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Ein letzter gemeinsamer Sommer und eine unvergessliche Reise
Der herzerwärmende Liebesroman für Lesestunden voller Tränen und Lachen
Jennifer hat wegen ihres Jobs in einer Werbeagentur viel zu wenig Zeit für ihren Hund Boomer – und deshalb immer ein schlechtes Gewissen. Als sie dann erfahren muss, dass Boomer unheilbar krank ist und nicht mehr lange leben wird, trifft sie kurzerhand eine mutige Entscheidung: Jennifer beschließt, ihre Arbeit zu pausieren, um mit ihrem treuen Freund eine unvergessliche Reise quer durch die USA zu bestreiten. Unterwegs gabeln die beiden den Journalisten Nathan auf, der von Jennifers Entschlossenheit beeindruckt ist. Er erkennt, dass dieser Roadtrip nicht nur eine persönliche Reise des Abschieds ist, sondern auch ein ganz besonderes Abenteuer, das erzählt werden muss. Während sie zu dritt die atemberaubende Landschaft erkunden, schleicht sich Nathan immer mehr in Jennifers Herz …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Herzklopfen im Gepäck.
Erste Leser:innenstimmen
„Die gefühlvolle Entwicklung der Beziehung zwischen Jennifer und Nathan war authentisch und herzerwärmend.“
„Besonders schön fand ich, wie die Reise durch die USA detailliert beschrieben wurde – man hatte das Gefühl, selbst dabei zu sein. “
„Nathan's Rolle als Journalist, der diese Reise dokumentiert, fügt dieser Wholesome Romance eine interessante und emotionale Dimension hinzu.“
„Jennifer's liebevolle Hingabe zu Boomer ist inspirierend und zeigt, wie wichtig es ist, für die zu kämpfen, die man liebt.“
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2024
Jennifer hat wegen ihres Jobs in einer Werbeagentur viel zu wenig Zeit für ihren Hund Boomer – und deshalb immer ein schlechtes Gewissen. Als sie dann erfahren muss, dass Boomer unheilbar krank ist und nicht mehr lange leben wird, trifft sie kurzerhand eine mutige Entscheidung: Jennifer beschließt, ihre Arbeit zu pausieren, um mit ihrem treuen Freund eine unvergessliche Reise quer durch die USA zu bestreiten. Unterwegs gabeln die beiden den Journalisten Nathan auf, der von Jennifers Entschlossenheit beeindruckt ist. Er erkennt, dass dieser Roadtrip nicht nur eine persönliche Reise des Abschieds ist, sondern auch ein ganz besonderes Abenteuer, das erzählt werden muss. Während sie zu dritt die atemberaubende Landschaft erkunden, schleicht sich Nathan immer mehr in Jennifers Herz …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Herzklopfen im Gepäck.
Erstausgabe 2017 Überarbeitete Neuausgabe Juli 2024
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98998-300-7
Copyright © 2017, Sue Pethick Titel des englischen Originals: Boomer's Bucket List
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright © 2018, Weltbild Deutschland Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2018 bei Weltbild Deutschland erschienenen Titels Boomers letzte Reise (ISBN: 978-3-95973-703-6).
Copyright © 2023, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2023 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Herzklopfen im Gepäck (ISBN: 978-3-98778-495-8).
Übersetzt von: Claudia Krader Covergestaltung: Dream Design – Cover and Art unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Marques, © Viktoria Bondarenko, © IndustryAndTravel, © KK.KICKIN, © Lysenko Andrii, © VRstudio, © Ann in the uk, © Kim Britten Korrektorat: Katharina Pomorski
E-Book-Version 07.02.2025, 10:36:46.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Herzklopfen im Gepäck von Sue Pethick. Da wir uns stets bemühen, unseren Leser:innen ansprechende Produkte zu liefern, werden Cover sowie Inhalt stets optimiert und zeitgemäß angepasst. Es freut uns, dass du dieses Buch gekauft hast. Es gibt nichts Schöneres für die Autor:innen und uns, zu sehen, dass ein beständiges Interesse an ästhetisch wertvollen Produkten besteht.
Wir hoffen du hast genau so viel Spaß an dieser Neuauflage wie wir.
Dein dp-Team
In dem Sommer, in dem sie ihren dreißigsten Geburtstag feierte, geschahen drei Dinge, die das Leben von Jennifer Westbrook von Grund auf veränderten. Sie bekam ihren Traumjob, wurde geschieden und adoptierte einen Hund.
»Wie alt sind die denn?« Jennifer starrte auf die wuselnde Schar Welpen im Gatter.
Betty lächelte. Sie war die Züchterin.
»Genau vier Monate alt. Da drüben, das ist die Mama, Trixie.«
Sie deutete auf eine etwas erschöpft wirkende hellbraune Labradorhündin, die sie aus einiger Entfernung angespannt beobachtete.
»Und der Vater?«
»Ein Golden Retriever, der ein Stück die Straße runter lebt. Der ist damals ausgebüxt und ausgerechnet hier gelandet.« Die Frau verzog das Gesicht. »Sie haben mir erzählt, er sei reinrassig. Papiere hat er aber keine. Wir verkaufen normalerweise nur Rassehunde, keine Promenadenmischungen. Bei jedem Wurf, der keinen Spitzenpreis bringt, leg ich drauf.«
Jennifer nickte mitfühlend. Eine Promenadenmischung war genau das, was sie suchte. Jahrelang hatte man ihr damit in den Ohren gelegen, dass alles, was sie machte oder sagte, perfekt sein musste. Jetzt war sie endlich allein, und sie wollte ein normales, kein perfektes Leben.
»Eines muss ich ihm allerdings zugutehalten«, fügte Betty hinzu. »Er hat eine gute Erbmasse. Die Welpen sind vielleicht nicht reinrassig, sehen aber toll aus.« Vorsichtig sah sie Jennifer von der Seite an. »Wollen Sie mal gucken?«
»Ja, ich glaub schon.«
Betty stieg über das Gatter und hielt die Welpen zurück, während Jennifer ihr folgte. Von der anderen Seite des Zauns aus hatten sie alle gleich ausgesehen. Doch jetzt, mittendrin, entdeckte sie schnell Unterschiede.
Fünf der sechs Welpen rannten sofort auf sie zu, sprangen an ihr hoch, beschnüffelten sie und leckten ihre Finger ab, als sie die Hand ausstreckte. Jennifer erinnerte sich an die Tipps aus den Ratgebern, wie man einen Hund mit einem guten Charakter auswählt. Sie rollte sie nacheinander auf den Rücken und hielt sie kurz in dieser Position fest, um die Reaktion zu testen. Alle bis auf einen nahmen diese Behandlung geduldig hin. Blieben noch vier.
Als Nächstes nahm Jennifer jeden einzeln hoch und streichelte ihn. Doch das half ihr nicht bei der Auswahl, im Gegenteil. Am liebsten hätte sie alle genommen. Sie stand auf und schüttelte den Kopf.
»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Sie sind alle so süß. Wie soll ich da einen aussuchen?«
Betty lächelte wissend. »Warten Sie ein bisschen«, sagte sie. »Meiner Erfahrung nach sucht nicht der Mensch den Hund, sondern der Hund den Menschen aus.«
Da hatte Jennifer ihre Zweifel. Sicher gab es eine anerkannte Methode dafür, das richtige Haustier zu finden, dachte sie. Fragen beantworten, Prüfungen absolvieren … Sie hatte ihr Bestes versucht, und jetzt schwirrte ihr der Kopf. Sie beschloss, einfach der Züchterin zu vertrauen.
Zwei der Welpen trollten sich und begannen miteinander zu raufen. Dann eilte der dritte hinüber und rannte seine kleinere Schwester um. Sie verloren das Interesse, dachte Jennifer. Wer konnte ihnen das verdenken? Der Reiz des Neuen war dahin.
Plötzlich kam der Welpe, der sich zunächst abseits gehalten hatte, setzte sich vor sie hin und lehnte sich gegen Jennifers Bein. Sie sah hinunter und blickte tief in zwei schokoladenbraune Augen, die sie … ja, die sie anlächelten. Ihr kam es so vor, als könnte sie Lachfältchen sehen.
»Sieht so aus, als hätten Sie Ihren Welpen gefunden«, meinte Betty.
»Sie haben recht.« Jennifer sah sie an. »Hat er einen Namen?«
»Die Kinder nennen ihn Boomer.«
Jennifer lächelte. »Also dann, Boomer.«
Sie hob den kleinen Kerl vom Boden hoch und knuddelte ihn. Als er sich daraufhin in ihre Arme schmiegte, war Jennifer wirklich überzeugt, dass das letzte fehlende Stück in ihrem neuen Leben seinen Platz gefunden hatte. Da draußen gab es eine ganze Welt, die darauf wartete, von ihnen beiden erobert zu werden.
»Du und ich, Boomer«, sagte sie. »Wir beide werden eine Menge Spaß miteinander haben.«
Es war ein wunderschöner Spätsommertag in Chicago. Die hohe Luftfeuchtigkeit, die den August unerträglich gemacht hatte, verzog sich endlich aus der Stadt. Vom Lake Michigan her blies eine sanfte Brise durch die Straßen. Gute Voraussetzungen für ein perfektes Wochenende.
Jennifer Westbrook verließ ihr Büro, und vor ihr öffnete sich eine Welt wunderbarer Möglichkeiten. Es hatte weder Katastrophen in letzter Minute noch auswärtige Termine und auch keine Kunden gegeben, die nach ihrer und nur ihrer Beratung verlangt hatten. Vor ihr lagen freie, nicht verplante achtundvierzig Stunden, sah man mal von ein paar Besorgungen auf dem Heimweg ab. Sie konnte es kaum erwarten, mit ihrem Hund Boomer loszuziehen.
Die Hunde-Tagespension lag nur zwei Querstraßen entfernt. Boomer war gern dort. Doch drinnen zu toben war nicht das Gleiche, wie draußen an der frischen Luft zu sein. Jennifer wollte ihn auf ihrer Runde mitnehmen. Die Hundetrainerin hatte ihnen erklärt, dass es gut für Hunde sei, Erfahrungen mit verschiedenen Menschen und Situationen zu machen. Der Spaziergang würde Boomer die Gelegenheit bieten, seine guten Manieren auszuprobieren. Außerdem wäre er dann bis zum Abendessen ein bisschen müde.
Die Türglocke bimmelte, als Jennifer die Hundepension betrat. In den hinteren Räumen ertönte sofort wildes Gebell. Die Tür hinter dem Empfang ging auf, und Hildy erschien. Sie war eine der Besitzerinnen.
»Jennifer, Sie sind früh dran. Wollen Sie bei diesem schönen Wetter raus?«
»Klar«, sagte Jennifer. »Und da hab ich mir gedacht, ich hole als Erstes Ihren Lieblingsgast ab.«
Der Ausdruck Lieblingsgast war eine Art Insiderwitz. Jennifer wusste natürlich, dass ihr süßer Hund ein ziemlicher Rabauke sein konnte.
Hildy rief hinten an und bat darum, Boomer nach vorn zu bringen.
»Boomer hat sich in letzter Zeit ziemlich gut benommen«, meinte sie. »Ich glaube, er wird langsam älter und ruhiger.«
Hildys Assistentin erschien mit dem Labradormix.
»Scheint mir ein bisschen früh dafür zu sein«, sagte Jennifer. »Er ist letztens erst fünf geworden.«
Boomer sprang an Jennifer hoch und begrüßte sie so enthusiastisch, dass er jeden Gedanken an ein ruhiges Hundesenioren-Dasein Lügen strafte. Hildy sah überrascht aus.
»Aha«, sagte sie. »Na, vielleicht war er einfach ein bisschen müde.«
Jennifer lächelte. »Oder das Training bewirkt endlich etwas.«
»Ja, wahrscheinlich. Gut, dann sehen wir uns am Montag wieder. Tschüs, Boomer.«
»Älter und ruhiger«, murmelte Jennifer beim Hinausgehen. »Hast du ein Glück, dass du keine Frau bist, Boomer. Sonst würdest du dir nach so einer Bemerkung sofort die Haare färben und eine Botoxbehandlung buchen.«
Die Innenstadt war voller Angestellter, die sich aufs Wochenende vorbereiteten. Jennifer eilte mit Boomer auf dem Bürgersteig dahin und bemerkte, wie häufig die Vorübergehenden lächelten, wenn sie den Hund sahen. Sie gratulierte sich dazu, dass sie sich so ein freundliches und liebes Tier ausgesucht hatte. Boomer mochte nicht gerade ein Ausbund an Gehorsam sein, aber er knurrte Fremde nicht an oder sprang an ihnen hoch. Außerdem hörte er ihr aufmerksam zu, wenn sie einen harten Arbeitstag gehabt hatte. Seit sie zusammen waren, war Boomer ihr bester Kumpel geworden.
Ihre erste Station war der Schuster. Jennifer musste ein Paar Slingpumps abholen, das einzige Opfer von Boomers jugendlicher Kauphase. Leider ihr teuerstes Paar, aber das war einfach Pech. Irgendwie rechnete sie es ihm sogar positiv an, dass er einen so guten Geschmack für Designerstücke hatte. Boomer konnte offensichtlich etwas mit Qualität anfangen. Doch Jennifer hatte es nicht fertiggebracht, die Schuhe wegzuwerfen. Als sie dem Schuster, Mr Altimari, davon erzählte, bat er sie, sie ihm zur Reparatur vorbeizubringen. Angesichts der Zeit, die das Paar ungetragen im Schuhschrank verbracht hatte, fand Jennifer, dass sie das riskieren konnte.
Lucio Altimari stand in seiner Werkstatt hinter der Ladentheke, als Jennifer und Boomer hereinkamen. Mit dem Schusterhammer in der Hand und der Lederschürze um seinen mächtigen Bauch wirkte er wie eine ältere Version vom heiligen Crispin, dem Schutzheiligen der Schuhmacher. Der war auf einem großen Bild auf der Wand hinter ihm zu sehen.
»Hallo, Mr Altimari«, sagte Jennifer. »Ich habe Ihre Nachricht erhalten.«
Der alte Mann sah auf und winkte ihr zu.
»Ciao, bella. Ja, ich konnte sie richten.« In seiner Stimme schwang der Akzent der Toskana mit.
Er legte den Stiefel zur Seite, an dem er gerade arbeitete, stand auf, streckte den Rücken und ging langsam zur Theke. Mit seinen gut eins fünfzig war der winzige weißhaarige Mann fast dreißig Zentimeter kleiner als Jennifer. Trotzdem wirkte er durch die mächtigen Unterarme und die durchdringend blauen Augen fast einschüchternd. Als er Boomer erblickte, kniff er die Augen zusammen. »Aha. Il distruttore delle scarpe.«
Jennifers Italienisch war ziemlich eingerostet, aber sie war sich sicher, dass er Boomer als Zerstörer ihrer Schuhe identifiziert hatte.
»Das ist lange her«, warf sie ein. »Und es hat ihm echt leidgetan. Stimmt’s, Boomer?«
Boomer senkte den Kopf, und Mr Altimari verschwand hinten in der Werkstatt, um ihre Schuhe zu holen. Als er sie auf die Theke stellte, musste Jennifer tief Luft holen. Sie sahen aus wie neu.
»Unglaublich.« Sie untersuchte das Paar genau. »Man sieht überhaupt nicht, dass sie kaputt waren.«
»Ich gebe immer mein Bestes«, sagte der alte Mann bescheiden. »Es ist nicht perfekt, aber zumindest ziemlich gut. Oder?«
Er schob die Rechnung über die Theke, und Jennifer zückte ihre Kreditkarte. Nicht gerade billig, dachte sie. Aber wesentlich weniger, als ein Paar neue Schuhe gekostet hätten.
Während der alte Mann ihr die Quittung reichte, bedachte er Boomer mit einem strengen Blick. »Diesmal vergebe ich dir«, meinte er. »Aber bleib in Zukunft weg von den teuren Schuhen, sonst geraten wir ernsthaft aneinander, verstanden?«
»Keine Sorge«, sagte Jennifer. »Boomer hat seine Lektion bestimmt gelernt.«
Mr Altimari wickelte die Pumps in Seidenpapier und legte sie in einen Schuhkarton, den er in eine Tragetasche steckte. Zufrieden, dass die Sache mit dem Hund abgehandelt war, wandte er sich seinem Lieblingsthema zu. Er wollte Jennifer helfen, einen Ehemann zu finden.
»Was haben Sie am Wochenende vor? Alles schon verplant, ja?«
»Eigentlich nicht«, gab sie zu. »Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich so lange kein freies Wochenende mehr, dass ich das Planen vollkommen vergessen habe.«
»Sie sollten ausgehen, sich amüsieren.« Er drohte ihr mit seinem krummen Zeigefinger. »Zu Hause lernen Sie niemanden kennen.«
Jennifer nickte lächelnd. Ihr war klar, dass Mr Altimari es gut meinte. Dass er nichts über ihre Situation wusste, war ihre Schuld und nicht seine.
Nachdem sie Vic verlassen hatte, war ihr keine Mühe zu groß gewesen, ihr gesamtes Leben neu zu ordnen. Neue Stadt, neuer Job, neue Freunde. Wenn sie nicht so begierig gewesen wäre, sich von ihrem alten Leben zu distanzieren, wären die Dinge vielleicht anders gelaufen. Doch inzwischen stand zu viel für sie auf dem Spiel, um dieses Risiko einzugehen. Solange sie die Büchse der Pandora nicht öffnen wollte, sagte Jennifer sich, musste sie sich mit ein bisschen gut gemeinter Einmischung abfinden.
»Machen Sie sich keine Gedanken, mir fällt schon etwas ein«, sagte sie. »Und wenn nicht mir, dann bestimmt Boomer.«
Boomer sah zu ihr hoch und wedelte mit dem Schwanz.
»Ich weiß, ich weiß«, sagte der alte Mann. »Und es geht mich ja auch gar nichts an.« Er reichte ihr die Tüte. »Buona giornata. Einen schönen Tag noch.«
»Mille grazie, Mr Altimari. Tausend Dank.«
Sie traten aus dem Laden und gingen Richtung Supermarkt. Die Hochbahn ratterte um die Kurven. Jennifer spürte den Luftzug, als der Zug über ihnen entlangfuhr, und schloss die Augen. Der Fahrtwind brachte oft Staub und Blätter mit sich.
Nur noch zwei Sachen zu erledigen, dann konnten sie nach Hause spazieren. Wenn sie beim Take-away etwas zu essen mitnahm, musste sie nicht kochen und abwaschen. Weil es lange hell war, könnten sie dann vielleicht gleich zum Strand gehen und mit dem Frisbee spielen. Und morgen könnten sie früh aufstehen und im Lincoln Park joggen. Das hatten sie und Boomer seit ewigen Zeiten nicht mehr gemacht.
Jennifer ging in den Supermarkt, während Boomer draußen wartete und die Autos im Feierabendverkehr beobachtete. Ab und zu tätschelte ihn ein Passant. Als sie zurückkam, bettelte er um sein Hundeleckerli, das er schnell verschlang. Dann erwartete er, dass sie ihn losband.
Als Jennifer nach der Leine griff, hörte sie Boomer grollend knurren.
»Was ist denn?« Sie sah auf und erblickte einen Mann mit Aktenmappe. »Ach nein«, stöhnte sie. »Phil.« Jennifer glaubte nicht, dass er sie gesehen hatte. Sie senkte den Kopf und fragte sich, was sie machen sollte. O je, das ist ja oberpeinlich!
Sie waren vor etwa einem Monat miteinander ausgegangen. Phil hatte etwas getrunken und war ein bisschen zudringlich geworden. Danach fand das Date ein schnelles Ende, weil Boomer Jennifer zu Hilfe eilte und den Kerl mit gefletschten Zähnen aus dem Haus jagte. Zugegeben, nicht gerade Boomers Glanztat, aber Jennifer konnte ihm nicht böse sein. So wie sie die Dinge sah, hatte Phil es nicht anders verdient.
Phil war noch eine Querstraße weg und sprach in sein Smartphone. Als Jennifer hochsah, trafen sich ihre Blicke. Phil schaute von Jennifer zu Boomer und zurück, wechselte dann die Richtung und verschwand schnell in der Ferne. Jennifer lächelte. Boomer war nicht nur ein Hund, sondern ein großer flauschiger Leibwächter. Allerdings sollte sie das Mr Altimari wohl besser verschweigen.
Noch ein kurzer Halt beim Mexikaner, um Burritos und Nachos zu holen, dann traten sie endlich durch die Tür von Jennifers kleinem Reihenhaus. Handtasche, Leine und Schuhe blieben am Eingang liegen, und Jennifer trug die Einkäufe in die Küche. Boomer eilte zu seinem Wassernapf.
»Was für ein Tag«, seufzte sie und nahm einen Teller aus dem Schrank. »Ein einziges Mal möchte ich für einen Kunden arbeiten, der weiß, was er will, bevor ich die ganze Werbekampagne komplett geplant habe.«
Sie schenkte sich ein leichtes Bier ein und stellte die Nachos auf den Tisch. »Ich habe Derek gesagt, dass er noch jemanden einstellen muss, wenn das so weitergeht. Weißt du, was er geantwortet hat?«
Der Teller klapperte auf dem Tisch, nachdem sie noch einen Schluck Bier getrunken hatte. »Er hat gesagt, dass die Hälfte unserer Kunden die Agentur wechseln würde, gäbe er ihnen einen anderen Betreuer. Ja, super. Als ob er das jemals auch nur versuchen würde.«
Jennifer erzählte Boomer die neuesten Geschichten aus der Firma, während sie den Burrito und die Nachos aß. Erst als sie sich noch ein Bier holen wollte, merkte sie, dass Boomer nicht mehr in der Küche war. »Hey, Kumpel, wo bist du?«
Sie ging ins Wohnzimmer, wo Boomer auf dem Sofa lag. Er hob den Kopf und klopfte mit dem Schwanz auf die Polster, stand aber nicht auf. »Du Armer, du bist echt müde, oder?«
Jennifer legte ihm eine Hand auf die Flanke und streichelte sein weiches Fell. »Deine Freunde in der Hundepension müssen dich ja total fertiggemacht haben.« Sie runzelte die Stirn. Seit fast einer halben Stunde waren sie zu Hause, und Boomer japste immer noch nach Luft. Sie sagte sich, dass es heiß war. Ja. Aber sein Herz schien so schnell zu schlagen. Dann fiel ihr Hildys Bemerkung ein, dass Boomer ruhiger gewesen wäre als sonst, und fragte sich, ob er etwas ausbrütete.
»Weißt du was?«, sagte sie. »Ich gehe unter die Dusche, schlüpfe in meinen Schlafanzug und komme zu dir aufs Sofa. Auf Netflix gibt es bestimmt was Gutes.«
Sie legte ihm die Hand an den Bauch, um zu prüfen, ob er Fieber hatte. Dann ging sie nach oben. Nächste Woche war sowieso Boomers jährlicher Check-up beim Tierarzt fällig. Da konnte sie Dr. Samuels gleich deswegen fragen.
In der Zwischenzeit würde sie versuchen, sich keine Sorgen zu machen. Wahrscheinlich war es sowieso nichts.
Menschen machen merkwürdige Dinge, wenn sie nervös sind. Jennifer zum Beispiel machte ihr hektisches Leben noch hektischer. Während sie im Wartezimmer des Tierarztes saß, beantwortete sie E-Mails, las SMS und kontrollierte ihre Ausgaben. Alles nur, um sich davon abzuhalten, vom Schlimmsten auszugehen.
Sie tätschelte Boomer beruhigend. »Wahrscheinlich ist gar nichts«, flüsterte sie. »Kein Grund, sich Sorgen zu machen.«
Aber Jennifer machte sich Sorgen. Als sie mit Boomer beim jährlichen Check-up gewesen war, hatte sie beiläufig erwähnt, dass er müder wäre als sonst. Anstatt ihm ein paar Vitaminspritzen zu geben, hatte Dr. Samuels sie überredet, eine Reihe von Kontrolluntersuchungen machen zu lassen. Das hatte länger als einen halben Tag gedauert und Nachfragen bei einem Spezialisten erfordert. Sie vermutete, dass der Tierarzt einfach auf Nummer sicher gehen wollte. Doch er hatte so sehr darauf bestanden, dass sie am Ende zustimmte.
Heute, eine Woche später in seinem Wartezimmer, wünschte sich Jennifer fast, sie hätte das nicht gemacht. Schließlich war Boomer ein junger Springinsfeld. Er konnte nicht ernsthaft krank sein, oder?
Die Tür zum Behandlungszimmer ging auf, und Dr. Samuels neue Sprechstundenhilfe bat sie herein, eine jugendlich wirkende braunhaarige Frau in den Dreißigern, die sich wie ein Teenager kleidete und mit einer albernen Kieksstimme sprach. Genau der Typ, dachte Jennifer säuerlich, auf den ihr Ex-Mann Vic geflogen wäre. Boomer sah hoch und knurrte grollend. Jennifer fuhr ihr Notebook herunter. Vielleicht sollte sie keine Vorurteile haben, aber Boomer schien die Dame ebenfalls nicht zu mögen. Und der Hund war ein ausgezeichneter Menschenkenner. »Wir sind dran. Auf geht’s«, sagte sie.
Kaum hatte sich die Tür des Behandlungszimmers hinter ihnen geschlossen, erschien Dr. Samuels. Sein Gesichtsausdruck sagte Jennifer, dass es keine guten Nachrichten geben würde. Ihr Puls begann zu rasen, und sie griff nach Boomer, als könnte sie ihn vor dem beschützen, was jetzt kam. Dr. Samuels schüttelte ihr die Hand und tätschelte Boomer freundlich.
»Danke, dass Sie noch mal gekommen sind. Ich weiß, dass es schwer ist, wenn man so lange warten muss. Doch ich wollte sicherstellen, nichts übersehen zu haben, bevor ich mit Ihnen über die Ergebnisse spreche.« Er sah in Boomers Krankenblatt, räusperte sich und legte die Akte zur Seite. »Das ist genau die Art von Nachricht, die ich meinen Patienten gern ersparen würde«, sagte er traurig. »Eigentlich will ich jedem Tier helfen, das zu mir kommt. Unglücklicherweise kann ich das manchmal nicht.«
Jennifer schossen die Tränen in die Augen, und ihre Kehle wurde eng.
»Letzte Woche habe ich bei Boomer ein komisches Geräusch in der Systole festgestellt und vermutet, er könnte einen Herzfehler haben. Dazu passte auch Ihre Bemerkung, dass er in letzter Zeit so müde war. Die weiteren Untersuchungen waren notwendig, um herauszubekommen, was genau nicht stimmt.«
Jennifer atmete tief durch und versuchte ruhig zu bleiben. »Und was ist das Problem?«
»Boomer hat HCM, hypertrophe Kardiomyopathie«, sagte er. »Dabei verdicken sich die Wände des Herzens, es wird weniger Blut durch den Körper gepumpt. Die Versorgung mit Sauerstoff sinkt, und das Herz kämpft dagegen an, indem es schneller schlägt. Dadurch wird es weiter belastet. Irgendwann kommt es zum Herzversagen.«
Er hielt inne und wartete auf Jennifers Fragen. Doch die konnte keinen klaren Gedanken fassen. »Er sieht überhaupt nicht krank aus.«
»Tja«, sagte Dr. Samuels. »Wahrscheinlich fühlt Boomer sich auch nicht krank, jedenfalls nicht so wie ein Mensch. Vielleicht kann er nicht mehr so rennen wie früher, aber die Chancen, dass er nichts merkt, sind gut. Schmerzen hat er sicher keine.«
Okay, sagte Jennifer sich. Das war nicht das Ergebnis, auf das sie gehofft hatte. Aber es war nicht das Ende der Welt. In ihrem Job löste sie die schwierigsten Probleme ihrer Kunden. Jetzt musste sie sich darauf konzentrieren, Boomers Problem zu lösen. Dann wäre alles wieder gut. Was auch immer dazu nötig sein würde. Eine spezielle Ernährung, Medikamente, Training, sie würde für alles bezahlen. »Also, was müssen wir machen, damit Boomer wieder gesund wird?«
Der Tierarzt sah sie traurig an und schüttelte langsam den Kopf. »Anscheinend habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Boomers Krankheit ist bereits ziemlich weit fortgeschritten und jenseits des Stadiums, in dem Entwässerungsmittel oder eine Behandlung Wirkung zeigen würden. Ich fürchte, Sie können nur dafür sorgen, dass er es gut hat. Genießen Sie die Zeit, die Ihnen mit ihm bleibt. Tut mir leid.«
»Das kann nicht sein«, fuhr sie den Arzt an und klang dabei aggressiver, als sie wollte. »Mein Großvater hat mit seinem Herzfehler noch viele Jahre gelebt.«
Dr. Samuels nickte geduldig. »Das kann ich mir gut vorstellen, aber das Herz eines Menschen arbeitet anders. Sehen Sie, wenn Sie mit einem Herzspezialisten für Hunde sprechen möchten, besorge ich Ihnen gern einen Termin für eine Telefonberatung. Aber wir haben uns beide die Ergebnisse genau angesehen und sind uns sicher. Boomer hat bestenfalls noch einen Monat zu leben.«
Jennifer bekam keine Luft mehr. »Einen Monat?«, fragte sie mit zitternder Stimme. »Das ist zu wenig. Wir müssen noch so viele Sachen machen. Ich habe es ihm versprochen.«
Sie wusste, dass sie Unsinn redete, konnte aber nicht anders.
»Ich weiß, dass ich zu viel gearbeitet und Dinge vor mir hergeschoben habe. Boomer ist doch erst fünf und mein bester Freund … und …« Die Tränen liefen in Strömen über ihre Wangen. »Er ist alles, was ich habe.«
Dr. Samuels schien ebenfalls mit den Tränen zu kämpfen. Er kam zu ihr und umarmte sie behutsam. »Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich fühlen. Ich habe meine Terrier-Hündin durch HCM verloren, als sie zwei war. Die Krankheit ist bei Hunden selten, und ich habe bis zum Schluss gehofft, dass ich mich irre. Das Positive ist, dass Sie wenigstens wissen, was geschehen wird. In den meisten Fällen ist ein Herzinfarkt das erste und letzte Anzeichen der Krankheit.«
Jennifer nickte, wischte sich die Tränen weg und rang sich ein trauriges Lächeln ab. »Dafür sollte ich wohl dankbar sein.«
»Genau.«
Sie sah Boomer an, der sie aufmerksam beobachtete. »Gibt es irgendetwas, worauf ich achten sollte? Seine Ernährung?«
Dr. Samuels schüttelte den Kopf. »Nein, beobachten Sie ihn nur aufmerksam. Wenn er ohnmächtig wird oder Sie merken, dass sein Zahnfleisch sich bläulich verfärbt, dann muss er sich ausruhen. Davon abgesehen können Sie nur dafür sorgen, dass er sich nicht überanstrengt. Das Ende wird schnell kommen und relativ schmerzfrei sein, so viel kann ich Ihnen versprechen.«
Wie eine Schlafwandlerin verließ Jennifer mit Boomer im Schlepptau die Tierarztpraxis. Ihr war klar gewesen, dass ihr Hund eines Tages sterben würde. Sie bedauerte nur, dass sie erkennen musste, wie viel Zeit seines kurzen Lebens er ohne sie verbracht hatte. Während sie die Nächte und die Wochenenden durchgearbeitet hatte, lief Boomers Lebenszeit auf Erden durch die Sanduhr. Im Augenblick fühlte sie sich, als hätte man ihr die Zukunft genommen.
Zurück in ihrem Pick-up brach sie hinter dem Steuer zusammen und weinte. »Es tut mir so leid, Boomer«, schluchzte sie und umarmte ihn. »Irgendwie mach ich das wieder gut, das verspreche ich dir.«
Eine Stunde später war Jennifer wieder zu Hause und schon dabei, ihr Versprechen einzulösen. Wild entschlossen arbeitete sie einen Plan aus. Sie schrieb auf ein Blatt Papier die Überschrift: Boomers Wunschliste. Wenn er nur noch einen Monat hatte, sollte das wenigstens der schönste Monat seines Lebens werden. Sie würde ihn ins Auto packen, und dann konnten sie losfahren, nur sie beide. Sie würden all die Sachen machen, die sie für irgendwann später geplant hatte.
Was ihre Arbeit anging, dachte Jennifer, dass sie Glück hatte. Ihr Job als Projektmanagerin in einer der angesagtesten PR-Agenturen von Chicago war ein riesiges Plus. Sie hatte so viele Überstunden angesammelt, dass man ihr etwas schuldete. Der Geschäftsführer Derek Compton würde selbstverständlich einen Anfall bekommen. Aber so wie sie das sah, hatte er keine Chance. Er hatte zahllose Branchentrophäen abgeräumt, die er nur ihr verdankte. Alle wussten das. Entweder gab er ihr Urlaub – oder sie würde kündigen und nach ihrer Rückkehr für die Konkurrenz arbeiten.
Das Problem war also lösbar. Blieb die Frage, was genau sie mit Boomer unternehmen sollte. Hildy hatte ihr erzählt, dass er in den letzten Wochen ständig müde war. Das würde schlimmer werden, hatte Dr. Samuels vorhergesagt. Jennifer sah ihren Hund an, der glücklich in seinem Lieblingssessel an einem Stück Rinderhaut nagte. »Sorry, Boomer. Wandern auf dem Appalachen-Trail geht nicht.«
Sie lehnte sich zurück und überlegte, was Boomer am meisten gefallen hatte. Wie jeder Hund fraß er gern, spielte und jagte Eichhörnchen. Aber was mochte er am allerliebsten?
Na ja, dachte sie. Er mochte Autos, die auf der Straße vorbeifuhren. Und die NASCAR-Rennwagen im Fernsehen. Er wurde ganz wild, wenn sie zusammen wegfuhren und Jennifer ihn den Kopf aus dem Fenster stecken ließ, sodass er all die guten Gerüche genießen konnte. Er mochte das Aufheulen der Motoren, und an den Ölpfützen auf der Straße schnupperte er auch gern. Eines seiner Lieblingsspielzeuge war ein Quietschauto aus Gummi, das wie Lightning McQueen aus Cars aussah.
»Okay«, sagte sie und schrieb Etwas mit Autos machen auf die Wunschliste. »Was noch?«
Nach weiteren zehn Minuten angestrengten Nachdenkens war Jennifer ratlos. Ihr fiel alles Mögliche ein, aber nichts davon war bedeutend genug, um Boomer für die entgangene Zeit mit ihr zu entschädigen. Ihr Selbstvertrauen begann zu schwinden, ihr Mut ebenso. Tränen traten in ihre Augen, als sie hörte, wie Boomer aus dem Sessel sprang und in seiner Spielzeugschachtel herumwühlte. Sekunden später hörte sie das Quieken von Lightning McQueen. Jennifer drehte sich um und sah, dass Boomer mit dem Gummiauto im Maul auf sie zukam. Er hoffte wohl, dass sie versuchen würde, es ihm wegzunehmen.
»Ja, ich weiß«, sagte sie zu ihm. »Das mit den Autos steht schon auf der Liste. Aber was noch, Boomer? Wir können doch nicht einfach ins Auto steigen und hundert Mal um den Block fahren. Wenn wir fahren, brauchen wir ein Ziel.«
Da ging ihr ein Licht auf.
Cars! In dem Film ging es um eine Fahrt auf der Route 66. Und wie der Zufall es wollte, begann diese berühmte Straße in Chicago und führte nach Westen, nach Kalifornien.
Wenn sie auf der Route 66 reisten, gäbe es interessante Dinge zu sehen, regionale Spezialitäten zu probieren. Und am Santa Monica Pier würde der Pazifik auf sie warten. Wahrscheinlich gab es genügend Karten und Führer, die ihr sagen würden, was man unterwegs alles ansehen konnte.
Sie schnappte sich das Gummiauto und begann mit Boomer zu kämpfen.
»Was meinst du, Boomer? Willst du ein paar Kicks auf der Route 66?«
Jennifers Zuversicht, was ihren Chef betraf, war wohl etwas leichtsinnig gewesen. Sie erzählte ihm, dass sie einen Monat freinehmen wollte. Mit Begeisterung seinerseits hatte sie nicht gerechnet, aber auch nicht mit einer glatten Ablehnung ihres Anliegens.
Bis sie und Derek Compton aufhörten, sich anzuschreien, stand das ganze Büro Kopf. Trotzdem lag sie richtig mit ihrer Annahme, dass er sie nicht verlieren wollte. Als sie ihm klarmachte, dass der drohende Verlust von Boomer sie zwingen würde, ihre Prioritäten neu zu setzen, gab er schließlich klein bei. Er hatte verstanden, dass sie sonst kündigen würde.
Sie ging zurück in ihr Büro und fühlte sich wie nach einem Boxkampf: zerschunden, zerschlagen, aber letztlich siegreich.
Stacy Randall beobachtete ehrfürchtig, wie Jennifer an ihrem Schreibtisch vorbeiging. Als Abteilungssekretärin war sie schon häufig das Ziel von Comptons Wutanfällen gewesen. Dass es endlich jemand geschafft hatte, ihn in die Schranken zu weisen, glich für sie einem kleinen Wunder. Und ausgerechnet Jennifer Westbrook, das schöne Ex-Model mit der mysteriösen Vergangenheit!
Kurz darauf bat Jennifer sie in ihr Büro. Stacy griff nach ihrem Notizblock und eilte in der Hoffnung auf ein paar saftige Details den Gang hinunter.
»Ich glaube, jeder hat inzwischen mitbekommen, dass ich im nächsten Monat nicht da bin«, sagte Jennifer, sobald Stacy die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Sie müssen ein paar Sachen für mich erledigen.«
»Natürlich.« Stacy zückte den Stift.
»Da ich meine Abwesenheit nicht gründlich vorbereiten konnte, müssen meine sämtlichen Termine für die nächsten paar Wochen verlegt oder die Projekte einem der anderen Mitarbeiter übertragen werden.«
»Kein Problem.« Stacy machte sich Notizen.
»Mike Kuby wird mit der Präsentation für Bewick's bestimmt allein fertig. Ich gebe ihm meine Unterlagen, bevor ich gehe.«
Jennifer sah erschöpft aus, während sie die Papiere auf ihrem Schreibtisch durchblätterte. Stacy fragte sich, ob es Probleme in Jennifers Privatleben gab, von denen sie nichts wusste. »Was ist bei Ihnen zu Hause?«, fragte sie. »Die Zeitung? Die Post? Müllabfuhr? Haben Sie sich darum schon gekümmert?«
»Ach herrje.« Jennifer legte den Kopf in ihre Hände. »Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Ich muss zusehen, dass ich das meiste davon geregelt bekomme, bevor ich morgen früh losfahre.«
»Ich kann das für Sie erledigen.« Stacy klang hoffnungsvoll.
»Das ist total nett, Stacy, aber das kann ich nicht annehmen.«
»Ach, kein Problem«, meinte Stacy. »Ich wäre froh zu helfen. Sie haben mit Boomer genug am Hals … äh … ich meine …« Sie zuckte mit den Schultern und hoffte, dass Jennifer nicht beleidigt wäre. »Ich könnte die Blumen gießen und mich um die Post und so kümmern. Für meine Nachbarn mache ich das auch. Die würden bestimmt für mich bürgen.«
Jennifer sah in Stacys erwartungsvolles Gesicht und seufzte. Ihr war seit Längerem klar, dass die Sekretärin die berühmten Klienten der Agentur anhimmelte. Vielleicht hatte sie auch die wilden Gerüchte ernst genommen, die über Jennifer in der Firma kursierten, und wollte ein wenig an ihrem Glamour teilhaben. So sehr Jennifer Hilfe brauchte, so sehr missfiel es ihr, die Bewunderung der jüngeren Frau auszunutzen.
»Sind Sie sicher, dass Sie das machen möchten?«, fragte sie.
Stacy strahlte. »Selbstverständlich.«
»Okay, aber ich bezahle dafür.«
»Das müssen Sie nicht«, meinte Stacy. »Trotzdem danke.«
Jennifer nickte. »In meinem Spind habe ich einen Zweitschlüssel. Passen Sie auf, dass ich Ihnen den gebe, bevor ich heute Nachmittag verschwinde.«
Sofort fühlte sich Jennifer weniger unter Druck. Stacys Angebot löste ein Problem, das ihr vorher gar nicht bewusst gewesen war.
Sie wollte die Sekretärin gerade wegschicken, als Stacy noch eine Frage vorbrachte. »Haben Sie jemandem Ihren Zeitplan gegeben?«
»Was?«
»Weiß jemand, wohin Sie fahren und wie lange Sie dortbleiben werden? Damit die Polizei einen Anhaltspunkt hat, wo sie nach Ihrer Leiche suchen muss, sollte Ihnen etwas zustoßen.«
Jennifer bemühte sich, nicht laut herauszulachen. Offensichtlich schaute Stacy zu viele Krimis. »Das ist nicht nötig«, sagte sie. »Boomer und ich können ganz gut auf uns selbst aufpassen.«
»Was, wenn Sie irgendwo in der Wildnis eine Panne und kein Mobilfunknetz haben? Sie könnten wochenlang festsitzen, bevor man Sie überhaupt vermisst. Ohne Essen und Trinken …«
Jennifer wollte entgegnen, bestimmt würden genügend Menschen sie vermissen. Traurig musste sie sich jedoch eingestehen, dass das wahrscheinlich nicht der Fall war. Vielleicht würde einem der Nachbarn etwas auffallen, wenn sie nicht wieder auftauchte. Aber die meisten kannte sie nur vom Grüßen. Wie das in der Großstadt so war. Ihr Privatleben war ziemlich trostlos und einsam, wie sie feststellen musste. Jennifer fühlte, wie sie rot wurde. Kein Wunder, dass sie so viel arbeitete. Das war das Einzige, was ihr geblieben war.
Und nun würde sie auch noch Boomer verlieren.
»Tja, wenn ich einen Zeitplan hätte, müsste ich mich daran halten. Eigentlich wollte ich mir und Boomer die Freiheit der Entscheidung lassen, was wir wann tun. Außerdem …«, fügte sie kleinlaut hinzu. »Außerdem gibt es niemanden, dem ich so einen Zeitplan geben könnte.«
Stacy sah von ihrem Notizblock auf. »Sie könnten ihn mir geben.«
Jennifer schüttelte den Kopf, bemüht, ihren Ärger nicht zu zeigen. »Ich danke Ihnen für Ihre Fürsorge, aber ich habe keine Zeit, einen Plan zu schreiben. Trotzdem Danke für das Angebot.«
»Na ja, vielleicht können Sie unterwegs Fotos machen und mir schicken. Dann weiß zumindest jemand, wo Sie sind, und schreiben müssen Sie auch nichts. Bitte«, insistierte Stacy. »Mir wäre wirklich viel wohler, wenn Sie das machen könnten.«
Jetzt war Jennifer richtig verärgert. Trotzdem musste sie zugeben, dass Stacy nicht ganz unrecht hatte. Außerdem wollte sie ohnehin fotografieren, um später eine Erinnerung an Boomers letzte Reise zu haben. Die Fotos mit dem Smartphone an die Sekretärin weiterzuschicken wäre kein großer Aufwand. Zudem wäre es wirklich nicht schlecht, wenn jemand wüsste, wo sie sich aufhielt. Als Frau allein unterwegs konnte man in merkwürdige Situationen kommen, trotz Hund. »Also gut. Wenn es Sie beruhigt, werde ich Ihnen Fotos schicken. Mehr aber auch nicht. Diese Reise ist für Boomer und mich. Ich bleibe offline. Keine E-Mails, keine SMS, keine sozialen Medien. Für den Notfall habe ich mein Smartphone dabei. Anrufen dürfen Sie mich aber höchstens, wenn im Nordteil von Chicago ein Atombombenangriff droht. Und eigentlich auch dann nicht.«
Stacy grinste. »Was ist mit einem Atombombenangriff im Südteil von Chicago?«
Jennifer schüttelte den Kopf. »Da wohne ich nicht.«
Der Rest des Tages verging wie im Flug. Sobald die Leute wussten, dass Jennifer die nächsten Wochen nicht erreichbar sein würde, standen alle bei ihr auf der Matte. Mitglieder ihres Teams und Kunden riefen an, schickten Mails oder platzten einfach in ihr Büro, um Fragen loszuwerden.
Stacy holte ihr einen Salat, den Jennifer während einer Telefonkonferenz mit Boston aß. Außerdem versuchte sie die Anrufe der vielen Menschen zu kanalisieren, die sofort und auf der Stelle mit Miss Westwood sprechen wollten.
Um sechs Uhr verließ Jennifer ihr Büro und schwor, jeden zu töten, der sie aufhalten wollte. Sie packte ihre Handtasche, warf ihren Zweitschlüssel auf Stacys Schreibtisch und rannte Richtung Ausgang.
Derek Compton wartete vor dem Aufzug auf sie. »Sie verlassen uns.«
»Bei Ihnen klingt das, als wäre ich auf dem Weg ins Grab«, meinte Jennifer und drückte auf die Abwärts-Taste. »Außer, Sie möchten mich doch noch feuern.«
»Natürlich nicht. Ich bin nur nicht begeistert über die Aussicht auf die nächsten Wochen. Stacy hat mir gesagt, dass Sie nicht einmal online erreichbar sein werden.«
»So ist es.« Jennifer hoffte, der Aufzug würde sich ein bisschen beeilen.
Er nickte und verzog den Mund, als würde er eine Reihe von Flüchen unterdrücken. »Na ja, die Umstände sind nicht ideal, trotzdem hoffe ich, dass Sie und Boomer eine schöne Zeit haben.«
Jennifer nickte. Der Aufzug kam nur langsam voran, wie sie an den Zahlen auf dem Display sehen konnte. Das verdammte Ding hielt echt in jedem Stockwerk.
»Danke.«
»Ich erinnere mich, dass Sie sagten, Boomer würde Autos mögen.« Er griff in seine Brusttasche. »Das ist ein kleines Geschenk für euch beide.«
Sie starrte auf den Umschlag in Comptons Hand und riss die Augen auf. Das sah aus wie ein VIP-Ticket für den Chicagoland Raceway. »Ist es das, was ich denke?«
»Ja, allerdings. Cal Daniels hat mich eingeladen. Aber als ich ihm von Ihnen und Ihrem Hund erzählte, war er damit einverstanden, Sie am Sonntag zum Rennen in seiner Box zu empfangen. Sein Chauffeur holt Sie ab und bringt Sie wieder nach Hause.«
Sie öffnete den Umschlag und nahm das Ticket mit dem goldenen VIP-Hologramm heraus. Die Rennstrecke befand sich genau an der Route 66. Boomer fände es bestimmt toll, wenn die Rennautos an ihm vorbeiflitzten. Wenn sie also erst am Sonntag und nicht morgen aufbrächen, hätte sie einen Tag mehr, um zu packen und alles zu organisieren.
Jennifer steckte das Ticket zurück in den Umschlag und kämpfte mit den Tränen. Man konnte von Derek Compton halten, was man wollte. Aber der Mann hatte definitiv ein gutes Herz.
»Danke«, murmelte sie. »Von uns beiden.«
Nathan Koslow presste sich den Telefonhörer ans Ohr, damit er seinen Bruder verstehen konnte. Bei der schlechten Verbindung und dem Lärm in der Nachrichtenredaktion konnte er kaum verstehen, was Rudy sagte.
»Wart mal einen Moment«, sagte Nathan. »Hier drin ist es zu laut.« Er legte eine Hand über die Sprechmuschel und überlegte kurz, wo es ein bisschen ruhiger sein könnte.
In dem Großraumbüro der Tribune war um diese Zeit eine Menge los. Mit dem Redaktionsschluss im Nacken hämmerten die Journalisten auf ihre Tastaturen ein und schrien die Praktikanten an, die zwischen den Trennwänden hin und her eilten. Drucker und Faxe spuckten Papierberge aus. Telefone klingelten, ohne dass es jemanden kümmerte. Die Ressortleiter rannten herum, die Gesichter bleich im Neonlicht, das über ihnen flackerte. Die Redaktion war ein hektischer, lebendiger Ort, den Nathan über alles liebte. Allerdings ein vollkommen ungeeigneter Ort für ein Privatgespräch.
Er warf einen Blick in das leere Büro seiner Ressortleiterin – einer von sechs Glaskästen an der Längsseite des großen Raumes – und lächelte. Julia Mikulski schätzte es gar nicht, wenn jemand in ihrer Abwesenheit in ihr Büro ging, aber das hier war ein Notfall. »Ich ruf dich gleich zurück«, sagte er und legte auf.
Nathan hielt vor Julias Tür einen Augenblick inne und klopfte für den Fall, dass sie irgendwo um die Ecke stand oder auf dem Boden Yogaübungen machte. Für Julia war Yoga so etwas wie ein letzter Ausweg, wenn gar nichts mehr half. Spaß machte es ihr allerdings nicht. Als keine Antwort kam, schlüpfte Nathan durch die Tür, fuhr den Computer hoch und griff nach dem Telefonhörer. Rudy nahm beim ersten Klingeln ab.
»Warst du schon auf der Seite?«
»Noch nicht«, knurrte Nathan. »Muss mich erst einloggen.«
Julias Schreibtisch war mit Papieren in verschiedenen Schichten übersät, die sich dort während ihrer vielen Jahre bei der Tribune wie Sedimente abgelagert hatten. Obenauf lagen handschriftliche Notizen und Telefonzettel. Darunter befanden sich Korrekturfahnen der Artikel, die diese Woche erscheinen würden. Als Nächstes kamen Aufzeichnungen für Geschichten, denen sie in den folgenden Monaten ihre Aufmerksamkeit widmen würde. So ging es immer weiter in die Zukunft, je tiefer man sich vorarbeitete. Die untersten Schichten waren allerdings definitiv ein Fall für einen Archäologen.
Er loggte sich mit Username und Passwort ein. Beides hatte Julia freundlicherweise auf einer Haftnotiz am Bildschirm hinterlassen.
So viel zum Thema Datensicherheit.
»Okay«, sagte er. »Ich habe vorhin nur die Hälfte von dem verstanden, was du erzählt hast. Sag’s mir bitte noch mal. Du hast ein Auto gekauft?«
»Nicht einfach ein Auto, Nate, einen echten Mustang GT mit 435 PS, acht Zylindern, modernem Audiosystem, Ledersitzen, Navi und überhaupt. Ein absolutes Schnäppchen. Ich glaube, der Kerl, der den verkauft, ist nicht besonders helle. Aber das ist mir ehrlich gesagt egal.«
»Ein Cabrio?«
»Machst du Witze? Klar ein Cabrio. Glaubst du, ich bin nach Kalifornien gezogen, um mit einer normalen Limousine durch die Gegend zu fahren?«
