: Ich müsste normalerweise Ihr Leben nehmen, Mister Quinn, um das Ihrer Frau aufzuwiegen. Dies würde mich jedoch mit einem grausamen Dämon gleichsetzen. Also biete ich Euch eine andere, humanere Lösung an…“, erklärte der Junge mit ausgesteckten Zeigefinger. „(Eng.) Ich nehme Euch Beiden die Möglichkeit jemals wieder in diesem Leben Kinder zeugen und werde eine Grenze setzen, dass Euer Leben so lange hält…. wie ich noch in dieser Welt verweile. Stirbt mein Körper, so wirdes auch Euer Todesurteil sein, Mister Quinn. Ihr werdet die gleichen Weg wie Eure Frau in wenigen Monaten durchmachen und sterben.“

„(Eng.) Kalt und berechnend, selbst für einen Geschäftsmann wie mich! Du bist für Dein äußerliches Alter ganz schön skrupelfrei… aber so soll es sein“, akzeptierte der Ehemann. „(Eng.) Ein gesunder Junge wie du wird wohl einen alten Mann wie mich überleben können.“

„(Eng.) Ich bin eben ein Überlebenskünstler, Mister Quinn… Somit ist unser ‚geheimer‘ Packt besiegelt“, antwortete der Knabe schmunzelnd, ohne zu zögern. In diesem Moment schlossen sich die Vorhänge. Der Begleiter des Knaben sperrte die Tür zu, trat an das Fußende des Bettes und legte dort den Aktenkoffer auf eine kleine Bank ab. Dann begann er sich auszuziehen.

„(Eng.) Was wird das?“, fragte der Hausherr geschockt und gleichzeitig verwirrt.

„(Eng.) Ihre Frau ist fast tot. Ohne frische, nährfähige Biomasse kann ich sie nicht retten“, erklärte der Junge kalt.

„(Eng.) Biomasse… also wie eine Gewebespende von diesem Mann? Ist er überhaupt kompatibel?“, hackte der Ehemann geschockt und ungläubig nach. „(Eng.) Welchen Teil seines Körpers opfert dieser Mann für das Leben meiner Frau?“

„(Eng.) Alles“, entgegnete der Junge gelassen. „(Eng.) Aber seien Sie beruhigt, Mister Quinn! Sein Geist gleicht eher einer Arbeitsbiene im Stock und kehrt nur zum eigenen Volk zurück. Seine fleischliche Hülle benötigt er dort nicht. Er ist kein Mensch wie Sie.“

Noch während sich der Begleiter auszog, begann sich sein Körper zu verflüssigen. Er schien diese schmerzhafte Veränderung aber tatsächlich willkommen zu heißen. Sein Gesichtsausdruck erinnerte an einen Leidenden, der endlich die langersehnte Befreiung von seinen Schmerzen erlangt. Die sich verflüssigenden Körperregionen sammelten sich zu aufsteigenden Strömen aus zunehmend klarer werdender Flüssigkeit. Diese flossen zu einer wachsenden, schwebenden Kugel über dem Bett. In diesen zahlreichen Wasserfäden, wurden auch kleine Lichtpartikel mitgetragen, die sich zu einem Kern in der Sphäre häuften. Auch die Holzschachtel öffnete sich und das goldene Puzzleartefakt schwebte daraus empor. Der Ehegatte beobachtete gebannt das Ereignis, während die Lichter sich in seinen Augen wiederspiegelten. Alle seine Zweifel waren hinweggefegt, denn trotz der scheinbaren Grausamkeit dieses Spektakels, hatte er noch nie in seinem Leben ein schöneres Lichtphänomen aus nächster Nähe beobachten können. Während die, von einzelnen, lebendigen Lichtfäden durchzogene, Kugel sich langsam über das Bett bewegte, zog sich die Bettdecke der Frau von selbst runter und sie hob, wie von der Schwerelosigkeit erfasst, in die Höhe. Alle an die Kranke angeschlossenen Infusionsleitungen lösten sich samt Nadeln und Pflastern von ihren Körper. Die Geräte fielen in diesem Moment aus. Selbst der Katheder, der ihr an die herznahen Gefäße angeschlossen war, zog sich aus ihrem Körper heraus. Etwas Blut strömte heraus, aber dieses wurde sofort wieder in ihren Körper gezogen. Die kranke Frau hatte bereits einen dicken Bauch, der auf die Unfähigkeit des Körpers hinwies, noch Wasser zu haushalten. Viele Organe hatten bereits versagt. Mister Quinn fiel fassungslos in seinen Sessel zurück. Er fürchtete um seine Frau, die weitere Anstrengung vielleicht nicht überleben würde und blickte besorgt auf den mysteriösen Wunderheiler. Der Junge stand mit geschlossenen Augen auf und streckte seine geöffneten Hände in Richtung der Nährkugel sowie Miss Quinn. Als er sie wieder öffnete, leuchteten seine Irides einem blaugrünen Schimmer. Während er seine Hände langsam vor sich schloss, tauchte die Frau mit ihrem ganzen Körper in die Lösung. Sie war zu komatös, um die Situation richtig einzuschätzen oder sich gar zu wehren. Die Lichtfäden in der Kugel verschmolzen schließlich mit der Frau und ihr gesamter Körper erstrahlte selbst im schwachen Schimmer. Sie schien schreien zu wollen, aber dafür war sie zu schwach. Der schwebende Würfel öffnete sich und baute eine Art Lichtbrücke zur Patientin. Vom Begleiter des Jungen war zu diesem Moment nichts mehr außer der getragenen Kleidung übrig, die in einen kleiner Haufen auf dem Boden lag.

Vor den Augen ihres besorgten Ehegattens kehrte wieder Farbe in die bleiche Haut der Frau zurück. Ihre tiefen, dunklen Augenringe schwanden, ihr dürrer ausgelaugter Körper gewann wieder ein angenehmes Maß an Fülle, die ausgefallenen Haare wuchsen wieder schulterlang nach. Die Flüssigkeitseinlagerungen in ihrem Bauch bauten sich ab und das Hautgewebe erlangte wieder ihre jugendliche Spannkraft. Die Lösung schwand währenddessen zunehmend. Im Zimmer würde es schwülheiß, dass sich auf den Wänden und Fenstern ein Kondensat bildete. Schließlich war sämtliche Nährflüssigkeit um die Genesene verdunstet oder absorbiert und sie schwebte sanft auf ihr Bett hernieder. Der Schimmer verblieb jedoch weiter, als der junge Heiler wieder die Augen öffnete.

„(Eng.) Es ist fast vollbracht“, sagte er von der Konzentration erleichtert und streckte langsam seine schweißnasse rechte Hand Mister Quinn entgegen. „(Eng.) Jetzt müssen SIE mir nur noch die Hand reichen, um Ihren Teil zu erfüllen.“

Der verängstigte Ehemann stand langsam auf und streckte nur zögerlich seine Hand heraus. Er war äußerst misstrauisch, aber sein Wunsch nach Heilung seiner Frau war erfüllt worden. Die Frage war jetzt aber, ob sie auch das wirklich war und nicht irgendein außerirdischer Parasit oder ein Dämon. Selbst wenn der Junge vor ihm jetzt der Teufel selbst war, gab es kein Zurück.

Seine Frau befand sich immer noch unter dem Einfluss dieser seltsamen Macht. Ein falscher Schritt könnte das Ende für Beide sein. Als Mister Quinn dem Jungen die Hand schließlich reichte, konnte er sich plötzlich nicht mehr bewegen. Eine starke Hitze erfüllte seinen gesamten Körper, die kaum noch zu ertragen war. Es fühlte sich an, als ob diese Hitze in die Knochen reichen würde, um darin zu versickern. Dann löste der Jüngling schmunzelnd seinen Griff um die Hand des Hausherrn. Das Licht in der Frau strömte als feine geteilte Partikel direkt in den Knaben und den offenen schwebenden Würfel. Nach dem letzten Funken verschloss sich das Artefakt und sank langsam wieder in das Holzkästchen nieder, welches sich sofort verschloss.

„(Eng.) Ich bin jetzt fertig“, erklärte der schweißnasse Junge selbstzufrieden, nahm die Schachtel und ging zur Tür. Zwei Schritte davor blieb er stehen, drehte sich um und schwang künstlerisch mit seiner rechten Hand. Die Lichter begannen wieder zu flackern, Vorhänge schoben sich auf und die Fenster öffneten sich. Ein starker, kalter Windstoß durchströmte das Zimmer. Sämtliche Feuchtigkeit, selbst das Kondensat an Wänden, Kleidung und Haaren verdunstete wieder. Die Windböe trug so all die aufgenommene Feuchtigkeit nach außen und die Fenster schlossen sich wieder. Der Junge klemmte die Holzkiste an sein Bein und wartete. Der Raum war erfrischt und die Ehegattin öffnete überrascht ihre Augen. Sie richtete sich auf, betrachtete ungläubig ihre Hände und die gesunde Hautfarbe. Mister Quinn nahm sie in die Arme und weinte erleichtert wie ein kleines Kind.

„(Eng.) Walter? Ich …. bin gesund?“, stellte sie ungläubig fest, während sie mit einem fragenden Gesichtsausdruck ihren Mann schweratmend wieder von sich trennte. Dann schaute sie sich um und ihr Blick blieb auf dem unheimlich ruhig stehenden Knaben an der Tür haften. „(Eng.) Wie ist das möglich?“, fragte sie weiter, aber dann erinnerte sie sich an die Vision, die sie im Zustand geistigen Benommenheit im Jungen sah. Ein Gefühl der Angst überkam sie, denn im Nachhinein fühlte es sich eher nach einem bodenlosen Abgrund, der sie jederzeit verschlingen könnte. Der Junge neigte leicht seinen Kopf zur Seite und schmunzelte wortlos. Auch Mister Quinn drehte sich zum seltsamen Wunderheiler, als er den verblüfften Blick seiner Frau bemerkte.

„(Eng.) Im Koffer findest du meine Adoptionspapiere und alle weiteren nötigen Dokumente, ‚Vater‘. Ich werde ab morgen damit anfangen, deinem Unternehmen wieder auf die Beine zu helfen und wäre dankbar, wenn mir jemand jetzt mein Schlafzimmer zeigt“, forderte der Knabe und entriegelte die Tür. „(Eng.) Ich bin jetzt müde und muss mich erholen.“

Kaum war das Zimmer offen zugänglich, stürmte der Butler herein und fand die Gattin quicklebendig, in ihrem Bett sitzend, vor. Ihm kamen die Freudentränen, doch allmählich verflog sein Lächeln als sein Blick von der Herrin auf das von Sturm verwehte Zimmer wechselte. Er hob verblüfft eine Augenbraue, als er all die teilweise kaputten, umgeworfenen Gegenstände betrachtete.

„(Eng.) Sir?“, sprach Harley in einem sarkastisch verwunderten Ton. „(Eng.) Ich freue mich über die Genesung Ihrer Frau, aber war diese mutwillige Zerstörung wirklich notwendig?“

Das Ehepaar und der Junge lächelten.

„(Eng.) Gut zu wissen, was deine Prioritäten sind… Harley“, entgegnete der angeheiterte Hausherr. „(Eng.) Es war… an der Zeit für eine Veränderung! Du kannst morgen im Lauf des Tages aufräumen. Wärst du so freundlich, meinen NEUEN Sohn in das freie Gästezimmer zu geleiten?! Schlag ihm bitte keinen Wunsch ab.“

Mister Quinn zeigte dabei auf den Jungen, dessen Präsenz dem Butler völlig entgangen zu sein schien. Das Kind stand direkt neben Harley und wartete bereits darauf in sein neues Zimmer gebracht zu werden. Der Butler drehte sich um und zuckte kurz erschrocken zusammen. Dann entschuldigte er sich und geleitete das neue Familienmitglied heraus, als ihm plötzlich etwas einfiel.

„(Eng.) Wo ist eigentlich Ihr erwachsener Begleiter, junger Herr?“, fragte Harley höflich an der Türschwelle.

Noch bevor Mister Quinn sein Mund für eine gerade, ausgedachte Lüge öffnen wollte, antwortete der Knabe: „(Eng.) Er sollte mich nur herbringen und ist jetzt… heimgekehrt!“

„(Eng.) Genau was er sagte!“, stimmte Mister Quinn verdächtig zu. „(Eng.) Also bringen Sie meinen Sohn in sein neues Zimmer!“

„(Eng.) Tatsächlich? Durch das Fenster?“, fragte Harley ein Augenbraue anhebend und sah dann die Kleidung. „(Eng.) Hat er sich nackt auf den Heimweg gemacht?“

Der kleine Junge schmunzelte und entgegnete: „(Eng.) So nackt, wie nur jemand sein kann. Nun kommen Sie bitte, Harley! Ich bin sehr müde.“

Der Haushälter war von der Antwort völlig unbefriedigt. Ist er vielleicht zum Zeugen einer rituellen Opferung geworden und würde er der nächste sein?

„(Eng.) Nein, werden Sie nicht!“, sagte der mysteriöse Knabe. „ führte den Jungen hinaus.

„(Eng.) Ich hoffe es war kein Fehler“, murmelte Walter Quinn zweifelnd. „(Eng.) Wieso sagst du das, Walter? Er hat UNS mehr gemeinsame Zeit geschenkt, oder?“, sprach Emilie Quinn selbst noch ziemlich unsicher. „(Eng.) Dafür müssen wir dankbar sein. Wir sollten Ihn aber vorsichtshalber von unseren anderen Kindern fernhalten. Er mag uns geholfen haben, aber gefährlich ist der trotzdem.“

„(Eng.) Du hast natürlich Recht. Nur leider wissen wir nicht, was er oder es überhaupt vorhat. Ich glaube fast den Teufel in mein Haus gelassen zu haben und fürchte um unsere Kinder“, entgegnete der besorgte Ehemann. „(Eng.) Als er bei der Heilung kurz seine Augen öffnete, erfüllte mich eine tiefe Urangst. Vielleicht… leiten wir mit ihm sogar das Ende der Welt ein. Zu mindestens, wie wir sie kennen.“

Kapitel 1: „Als noch alles normal war…“

„Normalität ist die Ausrede derer, die Veränderung fürchten.“

Etwa 10 Jahre später…

Nur selten wurde Lilly in ihrem Leben etwas geschenkt. Als sie ihr Pharmazie-Studium in Berlin anfing, hatte sie gleichzeitig ihr altes Leben hinter sich gelassen. Es war ein Leben in einem unsichtbaren Käfig voller Erniedrigung, Demütigung, Gewalt und Unterdrückung. Lillys Familie war nämlich anders als der Rest. Ihr Vater, Karl, war ein Prediger, ein angesehenes Vorbild in der örtlichen Gemeinde. Die Predigten des charismatischen Redners bewegten vor allem die konservativen Zuhörer der Gemeinde. Sie handelten oft von der Bedeutung der Familie, die Rolle des Vaters als Hüter und Ernährer, als auch vom Schutz der Frauen vor der Verderbnis der Neuzeit. Kaum ein Gemeindemitglied wusste jedoch, wie er diesen „Schutz“ zuhause interpretierte. So waren für ihn Frauen nämlich nichts weiter, als der Besitz des Mannes.

Lillys geliebte Mutter, Maria, litt am meisten unter der groben Hand ihres Ehegatten, der fast jegliche Widerworte mit Züchtigung bestrafte. Die arme Frau konnte ihn aber auch nicht verlassen, da sie sich verzweifelt an die Liebe zu ihm und ihren Söhnen klammerte. Vielleicht aber kannte sie es selbst nicht besser. Lillys Mutter floh in die Haushaltführung und die Pflege ihrer drei Kinder. Die Erziehung von Lillys Brüdern hingegen übernahm fast ausschließlich der Hausherr. Und so war es nicht verwunderlich, dass die Beiden arrogant wurden und die beiden Frauen des Hauses auf ähnliche Art behandelten. Lillys Kindheit bestand so aus Hausarbeit, Züchtigungen, Kirche und vor allem: Verzicht. Entsagung von allem, was für ihre Brüder frei zugänglich war. Allein in der Schule und in den Büchern, die Lilly stets heimlich aus der Schulbibliothek auslieh, fand sie Trost. Sie liebte Romane, Gedichte, aber auch Naturwissenschaften und Medizin. Sie träumte davon, Menschen zu helfen und vielleicht sogar etwas in der Gesellschaft zu bewegen. So wuchs ihr Interesse an der Welt, während ihre Brüder im familiären Rampenlicht degradierten. Kaum den untersten Schulabschluss haben die Brüder gerade noch so geschafft, um dann, nur dank Kontakte, in der Gemeinde ihre Ausbildungsplätze zu bekommen.

Als bei einem gemeinsamen Mittagsessen, Lilly für ihren Vater völlig überraschend über einen Studienplatz in Berlin berichtete, reagierte er gleichgültig. Dennoch unterbrach er kurz das Essen, um sein Wort dazu zu sagen.

„Aus meinem Haus wird kein Frauenzimmer gegen die gottgegebene Ordnung verstoßen!“, sagte der Hausherr ruhig. „Ihr habt den Haushalt zu hüten und uns zu pflegen. Echte Arbeit wird stets die Pflicht und Recht des Mannes sein. So steht es in der Bibel geschrieben. Diese neumodische Gleichberechtigung ist eine Irreführung Satans, um die Gesellschaft zu entzweien und Familien zu zerstören. Lieber suche ich dir einen passenden Heiratskandidat, um dir dieses Flausen aus dem Kopf zu jagen. Gleich kommenden Sonntag!“

Lilly war zwar auf eine negative Reaktion bereits innerlich eingestellt, aber das hat sie selbst ihre schlimmsten Vorstellungen übertroffen. Sie hatte bereits ihre Koffer vorausschauend gepackt, aber dennoch zerbrach in Ihr etwas in diesem Moment. Sie begriff, dass ihr Vater unbelehrbar war.

Früher klammerte sie sich an die Hoffnung, er würde ihr doch noch endlich etwas Würde schenken, sie ihren Brüdern gleich respektieren, falls sie sich beweisen könnte. Aber nun wurde ihr klar, dass dieses Fass einfach nicht zu füllen sei. Sie stand ruhig auf, entschuldigte sich höfflich mit Tränen in den Augen und ging auf ihr Zimmer. Der arrogante Hausherr setzte sein Essen jedoch teilnahmslos fort. Selbst bei Lillys arroganten Brüdern konnte man die Zweifel im Gesicht sehen.

In ihrem Zimmer angekommen, zog sich Lilly leise an, nahm ihre beiden Koffer aus dem Versteck in der Besenkammer, schlich die Treppe herunter und verließ das Haus. Ihre Mutter hatte ihr einen Briefumschlag mit heimlich erspartem Geld und einer Busfahrkarte in den Koffer gesteckt.

Es war das letzte Mal, dass Lilly das Familienheim besuchen würde. Traurig und voller Enttäuschung rollte sie ihren Koffer hinter sich, während das Haus sich langsam weiter entfernte. Als der Bus schon in der Ferne zu sehen war, erblickte Lilly plötzlich ihren Bruder, Louis, der auf sie schnell zulief. Lilly wurde von der Panik ergriffen, weil er sie wahrscheinlich zurück zerren würde. Aber kurz vor ihr blieb Louis stehen und kratzte sich schüchtern am Kopf.

„Es tut mir Leid“, sagte er dann mitfühlend. Es war das erste Mal, dass Louis jemals seine Schwester um Entschuldigung bat. „Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen.“

„Bist du gekommen, um mich aufzuhalten?“, sagte Lilly noch misstrauisch, während der Bus schon an die Haltestelle vorfuhr.

Louis schüttelte den Kopf: „Eigentlich sollte ich das, aber was für ein Monster wäre ich, wenn ich die Zukunft meiner geliebten Schwester zerstören würde.“

Lilly lächelte und umarmte weinend ihren Bruder.

„Danke“, sagte sie voller Emotionen. Der Bus hatte bereits die Türen geöffnet.

„Jetzt beeil dich, Lilly!“, sagte Louis freundlich. „Der Fahrer wartet nicht ewig.“

Lilly stieg in den Bus und winkte durch das Fensterglas, während der Bus losfuhr.

In Berlin zog sie zunächst in ein Studentenheim und versuchte ihr Leben in eine gelenkte Bahn zu bringen. Sie nahm eine Stelle als Aushilfskraft am Wochenende an und beantragte einen Studienkredit. Denn obwohl auch das Leben schwer war, hatte sie dank der entbehrungsreichen Kindheit damit weniger Probleme. Der Kontakt zu ihren früheren Freundinnen in der Gemeinde brach Lilly vorsichtshalber ab, um für ihren Vater keine Spur zu legen.

Mit dem Beginn des Studiums kam sie anderen Kommilitoninnen näher und stellte fest, wie falsch ihr Leben doch bisher gelaufen ist. Auch wenn Lilly viele Unternehmungen ihrer Kommilitonen nicht mitmachen konnte, war es die Freiheit sich selbst dafür entscheiden zu können, dass Lilly motivierte. Eine gewisse Traurigkeit blieb dennoch, weil sie ihre Mutter und Brüder vermisste. Dann begann ein alter, fast vergessener Traum erneut Lillys Nächte heimzusuchen und ließ sie schweißgebadet aufwachen.

Während des ersten Semesters wechselte der seltsame Antony Black auf die Uni. Der Auslandsstudent aus England verhielt sich stets sehr arrogant und verbrachte seine Zeit meistens mit teilweise fachfremden Büchern, die er selbst mitten in den Vorlesungen las. Ein Paar Professoren waren von seinem Verhalten irritiert und stellten ihm öfter Fragen, um seine Aufmerksamkeit zu prüfen, aber er schien jedes Mal eine richtige Antwort parat zu haben. Manchmal war seine Antwort sogar ausführlicher, als in der Vorlesung gehalten.

Er schien Lilly seltsam nostalgisch zu faszinieren, obwohl ihr Verstand ihn einfach nicht einordnen konnte. Seine gelegentlichen, beobachtenden Blicke, die sich nur auf Lilly zu konzentrieren schienen, hatten etwas Unheimliches. Ein Gefühl der intellektuellen Überlegenheit umgab den Austauschstudenten. Es war so stark, dass sogar die Dozenten nach diversen, verlorenen Diskussionen schließlich aufgegeben haben, ihn zu fragen. Seine Kommentare waren jedoch auch sehr kontrovers. Er verwickelte sich oft in moralisch, grenzwertige Diskussionen mit den Professoren, wie zum Beispiel die genetische Modifikation von Eizellen oder Hirndoping.

Während einer Mikroskopie-Übung riss bei Lilly jedoch endgültig der Faden. Antony Starren wurde unerträglich. Sie stand auf, ging zum Platz des Gaffers und sagte ihm unzufrieden: „Antony? Glaube nicht, ich hätte dein penetrantes Starren nicht bemerkt. Ich mag das nicht! Hör damit sofort auf!“ Antony aber schaute ihr tief in die Augen, lächelte und entgegnete zu ihrer Überraschung: „Dafür bitte ich dich um Entschuldigung, Lilly. Dafür weiß ich jetzt, dass ich mich bei dir nicht getäuscht habe. Es gab hier so einige, die mein Starren beobachtet haben, aber keiner hat was gemacht. Ich denke, wir könnten voneinander profitieren.“

„Bitte? Soll das ein Witz sein?“, fragte Lilly von seinem konzentrierten, aber freundlichem seltsam Blick eingeschüchtert wegschauend. „Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich das will?“

„Ich kann dir ansehen, dass du dich nach der Anerkennung durch deine Familie und nach einer ‚existenziellen‘ Bedeutung sehnst!“, entgegnete Antony mit sanften englischen Dialekt. Einige Kommilitonen aus der Umgebung beobachteten neugierig das Schauspiel.

„Das hast du durch das viele Starren über mich rausgefunden?“, entgegnete Lilly unfreundlich. „Nicht nur, dass du jetzt in aller Öffentlichkeit versuchst mein Innerstes offen zu legen um dein Gaffen zu rechtfertigen… Du glaubst auch, du kannst mich mit solchen Spruch rumkriegen? Du… bist überhaupt nicht mein Typ. Ich mag keine arroganten Männer.“

Antony blickte kurz durch die anderen Kommilitonen und sagte dann: „Das glaube ich dir aufs Wort. Du hast auch zweifelsfrei Recht über die Unpässlichkeit des Ortes, aber nicht beim Rest. Lass uns das lieber beim Mittagsessen in der Mensa besprechen. Ich glaube, das wird der Anfang einer interessanten Freundschaft sein. Ich lade dich auch selbstverständlich ein.“

„F…Freundschaft?“, wiederholte Lilly kurz ungläubig. Sie dachte für einen Moment, dass er eher flirten würde. „Ah.. ja natürlich. Sagst du das zu allen Mädchen?“

„Höre dir zuerst an, was ich zu sagen habe und dann kannst Du immer noch entscheiden“, entgegnete Antony selbstbewusst.

Als sie sich zum Essen an einen Tisch setzten, schien sich sonst niemand an den Tisch zu trauen. Antony nahm sich das teuerste Menü in der Mensa und packte selbst mitgebrachte Gewürze aus, die unglaublich frisch und intensiv rochen.

„Warum eigentlich ich?“, fragte Lilly sehr neugierig, aber überrascht von der kleinen Gewürzschachtel aus offensichtlich edlem Holz. „Du scheinst ja ein selbstverlie… von sich überzeugter Typ zu sein, aber für dein Temperament gibt es sicher besser passende Kommilitoninnen in unserem Semester.“

„Ich entscheide lieber selbst, mit wem ich mich anfreunden möchte“, entgegnete Antony ohne Pause und schnitt ein Stück des panierten Fischfiles ab. „Es gibt sicher genug interessante Menschen in unserem Umfeld, aber nur du bist von Interesse für mich. Du kannst dich entspannen, Lillien. Ich will dich weder verführen oder irgendwelche fragwürdige Beziehung mit dir führen. Ich möchte nur ein Freund sein. Schlechte Erfahrungen, auch mit nahen Menschen, haben mich gelehrt gewisse Charakterzüge zu erkennen. Aber damit solltest DU dich ja auch auskennen.“

Dann legte er sich das Stück in den Mund und kaute, während er dabei intensiv auf Lilly starrte.

Lilly dachte kurz nach und entgegnete den Blick erwidernd: „Was hat mich verraten?“

„Du siehst männlichen Kommilitonen fast niemals länger in die Augen und du hältst, trotz netter Unterhaltungen sowie sozialer Interaktionen, Mitmenschen gern auf einem gewissen Abstand“, erörterte Antony analysierend. „Deine Bemerkungen in Vorlesungen deuten auf eine religiöse Erziehung hin und deine spartanische, konservative Kleidung auf stark begrenzte Ressourcen. Ich vermute mal, dass du aus einer religiösen Familie mit streng patriarchischen Vorstellungen stammst. Dein Vater ist wahrscheinlich auch gewalttätig, aber deinem Ordnungssinn und Kleidungsstil nach zu urteilen ein Amtswürdenträger, was seiner Position in der Familie Macht verleiht.“

„Das ist sehr… detailliert“, kommentierte Lilly völlig verblüfft. „Und was genau macht mich daran jetzt deiner ‚Freundschaft‘ würdig?“

„Dein Lebenswille natürlich!“, entgegnete Antony und schnitt sich erneut ein Stück ab. „Du hast einen starken Geist! Trotz aller gesellschaftlichen Hürden schreitest du nach vorne und gehst Deinen Weg.“

„Hört sich fast wie ein Heiratsinterview an“, schmunzelte Lilly von dem forschen Kompliment seltsam berührt.

„Ich bin geschmeichelt, aber bereits vergeben“, entgegnete Antony schmunzelnd. „Aber wenn wir befreundet sind, verspreche ich dir eins: Wir werden deinen Seelengefährten schon finden.“

„Bitte?“, hackte Lilly nach. „Wie kommst du darauf, dass ich das überhaupt möchte?“

„Weil eine Existenz in der Einsamkeit grausam sein kann. Deine Mutter wird bestimmt auch zustimmen“, gab Antony seltsam melancholisch zu. „Aber glaube mir… So einen wie deinen Vater würde ich gar nicht an dich ran lassen!“

„Auch wenn dich das gar nichts angeht! Danke, aber ich verzichte momentan lieber“, sagte Lilly von zwiespältigen Gefühlen verwirrt. Ihr gesunder Menschenverstand riet ihr zur Vorsicht bei Antony. Irgendwas stimmte mit ihm nicht. „Aber was ist mit dir? Du scheinst mich gut zu verstehen, aber ich kenne dich überhaupt nicht. Wieso bist du überhaupt nach Deutschland gekommen, um Pharmazie zu studieren? Gibt es in England nicht genug gute Universitäten?“

„Um mich kennenzulernen und vor allem zu verstehen benötigt Zeit… viel Zeit. Sagen wir mal, ich wollte auch gewissen Abstand zu jemandem haben“, entgegnete Antony selbstbewusst. „Meine Familie hat ‚einflussreiche‘ Kontakte, deren Beobachtung ich mich gern entziehen möchte. Manches erscheint dir auf den ersten Blick unbegreiflich oder unheimlich, ist es dann aber nicht. Eins kann ich dir versprechen: Wenn du in unserer kleinen Runde gehörst, wirst du in DIR vieles entdecken, was du vorher nicht für möglich gehalten hast.“

„Moment, was wollen die ‚einflussreichen‘ Kontakte von dir?“, fragte Lilly. „Ich vereinige vier Charakteristika, die mich für einige Menschen gefährlich macht: Reichtum, gefährlich hohes Intellekt, Zielstrebigkeit und wie du sicher bei den Diskussionen bemerkt hast auch alternative Moralvorstellungen“, erklärte Antony. „Wenn ich es drauf anlegen würde, könnte ich in den letzten zehn Jahren bereits die wirtschaftliche Kontrolle über die Finanzwelt übernehmen.“

„Das ist eine völlig unglaubwürdige Behauptung“, antwortete Lilly.

„Ach ja?“, entgegnete Antony. „Und wenn ich dir sage, dass vor dir der Mann mit den höchsten Patentanzahl Europas sitzt und das alle davon meine Ideen waren?“

„Und in welchen Bereiche?“, fragte Lilly überrascht.

„Maschinenbau, Physik, Produktionstechnik und Recycling“, erzählte Antony.

„Aber warum studierst du dann Pharmazie?“, entgegnete Lilly verblüfft. „Ein genialer Verstand lässt sich nicht gern in Nischen einsperren. Ich arbeite mich von einfachen Maschinen, hoch zur komplexen Biomaschinen und bringe dabei meine Ideen ein.“

„WOW“, sagte Lilly. „Kannst du das beweisen?“

„Klar“, sagte Antony. „Die Patente sind frei in einer Datenbank einsehbar.“

Dann holte er einen Zettel, schrieb darauf eine Internetadresse für eine Patentdatenbank auf sowie diverse Patentnummern und schob sie zu Lilly.

„Das sind meine bekanntesten Erfindungen im Recycling und gehören zu einer meiner Aktiengesellschaften. Überprüfe es, wenn du es wünschst. Überlege dir also mein Freundschaftsangebot, aber bitte erzähle es nicht weiter! Ich vertraue dir!“

Nach den Vorlesungen setzte sich Lilly in der Bibliothek an einen Rechner und stöberte die Links durch. Tatsächlich fand Lilly Antonys Namen als Erfinder oder Patentinhaber in den Dokumenten. Es waren teilweise richtig unglaubliche Erfindungen dabei, wie eine kostengünstige Legierungstrennungsverfahren oder supraleitende Halbkeramiken knapp unter 0°C, sogar eine Anleitung für eine Thorium-Nuklearbatterie von der Größe eines Auto-Akkus zum Betrieb von Kleinfahrzeugen. Als Lilly die Suche vertiefte, fand sie über 250 weitere Patenttreffer mit Antonys Erwähnung. Wie reich wäre Antony dann erst?

Über die nächsten Tage lernte Lilly auch Antonys Mitbewohner Mark aus der Physik kennen. Er war ein heller, aufgeschlossener Typ. Sie fand aber auch schnell heraus, dass Mark ein seltsames, unterwürfiges Verhalten an Antonies Seite zeigte.

Lilly begriff schnell, dass Mark seinen Mitbewohner nicht wie einen gewöhnlichen Freund ansah. Bei einer Gelegenheit fragte sie ihn schließlich: „Mark? Hegst du für Antony etwa leidenschaftliche Gefühle?“

„So könnte man es nennen“, entgegnete Mark schmunzelnd. „Liebe ist manchmal ein seltsames Gefühl. Nicht selten schwer von anderen Emotionen zu unterscheiden, aber ER ist … anders und schwer zugänglich, obwohl er offen scheint. Du wirst bald Vieles von dem überdenken, was du zu wissen glaubst.“

„Schade“, antwortete Lilly. Mark verzog etwas beleidigt das Gesicht. „Nein, es ist nicht das, was du denkst. Antony sagte mir einst, dass ich durch ihn meinen Seelengefährten finden würde… Ich dachte ehrlich gesagt zuerst, du wärst es. Du scheinst sehr einfühlsam zu sein, im Gegensatz zu anderen Männern.“

„Oh glaub mir, Lilly…“, entgegnete Mark verständnisvoll schmunzelnd. „Wenn du dem Einen begegnest, merkst du diesen doch bergeversetzenden Unterschied. Du hegst also keine Vorurteile?“

„Oh doch“, entgegnete Lilly. „Ich bin schließlich bibeltreu erzogen worden, aber dein Privatleben ist deine Angelegenheit und wer weiß schon, was Gott wirklich will.“

Mark schmunzelte und entgegnete: „Ja, wer weiß.“

Eines Nachmittags lud Antony Lilly in ein bekanntes, teures Café ein. Es war für die unglaublich köstlichen Desserts, kreative Kuchen und seinen ausgezeichneten Kaffee bekannt. Es ging so weit, dass man sogar eine Woche vorher reservieren musste.

Als die Drei sich an einen etwas abgelegenen Tisch setzten, fiel Lilly ein weiterer reservierter Platz auf.

„Kommt etwa sonst noch jemand?“, fragte Lilly überrascht.

„Ja“, sagte Mark seltsam schmunzelnd. „Ich habe meinen Kumpel, Kevin, auch eingeladen.“

„Das wird doch nicht etwa so ein Kuppeldate?“, fragte Lilly misstrauisch. „Neeein“, antwortete Antony. „Ich stelle dir lediglich die ganze Clique vor. Alles darüber hinaus entzieht sich meinem Einfluss.“

Lilly schmunzelte und beließ es zunächst dabei. Fast eine halbe Stunde verbrachten die Drei mit interessanten Gesprächsthemen. Plötzlich spürte Lilly etwas, dass ihren ganzen Körper bis zu den Nackenhärchen elektrisierte. Sie schaute zum Eingang und sah ihren Traummann ins Café hereinkommen. Er war groß, hatte kurzes braunes Haar, das für sie perfekte Gesicht und eine gut gebaute Statur mit breiten Schultern.

Als er Mark erblickte, winkte er und lief zum reservierten Tisch. Als Kevin jedoch Lilly erblickte, stolperte er über seinen eigenen Fuß und blieb dann rotwerdend wie erstarrt stehen. Die Blicke der Beiden trafen sich und Lilly, die sonst eher schüchtern war, konnte ihren Blick zuerst auch nicht von ihm wenden.

„Kevin, wärst du so nett und würdest deinen Mund schließen!“, bemängelte Mark neckend. „Dein Gaffen ist schon fast obszön offensichtlich!“

„Oh… Ja… Scheiße… Tut mir Leid“, stotterte Kevin von der Schönheit hypnotisiert, kam dann zu sich und wurde erneut rot. „Hallo, du musst Lillien sein. Ich entschuldige mich für meine Verspätung. Mir ist was dazwischen gekommen.“

Mark rollte mit den Augen und sagte: „Jaja… Jetzt setz dich endlich dazu. Du machst sogar mich nervös.“

Es war seltsam. Obwohl Kevin und Lilly sich vorher noch nie vorher getroffen haben, fühlte sich ihre erste Begegnung anders an. Ein ungewöhnlich starkes Gefühl der Vertrautheit, einer alten Sehnsucht ähnlich entbrannte in den Beiden. Lilly und Kevin reagierten zuerst sichtbar verwirrt, doch sie versuchten sich zusammen zu reißen. Antony schmunzelte kurz beide genau beobachtend.

„Wo sind wir stehen geblieben?“, fragte Lilly sich ablenkend.

„Ich sagte, dass die Menschheit den nächsten Schritt der Zivilisation wahrscheinlich nicht schaffen wird. Nahezu uneingeschränkte Religions- und Meinungsfreiheit sind Euch dabei sogar mehr im Weg als hilfreich“, wiederholte Antony sich erinnernd. „Beide bremsen in ihrer momentanen Form die politische Weiterentwicklung, den Fortschritt, höhlen Bildung aus, untergraben zwischenmenschlichen Respekt und schützen veraltete Hassvorstellungen.“

„Da werden dir viele Menschen widersprechen“, antwortete Lilly gekränkt. „Besonders der Glaube, die Verbindung zu Gott ist etwas Tiefes. Es als etwas weniger zu Betrachten als ein Menschenrecht in der heutigen Form wäre schlichtweg ein Sakrileg. Außerdem bietet dieses Menschenrecht Schutz vor Verfolgung oder Diskriminierung wie im zweiten Weltkrieg. Die Meinungsfreiheit ist natürlich ebenso wichtig.“

„Die Meinungsfreiheit ist einer der Grundpfeiler der Demokratie“, kommentierte Kevin abwertend. „Wir würden sonst im Totalitarismus enden.“

Antony schmunzelte und entgegnete: „Ich glaube, Ihr missversteht mich. Gehen wir erstmal auf die Meinungsfreiheit ein. Ich unterscheide zwischen objektiver Aufklärung, subjektiver Meinungsbildung und strategischem Journalismus. Ein Beispiel: Bei einem einflussreichen Politiker wird durch Recherche ein persönlicher Skandal aufgedeckt. Nehmen wir an, dass diese Person sonst ein Vorbild ist. Bei objektiver Aufklärung würde man den Skandal in eine detaillierte Personenanalyse mit Pros und Contras einbauen, damit der Leser selbst eine Vorstellung von ihm bilden kann. Subjektive Meinungsbildung bringt den Skandal als Schlagzeile heraus und zerstört einfach den Ruf des Politikers, selbst wenn seine restlichen Bemühungen grundsätzlich gut waren. Der strategische Journalismus, der in europäischen Ländern jedoch am häufigsten praktiziert wird, ist jedoch das Hauptproblem. Dabei wird der Skandal zurückgehalten und als Druckmittel gegen den Politiker verwendet. Sobald der Politiker etwas sagt, dass jemandem aus der wahren Führungsriege des Landes nicht passt.“

„Hört sich für mich nach einer Verschwörungstheorie an“, kritisierte Kevin augenrollend. „Wer soll diese Führungsriege sein? Eine Geheimgesellschaft, die die Weltherrschaft anstrebt.“

Antony schmunzelte und entgegnete: „Soweit würde ich gar nicht gehen.

Fast jede Zeitung, Fernsehkanal und Radio befinden sich heute ganz oder teilweise in privater Hand. Also vertreten Sie auch letztendlich auch Ihre Interessen. Diese sehr menschlichen Ziele sind vor allem steigender Einfluss und Erhöhung des eigenen Reichtums. Das ist auch nicht weiter verwerflich, weil es den äffischen Urinstinkten entspricht. Es ist eher das Resultat dieses Verhaltens, dass letztendlich jede aufstrebende Zivilisation in der Menschheitsgeschichte vernichtet hat: Die arbeitende Bevölkerung wird versklavt, lehnt sich schließlich auf und tötet letztendlich jeden, der das alte System unterstützt hat. Die Wirtschaft kollabiert und im Chaos entstehen neue Gruppierungen, aus denen die Grausamste am Ende gewinnt.“

„Was für ein Blödsinn redest du da?“, widersprach Lilly. „Wir sind doch keine Sklaven.“

„Ihr werdet es, sobald Ihr in die Arbeitswelt eintretet“, erklärte Antony. „Lass es mich dir mit einfacher Mathematik erklären: Seit der letzten Wirtschaftskrise befindet sich über 85 % des Gesamtweltgeldvermögens im Besitz der reichsten 8% der Menschen. Nehmen pessimistisch an, dass diese Menschen nur etwa 90% ihres Geldes in Aktien anlegen, die mit 5% jährlich verzinst sind. Das bedeutet, dass die restlichen 92% der Bevölkerung dieses Zinsen erarbeiten müssen. Davon sind 20% zu alt zum Erwirtschaften, 33% zu jung und ca. 10% sind arbeitslos. Daraus folgt, dass 42 % der Bevölkerung diese 5% des Gesamtweltvermögens erwirtschaften müssen.“

„Hört sich nicht nach viel an“, kommentierte Lilly.

„Ja, nur sind diese 5% auf 76,5% des Weltvermögens bezogen. Die arbeitende Schicht hat aber nur ca. 15% des Vermögens zur reellen, eigenen Verfügung. Alles andere sind Schulden bei Investoren. Das bedeuten, dass der statistische Angestellte eigentlich 25,5% seiner Leistungen an Investoren verliert. Dieser Anteil steigt mit abfallendem Bildungsgrad. Bedenkt man, dass zu diesen Betrag noch Bearbeitungsgebühren, aufgebaute Mehrfachverleihungen durch Banker dazukommen resultiert daraus ein Endanteil von mindestens 35%.“

„Wie soll denn das gehen?“, fragte Kevin nach. „Das würden die Menschen doch merken.“

„Nicht, wenn es in kleine Häppchen verteilt wird“, erklärte Antony. „Ein Teil fließt über aufgenommene Schulden ab, ein weiterer über Mietabgaben, noch einer über Steuern also Schuldlast des Staates, also durch die erzwungenen Einsparungen in der Infrastruktur, Kürzung der Renten und Privatisierung von öffentlichem Eigentum, dass eigentlich früher allen gehörte und von allen mitbenutzt werden konnte. Die Privatisierung wird nicht mit den Straßen, der Strom- und der Wasserversorgung aufhören. Bei der momentanen Entwicklung wird die Öffentlichkeit innerhalb der nächsten 3 Jahrzehnte zusammenbrechen. Altersarmut ist nur der Anfang.“

„Und warum denkst du, dass Religionsfreiheit eingeschränkt werden muss?“, fragte Lilly. „Gerade in solchen Zeiten ist Glaube wichtig.“

„Glaube?“, fragte Antony zynisch. „Religion hat das dunkle Mittelalter mitverursacht. In Zeiten großer Verzweiflung haben sich die Menschen um religiöse Anführer gescharrt, die mit utopischen Idealen und einer schuldigen Minderheit die Konflikte befeuerten. Es führte zu Aufständen, Chaos und Vernichtung. Jeglicher Fortschritt wurde dabei zusammen mit den alten Eliten dämonisiert oder ganz vernichtet.“

„Was würdest du denn vorschlagen?“, fragte Kevin.

„Kapitalismus spricht die natürlichen Bedürfnisse des Menschen nach Anerkennung und Belohnung für Geleistetes an. Aber wenn man Geld und Vermögen als Anerkennung des Eigenerfolgs durch die Gesellschaft betrachtet, muss man sich von der Idee loslösen, dieses sei uneingeschränkt vermehrbar und vererbbar. Die Besteuerung des Vermögens, sowie die Vererbbarkeit könnte man an regionale oder nationale Faktoren knüpfen, wie zum Beispiel Leitzins oder Mindestlohn. Das Vermögen muss sich im ständigen Kreislauf zwischen öffentlich und privat befinden, damit es nicht zur Ungerechtigkeitsverschiebung kommt. Neue Ideen und Unternehmungen würden in diesem verbesserten System am meisten gefördert und davon würden letztendlich alle profitieren. Und für die Zweifler unter Euch. Es geht beim Vermögenrückgabe nicht um das mühevoll ersparte Eigenheim oder die mühevoll aufgebaute Firma, aber Aktienanlagen, vermietete Immobilien, Zweitfirmen und sonstige Passiveinkommensquellen müssen nach dem Tod an die Gesellschaft zurückgegeben werden, da man zu Lebzeiten davon profitiert hat. Die eigenen Kindern kann man gern das Eigenheim und die Firma überlassen.“

„Aber warum dann Religionsfreiheit einschränken?“, fragte Lilly. „Die Bibel zum Beispiel verurteilt Ungleichheit doch ebenso.“

„Ja aber sie setzt falsche Zeichen“, entgegnete Antony. „Religionen haben einen dogmatischen Charakter und führen in schwierigen Zeiten stets zu einem Rückfall zu den alten Werten, also letztlich zur Barbarei. Da der Wahrheitsgehalt dieser Schriften und der damit verbundenen Regelwerke für einen Lebenden nicht überprüfbar ist, sind sie mit einer Meinung oder Vorstellung gleichzusetzen und einem wissenschaftlichen Beweis sowieso unterzuordnen… besonders aus der Perspektive von jemandem, der die Natur und das Universum besser versteht.“

„Wie meinst du das?“, hackte Kevin zynisch nach. „Hast du etwa Beweise dafür, dass die weisen Autoren der Religionsbücher gelogen haben oder Gott gar nicht existiert?“

Antony aber entgegnete: „So sagte ich das nicht! Gehen wir mal anders an die Sache heran, gibt es gewisse Argumente gegen die Bibel vorbringen. Die Bibel zum Beispiel verurteilt Homosexualität als Todsünde, aber befürwortet gleichzeitig Sklaverei, sogar das der eigenen Tochter (2. Mose 21,7). Wer die Bibel, Koran oder irgendein anderes religiöses Buch also ernst nehmen will, müsste man zum Beispiel: auf alle Medikamente verzichten, da Krankheiten als Strafe Gottes oder schlechtes Karma zu betrachten sind; Technologie ablehnen, weil sie Gott in Frage stellt; Alle psychische Erkrankungen mit Exorzismus behandeln; In der Ernährung auf Krebstiere, Schweinefleisch und diverse andere Lebensmittel verzichten; Außerdem wären Frauen nach fast allen großen Religionen weniger wert als Männer.“

„Sich beschneiden lassen als Bindung zu Gott sollte man auch nicht vergessen“, fügte Mark böse schmunzelnd hinzu.

„Zum Glück glaube ich nicht an Gott“, verkündete Kevin stolz. Lilly irritierte diese Anmerkung nur.

„Und an was glaubst du, Antony?“, fragte Lilly, ohne auf eine universelle einleuchtende Antwort zu erwarten. „Als hochintelligenter Wissenschaftler müsstest du ja mittlerweile auch eine ‚Meinung‘ haben.“

Antony schmunzelte und antwortete: „Ich kenne die Wahrheit oder kenne sie nicht, dazwischen gibt es für mich nichts. Was ich nicht kenne, versuche ich zu ergründen. Aber ich bin nicht bereit mein ganzes Leben für die Anbetung von etwas Ungreifbarem zu verschwenden. Damit du mich besser verstehst, ein Beispiel: Der Vatikan hält seit Jahrhunderten einen Großteil seiner historischen Untersuchungen zur Bibelgeschichte unter strengem Verschluss. Nur ausgewählte Personen dürfen unter absoluter Geheimhaltung an diese brisanten Archive heran. Da stellt sich die einfache Frage: Warum? Wenn die Bibel so stimmt, wie sie uns heute vorliegt, könnte der Inhalt der Archive sicher den Positivbeweis liefern und der ganzen Welt den Wahrheitsgehalt bestätigen.“

„Also haben Sie vielleicht vor etwas Angst?“, bestätigte Kevin das Offensichtliche.

„Der geschichtliche Jesus war kein Freund von ritualisiertem Kommerz. Das bewies er durch seinen Wutausbruch im Tempel, der in mehreren Evangelien auftaucht. Er stellte schnell fest, wie korrupt die jüdischen Hohepriester waren und predigte öfter im Freien. Jetzt die Frage an Euch: Wieso würde ein korruptionsverabscheuender Messias eine Glaubensgemeinschaft gründen wollen, die auf denselben hierarchischen Prinzipien wie die heutige katholische Kirche basiert?“, ergründete Antony. „Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, warum die Kirche diese Information zurückhält: Entweder würde sie ihre Autorität aufheben oder einen Teil der Bibel sehr unvorteilhaft widerlegen.“

„Aber was hat es mit Meinungsfreiheit zu tun? Du verbindest beides ausirgendeinem Grund“, fragte Lilly etwas verwirrt.

„Du kannst an einen fliegenden Affengott glauben und Legenden darüber verfassen. Man kann daraus sogar eine Religion mit einem riesigen Regelwerk aufblasen, aber ohne lebende Beweise bleibt es eben nur eine Behauptung“, erörterte Antony abwertend. „Und eine falsche, gesellschaftsschädliche Religion kann man einfach an fünf Zeichen erkennen: Scheinheiligkeit (Liebe predigen, aber Diskriminierung fördern), Widersprüche in Texten, Überlegenheitsanspruch (gegenüber Heiden), Dogmatisierung von Hierarchien und indirekte Ablehnung von moralischem oder wissenschaftlichem Fortschritt. Besitzt irgendeine Religion auch nur eins dieser Zeichen, ist sie nur ein weiteres bedeutungsloses Machtapparat einer herrschenden Klasse… Ob Männer, Priester, Großgrundbesitzer oder Könige.“

„Wenn es bloß so einfach wäre“, seufzte Lilly an ihren Vater denkend. „Ich habe an meinem Glauben an Gott auch schon so oft gezweifelt… aber manchmal passiert etwas und ich denke, vielleicht hat er mich doch nicht vergessen.“

Mark nahm kurz ihre Hand und tröstete sie.

„Ich weiß genau, was du meinst“, entgegnete er. „Aber die Realität ist zu oft anders, als das euphorisch Wahrgenommene.“

Die Freunde unterhielten uns noch eine dreiviertel Stunde, bis Mark schließlich auf sein Smartphone schaute. Er zeigte es seinem Mitbewohner und stand dann zusammen mit Antony auf.

„Es wird langsam spät und wir haben noch… ein Projekt“, sagte Mark anspielend. „Ihr könnt ja noch bleiben und Euch weiter unterhalten.“

„Oh… Ihr müsst schon gehen… wie schade“, antwortete Kevin in leichten Unterton. Lilly schmunzelte. „Dann sehen wir uns morgen!“

Als Mark und Antony sich verabschiedeten, wackelte Mark schmunzelnd mit den Augenbrauen. Kevin verstand sofort, was das zu bedeuten hatte. Lilly wurde etwas rot.