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An einem regnerischen Sonntag in der Nacht zum Montag kurz vor Weihnachten passieren gleichzeitig dramatische Ereignisse in einer Familie. Der Vater verliert den Job und dreht durch, die Mutter wechselt den Mann und implodiert, eines der Kinder klagt die Gesellschaft an und steigt aus. Die Kluft zwischen den Menschen könnte nicht größer sein.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Jetzt ist es also aus. Aus und vorbei. Mein erster Roman liegt vor. Was als ganz grobe Idee vor ca. zehn Jahren begann, ist nun in diesem Sommer im Urlaub in Kroatien beendet worden.
Ich wollte mir beweisen, dass ich einen Roman schreiben kann. Nur für mich, sozusagen.
Es ist gar nicht so leicht, wie ich festgestellt habe. Am Anfang war ich sehr schnell, hatte die Protagonisten und die groben Handlungsstränge, aber nach tagelangem Überlegen und Schreiben kamen nur ein paar Worte, wenige Sätze und minimale Seiten heraus, egal wie groß ich die Schrift wählte und wie stark ich die Seitengröße verkleinerte.
Und dann blieb alles immer wieder liegen.
Aber diesen Sommer war es dann so weit. Ich verdoppelte die Anzahl der Worte innerhalb von drei Wochen intensiven Schreibens. Alles, was sich in den zehn Jahren in meinem Kopf zu diesem Roman aufgestaut hatte, purzelte heraus.
Ich bedanke mich bei Christa Hagler, die meinen Text durchlas und mit professioneller Hand in Rekordzeit korrigierte.
Ich bedanke mich bei den vielen Menschen, denen ich in unterschiedlichen Kontexten über die Jahre begegnet bin, sei es beim Musizieren, sei es in den Startups, die ich betreue, sei es in meinen früheren Jobs in kleinen und großen Unternehmen als Kolleg*innen oder Kund*innen, die, ohne es zu wissen oder zu wollen, Vorlagen für meine Geschichte wurden.
Ganz besonders bedanke ich mich bei meiner Gattin, Renate Leeb, die auf mich im Urlaub teilweise verzichten musste, wenn ich wieder in Trance und unansprechbar in mein Notebook hämmerte, und die mir in unserer Partnerschaft immer wieder Energie und Freude schenkt.
Nun hoffe ich natürlich, dass “mein Buch nur für mich” auch dich, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, bis zum Schluss fesselt.
Linz, im August 2022
Chris H. Leeb
Jetzt ist es also aus. Aus und vorbei. Gestern noch Generaldirektor, heute gefeuert. Gefeuert wegen irgendwelcher Ungereimtheiten. Ungereimtheiten in der Bank. Dabei war ich doch für die Sache gar nicht mehr zuständig. Das Ressort leitet doch dieser neue, junge Streber, der Dr. Klein. Genau, Dr. Klein war in kurzer Zeit ganz schön groß geworden.
Und jetzt dieser Regen. Scheiß Wetter die ganze Zeit. Der Winter will sich nicht eindeutig deklarieren. Kein Schnee hier in der Stadt, nur Regen, Regen, nichts als Regen. Und wenn Schnee, dann nur kurz, dann Matsch, nichts als Matsch. Und dann wieder Regen. Dabei hab’ ich mich schon so auf weiße Weihnachten gefreut! Wieder nichts. Kann mich gar nicht mehr erinnern, wann es das letzte Mal weiße Weihnachten gegeben hat. Wahrscheinlich in meiner Kindheit, als ich noch klein gewesen bin, ich mein’, jung - klein war ich nie! Der Dr. Klein ist klein, der heißt nicht nur so, sondern der ist es auch.
Dieser Dr. Klein! Wie der immer in den Meetings in der Bank aufgetrumpft hat. Immer cool geblieben, keine Gefühlsregung, nichts, einfach nichts. Aalglatt, aber brilliant. Tolle Sätze, immer grammatikalisch richtig. Immer voll von gut klingenden Business-Vokabeln. „Marktbegleiter", „Break Even", „Human Resources", „Strategische Investitionen in die Zukunft". Super, einfach super. So ein Arsch! Dabei hat er hinter meinem Rücken seine Intrigen gesponnen, schlecht über mich geredet, meinen Ast abgesägt. Aber wie hätte ich das merken sollen? Wie davon erfahren? Und wem hätte ich wie etwas beweisen sollen, dass die Anschuldigungen nicht stimmen? Einfach aalglatt, dieser Dr. Klein!
Er war es doch, der das interne Kontrollsystem übergangen hat – „overruled", hat Dr. Klein gesagt. Ja, overruling werde heutzutage seitens der Shareholder vom Management verlangt, „sonst könne uns ja jeder aufhalten und einschränken und unsere Erfolge und die Erfolge für die Shareholder verhindern!” Und das, obwohl er erst vor kurzem bei meiner Bank angeheuert hat!
Ha, und dann? Nichts, aber auch gar nichts ist aufgegangen. Alles picken geblieben. Nur Verluste! Verluste mit Zins und Zinseszins. „Negativ-Wachstum", erklärte Dr. Klein, als ob Wachstum jemals negativ sein könnte. So ein Arsch noch mal!
Und heute? Heute hat mich der Aufsichtsrat rausgeschmissen. „In einer halben Stunde räumen Sie bitte Ihren Schreibtisch."
„Ich brauch’ nicht extra erwähnen, dass Sie nur Ihre persönlichen Sachen mitnehmen dürfen!"
Wie ich das hasse: sagen, dass man etwas nicht sagen will - damit ist es aber gerade gesagt! Alles gesagt! Mehr noch gesagt, als man eigentlich nicht sagen wollte!
„Persönliche Sachen" - hab’ eh nur die Fotos von meiner Familie am Schreibtisch stehen. Ein Foto von meiner Frau Clara und je eines von unseren drei Kindern, Manuel, Katharina und Sarah - und ein Foto, das wir vor zwei Jahren gemeinsam beim Fotografen aufnehmen haben lassen. War gar nicht so leicht, die ganze Familie für ein Fotoshooting zusammenzutrommeln. Aber wir haben es geschafft. Auf dem Foto sind wir alle fünf drauf, ich also auch. So ein Foto, das dann das Geschenk für alle in der näheren Verwandtschaft war - zumindest für ein Jahr. Haben sich auch alle sehr gefreut! Sie haben wenigstens uns gegenüber alle so getan, als ob sie sich freuen würden. Klarerweise haben wir noch weitere Fotos, aber das beste Foto haben wir eben verschenkt und das steht auch auf meinem Schreibtisch in der Bank.
Sonst hab’ ich gar nichts Persönliches am Arbeitsplatz. Arbeitsplätze sind doch von Haus aus und immerfort unpersönlich. Da können noch so viele Fotos draufstehen. Arbeitsplatz ist Arbeitsplatz. Unpersönlich. Grau in grau wie das Gesicht einer vom kurz vor der Pensionierung stehenden missmutigen Lehrer absichtlich auf Nicht genügend geprüften Schülerin, wie der Asphalt nach einem Regenguss, wie das Image der Bank nach dem Finanzskandal, wie die Farbe der Billigstschicht auf den Möbeln und Kästen in den Zimmern meiner Bank, wie das Gesicht der Angestellten der Bank nach eineinhalb Jahren Firmenzugehörigkeit. Grau ist grau und unpersönlich ist unpersönlich.
Das seh’ ich jetzt: Mein Arbeitsplatz - grau in grau - wird geräumt, ein anderer Mitarbeiter wird ihn bekommen. Oder vielleicht gar eine Mitarbeiterin?
Nein, das glaub’ ich nicht. Frauen kommen nicht so weit rauf wie ich als Mann. Frauen werden keine Generaldirektorinnen. Und wenn doch, dann sind sie Männer, sag’ ich immer! Frauen gehören einfach nicht an die Spitze einer Firma. Frauen sollen sich um die Kinder kümmern. Das war schon immer so, das hat sich seit Jahrtausenden bewährt, zumindest in unseren Breiten. Das ist meine Meinung und die Meinung unserer katholischen Kirche. Und was Gott meint, das meint auch die katholische Kirche und das hat der Mensch zu befolgen! Und aus!
Ja, aus! Jetzt ist es also aus - aus und vorbei!
Die schmeißen mich tatsächlich nach 46 Jahren Bank raus, davon war ich 24 Jahre Generaldirektor! Sie schmeißen mich raus, nachdem wir gemeinsam die neue Ausrichtung nach den verheerenden Verlusten der Vorjahre besprochen haben, nachdem ich in vielen Nächten, unzähligen Wochenenden und übermenschlich intensiven Stunden versucht habe, die Dinge zu verstehen und auszubügeln, zu verschieben und zurechtzurücken, nachdem ich geglaubt hab’, dass wir es gemeinsam schaffen werden und ein Lichtschimmer am Horizont, zumindest an meinem, zu sehen war, zumindest für mich. Und dann kommt dieser Dr. Klein aus dem Nichts, hält seine große Rede bei einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung an einem Sonntag kurz vor Weihnachten, in der er mich immer wieder und immer schärfer kritisiert hat und als Beweis irgendwelche Zettel dem Aufsichtsratsvorsitzenden zugeschoben hat, die ich noch nie vorher und auch nicht nachher gesehen hab’.
Ich bin mit meinem Einsatz und meinem Know-how an meine Limits gegangen für diese Bank, hab’ versucht zu retten, was zu retten ist, bin mit meinem Einsatz an das Limit meiner Familie gegangen, hab’ versucht, zu retten, was zu retten ist. Ja, auch hier in der Familie hab’ ich versucht zu retten, was noch zu retten ist! Und jetzt, so kurz vor dem Ziel, lassen die anderen Dr. Klein zu seiner Rede und seinen angeblichen Beweisen antreten, lassen ihn, der bei weitem nicht so lange in der Bank ist wie ich, der erst vor kurzem von der Seite von der Konkurrenz gekommen ist, freie Hand, lassen ihn reden und argumentieren. Lassen ihn tatsächlich vorschlagen und nachfassen, vorfassen und nachschlagen.
Wortspiel! Das ist zwanghaft in mir - kann nicht anders, will nicht anders.
Das seh’ ich jetzt!
Und nach einer kurzen Beratungszeit von gerade mal neun Minuten schmeißen die mich raus, ohne dass ich irgendwie reagieren oder mich verteidigen hätte können, ohne dass für irgendjemanden Zeit gewesen wäre mich zu loben für meine langjährige Leistung und durchgehende Treue oder auch nur, um mein abruptes, aber sicher freiwilliges Ausscheiden zu bedauern.
Und das an einem Sonntag! An einem Sonntag, zu dem sie mich extra in die Bank haben holen lassen von meinem Chauffeur, abgeholt vom Seminarhotel „Die Schnecke", in dem wir seit was weiß ich wie vielen Wochenenden unsere Strategie-Treffen abgehalten haben. Und der Dr. Klein ist auch gekommen, ganz knapp vor dem Termin, aus dem Nichts, einfach so. Dr. Klein war nicht im Seminarhotel „Die Schnecke", das seh’ ich jetzt!
Nicht dass ich gewusst hätte, was ich zu meiner Verteidigung hätte sagen sollen. Ich war gar nicht auf Verteidigung eingestellt, weil es aus meiner Sicht nichts zu verteidigen gab, zumindest nichts meine Person betreffend, aber immerhin hätte ich erwartet, dass ich eine Chance bekomme, etwas zu erwidern, etwas entgegenzuhalten, meine Leistungen über die Jahre in die Waagschale werfen zu können. Aber das war offensichtlich nicht vorgesehen.
Und ehrlich gesagt, hab’ ich anfangs gar nicht so richtig zugehört und aufgepasst, wie dieser Dr. Arsch in dieser außerordentlichen Generalversammlung anfing zu reden und immerfort redete. Satz um Satz, alles grammatikalisch richtig. Dass er mit seinen Ausführungen mich meinen könnte, kam mir erst in den Sinn, als ein, zwei Augenpaare von Aufsichtsräten mitleidsvoll in meine Richtung schauten und alle anderen bewusst weg von mir, als sie ins Leere, an die Decke, in scheinbar wichtige Notizen in ihren Schreibblöcken auf ihren Plätzen vor ihnen blickten.
Na, dann schauen wir halt mal zu meinem Arbeitsplatz … Wer? Ja, klar, Dr. Klein begleitet mich. Klar, könnt’ ja sein, dass ich ... - okay, schon verstanden. Dieser Dr. Klein wird ganz schön groß. Der wird sicher der neue Generaldirektor! Dr. Arsch als Generaldirektor! Das nenne ich Karriere! Kommt von der Seite in die Bank und gleich in den extra für ihn erweiterten Vorstand und überholt alle. Rechtsüberholer ist er, der Dr. Klein, ohne Recht, und mit links macht er das. Schöne Scheiße das! Aber wenigstens ist er keine Frau!
Meine Sprache verändert sich? Früher hätte ich vornehmer geredet, nicht solche Worte gebraucht? Das gehört sich nicht? Franzl?
Es ist eh alles aus. Aus und vorbei. Warum sich da noch zusammenreißen? Wofür? Für wen? Ich sag so oft Scheiße, wie ich will! Und Arsch! Vor allem bei Dr. Klein. Und über die Rolle der Frau sag’ ich auch, was ich mir denke, hast verstanden, Franzl?
Also, von wegen Frau … Wie soll ich das alles Clara erklären? Soll ich es ihr gleich jetzt sagen, wenn ich zu ihr nach Hause komme, oder erst später? Soll ich überhaupt nach Hause gehen? Die Wochenenden vorher war ich ja immer in der Bank oder im Seminarhotel „Die Schnecke", mal alleine, um Unterlagen auf- und vorzubereiten, mal in Gruppen, um Themen zu Tode zu diskutieren und dann, wenn niemand mehr konnte und wollte, über die wenig verbleibenden Alternativen abzustimmen, um durch die Pseudo-Demokratie etwas Zustimmung der anderen zu erhalten.
Diese Wochenenden habe ich meiner Familie, hat die Bank meiner Familie weggenommen! Gestohlen haben sie das! Mir und meiner Familie! Das seh’ ich jetzt! Meistens sind wir in diesem Seminarhotel „Zur Schnecke" abgestiegen, damit wir nur ja nicht auf die Idee haben kommen können, Samstagabends nach Hause zu gehen anstatt weiterzuarbeiten oder gar am Sonntag möglicherweise zu spät oder gar nicht mehr zu erscheinen.
Es kann schon sein, dass da die Bank als Ort für unser Arbeiten am Wochenende nicht der richtige ist, die Frage ist nur: Wann ist eine Bank schon der richtige Ort zum Arbeiten? Das seh’ ich jetzt!
Klar, als Generaldirektor hätte ich den Ort schon festlegen oder den vorgeschlagenen zumindest ablehnen können, aber unsere externen Berater, die ich sicherheitshalber eingesetzt habe, um im Ernstfall die Schuld jemandem Externen zuschieben zu können, haben das Seminarhotel „Zur Schnecke“ empfohlen und außerdem gesagt, dass solch wichtige Themen und darauf fußende Entscheidungen in einem neutralen Umfeld, und damit sicher nicht in der Bank, in der wir täglich arbeiten, ausgearbeitet und gefällt werden sollen.
Mittlerweile glaub’ ich ja, dass sie da zusätzliche Provisionen kassieren oder dass sie versteckte Mikrofone installiert haben, vielleicht ganze Abhöranlagen im Seminarhotel „Zur Schnecke”, um dann in einem mit Technik vollgestopften Überwachungszimmer zu monitoren und aufgrund der Aufzeichnungen nächste Schritte auszuhecken, um möglichst viel aus dem Auftrag herauszuholen.
Berater haben notorisch nur zwei Ziele: das Maximieren des Tagessatzes und das Maximieren der Anzahl der Tage, die sie verkaufen können. An einer Lösung eines Problems oder Aufgabe sind sie nicht interessiert, ja, an einer Lösung können sie gar nicht interessiert sein, weil dies ja ihre Geschäftsgrundlage im Tiefsten torpedieren würde.
Als die externen Berater das Seminarhotel „Zur Schnecke“ empfahlen, hab’ ich also eingewilligt.
In unserem Land und insbesondere auch in unserer Branche der Finanzdienstleister ist es ganz wichtig, die Schuldfrage zu klären, noch bevor irgendein Ereignis eintritt oder eintreten könnte. Wenn also irgendetwas passiert wäre, hätte ich sagen können, dass dies nicht von mir, sondern eben von diesen externen Beratern ausgehe, ich würde mich dann sofort von den externen Beratern distanzieren, den Vertrag lösen und die vereinbarte Summe, die genau dann fällig wird, wenn frühzeitig der Vertrag aufgelöst wird, zahlen, auch wenn es deutlich mehr Geld kosten würde, als im eigentlichen Beratungsmandat vereinbart war. Eine Schuldzuweisungsversicherung versteckt in einem Beratungsauftrag hat eben seinen Preis.
Jetzt ist zwar etwas Außergewöhnliches passiert, aber ich kann die Schuld nicht mehr den externen Beratern in die Schuhe schieben, weil es mich selbst als Person trifft, weil ich gar keine Möglichkeit mehr hab’, ihnen irgendwie die Schuld umzuhängen, da ich ja keine Funktion in der Bank mehr hab’.
An diese Möglichkeit hatte ich nie im Entferntesten gedacht.
Dr. Klein muss da ganz schön seine Finger drin gehabt haben, das seh’ ich jetzt! Vor ein paar Monaten von einem Mitbewerber gekommen, hat er sich immer mehr in meiner Bank ausgebreitet, wie eine Seuche, wie eine Pandemie, mit ihm als Ausgangspunkt, mit leicht zu infizierenden, willenlosen, arschkriechenden Geschöpfen in seiner direkten Umgebung, in unserer Bank, insbesondere im Vorstand und im Aufsichtsrat.
Dr. Klein als Seuchen-Verursacher, als die Seuche von einem scheußlichen Tier auf ihn übergegriffen haben muss. Dr. Klein als primitives Tier, als perfekt redende Übergangsgestalt vom Tier zum Menschen. Dr. Klein, gemorpht sozusagen.
Dr. Klein als Epizentrum des Erdbebens mit anschließendem Tsunami, der die Bank flutet und verwüstet. Meine Bank. Mein persönlicher Tsunami, der mich mit all meinen Jahren der Treue und Aufopferung hinwegspült, mich, der ich in all den Jahren immer wieder am Rande der Gesetze und des moralisch Erlaubten und auch darüber hinaus Taten gesetzt hab’, um die Kollegen zu schützen, die Bank zu retten, die Außensicht zu wahren. Ja, Kolleginnen hab’ ich hin und wieder auch geschützt, das ist doch wohl klar, Franzl!
Die Ausbreitung des großen Dr. Klein-Einflusses ist wie der übelriechende Duft einer Latrine des Bundesheeres vor dem Zuschütten oder das aufdringliche Rasierwasser eines testosteron-aufgepumpten Machos im Nachtclub nach Mitternacht bereit für’s wöchentliche Abschlepp-Service oder der Schweißgeruch der örtlichen Jugendmannschaft voller Pubertierender nach einem samstäglichen Fußballmatch in der Umkleidekabine.
Kommt da einfach von einem Mitbewerber! „Marktbegleiter“ würde Dr. Klein sagen. So ein Arsch!
Und heute hilft er mit, mich von meiner Bank zu vertreiben.
Sollte eher in den Vertrieb gehen, der Vertreiber! Darf ich vorstellen: Dr. Klein, der Vertreiber!
Spielt sich hier so auf, der Aufspieler!
Darf ich vorstellen: Dr. Klein, der Aufspieler!
Überholt rechts, der Rechtsüberholer!
Darf ich vorstellen: Dr. Klein, der Rechtsüberholer!
Wortspiel! Das ist zwanghaft in mir - kann nicht anders, will nicht anders.
Sprache ist ja immer mindestens mehrdeutig. Deswegen reden die Menschen ja alle so viel und vor allem so viel aneinander vorbei. Deswegen gibt es ja so viele Irrungen und falsche Interpretationen, so viele Ungereimtheiten und verkomplizierte Sachverhalte auf allen Seiten und auf allen Ebenen.
Und die Menschen haben viele Technologien erfunden, um das Reden der Menschen zu verstärken, zu verbreiten und das Aneinander-Vorbeireden zu perfektionieren. Radio und Fernsehen dienen der Beschallung und Berieselung durch Meinungen, Diskussionen, Nachrichten, Indoktrinierungen, politische Ausrichtungen, ohne dass die Menschen dagegen reden könnten, bei Zeitungen und Zeitschriften ist es ebenso. Nur angeblich jetzt im Internet ist das anders, im Social Media oder wie das heißt, da reden angeblich die Menschen zurück. Davon versteh’ ich aber nix. Und was soll das schon bringen? Irgendwo auf Social Media zurückreden auf etwas, was im Fernsehen war - oder so? Kann ich mir nicht vorstellen.
Menschen reden und reden und reden. Immerfort. In allen Sprachen, in allen Kulturen, sie reden auch, wenn sie alleine sind, die meisten still, viele laut. Sie reden vor sich hin, sie reden sich was ein, sie reden sich gegenseitig was aus, sie reden sogar im Traum und unter der Dusche.
Sie reden und reden und reden.
Die Menschheit hat Bulimie. Sprachbulimie. Eine weltweite Seuche. Unheilbar. Unheilbringend.
Die vielen Worte in allen Sprachen lassen die Verbreitungswerkzeuge anschwellen, nicht nur die technischen, sondern vor allem auch die biologischen. Wir haben immer flexiblere Zungen zur Artikulation, immer lautere Organe zur Beschallung, immer hellhörigere Ohren zum Belauschen, immer größere Gehirne als Speicher. Als Speicher, um auch am nächsten Tag und all die nächsten Tage immerfort weitermachen zu können.
Ich frage mich, ob den Ausbreitungen des stinkenden, zum Himmel erbärmlich stinkenden Einflusses des Dr. Klein dieselben Mechanismen zugrunde liegen wie den Ausbreitungen des Redens der Menschheit. Ich denke ja, hat doch der Dr. Klein durch viel Reden und Reden und Reden seinen Platz erobert und nicht durch Taten, genauso wie es in vielen Vorstandsetagen der heimischen Großunternehmen eben üblich ist.
Die Menschen reden und reden und reden.
Sie reden mit Anrufbeantwortern, die keinen Anruf beantworten, sondern nur so heißen; sie reden mit synthetischen Stimmen am Telefon, die sie zwingen, neben dem Zuhören gleichzeitig irgendwelche Nummern und Raute und Stern ins Telefon zu tippen, um an die richtigen Mitarbeiter geschaltet werden zu können, falls sie nach ein paar Minuten des Wartens und Tippens da überhaupt noch Interesse daran haben.
Sie reden mit Computern und anderen technischen Geräten wie mit Kindern. Meistens schreien sie die an; die Geräte wie die Kinder.
Ja, ja, und dann die Sprache mit ihrer intrinsischen Mehrdeutigkeit. Es gibt sie, die Mehrdeutigkeit, weil bei der Beschreibung der Bedeutung eines Wortes immer eine Fülle anderer Worte nach sich gezogen wird, weil eine eindeutige Definition der Bedeutung eines Wortes nicht vorliegt und auch nie vorliegen kann und daher auch nie vorliegen wird.
Die Mehrdeutigkeit wird strukturell erzeugt durch unterschiedliche Taxonomien und unterschiedliche semantische Bedeutungen der Worte, die uns im Alltag kaum auffallen, dafür umso mehr aufhalten.
Das ist so wie die Liste der zu kaufenden Punsche am Punschstand unseres örtlichen Weihnachtsmarktes jetzt vor Weihnachten: Beerenpunsch, Marillenpunsch, Kinderpunsch - da ist ja die Semantik immer anders. Im Beerenpunsch sind Beeren, im Marillenpunsch Marillen drin. Was aber ist im Kinderpunsch?
Oder die Worte Speisewagen, Schlafwagen, Triebwagen. Im Speisewagen speist man, im Schlafwagen schläft man. Was macht man aber im Triebwagen?
Seit sie nicht mehr arbeitet, hat sie den ganzen Tag Zeit, aus ihrer Sicht sinnvolleren Tätigkeiten nachzugehen.
Früher, als die Kinder noch sehr klein waren, hatte sie sich natürlich rührend um sie gekümmert, wie sie es auch von ihrer Mutter erfahren hatte. Vor allem hatten sich beide bemüht, Mutter wie Tochter, ihre Kinder im katholischen Geiste zu erziehen. Ihre Mutter hatte dabei subtil, aber stetig und nachhaltig mitgeholfen, um sicherzugehen, dass sie, ihre Tochter, nur ja nichts falsch machte.
Diese frühe Prägung der Kinder ist entscheidend für die spätere Ausrichtung. Diese Tradition wird von Generation zu Generation mütterlicherseits weitergegeben und ist dann quasi nie wirklich, auch und schon gar nicht von den jeweiligen männlichen Partnern, in Frage zu stellen oder gar zu verändern oder anzupassen.
Die Ausrichtung nach dem katholischen Glauben und die damit eng verwobenen Werte einer Gesellschaft sind nicht etwa eine getrennte Aufgabe, die unabhängig von den anderen Aufgaben von Müttern ihren Kindern gegenüber getan werden müsse. Dies wäre leicht zu durchschauen und gegebenenfalls zu kritisieren, zu ändern oder zu isolieren. Diese eine Aufgabe ist aber integriert und verwoben mit allen anderen alltäglichen Aufgaben, und das von Geburt an. Sie ist intrinsisch in allem, was Kindern widerfährt. Väter sind hier nicht involviert, weil sie sich dem Broterwerb, wie man es in diesem Lande nennt, weil sie sich um die Finanzierung der Familie kümmern und damit keine Zeit haben, sich den Kindern zu widmen. Egal wie früh sie von ihrer Arbeit nach Hause kommen, die Kinder sind sicher schon im Bett, insbesondere bei beruflich erfolgreichen Vätern.
Und ihr Mann ist erfolgreich, als Mann - nicht als Vater.
Der Mann ihrer Mutter war nicht so erfolgreich, weder als Mann noch als Vater, aber darüber weiß sie zu wenig. Irgendwie hat ihre Mutter nie von ihrem Mann erzählt, und als er ging, war sie zu klein, um sich an ihn zu erinnern. Geblieben sind ihr nur ein paar Fotos, die sie in ihrer Schublade im Schlafzimmer aufbewahrt hat und gelegentlich herausnimmt und sorgsam eines nach dem anderen ansieht, um das Bild an ihren Vater im Gedächtnis wieder aufzufrischen und um die Fotos dann wieder als Stapel vorsichtig in die Lade zurückzulegen.
Solange sie sich zurückerinnern kann, war ihre Mutter da und allgegenwärtig. Und sie ist es auch, die mit in das große Haus gezogen ist, um, wie sie selbst behauptet, ihrer Tochter bei der Kindererziehung mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
Somit war es auch klar, dass sie eben gemeinsam mit ihrer Mutter ihre Kinder erzieht, zuerst Manuel, der vor 22 Jahren zur Welt kam, zwei Jahre nachdem ihr Mann Generaldirektor der Bank wurde, dann vor 17 Jahren Katharina und nicht ganz zwei Jahre später Sarah, die Jüngste, die also nun 15 Jahre alt ist.
Von ihrem Mann konnte sie bei der Kindererziehung nichts erwarten oder erhoffen. Bevor er Generaldirektor wurde, wäre es noch gegangen, aber da hatten sie noch keine Kinder und nachher, als er Generaldirektor geworden war, hatte er überhaupt keine Zeit mehr, auch immer weniger Zeit für sie. Außer wenn sie in den Urlaub fuhren. Diese drei Wochen im Jahr waren ihm und ihr heilig. Und das war auch die einzige Zeit, in der sie Urlaub von ihrer Mutter nahm.
Sonderbar: Sie hatte ihren Mann bereits im Alter von 20 Jahren kennengelernt, in der Bank, in der sie nach der Matura angefangen hatte, zu arbeiten. Und sie hatten erst 12 Jahre später geheiratet und Manuel bekommen. Oder vielmehr war Manuel unterwegs, sodass sie beschlossen hatten zu heiraten, beschließen mussten zu heiraten. Da war sie bereits 32 Jahre alt. Aber so ist es ja jetzt überall, dass die Frauen später ihre Kinder bekommen, weil sie noch studieren oder etwas für ihre Karriere tun. Bei ihr war zwar beides nicht der Fall, aber sie bekam trotzdem erst später ihr erstes Kind. Und mit 39 Jahren dann das letzte. Aber Kinderkriegen unter 40 Jahren ist normal, es ginge auch noch später, aber jetzt mit ihren 54 Jahren und er mit seinen 63, da ist es sowieso schon aus. Aus und vorbei. Bei ihr zumindest.
Wie bei ihr so ist es bei fast allen Familien in diesem Land. Die Erziehung ist fest in weiblicher Hand, egal ob ein Vater da ist oder nicht.
Weil Kindergärtner und Lehrer in den Volksschulen weder viel verdienen noch gesellschaftlich sonderlich angesehen sind, wenn sie nicht gar unter dem Generalverdacht der Pädophilie stehen, sind es wiederum Frauen und nicht Männer, die hier diese Aufgabe der Mütter nahtlos weiterführen.
Weil in allen anderen Sozialberufen ebenfalls wenig zu verdienen ist, sind auch hier Frauen in der Überzahl. Immer dann, wenn es um menschliche Fürsorge, Pflege, Betreuung geht, sind es Frauen, die in diesem Land den intrinsischen Katholizismus als Wertekanon der nächsten Generation mitgeben oder bei den älteren Generationen auffrischen.
So ist es zumindest in vielen Ländern in der westlichen Welt, zumindest in diesem Land, das keine Reformation durchlebt hat und immer ein distanziertes, wenn nicht gar ablehnendes Verhältnis zu anderen Religionen wie zum Beispiel dem Islam, hat. Es kommt den Menschen in diesem Land gar nicht erst in den Sinn, andere Religionen als gleichwertig oder ebenbürtig zu betrachten.
Toleranz anderen Gruppen als den ihren zu gewähren, wird zwar öffentlich immer wieder beteuert und eingefordert, in der Praxis jedoch nie gelebt. Es ist nicht möglich, als Andersgläubiger, Andersdenkender oder Andersgeschlechtlicher in einem beliebigen Dorf in diesem Land zu überleben. Daher gehen solche Menschen entweder weg, weit weg, oder sie verheimlichen und decken zu.
Im Verheimlichen und Zudecken haben alle Menschen in diesem Lande ebenfalls eine lange Tradition, auch wenn sie nicht andersgläubig, andersdenkend oder andersgeschlechtlich sind.
Diese Tradition des Verheimlichens und des Zudeckens ist ebenfalls integraler Bestandteil der Werte der katholischen Kirche, sodass die Menschen in diesem Land mit dem Glauben an die katholische Kirche auch nichts Besonderes daran finden, Dinge zu verheimlichen und zuzudecken.
Die Kirche schafft es immer wieder, nicht nur in diesem Land, ihre sexuellen Übergriffe auf Mädchen und Buben durch pädophile oder auch sexuell unbefriedigte und dann eruptiv fehlgezündete Priester, die zur Enthaltsamkeit gezwungen und in ihrer Natürlichkeit beschnitten sind, zu verdecken und zu verheimlichen.
Wenn nicht durch Zufall und Blödheit und Ungeschicktheit diverse Sachverhalte ans Tageslicht kommen würden, egal ob in der katholischen Kirche oder in der Politik, könnte man meinen, dass alles in bester Ordnung sei in diesem Land.
Das Gegenteil ist aber der Fall.
Es ist ein Sumpf von Korruption, Vertuscherei, Missbrauch, Verdrängerei, Heuchelei, Missgunst, Konservativismus, Wissenschaftsungläubigkeit, Dilettantismus im öffentlichen und wirtschaftlichen wie im privaten Tun, ein Darüberhinwegreden und ein Schönreden bei allen sich bietenden oder einfach dafür ausgenutzten Gelegenheiten.
Überall in diesem Land gibt es doppelte Böden von Moral und Anstand. Jede und jeder in diesem Land hat aufgrund der basalen Erziehung bereits den Beruf des Doppelbodenlegers erlernt und übt ihn bis zu seinem oder ihrem Lebensende aus. Es ist der einzige Beruf, der nicht dem Gewerberecht unterliegt, wofür man keine Prüfung und keinen Schein und kein Zeugnis und keine Bestätigung braucht und der nicht dazu führt, Zwangsbeiträge in einer der Kammern oder Verbände zahlen zu müssen.
Und der Grundstein für all das wird in der Erziehung gelegt. Den Grundstein setzen die Frauen und Mütter, und das seit Generationen.
Egal ob es Stillen, Füttern, Wickeln, Baden, Anziehen, Ausziehen oder Sonstiges betraf: Sie hatte alles zunächst ihrer Mutter überlassen, dann gemeinsam mit ihrer Mutter getan, später auch unter ihrer Beobachtung gemacht und schließlich auch ganz selbständig geschafft.
Die Geschichten, die sie abwechselnd mit ihrer Mutter den Kindern vorgetragen und vorgelesen, die Lieder, die sie gemeinsam mit ihr ihren Kindern vorgesungen hatte, waren aus dem traditionellen und tradierten Umfeld gewählt, aber nie hinterfragt oder tatsächlich ausgesucht worden.
Sie waren einfach da und wurden von der jeweiligen Generation übernommen. Die
