Joe Forrest - Meine Geschichte - Kay Fischer - E-Book

Joe Forrest - Meine Geschichte E-Book

Kay Fischer

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Beschreibung

Co-Pilot Joe Forrest überlebt als einziger einen Flugzeugabsturz im Meer. Tagelang treibt er im Ozean, klammert sich an einer Metallfläche fest. Eines Tages erwacht er an Land – und ist gefesselt … »Kay Fischer bringt das anspruchsvolle Thema ausdrucksstark und mit bildreichen Worten zur Geltung.«

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Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Anmerkung zur Sprache der Ureinwohner

Im Text wurde eine Mischung aus »Swahili« und einer eigenen, erfundenen Sprache verwendet. Der Autor hat es lange für richtig befunden, am Ende ein vollständiges Wortregister aufzuführen, sich am Ende jedoch (mit einer Ausnahme im mittleren Teil) dagegen entschieden, damit sich der Leser besser in die Situation des Protagonisten hineinversetzen kann. Der Autor empfiehlt, der Geschichte zu vertrauen …

Für Vepirr …

Die Geschichte, die ich erzähle, ist eine besondere. Vielleicht haben Sie schon einmal eine ähnliche gelesen oder gehört, aber diese hier ist anders. Sie ist das Zeugnis einer unglaublichen Reise – kurz gesagt: Es ist meine Geschichte.

Inhaltsverzeichnis

1. Teil - Buenos Aires

Der Start

Flug 528

Allein

2. Teil - Haaa-Famm …

Pan-Pan

Das Ritual

Der Scheiterhaufen

Sita

Feuerbaum

Der schaurige Wald

Ndugu

Der Angriff

Das Geschenk

Der Aufbruch

3. Teil - Der nächste Tag

Die Suche

Tapir

Das Quartett

Das letzte Kapitel …

Epilog

Register

Nachwort des Autors

1. Teil Buenos Aires

Mein Name ist Joe Forrest. Ich bin der Sohn eines Gärtners und bin 35 Jahre alt. Warum ich das erwähne? Vielleicht, weil ich gerade aufwache und mir den Schlaf aus den Augen reibe. Vielleicht, weil ich jeden Tag damit beginne, mich zu finden oder gar neu zu erfinden, jene Orientierungslosigkeit abzutragen, die mich nach kurzem Schlaf empfängt.

Es ist die vierte Stunde eines schwülen Dienstagmorgens, als ich mich aus dem Bett raffe und zum Frühstückstisch trotte. Mit noch halbverschlossenen Lidern koche ich mir einen Kaffee, belege Brötchen mit Schinken, Käse, Wurst, Marmelade und Ei. Ich hasse dieses Frühstück, hatte mir schon längere Zeit vorgenommen, meine Ernährung auf gesündere Kost umzustellen. Aber die Bequemlichkeit war immer stärker als der Wille – morgen ist doch auch noch ein Tag, oder übermorgen … es fanden sich immer Gründe, etwas aufzuschieben, nicht zuletzt auch deshalb, weil mein Berufsleben ohnehin schon von ständigen Veränderungen begleitet ist –Verpflichtungen, die wichtiger sind; und so bin ich doch bei diesem deftigen Frühstück geblieben.

Nach der Mahlzeit lasse ich noch einmal meinen Blick durch die kleine Bleibe streifen, die ich vor Kurzem angemietet hatte: ein Appartement im dritten Stock mit Aussicht auf einen halbwegs begrünten Hof, in dessen Mitte Mülltonnen von Kakteen umringt sind. Zwei Kinder spielen, halten aber Abstand zu den stacheligen Gewächsen, bis sich ihr Ball dann doch darin verfängt.

Ich greife meinen Aktenkoffer, setze die weiße Mütze auf und ziehe hinter mir die Wohnungstür zu, die scheppernd einrastet. Endgültig klingt das Geräusch, aber ich hänge dem Gedanken nicht weiter nach.

Beschwingt laufe ich die Treppe hinunter, denke an den Clark, mit dem ich die nächsten Stunden verbringen werde – vor allem freue ich mich auf Lucy, meine heimliche Flamme, mit der ich schon oft vielsagende Blicke ausgetauscht hatte. Bislang habe ich es leider nicht fertiggebracht, ihr meine Liebe zu gestehen – doch eine innere Stimme mahnt mich, es heute endlich zu tun, weil jeder Tag, an dem man kein Wagnis eingeht, ein verlorener Tag sein könnte. Und wie viele es davon für mich noch geben wird, weiß bestenfalls der Himmel.

Auf der Straße tobt das Leben: Zahlreiche Fußgänger irren durch die Stadt, als fürchteten sie ein Unwetter, vor dem sie sich sofort in Sicherheit bringen müssten. Mindestens genauso viele Autos rauschen über den Asphalt, der schon jetzt wegen der Hitze merkwürdig riecht und mich deshalb fast an Lakritze erinnert. Als wäre es das erste Gebot, hupen die Fahrer, um sich Platz zu verschaffen oder anderen eine Rüge zu erteilen. Überall Abgase … Buenos Aires, die Metropole, die vor Menschen nur so wimmelt und einem panischen Ameisenhaufen gleicht; was für eine Ironie, dass sie wörtlich übersetzt »gute Lüfte« heißt.

Das Taxi bringt mich zum Flughafen. Sollte ich für Lucy noch eine Blume kaufen? Das würde sie bestimmt überzeugen. Gott sei Dank habe ich genug Zeit eingeplant – ein Pilot muss seine Maschine vorher immer genau überprüfen! Es gehört zum Plan, eine kleine Verspätung bereits einzukalkulieren, um im schlimmsten Fall noch halbwegs pünktlich zu sein …

Ja, am besten eine Vogelblume! Jenes Gewächs, das mir schon früher als Bindeglied zwischen Botanik und Aerodynamik, zwischen Erde und Luft erschien – was passt besser für die Flügel der Liebe als diese schöne Pflanze?

Am Flughafen angekommen vergesse ich die Pflanze gleich wieder, da ich mir vor Menschenmassen kaum einen Weg bahnen kann. Man könnte meinen, die ganze Welt sei unterwegs. Flughäfen üben eine starke Anziehungskraft aus: Hier trifft sich die Welt, hier startet man, um später auf der anderen Seite der Erde zu landen und dort weiter zu wirken. Hier hat alles seinen Ursprung. Dabei spielt es keine Rolle, wie groß Flughäfen sind; allein ihre Funktionen sind es, die sie zu etwas Besonderem machen, zum Schlüssel der Welt werden lassen.

Man könnte meinen, dass jeder Flieger so empfindet, aber das ist ein Irrtum. Viele gehen da recht gleichgültig heran, steigen ins Cockpit und spulen ihre Arbeit ab. Ich hingegen konnte mir solche Gedanken bewahren, was mir den Ruf eines Träumers einbrachte.

Im Sekretariat werde ich gleich mit Neuigkeiten versorgt, während die Telefone klingeln und Faxgeräte rattern.

Die Gespräche verlaufen hektisch, »Medizin« kann ich aufschnappen, dann noch etwas mit »Antibiotikum«.

»Da sind Sie ja, Mr. Forrest. Es gibt eine Änderung: Der Käpt’n ist krank geworden.«

»Der alte Clark?«

»Ja, er liegt im Krankenhaus.«

»Ach … was hat er denn?«

»Irgendwas mit dem Magen – könnte länger dauern.«

Ich nicke. Ausgerechnet Clark!

»Sie bekommen einen neuen Käpt’n, und zwar, Augenblick … Mr. Feuerbaum«, erklärt man mir, »er wird in einer halben Stunde hier sein. Der Flug verzögert sich damit ein wenig, alles andere bleibt aber wie geplant.«

Ich nicke und sage nur »okay«.

Eigentlich will ich etwas ganz anderes sagen, so in der Art wie »zum Teufel mit dem Alten«. Feuerbaum ist so ziemlich der Letzte, den ich erwartet, geschweige denn mir gewünscht hätte! Ich kenne ihn noch aus meiner Ausbildungszeit. Er war die Sorte Ausbilder, die ihre Schüler gerne quälten. Fachlich konnte ihm niemand das Wasser reichen. Manche behaupteten sogar, er wäre in der Lage, vorne das Flugzeug ohne Automatik alleine zu fliegen und achtern nebenbei noch den Auspuff zu putzen. Wenn Feuerbaum erschien, breitete sich rings-herum immer respektvolle Stille aus.

Es war damals eine harte Schule. Er hat von uns immer wieder verlangt, Notsituationen auswendig zu lernen, sie gewissermaßen einzuatmen. »Lernt landen!«, hat er immer gesagt.

»Das Wichtigste beim Fliegen ist das Landen!« – natürlich klappte das alles erst nach vielem Üben. Doch was heißt schon »klappte«? Feuerbaum hatte immer etwas auszusetzen. Mir hatte er dann ein rohes Ei ins Cockpit geklemmt. »Das will ich heute Abend noch essen!«, knurrte er. Irgendwann begann ich, mir eine eigene Eiersammlung zuzulegen, um das Ei notfalls auszutauschen.

Feuerbaum roch den Braten aber recht bald, sodass er mir nur noch »signierte« Eier unter den Sitz steckte. Wenn man schließlich die Eierprobe bestanden hatte, paffte Feuerbaum seinem Schüler eine dicke Wolke ins Gesicht. »Sie müssen noch viel lernen!«, knurrte er dann, obwohl man seine Sache eigentlich sehr gut gemacht hatte. Der Alte war starker Zigarrenraucher. Kleine oder größere Schikanen gehörten zum Alltag, da war der Qualm das Wenigste.

Unsere Airline konnte sich bald nur noch wenige Maschinen leisten und musste Personal einsparen. Man hatte seinerzeit damit begonnen, ältere Piloten auszumustern – jedenfalls solche, die man für alt hielt. Ich fragte mich damals schon, warum Feuerbaum trotzdem bleiben konnte. Aber die Antwort darauf ließ nicht lange auf sich warten: Feuerbaum war nicht nur anerkannt, ihm gehörte auch die Airline. Zumindest zu einem gewissen Teil – und wer kündigt sich schon selbst?

Ich rühre meinen Kaffee um und blicke durch das Bürofenster hinaus. Überall wird gearbeitet: einladen, ausladen, transportieren, prüfen, miteinander sprechen, sich auf den Flug vorbereiten. Durch die Glastür sehe ich die Passagiere: Frauen, Männer, Kinder – manche in bunten Kleidern, Anzügen, andere mit Bärten und Brillen. Die Kinder sind besonders aufgeregt, zappeln herum, während ihre Eltern versuchen, sie entweder zu beruhigen oder mit intensivem Zeitungslesen zu ignorieren. Andere trinken Kaffee, wieder andere wühlen ihr Handgepäck durch wie auch der kräftige Kerl dort, der seinen Rot-Kreuz-Koffer nicht aus den Augen lässt.

Die Tür geht auf; ich spüre den Alten schon von weitem. Ich weiß nicht warum, es muss wohl so etwas wie eine Schwingung sein, die mein Unterbewusstsein erreicht. Eine Aura von strotzendem Selbstbewusstsein umwebt ihn. Dann steht er vor mir – breitbeinig, ernst.

»Na, da sind Sie ja! Und? Schon ausgeschlafen?«

Ich nicke stumm, da ich – zum Schein – an meiner Kaffeetasse nippe. Von wegen »da sind Sie ja« – als ob ich gerade zur Tür hereingekommen wäre.

Der Alte mustert mich. »Als ich in Ihrem zarten Alter war, da habe ich ganz andere Dinge gemacht! Ich habe Kirchenblätter ausgetragen und bin erst dann zum Airport gefahren. Und Sie? Sie haben sich bestimmt nur ausgeruht und in die Sterne geguckt, nicht wahr?«

Sein »nicht wahr« klingt herausfordernd.

»Ja, natürlich«, entgegne ich, nachdem ich die Tasse auf den Tisch abgestellt habe, »ein Pilot sollte sich doch immer vor einem Flug ausruhen – oder etwa nicht?«

Feuerbaum wirft seine Aktentasche mit Wucht auf den Stuhl, der sich um seine eigene Achse dreht. Die Tasche ist prall gefüllt, was wohl Eindruck schinden soll. Dann schaut er mich an, als hätte ihm jemand ins Essen gespuckt. Meine Güte, ich kann doch auch nichts dafür, dass der alte Clark flachliegt.

»Den wahren Piloten erkennt man nur in der Krise«, sinniert er, während er zum Deckenventilator schaut, dessen Geräusch mir erst jetzt auffällt. »Erst unter Stress zeigt sich, ob eine Ausbildung wirklich etwas getaugt hat!«

Ich atme tief durch – keine Ahnung, warum er mir das jetzt sagt.

»Na, da brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen, da Sie mich ausgebildet haben!«, kontere ich.

Feuerbaum schweigt. Offenbar hat er das vergessen. Er schlägt gerne mit irgendwelchen Phrasen um sich, um andere einzuschüchtern – etwas, was eigentlich nicht zum klassischen Bild eines Flugkapitäns gehört. Man stellt sich da immer einen souveränen, starken, in sich ruhenden, dennoch mutigen Mann vor, dessen Schläfen leicht ergraut sind und dessen Gesicht einige Falten hat. Immerhin treffen die beiden letzten Eigenschaften auf Feuerbaum zu.

Wir gehen aufs Rollfeld. Unser Baby heißt »Konrad Lorenz« und ist nach dem Vogelforscher benannt, der das Verhalten von Gänsen beobachtete. Das passt insofern gut, da wir eine deutsche Airline sind, die in Buenos Aires eine Zweigstelle eröffnet hat. Unsere Maschine ist nicht mehr die jüngste, aber sie tut ihren Dienst noch recht gut. Die Turboprop-Maschine hat bislang niemanden enttäuscht und ihre Ziele auch immer erreicht.

Turboprop bedeutet, dass das Triebwerk aus einer Kombination von Propeller und Turbine besteht. Die Turbine überträgt ihre Kraft auf den Propeller, der den Schub erzeugt, indem er Luft ansaugt. Dadurch können unter Umständen nicht nur 80 Prozent der Schallgeschwindigkeit erreicht werden, der Kraftstoffverbrauch ist zudem geringer als bei reinen Turbinentriebwerken; so etwas freut unsere Geschäftsleitung.

»Na, können Sie das Baby überhaupt fliegen?«, fragt mich Feuerbaum, als ich eine Außenklappe überprüfe.

Was für eine blöde Frage. Weiß er denn nicht, dass ich zwischenzeitlich bei einer anderen Airline gearbeitet und schon ganz andere Maschinen geflogen habe? Diesen alten Kasten kann doch jede Schwalbe steuern!

Ich schaue ihn an. »Wissen Sie was? Sie können mir ja wieder ein Ei unter den Sitz klemmen, dann wissen wir es. Möchten Sie das Ei lieber hart- oder weichgeritten? Wir können das Ei auch gerne zusammen signieren!«

Mein Ausweichmanöver kommt nicht gut an.

»In San-Pedro werde ich wissen, wie gut Sie wirklich sind!«, grunzt er und überprüft dabei eine Lampe. Dann stößt er mehrmals mit dem Fuß gegen die Reifen und macht ein verkniffenes Gesicht. Mir war schon früh klar, woher seine Falten kommen …

»Stimmt eigentlich der Luftdruck?«, knurrt der Alte.

Ein Techniker überprüft die Reifen mit dem Messgerät. Er tut dies sehr konzentriert und vermeidet so den Blickkontakt mit Feuerbaum. Jeder hier ist schon einmal mit ihm in Streit geraten.

»Luftdruck stimmt!«, entgegnet der Techniker kurz angebunden und verschwindet, als hätte man ihn gerade dringendst abberufen.

Feuerbaum winkt ab. »Die immer mit ihrer Technik! Ich vertraue lieber meiner Erfahrung und der Intuition! Das ist das Allerwichtigste, Forrest!«

Ich nicke nur. Feuerbaum geht um die Konrad Lorenz herum und lässt seinen kritischen Blick umherschweifen. Ich bleibe stehen und schaue die Maschine an – so ein schöner Vogel! Die Maschine mag alt sein, aber sie hat nichts von ihrer Eleganz verloren. Wie viele Landebahnen, Wolken sie schon gesehen hat, wie viele Strecken sie geflogen ist … wie stolz sie ist! Und so seltsam das auch klingt: Zwischen Pilot und Maschine existiert ein unsichtbares Band des gegenseitigen Vertrauens.

Der Start

Lucy, die Stewardess, empfängt uns in der Maschine und reicht die Passagierliste herüber. Eine tiefe Wärme durchdringt mich, als ich in Lucys Augen blicke … hier steht die Lady, für die ich so schwärme und für die ich mein letztes Hemd geben würde. Da fällt mir wieder die Vogelblume ein, die ich für sie besorgen wollte – verdammt, jetzt ist es zu spät. Zu allem Übel bekomme ich erstmal kein Wort heraus, so sehr schwillt der Kehlkopf an, was wahrscheinlich noch von der Gegenwart des Alten begünstigt wird.

Als Lucy seinerzeit in der Gesellschaft zu arbeiten anfing, wurde mir schnell klar, dass sie die Richtige für mich sein muss. So etwas kann man nicht erklären, das fühlt man: Ein Blick, eine Geste, ein Lachen – zumindest habe ich es so empfunden. Gerade hole ich Luft, um sie etwas zu fragen, doch sie fällt mir ins unausgesprochene Wort mit: »Möchten die Herren etwas trinken?«

Feuerbaum beantwortet ihre Frage sofort und erstickt damit meine Chance: »Einen Kaffee bitte, und für ihn hier einen Kakao.«

Lucy lächelt; sie weiß um die Marotten des Alten. Sicher wird sie mir nachher auch einen Kaffee bringen – ganz diskret, versteht sich. Und noch bevor ich etwas sagen kann, schiebt mich Feuerbaum ins Cockpit hinein.

Wir nehmen uns die Checkliste vor. Wenn man bedenkt, dass es jetzt schon ziemlich warm ist und die Temperaturen im Laufe des Tages weiter ansteigen werden, ist man dankbar, bald oben in der kühlen Luft zu sein.

»Bremsen?«

»Okay.«

»Kraftstoff?«

»Okay.«

»Zündung?«

»In Ordnung.«

»Kühlung?«

»Okay.«

»Belüftung?«

»Okay.«

»Ölstand?«

»Okay.«

»Öldruck?«

»Okay.«

»Öltemperatur?«

»Okay.«

»Höhenmesser?«

»Okay.«

»Höhen- und Seitenruder?«

»Ebenfalls okay.«

»Propellerstellung?«

»Bestens.«

Feuerbaum setzt Haken auf die Liste, unterschreibt mit einem waagerechten Strich. Diese Unterschrift spricht Bände – einfach nur ein Strich mit einer Schlaufe am Ende! So unterschreibt sonst niemand. Jeder könnte diese Signatur nachahmen!

»97 Passagiere«, brummt Feuerbaum.

»98«, verbessere ich.

Feuerbaum überprüft die Zahl. Mit hochgezogenen Brauen legt er dann die Liste weg. »War ein Test!«, knurrt er.

Natürlich, ein Test …

Nach einiger Zeit macht sich Lucy bemerkbar. »Wir können starten«, freut sie sich.

Feuerbaum dreht sich um, wartet einen Augenblick und insistiert dann: »Wir starten, wenn ich es sage! Oder möchten Sie fliegen?«

Lucy schüttelt den Kopf, während Feuerbaum sich wieder nach vorne beugt und den Wetterbericht liest. Meine Güte, sie meint doch nur, dass alle Passagiere an Bord sind!

»Gute bis mittlere Lage, Wind aus Nord-West«, fasst er zusammen. Dann murmelt er noch etwas von »Wolken« und atmet danach tief ein. »Das passt mir hier nicht«, brummt er, doch auf meine Frage, wie er das genau meint, gibt er mir keine Antwort. Stattdessen greift er zum Mikro.

»Translator an Tower – Flug 528 nach San-Pedro bittet um Starterlaubnis. Over.«

Es klickt. Dann ein Rauschen, und nach einer kurzen Pause krächzt eine männliche Stimme:

»Hier Tower, haben verstanden – Translator, Flug 528 nach San-Pedro hat Starterlaubnis – Startbahn drei. Over.«

»Na geht doch!«, brummt Feuerbaum und dreht sich nach hinten. »Lucy! Jetzt starten wir!«

Meine Flamme geht zu den Passagieren und nimmt nun ebenfalls ein Mikro in die Hand, während die Gangway langsam von der Konrad Lorenz weggefahren wird und sich rumpelnde Geräusche durch den Vogel bahnen. Dann ertönt die sanfte Stimme von Lucy, die mich wie ein flauschiger Schal umwickelt: »Sehr geehrte Damen und Herren, wir heißen Sie herzlich willkommen bei Translator-Airways auf dem Flug von Buenos Aires nach San-Pedro. Wir möchten Sie nun mit unseren Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen und bitten Sie, sich auch die Informationsblätter durchzulesen, die wir auf den Plätzen verteilt haben. Über Ihnen sehen Sie nun …«

Feuerbaum hat indes alle Hände voll zu tun. Ich soll zunächst nur die Instrumente beobachten und ihm Meldungen geben. Langsam kriecht unser Baby über den Asphalt, und obwohl wir uns wirklich noch langsam fortbewegen, spürt man schon jetzt die Kraft der Maschine, die unter unserem Hintern brummt und zittert, als könne sie es kaum erwarten, endlich in der Luft zu sein.

Es klopft an der Tür, dreimal, das Zeichen von Lucy. Feuerbaum greift das Mikro, hustet einmal und legt los: »Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht der Kapitän. Mein Name ist Carl Feuerbaum. Ich heiße Sie im Namen der Gesellschaft und der Besatzung auf der Konrad Lorenz willkommen. Zu meiner Rechten unterstützt mich Joe Forrest, der Erste Offizier. Unser Kabinenpersonal wird Ihnen, unter der Leitung von Lucy Barkow, den Flug so angenehm wie möglich machen. Wir rollen nun zur Startbahn drei und werden in Kürze nach San-Pedro starten. Das Wetter ist prächtig und mit uns als Piloten sind Sie schon so gut wie angekommen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen Tag.«

Wir stoppen. Endloses Betonband wartet darauf, befahren zu werden – vor uns liegt die Startbahn drei.

»Sichtkontrolle?«

»Alles frei!«

Noch einmal Funkkontakt zum Tower. Dann ertönt ein Signal, vier Triebwerke jaulen auf. Ein Rasseln und Pfeifen durchdringt die Maschine, die zu leben beginnt. Die Vibration ist stark. Vor uns zittert das Betonband, dessen helle, gerade Markierungslinien Sicherheit und Ordnung versprechen. Doch da sind noch andere Linien, unregelmäßige, schwarze Abriebe, die die Reifen der landenden Maschinen im Laufe der Zeit hinterlassen haben und die geraden Linien in eine Unruhe bringen – Lebenslinien, könnte man meinen, Linien, die das Ungewisse symbolisieren.

Die Luft flimmert und verwischt die Kimm zu einer Wasserwand. Ich streife sämtliche Kontrolllampen. Feuerbaum sitzt wie ein Gorilla da, die Hebel fest in der Hand. Die Maschine brummt, jault – rollt und rollt. Immer schneller zieht sie über den Asphalt hinweg, flieg, Maikäfer, flieg! Die Turbinen rasseln, als würden bald die Propeller herausschießen.

Doch es kommt nur ein Knacken, dann knistert die Außenwand, wir rutschen nach hinten – und sind in der Luft.

Manchmal denke ich, dass wir Menschen das Schicksal mit unseren Erfindungen herausfordern. Ich meine, wenn Gott gewollt hätte, dass wir fliegen, hätte er uns Flügel wachsen lassen. Hat er aber nicht. Dafür gab er uns jede Menge Hirn. Damit kann man zwar nicht fliegen, aber man kann damit Maschinen erfinden und bauen, die fliegen. Doch ist es nicht vermessen, sich zu erheben? Sich über Gottes Ratschluss zu stellen und ihm zu zeigen, dass man es besser zu wissen meint?

Ich habe gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich muss mich auf die Elektronik konzentrieren. Blinken die Lampen richtig? Sie tun es. Gibt es abweichende Geräusche? Nein, alles in Ordnung. Wie ziehen die Wolken? Es sieht gut aus. Sonstige Vorkommnisse? Keine.

Feuerbaum kratzt sich den Hinterkopf. Anschließend reibt er sich das Kinn.

Schlecht rasiert? … will ich ihn fragen, aber ich verkneife es mir. Er überblickt die Gerätschaften, klopft ein paar Mal gegen die Anzeiger.

»Die erste Stunde fliege ich, die zweite sind Sie dran«, bekomme ich von ihm zu hören, »nachher schalten wir auf Autopilot.«

Ich sage nur »okay.«

Die Sonne durchflutet die Wolken, und unser Cockpit ist angenehm temperiert. Zufrieden brummt die Konrad Lorenz und schiebt sich stoisch durch die Luft, die sie umschlingt und streichelt, umgeben von Licht und Wolken – hier gehört sie hin! Irgendwo da draußen fliegt jetzt ein Vogel und sieht uns. Er wird uns für seinesgleichen halten.

Beim Fliegen ist alles klar und einfach. Es gibt klare Regeln, wie in der Elektrizität: Entweder es fließt Strom oder nicht. Höhenruder klar? Es ist klar. Stimmt der Öldruck? Er stimmt. Dann also Fliegen. Für einen Laien mag das alles noch ein Wunder sein: Ein Sternenmeer von Kontrolllampen, Frequenzanzeiger, dann Trimmung, Gaszufuhr, Teibstoffmixer, Treibstoffdruck, Öltemperatur, Öldruck, Flughöhe, Fluggeschwindigkeit, Abreißgeschwindigkeit, Propellerstellung – ich sage immer, die Konrad Lorenz ist mit all ihrer Technik ein Schwan, die kleinen Zweisitzer sind nur Enten.

Feuerbaum nimmt das Mikro, hustet wieder, als wolle er damit eine Ansprache einläuten: »Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht nochmal der Kapitän. Wir haben nun eine Höhe von 9.000 Fuß erreicht, das entspricht etwa zweieinhalb Kilometer. In Kürze werden wir bei guter Sicht unter uns nur noch den Atlantik sehen. Wir fliegen mit einer Geschwindigkeit von 190 Knoten. Wenn alles soweit bleibt, erreichen wir San-Pedro nach Plan. Machen Sie es sich also bequem und genießen den Flug. Danke.«

Inzwischen haben wir die Maschine auf Autopilot umgestellt. Feuerbaum geht nach hinten und bespricht etwas mit Lucy. Ich behalte im Cockpit die Technik im Auge, sehe zu, wie die Maschine von Geisterhand gesteuert wird.

Nach einer Weile kommt Feuerbaum ins Cockpit zurück. Er hat Kaffee dabei und spendiert mir sogar auch einen. Seltsam – wo er doch vorhin Kakao für mich geordert hatte.

»Danke«, sage ich, während wir uns in die Sitze lümmeln und in den Himmel schauen.

Dann meine ich, den richtigen Zeitpunkt gefunden zu haben, und noch bevor ich es mir anders überlege, schleudere ich, vom Koffein getrieben, meine lang ersehnte Frage heraus: »Sagen Sie, Käpt’n – Sie sind schon so lange im Geschäft, bilden aus und Ihnen gehört sogar zum Teil die Airline … aber warum misstrauen Sie immer Ihren ehemaligen Schülern? Sie müssten doch voller Optimismus sein, die jungen Leute motivieren – Sie aber stellen unsere Leistungen immer infrage. Warum?«

Feuerbaum blickt gedankenverloren ins Nichts, als wolle er alleine sein. Überhaupt habe ich in diesem Augenblick meine Zweifel, dass er mir eben zugehört hat. Er trinkt den nächsten Schluck Kaffee, den er fast gurgelnd hinunterpresst, wischt sich den Mund am Ärmel ab, stellt den Pappbecher in eine Fassung und stülpt den Deckel darauf. Dann dreht er sich langsam zu mir und schaut mich an.

»Forrest, das hat seinen Grund!«

Stille – nur das Motorengeräusch durchdringt den Raum …

Nach einer Weile frage ich: »Und welchen?«

Feuerbaum greift sich die Checkliste und überfliegt sie, als wolle er sich aus der Beantwortung meiner Frage stehlen. Ich lasse ihn. Soll er sich den Wisch doch einrahmen. Dann schnäuzt er sich, steckt das Tuch umständlich in die Hosentasche zurück.

Mir wird auf einmal klar, dass ich einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt für meine Frage gewählt habe. Hier im Cockpit! Noch dazu, dass er seinen Dienstplan ändern musste. Doch für diese Einsicht ist es jetzt zu spät. Also lasse ich die Stille zu, versuche, ein Nichts von Gedanken zu genießen, und als ich nach einer Weile »Welchen?« wiederholen möchte, lehnt sich Feuerbaum zurück und beantwortet die Frage doch noch: »Ich weiß, dass ich bei manchen unbeliebt bin. Ich weiß, dass viele denken, ich hätte einen Sonderbonus, wegen meiner Beteiligung an der Airline. Aber ich weiß auch, dass eine teuflisch gute Ausbildung Männer aus Ihnen macht! Und ich weiß, dass es in Notsituationen auf die richtigen Entscheidungen ankommt. Entscheidungen, die in Sekundenschnelle gefällt werden müssen und nicht hinterfragt werden dürfen! Forrest, mit Verlaub, Sie haben zwar Ihre Prüfung bestanden und sind Pilot, und Sie haben auch einige Flugstunden woanders hinter sich – aber eine richtige Notsituation kennen Sie nur aus dem Lehrbuch oder aus einer Simulation! Haben Sie schon mal eine richtige Notlandung hingelegt? Sind Sie schon mal abgestürzt? Wissen Sie, was es bedeutet, Entscheidungen über Leben und Tod in Sekunden zu fällen? Sie wissen das nicht und können es auch nicht – wie denn auch? Wir können ja unmöglich solche Situationen in echt trainieren. Sie sind aber verdammt noch mal erst ein richtiger Pilot, wenn Sie mit dem Arsch auf Grundeis gesessen haben! Bis dahin sind Sie leider nur eine erbärmliche Marionette! Eine Fledermaus an Drahtseilen!«

Das hat gesessen. Dass er ein hartgesottener Kerl ist, wusste ich ja. Aber muss er es gleich so übertreiben? Ich überlege, ob ich darauf überhaupt etwas antworten soll.

Nach einer Weile wage ich es: »Aber das hat doch alles keinen Sinn! Misstrauen kann schließlich nur neues Misstrauen erzeugen … Sie können uns doch nicht ewig die Jugend vorwerfen! Dafür kann doch niemand etwas!«