Jikaila, Die Splitter der Erinnerung I - Alexa Keller - E-Book

Jikaila, Die Splitter der Erinnerung I E-Book

Alexa Keller

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Beschreibung

Die Welt Terklora ist gefangen im ewigen Genderkrieg zwischen Phallokratien und Matriarchaten. Als die Entscheidung näherrückt, wird in der fenlorischen Stadt Telvenkeskua eine junge Frau ohne Erinnerung aufgefunden, die sich bald als die legendäre Kriegerin der Frauen, die Jikaila, zu entpuppen scheint. Ist sie gekommen, die Frauen im letzten Kampf gegen das andere Geschlecht zu führen? Oder geht es doch um andere, noch düsterere Dinge, wie die Ritualmorde in der Hauptstadt Targomua? Eine Magaermittlerin der fenlorischen Stadtwache, ein Sklavenjäger aus Gysanien, ein junger Krieger aus Terkonnia und andere geraten in den Strudel der Ereignisse, in deren Mittelpunkt die Jikaila und der Grund stehen, aus dem sie erwacht ist.

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Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Alexa Keller

Jikaila, Die Splitter der Erinnerung I

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

XLIV

XLV

XLVI

XLVII

XLVIII

XLIX

L

LI

LII

LIII

LIV

LV

LVI

LVII

Impressum neobooks

Prolog

Sie war allein. Am Anfang und am Ende allein. Einerlei, ob Anfang oder Ende, ist nicht jedes Ende auch ein Neubeginn?

Allein in der Schwärze, dem Nichts, sich selbst ausgeliefert, erschrocken vor der Leere in ihrem Inneren, schwärzer noch als die Äußere.

Ihr Inneres, ein Gefäß, geleert, um gefüllt zu werden. Aber war da nicht doch etwas? Sie tauchte hinab in diese Schwärze in ihr, und spürte wie sie zugleich fiel durch die Finsternis, die sie umschloss.

Fallend und tauchend, handelnd und doch ausgeliefert, war es nicht immer so gewesen?

Da war etwas in der Dunkelheit, tief vergraben, nun aufblitzend wie Splitter eines geborstenen Kristalls.

Geborsten wie ihre Seele. In den Splittern war Bewegung, Bilder winzig klein und doch scharf wie die Kanten des Kristalls.

Sie versuchte zu sehen, zu verstehen. War sie das dort, kämpfend, tötend, leidend und sterbend?

War es nicht immer so gewesen? Einen Moment wusste sie, es würde wieder so sein.

I

Telvenkeskua, Zarijat Fenlora, 26.Juni 2.325, 1.Stunde

Betaleta der Tafuxa Telvenkeskua (Feldwebel der Polizei) Aniga Germantov war nicht schnell aus der Ruhe zu bringen. Sie war seit 23 Jahren im Polizeidienst, immer in den Straßen Telvenkeskuas, und da musste schon mehr kommen als eine Messerstecherei zwischen einer rayatshischen Jugendbande und zwei blonden Wehrpflichtigen mit zu hohem Alkohohlgehalt und niedrigem Intelligenzquotienten.

Während ihre Streifenkollegin, Nevashee Islenko, über Komspiegel das nächste Heilungshaus verständigte und um rasche Entsendung einer Ambulanzkutsche bat, besah sich Aniga gemächlich die Bescherung. Blonde Nummer Eins saß gegen eine Hauswand gelehnt am Boden, Blut sickerte oberhalb ihrer linken Hüfte aus einem Schnitt in ihrem schwarzen Ledermieder. Sie jammerte kläglich, kurz vorm Heulen. Blonde Nummer Zwei dagegen stand neben Aniga und plapperte aufgeregt auf die Tafuxa ein. Von den Rayatshas war natürlich nichts mehr zu sehen. Sie war zudem sicher, dass für die zwei blonden Schicksen eine Rayatsha mit ihrer braunen Haut, den dunklen Augen und Haaren wie die andere aussah. Die Täterinnen würden also nie gefasst werden.

Die Wunde von Blondie Eins war nicht tief und blutete nicht wirklich stark. Die Rayatshas schienen nicht wirklich böse gewesen zu sein. Wahrscheinlich waren sie von Kalimejat Nudhya, den Blumen der Nacht, gewesen. Dieses Syndikat beherrschte den Shasha-Handel in der Gegend, und seine Mädels waren sehr schnell mit der Klinge bei der Hand, vor allem bei großmäuligen Weißen, die sich für die Krone der Schwesternschaft hielten.

„Dieser braune Abschaum gehört in die Fleischfarm gesteckt,“ schimpfte Blondie Zwei, und Aniga brummte unbestimmt.

Nevashee meinte beruhigend zu Blondie Eins:

„Die Kutsche mit der Heilmaga ist gleich da.“

„Es… es tut so weh.“

„Ganz ruhig, Hilfe kommt, Kleine.“

Aniga sah sich um. Die Kazenu Murani, Straße der Trauer, war bis auf ihr Grüppchen völlig verlassen. Ein halb abgerissenes Plakat für einen Tanztempel flatterte schwach in der lauen Brise der Nacht. Gegenüber lag der Friedhof, dem die Straße ihren Namen verdankte, der Älteste der Stadt. Wenn ihre Kollegin und sie sonst nachts hierher kamen, dann wegen dämlicher Dämonenladrixes die auf dem Friedhof ein Fuwup-Mupp opfern oder Geister beschwören wollten. Dumme, verwöhnte kleine Schicksen, die nichts Besseres zu tun wussten, als…

Was war das gewesen? Im Zentrum des Friedhofs, etwa 200 Meter (?) im Inneren, hatte es einen blendenden Lichtblitz gegeben. Wirkte dort jefrau Magie?

„Hast Du das bemerkt?“ fragte Aniga ihre Partnerin.

„Was, Ani?“

„Den Lichtblitz, drüben bei den Toten. Magie, wenn Du mich fragst.“

„Nein. Ah, da ist schon die Kutsche.“

Eine von vier Khakumons gezogene Ambulanzkutsche im Gelb der Dashefumon – des Ordens der Heilerinnen – bog von links kommend in die Straße ein und näherte sich rasch.

„Komm, ich will mir das ansehen.“

„Die Blonden…“

„Die Heilerin wird sich drum kümmern“

Blondie Zwei zeterte:

„Ihr werdet die Schlampen doch erwischen, oder? Sie sollen zahlen, das Ausländerpack!“

Nevashee tätschelte ihr beruhigend den Arm und nickte abwesend. Die Kutsche hielt, eifrig sprang eine junge Heilmaga heraus, ihre gelbe Ordenskleidung vom Mieder bis zu den Stiefelspitzen korrekt und glänzend. Selbst ihr wippender roter Zopf strahlte Eifer aus. Ihr folgte, erheblich langsamer, eine stämmige Assistentin, deutlich älter schon, mit kurzen schwarzen Haaren und grünen Augen.

Nevashee instruierte die eifrige Jungheilerin, die sich sogleich zu der Verletzten beugte.

Die Assistentin sprach Aniga mit vor Langeweile triefender Stimme an:

„Ruhige Nacht heute. Ist Neumond.“

Aniga spähte immer noch zum Friedhof hinüber. Bewegte sich dort etwas zwischen den Erinnerungssteinen)?

„Ja, nix los heute. Aber warte bis morgen, wenn die Baflayas kommen.“

„Wir werden sie abziehen. Hast Du Dienst?“

„Nein, hab getauscht.“

„Du Fuwupp-Mupp!“

Die putzigen kleinen Haustiere galten als Inbegriff des Glücks in Fenlora. Baflayas – Schmetterlinge, waren die Hockai-Frauschaft der Stadt Aridantua, die morgen ihr Meisterschaftsspiel gegen Telvenkeskua hier absolvierten. Großkampftag für Tafuxas und Heilerinnen. Nicht, dass die Fans des Hockaisports in Fenlora so gewalttätig gewesen wären wie die Phallokraten mit ihrem brutalen und tumben Dostek, aber auch hier schlugen die Emotionen hoch, und der Alkohohl tat ein Übriges.

„Werd mir das Spiel im Clubhaus auf dem Mapazak ansehen.“

Jede Gaststätte im Zarijat, die etwas auf sich hielt, nannte ein magisches Artefakt zum Abspielen bewegter Bilder, von Magas aufgenommen und an die Geräte gesandt, sein Eigen – die Mapazaks.

Dort drüben bewegte sich tatsächlich etwas. Etwas Bleiches. Kurz kam Aniga die Vorstellung eines wandelnden Skeletts in den Sinn. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Das war Unsinn! Sie schalt sich eine Närrin, ging schon zwei, drei Schritte auf den Friedhof zu.

„Na toll, ich hab Dienst. Hörst Du mir überhaupt zu?“

„Wir müssen da eben was überprüfen. Wir sehen uns, ja?“

Aniga winkte ungeduldig Nevashee, die kritisch die junge Heilerin musterte.

„Komm, Neva.“

„Ja, komme schon. Bist Du sicher, da ist etwas?“

„Verdammt ja. Da war dieses helle Licht, und jetzt bewegt sich etwas dort zwischen den Steinen.“

„Ein terkonnischer Magierjüngling, der ins Bett masturbiert und nen fehlerhaften Teleport hingelegt hat?“

Nevashee brachte den alten Witz mit bierernster Stimme und Mimik. Bei Männern standen Pubertät und erwachende magische Kräfte in engem Zusammenhang. Tanzende Hormone führten dabei manchmal zu unbeabsichtigten, heftigen Zaubern, die sich real aber zumeist im Rahmen von magisch gewachsenen Pickeln, wundersamer Färbung der Bettwäsche oder dem Verlängern einer Nase oder der Zehen des Betreffenden hielten. Gerüchte und Witze jedoch wollten wissen, die fraglichen Jünglinge verwandelten ihre Eltern in Mieps, setzten das Haus in Brand oder teleportierten sich über tausende Meilen in matriarchalische Gefilde.

Gerade Letzteres war barer Unsinn, brachte doch kein Teleporter Terkloras mehr als 20 oder 30 Meilen Entfernung per Zaubersprung hinter sich, ohne die Hilfe eines Portalartefakts zu nutzen.

„Ich lach später. Schau, da ist es wieder!“

„Bei der Jikaila, jetzt seh ichs auch.“

Die Waffenhände beider Tafuxas gingen nicht zum Latexoog – dem Gummiknüppel – an der Hüfte, sondern zu den Katanas auf ihren Rücken, deren Griffe über ihre linken Schultern ragten – die meisten Menschen Terkloras waren LinkshänderInnen.

Sie tauschten einen Blick, ein kurzes Nicken, und die langen gebogenen Klingen glitten aus den Scheiden.

Am Haupttor der Ruhestätte angekommen, öffnete Aniga das Tor, welches auch nachts nicht verschlossen war. Ein kurzer, schriller Schrei von rückwärts sorgte für kurze Ablenkung, als die Maga die Wunde von Blondchen Eins mittels Zauber heilte. Dies war schmerzhaft und bedeutete große Anstrengung für die Verletzte, kamen die Kräfte für den beschleunigten Heilvorgang doch aus der zu Heilenden selbst.

Die beiden Tafuxa, die Schwerter beidhändig geführt vor sich, beschritten die geharkten Kieswege zwischen den Gräbern, näherten sich dem Zentrum des Ortes. Kleine Kiriöllichter flackerten vor den Erinnerungssteinen, verbreiteten ein bläuliches Licht, dass zu phantasievolle Gemüter für unheimlich halten mochten. Zuviel Phantasie konnte keiner den beiden Ordnungshüterinnen vorwerfen.

Sie umrundeten den protzigen Stein einer ehemaligen Provinzgouverneurin, und da war sie.

Nackt und bleich, mitten auf einem Grab, mit Händen und Füssen ziellos in der Erde scharrend, als wollte sie sich hinein graben, um die Überreste der Verstorbenen zu umarmen.

Beiden Tafuxa fuhr ein Schauder das Rückgrat entlang, Nevashee gab unwillkürlich einen Laut des Erschreckens von sich.

Das Wesen sah auf, ein bleiches Gesicht, umrahmt von wilden, wirren schwarzen Haaren, deren Strähnen sich wie Schlangen zu winden schienen. Große, braune Augen, erfüllt von Schmerz und Verwirrung starrten zu den beiden Bewaffneten hoch.

Einen Moment glaubte Aniga, eine Razigu, eine mächtige, gefährliche Vampirin aus der Dämonensphäre vor sich zu haben, doch dann öffnete die Bleiche den Mund und keine spitzen Fänge offenbarten sich, stattdessen floss Speichel über ihre Lippen und ein wildes Stöhnen, in dem aller Schmerz der Welt zu liegen schien, brach hervor.

Es war nur eine Frau, eine sehr verwirrte junge, schöne Frau, eine Schwester in Not.

Aniga steckte das Katana zurück in die Scheide und griff nach ihrem Komspiegel. Nevashee brauchte einige Augenblicke länger, bevor auch sie das Schwert wegsteckte und sich entspannte.

Der Bleichen liefen jetzt Tränen über die Wangen, sie stammelte Unverständliches.

Aniga sah sie mit Mitgefühl in den Augen an und aktivierte den Komspiegel.

„Shalim Kappa an Zentrale. Standort Kazenu Murani, Friedhof. Verwirrte, hilflose Person. Heilmaga bereits vor Ort.“

„Zentrale verstanden, Shalim Kappa. Komisch, und das an Neumond.“

Die Tafuxa ignorierte die letzte Bemerkung, verstaute das Kommunikationsartefakt wieder und ging vor der jungen Verwirrten in die Hocke.

Nevashee wandte sich zum Gehen und sagte:

„Ich hol die Heilmaga. Fall für die Seelenheilerinnen, das arme Ding. Ein Jammer, so ein hübsches Mädchen.“

Aniga brummte und streckte vorsichtig eine Hand nach der jungen Frau aus. Sie wollte deren lange Finger aus der Erde des Grabes lösen.

Für einen sehr kurzen Moment verdunkelte sich das Gesicht des Mädchens, ihr unsteter Blick fokussierte sich. Wenig Phantasie oder nicht, Aniga besaß einen ausgeprägten Instinkt für Gefahr, Ergebnis jahrelangen Streifendienstes in einer der größten Metropolen des Zarijats und Zentrum des Shashahandels, möge die Jikaila das verfluchte Zeug holen. Und in diesem Augenblick, der so schnell verging wie er gekommen war, spürte sie Lebensgefahr. Dieses Mädchen war gefährlich, sehr gefährlich. Dann war es vergangen, und die junge Blasse blickte sie jammervoll an und stammelte hilflos.

Behutsam löste Aniga des Mädchens Finger aus dem Dreck.

„Ja, alles wird gut. Ganz ruhig. Alles wird gut, mein Fuwupp-Mupp. Kannst Du mir Deinen Namen sagen?“

„Ashg… agg.. nnnn…“

„Ganz ruhig.“

„Ash Krasn… Ashexee Krasnajal.“

Das Letzte kam mit erstaunlicher Klarheit heraus. Die Verwirrte hatte eine schöne, angenehme Altstimme.

„Was machst Du hier, Danja?“

„Ich… wo bin ich? Was? Ich… ich bin so allein. Am Ende bin ich immer allein.“

„Ich bin doch hier, schöne Schwester. Ich passe auf Dich auf. Wir bringen Dich erstmal ins Bett, dort kannst Du etwas ausruhen, einen Draal trinken. Ist das gut?“

„Allein… immer allein.“

Der Blick des Mädchens – Ashexees – wurde wieder unscharf. Sie weinte wieder.

Aniga seufzte. Bestimmt würden die Seelenheilerinnen ihr helfen können. Meistens konnten sie das. Ob sie magisch begabt war? Der Lichtblitz deutete darauf hin. Geisteskranke Magas waren per se gefährlich, ob sie wollten oder nicht. Aber Aniga spürte, dass jetzt Nichts mehr geschehen würde. Ashexee schluchzte, ihr schlanker Leib zitterte. Aniga zögerte nur kurz, dann nahm sie das arme Ding in die Arme.

So saßen sie noch, als Nevashee mit der Heilerin und ihrer Assistentin hinzutrat.

II

Lesagaux, Gysanien, 27.Juni 2.325, 20.Stunde

„Eure Arroganz ist extraordinär, mein werter Dartagne.“

„Arroganz, schöner Pligourette, ist das Vorrecht der Fähigen und Erfolgreichen.“

„Ha! Ihr hattet unglaubliches Glück drüben in Fenlora. Jeder, ich sage, JEDER, mit nur ein bisschen Verstand und Esprit hätte die Situation zu seinem Vorteil genutzt.“

Etienne Dartagne lehnte sich in seinem bequemen weißen Ledersessel zurück und sagte nichts. Bastalore Pligourettes Eifersucht und Neid waren geradezu sprichwörtlich, und wenig Gewinn hätte darin gelegen, ihn überzeugen zu wollen.

So ließ Etienne unerwähnt, dass die Entführung von 25 schönen fenlorischen Shakeshas (Händlerinnen) von ihrer Privatparty im Hinterzimmer eines Benemus (Gasthaus) in Jedalestua nur durch die Beimischung eines magischen Tranks in ihr Essen möglich war. Der Trank, in Gysanien als Madamellesdompteurex, „Ladyzähmer“, bekannt, hatte die nämlichen Damen lammfromm und hilflos gemacht, so dass sie wie Blumen gepflückt werden konnten.

Selbstverständlich war die Beimischung des Trankes in der Damen Speise nur dem Koch möglich gewesen, den zufälligerweise ER gegeben hatte. Seinen exorbitanten Kochkünsten war es zu verdanken, dass er sehr kurzfristig als Küchensklave in besagtem Benemu eingesetzt worden war. Der kurzfristige Einsatz wiederum war seinen herausragenden Verführungskünsten zu verdanken, mit deren Hilfe er eine Sklavenhändlerin von SHEGULLUMOL Jedalestu, Leihsklaven Jedalestua, umgarnt und zu seiner Komplizin gemacht hatte.

Auch sprach er nicht davon, dass es gewisser schauspielerischer Talente und einer gehörigen Portion Nervenstärke bedurfte, einen Sklaven in Fenlora zu geben, zumal die Küchenaufsicht des Benemus an besagtem Abend wohl schlechten Stuhlgang gehabt hatte, setzte sie doch ihren Strafstab(terkl.Begriff!) allzu oft ein und beäugte alles, inklusive Etiennes Kochkünsten in Aktion, mit mißtrauischen Augen. Etienne hatte die blauäugige Blondine letztlich der Sammlung hinzufügen müssen. Er hatte Anweisung gegeben, sie auf eine spezielle Diät zu setzen, die ihren Verdauungsproblemen Rechnung trug.

Alles in allem, war es allein seinen mannigfaltigen, in ihrer Kombination einzigartigen, Talenten zu verdanken, dass ihm die Aktion geglückt war. Der gute Bastalore konnte von derlei nur träumen. Zudem er nur mit einem vollen Dutzend haariger Hommes Memaloux (Lederschwuler) auf Fang auszog, während Etienne auch diese Sache solo durchgezogen hatte.

„Mon Lorn! Mein Fingernagel ist abgebrochen, seht nur, mes amieieux!“

Bastalore Pligourette musterte den Sprecher, den in pink-weiß gekleideten Joubert Astenboueff, indigniert.

„Wir führen hier eine ERNSTHAFTE Diskussion, schöner Joubert. Bitte, halte Dein Mäulchen geschlossen und laß uns bei allen zu lockeren Knebeln IN RUHE, Deine Maniküre ist nun WAHRLICH nicht das Thema.“

Pligourette pflegte gerne das ein oder andere Wort im Satz überzubetonen, eine Affektiertheit, die Etienne für ebenso überflüssig und sterbenslangweilig hielt wie Jouberts Obsession mit seiner äußeren Erscheinung oder Geraldoux Omphennes, des vierten Sklavenfängers in der Runde, schlecht verhüllte Fresssucht.

Omphennes nahm am Gespräch nur mit Grunzen und anderen unappetitlichen Lauten teil, verspeiste er doch gerade sein drittes Stück Mashmakuchen mit Suslasahne und Banidrops.

Die vier Gysanier saßen im hinteren, ruhigeren Teil des Cluboux Cashais de Lymelles, einem in weiß und blau gehaltenem Etablissement, in dem sich die exquisite Zunft der Fänger von Frauen versammelten. Dies war insofern ungewöhnlich, als in Gysanien, und speziell der Hauptstadt Lesagaux, an beinahe jeder Ecke ein Club für Sklavenfänger zu finden war, die sich der Jagd nach männlicher Beute verschrieben hatten. Der Markt für und das Interesse an weiblichen Sklaven war im homosexuellen Land deutlich schwächer ausgeprägt, wenngleich für niedere Haushaltsarbeiten wie auch die schnöde Fortpflanzung Sklavinnen benötigt wurden. Und dann gab es natürlich noch die Lymellesshopralleurs, die Sklavinnensammler. Trotz der homosexuellen Sozialisation der Gysanier wussten viele von Ihnen Schönheit und Ästhetik sehr zu schätzen, und die Frau an und für sich war ein unbestreitbar ästethisches Wesen, etwa auf einer Stufe mit Gemälden, Gedichten, Blumen und einem guten Gericht.

Es existierte also durchaus ein Markt für schöne und außergewöhnliche Frauen, und da der Ruf der gysanischen Fänger so gut war, erhielten sie gar Aufträge aus dem Ausland, so aus dem terkonnischen Clan Kalantia, Zylevi oder gar dem fernen Rayatsha.

Der Gipfel der Kunst war natürlich, die „Kundinnen“ in matriarchalischen Staaten einzusammeln, wo jedem erwischten Sklavenfänger höchst unangenehme und endgültige Strafen drohten. Und Etienne Dartagne war unbestreitbar, egal was Bastalore oder andere sagten, auf dem Gipfel.

Mit nur 26 Jahren war sein Ruf in der Zunft bereits legendär, und Etienne rechnete es sich zur besonderen Ehre an, dass er auf den Fahndungslisten des Zarijats Fenlora für Sklavenfänger ganz weit oben stand. In einem Land androgyner und femininer Männer, komplettiert durch eine Gemeinde harter, haariger Lederkerle, war er eine unauffällige Erscheinung, sein schulterlanges braunes Haar nicht aufwendig mit dem Lockenstab behandelt, seine Augenpartie nicht geschminkt, es sei denn, er wollte es so, und seine Kleidung in gedeckten Farben und sehr praktisch und bequem. Davon abgesehen, war er natürlich ein Verwandlungskünstler und Schauspieler erster Güte, der sowohl einen zwar kleinen und schlanken, aber dennoch furchtbar engstirnigen Terkonnier geben konnte, als auch mehr als einmal eine überzeugende Fenlora mit etwas herben Zügen, aber nicht unattraktiv, dargestellt hatte.

Geraldoux verschlang das letzte Stück Kuchen, tupfte sich mit einer parfümierten Seidenserviette die wulstigen, blassrosa geschminkten Lippen ab, und schaltete sich in die Diskussion ein.

„Werter Pligourette, mein Bester, unbestreitbar war Dartagnes letzte Arbeit eine reife Leistung, würdig seiner anderen großen Unternehmungen. Lasst Euch vom Neid nicht eine Augenbinde anlegen.“

„Ich bin NICHT neidisch. NIEMALS gäbe ich mich einem so niederen Gefühl hin. Ich habe meine eigenen Erfolge, die mich mit großem STOLZ erfüllen.“

„Sicher, mein Schöner. Lym! Noch einen Mashmakuchen. Bitte etwas mehr Sahne und Drops diesmal. Ich zahle einen sündhaft teuren Clubbeitrag, da sollten schon mehr als fünf Drops drin sein.“

Der Sklave, angetan nur mit einem knappen weißen Lederslip und kniehohen weißen Stiefeln verziert mit Silbermünzen, ein Rakizeshkin mit edlem Gesicht und rötlicher Haut, nickte beflissen und eilte davon. Der Service des Hauses war exzellent, doch Etienne hatte nie verstanden, warum ausgerechnet ein Club für SklavINNENfänger männliche Sklaven beschäftigte.

Bastalore Pligourette steckte eine Zigarette in seine graumelierte Spitze und wirkte immer noch beleidigt. Joubert Astenboueff feilte an seinem abgebrochenen Nagel herum und schien nicht willens, dem Gespräch zu folgen. Geraldoux wandte seinen Blick von der appetitlichen Kehrseite der Rothaut ab und fuhr fort:

„Seht, Freunde. Monsieur Dartagne ist zweifellos der Beste unserer Zunft, und das trotz seiner jungen Jahre. Aber sagt, Etienne, kann Euch das noch befriedigen? Ich denke, die Zeit ist gekommen, weiter zu gehen. Ihr seid bekannt, vielleicht gar berühmt, doch wenn ihr zu einer echten Legende werden wollt, an die sich die Menschen noch in ferner Zukunft erinnern, so müsst ihr Euch ein Denkmal setzen.“

Etienne hob eine Braue und trank von seinem Wein.

„Ein Denkmal? Ihr meint, ich sollte das ganze Zarijat samt Zarija und allen ihren Legionen auf einmal entführen?“

Pligourette kicherte:

„Puh, am Ende traut ihr euch das gar zu. Das grenzt an Größenwahn, Dartagne, GRÖSSENWAHN!“

Geraldoux hob einen fetten, beringten Finger.

„Nicht ganz, großer Dartagne. Aber was, wenn ihr die Tour de Herculles wiederholt?“

„Warum sollte er das tun? Selbst ich WEISS, dass er das Meisterzertifikat mehr als berechtigt sein Eigen nennt.“

Das will ich meinen, wo doch selbst DU es bekommen hast, mein lieber Bastalore, dachte Etienne amüsiert.

„Naturelement soll der gute Etienne nicht seine Prüfung wiederholen. Nein, er soll eine Tour de Herculles absolvieren, die seinen Fähigkeiten angemessen ist. Eine echte Herausforderung, und wie in der Legende, sollen es zwölf Aufgaben sein, die er nacheinander zu bewältigen hat.“

Überraschend schaltete sich Joubert ins Gespräch ein, indem er mit seiner himmelblauen Nagelpfeile nach Etienne stach und ausrief:

„Das ist eine wundervolle Idee! Viel Spaß und Abenteuer und ein Dartagne an seinen Grenzen! Nehmt ihr an, sagt, nehmt ihr an?“

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Etienne verspürte tatsächlich mehr als nur einen Hauch von Überdruß, und Geraldouxs Idee entzündete seine Phantasie. Tour de Herculles – Die Reise des Herkules – nannte man in Gysanien traditionell die Meisterprüfung der Sklavenfänger. Der Ausdruck ging auf eine alte Geschichte von einem Helden zurück, der zwölf schöne, gefährliche Königinnen und Hexen einfangen und zähmen musste, um Lorns, des phallokratischen Hauptgottes, Gunst zurückzuerhalten. Die Legende existierte in abgewandelter Form in der Erzphallokratie Terkonnia, wo der Held selbstredend in blutigem Gemetzel zwölf Monster erschlagen musste. Etienne verzog kurz das Gesicht – diese phantasielosen Barbaren.

„Also schön, Geraldoux. Das klingt interessant. Ich bin geneigt, die Herausforderung anzunehmen.“

„Und wir suchen die Missionen und Opfer aus?“

Bastalore zog an seiner Zigarettenspitze, blies mit gespitzten Lippen Rauch aus und konnte ein wahrhaft boshaftes feines Lächeln nicht unterdrücken.

„Eine Bedingung jedoch bitte ich mir aus.“

Geraldoux nickte Etienne zu und lächelte jovial.

„Nur zu, Meister Etienne, nur zu, lasst hören.“

„Ich bitte mir das Recht aus, die Kundinnen nach Präsentation vor euch gegebenenfalls wieder in die Freiheit zu entlassen.“

Joubert quiekte entsetzt auf:

„Iiih, Humanität und Gefühlsduselei! Es sind nur Schlampen, Dartagne, keine Menschen!“

Etienne sagte nichts. Geraldoux nahm vom rothäutigen Sklaven seinen neuen Mashmakuchen in Empfang und begann die in der schwarzen Suslasahne eingebetteten milchigen Banidrops zu zählen.

„Sicher, liebster Etienne, daran soll es nicht scheitern. Es gibt genug Sklavinnen im Land, ihr sollt sie fangen und herbringen, danach könnt ihr sie von mir aus zur Maharani von Udhya machen.“

Bastalore nickte, in Gedanken sichtlich bei möglichst gefährlichen und schwierigen Aufgaben.

Geraldoux, mit der Anzahl der Drops im Kuchen anscheinend zufrieden, entließ den Sklaven mit einer lässigen Handbewegung.

„Schön. Da es Monsieur Pligourette war, der eure Fähigkeiten in Zweifel zog, soll er Euch die erste Aufgabe stellen.“

„Mit Vergnügen. Hmhm… was nehmen wir denn da?“

Etienne lächelte schmal. Wenn er ehrlich war, konnte er es kaum erwarten. Sollte Bastalore nur mit etwas Unmöglichem um die Ecke kommen – umso besser.

III

Targomua, Zarijat Fenlora, 28.Juni 2.325, 9.Stunde

„Das gleiche Muster.“

„Ja.“

„Der Haussklave?“

„Mit Klebeband gesichert, erdrosselt. Das Fuwupp-Mupp wurde auch erdrosselt.“

„So?“

Ein Schwall heißer, irrationaler Wut stieg in Aurora Boreal, Magaermittlerin von Jikai Delta – viertem Mordezernat – in der fenlorischen Hauptstadt Targomua, auf und wollte sich Bahn brechen, doch sie blieb kühl und beherrscht wie stets. Sie schalt sich selbst – sie musste die Perspektive wahren. In dieser Wohnung waren zwei Frauen und ihr Sklave brutal ermordet worden, da fiel die Tötung eines Haustiers, und sei es noch so süß und unschuldig wie ein Fuwupp-Mupp, nicht wirklich ins Gewicht.

„Wo sind die Leichen?“

„Hier, im Schlafzimmer, Lady Maga.“

Aurora folgte der jungen Ermittlerin ihres Teams. Da waren sie. Nackt und sehr tot, mit kupfernen Drähten brutal Rücken an Rücken gefesselt, die aufgerissenen Münder mit leuchtendem Silber gefüllt, Augen ausgestochen, in die Haut geritzte Zeichen, vom Blut teilweise verdeckt.

Die Damen Ordlov waren Mitarbeiterinnen des Baxa – das größte Kaufhaus Targomuas – gewesen, ihre Wohnung nur fünf Minuten zu Fuß vom Baxakomplex entfernt, dessen Turm durch das Schlafzimmerfenster zu sehen war.

„Erdrosselt wie immer?“

„Ja, vorher haben sie sichtlich viel gelitten.“

An der Wand hinter dem Bett war das Bild abgenommen worden, auf dem kahlen Weiß dahinter leuchtete es blutrot. Die verschmierte Schrift besagte in Altterklorisch:

„Sie werden zurückkehren, und der Glanz und die Glorie werden die Welt erschüttern lassen.“

Aurora musterte die Blutschrift. Wie bei den Beiden zuvor, kam ihr auch hier sogleich der Gedanke an ein Zitat. Aber woraus? Die Leshkenailaakademie wusste vielleicht Rat. Was taten Schreibereiprofessorinnen sonst, als alte Bücher zu lesen?

„Wollt ihr den Zauber sprechen?“

„Ja gleich, aber ich weiß schon, dass es überflüssig sein wird.“

Beide Ermittlerinnen bezogen sich auf einen Standardzauber von Magaermittlerinnen, mit dem sie die vergangenen Ereignisse an einem Ort, also auch den Ablauf eines Verbrechens, wie in einem Film sichtbar machen konnten.

An den beiden vorhergehenden Tatorten war der Zauber ohne Ergebnis geblieben, da die TäterInnen mittels eines eigenen Zaubers die Bilder der Vergangenheit vollständig ausgelöscht hatten. Eine solche Löschung der Matrix des Limbus an einem Ort war theoretisch mit gängigen, wenngleich illegalen, Artefakten erreichbar. Eine wirklich gute Maga – und bei Sheila, Aurora war gut – konnte die allgemein üblichen Artefakte aber in der Regel überwinden und die Verwischung der Matrix wieder entwirren. Aber hier war die Matrix völlig ausradiert worden, bis zu 2 Wochen in die Vergangenheit. Welcher Zauber konnte so etwas zuwege bringen? Nicht einmal die verfluchten terkonnischen Sklavenfänger besaßen derart gute Artefakte. Ja, Aurora selbst hätte es bei Aufwendung all ihrer Kraft und ihres Könnens nicht mal annähernd erreichen können.

Der Gedanke, es bei den TäterInnen mit Leuten zu tun zu haben, die ihre eigenen magischen Fähigkeiten übertrafen, trug wenig dazu bei, ihre Stimmung zu heben.

Ihr Komspiegel summte aufdringlich. Sie löste das kleine, wie ein gewöhnlicher Handspiegel aussehende Artefakt aus dem Futteral an ihrem schwarzen Lackgürtel.

Das kleine Bild des Spiegels zeigte das übertrieben geschminkte, faltige Gesicht ihrer noch lebenden Zweitgroßmutter. Aurora seufzte. Auch das noch.

Sie verließ das Schlafzimmer und machte sich auf den Weg in den Hausflur, sich dabei an den gerade hereinkommenden Ladies der Spurensicherung vorbeidrückend. Wo magische Mittel versagten, musste frau zu herkömmlichen Methoden greifen.

„Kind! Bist Du da? Geh doch mal ran, bei Azuras knospendem Busen! Kind!“

„Oma. Was gibt es so früh? Ich bin auf der Arbeit.“

„Ach, die kleinen Einbrecherinnen können mal warten. Das ist jetzt wichtiger.“

„Ich bin nicht mehr im Gyptai Zeta, Oma – ich bin bei Jikai Delta, seit einem halben Jahr schon und wir…“

„Ja, ja, alles Pliri-Plari, mein Kind. Mappelzapp hat sich die Klaue in der Badezimmertür eingeklemmt und muß sofort zur Tierheilerin. Ich habe aber keine Zeit, gleich ist die Eröffnung der Kunstaustellung im Gumalin Kashinua (Einsame Schönheit), und ich muß die Eröffnungsrede halten. Also, komm vorbei und bring den armen Mappelzapp zur Heilerin. Wenn Du dann noch Zeit hast, kauf doch bitte noch etwas Futter für die Tiere, ja?“

„Oma, ich… kann Terp nicht all das erledigen?“

Mappelzapp war eines von fünf Fuwupp-Mupps von Großmutter, Terp ihr Haushaltsklave.

„Ich habe Terp verkauft. Nahm sich im Bett zuviel heraus.“

Aurora, im Flur angekommen, schloß die Augen und ließ sich gegen die Wand sacken. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was ihre 87jährige Oma im Bett mit einem 24jährigen Männchen trieb. Sie kramte in ihrer Handtasche nach ihren Zigaretten.

„Dann ruf doch Ullesha und Mama an.“

„Aber Du weißt doch, Kind, deren Komspiegel ist in Reparatur. Ich kann sie nicht erreichen. Früher hielten die Spiegel jahrelang, aber heute…genauso wie mit den Stiefeln. Erst letzte Woche kaufte ich neue Lackoverknees bei BuutsalBerbatov und gestern…“

Aurora schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und wirkte einen kleinen Feuerzauber an der Spitze ihres lackumhüllten Daumens. Gierig saugte sie den Rauch ein, den Kopf mit den langen, glatten roten Haaren in den Nacken legend.

„Kind, hörst Du mir überhaupt zu? Wo ich Dich rauchen sehe, ich brauche auch neue Zigaretten. Am Besten schreib ich Dir ne kleine Liste, die leg ich auf den Küchentisch. Weißt Du übrigens einen guten neuen Sklaven? Ich will nicht wieder einen von der Agentur. Ki-Tan-Fenger sollen ja sehr fleißig und brav sein. Aber sie haben so kleine Gemächte, also…“

„Oma, ich komme, so schnell ich kann. Ich muß jetzt weiterarbeiten. Wir sehen uns.“

Sie schaltete den Spiegel einfach ab, die Stimme ihrer Großmutter verstummte wie abgeschnitten.

„Die liebe Familie?“

Aurora wandte sich um. Neben ihr stand Salega Kaitenov, die erste Ermittlerin Jikai Deltas, Auroras Partnerin. Wie immer in lässiger blauer Jeanhose, einer knittrigen braunen Ledertunika und kniehohen, mattbeigen Lederstiefeln, eine Kippe qualmend im Mundwinkel, dass dunkelblonde Haar in einer altmodischen, schulterlangen Dauerwelle. Sie wartete Auroras Antwort nicht ab.

„Das gleiche Muster?“

„Ja, Sa, der dritte Fall. Drei Ritualmorde in zwei Wochen. Und keine Spur.“

„Bist Du sicher? Vielleicht haben sie diesmal einen Fehler gemacht. Irgendwann machen sie immer Fehler.“

Salega war 52 und seit über 25 Jahren in der Mordermittlung. Aurora gab viel auf die Erfahrung der Älteren, wenn auch nicht auf ihren modischen Geschmack.

Die Blonde nahm eine Hand aus der Hosentasche, klopfte Aurora leicht auf die Schulter und knurrte:

„Komm, meine Schöne, gehen wirs an. Ich will die Mistschlampen erwischen, die für diesen Dreck verantwortlich sind.“

„Woher weißt Du, dass es Geschlechtsschwestern sind?“

„So ein Gefühl.“

Aurora nickte nur und folgte Salega zurück in die Wohnung.

IV

Bei Elimb-Uldegg, Gromien, 29.Juni .325, 1.Stunde

Es waren zwölf. Gerüstet, bewaffnet und beritten. Auf Patrouille, auf der Hut. Aber nicht zu sehr. Der Waffenstillstand versprach eine gewisse Sicherheit, die Grenze zu terkonnischem Einflussgebiet war recht weit, das Selbstbewusstsein ihrer Truppe hoch.

Das war gut. Sehr gut sogar. Kharkon erlaubte sich ein schmales Lächeln und strich nachdenklich über seine Glatze. Man sagte, sie stand ihm gut zu Gesicht. Nicht, das er eitel gewesen wäre, ein unangemessenes Gefühl für einen terkonnischen Krieger, passend zu einer Frau, einer zukünftigen Sklavin – wie dem Dutzend da drüben.

Sie hatten ein Feuer gemacht, für Draal und eine warme Mahlzeit und natürlich wegen der Tiere. Weder Raptoren noch Jagdspinnen mochten Feuer sonderlich. Hatte natürlich auch Nachteile, so ein Feuer. Ruinierte zum Beispiel die Nachtsicht der Wachen.

Davon gab es zwei. Sie saßen am Feuer, rauchten vorschriftswidrig und unterhielten sich leise. Irgendwelches Mädchenzeug vermutlich. Die Wehrpflichtigen der Fenloras waren alle noch recht junge Dinger, so weit er wusste nur Klamotten, Sex und Spaß im Köpfchen.

Die 14 Khakumons, unter ihnen zwei Pack- und Ersatztiere, waren an einigen Talquique-Sträuchern in der Nähe angebunden.

Sie wirkten ruhig und zufrieden, vielleicht etwas erschöpft. So eine gerüstete Fenlora in voller Ankylo-Rüstung war schwer, wenn man sie den ganzen Tag durch die Gegend schleppen musste. Ruhige Khakumons – also keine Raubtiere in der Nähe, außer Kharkon und seinen Männern. Und deren Geruch schien die Tiere nicht zu stören. Klar, in ihren Ställen wurden sie bestimmt von eifrigen, feigen männlichen Sklaven versorgt, gefüttert und ihre ledrige Haut poliert. Der Geruch von Männern machte also keinen besonderen Eindruck auf sie. Auch das war gut.

Kharkon sah zu seinen sechs Männern hinüber, die reglos neben ihm im hohen Gras lagen. Ein Siebter war bei ihren eigenen Khakumons zurückgeblieben. Der glatzköpfige Krieger tauschte einen Blick mit MastoorSershend Dainoras. Das alte Grauhaar gab ihm ein Daumen-hoch. Kharkon nickte. Die Männer verständigten sich per Zeichensprache. Dann krochen sie in verschiedene Richtungen davon.

Er selbst kroch mit Sirobas und Belgon direkt auf das Feuer zu. Näher und immer näher. Die beiden jungen Fenloras merkten nichts. Zwar trugen sie Brustpanzer und die Bein- und Armschienen über Overkneestiefeln und langen Handschuhen, hatten die Helme jedoch abgesetzt. Kharkon erkannte jetzt Einzelheiten. Die Linke war hellhäutig und hatte dunkle Haare in einem kleinen Pferdeschwanz. Die Rechte war eine Südfenlora mit brauner Haut, einer leicht gebogenen Nase und einem langen schwarzen Zopf. In ihrem Seitenscheitel an der Schläfe leuchtete eine hellblau gefärbte Strähne.

Weil ich ein Mädchen bin, dachte Kharkon und grinste unwillkürlich breit. Die zehn anderen Fenloras schliefen, eingerollt in ihre Schlafsäcke. Er achtete besonders auf die Anführerin und die Legilalita, doch beide atmeten ruhig. Vor allem die Unteroffizierin konnte gefährlich werden. Zum Glück war keine Maga bei dem Trüppchen, das hätte das Ganze komplizierter gemacht.

Der Terkonnier signalisierte den beiden Anderen, und die Männer schritten zur Tat, lautlos ihre Latexoogs – lange Hartgummiknüppel – ziehend. Sirobas würde sich Pferdeschwänzchen vornehmen, Kharkon selbst Blausträhnchen, Belgon würde vor Überraschungen sichern.

Die beiden jungen Kriegerinnen, falls man wehrpflichtige 19jährige denn so nennen wollte, sahen das Unheil nicht kommen. Stattdessen schoben sie sich just neue Zigaretten zwischen die knallig geschminkten Lippen, gierig und ungeduldig an den blonden Filtern nuckelnd, da ihr Steichholz im nächtlichen Wind der Ebene seinen Dienst nicht tun wollte.

Die Tabakstäbchen flogen in hohem Bogen davon, beide Mädchen gurgelten, als die Latexoogs präzise ihre Hinterköpfe trafen. Kharkon musterte kurz die Bewusstlosen.

Als hätte er es geahnt – die Legilalita, eine Dame mit langen braunen Locken, von einem schmalen Stirnband gebändigt und leicht gebräunter Haut, erwachte dennoch, erfasste sogleich die Lage und öffnete den Mund zum Alarmschrei, zugleich nach ihrem Katana greifend.

Doch da war noch Belgon. Der dunkelhaarige Hüne galt nicht als Meister der Geistesgaben in ihrem Regiment, doch er war ein guter Krieger. Ein sehr guter. Blitzschnell war er heran, seine große Pranke legte sich auf den Mund der Unteroffizierin und erstickte ihren Schrei, bevor sein Latexoog sich mit ihrem Scheitel traf und sie ins Reich der Träume schickte.

Schon wuchsen die anderen Krieger aus den Schatten auf und platzierten sich rasch bei den übrigen, weiter friedlich schlummernden, Fenloras. Auf Kharkons Zeichen, der sich bei der blonden Anführerin postiert hatte, fassten sie in die Nacken der Damen und legten sie endgültig schlafen, die Technik nutzend, die simpel als Schlafgriff bekannt war und die jeder terkonnische Krieger erlernte, war es Gott Lorn doch wohlgefälliger, ein Weib unversehrt zu fangen als sie zu verstümmeln oder gar zu töten.

„An die Arbeit, Männer, wir haben zwölf Pakete zu packen.“

Schnell und routiniert machten sich die Terkonnier an die Arbeit. So noch darinnen, wurden die Fenloras aus den Schlafsäcken geholt und Rüstung und Uniformen entfernt, bis ihnen lediglich die langen Stiefel und Handschuhe und ihre Unterwäsche blieb. Anschließend wurden ihnen dicke Packen aus zusammengerolltem Amshastoff in die Münder geschoben, die Knebel sodann mit breiten weißen Amshatüchern, die über ihre gut gefüllten Münder gebunden und im Nacken verknotet wurden, gesichert. Zuguterletzt wurden alle mit weißem Seil an Handgelenken, Armen, Brustkorb, Beinen und Fußgelenken umfangreich gefesselt.

Zufrieden betrachtete Kharkon sein eigenes Werk an der schönen blonden Anführerin, einer Alfafelaxa, einem Rang, der ungefähr dem terkonischen Leftnent entsprach. Grinsend löste er ihren strengen Zopf und breitete ihr Haar über ihren nackten Schultern aus.

„Schön, Jungs, wecken wir sie auf. Ist noch Draal da? Vielleicht haben sie auch noch was Leckeres im Proviant, was einem rechten Kerl gefallen mag.“

Die zwölf Gefangenen wurden geweckt. Die Fenloras sahen sich entsetzt um, bäumten sich in den Fesseln auf, zappelten, stöhnten und schrieen in die dicken, dämpfenden Knebel.

Kharkon musterte zufrieden und angeregt die sich windenden Leiber und lauschte den lächerlichen Lauten unter den Knebeln. Dainoras reichte ihm eine Tasse Draal, und er nahm einen Schluck des schwarzen, belebenden warmen Getränks.

„Seid mir gegrüßt, schönste Damen. Willlkommen in der Gefangenschaft der Ingaguntos. Das ist mein Regiment, und wer kein Terkonnisch kann, dem verrate ich gerne, das heißt „Die Unzähmbaren“. Mein Name ist Kharkon und ich bin euer erster Maastor.“

Er zeigte seine blendend weißen Zähne in einem breiten Grinsen. Das Zappeln und die unverständlichen Miteilungsversuche der Gefangenen verstärkten sich.

Noch immer grinsend, wandte er sich an seine Männer:

„Setzten wir sie auf die Khakumons und sehen zu, dass wir nach Hause kommen.“

„Beschaffen sie mir ein paar Slatts zum Verhör,“ hatte Kharkons Collnell ihm befohlen. Hier waren sie, jetzt musste er sie nur noch Heil zurück bringen.

V

Ohiutochlan, Yoltekucza, 30.Juni 2.325, 10.Stunde

„Das kommt überhaupt nicht in Frage, Liebes.“

„Aber Mutter, ich bin eine Oquibal – Bardin meines Volkes – ich MUSS ausziehen und singen und erzählen, Geschichten geben und sammeln. So verlangt es die Tradition der Zunft. Soll ich mein ganzes Leben hier in der Stadt bleiben, immer in den gleichen Suslahäusern auftretend, bis ich vertrockne?“

„Bitte, dann zieh aus und bereise das Land, Du bist alt genug, das wohl will ich zugestehen. Auch gegen die Tradition Deiner Zunft, die Du, nebenbei bemerkt, damals gegen meinen Willen gewählt, will ich mich nicht stellen. Allein, nirgendwo heißt es, Du solltest zum Singen Dein Land verlassen und hinaus übers Meer in die Welt der Blasshäute gehen. Das werde ich auf keinen Fall erlauben.

Denk nur, was alles geschehen kann. Die bleichen Männer halten Frauen als Sklavinnen, Du weißt es. Du vermagst jedoch nicht zu erschauen, bist blind wie ein Slumjiqux, wie schön Du bist, Tochter. Zart und anmutig. Männer werden Dich besitzen wollen, Dich einfach nehmen, Deine Glieder binden, Deine schöne Stimme mit einem Knebel ersticken und Dich schänden. Niemals kann ich derlei zulassen.“

Nahuaxamiqui zog eine Schnute, stampfte gar mit dem Fuß auf. Ihre Mutter schienen derlei Ausbrüche, wie stets, gleichgültig zu lassen wie der Furz eines Gurub-Luk. Ungerührt knetete sie den Teig für den Globaqui-Kuchen.

„Reich mir doch bitte mal die Globaquis, Schatz.“

„Mutter!“

Die junge Yoltekin wandte sich abrupt um, ihre Goldarmreifen klapperten, die Perlen und Fransen an ihrem Ledergewand wippten, Spiegelbild ihrer wirbelnden Emotionen.

Zum Vater wandte sie sich, der mit dem jüngsten Sohne am Tisch saß, ihm die Kunst des Handpuppenschnitzens, des Marnaquibaxel, zu lehren. Der Junge, zarte Fünf, hantierte mit einem Messer und bearbeitete eifrig ein Stück Holz, die kleine Zunge ausgestreckt vor Konzentration. Der Vater beäugte ihn mit Raptoraugen, bereit, eine Verletzung zu verhindern.

Er war der beste Marnaquibal, Puppenspieler und –schnitzer ganz Pokholoquans, und gerne hätte er seine Kunst an seine Lieblingstochter Nahuaxamiqui weitergegeben, jedoch Frauen war diese Zunft verwehrt.

„Vater, so sag Du doch etwas. Ich muß hinaus, die Welt sehen, ich habe es geschworen bei Fixaquukibam, der gütigen Echse der Kunst. Soll ich meinen Schwur brechen?“

Der Angesprochene sah nicht auf, ruhig und sicher korrigierte seine Linke die Schnitzhand des Sohnes.

„Die Globaqui, Schatz.“

Die junge Oquibal ignorierte ihre Mutter, fixierte mit wachsender Ungeduld Vater am Tisch. Der Bardin Mutter seufzte nachsichtig und griff selbst nach der verzierten Holzschale mit den gelben, maisähnlichen Hülsenfrüchten, Hauptnahrungsmittel in Yoltekucza.

Mißtrauisch warf sie ihrem Gatten einen schnellen Blick zu. Er war genau der Mann, ihr in den Rücken zu fallen und der Tochter Launen zu willfahren. War nicht auch er ein Künstler? Sie war gewarnt worden, einen solchen zu ehelichen, doch seinem Lächeln, den schönen Händen und der Güte seine Wesens zu widerstehen, war ihr damals unmöglich erschienen – und war es auch heute noch. Sie lächelte gegen ihren Willen und schüttete die Globaqui in den Teig.

„Vater, bitte, erkläre es ihr. Läßt Du mich im Stich? Deinen Sonnenschein?“

Die kleine Bardin eilte flink an des Vaters Seite, ihn ungestüm herzend. Wie aus einem Traum sah er auf, blinzelte, legte der Tochter einen Arm um den schlanken Leib, seine Rechte strich durch ihr schulterlanges, rabenschwarzes Haar.

„Natürlich musst Du gehen.“

Nahuaxamiqui jauchzte erfreut und drückte ihm einen schmatzenden Kuß auf, die Mutter fuhr herum, funkelte den Gatten zornig an.

„Galitox!“

„Ja, dies ist mein Name, schönste Globaquibäckerin aller Gefilde unter der großen Echse Schirm. Ich sehe, Dich erzürnt meine Ansicht. Laß es mich erklären.“

Er schob die Tochter von sich, die Mutter triumphierend anfunkelte. Halb sah Galitox immer noch nach dem Sohn, der, die Streitereien der Großen nicht achtend, dem tumben Holz das Antlitz eines starken Echsenkriegers zu entringen suchte.

„Sieh, schönes, kluges Weib. Sicher ist es reich an Gefahren, Yoltekucza zu verlassen und die Fremde jenseits des großen Wassers aufzusuchen. Das leugne ich nicht. Gefährlich ist es aber auch hier. Mit jedem Tag mehr, und das weißt Du so gut wie ich.“

Der Mutter edle Stirn umwölkte sich, Sorge und Schmerz statt Ärger brachen sich Bahn.

Widerwillig nickte sie.

„Es heißt, in Ahuatochlan, Stadt der Götter, sei der Echsengott selbst erwacht und wandle unter uns. Sein Hunger ist groß. Schon sind die Krieger, auch aus unserer Stadt, ausgezogen, neue Opfer für die Echse zu erbeuten. Seelen, die auf den Pyramiden geopfert werden. Wer weiß, wie groß der Hunger noch wird? Wann die Familien gebeten werden, ihren stärksten Sohn, die schönste Tochter der Echse zu schenken?

Wie du sagtest, unsere Tochter ist sehr schön, ihre Stimme lieblich. Sehr wohl mag es der Echse gefallen, ihr Herz zu essen, ihre Schönheit zu trinken. Oder einer der Priester oder Priesterinnen wird derlei behaupten, um unsere Tochter selbst zu kosten.“

„Soweit ist es wahrlich noch nicht.“

Leugnung, nicht Einsicht, lag in der Mutter leiser Stimme.

„Mein Gefühl sagt mir, das es so kommen wird, und noch übler mag es werden. Des Gottes Hunger ist unersättlich. Hunger nach Blut, Leid, Macht. Ein finsterer Gott ist die Echse, Du weißt es wohl. Die PriesterInnen in ihrer Gier haben ihn dazu gemacht.“

„Versündige Dich nicht!“ rief seine Gattin scharf, allein die Wahrheit in seinen Worten ließ sie frösteln.

„Wenn die Gier von Priesterschaft und Gott, körperlich hier wandelnd oder nicht, zu voller Entsetzlichkeit erblüht, wüsste ich Nahuaxamiqui gerne weit weg, unerreichbar für der Echse Klaue.“

Nahuaxamiqui schwieg, überrascht von der finsteren Wendung des Gesprächs. Nicht geachtet hatte sie auf die Gerüchte aus der Hauptstadt, zu verdrängen pflegte sie das grausige Schicksal der Opfer ihrer Religion.

Die Mutter kam hinüber zum Tisch, schenkte Nahuaxamiqui einen besorgten, liebevollen Blick, setzte sich dann dem Gatten gegenüber.

„Es schmerzt mich, es zu sagen, allein Du sprichst wohl wahr. So ist es denn beschlossen, unsere Tochter mag ziehen.“

„Juchhuh!“

Die kleine Bardin führte einen spontanen Freudentanz auf, ein Lied stieg in ihr auf. Mutter hob mahnend einen Finger.

„Tochter! Wie aber willst Du fort gelangen aus der Heimat?“

„Nichts leichter als das. In Ahuatochlan gibt es einen großen magischen Reisespiegel der Lavendrer, die mit uns Handel treiben. Er ist neu, die PriesterInnen gaben den Bleichhäuten die Erlaubnis, ihn aufzustellen, überdrüssig des Umweges über die Handelsinsel an der Westküste.“

„Ich verstehe. Sprachen wir nicht gerade davon, wie gefährlich es jetzt in Ahuatochlan ist, unter den Augen der PriesterInnen?“

„Ich werde sie begleiten bis zum magischen Spiegel,“ sprach der Vater und nickte seiner Frau ernst zu.

„Packen muß ich sogleich. Morgen wollen wir aufbrechen.“

Nahuaxamiqi schoß hinaus, überschäumend vor Begeisterung und Lebensfreude. Vater und Mutter sahen sich an. Der kleine Junge krähte, das Messer hatte in einen seiner Finger geschnitten. Rotes Blut quoll über das Holz der Figur. Der Mutter schauderte.

VI

Zakunthi, Phallokratie Terkonnia, 1.Juli 2.325, 8. Stunde

„Schwertbruder.“

„Es tut gut, Dich zu sehen, Turon, mein Clansherr.“

„Hier bin ich allein Dein Frateer Gladion, Degron.“

„Als Clansherr jedoch muss ich Dich sprechen.“

„Lass zunächst die Schwerter sprechen. Wir haben viel zu lange nicht die Klingen gekreuzt.“

„Wohl gesprochen.“

Hochgewachsen, muskulös, selbstsicher waren die beiden Männer, der Blonde und der Dunkelhaarige. Sie schritten durch die breiten Gänge des Palastes, vorbei an farbigen Wandbehängen, in denen Rot- und Schwarztöne dominierten, und die Szenen der Jagd und des Krieges zeigten, Jagd auf die Echsenmonster der Wildnis wie die Frauen der Weibergefilde, Krieg gegen Weiber und fremde Recken. Wachen salutierten vor den Beiden, sie nickten jedem Krieger ernst zu und sahen ihm in die Augen, wie es die Ehre gebot.

Lumas – die schönen, verführerischen Sklavinnen - huschten eilfertig durch die Gänge, gingen sogleich vor ihnen in die Knie. Sie, im Gegensatz zu den Wachen, wurden vollständig ignoriert. Eine Freie Frau kreuzte der Schwertbrüder Weg, tief verschleiert, respektvoll knicksend. Die Männer nickten ihr knapp zu, beiläufig, immerhin mehr, als die Sklavenschlampen erwarten durften.

Es war entschieden, bevor die drängenden Themen für Clan und Reich besprochen wurden, würden zuerst die Klingen sich im Übungskampfe kreuzen. Und so fiel kein Wort mehr zwischen beiden Hünen, bis sie das Gymnasion erreicht hatten.

Andere Männer, nackt bis auf kurze Lederschürze, übten dort, Ringen, Boxen, die tödliche Kante, den Tanz von Klingen und Stäben. Sie alle hielten inne, als der Clansherr und sein Schwertbruder eintraten, salutierten, die geballte Faust gegen rechte Schulter schlagend.

„Haitor, Maastor Clansur!“ erscholl es aus tiefen Kehlen, die nach einem kühlen Eehjl lechzten, doch niemals das Training verfrüht abgebrochen hätten, um die trockenen Gaumen zu netzen.

Clansherr und Schwertbruder erwiderten den Gruß.

„Haitor, Krosus tor Tarl tor Zakunthi!“

Alle Streiter hier waren Zakunthier, und alle dienten der Familie Tarl, dem Haus des Clansherren.

Turon und Degron legten ihre schwarze Lederkleidung und die Schnürstiefel ab, bis auch sie lediglich Lendenschurze trugen. Ihr Brustkorb wie die Arme zeigten kein Körperhaar, im Clan Zakunthi war es üblich, die Körperbehaarung zu entfernen, anders als bei den Hinterwäldlern aus Blektron – Lorn möge sie alle erschlagen – oder Mesapontia – Stiwe Horkink möge Hirn vom Himmel werfen.

Die beiden Zakunthier schritten zu einem der Waffenständer an den Wänden der Halle, wählten zwei gewöhnliche Langschwerter – die Gladion – aus und begaben sich in die Hallenmitte. Respektvoll rückten die Krieger beiseite, hatten ansonsten ihr Training aber wieder aufgenommen.

„Aufs erste Blut.“

Degron nickte zu des Dunkelhaarigen Worten und setzte hinzu:

„Der Unterlegene zahlt das Eejhl.“

Turon lachte kurz auf. Selbstverständlich mussten weder Clansherr noch sein zugeschworener Schwertbruder im Palast der Familie Tarl für das Eejhl zahlen.

Noch einmal nickten sie einander zu, hoben dann die Klingen, verharrten reglos, sich belauernd.

Der Clansherr war der bessere Fechter, doch seine Pflicht ließ ihm wenig Zeit zum Üben. Degron, in jüngster Zeit zumeist in Gromien an der unruhigen Grenze zu den Schlampen aus Fenlora weilend, hatte frischere Schwielen an der Klingenhand. Jedoch war er gewöhnt, die Übungen mit kleineren, schmächtigeren Kriegern zu vollziehen, ein allgemein üblicher Trick an der Front, der helfen sollte, sich besser auf die weiblichen Gegnerinnen, die ebenfalls in der Regel kleiner und schwächer, aber oft flinker waren, einzustellen.

Plötzlich zuckte Turons Klinge vor, Eröffnungszug eines gnadenlosen Angriffs, dem ersten Stoß folgte Schlag auf Schlag. Degron, sogleich in der Defensive, ließ den Schwertbruder kommen, wehrte nur ab. Typisch, dass der Clansherr die schnelle Entscheidung suchte. Hatte er so nicht, Lordcenturion des Reiches, vor zwei Jahren in Gromien den Sieg über die Legionen der Schlampen errungen, Fundament des Waffenstillstandes, der immer noch hielt?

Doch nun war ein anderer Lordcenturion, und Sorge erfüllte Degron bei dem Gedanken. Diese Sorge hatte ihn vom Posten im Osten hergezogen an die Seite Turons.

Abgelenkt, hätte Degron fast das erste Blut gegeben, doch gerade noch parierte er den schnellen Hieb des Dunkelhaarigen. Der Tradition war Genüge getan, sie mußten reden. Degron erspähte die Lücke in den Kombinationen seines Clansherren und stieß zu. Turon parierte, doch nun lag die Initiative beim Blonden.

Drei-, viermal noch klirrte Stahl auf Stahl, dann netzte Blut Degrons Klinge.

Beide traten zurück und nickten sich zu. Turon zeigte ein schmales Lächeln und besah sich kurz den Schnitt an seiner rechten Schulter. Blut sickerte über seine bloße Brust.

„Du musst mehr üben.“

Degron grinste breit.

Des Clansherren Antlitz verdüsterte sich kurz. Er verlor nicht gerne, welcher Krieger Lorns tat derlei schon gerne?

„Du sprichst wahr, Degron. Allein, mir fehlt die Zeit. Doch ich sollte sie mir nehmen. Ein Clansherr, der das Gladion nicht zu führen versteht, versteht auch den Clan nicht zu führen.“

„Oder das Reich.“

Turon sagte nichts darauf, reichte dem Blonden sein Gladion, wandte sich ab und schritt zu einer der Wände, wo er aus einem Regal einen Tiegel mit Heilsalbe und ein Tuch hervorholte. Degron folgte ihm hinüber, stellte kurz die Klingen zurück in den Ständer. Einer der Buben in Ausbildung würde sie später reinigen und schärfen.

Während der Dunkelhaarige seine Wunde versorgte, musterte Degron ihn offen. Eine Welle der Liebe und des Stolzes, Turons Klingenbruder zu sein, stieg im Blonden auf. Turon, mit Mitte Zwanzig bereits Clansherr, bald darauf Lordcenturion, Sieger von Trokko-Enpp, nun auf dem Weg zum Diodarchor, dem Herrscher aller terkonnischen Clans, war die Hoffnung seines Volkes. Nun Anfang Dreißig, strotzend vor Kraft und Entschlossenheit, ein zupackender Kämpfer, ein kühler Rechner, ein Reformator für ein Land, das dringend der Reformen bedurfte, das eines Führers bedurfte, der die Weiber aus Fenlora zu stoppen verstand. Und kein bärtiger, stinkender Sadist aus den lornverlassenen Bergen Blektrons würde das verhindern können. Durfte das verhindern. Turon musste Diodarchor werden, für Terkonnia, ja ganz Terklora.

Turon legte sein Gewand wieder an, griff nach den wadenhohen Stiefeln. Degron erwachte aus seiner Erstarrung und tat es ihm gleich.

Der Clansherr Zakunthis, des edelsten Clans Terkonnias, straffte sich und knurrte:

„Gehen wir, unser Eejhl wartet. Ich zahle.“

Die Luma war sehr schön, groß und schlank, mit vollem Busen, vom seidenen Brusttuch geschickt betont, ihr Haar lang und golden. Anmutig balancierte sie das Tablett, setzte die Eejhlkrüge vor den beiden Männern ab, kniete nieder, den Kopf demütig gesenkt.

Wohlgefällig ruhte Degrons Blick auf der Blonden.

„Sie gefällt Dir, Schwertbruder?“

„Ein schönes Stück Weib, fürwahr.“

„Diese Nacht sei sie Dein. Luma, melde Dich zur 20.Stunde in des Domimaastors Büro und lasse Dir Maastor Degrons Gemach zeigen. Du gehörst diese Nacht ihm.“

„Ja, Maastor.“

Die Sklavin wagte einen Blick hoch zu dem Blonden. Wohl gefiel ihr der mächtige Recke, seine Muskeln, sein männliches Gesicht.

Die Männer lachten.

„Die Luma scheint zufrieden mit ihrem Auftrag, Degron.“

„Das wohl, bei Lorn. Ich werde sie nicht enttäuschen.“

„Geh nun, Luma.“

Tief beugte die Schöne den Kopf, sprang dann auf und glitt mit wiegenden Hüften davon. Kurz noch ruhte Degrons Blick sinnend auf ihrer Kehrseite, bevor er sich dem Eeehjl widmete. Die Zakunthier tranken, schwiegen eine Weile.

Dann hob der Clansherr an:

„Was gibt es nun Neues in Gromien? Die Front ist ruhig, meldet man mir. Gar zu ruhig?“

„Ebendies, will mir scheinen. Es geht etwas vor bei den Schlampen, Spione und Späher melden Bewegungen, neue Einheiten, Vorratslager. Allein, ob defensiv oder offensiv der Weiber Absichten, ist uns noch nicht klar. Schwer getroffen hast Du sie, Bruder, und immer noch lecken sie ihre Wunden.

Anderes macht mir mehr Sorgen. Der Lordcenturion verbringt mehr Zeit in der Kigowoll bei der Spinnenjagd und, schlimmer noch, an des Blektroners pleckverseuchter Tafel als in seinem Hauptquartier.“

„Nie hätte der Megalloner das Amt erhalten dürfen. Eher hätte ich erneut antreten sollen.“

„Und des Kampfes um das Diadem des Diodarchors entsagen sollen? Nein, Turon, recht gehandelt hast Du. Der Megalloner mag nicht viel nützen, doch bist Du erst auf dem Thron zu Kalantia, wird er bedeutungslos sein.“

„Was tut sein Stellvertreter, der Ammikmander zu Troko-Enpp?“

„Nicht, was er sollte. Bastet und säuft, und lässt Paraden abhalten. Auch ist er sehr beschäftigt, seinen Clienten Konzessionen und Güter zu verschaffen. Unpolitisch ist er, den Blektroner schätzt er nicht, allein Fondsons Gier bestimmt sein Handeln und die Launen seiner Eier.“

„Ich spüre Dorns Hand auch hier. Der Megalloner ist Dorns Mann bis ins Mark, und er hat den Kmander ernannt. Geben wir, das kein neuer Krieg zunichte macht, was auf den Felder Troko-Enpps mit Blut unserer Recken gewonnen.“

„Ein neuer Waffengang wäre fatal. Zwölf Regimenter hat der Megalloner abgezogen und heimgeschickt. Die Kosten für der Gromier Wirtschaft zu senken, deren Ertrag zu steigern, so sein Argument. Gut an kommt dies bei Quart Hashtern wie Nedrionern, wie man hört.“

„Gestritten hab ich im Rat, Degron, geredet wie ein Weib, bis meine Zunge fransig war. Sie wollten nicht hören. Ich brauche beider Clans Stimme, so war ich zum Nachgeben gezwungen, als sie eisern blieben.“

„Kurzsichtig ist die Politik der Clans, und jeder tut, was ihm gefällt. So wird Fenlora uns überrennen, sobald die blonde Slatt auf dem Zarijathron ihre Vorbereitungen abgeschlossen hat.“

„Ja, ändern muss sich des Reiches Verfassung, und rasch. Sollte ich den Thron erringen, werde ich dafür streiten, so heiß und entschlossen wie auf Troko-Enpps blutigen Auen.“

„Ai, dessen bin ich gewiss, Clansherr und Schwertbruder. Doch wird es nicht zu spät sein? Wie viel Zeit wirst Du haben? Die Zarija hat ihr neues Wehrgesetz letzten Monat verabschiedet. Das gibt ihr ab nächstem Sommer 36 neue stehende Legionen, und Du kannst wetten, in Gromien werden sie disloziert, nicht an des Zylevers Wüstengrenze oder den Bergen Rayatshas. Alura bereitet ihn vor, den großen Schlag, mit aller Macht.“

„Die blonde Slatt hat ihre eigenen Probleme. Der Weiber Kauffrauen Begeisterung für einen totalen Krieg hält sich sehr in Grenzen. Mächtig sind sie geworden in den letzten Jahrzehnten. Andere Orden tanzen nach ihrer Pfeife, hoch verschuldet bei Ihnen.“

„Und doch, schmerzen muss es die Shakeshas, die reichen Minen Mittelgromiens in unserer Hand zu wissen. Die Preise für magische Kristalle, und damit auch Artefakte im Zarijat sind gestiegen, Inflation erhebt das garstge Haupt.“

„Die Zarija sucht bereits nach anderen Quellen für die Steine der Kraft. Neue Minen hoch im Norden gibt es, die Vorräte dort schier unerschöpflich.“

„Indes, die Infrastruktur fehlt in den eisigen Weiten. Gromien hat sie, direkt vor ihrer Nase, bewacht nur von wenigen Regimentern, deren Training eingeschränkt, deren Kampfeswille geschwächt.

Auch kommt mir weiteres in den Sinn, die Kauffrauen der Slatts betreffend. Das Wachstum ihrer Sklavenwirtschaft hält an. Groß der Bedarf an Arbeitern, billig und stark. Wenn sie den Norden erschließen wollen, müssen Strassen, Brücken, Festungen her, Arbeiter für die Minen. Kräftige Sklaven müssen es sein, keine verzärtelten Mieps eigener Züchtung. Kriegsgefangene Terkonnier, errungen in neuen Schlachten an der Front.“

„Ich stimme Dir zu, Degron, all dies will bedacht werden. Angesichts der Versäumnisse an der Front, bin ich froh, dass Du im Hauptquartier des Dosdremers weilst, ihm auf die Finger zu sehen.“

„Beobachter unseres Clans nur bin ich, keine Befehlsgewalt steht mir zu.“

„Du bist Mejdshor der Ingaguntos. Das Regiment ist noch am gleichen Standort, direkt beim Hauptquartier?“

„Ja, der Idiot aus Dosdremi lässt ein ganzes Battlon täglich durch die Strassen paradieren. Die Einwohner machen sich schon lustig über unsere stolzen Recken.“

„Gromier … kein Mark in den Knochen. Fleißige Arbeiter und Händler sind sie, die Frauen schön wie Lorns Lumas selbst, doch eher wird sich die Zarija mir freiwillig als Luma darbieten, als dass ein Gromier ein rechter Krieger wird.“

„Eines Tages wird sie gebunden und in einen Knebel wimmernd vor Dir sich winden, diese Zarija.“

„Lorn gebe es. Ich sann schon oft darüber nach, ob sie zu entführen nicht vieles einfacher machen würde. Fähig und entschlossen ist sie, ein starkes Weib, zu gefährlich als Gegnerin, um ruhig zu schlafen. Nimm dazu ihren Hass…“

„Es heißt, ihre Eltern wären entführt worden, als sie noch klein war, von Terkonniern.“

„Ja, von Fängern aus dem Haus Porst zu Quart Hashta.“

„Ach, deren Anwesen vor drei Jahren abgebrannt, alle Männer des Hauses gemeuchelt von den SET, möge Lorn sie alle verschnüren?“

„Mich überrascht, dass Du den Zusammenhang jetzt erst siehst.“

„Ich wusste nicht von der Verbindung. So hat sie also ihre Rache vollzogen?“

„Hüte Dich vor der Rache wie der Zunge einer Frau.“

„Sorge dafür, das ihre Fesseln stramm und ihr Knebel dick sind,“ zitierte Degron automatisch die traditionelle Antwort.

„Ist sie nicht damals im Waisenhaus aufgewachsen?“

„Geflohen von dort ist sie mit elf Jahren, lebte in der Gosse, von Diebereien und dem Abfall der Wohlhabenden.“

„Eine solche als Zarija… groß muss der Dünkel der Ordensräte sein.“

„Allen Vorurteilen zum Trotz können die Slatts recht pragmatisch sein. Eine fähige Herrscherin ist sie, stabil das Zarijat unter ihren Händen. Die niederen Orden lieben sie, gilt sie doch als eine der Ihren.“

„Ein Mädchen aus der Gosse, adoptiert von ihrer Vorgängerin auf dem Thron. Wie hat diese in Alura nur die Herrscherin erkannt?“

„Einsam und hart ist das Leben ganz unten. Nicht anders als auf dem Gipfel.“

Degron nickte, trank vom Eejhl. Einsam war der Clansherr, Degron wusste es wohl. Vorbei die unbeschwerten Tage, da sie von der Zukunft als große Krieger geträumt und durch die Strassen Zakunthis gestreunt waren, um Lumas unter die kurzen Kleidchen zu blicken.

Die Nähe, die früher zwischen ihnen war, war einem distanziertem Respekt gewichen.

Aber so musste es wohl sein, Clansherr war der Freund jetzt, Diodarchor würde er werden, so alles gut ging. Hieß es nicht, auf dem Gipfel ist es immer einsam?

Merkwürdig, am Ende hatte Turon mit der blonden Schlampe auf der Weiber Thron mehr gemein als mit seinem zugeschworenen Schwertbruder.

„Sag, wie stehen die Dinge im Rat? Wird Raliras abtreten, den Weg für eine neue Wahl freimachen?“

„Es ist nicht verkündet, jedoch bereits beschlossen.“

„Die Mehrheitsverhältnisse?“

„Wäre morgen Wahl, dürftest Du mich Diodarchor nennen. Allein, es ist die Rede von einem Kompromiss, die widerstreitenden Parteien zu einen. Der Quart Hashter hat Jasperas von Galveka ins Spiel gebracht.“

„Jasperas? Besser als Dorn, aber wer wäre das nicht? Dennoch, das darf nicht geschehen. Alles beim Alten belassen würde der Meister der Khakumons, auf Ausgleich und die alten Wege ist er bedacht.“

„Manche meiner Verbündeten könnten ihn favorisieren. Ich gelte als allzu begierig auf Veränderungen, die jedem Clan Einschnitte in seine Privilegien bringen würden. Der Quart Hashter verzeiht mir nicht, dass er mir bei der Wahl des Lordcenturions unterlegen war. Deshalb würde er noch lange nicht zu Dorn überlaufen, wahnsinnig ist er nicht, doch Jasperas ist seine Idee, und er wird andere Clansherren überzeugen. Eine flinke Zunge hat er.“

„Er ist Quart Hashter, Eierdiebe allesamt.“

Degron spielte auf Quart Hashtas Wappentier, den Gasgyptosaurier – Eierdieb auf Terkonnisch – an. Turon nickte nur knapp, als hätte der Schwertbruder geäußert, alle Frauen sehnten sich heimlich nach Sklaverei – wovon nahezu jeder Terkonnier überzeugt war.

„Ich muss sehen, ob ich den Galveker überzeugen kann, zu verzichten. Er liebt sein Reittiere und Stallungen mehr als die Politik. Wer will es ihm verdenken. Ein Gelage, gutes Eejhl, ein saftiges Kriegerschnitzel, schöne Lumas, ein Ausritt unter den Sternen – ich werde etwas plaudern von der Last der Verantwortung, den Schwierigkeiten des Reiches, der Mühsal der Politik. Vielleicht überlegt er es sich dann noch einmal.“

„Ich laufe Gefahr, Dich tödlich zu beleidigen, doch Du bist verschlagen wie ein Weib.“

„In meinem Metier ist das leider ein Kompliment, bester Degron, und als solches nehme ich es, wenngleich ich Dich lieber mit dem Gladion bezwungen hätte. Der offene Kampf erfreut des Streiters Herz, nicht die Intrigen der Machtkämpfe. Doch es muss getan werden. Ich habe die Lage geprüft, die Optionen gewogen, und meinen Entschluss gefällt. Ich nehme die Herausforderung an.“

„Für Terkonnia.“

„Für Terkonnia. Darauf noch ein Eejihl. Luma!“

VII

Zentral-Ki-Tan-Feng, 2.Juli 2.325, 11.Stunde

Die Gen-Katong – Mutter der Schwerter und damit höchste Priesterin des Tempels der vollendeten Kriegskunst – saß im Schneidersitz in der kleinen, schlichten Kammer.

Shia-Ling Zen schloß leise die Tür und verneigte sich tief. Sie trug nur die kurze schwarze Amsha-Tunika und Amshahosen, ihre Füsse waren bloß, das lange schwarze Haar zum strengen Knoten gefasst.

„Setz Dich, Tochter des Schwertes.“

Die junge Schülerin gehorchte.

Schweigen breitete sich aus. Ungeduld war eine Sünde, eine Schwäche. Shia-Ling wusste das. Es war IHRE Schwäche, und das wiederum wusste die Gen-Katong.

Die junge Ki-Tan-Feng bezähmte sich, rief sich ihre Übungen ins Gedächtnis, suchte ihr Ki, den Kern ihrer Seele, von den Großnasen des Westens Aura genannt.

Gedämpft durch die dicken Mauern des Klosters drang schwach Schwerterklirren in die Kammer. Über 100 Schülerinnen beherbergte das Kloster, zumeist adlige Töchter, die hier den Umgang mit Katong und den waffenlosen Kampf erlernen sollten, und vor allem, Diziplin und Geduld. Eins sein mit dem Ki, genügsam, wartend, wie der Raptor auf die Beute.

Schwer fiel das heutzutage den jungen Hochgeborenen, aufgewachsen in üppigem Überfluß, früh von dekadenten Vergnügungen gesättigt, immer auf der Jagd nach neuem Spaß und neuer Aufregung.

Hierin wenigstens unterschied sich Shia-Ling von den Anderen. Ihre Mutter schätzte die alten Wege, und mied den Sündenpfuhl Poi-Xang, die Hauptstadt, Sitz der Enshi-Shilu, wie das Fuwupp-Mupp den Kochtopf einer Garküche. Gleiches galt für ihre Töchter, ob sie wollten oder nicht. Aufgewachsen war Shia-Ling in der ruhigen, bescheidenen Atmosphäre des abgelegenen Landhauses ihrer Familie, doch ihr Temperament und ihr Tatendrang hatten sich schlicht Anderem zugewandt. Kein Baum, den sie nicht erklettert, kein Weg, den sie nicht erkundet, kein Khakumon auf dem Gut, dass sie nicht geritten hätte. Xoiki-Sha, Wildfang, hatte ihre Mutter sie immer gerufen. Bücher, die alte Rechenkunst, die Gesetzeswerke, all dies hatte den kleinen Xoiki-Sha stets mit Abscheu erfüllt. Und so, obschon nur dritte Tochter des Hauses, war SIE es gewesen, die zur Raxu, einer Kriegerin, herangebildet werden sollte, die das schwarze Leder, die hohen Overkneestiefel der bewaffneten Macht der Enshi-Shilu tragen sollte.