Jetzt gleich passiert’s - Thomas Edelmann - E-Book

Jetzt gleich passiert’s E-Book

Thomas Edelmann

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Beschreibung

Kann so was klappen? Der zehnjährige Gregori liebt die Freundin seines 18jährigen Bruders Paul. Total und radikal. Fest ist Gregori davon überzeugt: Er würde zu Zilli mit ihren verrückten Träumen besser passen. Und setzt dabei auf die tollkühne Hoffnung, dass Zilli wie Dornröschen in einen mehrjährigen Schlaf versinkt und er die Zeit, die sie ihm voraus ist, aufholen kann. Weniger in einem Märchen als in einem Alptraum wähnt sich Theaterlehrer Sebastian Heinzius. Als zögen geheimnisvolle Mächte seine AG, in der auch Paul und Gregoris Zilli mit von der Partie sind, in eine im Netz heiß diskutierte Verschwörung gegen den Schuldirektor und dessen Evaluationswahnsinn hinein. Jetzt gleich passiert' s: Unter dieses genauso digital wie literarisch wirksame Gesetz sieht Sebastian Heinzius sein Leben gestellt. Er hat das Gefühl, in eine Horde Nashörner geraten zu sein, die niedertrampeln, was im Wege steht. Und Gregori? Bei ihm ist sowieso alles anders ... Ein außergewöhnlicher Schulroman über die Bilder, die Lehrer sich von Schülern, Schüler sich von Lehrern, Menschen sich von Menschen machen und die alle falsch sind. Ganz richtig aber fühlt sich diese unmögliche Liebe an. Wenn nur nicht die Nashörner wären. Überall ...

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

1

Hinter der Taucherbrille riss er die Augen weit auf. Als wenn er wie im Meer darauf rechnen könnte, dass ein Fischschwarm in sein Blickfeld glitt. Zugleich konzentrierte er sich auf die Froschbewegungen der Beine, die ihn an die Spitze seiner Freunde katapultieren sollten. Mit dem letzten Atem, den er noch übrig hatte, schoss sein Kopf aus dem Wasser. Sofort war ihm egal, bis wohin Joshua oder Vincent oder Moritz oder Mathes es geschafft hatten. Auf den riesigen Steinplatten, die am Rande des Schwimmbeckens wie ein überdimensionaler Liegestuhl zusammengefügt waren: Sie. Unverkennbar sie. So lustig hatte sonst keine pechschwarze Haare zu Zöpfen nach oben gebunden. Und so ganz geradeaus wie sie guckte sonst keine. In seine Richtung. Er war sich sicher: In demselben Augenblick, in dem er aus dem Wasser aufgetaucht war, hatte sie zu ihm hingeschaut und auch gleich gewusst, wer er war. Hundertprozentig. Schnurgerade schwamm er auf seiner Bahn zum anderen Ende des Beckens, bog, kurz bevor er den Beckenrand erreichte, scharf nach links ab, suchte unter Wasser mit seinem Fuß nach der untersten Sprosse aus Edelstahl, packte mit den Händen die beiden gewölbten Haltegriffe, zog den Oberkörper aus dem Wasser in die Höhe und stieg auf den weiteren Sprossen aus dem Becken. Er schüttelte sich ganz kurz. Er nickte ihr zu. Sie nickte zurück. Ihm fiel auf, dass sie nicht allein hier war. Neben ihr und zu ihr geneigt ein grauhaariger, alter Mann, der mit ihr sprach. Der Junge näherte sich langsam. Er hatte das Gefühl, mit einer Bewegung ihrer Hand zeige sie ihn dem alten Mann an ihrer Seite. Schließlich stand er vor ihnen. Sie strahlte ihn an. Der Alte schaute freundlich. Der Junge begrüßte sie mit dem Namen, den sie anstelle ihres Alltagsnamens angenommen hatte und den nur ganz wenige, eigentlich niemand, hatte sie ihm anvertraut, ihr gegenüber verwenden durften. Er spürte einfach, dass Zilli vor dem grauhaarigen Herrn keine Geheimnisse hatte, auch wenn sie von ihm bisher noch nicht erzählt hatte. So unheimlich viel hatten sie bisher auch noch gar nicht geredet. Was für das Gefühl des Jungen, wie gut er Zilli kannte, unwichtig war.

»Das ist Gregori, Vater«, stellte Zilli ihn vor und entblößte ihre großen weißen Zähne mit den deutlich sichtbaren Zwischenräumen, die sie ihm gleich sympathisch gemacht hatten. Gregori hatten es auch ihre langen, die hellbraunen Augen wie Schlieren verdunkelnden Wimpern angetan. Feine, weiche, lange Wimpern waren für ihn die einzigen Haare bei Menschen, die mit Katzenhaaren mithalten konnten.

»Mein Vater.«

Vergeblich suchte Gregori in den Mienen des Vaters nach einer Reaktion auf seinen Namen, aber offenbar hatte Zilli ihm genauso wenig über ihre Begegnung erzählt wie Gregori seiner Familie. In rascher Folge platschten Wassertropfen von ihm auf die überdimensionalen Steinplatten, während die Haut des Vaters diesen wie einen Gecko aussehen ließ, nur langsamer, viel langsamer. Ein Gecko, der niemals die rötlich schimmernde, vielleicht sonnenverbrannte Haut der Tochter zur Flucht nutzen würde und daher zur Bewegungslosigkeit mit lebendig riesigen Augen erstarrte. Gregori schüttelte seine Haare aus. Der Geruch von Chlor blieb. Das Gefühl, sich wie ein Vogel in die Lüfte schwingen zu können, auch.

»Du kannst mich Bernhard nennen.«

»Mit Ihrer Tochter zusammen einen Turm bauen waaooh, einfach toll.«

»Kann ich mir gut vorstellen«, ein freundliches Lachen glitt über die feinen Fältchen. »Sag doch du zu mir.«

»Sie ist so eine nette Patin. Ich hätte mir keine nettere wünschen können.«

Der alte Mann freute sich über das Kompliment, als habe es ihm selbst gegolten.

»Am zweiten Tag sollten wir einfach basteln, was uns einfällt. Zilli hat gleich gewusst, was ich wollte. Hat mir geholfen. Aber ich fand sie schon vorher super. Ich hab sie gesehen und sofort hab ich gedacht, die weiß noch genau, wie es damals so war für sie. An ihrem ersten Tag. Und ihr T-Shirt hat mir gefallen. Wegen dem aufgedruckten Gesicht.«

»Das mit dem Konterfei von Audrey Hepburn?«

»Ja genau.«

»Du kennst Audrey Hepburn? Respekt.«

»Seitdem ich fünf oder sechs bin, geht meine Mutter mit mir ins Kino. Oft. Da hängen alte Filmplakate. Mit James Dean, Elizabeth Taylor, Cary Grant, Gregory Peck, Grace Kelly, James Stewart, Richard Burton, Paul Newman, Spencer Tracy, Katherine Hepburn und natürlich auch Audrey Hepburn.«

»Und dein Name rührt wahrscheinlich daher, dass es deiner Mutter dieser unverschämt gut aussehende Gregory Peck angetan hatte.«

»Ja schon, aber sie findet auch blonde Haare schön. Sie kriegt sich gar nicht ein, wie schön sie meine blonden Haare findet. Außerdem werde ich hinten mit i geschrieben, nicht mit y. Spencer Tracy mag meine Mama sogar noch lieber als Gregory Peck. Ihn und Katherine Hepburn hält sie für das tollste Filmpaar der Geschichte, das Filmpaar, bei dem ihr am meisten das Herz aufgeht. Sie hat jeden Film mit den beiden auf DVD.«

Der um sie tobende Schwimmbadlärm wurde heruntergedimmt zu einer Hunderte Meter entfernten Strandkulisse.

»Letzten Sonntagnachmittag habe ich mit Mama zusammen »Rat mal, wer zum Essen kommt« auf DVD geguckt. Den Film fand ich irre schön. Unheimlich traurig war ich dann aber, als Mama mir erzählt hat, dass Spencer Tracy wenige Tage nach Beendigung der Dreharbeiten gestorben ist. Ich dachte, er würde ewig leben, zusammen mit seiner Katherine.«

»Lieber Gregori, ich merke schon, meine Tochter hat, auch wenn sie gerade merkwürdig anhaltend schweigt, was nicht ihre Art ist, einen Narren an dir gefressen. Was ich verstehen kann. Wenn ich dir zuhöre, bekomme ich große Lust, mit dir zusammen alle Filme anzuschauen, die deine Mutter empfiehlt. Und weil du mir vielleicht sogar noch besser als meiner Tochter gefällst, will ich dir ein Geheimnis verraten, das meiner Tochter – Zilli darfst du sie also nennen – unangenehm sein könnte. Mit Gregory Peck verbindet mich nämlich eine ganz besondere Geschichte. Als ich das erste Mal in meinem Leben bis über beide Ohren verliebt war, schwärmte mir das Mädchen von einem Film mit Gregory Peck vor. Eine verliebte Psychotherapeutin glaubt nicht daran, dass der von ihr angehimmelte Mann, bevor er sie kannte, einen Mord hat begehen können. Sie schützt ihn vor dem Zugriff der Polizei, löst am Ende alle Rätsel und überführt den wahren Mörder. »Ich kämpfe für dich« lautet der deutsche Titel des Films, ein bisschen gruselig ist er schon, noch nichts für dich, später einmal bestimmt. Jedenfalls spielt an der Seite Gregory Pecks Ingrid Bergmann seine gute Fee. Was Susanne, so hieß sie nämlich, das Mädchen, in das ich mich verguckt hatte, mir damit hat sagen wollen, mir ausgerechnet diesen Film ans Herz zu legen, darüber grübele ich heute noch nach. Der Junge, mit dem sie kurze Zeit später gegangen ist, sah Gregory Peck ein wenig ähnlich. Was mich angeht, kommt es mir im Nachhinein am wahrscheinlichsten vor, dass sie mir hat zu verstehen geben wollen, ich sähe in ihren Augen ebenso phänomenal aus wie Gregory Peck.«

»Ach Vater!«

»Da hast du den Grund, warum ich meiner Tochter diese Episode aus meinem Leben bisher verheimlicht habe. Sie gönnt mir nicht die harmloseste Illusion. Sie ist unheimlich streng zu mir.«

»Noch nicht streng genug. Diese alten Herren, Gregori, einfach schlimm und unverbesserlich, findst du nicht auch? Trotzdem fantastisch, dass wir uns alle drei hier treffen. Ein unheimlich schöner Zufall. Und gleich schwimmst du zu uns herüber. Du bist einfach ein Schatz.«

Gregori mochte sie beide, Vater und Tochter. Zilli hatte er es zu verdanken, dass der Eintritt ins fünfte Schuljahr ganz und gar nicht nicht zum Weinen gewesen war, wie er beim Abschied von Frau Schmitz-Matschke, seiner Grundschullehrerin, gedacht hatte. Durch die Begegnungen mit Zilli und ihrem Vater war sein Leben plötzlich viel geheimnisvoller geworden. Fröhlich verabschiedete er sich, rannte zu einem der Böcke, sprang kopfüber in das Wasser hinein und schwamm zu seinen Freunden zurück. Joshua wartete auf ihn und forderte ihn zum Wettschwimmen über die letzten zwanzig Meter heraus. Wie immer verlor Gregori gegen Joshua im Wettschwimmen. Beim Anschlagen hatte er aus den Augenwinkeln erhascht, wie zwei Kätzchen, ein weißes und ein weiß-schwarz gesprenkeltes, ihre putzig ernsten Kämpfe miteinander austrugen. Wie ein Blitz war er aus dem Wasser heraus und beobachtete ihre wilden Spiele. Seine Freunde waren ihm gefolgt. Für morgen verabredeten sie sich, wieder herzukommen und Katzenfutter mitzubringen.

2

Begonnen hatte es, als Nikolai zum ersten Mal zur Probe kam. Verrückt, dachte Sebastian, Nikolai war doch ein Kerl, von dem man alles haben konnte. Und es stimmte auch nicht: Aber für Sebastians Empfinden hatte es da begonnen. An den Tag erinnerte er sich genau.

Bevor der Morgen dämmerte, war er aufgewacht und hatte einen Brief an Lucie geschrieben. Das italienische Wort für Sonnenblume würde ihr gefallen. Girasole: die sich zur Sonne dreht. Wenn sie es schon kannte, würde sie sich trotzdem über seinen Fund freuen. Eine Austauschschülerin aus Genua hatte ihm dieses wunderschöne Wort zum Geschenk gemacht. Während gerade das Getriebe beim Umschalten knirschte, dachte Sebastian daran, wie Lucies Lieblingsblumen seinem Blick eine ganz andere Richtung gegeben hatten: zur Sonne hin.

Obwohl Lucie es genoss, wenn ein Brief von ihm mit der Post kam, hatte er ihn dieses Mal nicht in den Briefkasten vor der Wohnung geworfen, sondern unter ihre Kaffeetasse im Küchenschrank gelegt. Jeden Morgen trank sie aus derselben Kaffeetasse und musste eine dreiviertel Stunde später zu ihrer Schiffsschraubenfirma los als er in die Schule. Während der Autofahrt fühlte er wie in einer Sanduhr die Zeit verrinnen, die es noch dauern würde, bis sie seinen Brief fände. Noch läge sie im Bett, eingerollt, vom Schlaf ganz tief in sein Reich hinabgezogen, nicht zu wecken, abgetaucht in eine andere Welt. Umso neugieriger auf den neuen Tag, wenn sie dann einmal wach war. Nie hatte er einen Menschen erlebt, der ähnlich wie Lucie dem entgegenfieberte, was an Überraschendem das Heute für sie bereithielt. In solcher Euphorie läse sie seinen Brief. Noch nicht. Bald.

Sogar die korallenroten Beeren der drei Ebereschen, die hintereinander den linken Rand der Zufahrt zum Lehrerparkplatz säumten, kamen ihm diesen Morgen nicht aufdringlich schrill vor, sondern winkten ihm überschwänglich zu. Von der Wiese neben dem Parkplatz hatte er eine Pusteblume gepflückt. Sie lag jetzt vor ihm auf dem Pult, während er auf die Theaterschüler wartete.

Die Stahltür öffnete sich und spie Fredi herein. Ging man von der Tür aus, assoziierte man eher Heizungskeller als alter Musiksaal. Hier fanden die Proben der Theater-AG statt. Und unwillkürlich hatte man, sobald ein wenig Durchzug war, Heizöl in der Nase. Obwohl Fredi in seiner feurigen Art überhaupt nicht an einen Klempner denken ließ, sondern mit jeder Faser den Derwisch am Schlagzeug verkörperte, der er in der Bigband auch war.

»Hallo, bin ich zu früh?«

»Zu früh geht nicht. Schön dich zu sehen.«

Fredi grummelte vor sich hin.

»Das Gespräch mit meiner Fitnessberaterin hab ich ausfallen lassen.«

»An was ihr alles denken müsst: Fitnessberaterin! In meiner Schulzeit hätte man sich allein über das Wort nicht mehr eingekriegt. Und erst Gesundheits-App, Relax-App oder Kontrolliere-und-sanktio-nieremeine-Ziele-des-Tages-App, zum Totlachen. Aber wer weiß es schon, vielleicht hätte ich heute weniger Kilos, wenn ich als Schüler ne Fitnessberaterin gehabt und auf sie gehört hätte.«

»Da wär ich lieber ne Tonne, als mich von meinem iPhone von oben bis unten vermessen zu lassen, damit meine Daten an die Fitnessberaterin weitergeschickt werden und ich dann zum Evaluationsgespräch erscheinen muss. Sogar die aus meiner Klasse erinnern mich ständig daran. Wegen der Klassenstatistik. Die können mich mal mit ihrer Klassenstatistik.«

»Dass sich eure Schülervertreter nicht beschweren? Was für ein Wahnsinn, jeden Monat Klassenstatistiken über Gesundheit, Leistungsbilanz und Fitnesszustand in der Schule zu veröffentlichen.«

»Darüber können Sie ja gleich mit Nikolai sprechen.«

»Wie? Kommt der jetzt auch in die Theater-AG?«

»Klaro. Bin nicht schlecht als Werbetrommel, was?«

Wenn Fredi einen mit seinen kohleschwarzen Augen anfunkelte, war er die Unbekümmertheit selbst. Die wenn überhaupt nur dadurch getrübt werden konnte, dass er seit der sechsten Klasse nicht einen Zentimeter gewachsen war. Seine Mutter dagegen war eine imposante Erscheinung, allerdings wenig intelligent, freundlich ausgedrückt. Im Grunde nicht in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen. Über den Vater gab es nur Gerüchte: Es sei ein fahrender Italiener adligen Bluts. Was die Mutter angeblich mehrfach im Rausch gestanden oder behauptet hatte. Kleinwüchsig und begabt sei er gewesen, nahm man an. Am Schlagzeug war Fredi wie gesagt ein Derwisch. So sehr der Klang der Bigband in den letzten Jahren verfeinert worden war, im Publikum sahen und hörten alle nur ihn: Fredi, den Kleinen mit den großen schwarzen Augen und den wirbelnden Trommelstöcken. Zu den Proben brachte Fredi ab und zu seine Freundin mit, jedes Mal eine andere. Er konnte unheimlich charmant sein. Dass man ihm alles verzieh, auch seine Eigenheiten. Sorgen musste man sich darüber machen, dass er zu viel trank.

Nikolai trudelte wenig später mit den anderen ein: Paul, Emilia, Lisa, Klopfer, Christian, Fabio, Helena, Kathi, Kaan. Erst einmal Begrüßung. Das große Hallooo. Sebastian kannte Nikolai nur vom Hörensagen: Schülersprecher, Chorsänger, Saxophonist der Bigband, Leitwolf der Technik-AG. Und vor allem Fredis Kindergartenfreund, wie der mindestens hundert Mal erzählt hatte. Von der Statur Fredis Gegenbild. Das Doppelte ungefähr. Dabei zugleich behäbig und gemütlich. Einer vom Stammtisch, würde man denken. Mit Hornbrille, die schwarz das Gesicht zukleisterte, und Holzfällerhemd, das aus der Hose hing. Ihm um die quellenden Hüften flatterte wie einer Bauchtänzerin ihr Schleier. Inzwischen mit Fredi nicht mehr in einer Klasse. Er hatte übersprungen. Nikolai, nicht Fredi. Jetzt wollte Nikolai also auch noch Theater spielen. Er hatte gleich angefangen, sich mit Fredi zu kabbeln, irgendwas mit »Gehirnwäsche«.

»Du weißt nicht mehr, was du sagst.«

»Niemals besser als jetzt. Wo es die Gesundheitsratschläge also schon gruppenweise gibt, am besten mit entsprechender Würdigung des Einzelfalls, wenn es gerade passt. Ich weiß, was dir fehlt. Du weißt, was mir fehlt. Kathi, Kaan, Fabio und Helena natürlich auch. Easy going. Und die Verschwiegenheitspflicht des Arztes? Vergiss es! Das war einmal. Wie sich verfahren und nicht sofort wissen, was wo passiert ist.«

»Mach mal langsam. Was is daran verkehrt, dem Einzelnen die Augen dafür zu öffnen, was ihm fehlt? Damit er frühzeitig was gegen seine Krankheit machen kann. Das wird Tausenden das Leben retten und ist für die Allgemeinheit besser. Es kann doch keiner wollen, den Einzelnen an einer schlimmen Krankheit und die Allgemeinheit an der Explosion der Kosten zugrunde gehen zu lassen.«

»Ich schon.«

»Weil dich die anderen nicht interessieren.«

»Im Gegenteil: Weil ich die Allgemeinheit zum Kotzen finde.«

»Sag’ ich doch.«

»Eben nicht.«

Fredi wandte sich an den Lehrer:

»Dieser Allessupi-Riesenbubi ist übrigens mein bester Freund Nikolai. Hab’ ja schon angekündigt, dass er in die Theatergruppe kommen will. Dass wir für die letzte Produktion einen alten Lada gekauft haben und, obwohl wir noch keinen Führerschein hatten, damit gefahren sind, fand er geil. Das is doch schon was. Und dieses Jahr, was ist Ihr Vorschlag?«

Innerlich jauchzte Sebastian über Fredis Vorfreude. Was ihm im Kopf herumspukte, war aber noch nicht spruchreif. Und was der höchst dickköpfigen Gruppe vorschwebte, musste er abwarten.

»Erst mal anfangen.«

Und dann hatte es dieser Anfang ganz schön in sich. Besonders eine Spielsituation. Eigentlich harmlos. Nach einer Zeit zum Überlegen und Vorbereiten, um sich eine beliebige Szene zwischen Mensch und Nashorn auszudenken und sie zu entwickeln, preschte eine Gruppe bei der Präsentation vor. Augen zu, Augen auf:

In der Mitte auf einem Klavierhocker eine in sich zusammengesunkene Körpermasse. Breitbeinig. Die Schultern weit vorgeschoben. Die Arme schlaff nach vorne hängend. Aus einem geduckten Kopf richteten sich kleine Äugelchen weit aufgerissen auf zwei Gestalten rechts von dem sich klein machenden Ungetüm. Dessen Blick wurde von einer der beiden Gestalten zornig erwidert, eventuell aus einem eingefrorenen Kopfschütteln heraus, mit der rechten Hand in wegwerfender Geste auf das Ungetüm deutend, während die andere Gestalt die Hände in die Hüften stemmte, den Kopf weit zurücknahm und den Mund zu einem höhnischen Lachen aufgerissen hatte. Etwas entfernt von den beiden beugte sich ein Dritter, Einzelner, mit im Rücken verschränkten Händen und mit finster zusammengekniffenen Augenbrauen dem Delinquenten in der Mitte entgegen.

Bewegung kam in die Gruppe mit einem zunächst zaghaft einsetzenden Schnauben. Klang wie ein Schniefen. Wie wenn sich einer fassen und sammeln muss. Erbebend. Der Dritte, einzeln Stehende ergriff das Wort:

»Wenn mir einer diesen Ärger vorher prophezeit hätte, niemals hätte ich mir ein Nashorn zugelegt. Im Leben wäre ich nicht auf die Idee gekommen, im Leben nicht. So einfältig muss man erst einmal sein, zur Pausenzeit auf den Hof der Grundschule zu spazieren. Als Nashorn. Das weiß man doch, dass man ein Nashorn ist. Als Nashorn in den Hof der Grundschule. Ich fass es nicht. Panik unter den Kindern. Panik unter den Lehrerinnen. Und dann noch hinterher. So blöd kann nur ein Nashorn sein. Ich will ja bloß spielen. Und mit dem Horn einen Luftballon aufgespießt. Weißt du, was das heißt, einen Luftballon aufzuspießen? Geschrei, Tränen, Tumult, Flucht vor dem Nashorn, Stürze, aufgeschürfte Knie und Schlimmeres und vor allem Nashornschock. Formidabler, bis ins späte Greisenalter fortwirkender Nashornschock! Da kannst du dich nicht mehr sehen lassen. Da sollst du dich nicht mehr sehen lassen. Verstehst du mich? Weißt du überhaupt, was das für mich bedeutet? Ich bin erledigt. Der Mann mit dem Nashorn. Eine ganze Schule unter Nashornschock. Nirgendwo kann ich mehr hin, ohne dass mir Nashornschock entgegengeschmettert wird. Und du bist schuld, nichtsnutziges, Luftballon aufspießendes, unverschämt einfältiges Nashorn.«

Die Feldherrnpose hatte er längst aufgegeben, fuchtelte herum, aufgeregte Schritte hin und her. Und das Nashorn? Hatte, sobald das Männlein zu wettern anfing, zunächst alleine die Augen, ohne den Kopf zu bewegen, von den beiden anderen zu diesem schweifen lassen. Hatte sie einen ganz kurzen Augenblick geschlossen und wieder geöffnet, um dann den Kopf den Augen hinterher gehen zu lassen. Ein schwerer Kopf, der so leicht nicht nachkam. Und der, je mehr das Männlein in Rage geriet, tiefer und tiefer sank, ehe ein herzerweichendes Schluchzen den Kopf nach oben schnellen ließ, was dem erschlafften Körper wie automatisch eine nach vorne gerichtete Spannung verlieh, die das Nashorn bedrohlich wirken ließ. Doch ehe es tatsächlich einen Schritt nach vorne tat, hielt es inne, schnaubte zweimal und warf den Kopf dazu zweimal übermütig nach oben. Um dann den Kopf in Zeitlupe wieder zurückzunehmen, nach und nach zwischen die Schultern zu stecken, ihn schräg anzustellen und aus weit aufgerissenen Augen die Wut seines Besitzers auf sich niedergehen zu lassen. Die sich noch einmal steigerte.

»Aber jetzt ist Feierabend, hörst du mich? Jetzt reicht’s. Jetzt kommt das Horn runter. Basta. Mit der Säge abgesägt und fertig!«

Der Blick des Wüterichs richtete sich auf das Horn, das in der Vorstellung tatsächlich da war. Der Kopf des Nashorns tief gesunken. Man sah das Blut in den Kopf schießen. Der massige Körper des Nashorns konzentrierte seine ganze Kraft in diesem Kopf. Der erst noch ein unmerkliches Stückchen tiefer sank, ehe er zentimeterweise nach vorne drängte, den Körper hinter sich herzog und sich zum Wüterich hin positionierte. Dieser wich langsam einen Schritt zurück, dann war kein Halten mehr. Noch ehe das Nashorn sich den anderen beiden zugewandt hatte, hatten auch sie schon die Flucht ergriffen. Nun richtete sich sein Fokus auf das Publikum, das die bullige Wucht des Nashorns mit freundlichem Applaus besänftigte.

Als Erster meldete sich Kaan zu Wort:

»Was du da für eine Wutrede improvisiert hast, Paul, ich hab mich kringelig gelacht.«

»Und euch hat man super angesehen, wie die eine sich über das Nashorn aufregt und die andere sich über seine Dummheit lustig macht«, wandte sich Kathi an Lisa und Klopfer.

»Das Nashorn hat mir zwischendurch wahnsinnig leid getan.«

»Wie es überhaupt nicht fassen kann, dass es alles falsch gemacht hat.«

»Nein, Nikolai, ich hab dir das betröppelte Nashorn so was von abgenommen.«

»Und du hast bisher noch nie gespielt?«

»Premiere«, Nikolai zuckte mit den Schultern.

»Und was für eine.«

»Wie du das Nashorn gespielt hast, war es für mich wie ein Mensch. Das grausam darunter leidet, dass es so ein Horn auf seiner Nase mit sich herumschleppt und alle vor ihm deswegen Angst haben.«

»Aber am Ende will es doch dieses starke und stolze Tier sein.«

»Nikolai, ich muss schon sagen, du hast mich umgehauen mit deinem Spiel. Alter, das war große Klasse. Du kannst das Herz des kältesten Eiszapfens im Zuschauerraum dahinschmelzen lassen.«

»Also ich«, mischte sich Emilia ein, »fand dein Spiel, Paul, unübertrefflich. Wie du dich in die Wut und Fassungslosigkeit des Nashornbesitzers eingefühlt hast, ich hätte heulen können.«

Sie wischte sich tatsächlich eine Träne aus dem linken Augenwinkel. Sie hatte heute ihr Audrey-Hepburn-T-Shirt an. Und ein Stupsnäschen hatte sie tatsächlich auch. Ansonsten gab es keine Ähnlichkeit mit der Schauspielerin. In der letzten Zeit kam sie öfter mit Audrey-Hepburn-T-Shirt. Wenn sie lächelte, sah man die Zwischenräume zwischen den großen weißen Zähnen.

»Nun, Pauls Spiel war wohl eher zum Lachen als zum Weinen«, versuchte Fredi sie ein wenig hochzunehmen. Darauf ließ sich Emilia nicht ein.

»Nein, nein, so brillant warst du noch nie. Erschütternd echt, vollkommen.«

Sonst erlebte Sebastian Emilia als schroff. Sonst.

3

Er hat es mir doch fest versprochen«, maulte Gregori und unterbrach seine Mutter dabei, die Astern, die die Köpfe hängen ließen, zu wässern. Bis vor wenigen Minuten war sie in ihrem Arbeitszimmer verschwunden gewesen, das niemand außer ihr betreten durfte.

»In zwei Wochen kannst du perfekt kraulen und lässt die größten Sportcracks hinter dir, hat er hoch und heilig geschworen, mein großer Bruder. Und jetzt? Ist er nie da. Einmal hat er mir’s gezeigt und das war’s. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich auf ihn nich verlassen kann.«

Mutter lächelte ihm komplizenhaft zu.

»Ich befürchte, er war in den letzten Tagen mit anderem beschäftigt.«

Gregori verstand sie nicht.

»Mit anderem. Mit anderem. Als ich ihm die beiden Kätzchen Lilly und Milly vorgeführt habe, die ich vor dem Bademeister aus dem Schwimmbad gerettet habe, hat er kaum aufgeschaut und nur blöd vor sich hin gegrinst.«

»Sowas kommt vor bei Jungs in dem Alter. Dass es bei ihnen drunter und drüber geht und ihnen nichts anderes mehr einfällt, als blöd zu grinsen.«

»Wie? Hat Paul jetzt auch ne Freundin? Wie alle seine bekloppten Freunde von früher jetzt schon seit ein oder zwei Jahren? Wird der von jetzt an auch jede Nacht auf irgendeiner Party sein, sich ein Herz oder sonstwas auf seinen Arm tätowieren lassen und keinen vernünftigen Satz mehr von sich geben?«

»So schlimm wird’s schon nicht werden. Jedenfalls hat er mich vorhin ganz komisch gefragt, ob ich denn gleich zu Hause sei. Ich hab das Gefühl, er will sie uns heute vorstellen.«

»Ohne mich. Ich halt es im Kopf nicht aus, wenn er irgendeine abgehungerte Tussi anschmachtet, als wär sie Ann-Kathrin Brömmel.«

»Wer ist denn Ann-Kathrin Brömmel?«

»Ach, Mama. Das is doch die Freundin von Mario Götze. Du weißt schon.«

»Und was geht dich dessen Freundin an?«

»Ich meine ja nur.«

»Überspann den Bogen nicht mit deinem Smartphone. Sonst nehm ich dir’s irgendwann nochmal weg.«

»Ach, Mama.«

»Jedenfalls bleibst du hier und schaust dir Pauls Freundin an. Bestimmt will er unbedingt von dir wissen, welchen Eindruck sie auf dich gemacht hat.«

»Pffff.«

Dann stand sie da. Vor Gregori. Als müsse es so sein. Als gehöre sie zu ihm wie ein Planet zu seinem Trabanten. Nein: Wie ein Himmel, in dem sein Stern zum Leuchten gebracht würde.

»Darf ich vorstellen: Emilia.«

Mutter war nervös. Stotterte sogar, was sie sonst nie tat. Sie wollte Paul wohl nichts verderben bei seiner neuen Freundin. Sie fand sie umwerfend. Soviel war sicher.

Und Gregori? Verfluchte sich dafür, nicht vorher abgehauen zu sein. Auf seine Mutter gehört zu haben. Allerdings hörte er immer auf seine Mutter. Fast immer. Im Griff hatte er sich nicht. Bei niemandem an seiner Stelle wäre es anders. Er starrte sie an wie eine Erscheinung. An der nicht vorbeizusehen war. Paul merkte nichts.

»Mein kleiner Bruder Gregori. Kann auch nerven. Macht er nur fast nie.«

Sie war überrascht. Überrumpelt war sie wie er. Durchgeschüttelt wie er. Überwältigt und von den Füßen auf den Kopf gestellt wie er. Vielleicht war für sie gerade alles zuviel wie für ihn. Nur verlegen war sie nicht. Verlegen war sie kein bisschen. Was Gregori aufjauchzen ließ und ihn beschämte. War er ihrer doch nicht würdig? Quatsch, mit ihr zusammen müsste er sich nirgendwo verstecken. Es war ihnen vorbestimmt, sich hier wiederzubegegnen.

»Gregori kenne ich gut. Er ist der Einzige, der mich bei dem Namen nennen darf, den ich mir selbst und den nicht meine Eltern für mich ausgesucht haben.«

Paul war verwundert. Total. Sogar Mutter schreckte ein wenig auf. Jedenfalls hatte Zilli zu Gregori gestanden. Sie hatte sich als die gute Freundin bewährt, die sie von Anfang an gewesen war. Gregori war stolz auf sich, dass er so eine Freundin hatte. Trotz seiner erst zehn Jahre war ihm klar, wie einzigartig diese Freundschaft in seinem Leben sein würde. Vor den Fenstern ihres Hauses hingen keine Vorhänge, so dass eine gleißende Sonne Zillis Gesicht bei ihrem Bekenntnis zu Gregori wie das einer altägyptischen Göttin aussehen ließ, jedenfalls, wie Gregori sich eine altägyptische Göttin vorstellte. Am schnellsten gewann Mutter ihre Geistesgegenwart wieder zurück.

»Richtig angekündigt hat Paul dich nicht, Emilia. Man könnte sagen, er habe dunkel angedeutet, es würde Neuigkeiten geben. Also habe ich für alle Fälle einen Kuchen gebacken. Den Tisch habe ich noch nicht gedeckt. Daher schlage ich vor, ihr zwei macht jetzt zusammen einen Spaziergang durch die Weinberge und wenn ihr zurückkommt, wartet auf euch duftender Kaffee und ein Kuchen mit frisch gepflückten Mirabellen. Was meint ihr?«

»Ich freue mich schon auf unsre Rückkehr«, nahm Zilli ihren Vorschlag strahlend an.

Nachdem die Tür hinter dem jungen Liebespaar ins Schloss gefallen war, seufzte die Mutter auf und begab sich an die Arbeit. Gregori verschwand wie ein Blitz aus dem Wohnzimmer. Zu wenig Zeit, als dass Mutter ihn hätte ausquetschen können. Mit Sicherheit hätte sie alles Mögliche wissen wollen, wäre er geblieben. Er war deshalb froh, dass er sich mit dem Rücken auf sein Bett werfen konnte. Endlich die Möglichkeit, sich zu beruhigen, ohne beobachtet zu werden. Aber es ging wild hin und her in ihm. Er konnte sich einfach nicht beruhigen. Wie sollte das gehen? Musste sein bekloppter Bruder sich denn ausgerechnet jetzt eine Freundin anschaffen? Gregori verschränkte die Arme unter seinem Kopf, was irgendwie bequemer war. Was würde er an seiner Stelle tun, überlegte er, sein Namensgeber. Gut konnte er sich ihn in einer vergleichbaren Lage vorstellen. Aber dem anderen Gregory würde eine schlagende Lösung einfallen, sie würde ihm vom Himmel fallen, ohne dass er in dessen Richtung Gebete schicken müsste. Und nachdem Gregory die Lösung an seinen jüngeren Namensbruder weitergeleitet hatte, wusste Gregori auf einmal, was zu tun war. »Warte auf mich« würde er auf einen Zettel schreiben und ihn ihr zustecken in einem unbeobachteten Moment.

»Mama, du backst den leckersten Kuchen der Welt«, verkündete Gregori den anderen, als sie alle wieder beisammen saßen, und strahlte das Liebespaar mit seinem liebsten Lächeln an.

4

Weißt du, wie spät es ist? Schon mal was davon gehört, dass um diese Zeit in unsrer Gegend Schlägertrupps unterwegs sind? Ist dir alles egal? Manchmal glaube ich, du verbringst die Zeit in der Nacht lieber mit deinen Schülern als mit mir.«

»Du hast doch nicht die ganze Zeit gewartet?«

»Hättest du wohl gern. Die arme kleine Frau, die sich bis halb vier im Bett hin und her wirft, dass ihr Liebster sie nach Stunden des Ausharrens endlich erhört. Ich fass’ es nicht. So größenwahnsinnig können nur Männer sein.«

»Willst du streiten?«

»Gar nicht. Aber einschlafen kann ich jetzt auch nicht gleich. Erzähl’ schon, was war denn so interessant mit den Ehemaligen, dass ihr in die einzige Kneipe der Stadt gezogen seid, die um diese Uhrzeit noch auf hat?«

»Sie wollen eine »independent-theatre-group« gründen und ich soll sie leiten. Nicht wie in der Schule. Von gleich zu gleich. Paritätisch sozusagen.«

»Und du natürlich gebauchpinselt.«

»Gebauchpinselt, nein.«

»Komm schon.«

»Gefreut hat es mich.«

»Na bitte.«

»Ich weiß aber nicht, ob es mich genügend interessiert, um die zusätzliche Zeit aufzuwenden. Sie wollen »Zehn kleine Negerlein« spielen.«

»Interessiert dich also nicht. Derweil beschäftige ich mich damit, ob es mich noch interessiert, mit jemandem zusammenzuleben, der ununterbrochen Theater macht. Und der, wenn ich leise etwas einwende, meint, meine Zwischenrufe seien bloß Theater, das er zu Hause nicht auch noch brauche.«

»Wie gesagt, ich glaube, du musst dir keine Sorgen machen.«

»Es sind nicht Sorgen, die ich mir mache.«

»Einen Krimi zu inszenieren reizt mich wirklich nicht. Wenn man allerdings …«

»Allerdings. Aha.«

»Wenn man aus den zehn Negerlein zehn Schriftsteller machte, die zu einem Wettstreit zusammengerufen würden, wobei sie gezwungen würden, alles Private öffentlich zu machen, dann allerdings …«

»Also ich finde die Idee bescheuert. Dann doch lieber Agatha Christie.«

»Haben die meisten Ehemaligen auch gesagt. Außer einer. Michael. Hat nur einmal in der Theatergruppe mitgespielt. Eher eine kleine Rolle. Aber hat mit mir zusammen das ganze Konzept entwickelt. Ein »Sommernachtstraum« im gläsernen Zeitalter, wo die genetische Disposition jedes Einzelnen durchschaubar geworden ist. Vielleicht die verrückteste Sache, an der ich je beteiligt war.«

»Und dieser Michael konnte mit deiner merkwürdigen Zehn-Negerlein-Idee also was anfangen?«

»Jedenfalls hat er sie nicht kategorisch abgelehnt.«

»Dass Regisseure immer Leute brauchen, die ihnen zu Füßen liegen.«

»Das stimmt doch nicht. Aber gut tut es, wenn nicht gleich bei jeder zunächst abwegig erscheinenden Idee »Blödsinn« gesagt wird.«

»Ja, ja, die böse Freundin mit ihrer ewigen Nörgelei.«

»Michael hat sich außerdem detailliert nach unserem jetzigen Theaterprojekt an der Schule erkundigt. Findet Ionescos »Nashörner« genauso aktuell wie ich.«

»Du hast ihm erklärt, warum dir das Stück aktuell vorkommt, und er hat dir zugestimmt.«

»Du unterschätzt ihn. Er studiert Soziologie und ist innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit zum Doktoranden geworden.«

»Ich denke, du hasst Soziologen.«

»Normalerweise schon. Aber Michael verachtet wie ich diese Brohl, diese Pseudoprofessorin, die das Motivationstraining an unserer Schule angeleiert und all den Evaluationsquatsch verzapft hat.

Göttlich, wie er den supermodernen, sich bei Schülern anbiedernden, hochgradig spießigen und von sich selbst eingenommenen Lehrer karikiert hat, der nach einer Stunde bei jedem Brohlschen Beurteilungskriterium ein »trifft sehr zu« ankreuzt: Ich und die Schüler haben im Unterricht an nichts anderes gedacht. Trifft sehr zu. Mein Unterricht hat mich und meine Schüler mitgerissen. Trifft sehr zu. Ich und die Schüler haben alles um mich und uns herum vergessen, was nicht zum Unterricht gehört. Trifft sehr zu. Ich und die Schüler sind völlig in meinem Unterricht aufgegangen. Trifft sehr zu. Die Zeit ist uns wie im Flug vergangen. Trifft sehr zu. Nicht einmal: Trifft eher zu. Oder sogar: Teils, teils. Undenkbar: Trifft eher nicht zu. Ausgeschlossen: Trifft gar nicht zu. Nein, nein, immer: trifft sehr zu. Ich hatte völlig vergessen, was für ein guter Schauspieler Michael ist. Jedenfalls waren wir sofort auf einer Wellenlänge.«

»Und am Ende hast du dich nur noch mit ihm unterhalten.«

»Du meinst, ich war unhöflich den anderen gegenüber.«

»Wenn man es höflich ausdrücken will, ja.«

Um halb vier morgens war Sebastian für Diskussionen mit Lucie nicht mehr besonders aufgeschlossen. Er spürte, wie schlechte Laune in ihm aufstieg. Man brauchte nicht ständig den Finger in die Wunden des anderen zu legen. Aber Lucie schaute ihn derart fordernd an, dass er weiterwursteln musste. Mit einer geheimen Lust, sich um Kopf und Kragen zu reden.

»Michael fand meine Idee toll, die irre Bereitschaft fast aller in dem Stück, ein Nashorn zu werden und dies dem Menschsein vorzuziehen, für eine Aktualisierung zu nutzen. Es leuchtete ihm ein, diese Bereitschaft in einen Zusammenhang zu bringen mit der absurden Bereitschaft der Jugendlichen von heute, intimste Details ihres Privatlebens auf Facebook der Netzöffentlichkeit preiszugeben. Er war wie wild darauf, diesen Gedanken fortzuspinnen. Dazu müsse ein Spielort passen, der den Zuschauern eine Sensibilität für Absurdes aufzwinge: das alte Schwimmbad nahe bei der Schule und direkt am Fluss, das vermutlich in einem Jahr abgerissen werde. Ich sofort Feuer und Flamme. Michael nicht zu stoppen. Man stelle sich vor, wie Nashörner als Steppentiere an den Schwimmbecken hin und her galoppieren. Und die Zuschauer säßen im Nichtschwimmerbecken und schauten aus der Froschperspektive auf das Treiben der Nashörner, die vielleicht sogar die Treppe zur Rutsche hinaufwuchteten und von dort oben mit ihren Hörnern drohten. Verrückteres sei kaum denkbar, ein idealer Kontrast zu der Bereitwilligkeit, mit der alle im Stück darin einwilligten, Nashorn zu werden. Und ständig die Drohung, alles platt zu walzen. Mit der brutalen Gewalt eines Shitstorms, der über jeden, der eine abweichende, unbedachte oder nicht genehme Meinung vertrete, hinwegbrause. Und dazu würde Michael gerne Videos hoch oben von dem Sprungturm drehen, die mit Lust an der Vertikale die Gefahr und Lust, abzustürzen, zu Bildern gruseliger Schönheit verdichten würden. Das Vorwärtsstürmen der Nashörner, das in deren Natur liege, zwinge die unbewegte Schönheit der Bilder in eine gehetzte Atemlosigkeit, die sie explodieren lassen werde: die Bilder, die Schönheit, die Nashörner.«

»Klingt völlig abgedreht, wenn du mich fragst.«

»Die Welt, in der wir leben, driftet in den Irrsinn ab. Es fällt nur keinem auf.«

»Allein dir.«

»Du siehst, es gibt schon noch den einen oder anderen, der meine Sicht auf die Welt teilt.«

»So kommt es dir jedenfalls vor.«

»Dieses Gespräch vorhin hat mir gutgetan, ja.«

»Aber verrenne dich nicht in die Idee mit dem Spielort. Da müssen viele einverstanden sein, damit das alte Schwimmbad als Spielort überhaupt in Frage kommt.«

»Sei keine Miesmacherin. Manchmal hab ich dich im Verdacht, schrecklich spießig zu sein.«

»Was hat das denn mit spießig zu tun? Und überhaupt, diese Videos?«

»Was?«

»Sollen das atmosphärische Aufnahmen eines verlassenen Schwimmbads sein? Aber ruck, zuck entsteht dann die Idee, die Schauspieler an den Rand der meterhohen Plattform zu stellen und dort zu filmen. Und wenn denen schwindelig wird? Sie die Balance nicht halten können? Hast du dir überlegt, was dabei alles passieren kann? In der Situation, in der du bist, musst du vorsichtig sein.«

»Ist ja toll, dass du mich daran jetzt erinnerst. Mich traf keine Schuld, begreifst du das nicht?«

»Ich weiß. Aber die anderen? Die wissen, was sie glauben. Du musst vorsichtig sein, Sebastian. Bitte.«

»Vorsichtiges Theater gibt es nicht.«

5

Mutter steckte den Kopf zur Tür herein.

»Unten ist Pauls Freundin. Sie will aber mit dir sprechen. Sie weiß, sagt sie, dass Paul heute den ganzen Tag mit seinem Geschichtsleistungskurs unterwegs ist.«

Sie schloss die Tür wieder und war verschwunden. Gregori sprang auf. Jetzt war es so weit. Alles musste sich entscheiden. Er hatte keine Ahnung, was er noch tun konnte. Auf keinen Fall durfte er sie warten lassen. Während er die Treppe zum Erdgeschoss hinunterstürmte, fiel ihm ein, er hätte sich wenigstens im Spiegel die Haare richten können. Ältere Jungs machten so was ständig. Zu spät. Er sah sie, wie sie am Esszimmertisch saß und sich zu ihm umdrehte. Sie musste ihn herunterkommen gehört haben. Breit lächelte sie ihn an. Die Lücken zwischen den Zähnen waren wie ungewöhnlich gleichmäßig verteilte freie Plätze im Bus, die dir das Gefühl gaben, du kämest schon noch unter. Sie hatte ihr Audrey-Hepburn-T-Shirt an, von dem sie wusste, dass es Gregori über die Maßen gefiel. Ihre Jeansjacke hing über der Lehne des Stuhls, auf dem sie saß. Mutter kam mit einem Tablett herein, auf dem eine Kaffeekanne, Tassen, Gläser und eine Limonade leise zitterten. Sie stellte das Tablett in Zillis Nähe ab.

»Nun wollen wir erst einmal gemütlich Kaffee trinken.«

»Seien Sie mir nicht böse, aber ich habe wirklich dringend mit ihrem Sohn Gregori zu sprechen.«

»Wenn das nicht einmal Zeit hat, bis die Lebensgeister durch Kaffee und Limonade wieder geweckt sind, muss es tatsächlich sehr dringend sein. Ich hätte sogar noch einen Marmorkuchen anzubieten. Aber ich sehe schon, heute ist mein Marmorkuchen nicht gefragt. Dann geht nur, ihr jungen Leute, unterhaltet euch, ohne dass die alte Mutter etwas davon mitbekommen darf.«

Sie griff sich das Tablett und entschwand mit ihm in die Küche. Böse war sie nicht, dafür kannte Gregori sie gut genug, ein bisschen verwundert vielleicht. Gregori hatte ein flaues Gefühl im Magen. Er hatte das Bedürfnis, sich in Luft aufzulösen. Und würde doch gleich wieder zurück sein wollen. In Zillis Gegenwart fühlte er sich wohl. Fast war er sich sicher, dass es ihr mit ihm nicht anders ging. Aber was hatte es zu bedeuten, dass sie sich miteinander wohlfühlten? Hier. In diesem Moment. In dieser Situation.

»Willst du die beiden Kätzchen sehen, die ich aus dem Schwimmbad nach Hause mitgenommen habe?«

Er griff ihre Hand und zog sie mit nach draußen. Auf dem Hof schaute er sich nach allen Seiten um und hatte die beiden Racker gleich erspäht. Er ließ Zilli los und rannte auf die Schubkarre zu, auf der sie herumtollten. Irgendwie war die Schubkarre neben dem Scheunentor vergessen worden, hinter dem der alte, von Vater schon lange nicht mehr benutzte Deutz-Traktor stand. Zilli sprintete hinter Gregori her und überholte ihn leicht. Sie war sehr schnell für ein Mädchen. Sie hob die weiß-schwarze Katze in die Höhe, woraufhin Gregori herangelaufen war und sich die ganz weiße schnappte. Die Kätzchen schnurrten vor Vergnügen. Inzwischen hatte Zilli ihres in die Armbeuge gelegt, so dass sie den zweiten Arm frei hatte. Gregori legte ihr seines in die andere Armbeuge. Die Kätzchen versuchten aufeinander zu balancieren und fuchtelten mit ihren Tätzchen in die Richtung des jeweils anderen, ohne es auch nur im Entferntesten erreichen zu können. Lachend und verträumt blickte Zilli auf das rührend vergebliche Tollen und trat durch den Spalt, den das Tor offen stand, in die Scheune ein. Der Streifen des hereinfallenden Lichts erhellte den alten Traktor, der prächtig erstrahlte, als hätte er die besten Zeiten noch vor sich.

»Was haben wir denn hier?«

Zilli ging in die Knie, die Kätzchen sprangen aus ihrem Arm auf den Scheunenboden und tollten, sich immer wieder aufeinander stürzend und ineinander verkrallend, auf das linke riesige Rad des Traktors zu. Freundlich schaute Zilli ihnen hinterher und ließ sich auf einem der Strohballen nieder, die hier herumlagen. Sie strömten den unverkennbaren Hanfgeruch der Seile aus, mit denen sie verschnürt waren. Gregori setzte sich auf den Strohballen neben Zillis. Sie schaute ihm in die Augen. Direkt und ohne etwas zurückzuhalten.

»Die Botschaft auf deinem Zettel, Gregori, hat mein Leben verändert. Ich habe das Gefühl, dass ich, egal was passieren wird, niemals mehr ganz unglücklich sein kann. Dass du für mich einen Vorrat an Glück angelegt hast, der für immer bleibt.«

Gregoris Herz schlug bis zum Hals. Es konnte kein wunderbareres Mädchen geben als sie. Als wollten die Kätzchen bestätigen, was Gregori im Kopf herumspukte, sprangen sie von dem Traktorrad wieder zu ihnen herüber und forderten Zilli heraus, mit ihnen zu spielen. Sonst beachteten sie niemanden, wenn Gregori dabei war. Während Zilli mit der einen Hand die weiß-schwarze in der Kehle kraulte und der ganz weißen ihre andere Hand anbot, dass diese sich mit den beiden Vordertätzchen daran festkrallte, purzelten Worte aus ihrem Mund, die Gregori den Atem anhalten ließen:

»Auf dich warten kann ich nicht. Wir sind uns begegnet, wie wir uns begegnet sind. Nicht sieben Jahre früher und nicht sieben Jahre später. Das ist nun einmal so. Jetzt fühle ich mich zu deinem Bruder auf eine Weise hingezogen und er sich zu mir, dass kein Aufschub möglich ist, zusammenzukommen. Damit hat das, was mich mit dir verbindet, nichts zu tun. Es wird auch nicht weniger dadurch. Genauso umgekehrt: Was mich mit Paul verbindet, wird um nichts weniger durch meine Verbindung mit dir. Daran wird sich nichts ändern. Hoffnungen kann ich dir keine machen. Aber wir sind füreinander nicht verloren und werden einander nie verloren gehen.«

Der schwarz-weiße Feger biss Zilli in die Hand. Was sie ihm leicht verzieh. Genau wie Gregori ihr überhaupt nicht böse war. Ihr nichts übelnahm. Sie irre toll fand. Sich sicher war, niemals wieder einem solchen Mädchen in die Augen sehen zu dürfen. Er war verzweifelt. Er war am Ende.

6

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