Jenseits des Schleiers. Roman - Gisela Seidel - E-Book

Jenseits des Schleiers. Roman E-Book

Gisela Seidel

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Beschreibung

Weimar 1801-1803: Die Hauptperson Robert von Gernsheim lebt und arbeitet in der thüringischen Musenstadt. Der adlige Hofrat steht in der Dienstbarkeit des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar und überwacht zusammen mit Goethe den Wiederaufbau des Schlosses. Die Geschichte beginnt mit dem Selbstmord der Hauptperson, die sich von ihrem Leben, von einer schicksalhaften Liebe und einer großen Schuld freizumachen versucht. Als sich jedoch direkt nach Eintritt des Todes der Schleier zum Jenseits öffnet, stellt der Selbstmörder fest, dass das Leben nach den kosmischen Gesetzen in ewiger Folge fortdauert, und dass der Jüngste Tag direkt nach Eintritt des Todes beginnt. Durch verschiedene Lebensrückblicke in die ferne Seelen-Vergangenheit wird Robert von Gernsheim mit seinen eigenen Fehlern konfrontiert. Dadurch eröffnet sich ihm ein neues Selbst-Bewusstsein, das ihn zunächst erschreckt, später aber reue- und liebesfähig macht. Die Szenerie zeigt die Stadt Babylon und deren Zerstörung, das mittelalterliche Deutschland zur Zeit der Pest, der Inquisition und Reformation. Leidenschaftliche Liebe, aber auch Willkür und sexuelle Gewalt sind auf der Gefühlsebene geschildert. Immer wieder geht die Bewusstseinsreise zurück nach Weimar. Sie beschreibt die unglückliche Liebe zu Elisabeth Sophie Vischer und macht klar, dass sich diese wie ein roter Faden durch die vergangenen Leben zieht. Nach einem folgenschweren Fehler, durch Standesdünkel und Gier, stürzt sich die Hauptperson im Harz zu Tode. Der karmische Faden scheint endgültig gerissen, doch Gott hat ganz eigene Pläne ...

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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Jenseits des Schleiers

Roman von

Gisela Seidel

Impressum eBook:

ISBN 978-3-86901-716-7

Copyright (2009) Engelsdorfer Verlag

Impressum Printausgabe:

Bibliographische Information durch die

Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86901-690-0

Copyright (2009) Engelsdorfer Verlag

Titelbild von Karin Milde, Nürnberg – www.mondlicht08.de

Alle Rechte bei der Autorin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Abgrundtief
PROLOG
Jenseits des Schleiers
Sophie
Transformation
Erste Begegnung
Stufe des Lernens
Wiedersehen
Besetzung
Samuel
Der Traum
Theater
Gebet
Erkenntnisse
Besuch
Zeitsprung
Erkennen
Bewährung
Babylon
Untergang
Reinigung
Stadtgespräche
Alchemie
Der Brief
Hoffnung
Herzklopfen
Verschleierte Wahrheit
Hilfe
Post mortem
Kassengewölbe
Anno Domini 1436
Die Wahrheit
Spätsommer
Wiedersehen
Begierde
Schuld
Gnade
Maxima Culpa
Inquisition
Ego
Neues Leben
Wahrtraum
Das Leben ist wie eine Pflanze,

Abgrundtief

Und wieder hat der Abgrund sich geöffnet.

Ich stehe noch am Rand und schau hinab.

Dort unten lockt der bleiche Tod mit schwarzen Schatten,

und seine Rufe dringen laut mir in mein Hirn.

Er lockt, hinab zu springen, hinzugleiten in sein Reich;

den freien Fall erdulden, vor dem wehen Aufprall, mild in seine Hände.

Die Erde klafft tief unter mir und öffnet weit die Tore zum Vergessen,

die gierig danach sind, mich aufzunehmen in den e’wgen Reigen.

Ich hab gesucht, nach Liebe und Vertrauen.

Doch diese Welt ist leer von alledem. Die Seelen, so verschlossen wie das Tor zum Paradies.

Allein, was ich gefunden, hier und jetzt, sind Zeichen für das

unbeschmutzte Reine,

das in den völlig heimatlosen Sehnsuchtsherzen sich selber sucht,

und manchmal, unter Schutt und Schmutz bedeckten Weltenhügeln,

sich wieder findet, unter Leid und Schmerz.

PROLOG

Das weite Tal lag tief im Dunst, und die ersten Schatten der herannahenden Nacht hüllten die bewaldeten Gipfel der nahen Berge des Oberharzes bereits in dunkle Schleier.

Schweigend stand Robert von Gernsheim bewegungslos am Rande eines tiefen, steinigen Hangs und schaute hinunter auf den finsteren Fels. Noch vor dem anbrechenden Abend war er hinauf gestiegen, den Weg, den er schon einige Male mit einem Bergführer gegangen war. Bedrohlich gähnte unter ihm der Abgrund, wie ein gieriger, weit aufgerissener Rachen, bereit, ihn in die Tiefe zu ziehen, um ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen. Lange stand er so, gänzlich umfangen von seiner Trauer, unschlüssig und immer noch abwartend, doch das Schicksal war nicht gnädig und entließ ihn nicht aus seiner Schuld.

Seinen braunen Reitermantel hatte er neben sich ins Gras gelegt, und den braunen Filzhut, den er eben noch auf dem Kopf getragen hatte, warf er nun in einem weiten Bogen in die Tiefe.

„Seht her, das ist mein Gastgeschenk!“, rief er wie von Sinnen, machte einen Schritt nach vorne und hörte ein paar lose Steine in die Tiefe kollern. Einen Fuß breit stand er vom klaffenden Abgrund entfernt, bereit, den letzten Schritt seines Lebens zu tun.

Noch vor einer Woche hatte er gehofft und in Sankt Andreasberg ausgeharrt, doch die Botin hatte ihm keinen Brief, keine erlösende Nachricht gebracht. Die Resignation ließ ihn erstarren. Erst vor kurzem hatte Sophie, die ihm alles bedeutete, nach ihren Briefen verlangt, und er hatte sie nur zögerlich und mit starkem Bedauern zurückgegeben. Waren die Briefe doch alles gewesen, was ihm geblieben war! Wie oft hatte er sie gelesen, ihre Worte in sich aufgesogen wie ein Schwamm!? Noch ein letztes Mal war er mit der Hand über die Zeilen gefahren, so, als ob die Handschrift seiner Geliebten mit einem unsichtbaren Zauber behaftet sei, der ihn aus seiner Fassungslosigkeit erlösen könnte.

Ja, er war sich sicher, dass nur sie befähigt war, den Bann zu brechen. Sie war wie eine Hohepriesterin, die keiner weltlichen Liebe bedurfte, die ihre Einsamkeit zur Größe machte, und dieses Tabu zu brechen, konnte nur mit dem Tod geahndet werden. Und er hatte es gebrochen!

Unsichtbar war er für die Frauenwelt geworden, ihretwegen. Seitdem er sie liebte hatte er sich in einen Mantel der Unnahbarkeit gehüllt, der niemandem Nähe erlaubte, und der, wie ein sichtbares Zeichen, jeden offiziellen Umgang mit anderen Frauen rigoros ausschloss.

Die Nacht hatte schnell den einsamen Hang erreicht, auf dem er nun zusammengekauert auf dem Boden saß.

„Was war ich nur für ein Tor!“, ging es ihm durch den Kopf. „Alles, was ich mir in meinen sehnlichsten Träumen erhofft hatte und wünschte, blieb unerfüllt!“

Dann weinte er hemmungslos. Tränen der Trauer, die nur die Zeit trocknen konnte, wenn er sie denn gewähren ließ. Doch heute schien sie gegen ihn zu sein. Nichts konnte ihn beruhigen. Kein Trost wurde ihm beschert, der seine Erinnerungen auslöschte. Grübeleien lasteten auf seinem Hirn wie Plagegeister. Wie sie schmerzten und ihn peinigten; wie Messer stachen sie in seine Seele, wieder und wieder, und mit jedem Mal erweiterte sich die Wunde in seinem Herzen.

Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Nur fort wollte er! Fort, von den Peinigungen, die ihn heimsuchten, fort, um sein Unglück zu vergessen.

Von ferne hallte das Geräusch galoppierender Hufe durch das stille Tal. Dann kehrte die quälende Ruhe zurück und auch die Gedanken, die sich wie Pfeile in seinen Kopf gruben.    

Bevor er am späten Mittag den Berg erstiegen hatte, war er im „Löwen“ eingekehrt. Er hatte sich den besten Wein bestellt und den Männern beim Würfelspiel zugesehen.

„Mir ist wahrlich ein schlechter Wurf gelungen!“, war ihm dabei durch den Kopf gegangen. Hastig hatte er die grüne, staubige Flasche geleert und sich eine neue aus dem Keller holen lassen. Das Schankmädchen hatte die hölzerne Klappe zur Treppe geöffnet, die in das Gewölbe führte, und er hatte ihr nachgeschaut, ohne sie wirklich zu sehen.

Schon oft war er hier gewesen, immer wenn der Herzog ihn sandte, um im Bergwerk nach dem Rechten zu sehen. Diesen Ort hatte er seit langer Zeit lieb gewonnen, hierhin hatte er sich früher gerne zurückgezogen. Doch diesmal war der Grund ein anderer. Der Herzog hatte ihn aus den Augen haben wollen und ihn für unbestimmte Zeit aus Weimar hierher verbannt.  

Bekannt war Robert von Gernsheim im Dorf und im Gasthaus, und er merkte, wie ihn die Wirtsleute mit fragenden Blicken musterten, weil sie ihn in dieser Verfassung noch nie gesehen hatten. 

„Ist Euch nicht wohl?“, hatte der Wirt ihn gefragt, als er gedankenverloren und ganz vom Weingeist erfüllt, am alten Holzpfosten gelehnt, aus dem Fenster starrte.

Der sonst so gepflegte Herr war mit zerzaustem Haar in die Wirtsstube getreten. Sein Haarband hatte sich gelöst und die dunklen Strähnen waren ungebändigt in sein bleiches Gesicht gefallen. Dunkle Augenränder verrieten die schlaflosen Nächte, und der abwesende Blick seiner blauen Augen hatte leer und verloren gewirkt.

Vom Geschwätz und Gelächter im Wirtshaus fortgetrieben, war er mit einer weiteren Flasche nach draußen geeilt. Vor dem Haus saß der kleine Sohn der Wirtsleute, der mit einem fuchsohrigen Hund spielte und verwundert zu ihm aufblickte. Der edle Herr aus der Stadt, der sonst immer ein gutes Wort für ihn hatte, schien ihn gar nicht bemerkt zu haben. Hastig hatte dieser sein Pferd bestiegen und war zum Rande des Ortes geritten, um es dort in einer Stallung einzuquartieren.

Nachdem es untergebracht war, legte er zu Fuß die weite Wegstrecke bis zum Bergsteig zurück, umgeben von den ruhigen Geräuschen der grünen Landschaft, dem Zirpen der Grillen und dem Quaken eines fernen Frosches. Er hatte den Mückenschwärmen zugesehen, die in den Sonnenuntergang tanzten und wehmütig in den flammenden Horizont geschaut, der mit leuchtendem Rot den Abend heraufbeschwor. Vereinzelt glitzerte bereits ein Stern; die ganze Luft war vom Zauber des Zwielichts erfüllt, als er die Anhöhe erreicht hatte.

Hier kauerte er immer noch wie versteinert; sein Herz schlug heftig, und wenn er die Augen schloss, schwindelte es ihm. Der Wein tat seine Wirkung. Eine kühle Brise war aufgekommen, aber es kümmerte ihn nicht. Die Weste, die er über seinem Hemd trug, gab ihm Wärme genug. Den Kragen hatte er gelöst und seinen Kopf auf die Hände gestützt. So saß er lange und völlig bewegungslos. Nur ab und zu wischte er sich mit den Rüschen seiner Hemdsärmel die Tränen von den eingefallenen Wangen.

„Vorbei!“, ging es ihm durch den Kopf. „Geliebt und gelitten habe ich, doch was kümmert es die Welt!? Öffnet mein Grab, denn ich will schon bald hinein. Keine Seele, die um mich weint…keine!“

So saß er in seinem Jammer und sehnte den Anbruch des Tages herbei. Eine kurze Weile wollte er noch warten, doch, wenn die ersten Sonnenstrahlen den Tag erhellten, sollte es vorbei sein.

Erschöpft hatte er sich ins Gras gelegt. Ein Käuzchen rief aus dem nahen Wald.

„Mein Totenruf!“, brauste es durch seine Sinne. „Ob Sophie jetzt an mich denkt?“, hämmerte es in seinen Gedanken, und es war ihm, als ob der Wind die verneinende Antwort in sein lebensmüdes Herz trieb.

Dann schlief er ein und erwachte Stunden später, weil er fror. Die Nachtluft war kühl, als hätte sie über Eis geweht, und der Mond stand am Himmel und warf sein fahles, kaltes Licht auf die schlafende Welt.

Er sammelte seine Gedanken für einen kurzen Moment, und als die Besinnung zurückkehrte, richtete er sich langsam auf und trat wieder an den Rand des Felsens. Traurig und erfüllt von tiefer Hoffnungslosigkeit blickte er zum Himmel. Lange stand er so, als wolle er auf ein Zeichen warten.

Am Horizont vertrieb das Licht die Schatten der Nacht und tauchte die Welt in einen zarten, rosafarbenen Schleier. Noch immer lagen Nebelschwaden über den tauschweren Wiesen im Tal. Gleich würde die Sonne aufgehen!

Alle Gedanken, Wünsche und Erinnerungen wollte er für ewig verwerfen und mit sich in die Tiefe nehmen, wie auch das Bild seiner geliebten Sophie, das er in diesem Moment des Abschieds vor seinem geistigen Auge sah.

Es war ihm, als würde sie lächelnd vor ihm über die Wiese schreiten, wobei ihr lindgrünes Gewand fast den Boden berührte. Er sah den Ausschnitt des Kleides mit rosa Spitzen verziert. Um ihre Schultern hatte sie ein weißes Tuch geschlungen, das gänzlich mit Rosen bestickt war. Die grün- und rosafarbenen Bänder, die ihr kunstvoll hochgestecktes, tiefschwarzes Haar zusammenhielten, waren mit großen Schleifen auf dem Hinterkopf drapiert. Wie schön hatte sie ausgesehen! Wie schön!

Dann verblasste das Bild, und im Osten zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen. Eine Amsel sang in der Frühe ihr Lied. Noch ein letztes Mal hatte er den Morgen sehen wollen, um „Adieu“ zu sagen. Dann war er langsam an den Rand des Felsens getreten.

Jenseits des Schleiers

Nach einer von ihm nicht fassbaren Zeitspanne glaubte Robert von Gernsheim zu erwachen, wobei er sich immer noch unterhalb des Berges befand. Zumindest schien es die gleiche Gegend zu sein; kein Himmel, keine Sonne waren zu sehen. Er hatte das eigentümliche Bewusstsein, nicht mehr dem Weltlichen anzugehören und doch…immer noch irgendwie mit der Erde verbunden zu sein. Nur befand er sich in einer Art Schwebezustand, ganz wie in seinen Träumen, körperlos und doch…er fühlte sich nicht wirklich real, was ihn zunehmend verwirrte.

Er sah seinen zerschmetterten Körper auf einem Felsvorsprung liegen, doch verspürte er weder Schmerz noch irgendeine Gemütsregung bei diesem Anblick.

Mehr und mehr wurde er sich seiner Tat bewusst, nur waren die Ströme seiner Empfindungen dieselben wie vor seinem Tod. Ja, er empfand das Denken wie ein Fühlen. Er wusste, dass es schon lange taghell sein musste, aber um ihn herum breitete sich die Finsternis wie ein schwarzes Tuch.

Er machte sich auf den Weg hinab ins Tal, wobei er sich keines wirklichen Schrittes erinnerte, steuerte als Erstes das Wirtshaus an, weil man ihn dort kannte und ging durch die verschlossene Türe, ohne sie zuvor geöffnet zu haben. Die Gaststube war gut besucht, und er sah sich um, jedoch mit geistigen Augen, wie in einem Traumzustand.

Niemand schien ihn zu sehen, niemand schenkte ihm Beachtung. Er versuchte sich bemerkbar zu machen, doch auch die Wirtsleute nahmen keine Notiz von ihm, sondern verrichteten weiter ihre Tätigkeiten, so, als sei er gar nicht da.

War er es vielleicht gar nicht? War es möglich, dass alles nur eine Illusion war, aus der er irgendwann erwachen würde? Nein, nein, er war ja vom Berg in die Tiefe gesprungen! Er weinte unsichtbare Tränen und war voller Angst. Verzweifelt stellte er weitere Versuche an, sich irgendwie bemerkbar zu machen - alles erfolglos.

Schon bald erfasste sein Geist, dass er sich auf einer anderen Ebene befand, die nur noch eine eingeschränkte Verbindung zur realen Welt hatte, und die keinen Kontakt zum normalen Geschehen mehr möglich machte. War er im Jenseits oder hatte sich das Jenseits zum Diesseits verkehrt? Er empfand das reale Leben fortan als seine Traumwelt, die er wie ein stiller Beobachter betrachten konnte. Alles war so sonderbar! Wenn er nach draußen lief, um von hier fort zu kommen, konnte er das nicht. Es gab keinen Weg, der aus dem vermeintlichen „Nichts“ heraus- oder weiterführte, nur Dunkelheit! Die Zukunft war ihm verschlossen, sie lag tief in der Finsternis. Einzig und alleine wurde ihm der Blick in die Vergangenheit gestattet, auf die letzten Stationen seines Lebens, wobei ihm bewusst gemacht wurde, wie sinnlos und falsch seine Tat gewesen war. Niemand schien mit ihm auf der gleicher Ebene zu sein; er fühlte sich alleine, isoliert vom Rest des Universums.

Halb verrückt machte ihn das, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder in seinen Körper zurückkehren zu dürfen. Verzweifelt fragte er sich immer wieder, ob dies die Hölle sei, und er bekam von irgendwoher die Antwort, dass eine Hölle nur in den Herzen der Menschen existieren würde wie auch der Himmel, und jeder in der Lage sei, aus eigenem Tun und Wirken heraus, diese zu erschaffen. Das verwirrte ihn noch mehr, denn er wusste nicht, von welcher Stelle und von wem die Antworten auf seine Fragen zu ihm drangen.

„Es gibt sehr wohl einen Unterschied zwischen Seligkeit und Verdammnis.“, kam es ihm weiter in den Sinn. „Wie in der Seligkeit die Seele ganz in den Geist Gottes eingeht, so stößt sie in der Verdammnis diesen Geist aus und nimmt einen anderen, nämlich den Geist Satans an. Demzufolge ist die elementare Reaktion darauf eine furchtbare, denn es ist für eine Seele die allerschmerzlichste Empfindung, wie ein Feuer, das nicht mehr verlischt.“

Die Dunkelheit um ihn herum schien nicht mehr weichen zu wollen. Er irrte umher wie ein Schlafwandler. Es trieb ihn an die Orte, an denen er zuvor gewesen war: Auf den Berg, von dem er immer wieder ins Nichts blickte. Ihm war, als ob er gestorben wäre und doch schien er lebendig zu sein.

„Es gibt keinen Tod!“, drang es erneut in sein Bewusstsein. Ein lebendiger Toter schien er zu sein, unfähig, mit dem Leben abzuschließen und seine Existenz auf ewig zu beenden. Was sollte er nun tun?

Er war auf die geistige Seite des Lebens gegangen, ohne Vorbereitung auf das „Danach“, weil er glaubte, dort gäbe es nichts, außer Ruhe und Frieden. Nie hatte er nach dem wirklichen Sinn des Lebens gefragt. Zwar hatte er an einen allmächtigen Gott geglaubt, aber den eigentlichen Zweck seines Daseins verfehlt: Demütig zu sein, anderen zu dienen und das goldene Gesetz der Nächstenliebe umzusetzen. Denn nur dies öffnet den Weg zur Glückseligkeit. Nächstenliebe heißt auch, sich selbst zu lieben und Gottes Schöpfung zu achten. Hatte er sie geachtet, als er seinem Leben ein jähes Ende setzte?   

Gedanken flossen durch sein Bewusstsein, die er noch nie zuvor gedacht hatte. Aber, waren das wirklich Gedanken?! Wie lange er in diesem Zustand verharrte, war ihm nicht bewusst. Jegliches Zeitempfinden war entschwunden und Entfernungen legte er zurück, ohne sie real zu erfahren. Seine innere Stimme befahl ihm, an den Ort zurückzukehren, an dem der Grund seiner Verzweiflungstat lebte: zurück zu seiner Geliebten.

Sophie

Es war wie ein langsames Erwachen, als er sich im Park vor dem Schloss seiner Heimatstadt wieder fand. Wie aus der Ferne drang das Glockenläuten vom Turm der alten Stadtkirche in sein Bewusstsein. Er sah die Welt wie durch einen Schleier. Alle Wege schienen unverändert. Es musste Mittag gewesen sein, denn nur wenige Menschen liefen auf den weitläufigen Wegen oder saßen am Ufer des Flusses, und die Sonne stand hoch am Himmel. Da nur den Höflingen der Zugang zum stadtnahen Teil des Parks erlaubt war, würde sich der Ort erst nachmittags mit Leben füllen.

Ohne über die Brücke zu gehen sah Robert von Gernsheim sich plötzlich auf der anderen Seite des Gewässers. Vor ihm lag unter strahlendem Himmel das herzogliche Renaissanceschloss, angrenzend an die schmutzigen, ungepflasterten Straßen und Gassen des kleinen Städtchens. Neben den meist strohbedeckten Dächern der bürgerlichen Häuser ragte es wie ein italienischer Palast majestätisch in das himmlische Azurblau. 

Es war von Gernsheim vertraut, die Stufen der Treppe zum Eingang des Schlosses empor zu steigen, nur nahmen die Torwächter dieses Mal keinerlei Notiz von ihm.

Er passierte die Galerie, lief vorbei an den prachtvollen Bildern, den herrlichen Wandmalereien, streifte die scharlachfarbenen Samtvorhänge vor den herzoglichen Gemächern und hörte wie aus der Ferne Stimmen aus dem kleinen, angrenzenden Saal. An der Tafel saßen Damen in üppigen Seidenkleidern und einige Herren in Uniform, die mit dem herzoglichen Paar zu Mittag speisten. Soeben war ein Bote mit einer Nachricht eingetroffen und bestand darauf, sie der Herzogin sofort überbringen zu dürfen. Als man ihn schließlich vorließ, verbeugte er sich mit einer demütigen Geste und überreichte der Herzogin das anscheinend wichtige Dokument.

„Wie konnte er das tun? Wegen dieser Person! Ich hasse sie, und ich hoffe, sie wird die Pocken bekommen!“

Völlig außer sich war Luise mit einem Mal aufgesprungen, hatte sich über den Mund gewischt und die Serviette auf den Tisch geworfen, während sie die Nachricht las, die ihr der Diener überbracht hatte. Fassungslos reichte sie die Botschaft mit tränennassen Augen an ihren Gatten weiter, der nun ohne Regung darauf starrte, als wolle er nicht glauben, was er dort las.

„Robert von Gernsheim ist tot!“, teilte er den Anwesenden mit bewegter Stimme mit, die ihn mit fragenden Blicken ansahen. Der Herzog Carl August von Sachsen-Weimar versuchte einen Ausbruch seiner Gefühle zu verhindern. Nachdem er seine Fassung einigermaßen wiedererlangt hatte, ließ er die Hand mit dem Blatt Papier sinken, als wäre es aus Blei.

„Er hat sich vor zwei Tagen im Harz zu Tode gestürzt. Erst jetzt hat man ihn in den Klüften eines Berges gefunden.“

Betroffenes Schweigen ringsumher. Niemand wagte es, etwas zu sagen. Die Stadt hatte einen ihrer besten Männer verloren. Von Gernsheim war mit seinen erst 30 Jahren im höheren Staatsdienst tätig gewesen. Er war 1790 dem Aufruf Goethes und der Schlossbaukommission gefolgt und als Architekt aus Frankfurt nach Weimar gekommen. Maßgeblich hatte er dazu beigetragen, dass das nach einem Brand zerstörte Schloss wieder aufgebaut wurde. Erst 1803 war die herzogliche Familie dort eingezogen und noch immer dauerten die Innenarbeiten an.

Nach den Baujahren war Von Gernsheim in der thüringischen Stadt geblieben, wo er auf Wunsch des Regenten als Hofrat und Architekt in dessen Dienste trat. Während der Jahre hatte sich das freundschaftliche Verhältnis gefestigt und Von Gernsheim verkehrte im engsten Kreis der herzoglichen Familie.

Den Herzog, der den Tod seines Vertrauten noch nicht fassen konnte, hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. Eilig stand er auf, griff nach seinem Hut, lief durch den Korridor die Hintertreppe hinunter und stieg mit fahlgrauem Gesicht in die stets bereitstehende Kutsche.

Robert von Gernsheims Geist sah sich plötzlich neben dem Herzog sitzend, der seine Trauer nun im blicksicheren Dunkel des Wagens in sein Taschentuch weinte. Alle Versuche, seinem Freund zu zeigen, dass er noch existierte, schlugen fehl, denn Carl August reagierte nicht. Alle Worte verhallten ungehört. Kein Trost drang durch den Schleier, kein Zeichen wurde sichtbar gemacht.

Wie gerne hätte er ihm nun gesagt, wie leid es ihm tut und seinen letzten Schritt erklärt. Carl August war ein bodenständiger Realist, der Gefühlsduseleien verabscheute und nicht nachempfinden konnte. Seine militärische Erziehung, die ihn im Innersten gehärtet hatte, hatte ihn unempfindlich und stark gemacht. Ganz anders ging es ihm nun, denn die Nachricht hatte ihn tief getroffen. Mitverantwortlich fühlte er sich, weil er Von Gernsheim im Streit in den Harz geschickt hatte. Zuletzt hatte er kein Verständnis mehr für ihn aufbringen können. Als das Gerede in der Stadt zu groß geworden war, hatte er ihn fortschicken müssen.

Von Gernsheim hatte sein Innerstes vor dem Herzog verschlossen. Dieser ahnte nichts von dessen Gedanken, die ihn letztendlich zu seiner Verzweiflungstat getrieben hatten. Er hatte ihn immer wieder kopfschüttelnd zurechtgewiesen, ihm nach militärischer Manier den Kopf gewaschen, und ihm geraten, Sophie so schnell wie möglich zu vergessen und sich ein anderes Weibsbild zu suchen.

Wie oft hatte Robert von Gernsheim das versucht! Über Monate hinweg hatte er seine Sehnsucht und sein heimliches Verlangen unterdrückt. Jedes Mal, wenn er glaubte, Sophie vergessen zu haben, brachte ihn eine ungeahnte Begebenheit in ihre Nähe und zwar so nah, dass er sogleich wieder seiner alten Sucht verfiel.

Es war, als würde ihn ein altes Karma an sie binden, dessen Band zu Lebzeiten nicht zu durchtrennen war.

Die Stadt war klein, und es gab keine Möglichkeit, sich langfristig aus dem Weg zu gehen. Immer, wenn er glaubte, wieder von ihr frei zu sein, zog es ihn magnetisch zu ihr hin. Es gab eine Zeit, da beschloss er, Weimar endgültig zu verlassen, um zurück nach Frankfurt zu gehen. Doch er war sich dessen bewusst: Ihr Gesicht würde er überallhin mitnehmen. Nein, er konnte nicht fortlaufen, nicht vor seinen eigenen Gefühlen und einfach so tun, als gäbe es sie nicht! Dazu war seine Liebe zu stark, seine Sehnsucht zu groß.

Sophie wohnte in einem kleinen Gartenhaus am Rande der Stadt, inmitten der Wiesen und Bäume, die Von Gernsheim einst so sehr geliebt hatte.

Dorthin begab sich der Herzog nun. Er wollte Sophie die Nachricht persönlich überbringen und ihr dabei ins Gesicht sehen. Auf der Wegstrecke manifestierte er seine Gedanken wie zu einem Fluch: „Die Pocken wird sie kriegen! Sicher wird sie das! Dieses niederträchtige Geschöpf hat ihn an der Nase herumgeführt!“

Immer wieder ging ihm das durch den Kopf und immer wieder kamen ihm die schlimmsten Verwünschungen in den Sinn.

Robert von Gernsheim bereute zutiefst, sah er doch nun das Elend, das er angerichtet hatte. Die Arme, Unschuldige! Wie sollte er sie jetzt noch schützen können? War er doch derjenige gewesen, der tiefe Schuld in sich trug. Oh, er bedauerte und musste alles schauen, obwohl er es kaum noch ertragen konnte.

In dem schlichten Holzhaus, das sich aufgrund seiner Einzellage von der ansonsten naturbelassenen Umgebung abhob, lebte Sophie nur in der warmen Zeit des Jahres. In den Herbst- und Wintermonaten zog sie zu Verwandten in die Stadt.

Der Herzog hatte das Gartenhaus nach einer Viertelstunde holpriger Fahrt erreicht, und der Kutscher befahl seinem schnaubenden Gaul, mit einem lauten „Brrrh“ Einhalt, um die Fahrt zu beenden.

Eiligst war der Herzog aus der Equipage gestiegen, hatte unwirsch die Türe zugeworfen und hastete nun mit schnellem Schritt die krummen Stiegen empor, dem Eingang des Hauses entgegen. Er beachtete nicht das Bellen und Knurren des Hundes, der aufgeregt anschlug.

Sophie saß in der Stube und legte mit erstauntem Blick ihre Näharbeit beiseite, als sie den Herzog eintreten sah. Er schien atemlos und aufs Äußerste erregt zu sein. Höflichst verbeugte sie sich mit einem Knicks und stand mit gesenktem Kopf vor ihm, so als wolle sie eine Lektion empfangen, auf die sie aufgrund seines Auftretens gefasst war.

Carl August versuchte seine Contenance zu wahren und gab Sophie ein Zeichen, dass sie sich setzen solle. Robert von Gernsheim stand, nein, schwebte wie ein stiller Beobachter hinter ihr, wobei er sie immer wieder mit geistigen Augen ansah. Wie hübsch sie aussah! Es tat ihm weh, sie in dieser Situation sehen zu müssen. Ihr sonst so liebevolles, zartes Gesicht zeigte in diesem Augenblick besorgte Züge, ihre roten, vollen Lippen waren aufeinander gepresst und ihre schwarzbraunen, großen Augen schienen keines ruhigen Blickes mehr fähig zu sein.

„Welcher Teufel hat Sie geritten, als Sie Robert von Gernsheim das letzte Mal trafen?!“, wollte der Herzog wissen. „Vor ein paar Tagen hat man ihn gefunden, tot! Zerschmettert an den Felsen im Harz!“

Sophie zuckte zusammen, und sie konnte die Tränen, die in ihre Augen schossen, nicht unterdrücken. Sekunden vergingen, in denen sie verzweifelt den Rüschenbesatz ihres Kleides zerdrückte.

„Robert ist tot?“, fragte sie entsetzt und fassungslos. „Welch harte Prüfung hat mir das Schicksal auferlegt!?“, rief sie außer sich, sprang auf und rang mit den Händen. Tränen liefen über ihre rosigen Wangen, und sie vergrub ihr Gesicht in ihre Hände und schluchzte jämmerlich.

Der Herzog stampfte ungeduldig in der Stube umher, immer noch auf eine Erklärung wartend. 

„Verzeiht, gnädiger Herr, aber Ihre Nachricht klingt wie ein Vorwurf. Bitte sagen Sie mir, wie das geschehen ist?“

„Freiwillig hat er seinen Abschied genommen, freiwillig. Und ich will wissen, warum! Warum, hat er das getan?!“ Unruhig ging der Herzog auf den knarrenden Holzdielen des spärlich eingerichteten Zimmers auf und ab und Sophies Hände verkrampften sich zusehends.

„Gnädiger Herr, ja, er war hier, vor zwei Wochen. Ganz anders als sonst schien er mir; ganz fremd und abwesend war sein Blick gewesen, irre, seine Augen. Dann, einige Tage später kam der Bote und übergab mir meine Briefe, die ich zurück erwartete. Das war das Letzte, was ich von ihm gehört habe.“

„Vor zwei Wochen, sagt Ihr? Gab es einen Streit?“, fragte Carl August ungeduldig. Lange hatte er sie angesehen, während sie sprach, und er biss sich vor Wut auf die Unterlippe.

„Ihr habt ihn zum Affen gemacht! Habt Ihr ihn nicht jahrelang hingehalten und sein Leben ruiniert? Was hat Euch veranlasst, die Briefe zurückzufordern?“

Sophie schwieg und stierte mit eisigem Blick vor sich hin. Wie eine regungslose Puppe blickte sie mit einem Mal ins Leere. Ihre feuchten Wimpern wirkten wie kleine Sternchen in ihrem ebenmäßigen Gesicht, und ihr Busen ging durch ihren unruhigen Atem sichtbar auf und nieder. 

Zu keiner Antwort war sie zu bewegen, auch nicht, als der Herzog direkt vor ihr stand. Drohend hatte er sie angesehen, doch sie hielt den Kopf gesenkt und schwieg, völlig in bittren Gedanken versunken. Kein Wort kam über ihre Lippen.

Doch es gab einen im Raum, der die Antwort kannte. Ein für die Lebenden Unsichtbarer: Robert von Gernsheim kannte sie nur zu gut, doch er hatte sie mit ins Grab genommen.

Der Herzog verließ murrend und wortlos das Gartenhaus, ohne etwas erreicht zu haben. Wohl hatte er bemerkt, dass Sophie Vischer ihm etwas verschwieg. Es musste etwas sein, das sie sehr quälte.

Sollte er ihr Unrecht getan haben? Nein, er verbat sich selbst solche Überlegungen! Die Wahrheit würde irgendwann ans Licht kommen, irgendwann, da war er sich sicher.

Transformation

Robert von Gernsheim musste den Ort verlassen und fand sich in einer finsteren Gegend wieder, die alleine ein fahles Mondlicht beleuchtete, und es schien ihm wie ein unterirdisches Verließ zu sein, mit kahlem, schmutzigem Mauerwerk, hohen, fensterlosen Wänden und beißendem Modergeruch, in das er nun durch eine unsichtbare Macht, wie in Trance, zu gehen gedrängt wurde.

Welch eine Schattenhaftigkeit, welch ein Elend! Sein Bewusstsein schien vollends zurückgekehrt zu sein, als er in seiner Nähe die Seele seines irdischen Vaters wahrnahm. Dieser war bereits vor vielen Jahren, als er selbst noch ein Kind war, durch einen Unglücksfall zu Tode gekommen. Damals redeten die Leute, es sei gar kein Unfall gewesen, vielmehr hätte man ihn aus Rache in den Tod geschickt. Eigentlich hatte er keine wirkliche Erinnerung mehr an ihn, erkannte nun aber vollkommen seines Vaters Seele.

Zu Lebzeiten war dieser ein egoistischer, nicht gerade beliebter Mensch gewesen, der in Frankfurt zwar ein hohes Ansehen genossen hatte, jedoch in seiner Funktion als hoher Regierungsbeamter wegen seiner Willkür gefürchtet und gehasst worden war. Viele Unschuldige hatte er in den Kerker gebracht oder sogar dem Henker zugeführt. Gnadenlos war er für seinen beruflichen Aufstieg über Leichen gegangen, wofür ihm viele den Tod gewünscht hatten.

Seine Seele schien mit zehnfachen menschlichen Flüchen belastet zu sein, die Robert von Gernsheim nun als zehn schwarze Wesen an ihm wahrnehmen konnte, und er sah gepeinigt und düster aus.

Grau erschien ihm die väterliche Gestalt, mit herunterhängenden Augenlidern und tiefen Schatten darunter. Von Gernsheim empfand ein Grausen, denn er spürte die Kälte, die von dieser dunklen Seele ausging. Trotzdem war ein unsichtbares Band zwischen ihnen, und es war ihm, als müsse er der geplagten Vaterseele zu Hilfe eilen.

Von Gernsheim hatte sich von seinem Platz erhoben, an dem er gekauert hatte, doch als er auf ihn zugehen wollte, war die Vatergestalt plötzlich verschwunden. Er versuchte, nach ihm zu rufen, doch kein Ton drang durch das Dunkel, und mit einem Mal war er wieder an dem Ort, an dem er seinem verzweiflungsvollen Leben ein Ende bereitet hatte: am Fuße des Felsens.

Jetzt konnte er sie sehen, seine eigenen letzten Lebensmomente, die voller Ernst und entsetzlicher Traurigkeit gewesen waren. Es kam in sein Bewusstsein, wie sehr die Einwirkung der Welt, mit ihren höllischen Gelüsten, sein Dasein beeinflusst und zertreten hatte.

Er spürte zu seinem Entsetzen noch einmal den Fall entlang der Felswand, sah den Aufprall, fühlte jedoch keinen Schmerz, obwohl all seine Glieder zertrümmert worden waren. Er sah sich ergriffen, wie von der Allgewalt des Meeres und in dessen unermessliche Tiefe gerissen. Ein schauriges Ruhebett, in dem er keinen Frieden finden konnte. Welch schreckliche Veränderung erfolgte gleich nach dem Sprung!

Er sah zwei große, schwarze, fledermausartige Tiere, die seinen toten Körper sofort nach dem Aufprall umschwirrten. Er fühlte mit einem Mal seine irdische Abstammung, und ihm wurde bewusst, dass er sich seelisch und auch leiblich aus der gesamten organischen Schöpfung dieser Erde zusammensetzte.

Jetzt erlebte er mit einem Mal die Momente seines Sterbens, in welchen sich seine Seele noch nicht völlig vom Leib getrennt hatte, in höchster Verwirrung, als gänzliche Dunkelheit. Ihm war es, als drehte er sich wie ein Kreisel, der sich in einer ungemein schnellen Bewegung befindet. Er versuchte etwas zu sehen, doch so lange er auch schaute, er konnte nichts erfassen, nur Finsternis. Manchmal war es ihm, als ließe sich ein mattfarbiger Dunstkreis erkennen, den sein Blick jedoch nicht zu halten imstande war. Durch die Schnelligkeit der Umdrehung ging sein Sehen in eine völlige Nacht über.

Genauso wie das Auge nur im Ruhezustand ein Objekt erkennen kann, benötigt auch die Seele eine gewisse innere Ruhe, um zu einem helleren Bewusstsein ihrer selbst gelangen zu können.

Robert von Gernsheims Seele war erschüttert und befand sich in höchster Unruhe. Deshalb brauchte er lange Zeit, um zu seinem Selbstbewusstsein zurück zu finden. Er hatte zu Lebzeiten nicht gerade zu den „Erleuchteten“ gehört, sondern stand mit seiner Seelenbildung und -schwingung noch auf einer der unteren Stufen. Diese Tatsache hatte einen großen Einfluss auf seinen Sterbevorgang gehabt, denn es war wie ein Übergang durch ein Nadelöhr, der zu vollziehen war und keinesfalls einer, bei dem der Himmel den Ankömmling mit weit offenen Toren willkommen hieß.

Von Gernsheim musste mit ansehen, wie sich seine Seele in die früheren, niedrigeren und unvollkommeneren Kreaturen teilte. Jetzt erkannte er die schwarzen, geflügelten Tiere als eine Gattung dieser Geschöpfe, und nachdem sein Körper nach der Zerschmetterung von seiner Seele losgelöst war, wurde bald eine weitere Kreatur sichtbar, die ihm als ein Lemure offenbart wurde.

Erst nach einer noch längeren Phase des Sich-Begreifens und Wiedererkennens, mit dem sein Bewusstsein zurückkehrte, bekam der Lemure ein immer menschlicheres Aussehen und fing an, sich als eine menschliche Person aufzurichten. 

Plötzlich und völlig unverhofft fühlte Robert von Gernsheim aufs Neue die Anwesenheit der väterlichen Seele in unmittelbarer Nähe, und es drängte ihn danach, zu ihm zu kommen. Die Liebe des Kindes zum Vater war mit einem Mal in ihm erwacht und seltsamerweise gleichzeitig die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, als ein Zorn in ihm aufkam, der sich gegen die Flüche richtete, mit denen sein Vater belegt war. Er, als Affenmensch, fühlte mit einem Mal die Kraft in sich, es mit den zehn Fluchteufeln aufnehmen zu können, die seines Vaters Seele plagten und quälten.

Er stürmte in die Richtung, in der er seinen Vater wähnte, packte die Dämonen, die dessen Gestalt belagerten und warf sie hinab in den Abgrund. Plötzlich hatte Von Gernsheim sein menschliches Aussehen wieder, und seine Kindesliebe fing an, auch in der toten Vaterseele etwas zu bewirken. Sie riss seinen Vater fort von dem finsteren Ort des Verderbens, doch er erkannte, dass seine Kraft alleine dazu nicht ausreichen würde, obwohl seine Kindesliebe ständig zu wachsen schien.

Aus dieser Erkenntnis heraus tat er nun das, was er lange Jahre versäumt hatte: Er wandte sich an Gott und bat demütigst um dessen Hilfe.

Dieser erhellte fortan die dunklen Wege des Vaters, gab diesem die Kraft zum Fortkommen in eine bessere und vollkommenere Sphäre und erfüllte ihn mit dem Geist, der ihn fortan befähigte, Gott zu erkennen und einzugehen in seine Ordnung.

Auch Robert von Gernsheim konnte nun ein Stück weit klarer sehen. Die ganze Schöpfungsgeschichte war in Sekunden vor ihm abgelaufen. Mit der Einsicht kam die bittere Reue. Er fühlte sich schuldig und so klein wie das winzigste Atom in Gottes Schöpfung, welches immer noch ein ganzes Universum in sich barg.

Es blieb ihm ein schwacher Trost: Er hatte die unterirdischen Gewölbe verlassen dürfen, denn er befand sich wieder an der Erdoberfläche, irgendwo im Niemandsland zwischen Traumzustand und Wirklichkeit.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er so niemals Frieden finden würde, und dass er an diesem Zustand ganz alleine die Schuld trug. Wie viel Zeit würde vergehen müssen, bis diese getilgt war? Würde sie ewig fortbestehen, oder konnte er auf Erlösung hoffen?

Eine unsichtbare Kraft band ihn an diesen Ort, an seine eigens von ihm selbst erschaffene Hölle, und er konnte anscheinend diesem Bannkreis nicht entkommen. Voller Verzweiflung kniete er auf dem Boden, und seine Seele weinte bitterlich.

„Großer Gott, bitte hilf mir!“, rief er flehentlich, als er sich seines unabwendlichen Zustandes bewusst wurde. 

Ganz in seiner Nähe bemerkte er mit einem Mal eine ihm unbekannte, mächtige Energie, und als er empor blickte, sah er auf ein ernstes, jedoch freundlich schauendes Wesen, das zwar durchaus menschliche Züge trug, aber weder Mann noch Frau zu sein schien. Die lichte Erscheinung schreckte ihn kolossal, doch bannte sie seine Aufmerksamkeit mit geradezu überirdischer Anziehungskraft.

Die Lichtgestalt sprach nicht, sondern übermittelte ihm die Aufforderung, ihr zu folgen, direkt in sein Bewusstsein. Robert von Gernsheim gehorchte, ohne zu fragen und nicht ahnend, wohin er geführt wurde. Wieder ging der Weg zurück in die Vergangenheit nach Weimar, genau in die Zeit seines allerersten Zusammentreffens mit Sophie.

Erste Begegnung

Wie in einem Traum sah Robert von Gernsheim ein Kalenderblatt vor seinem geistigen Auge. In rot leuchtenden Ziffern erschien ihm mit einem Mal die Jahreszahl 1801, und sie leuchtete wie eine Warnung.

Er befand sich wieder in Weimar, seiner einstigen Wahlheimat und sah, wie er damals einige Räume in einem Haus nahe dem alten Markt bewohnte, von wo aus er das Schloss gut und schnell erreichen konnte.

Die Läden am Fenster seines Arbeitszimmers waren weit geöffnet, und er spürte, wie eine angenehme, kühle Luft in die von der Sommersonne aufgeheizten Zimmer strömte. Die Sonne hatte in der Frühe noch nicht ihre volle Kraft erreicht, und Von Gernsheim sah sich am Fenster stehen und auf den Marktplatz hinuntersehen.

Die Händler und Bauern aus dem Umkreis boten, wie mehrfach in der Woche üblich, ihre Waren an, feilschten um jeden Heller und waren froh, sich von den geringen Einnahmen ernähren zu können.

Robert von Gernsheim empfand diese längst vergangenen Momente seines Erdendaseins plötzlich als gegenwärtige Realität. Er war in diesem Rückblick nicht nur ein stiller Betrachter, sondern erlebte alles noch einmal, was ihn jedoch nicht sonderlich irritierte.

Nun warf er einen Blick zum Himmel. Nur wenige Wolken trieben auf dem freundlichen Blau, und er genoss die frühen Morgenstunden voller Zufriedenheit. Unter der alten Linde hinter dem Haus nahm er ein Frühstück ein und widmete sich anschließend der Lektüre eines Buches.

Gegen Mittag wurde er von Goethe im Schloss erwartet, der mit ihm die nächsten anstehenden Arbeiten besprechen wollte. Doch bis dahin blieb noch Zeit, sich ein wenig unter das Volk zu mischen. Hinaus trieb es ihn nun, mitten in das bunte Markttreiben hinein, das er mit all dem Lärm und den vielen Zerstreuungen genießen wollte.

Das Küchenpersonal aus dem Schloss tätigte hier frühmorgens die nötigen Einkäufe für die kommenden Tage, und auch im hier am Platz befindlichen Gasthaus „Elephant“ herrschte schon ein reges Treiben in der Küche. Die Fenster in den oberen Stockwerken waren geöffnet, und ein Dienstmädchen hatte sich aus dem ganz mit Clematis und wildem Wein umrankten Rahmen hinaus gebeugt, um unten nach dem Rechten zu sehen.

Mit Körben am Arm gingen die Frauen die Straße entlang, blieben hier und da stehen, um mit den anderen zu plaudern, und widmeten sich nur ungern ihren Besorgungen.

Wenige Kinder spielten auf den schmalen, angrenzenden Gassen. Neben den umherstreunenden Hunden und einigen Spatzen waren sie die einzigen Müßiggänger, die keine nützliche Arbeit verrichten konnten.

Robert von Gernsheim lief bedächtig über den Platz, zahlte einem Bauern den Preis für einen Apfel und aß diesen mit Genuss. Seine hoch gewachsene Statur überragte das übliche Maß bei Weitem, was ihm immer wieder neugierige Blicke bescherte oder gar Getuschel hinter seinem Rücken einbrachte. Das Gedränge auf dem Markt war groß. Er hatte Mühe, zwischen den Ständen zum hinteren Teil hindurch zu laufen, um von dort aus zum Hause des Hufschmiedes zu gelangen, der sein Pferd für einen Ausritt am späten Nachmittag bereitstellen sollte.

Über dem mit Rüschen verzierten, weißen Leinenhemd trug er eine gelbe Seidenweste und knielange, braune Hosen, grobe Wollstrümpfe und Schnallenschuhe. Das dunkle Haar war unter einer weiß gepuderten Perücke verdeckt, weil er gleich nach dem Besuch in der Schmiede noch einen weiteren, amtlichen, in der Stadtkirche vorzunehmen gedachte. Im Zug um seine Mundwinkel und in seinen hellblauen Augen schien eine Art lässige Heiterkeit zu blitzen.

Gut gelaunt durchschritt er die Menge, bis er den Marktstand eines Bauernmädchens erreicht hatte, vor dem er plötzlich wie angewurzelt stehen blieb.

„Wer war die junge Frau hinter dem Tisch?“, ging es ihm mit einem Mal durch den Kopf. Sie wirkte nicht wie die übrigen „Feldblumen“ hier, sondern glich einer zarten Rose, denn sie hatte etwas Edles, Anmutiges, das ihn bezauberte. Nie zuvor hatte er sie hier gesehen und auch nicht den Stand, auf dem sie selbst gefertigte Armbänder, bestickte Tücher, blumigen Haarschmuck und Kämme ausgebreitet hatte.

Seine Blicke hatte sie sehr wohl bemerkt. Sie hatte Mühe, ihre Verlegenheit zu verbergen. Eine alte Frau war hinzugekommen, die nun etwas ungehalten das Schweigen durchbrach, indem sie Von Gernsheim zwei wunderschöne Kämme hinhielt, an denen kleine, roh geschnittene, farbige Glasperlchen baumelten.

„Schön genug für die Haare einer Gräfin, junger Herr!“, versprach die Alte, aber Von Gernsheim winkte dankend ab. Seine Blicke galten nur dieser wunderhübschen Person hinter dem Tisch, und es war ihm vom ersten Augenblick der Begegnung so, als würde sie einen geheimen Zauber auf ihn ausüben. Nur ungern löste er sich daraus und setzte seinen Schritt fort, doch er schien konsterniert und schaute sich immer wieder nach der schönen Unbekannten um. Wenig später dachte er kopfschüttelnd darüber nach, was er mit einer Bürgerlichen zu schaffen haben sollte und versuchte, den Vorfall zu vergessen.

Doch bereits des Mittags, als er mit Goethe die weiteren Arbeiten im Schloss besprach, wurde er von diesem ermahnt, mehr Aufmerksamkeit für die Sache zu zeigen und seine Sinne beisammen zu halten. Also riss er sich zusammen. Doch am Abend waren seine Gedanken wieder bei der jungen Frau, und er sehnte insgeheim den nächsten Markttag herbei, an dem er sie aufsuchen wollte, um nach ihrem Namen zu fragen.

Die zwei Tage gingen nur langsam vorüber. Das Wetter hatte sich gewandelt, und dunkle Wolken zogen unter heftigsten Winden über die Stadt hinweg, bereit, sich ihrer feuchten Last zu entledigen und die Sommerhitze mit schweren Gewittern abzukühlen. 

Schon in aller Herrgottsfrühe hatte Von Gernsheim Mantel und Hut gepackt und war nach draußen geeilt. Eiligst war er über den Marktplatz gelaufen, doch aufgrund der zu erwartenden Unwetter waren nicht alle Standplätze besetzt, und er suchte vergeblich nach der Frau, die seine Gedanken nicht mehr losließ.

Überall hatte er nach ihr geschaut, und als das nahende Gewitter bereits in der Ferne sein warnendes Donnergrollen voraus sandte, packten auch die letzten Händler Hals über Kopf ihre Siebensachen zusammen, um schnell in den nahen Wirtsstuben oder zu Hause Schutz zu suchen.

Als schließlich die ersten Regentropfen vom Himmel fielen und sich in kürzester Zeit in wahre Sturzbäche verwandelten, die den Platz wie aus himmlischen Fontänen überfluteten, gab Robert von Gernsheim seine Suche auf. Er war enttäuscht und blickte trübselig drein, währenddessen er seine nasse Stirn mit einem Taschentuch trocknete.

Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, sie unbedingt wieder zu finden, doch wo sollte er mit seiner Suche beginnen? Bereits nach einer Viertelstunde ließ der Regen langsam nach. Blitz und Donner waren weiter gezogen; die Natur atmete tief und sog alle Feuchtigkeit wie ein trockener Schwamm in sich auf.

Von Gernsheim saß am Fenster und betrachtete den leeren Ort. Nach einer Weile sah er die alte Frau, nach deren Marktstand er gesucht hatte, langsam über das Kopfsteinpflaster laufen. Hastig erhob er sich, lief die Treppe hinunter ins Freie und folgte ihr über den Platz.

„Bitte warten Sie!“, rief er hinter ihr her. „Ich habe heute Morgen ihren Stand nicht entdecken können…wollte ich mir doch ihren Haarschmuck noch einmal ansehen.“

Die Alte hatte sich erschrocken umgedreht, und während sie weiterging, hatte sie ein paar unverständliche Worte gemurmelt und ihn unwirsch angesehen.

„Ist der Herr sicher, dass er den Schmuck meint?“, fragte sie forsch und fügte, den wahren Grund ahnend, hinzu: „Meine Nichte wird vorläufig nicht in der Stadt sein. Was will er denn von ihr? Sie ist ein anständiges Mädchen, das sich auf keinen Kuhhandel einlässt! Am Besten, er vergisst sie!“

Mit diesen Worten wollte sie ihn einfach stehen lassen, doch er hielt sie am Arm zurück und forderte unmissverständlich die Preisgabe des Namens von ihr, den die Alte alsdann nur zögerlich aussprach: Elisabeth Sophie Vischer. Als er ihr mit Repressalien drohte, was den Verkauf ihrer Waren betraf, ließ sie sich gezwungenermaßen zum Verrat des Aufenthaltsortes der Gesuchten hinreißen. Mit ein paar Flüchen auf den Lippen setzte sie schließlich ihren Weg fort. Nachdem sie einige Meter von ihm entfernt war, rief sie ihm zu: „Zur Hölle mit Ihnen! – Es wird nichts nützen! Geht nur zu ihr.“

Robert von Gernsheim ließ sie gehen, sichtlich zufrieden mit dem, was er erreicht hatte. In ihrem Gartenhaus am Rande der Stadt würde er „Sophie“ finden!

Er musste sie wieder sehen! Erleichtert und frohen Mutes ging er zur Schmiede, um sich sein Pferd zu holen, mit dem er anschließend in Richtung Parkanlagen davon preschte.

Stufe des Lernens

Wie ein durchlebter Wahrtraum endete hier das Bild des Vergangenen. Robert von Gernsheims Seele wehrte sich gegen das Erwachen in ihrer Todes-Realität, die sie nicht als solche empfinden konnte.

Zeitweise erschien es Von Gernsheim logisch, dass er gestorben sein müsse, denn sein zerschmetterter Körper, den er nach seinem Sprung vom Felsen selbst betrachten konnte, ließ keine andere Annahme zu; trotzdem fühlte er sich wieder ganz lebendig, mit allen Aufregungen und Ängsten.

Die um ihn herrschende, nicht weichen wollende Finsternis war neben seiner Seeleneinsamkeit die schlimmste Empfindung. So kurios es scheinen mochte, er hatte nur einen Wunsch, der immer stärker wurde: sterben und vergessen!

Alle Anstrengungen, die er unternahm, um von diesem Ort fort zu kommen, misslangen. Er hatte ein schweres Unrecht begangen, das er sich nicht verzeihen konnte. Wie sollte Gott ihm jemals verzeihen, wenn er es selbst nicht vermochte!?

Seine Seele blieb in Unruhe und war in ständigem Zweifel über ihren Zustand. Er hatte sein Leben lange vor der eigentlich für ihn festgelegten Sterbezeit beendet und dabei gegen die kosmische Ordnung verstoßen. Die materielle Existenz so lange wie möglich zu erhalten, galt als natürliches Bestreben und ewiges Gesetz, das er missachtet hatte.

Zwar hatte er sich über eine längere Zeit auf seinen selbst gewählten irdischen Abschied vorbereitet, aber nie über die jenseitigen Folgen nachgedacht. Ihm war es in seiner Lebensqual von besonderer Wichtigkeit gewesen, diese Materie des Leids so schnell wie möglich zu verlassen, ohne darüber nachzudenken, ob der Weg zur Seligkeit für die Menschheit letztendlich nur über das Leid gefunden werden kann. Er hatte nicht daran glauben wollen, dass auch nach dem körperlichen Tod Empfindungen möglich sein könnten. Daran hatte er niemals auch nur einen Gedanken verschwendet. Steht es nicht in der Bibel, dass die Toten schlafen? Hatte der Pfarrer nicht davon gepredigt, dass die Verstorbenen erst am Jüngsten Tag auferstehen werden?

Seltsamerweise bekam er von irgendwoher die Einsicht vermittelt, dass für ihn der „Jüngste Tag“ bereits im Augenblick des Todes begonnen hatte, genau in dem Moment, als seine Seele den irdischen Leib verließ.

Wäre der Tod Robert von Gernsheims ein natürlicher gewesen, hätte er den Wechsel seines Zustandes vermutlich anders empfunden. So hatte er seine geistige „Wiedergeburt“ im Jenseits nicht bewusst erleben können, denn seine Seele war noch in völliger Unruhe und musste einen Lernprozess durchlaufen, um eine lichtere Bewusstseinsstufe zu erreichen.

Immer wieder fragte er sich, ob und wann er vor ein göttliches Gericht gestellt werden würde, denn auch diesen Irrtum hatte ihm die Kirche in der Zeit seines Lebens vermittelt. Hatte er sich nicht bereits selbst gerichtet?! War er nicht Schuld an der Finsternis, die ihn umgab?!

Ihm wurde klar gemacht, dass nicht Gott ihn persönlich richtet, sondern einzig und alleine seine irdischen Gedanken, Absichten und Taten die Richter im Jenseits sein würden, durch die auch sofort nach dem Übergang der Aufenthaltsort für seine Seele bestimmt worden war.

Robert von Gernsheim spürte mit einem Male wieder die Anwesenheit der ihn führenden Lichtgestalt, die ihm liebevoll und mit großem Verständnis vermittelte, dass noch weitere Rückblicke in die Vergangenheit nötig seien, um die Fehler aufzuzeigen, die er vor allem aufgrund von zu großer Eigenliebe begangen hatte. Dies geschah ohne den geringsten Vorwurf, nur mit der Ermahnung, aus den Folgen seines egoistischen Handelns zu lernen und Liebe und Barmherzigkeit in göttlicher Ordnung zu üben. Die Gedankenmitteilungen, die von Gernsheim erhielt, erzeugten bei ihm keinesfalls Angst und Schrecken, sondern vermittelten deutlich die Gegenwart eines schrankenlos liebenden Wesens in seiner Nähe, dem er bereitwillig Folge leistete.