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Der Roman JenZeits beschreibt, wie eine Handvoll aus der Spur geratener Menschen, die alle etwas Extremes erlebt oder erfahren haben, zufällig in Varanasi am Ganges aufeinander treffen. Sie begeben sich auf eine Art Pilgerreise, gründen die Karma-Connection und reisen bis an die Ränder ihres Bewusstseins.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Kein Lektorat.
Kein Fallschirm.
Kein Rettungsboot.
Vorweg
Teil 1 From Roxy to elsewhere
Prolog: IM HIER UND JETZT
Kapitel 1 Wie ein Kopfstoß in die Fresse zum Auslöser wird
Kapitel 2 Sie wollte nur mitspielen. Eingeklemmt zwischen Orient und Okzident
Kapitel 3 Kann man aus der Kunst austreten? Wie eine Mail zum Startschuss wurde
Kapitel 4 Die zweite Frau Helferinnen- oder Stockholm-Syndrom
Kapitel 5 Hobby-Lobbyist oder Kapitalismus für Anfänger
Teil 2 Die Karma-Connection
Kapital 1 Alle Wege führen hier letztlich nach Benares
Kapitel 2 Hinein ins Buddha-Disney-Land
Kapitel 3 Götter, Geister und Dämonen
Kapitel 4 Die Stiftung Karma statt Kola
Teil 3 Echos aus den Ruinen der Zukunft
Kapitel 1 Pärchenbildung und kurze Fetzen von Gesprächen
Kapitel 2 Muktinath oder Das Ziel ist nicht allein der Weg
Kapitel 3 Am Ende wird alles gut und wird es nicht gut; so ist es nicht das Ende
Kapitel 4 Spaceship, Wiedergeburt oder Jenzeits
Letzte Worte / Nachwehen
Hier die Geschichte über irgendwie aus der Spur Geratenen. Menschen, denen du vielleicht begegnet bist oder begegnen wirst.
Nun muss er also auch noch einen Roman schreiben. Aber was heißt schon muss? „Müssen“ bezieht sich mehr auf sterben oder trinken, auf fortpflanzen oder wiedergeboren werden. Kreative Akte geschehen meistens wie ein Vulkanausbruch oder aber einfach so.
Diese Veröffentlichung ist zweifelsohne ein wenig länger, was die Seitenzahl des zusammenhängenden Textes anbelangt – mehr zunächst nicht – alles andere war so oder ähnlich oder ganz anders irgendwie in Ansätzen erkennbar, wohl schon mal da: In „Anapurna Blues“ (seltsame Kurzgeschichten) – des sich anbietenden Wortspiels wegen damals noch mit Doppel-N – und auch in den Reiseerzählungen tauchen immer wieder mal der Himalaya, das Nirvana oder das Göttliche in dir auf, immer mit Prisen von Sex and Drugs and Rock ‘n Roll. Jedoch waren alle vorangegangen Geschichten immer nur wie mit einem Kohlestift schnell fertig gestellte Skizzen, spontane Momentaufnahmen, hingekritzelte Zeichnungen.
Nun denn – mein erstes geschriebenes Bild. Keine Zeichnungen, Skizzen mehr wie in den drei vorherigen Büchern – auch kein spontaner Schnappschuss – es wurde ein Gemälde.
Meine Liebste wünscht sich seit Langem so etwas wie einen „Roman“, allerdings eher über Kindheit, Jugend und langsam Erwachsensein im Ruhrgebiet, also wahrscheinlich teilweise fiktiv autobiografisch, kommt Zeit kommt Rat – im Moment fühle ich mich dazu noch zu jung. Aber der Auftrag steht im Raum. Möglicherweise vermischt mit der Kindheit des Protagonisten – heaven knows. Zumindest der nächste Titel steht so gut wie fest: Gewölle (googeln!) Untertitel: Wir waren Freaks…Roman über eine besondere Zeit.
Das Roxy gibt es leider nicht, würde mir als Club aber gut gefallen… Die Mitglieder der Karma-Connection sind vermutlich (?) erfunden, zufällig (?) sich begegnet und dann und wann gibt es tatsächlich Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen, realen Landschaften oder Ereignissen, zu mir.
Ob es das JenZeits, das Nirwana, so etwas wie Karma oder real existierende Buddhas gibt, weiß ich auch nur in Ansätzen. Da bist du als Leser gefordert. Oder auch nicht: Reise ganz entspannt mit, vom Zentrum Europas an die Ränder des Bewusstseins. Den Himalaya, und andere hier erwähnte Gegenden, bzw. die dort lebenden Menschen, mit all ihren realen Geheimnissen, die gibt es schon.
Also: Leinen los!
Die anderen vier waren vor knapp einer Stunde aufgebrochen, um das Tal zu queren und die Ursache der morgendlichen Gewehrsalven herauszufinden. Mir ging es nicht besonders gut, es fehlte die Kraft für eine längere Bergwanderung und die Luft bereits hier auf der Passhöhe in 2.000 Meter machte mir das Atmen und Bewegen schwer. Dazu kam natürlich noch als entscheidender Faktor, dass ich nicht ohne Grund, trotz meiner schweren Erkrankung und absehbarer Restlebenszeit, mich auf diese vermutlich letzte Reise in diesen Teil des Himalayas aufgemacht hatte.
Es waren rund zehn Kilometer und dazu noch mindestens 600 Höhenmeter weiter hinauf, dorthin wo auch im Sommer der Schnee tief und fest blieb. Hier auf der Südseite war es bedeutend wärmer, ich genoss auf der Veranda des Guesthouses in meinem hölzernen Schaukelstuhl die angenehme Sonne des frühen Mittags, ein sattes Gläschen Chai und der Blick hinüber auf die bis auf 6.000 Meter ansteigende gegenüberliegende Talseite war überwältigend. Die Stille und weitläufige Ruhe hier oben hatten etwas absolut Beruhigendes.
Wir saßen alle im großen Gemeinschaftsraum beim Frühstück als die Schüsse fielen. Zunächst zwei, drei – dann Sekunden der totalen Stille, anschließende einige Salven. Sidh vermutete, dass es Männer aus dem Dorf seien, die die großen schwarzen Affen jagten. Diese Affenart hatte sich auf das Leben im Hochgebirge spezialisiert, doch ab und an gelüstete es ihnen nach Leckereinen aus dem Dorf. Die Landbevölkerung mochte die Diebe nicht besonders und gelegentlich gab es eine Jagd auf die Horde. Als Sidh nach erwähnte, man habe ein Affenmännchen erlegt, das so groß wie ein kleiner Mensch gewesen sei und er selbst hatte die Fußspuren von anderen Affen im Schnee gesehen. Besonders wenn die Sonne diese Fußabdrücke erwärmte und sie sich ausdehnten, konnte man sehr leicht den Aberglauben und die Legenden der Dorfbewohner zumindest nachempfinden. Bären – oder Affenmenschen, Zwischenwesen, Yetis und andere lebten in den Geschichten der Bergvölker so real wie Urgroßvater oder die Mythen der Heiligen Männer.
Spätestens da war meinen Begleitern klar, sich ein eigenes Bild vom gegenüberliegenden Tal und von den Affen machen zu müssen. Mir machte es nichts aus für den heutigen Tag allein gelassen zu werden, endlich konnte ich meine kruden Gedanken sortieren und meinen Plan innerlich vervollständigen. Sidh brachte mir einen kleinen Joint und einen weiteren Chai. Vorsichtig rauchend und nur behutsam inhalierend, schaukelte ich entspannt, suchte die gegenüberliegende Weite nach meiner kleinen Wandergruppe ab und driftete langsam fort und sah, ohne zu sehen.
Ach – wäre ich damals doch Filmmacher geworden – allein die Konstellation der vier Menschen plus meinen nepalesischen Freund Bishwa, die mich nun seit einiger Zeit mehr oder weniger zufällig bzw. freiwillig begleiteten, hätte Raum für Fiktion in Fülle. Dazu noch die Tatsache, die niemand leugnen konnte und die sich ohne mein Zutun mit Sicherheit nach und nach in verschiedenen Variationen ergeben könnte: Zwei attraktive Frauen und zwei junge Männer, ohne jeglichen Anhang, ohne Verpflichtung, frei und ungezwungen und doch seit vielen Wochen zusammen, teilweise auf engsten Raum in kleinen Gasthöfen, Minibussen, dann wieder neben und hintereinander wandernd in dieser endlosen Weitläufigkeit. Wenn mein Weg, der nicht das Ziel sein darf, endet, wird sich für die vier, Bishwa wird mehr wissen als die anderen, eine Weggabelung nach der anderen auftun. Das Ende ist gänzlich unbestimmt, für alle von uns. Diese vier Mitpilger waren nicht nur das Beste, was mir auf dieser Tour passierten konnte, sondern wir hatten auch etwas Gemeinsames für eine positivere Zukunft ausgeheckt. Dies wäre dann aber nicht mehr meine Zukunft.
So saß ich beinahe wie ein uralter Greis im Pflegeheim in diesem Monstrum von Schaukelstuhl, eine Decke auf den Knien, sanft schaukelnd und malte mir aus, wie es wäre, wenn die eine mit dem, und die andere mit dem – oder doch besser umgekehrt? – langsam oder wie aus dem Nichts etwas anfangen würde. Und wie dies kleine Pflänzchen der Anziehung oder der sexuellen Attraktivität sich zu Liebe wandeln würde und wie sie irgendwann ein anderes Leben führen würden als das unsrige in dieser Zeit. Also doch! Da war er, der Romantiker und Träumer, Kitsch as Kitsch can. Innerlich musste ich schmunzeln über mein soeben erdachtes kleines Hollywood – Filmchen. Ausgerechnet ich, der Liebesfilme und -romane hasste, ertappte mich dabei, wie ich für meine, ich nenne sie mal Gefährten, verschiedene und auch gleichgeschlechtliche Beziehungen erdachte. Gut, dass niemand etwas mitbekam, unser derzeitiges Hiersein und die Wirklichkeit um uns herum, war für die Zurückgelassenen Fiktion genug, da brauchte es keine Gefühlsduseleien oder den Wunsch nach Partnerschaft für all die Einzelgänger meinerseits. Außerdem war ich noch nicht senil und unkritisch genug, um nicht zu erkennen, dass ich hinsichtlich der beiden Grazien auch gerne eine Rolle gespielt und wenigstens etwas mitgeträumt hätte. So blieb mir Gott sei Dank das Dilemma erspart, mich für eine der beiden Schönen zu entscheiden. Da war es wieder, das realitätsferne Träumen, das Nichtanerkennen meines Zustandes und das geflissentliche Übersehen wie die Zeit mir davonlief, wie meine arrogante Überheblichkeit die verbleibende Zeit ignorierte bzw. schön rechnete. Hätte ich damals nicht diesem Fascho…. Wäre der ein oder andere auf seinem Pfad geblieben… Mir rannen zwei drei Tränchen die Wangen herunter. Hier im Inbetween war es egal, ob aus Freude oder Leid, ob anlässlich des Verrinnens aller Zeit, der Vergeblichkeit aller irdischen Mühen oder eines erinnernden Lächelns wegen bei Gedanken an den Steppenwolf, Govinda, Harry Haller und all den anderen Morgenlandfahrern, die von der göttlichen Spur wussten oder sie erahnten und mit den Unsterblichen dennoch in ein nachhallendes Lachen ausbrachen. Der Schaukelstuhl knirschte wie das Rad des Lebens.
„Roman? Roman! – was ist mit dir? Schwere Gedanken, Heimweh oder was – und warum lachst du mich aus? Freudentränen, sagst du?“
„Oh mein guter Sidh, ich lache dich doch nicht aus, höchstens an. Mein Lachen und Weinen gilt dem Aberglauben an den Zufall, dem Nichterkennen eines Sinnes in all dem uns ergebenden Unsinn. Und ich musste an den dicken Mann denken, der zum Arzt ging und über einen Alptraum klagte. Er träumte, er würde ein gigantisches Brötchen von nie gesehenen Ausmaßen essen. Der Doktor erklärte, es sei normal, auch weil man nachts Hunger haben könnte, vom Essen zu träumen. Nur als der Mann aufwachte, hatte er furchtbaren Durst und sein Kopfkissen war unauffindbar verschwunden.“
„Halts Maul! Und ob Blut & Ehre hier spielen – in deinem beschissenen, linksradikalen Lügenclub, da gibt es nichts…“
„Lügenclub?“
Roman bleibt äußerlich ganz ruhig, unterbricht den Schwall nur „Lügenclub wie Lügenpresse? Glückwunsch! Eine, wenn auch total falsche, aber zumindest kreative Wortneuschöpfung aus dem Mund einer Dumpfbacke. Das ROXY ist ein freier, unabhängiger Club und Treffpunkt. Niemand bestimmt mit Druck, wer hier auftritt – und schon gar nicht gegen meinen Willen und erst recht nicht mit faschistoidem Background. Und jetzt verlasse ganz entspannt meinen Laden, äh Lügenclub, oder ich mache vom Hausrecht Gebrauch.“
„Hausrecht!? Ha – auf die Fresse gibt es. Ihr mit euerem Multi-Kulti-Piss und diesen linksradikalen, angeblich deutschen Alternativ-Bands, die in Wahrheit keine Sau hören will. Wird Zeit für die Wahrheit. Deutsche Wahrheiten für Deutsche in deutscher Sprache wie Blut & Ehre sie glaubhaft rüberbringen.“
Irgendwie war dieser Club eine Rettungsinsel, ein Fallschirm, eine Brücke, ein Streifen Sonne am Horizont. Ein Ort an dem Respekt, Toleranz, Frieden und diverse andere Oldschool – Hippietugenden nicht nur Gelaber waren, und zum Glück dachten seine beiden Mitgesellschafter ähnlich.
Angeblich hat jeder Mensch eine unsterbliche Seele, dachte Roman, aber auch dieser verfickte Fascho, gehört selbst der zum kosmischen Plan? Gottes oder der Götter Wege sind manchmal unergründlich – sonst wäre ja alles ein Spiel.
Ein Roadie schiebt eine Riesenbox für den Auftritt heut Abend vorbei, murmelt dabei laut: „Scheiß auf deutsche Texte.“ Roman lächelt ob des uralten Zitats. Die Sterne waren Kult und diese Hymne ist es heute noch. Der schleimige selbsternannte Manager und Funktionär rückt ihm auf die Pelle, er kann die Mischung aus Schweiß und zu viel Rasierwasser nicht ausstehen, weicht jedoch keinen Millimeter und meint nur lapidar in Richtung des sich gelangweilt fettige Haarschuppen von der Jacke wedelnden Idioten:
„Kritische Texte – gegen wen auch immer – jederzeit! Aber nicht gegen Juden, Flüchtlinge, Ausländer, Schwule oder welche Minderheit ihr sonst noch so aufm Schirm habt.“
Der schleimige Typ schuppt schon wieder und grinst breit. Irgendwie hatte sich Roman den Manager einer dumpfen Nazi-Band nicht so ölig vorgestellt. Dieser wies zwar auch die Mucki-Buden-Figur unter dem schlechtsitzenden Anzug und dem dummen Blut & Ehre T-Shirt als rechte Attribute einer Vergangenheit als Ordner oder Türsteher bei rechten Versammlungen auf, aber die langen, dünnen Haare, der Hipster-Fünftage-Bart und die 200 Euro Sneaker ließen eher auf einen Start-Up-Macher oder einen Kreativen aus der Werbebranche schließen. Verräterisch waren allein Sprache, T-Shirt und das Band-Bottom mit den Runen am Revers. Der Speckige rückt ihm noch näher auf den Pelz, drückt Roman gegen einen Pfeiler der Haupthalle, so nah, dass der schlechte Atem zusätzliche Abneigung provozierte und raunt in sein Ohr:
„Letzte Warnung du Lappen! Ansonsten kommen wir stetig, aber unangemeldet und mischen dir regelmäßig deinen Drecksladen auf. Hör sehr gut zu! Wir wissen auch, wo du wohnst, wo deine Frau joggt oder wo deine Nichte zur Kita geht. Blut und…“
Roman kam gar nicht dazu nachzudenken, der Autopilot hatte längst übernommen. Obwohl es für ihn das erste Mal war, wirkte der ganze Vorgang, der nur einen Sekundenbruchteil dauerte, sehr geübt und professionell – außerdem äußerst erfolgreich. Er holte nur kurz mit dem Kopf aus und stieß blitzartig vor. Der erste Kopfstoß seines Lebens brach seinem Gegenüber sofort das Nasenbein, eine blutige Masse spritzte und der Kerl taumelte rückwärts, während er versuchte mit den Händen die Blutung aufzuhalten und angeschlagen ausspuckte, wobei er rief:
„Das hast du dir jetzt selbst zuzuschreiben. Mann, dies gibt ein gewaltiges Nachspiel! Zuerst mal eine Strafanzeige und dann… Hey – ihr beiden! Ihr seid meine Zeugen, der Herr hier hat mich völlig grundlos angegriffen. Hey – ihr habt es genau gesehen!“
Die beiden Rowdies lächeln, ziehen weiter Kabel und meinen nur:
„Nix gesehen. Du bist doch gestolpert und vor die Säule geknallt. Nicht wahr? Willste ‘n Taschentuch?“
Roman taumelt nun auch, hält sich an einem der Rowdies fest, kämpft gegen den Schwindel und die Übelkeit an. Es ist kein schlechtes Gewissen, der Kopfstoß war nötig und eh von selbst automatisch geschehen, aber die steigend stärker werdenden, unerträglichen Kopfschmerzen, sind nicht mehr auszuhalten, war wohl doch zu heftig. Dann wie von selbst entleert sich sein Magen, er kotzt mitten in die Halle und stürzt ungebremst in das Erbrochene. Die schrillen hohen Töne verstummen.
Das Aufwachen geschieht in Etappen, mal glaubt er etwas zu hören, dann spürt er etwas an seinem Arm, erkennt durch Nebelschlieren eine Person oder sind es zwei? Die Schmerzen sind gemildert, Schlaf ist ein guter Freund und aus Träumen und Betäubung heraus, stürzt er immer wieder tief hinab in eine bodenlose Nicht – Existenz.
Erst am nächsten Morgen gelingt es, die Augen zu öffnen und die an ihn gerichteten Worte zu realisieren und zu koordinieren. Er liegt in einem unbekannten Bett, eindeutig auf dem Rücken. Verkabelt und verbunden mit Tropf und blinkenden Geräten, die fragende Person muss eine Krankenschwester oder Ärztin sein. Keine Erinnerung, keine Vorstellung, nichts, was erklären würde, was geschehen war. „Sie wissen, wo sie sind und wie sie heißen?“ fragt sie erneut. „Yeep. Ich bin gefangen im Fegefeuer und heiße Nick Cave.“
Sie schüttelt kaum merklich den Kopf und flüstert etwas in ihr Handy, der Blick wirkt jetzt besorgter – also antwortet er:
„Sorry – ich weiß nicht in welchem Krankenhaus ich bin und schon gar nicht wie ich hier hingelangt bin. Mein Name ist Roman Keller und erklären sie mir nun bitte, was geschehen ist und vor allem, was ich habe und ob meine Frau informiert ist.“
„Ah, sehr gut. Ihre Frau saß die ganze Nacht an Ihrem Bett, sie ist kurz nach Hause, kommt gleich aber wieder. Also keine Sorge. Sie sind vor über 30 Stunden ohnmächtig und aus Ohren und Nase blutend hier ins Städtische Notfallkrankenhaus eingeliefert worden. Scheinbar hatten sie im Roxy, in Ihrem Club, wohl eine Auseinandersetzung. Erinnern Sie sich jetzt ein wenig? Roxy? Kopfstoß? Schwindel, Erbrechen, Unfallwagen?“
Er runzelt die Stirn. Roxy! Ja klar, am Nachmittag war Aufbau für das Konzert von… Verdammt. Das war gestern, ihm fehlen Mosaiksteine, Schlägerei, Kopfstoß – es dämmert schwach, ohne aufzuklären. Da war dieser Störer, dieser seltsam unangenehme Typ und scheinbar ist etwas eskaliert.
„Sie sagen Kopfstoß? Also habe ich eine Gehirnerschütterung?“
„Dachten wir auch zunächst, das Röntgen zeigte uns dann den wahren Grund. Hatten Sie in den letzten Monaten verstärkt Aussetzer oder heftige Kopfschmerzen, war ihr Sichtfeld eingeschränkt bzw. gab es Schwierigkeiten mit der…“
„Stopp – was wollen sie mir sagen? Ich hatte wohl eine Prügelei, ich erinnere mich vage. Hab mir dabei scheinbar an dem gegnerischen Betonschädel meinen eigenen Kopf heftigst gestoßen, dann war mir übel und an Schwindel kann ich mich schwach auch ein wenig rückbesinnen, danach hat jemand den Stecker gezogen.“
„Ah, da kommt ihre Frau zurück. Vielleicht wollen sie erst einmal mit ihr reden, ich komme dann wieder dazu und wir besprechen gemeinsam die weitere Vorgehensweise.“
Ulla, ach die gute Ulla, sie kann ihre totale Niedergeschlagenheit trotz des Versuchs eines milden Lächelns nicht verbergen.
90 Minuten später ist nichts mehr wie es jemals war. Roman hätte allen Trost der Welt gebraucht, stattdessen legt er, so gut es im Liegen geht, wenn ein heulendes Elend auf einem bebt, seinen Arm um ihre Schulter, tupft Tränen und flüstert Trost. Ein Wort. Ein einziges, bis dato unbekanntes Wort, zerstört alles und insbesondere ihn. Hirntumor. Schon das bloße Wort schürt Todesängste.
Seine Ulla, aber auch die Ärztin gingen sehr behutsam vor, vermieden böse deutsche Fachbegriffe. Erst als er Dr. Google um Hilfe bitten wollte, wurde die Information sachlicher. Glioblastom meint bösartig und tödlich, weil unheilbar. Nie zuvor gehört, jetzt hat er ihn, einen bereits faustgroßen, irreparablen Tumor. Operation vermutlich ausgeschlossen, mit viel Optimismus und noch mehr Chemo und Bestrahlung bleibt vielleicht ein knappes Jahr, eher weniger. Das war dann das donnernde Leben – eben. Niemals im Leben oder im Traum hätte er gedacht, dass er auf diese Art und Weise dem Hamsterrad des ständigen Planens, Machens und Weiterplanens entrinnen würde. Im Geheimen war seine bisherige Intuition mit dem Eintritt in die Zeit als Privatier, als Abschied vom Roxy, eine Abschiedswoche für Freunde und Gäste durchzuziehen, dann ein Benefiz-Konzert für eine NGO, während dem er sich still und heimlich verdrücken würde, um dann nach etlichen Tagen herrlich altmodische Ansichtskarten von einer warmen Insel zu verschicken: „Uns geht es super…“
Alle Leichtigkeit ist aus dem Universum verschwunden, etwas Gigantisches, Unsichtbares drückt ihn zu Boden, der Himmel außerhalb des Krankenhausfensters und das Weiß der Wände wirken wie ein Schraubstock. Du sitzt fest, wirst aber nicht zermalmt. Mann, die wöchentliche Abrechnung, die Monats-Pläne, Flyer und Plakate, Tourneen, Steuererklärungen, die Reiseführer für die Zeit nach dem Club. Zeit. Was für ein Monster. Zehn Jahre hätte er im besten Fall noch arbeiten können und sich mindestens weitere zehn erhofft, um all das nachzuholen, was das Roxy nicht zugelassen hatte. Besser 15. Er sieht die Seelenlandkarte der Länder und Gegenden, wie den Inka-Trail, die Atacama Wüste, die Fidschis, Neuseeland, den Odenwald. All die Bücher Hesses, Goethes oder David Mitchells, die tausenden LPs, MCs und CDs – die vielen uneingeklebten alten Konzerttickets, Postkarten und Fotoerinnerungen, die ganzen vorformulierten, leider ungeschriebenen Briefe – alles von jetzt auf gleich Makulatur. Das Monster ist extrem grausam zu den Gutwilligen, wäre doch nicht Ulla, würde er sich in der eigenen Finsternis verirren.
Sie hatte immer behauptet, man kann das Leben, auch nicht Teile davon, niemals nachholen. Immer dann, wenn er aus diversen vorgeschobenen Gründen oder Unlust bzw. Trägheit nicht mit wollte zu Ausstellungen, ins Theater, politischen Diskussionen, Lesungen oder Kurzreisen in die Heide oder den Harz. Harz! Warum nicht gleich ins Sauerland? Heute wäre er froh, wenn er die Runde um den Schlosspark-Teich schafft.
Aber bitte kein tiefempfundenes Mitleid, keine Tränenorgien mehr und stammelnde Freunde und Verwandte am Krankenbett. Er braucht eine durchwachte Nacht, dann sieht er ein stecknadelgroßes winziges Licht inmitten der Leere. Zum Teil hat er keine Wahl, muss den Weg der diversen Ärzte und der sogenannten Vernunft mitgehen. D.h. noch diese Woche im Hospital bleiben, dann vier bis sechs Wochen Reha, ab – oder anschließend die letztlich vergeblichen ärztlichen Versuche mit Medikamenten und Strahlen zu retten, was nur noch zu verlängern ist. Rettung im Sinne von echter Heilung – völlig ausgeschlossen. Die Option auf ein göttliches Wunder, auf Magier in Brasilien oder Indien oder Timbuktu, der illegale Zukauf von angeblichen Zaubermedizinen oder Beten, Beten, Beten – all dies schließt er für sich aus.
Gott hat eh keine Zeit. Für all den Zauberhokuspokus ist Roman zu sehr Realist. Aufgewachsen in einem sozialdemokratisch und gleichzeitig katholischen Elternhaus hat er früh das Christentum und die Kirche hinter sich gelassen. Klar gab es da Laotse, Sidharta, Castaneda und andere. Freunde bezeichneten ihn gelegentlich als Freizeitbuddhisten, aber einen Glauben hatte er nicht. Loosing my religion hieß es schon vor Jahrzehnten bei REM. Vielmehr basierte sein spirituelles Leben auf einem Patchwork verschiedenster Ansichten und Lehren, denen er sich bediente, denn es war einfach und bequem. Die Momente mit Gott oder Göttern würden aufs Alter warten müssen, wenn er Zeit hätte.
Wie ein kleines Pflänzchen in einer Mauerspalte reift fortan ein Plan, den er noch nicht fassen oder mit Worten beschreiben kann, aber die Saat ist gesetzt. Mehr eine Ahnung als konkretes Vorhaben, mehr ein Wissen, was er auf jeden Fall nicht will.
Natürlich schaut er sich im Netz diverse Filmchen, Clips und Chats an – letztlich fühlt er sich aber von dem Schwarz und Weiß innerlich nur noch grau – mit einer Sehnsucht bzw. Erinnerung an Grün, Blau, an Bunt. Das Weiß wird durch die Menschen, besser sollte er sagen Kranke, denn es sind eindeutig keine Schauspieler, repräsentiert, die das hohe Lied des Lebens singen: Jeder Tag zählt. Die Freude über einen Sonnenaufgang oder eine Tasse Tee.
Glückliches Lächeln beim Anblick des Hundes oder der Vögel im Garten. Lebensgefährten, Freunde oder Kinder, die dich umarmen. Dein Lieblingslied, -essen, -bild, -film, blablabla. Dann sind da ebenso die realistischer wirkenden Berichte von dahinsiechenden Patienten. Ohnmachten, Haarausfall oder Kotzattacken sind nur die für alle sichtbaren Wegbegleiter, die Gedanken und Empfindungen der Seele kannst du nur aus den stumpfen Augen oder dem leeren Gesichtsausdruck erahnen.Immer wieder sieht er heimlich die Reportage über die letzten drei Monate eines Ex-Leistungssportlers. Von schlapp und kraftlos durch die Gegend schlurfend, über die zusammen gesackte Gestalt im Rollstuhl bis zu dem ausgemergelten Skelett im Krankenbett, das mit zerbröselter Stimme um den Tod bettelte.
Am meisten Angst bereitet ihm die Tatsache, dass der Tag kommen wird, an dem zunächst sein Körper nach und nach den Dienst verweigern wird. Zunächst vielleicht nur ein Arm, dann ein Bein, später mehr und mehr. Was kann schlimmer sein als mit vollem Bewusstsein gelähmt rumzuliegen und zu wissen, dass der Leib aber noch lange um ihn kämpfen wird? Oder ist es noch brutaler, wenn der Verstand zunächst gelegentlich aussetzt, dann immer öfter und letztlich ist der Geist nur noch ein Haufen Matsche? Der Verstand hat sich verabschiedet, aber du liegst immer noch in dieser scheintoten Körperhülle und die Welt um dich dreht sich weiter? Keine der Alternativen, weder das Freuen über die erste Erdbeere des Jahres, noch das Warten auf Lähmung, Demenz und Koma, würde er seinem schlimmsten Feind wünschen. Schon gar nicht sich selbst – solange wenigstens, wie sein Körper halbwegs gehorcht und das Hirn fit bleibt.
Nur erzählen kann er niemanden von diesen Gedanken. Zusammengekrümmt wie ein Säugling liegt er in diesem seelenlosen klinisch-reinem Krankenhausbett, starrt durch die weiße Wand und die Background-Musik dazu sind Ian Gillans Schreie zum Ende von Deep Purples Child in Time. Gillan brüllt heraus, wie er sich jetzt fühlt. Dabei ist der Song bestimmt fünfzig Jahre alt und schon damals hatte er, ohne dass sein Englisch ausreichte, um zu verstehen, worum es inhaltlich in dem Lied überhaupt ging, emotional kapiert und mitgelitten. Jetzt jedoch bleibt keine Zeit für sinnentleerte Nostalgie, Sentimentalitäten oder Erinnerungen an glorreichere Tage. Aufgeben und Jammern zählt nicht und hilft auch nicht. Noch sieht er ein Licht im grellweißen Tunnel und es ist nicht der entgegenkommende Zug.
Früher einmal war sein Abschiedslied an die Welt auf seiner Beerdigung The End von den Doors. War es jetzt eher Here comes the sun? Etwas von Mr. Cave? Oder Instrumentales, Jazziges oder quasi als Rache einige Nummern von seinen Jungs? Noch kann er bestimmen, was wird und wohin er sein Mühen richten wird, zudem in naher Zukunft auch seinen Körper hoffentlich für eine ungewisse Zeitspanne so benutzen wie sein zum Glück funktionierendes Hirn schon heutzutage.
Also spielt er das aussichtslose Spiel mit, Meisterschaft und Abstieg sind längst entschieden, er hat keinen Einfluss, aber jede Menge Elan, die nicht direkt auf Hoffnung, aber so etwas ähnlichem basiert. Täuscht Demut, Dankbarkeit und den Willen, um jeden einzelnen Tag zu kämpfen, vor. Erwähnt mit keinem Wort weder gegenüber der Familie noch den Freunden, den Wunsch selbst bestimmt zu sterben, eine kleine winzige Pille, einige Tropfen aus einem Fläschchen. Er weiß von Beispielen aus der Schweiz oder aus Holland – letztlich fehlt es ihm an Mut oder Kraft oder Willen - oder an allem von dieser gottverdammten unsäglichen Dreifaltigkeit. Das Wissen von der selbstbestimmten letzten Lösung hilft sogar ein wenig, auch wenn er den Gedanken weit hinten in den Keller seiner dunkelsten Ahnungen und Ängste sperrt. Noch kann er demnächst wieder für einige Zeit, vielleicht sind es nur Wochen, vielleicht Monate, sein Leben irgendwie führen. Gehen, aufstehen, reden, einfache Tätigkeiten werden machbar sein. Dann würde im Prinzip auch die Möglichkeit bestehen, sich irgendetwas zu besorgen. Zur Not können dies Dope, Wodka, Medikamente sein – oder ein teuflischer letzter Cocktail von allem.
An bestimmten Tagen hasst er die Arroganz des gesunden, gut lebenden Europäers: Durchschnittliche Lebenserwartung minus eigenes Alter plus Bonusjahre für Sport; Fitness und teurer Bio-Nahrung. Bei ihm zusätzlich plus Gene, Alter der Großeltern – beide lebten über 90 Jahre – positive Grundeinstellung, viel Freizeit und Erholung, lange Reisen – und einen irgendwie jenseits des Mainstreams dennoch vorhandenen latenten Glaubens. Okay – abzüglich der durchzechten Nächte, zu bestimmten Zeiten zu viel Alkohol oder/und Drogen, gelegentlicher Stress, Hektik des erfolgreichen Nachtlebens, eine Prise Selbstbetrug. Macht untern Strich, genauer machte bis zu dieser Diagnose na ja 20 gute und vermutlich insgesamt 25, 30 Jahre. Seine Mutter sagte stets: Der Mensch denkt – Gott lenkt. Welcher Gott genau war hier zuständig? Derselbe der Ausschwitz zuließ und all die anderen Gräueltaten und Kriege? Oder der für Hunger, Not und Seuchen?
Ein Inder bzw. Hindu wüsste jetzt bestimmt, wem welches Opfer zu bringen wäre. Oder er würde zumindest ergeben das vorher bestimmte Schicksal annehmen, ohne zu klagen. Wir Westler sind da anders, schließen Todesfall-Versicherungen ab, planen und bezahlen unsere Beisetzungen ordentlich im Voraus, regeln alles stringent – von der Patientenverfügung, über die beglaubigte Nachlassverfügung bis zum Ablauf und den Ritualen bei der Beerdigung – hoffen jedoch, dass wir alles nicht brauchen bzw. es ganz anders kommt. Der Tod als letzter Selbstbetrug., das kennt er als Schalker seit Jahrzehnten zur Genüge: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ha ha.
Mitspielen, mittrainieren, mitmachen. Gleichzeitig checken, planen, vorbereiten. Wenn es klappt, wäre es ein Ausweg. Wenn nicht, dann erst recht. Die Entscheidung ist gefallen, Tage rinnen wie Sandkörner durchs Stundenglas. Keine Hektik jetzt, nichts verraten, Spuren verwischen und dann aus heiterem Himmel los und von der Bildfläche zumindest hier im Gewohnten verschwinden. Verschwinden? Angeblich unmöglich im kosmischen Plan, denn Energie geht nicht verloren, wird umgewandelt, transformiert. Klingt nach ein wenig Hoffnung oder nach einem Plan.
Sollte sein Plan aufgehen, wären Ulla, Freunde, andere Mitmenschen sehr enttäuscht und verletzt. Sollte er ihnen zuliebe den klinischen, langsam dahinsiechenden Weg gehen? Denn mit einem Auto bei 120 km/h vor einen Brückenpfeiler oder zwei Schachteln Schmerztabletten mit einer Flasche Wodka runterzuspülen – kam für ihn absolut nicht in den Sinn. Blieb nur eines, solange die Kräfte und der Verstand mitspielen. Selbstbestimmt, frei und allein wie ein sterbender Elefant in der Savanne einen Ausgang zu suchen.
Sie ist zweifelsfrei eine absolute Schönheit. Eine junge Frau mit tollen Augen, einem Gesicht wie aus einem Märchen aus 1001 Nacht und einer atemraubenden Figur. Man kann auch sagen, ein Mädchen mit ausgewachsen Migrationshintergrund, deren sehr liberale Eltern ebenfalls schon im Revier, damals noch mit einem Herzen aus Kohle und Stahl versehen, geboren wurden. Als sie zwölf Jahre alt war, fragte sie ein älterer Schüler aus der Dreizehn des reinen Jungen-Gymnasiums, ob sie Spanierin oder Griechin wäre. Heute lacht sie immer noch darüber, wie der Junge sein Gesicht verzog, als sie antwortete, sie sei Deutsche, wie ihre Eltern übrigens auch. Und sie weiß genau, dass sie mit Genuss hinzufügte, nur ihre Großeltern stammen aus Antalya, das liegt übrigens in der Türkei. Also fast Al Kaida-Gebiet.
Den Gedanken allerdings findet sie immer besser, ohne genau zu sagen, was dieser genau mit ihr machte: Denn sie schämte sich keineswegs über ihre orientalischen Roots. Nur diese von da an losgetretene Südländigkeit ließ sie nicht mehr los. Zu Karneval ging sie als Spanierin, auf Partys gab sie die Italienerin und neugierigen, frühen Verehrern gegenüber ließ sie je nach Lust und Laune mal die Kroatin, mal Zypriotin oder die Portugiesin raushängen. Mit schlechten Akzentparodien.
Ihre Eltern nannten sie Ilayda, dies bedeutet Wasserfee oder Träne des Engels, ihre beste Freundin Farah, eine wilde, ein Jahr ältere Marokkanerin, nannte sie nur Layla. Aus Layla wurde später Lea – aber nur auf bestimmten Seiten und für eine spezielle Zielgruppe. Ihr Umfeld und erst recht die Familie dürfen niemals von dieser anderen Welt erfahren. Nie!
Jedem klardenkenden Mitmenschen ist hinlänglich bekannt, dass Clans mitherrschen würden, vor allem wenn es um so viel und dazu unversteuertes Bargeld geht. Die Säulen des dunklen Geschäftes sind seit je her Menschenschmuggel, Prostitution, Drogen und Schutzgeld. Die Präsenz vor Ort übernehmen in der Regel trotz aller Rivalität Rockerbanden und Clan-Mitglieder gemeinsam. Gelegentlich bildeten Clan-Mitglieder auch Unter-Chapter in Motorradclubs wie bei den Road killed Devils.
Dieses MC-Member stellt ein besonders fieses und brutales Mischwesen aus Rocker und Clan-Angehörigen dar. Urplötzlich schlägt er ihr brutal in die Nieren, so dass sie zu Boden geht, fasst ihr Haar, zieht den Kopf weit nach hinten und haucht:
„Reiz und verarsch mich nicht weiter. Sonst prügel ich dich mal so richtig windelweich, nur deine schöne Fratze lass ich außen vor. Wäre doch zu schlecht fürs gemeinsame Business.“
Ilayda röchelt, versucht zu atmen, da erfolgt ein nächster Tritt, wieder in die Nieren. Morgen werde ich bestimmt Blut pinkeln, denkt sie. Hätte ich doch nicht geöffnet, kein Klient hatte sich angekündigt und das Motorrad verriet doch seinen Fahrer.
„Und ab jetzt wird geteilt. Fifty fifty. Du hattest doch behauptet, kapiert zu haben, was ich dir letzte Woche flüsterte. Dies heute war immer noch freundlich. Das nächste Mal tuts richtig weh – auch dem Köter und deinem Wagen. Und die darauffolgenden Stufen hab ich dir doch geschildert! Das willst du nicht …“
Der Mann wirft sie wie einen halbvollen Abfallsack zurück in ihr geräumiges Zimmer, nicht ohne Sultan mit einem gelupften Pass hinter ihr her zu kicken. Der kleine Hund landet jaulend auf seinem Frauchen und beginnt sofort, ihr Gesicht zu lecken. Die Tür fliegt zu, schwerfällig stampft der Koloss die Stufen hoch zum nächsten Apartment. Sie reibt die schmerzende Seite, tastet vorsichtig die Rippen ab, scheinbar nichts gebrochen.
Wann sie das letzte Mal geweint hat, weiß sie nicht mehr, jetzt aber kullern zornige Tränen, geboren aus einer Mischung aus Panik, Frust und Ausweglosigkeit. Zum Glück hat sie gestern für 200 Euro Koks gekauft. Also klemmt sie das Hundchen unter den Arm, greift sich Zigaretten und das Dope – erst einmal raus und an die frische Luft. Nie hätte sie auch nur im Traum daran gedacht, dass die Bande ihre Warnung so schnell, wenn auch nur relativ mild angedeutet, umsetzen würden. Denn die angekündigten ersten bösen Stufen wären wiederholte richtig schmerzhafte Prügel, zerstochene Reifen sowie eingeschlagene Leuchten und ein tot getretener Sultan.
Glasklar erinnert sie sich daran, was dann folgen würde. Nicht nur im Ladies-Netz kursierten Geschichten über Erpressung und Ausbeutung durch diverse brutale Kriminelle. Keine leeren Drohungen, die setzten um, was sie versprachen: Vom ständigen Stalking, Veröffentlichungen im Netz, Totalübernahme ihres Geschäftes. Am schlimmsten wirkte jedoch die Androhung nach, ihre ahnungslosen Eltern zu finden, diese detailliert und mit Fotos über ihre Tochter zu informieren. Später durften auch alle ermittelbaren Verwandten mit stetigen Überfällen und bösen Erpressungen rechnen, solange bis sie und ihr Business ganz ihnen gehören würde. 100 %. Freiheit und Geheimnis – ade.
Vorsichtig tastet sie sich am Geländer hinunter, schmerzverzerrt und dazu noch den Hund auf dem Arm. Hoffentlich muss ich jetzt kein Blut pinkeln oder zum Arzt. Den Kunden für heute und morgen sollte ich auch absagen, an solche Dinge ist beim besten Willen nicht zu denken. Hinter dem sogenannten Gästehaus gibt es einen kleinen Garten mit Blumen, etwas Rasen und einigen schattigen Bäumen, damit die Mädels zwischendurch mal etwas Luft schnappen oder ihre kleinen Hunde vom Pinscher bis zum Kaninchendackel ausführen können. Schnell eine Line auf der Bank gelegt, besser noch eine zweite, danach eine Zigarette und den Kopf in den Nacken.
Aus dem Nichts tauchen Bilder auf, wenn damals Farah nicht gewesen wäre, wenn sie nicht so heiß auf dieses teure A&F-Kaputzenteil gewesen wäre, wenn ihr erster Kunde nicht ausgerechnet – was soll es? Wenn, wenn, wenn. Jetzt hockt sie hier, gerade noch eine stolze Rose, jetzt ein Häufchen Elend. Okay – die Eltern und alle ihre Freunde und Bekannten glauben ernsthaft, dass sie nach Schule und Ausbildung erfolgreich diesen gutbezahlten Job in dieser erdachten Agentur mit zu vielen Überstunden angenommen hatte. Okay, andere fuhren auch jeden Tag 40 km zur Arbeit, verdienten jedoch nicht so gut. Daheim berichtete sie der Familie von engen Zeitfenstern, internationalen Projekten und tollen, erfolgsabhängigen Prämienzahlungen. Da lohnte es sich schon, ein Wochenende durchzuarbeiten oder bis tief in die Nacht, denn die Global-Player zahlten überdurchschnittlich gut. Alle glaubten ihr, denn sie sahen nur wie fantastisch sie aussah und sich pflegte mit Friseur, Nagelstudio, Fitnesstrainer, wie reichlich sie verdiente ließen ihre Kleidung, ihr schwarzer Sportflitzer, die teuren gelegentlichen Kurzreisen und die zahlreichen Geschenke an alle Familienmitglieder erahnen.
Sie wollte nur mitspielen in diesem teillegalen Zirkus, der auszahlte, statt Eintritt zu verlangen. Dass man sich in diesem Spiel auch verzocken konnte, hatte ihr niemand geflüstert. Schon gar nicht wie teuer es werden würde. Wäre sie doch bloß nicht so freiwillig wie ein Käfer zwischen Rinde und Borke freiwillig eingeklemmt in der, trotz alledem immer noch eher traditionellen Welt ihrer Eltern, Nachbarn, Freunde – und der total anderen am Rande der bürgerlichen Gesellschaft – egal ob Abend- oder Morgenland.
Und nun das Ende. Das reine Chaos drohte, der Untergang mit Schimpf und Schande. Hatte sie wirklich geglaubt, es würde noch Jahre so weitergehen, sie sich von dem angelegten Geld tatsächlich eine Boutique, ein Mehrfamilienhaus oder eine Bar kaufen können? Für so viel Selbstbetrug war sie eigentlich viel zu intelligent! Dachte sie zumindest bisher.
Dabei quälten Zweifel und Ängste sie bereits seit den ersten von Farah vermittelten Dates. Klar wie Linsensuppe war jedoch auch, dass sie irgendwann, und dann aber für immer, noch relativ jung aussteigen würde, dem Business den Rücken kehren und ein relativ geregeltes, legales Leben führen würde. Nur das Wann stand noch nicht fest, in nicht allzu naher Zukunft. Einige Jahre müsste sie doch noch entspannt hinbekommen. Falls es zu stressig mit den Klienten werden sollte, gab es immer noch kleine Fluchten wie Städtereisen nach Paris, Istanbul, sinnloses Spontan-Shoppen, Verwöhntage in teuren Luxus-Spas oder eben little Helper wie Koks, Pep, XTC – was auch immer. Das für ihre Verhältnisse viele Geld und der scheinbare Luxus formten sie jedoch allmählich zu einer wahren Meisterin der perfekten Verstellung sowie auch der daraus resultierenden moralischen Verdrängung. Wie sie abends Straps und BH ablegte, um zu Mama und Papa zum Abendessen zu düsen, so konnte sie auch alle Bedenken, Ekel und Skrupel ablegen.
Farah war gerade einmal zwei Jahre älter, einmal, wie nur sie behauptete freiwillig, sitzen geblieben und keine Jungfrau mehr. Sie waren schon lange eng befreundet, wuchsen als Nachbarkinder zusammen auf, jedoch erst musste Farah sehr betrunken sein, um zu erzählen, dass sie vor Monaten ihre Jungfräulichkeit für 500 Euro verkauft hatte und seitdem regelmäßig mit Männern schlief, die sie gut bezahlten, da sie einerseits wirklich sehr jung war, anderseits hervorragend das kleine unschuldige Mädchen spielen konnte, daher die teuren Klamotten und das viele Geld fürs Ausgehen. Sogar ein echtes, aber heimliches Sparbuch versteckte sie in ihrem Mathe-Buch. Der sicherste Ort der Welt, wie sie lachend versicherte.
Es kam, wie es kommen musste, Farah besorgte auch für Layla den ersten sogenannten Klienten. „Denk doch mal nach. 500 für eine Nummer, Jungfrau kannst du immer noch spielen und Sex macht sogar Spaß – also was ist. Top oder Flop?“
Laylas erster Kunde kam ihr irgendwie bekannt vor, er war mittelalt, bezahlte das Hotelzimmer im Nachbarort und war vorsichtig und zärtlich, sie empfand weder Schmerz noch Lust, genoss jedoch die sanfte Macht und noch mehr das im Voraus gezahlte, versprochene Geld. Später erst kam sie dahinter, dass der Mann der Schulpfarrer von Farahs Realschule war. Jedoch sah sie ihn nie wieder, dafür vermittelte Farah neue Kunden, die aber nie mehr so viel zahlten.
Während andere im Cafe oder Clubs arbeiteten, putzten oder Pizza auslieferten, arbeitete sie relativ stressfrei im Dienstleistungsgewerbe für 100 Euro die Stunde. Zuhause und ihren Freunden erzählte sie, dass das Nachhilfegeschäft gut lief und lukrativ sei. Gelegentlich gab sie sogar wirklich Nachhilfe in Mathe und Englisch, denn sie war eine gute Schülerin und mehr als ein, zwei Jobs pro Woche gab es damals noch nicht.
Mit Beendigung der zwölften Klasse verließ sie plötzlich und unerwartet die Schule, studieren kam für sie nicht in Frage, also eine anspruchsvolle Ausbildung zur Büromanagement-Kauffrau. Diese absolvierte sie auch relativ spielend en passant und mit einem guten Abschluss, der weiterhin florierende Nebenjob sorgte dafür, dass sie ein kleines Auto und ein Apartment zunächst ganz in der Nähe der Eltern finanzieren konnte. Der Schein wurde gewahrt, von den zwei, drei Dates in der Woche brauchte niemand zu erfahren, die Mund-zu-Mund-Reklame ihrer neuen Kunden reichte, barg aber auch die latente Gefahr einer späteren zufälligen Begegnung bzw. Enttarnung. Etwas musste sich ändern.
Nach der Abschlussprüfung half Farah wieder: sowohl bei der Errichtung des Lügenkonstrukts als auch beim Finden eines Zimmers im erotischen Gästehaus, keine 30 Minuten über die Autobahn und den entsprechenden Anzeigen mit gepixelten Gesicht auf den entsprechenden Internetseiten. Wirklich alle beglückwünschten sie zu ihrem tollen Job und niemand ahnte, was sie wirklich trieb. Ein zweites Handy war ihre sichere, weil unsichtbare Verbindung zur Familie und Freunden. Dabei meldete sie sich stets mit den Worten, obwohl sie im Display den Anrufer sofort erkannte: „Kreativ-Abteilung der WXT-Agentur, guten Morgen, mein Name ist Ilayda Demir, wie kann ich ihnen helfen?“
„Hallo Ilayda – Liebes. Ich bin‘s – Mama. Dein Bruder kommt heute Abend zum Essen. Kannst du nicht auch…?“
Skrupel kannte sie nicht, ebenso wenig religiöse oder gar moralische Einwände. Wenn dies Sünde war, würde sie diese genießen. Brauchte ja niemand zu wissen. Für eine normale Anstellung von 8 bis 17 Uhr in ständig gleichen Trott für keine 1.800 Euro netto fühlte sie sich zu jung und zu clever.
Da sie jung und gut aussehend war, lief das Geschäft mit der Lust dementsprechend, nun bereits im dritten Jahr. Manchmal langweilte sie sich, die Wartezeit zwischen zwei Klienten konnte kaum sinnvoll genutzt werden, dann fühlte sie sich nicht nur allein, sondern gelegentlich auch einsam. Nichts fürchtete sie so sehr wie Depressionen oder Selbstzweifel. Zuerst kaufte sie sich den kleinen Hund, später dann Coke und Gras. So konnte sie die Zwischenzeiten besiegen und vergaß, was sie bedrücken könnte.
Mit ihrem Talent wäre sie auch eine passable Schauspielerin geworden. Anschmiegsam, mal voran gehend, mal gehorsam folgend. Nichts tun, was weh tat oder ihr zuwider war. Aber bei jedem Kunden, den Wunsch wecken, wiederzukommen, denn sie vermittelte das Gefühl, dass sie etwas empfand.
Sie konnte sich zudem leisten, wählerisch zu sein. Betrunkene, Stinker, Gewaltbereite oder Durchgeknallte lehnte sie ab – und gingen sie nicht freiwillig, genügte es ganz kurz einmal nach Hubert zu klingeln. Nicht klug, aber stark, war er quasi Hilfs-Hausmeister, Aufpasser, Einkäufer und Autoschrauber in einem. Die acht Mädchen des Gästehauses bezahlten ihn gemeinsam. Nur bei den seit kurzen auftauchenden Rockern und Clan-Leuten kniff er den Schwanz ein.
Womit sie wieder beim Thema war. Dieses gewalttätige, brutale Schwein. Niemals würde sie es mehr loswerden, fifty fifty – lachhaft. Nicht mal 90:10 oder 80:20. Aber wenn nicht? OMG – Mutter und Vater, Geschwister und alle anderen würden sie für immer verstoßen. Jetzt hörte sie das wilde Geschrei und die klatschenden Schläge aus dem oberen Zimmer. Er war bei Ella und wahrscheinlich lief dort die gleiche Show ab. Der Rocker musste weg, jemand würde ihn töten müssen. Töten? Und was dann? Danach kommt der ganze Clan? Oder was? Einen anderen miesen Verein anrufen? Die Albaner, Russen – vielleicht eher die Banditos oder eine andere brutale Motorradgang?
Jetzt wurde sie tatsächlich verrückt. Eine Entscheidung musste her. Eine neue Kippe. Durch den blauen Qualm sah sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite die neue chromblitzende Maschine mit 1200ccm. Dann eben die brennende Zigarette in den Tank. Obwohl das Scheusal sofort wissen würde, wer die Täterin war, schlenderte sie langsam rüber zum Bike. Aus dem Bauch heraus kam eine neue Idee. Unauffällig stopfte sie das Tütchen Coke und ihr restliches Gras in die Ledersatteltasche, zog Sultan einige hundert Meter weiter, bevor sie ihr langsam sogenanntes Familien-Handy zückte. 110, fünf Sekunden, dann meldete sich die Hauptwache.
