Joh. 16,23 - Alois Lacher - E-Book

Joh. 16,23 E-Book

Alois Lacher

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Beschreibung

Die 35jährige Diana lebt seit etwa drei Jahren mit ihren beiden Kindern in einer Zweck-WG in München mit dem, um 20 Jahre älteren Vermieter, Leo Mitterndör­fer, zusam­men. Die Vorstellung von zwei Haushalten in einem Einfamilienhaus funktioniert aus­gezeichnet, da die Wohnräume getrennt und nur Küche, Essbereich und Garten zusammen genutzt werden. Die Kinder sehen in Leo, wie sie ihn nennen dürfen, bald einen guten Freund, der immer zur Stelle ist, wenn Hilfe erforderlich wird. In diese Idylle hinein wird bei Diana Krebs festgestellt. Unheilbar und tödlich! Vier bis fünf Monate, meinen die Ärzte, hätte sie noch zu leben. Zusammen mit dem Jugendamt beginnt ein hektisches Unterfangen über den Verbleib der Kinder. Pflege-, Adoptiveltern oder das Waisenhaus sind die Optio­nen. Diana möchte ein Heim für ihre Kleinen um jeden Preis verhindern, dennoch droht zum Schluss genau dies. Die Kinder wollen aber den, für kommende Nacht angekündigten Tod der Mutter nicht akzeptieren und verlangen von Leo etwas dagegen zu unternehmen. Schwe­ren Herzens macht er den bei­den klar, dass auch er hier nichts ausrichten kann. Während eines Ablenkungsspaziergangs drängen ihn die Kleinen dazu, einen Zauberer zu holen oder selber zu zaubern, damit die Mutter nicht zu sterben bräuchte. Vergebens versucht er ihnen die Machtlosigkeit der Magie zu erklären. Da sticht ihm die Überschrift eines angekündigten Vortrags in den Blick: >Wenn ihr dann den Vater in meinem Namen um etwas bittet ...<, Joh. 16,23. Wie elektrisiert greift er die Worte auf. Es gibt schließlich nichts zu verlieren. Voller Hoffnung beginnt er mit den begeisterten Kindern zu zaubern ...

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Die Diagnose

Eine schicksalhafte Bekanntschaft

Die Idee

Der Vorschlag

Die Entscheidung

Der Einzug

Die Eingewöhnung

Trautes Heim

Das Angebot

Die Wahrheit

Der Kampf beginnt

Sorge um die Kinder

Neue Hoffnung

Leos Zweifel

Die Gefahr wird Realität

Noch einmal gutgegangen

Die nächste Enttäuschung

Wieder daheim

Endstation Waisenhaus?

Wendepunkt

Der Tod kommt näher

Tristesse vs. Hoffnung

Der Versuch

Endlich - die Erlösung

1 Die Diagnose

Grell und kalt leuchtet das Licht der Neonröhre von der Decke des abgedunkelten Untersuchungszimmers. Dr. med. Brunner steht vor seinem Ultraschallgerät und starrt entsetzt auf den Monitor. Üblicherweise unterhält sich der Arzt während einer solchen Routineuntersuchung fast pausenlos mit dem Patienten, aber was sich hier auf dem Bild darstellt, verschlägt ihm geradezu die Sprache. Leicht vorgebeugt und die Stirn in Falten gelegt studiert er ungläubig die Strukturen, die sich auf dem Bildschirm abzeichnen.

»Was ist, stimmt etwas nicht?«

Beunruhigt über das Schweigen des Arztes, dreht Diana Hartmann ihren Kopf zu ihm und blickt ihn fragend an.

Nervös und tief betroffen bewegt sich der Mann von dem Monitor weg und blickt die Patientin mit ernster Miene an.

»Hm, Frau Hartmann, ich fürchte, es gibt keine guten Nachrichten für Sie!«

Neugierig und erschrocken auf weitere Ausführungen wartend, richtet sich Diana auf der Untersuchungsliege ein Stück auf.

»Ja, sehen Sie hier!«

Der Arzt bewegt den Bildschirm leicht in Richtung der Liege, sodass auch die Patientin einen Blick auf das Bild werfen kann.

»Hier, dieser ovale Fleck deutet auf einen Tumor in Ihrer Leber hin. Er ist nicht nur recht groß, sondern er sitzt auch extrem ungünstig, direkt hier vorne am Ansatz. Diese weiteren dunklen Stellen«, dabei zeigt der Mediziner auf mehrere Flecken in dem Bild, »dürften aller Wahrscheinlichkeit nach bereits Metastasen darstellen. So zeigt sich hier in der rechten Niere eine größere und da an mehreren Knochen kleinere, aber deshalb keineswegs ungefährlichere Wucherungen. Das sieht wirklich gar nicht gut aus!«

Tief durchatmend richtet sich der Arzt auf und dreht sich wieder der Patientin zu. Er kennt das Urteil bereits ganz genau, wagt es aber nicht, der Frau die letzte Hoffnung zu nehmen.

»Wir werden noch eine Blutuntersuchung veranlassen, aber der Befund erscheint mir ziemlich eindeutig: Ihre Leber und eine Niere sind jeweils von einem Tumor befallen und so wie ich es mit meinen Möglichkeiten darstellen kann, sind wohl auch schon andere Organe betroffen. Aber … «

»Was sagen Sie da? Krebs? Sind Sie sicher?«, unterbricht ihn die Patientin entgeistert und voller Angst.

Erschrocken und mit entsetztem Gesichtsausdruck setzt sie sich auf.

»Ja, leider! Die Blutwerte werden dies bestimmt auch bestätigen. Aber«, setzt der Mediziner jetzt seinen vorhin begonnenen Satz fort, »ich kenne den zuständigen Stationsarzt im Klinikum Großhadern recht gut und werde ihn gleich konsultieren, damit Sie einen zeitnahen Termin bekommen. Dort kann man genauere Diagnosen stellen und Sie auch weiter behandeln. Meine Möglichkeiten hier sind leider erschöpft. Ziehen Sie sich bitte an, ich telefoniere nur kurz und bin gleich wieder bei Ihnen.«

Damit dreht sich Dr. Brunner um und verschwindet in einem Nebenzimmer, wo er Professor Mauerberger telefonisch zu erreichen versucht. Dieser sei aber momentan mit einer schwierigen Operation beschäftigt und könne frühestens in drei bis vier Stunden zurückrufen. Allerdings wäre es möglich, sofern es sich um einen wirklich dringenden Fall handeln sollte, noch heute Nachmittag um 15.30 Uhr einen Termin einzuschieben. Der hierfür vorgesehene Patient sei am Morgen überraschend verstorben.

Nachdem Dr. Brunner Dianas Fall ausführlich geschildert hat, wird ihr der Termin tatsächlich zugeteilt.

»Wissen Sie«, erklärt er der Sekretärin abschließend, »ehrlich gesagt, sehe ich keine große Hoffnung mehr. Die Frau hat aber zwei kleine Kinder und ist allein. Möglicherweise gibt es ja bei Euch noch eine Chance. Ich jedenfalls, bringe es nicht übers Herz, ihr meine ehrliche Meinung zu sagen. Aber, wie gesagt, vielleicht gibt es ja doch noch eine kleine Hoffnung. Ich würde sie ihr jedenfalls wünschen. Grüßen Sie bitte Ihren Chef von mir und besten Dank für die prompte Unterstützung!«

Zurück im Untersuchungszimmer stößt er auf eine völlig aufgelöste Diana. »Aber was soll denn aus meinen Kindern werden? Ich kann sie doch nicht so einfach allein lassen!« Weinend steht sie vor dem Arzt und sieht ihn flehend an.

»Es tut mir aufrichtig leid! Aber sehen Sie, wir haben unverschämtes Glück«, versucht er sie etwas zu trösten. »Sie haben bereits heute Nachmittag einen Termin bei Professor Mauerberger im Klinikum. Um 15:30 Uhr sollten Sie sich dort melden. Da wird man Sie näher untersuchen und Ihnen auch mögliche Behandlungen unterbreiten. Dort sind Sie wirklich sehr gut aufgehoben!«

Während er noch mit der Patientin spricht, meldet sich sein schlechtes Gewissen, weil er es nicht fertigbringt, klar und deutlich zu erklären, dass sie sterben wird. Verschämt will er ihr einen letzten Hoffnungsschimmer geben, obwohl er selbst vom Gegenteil fest überzeugt ist. Wenn er an die beiden kleinen Kinder denkt, wird ihm regelrecht übel. Zwar sollte er als Arzt solche Befindlichkeiten wegstecken können, aber er kennt die Kinder persönlich und leidet jetzt bereits mit ihnen.

»Bitte nehmen Sie den Termin wahr«, setzt er noch eindringlich hinzu.

Geistesabwesend und weinend nickt die Patientin nur, schlüpft in ihre Schuhe und wendet sich zur Türe.

»Also dann, alles Gute«, versucht der Arzt sie noch einmal aufzumuntern, »hier, nehmen sie die Adresse von Prof. Mauerberger, wo sie sich melden sollten.« Er drückt Diana einen Zettel in die Hand und will der Patientin zum Abschied die Hand reichen. Abwesend nimmt diese den Zettel entgegen und geht bereits leicht schwankend zum Ausgang, ohne den Arzt weiter zu beachten.

2 Eine schicksalhafte Bekanntschaft

Drei Jahre früher.

Irritiert richtet sich Leo Mitterndörfer auf, als ihn ein kleiner Ball am Unterschenkel trifft. Auf einer Parkbank sitzend und die Sonne genießend, war er tatsächlich eingenickt. Jetzt blickt er leicht verdutzt um sich und sieht einen kleinen Jungen von etwa drei Jahren auf sich zu laufen.

»E-ent-schuldigung«, stottert der kleine Mann, während er Leo ansieht. »Ball h-h-hat f-f-falsche R-Richtung - wischt.«

Er sieht den aufgeregten und leicht verschwitzten Buben an und beginnt zu lächeln.

»Das ist wohl ein recht ungeschickter Ball, dem du erst noch beibringen musst, wohin er fliegen soll!«

»Ja, ungesch-sch-schickter B-ball«, antwortet der Bub und hebt das Spielgerät, das zu Leo‘s Füßen liegt, auf.

Hinter dem Jungen taucht jetzt auch noch ein Mädchen auf und bleibt vor den beiden stehen.

»Das ist mein Bruder Moritz und ich bin die Sabine. Mein Bruder stottert ein wenig, aber sonst ist er ganz lieb!«

»Na gut, dann bin ich der Leo. Was spielt ihr denn?«, erkundigt er sich.

»F-Fußb-ball -türlich«, stottert Moritz schnell, bevor seine Schwester antworten kann.

»Moritz, Sabine, wo seid ihr denn?«

Eine Frau, um die fünfunddreißig, kommt auf die Parkbank zu und entdeckt erfreut ihre beiden Kinder.

»Haben sie wieder etwas angestellt? Bitte entschuldigen Sie, wenn etwas passiert sein sollte«, wendet sie sich an Leo.

»Aber keineswegs, liebe Frau, wir unterhalten uns gerade über Fußball! Da haben Sie ja zwei ganz rührige Knirpse.« Er lächelt zu den beiden Kindern hin, die ihn immer noch neugierig anblicken.

»Ich hatte nur kurz telefoniert und die beiden aus den Augen gelassen, da waren sie schon verschwunden«, versucht sich die Mutter zu entschuldigen. »Aber ein Sack Flöhe ist leichter zu bewachen, als diese beiden.«

Freudig lächelnd nimmt sie die Kinder in die Arme, als ihr Handy klingelt.

Genervt nimmt sie den Anruf entgegen und bewegt sich ein paar Schritte zur Seite.

»Darf ich bei euch mitspielen«, meint Leo zu den Kindern und erhebt sich gleichzeitig von der Bank.

»Klar doch«, freut sich Sabine und Moritz schießt den Ball gleich ein Stück in die Wiese. Alle drei laufen hinterher und schieben sich den Ball immer wieder gegenseitig zu. Hin und wieder wirft Leo einen Blick zu der Frau hinüber, die sich inzwischen auf die Bank gesetzt hat. Aufgrund der Lautstärke und am heftigen gestikulieren, vermutet er, dass das Telefonat wohl ziemlich unerfreulich verläuft.

»So, jetzt gibt es aber eine kurze Pause«, meint Leo, als er sieht, dass die Mutter das Telefon wieder weggesteckt hat.

»Na, die beiden halten einen ganz schön auf Trab«, wendet er sich lachend der Frau zu.

»Ja, da haben Sie schon recht, die sind kaum zu bremsen, wenn sie erst einmal mit einem Spiel so richtig beschäftigt sind. Aber es ist eben nicht so leicht, immer genügend Zeit und Nerven für sie zu haben, bei all dem Stress«, gibt sie enttäuscht und leicht frustriert zur Antwort.

Ein seltsames Mitgefühl überkommt Leo, als er meint, einen bitteren Ausdruck im Gesicht der Frau zu erkennen. Spontan setzt er sich neben sie auf die Bank, während die Kleinen wieder hinter dem Ball herlaufen.

Schweigend blickt er zunächst hinter den Kindern her, bevor er sich an die Frau wendet.

»Es ist wohl heutzutage nicht so ganz einfach, sich mehrere Kinder zu leisten. Das beginnt ja schon bei der Wohnung, bei den Mietpreisen heute.«

Gerne würde er Näheres erfahren, will aber auch nicht als neugierig erscheinen und wartet deshalb erst einmal auf eine Antwort.

»Ach, wissen Sie, es kommt noch viel mehr zusammen. Da gibt es Nachbarn, die sich darüber aufregen, dass die Kinder weinen oder mal etwas lauter sind. Der Eigentümer, der immer mehr Geld will und ich nicht weiß, wo ich es hernehmen soll. Es ist zum Verzweifeln, nur Ärger und nur Ärger!« Umständlich kramt sie in ihrer Handtasche herum, als ob sie dort die Lösung ihrer Probleme finden könnte.

»Ich hatte Sie vorhin beim Telefonieren kurz beobachtet und den Eindruck bekommen, dass es wohl kein besonders erfreuliches Gespräch war. War das etwa der Vermieter?«

Jetzt wird er doch neugierig! Aus irgendeinem Grund ist ihm plötzlich an dem Wohl der beiden Kinder und der Frau gelegen.

»Nein, diesmal war es die Frau vom Sozialamt, die uns auch ständig drängt, eine kleinere und damit günstigere Wohnung zu suchen. Aber ich bemühe mich ja schon die ganze Zeit und finde einfach nichts. Einmal heißt es, dass Kinder nicht erwünscht sind und ein anderes mal ist die Wohnung dann plötzlich schon vergeben. Es ist zum Verrücktwerden! Dabei würde ich gerne umziehen, denn ich sehe durchaus ein, dass die Wohnung auf Dauer zu groß und zu teuer ist. Wissen Sie, seit uns vor fünf Monaten mein Mann verlassen hat, leben wir hauptsächlich von staatlicher Unterstützung. Das ist mir sehr peinlich, aber ich kann mit den beiden Kindern nicht arbeiten gehen. Mein Mann ist bei einer Flughafenspedition angestellt und verdient einfach zu wenig, um eine anständige Unterstützung leisten zu können.«

»Mami, Mami, bekommen wir ein Eis?«, ruft die heranstürmende Sabine ihrer Mutter entgegen.

»Aber nur ein kleines, ihr wisst doch, dass wir nicht viel Geld haben«, erwidert ihre Mutter leicht verschämt. Moritz hebt den Ball vom Boden auf und hält ihn fest. Dabei blickt er Leo an und stottert ein »Leo a-a-auch Eis?« hervor.

Doch der wehrt sofort ab: »Nein, nein, lieber Moritz, ich brauche heute kein Eis. Schade nur, dass ich auf meine Joggingtour kein Geld mitgenommen habe. Das nächste Mal lade ich euch alle ein. Versprochen!«

»Kommst du dann morgen wieder?«, möchte Sabine wissen, während sie ihren Bruder an der Hand nimmt. Ihre Mutter ist bereits aufgestanden und will gehen.

»Ich ganz bestimmt«, antwortet er lächelnd. »Aber ich weiß ja nicht, ob ihr auch da sein werdet. Geld bringe ich jedenfalls mit.«

»Wir kommen beinahe jeden Nachmittag her«, mischt sich jetzt die Frau in das Gespräch ein, »aber morgen wahrscheinlich erst gegen vier Uhr. Vorher sind wir mit Moritz beim Logopäden und dann müssen wir noch etwas einkaufen. Anschließend, falls nichts Besonderes dazwischen kommt, werden wir sicher hier sein. Aber jetzt, Kinder, müssen wir los, die Dame vom Sozialamt wartet nicht gerne.«

Sie nimmt den Ball und steckt ihn in eine mitgebrachte Tasche.

»Ich heiße übrigens Diana, Diana Hartmann. Wenn Sie von den Kindern schon beim Vornamen gerufen werden, möchte ich mich auch gerne vorstellen. Also dann, bis morgen, Herr Leo!«, meint sie verschmitzt lächelnd und geht mit den beiden Kindern Richtung Siedlung zurück.

Nachdenklich steht Leo neben der Bank und blickt ihnen nach. Ein seltsames Gefühl sagt ihm, dass dies alles andere als ein Abschied gewesen sein dürfte. Vor sich hin grübelnd setzt er sich wieder und plötzlich schießt ihm ein Gedanke in den Kopf. Rasch erhebt er sich, um seinen unterbrochenen Jogginglauf fortzusetzen. Er möchte jetzt aber möglichst schnell heimkommen und läuft deshalb ohne Umwege zu seinem Haus.

Nach einem kurzen Duschgang setzt er sich sofort an seinen Computer und durchforscht alle möglichen Wohnungsbörsen. Es muss doch etwas zu finden sein! Sicher hat die arme Frau für solche Recherchen gar keine Zeit und wohl auch nicht die Nerven. Kurz überlegt er, welche Wohnung er denn eigentlich suchen will, schließlich soll sie bezahlbar, nicht zu groß, aber auch nicht zu klein sein. Drei Zimmer sollte sie auf jeden Fall beinhalten und wenn möglich, sogar irgendwo in der Nähe liegen.

Seit dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren lebt er in dem Haus mit dem großen Garten ganz allein. Ihre Tochter war bereits vor vier Jahren mit ihrem Freund nach England gezogen und kurz darauf musste auch der Sohn mit den beiden Enkelkindern beruflich nach Hamburg ziehen. Ein paar Telefonkontakte und der Besuch zu Weihnachten sind die einzigen Verbindungen zu ihnen geblieben. Wehmütig denkt er an seine beiden Enkel, zwei Buben, die jetzt schon acht und zehn Jahre alt werden. Der Spielplatz im Garten, die Schaukel und das Baumhaus sowie viele Erinnerungen daran, sind immer noch vorhanden. Aber es ist still geworden im Haus. Seine Familie fehlt ihm sehr. Wenn jetzt diese Frau mit den beiden Kindern in seiner Nähe wohnen würde, könnte er sich ja vielleicht mit ihnen anfreunden und so wäre ihm auch etwas geholfen. >Seltsam<, überlegt er, >wieso gehen mir die drei nicht mehr aus dem Sinn?<

Von den tatsächlichen Wohnungsmieten hat er allerdings keine rechte Vorstellung, denn er wohnt seit Jahrzehnten in seinem eigenen Haus, am nördlichen Stadtrand von München und hat von den Mietpreisen nur immer in der Zeitung gelesen. So überschlägt er zunächst, wie viel denn eine Frau mit zwei kleinen Kindern so zum Leben brauchen wird. Essen, Kleidung, Auto, Kindergarten für Sabine und dann noch Versicherungen und die Miete. Er beginnt die Suche mit 650,- € für drei Zimmer und wundert sich, dass es keine Angebote gibt. Er erhöht auf 750,- € und bekommt wieder nur ein einziges Angebot in einem Altbau im Münchener Westend. Kinder und Haustiere sind aber unerwünscht!

Langsam beginnt Ärger in ihm hochzusteigen. Das kann es doch nicht geben, dass in dieser großen Stadt kein bezahlbarer Wohnraum für alleinerziehende Menschen vorhanden sein soll!

Erst als er sein Gebot auf 900,- € erhöht, findet er ein paar Angebote. Einige der Wohnungen liegen aber so ungünstig und abgelegen, dass sie schon allein deshalb nicht infrage kommen. Bei anderen wird gleich darauf hingewiesen, dass für Kinderwägen kein Stellplatz in den Eingängen zur Verfügung steht und die Mittags- und Feierabendruhe strikt einzuhalten ist. Die restlichen Wohnungen fallen jeweils so klein aus, dass lediglich drei Zimmerchen darin Platz hätten. Je länger er sucht, umso besser kann er den Ärger der jungen Frau verstehen. Wie soll sie eine solche Miete bezahlen und nebenbei noch sich und zwei Kinder ernähren können, wenn sie nur geringe Unterstützung von ihrem Ehemann bekommt? Das Sozialamt bezahlt verständlicherweise auch keine Luxusmieten.

Verärgert schaltet er den Computer aus und zieht sich noch einmal für einen Abendspaziergang an. Zwar beginnt bereits die Dämmerung einzusetzen, aber er möchte einfach noch mit seinen Gedanken ins Reine kommen.

Nachdenklich und in sich gekehrt marschiert er ohne konkretes Ziel los. Als er an seiner ehemaligen Firma vorbeikommt, sieht er Licht in der Pförtnerloge brennen. Er hatte diese Firma zusammen mit seiner Frau aufgebaut und nach deren Tod verkauft. Von den Kindern wollte sie niemand übernehmen. Es handelt sich dabei um ein Versand- und Vertriebslager für verschiedene Münchener Firmen, die sich keine eigene Lagerhaltung mit Versand leisten wollten. Zum Zeitpunkt des Verkaufs hatte der Betrieb immerhin zwölf Mitarbeiter angestellt. Außerdem war im Einfahrtsbereich eine Hausmeisterwohnung integriert, die in den letzten Jahren aber wenig belegt war. Die anfallenden Tätigkeiten inklusive Bewachung des Geländes waren einer Fremdfirma übergeben worden.

Mit gemischten Gefühlen geht er auf den Eingang zu. Der Pförtner erkennt ihn sofort und kommt erfreut aus seinem Büro, um den früheren Chef mit Handschlag zu begrüßen.

»Ach, Herr Mitterndörfer, das freut mich, dass ich Sie wieder einmal treffe. Wie geht es denn immer, ich hoffe, Sie sind gesundheitlich wohlauf! Haben Sie Sehnsucht nach ihrer Firma oder was treibt Sie hierher?«

»Oh, mir geht es blendend, Herr Schuster. Ich kam gerade zufällig hier vorbei und dachte: Na, schau doch einfach mal rein. Außerdem würde mich interessieren, ob die Hausmeisterwohnung immer noch unbelegt ist. Ich hätte möglicherweise einen Interessenten.«

»Ja, man sieht, dass Sie schon länger nicht mehr hier waren. Diese Wohnung gibt es nicht mehr. Sie wurde gleich nach der Übernahme umgebaut und ist heute Lagerfläche für den Versand. Wissen Sie, wir platzen schon bald aus allen Nähten. Schade, ich hätte Ihnen gerne eine andere Auskunft gegeben.«

Enttäuscht verabschiedet sich Leo und setzt seinen Weg fort. Es war eine schöne Zeit gewesen, damals, als er mit Mathilde zusammen die Firma gründete und die Kinder in der großen Lagerhalle herumtoben konnten. Nach dem Verkauf erlosch auch das Interesse an dem Betrieb und so kam es, dass er seitdem nicht mehr dort gewesen war. Er hatte genug Geld verdient, um sich nach dem Tod seiner Frau das ’Privatisieren’ leisten zu können. Sinnierend schlendert er wieder nach Hause. Kurz vor seinem Haus bemerkt er, dass er das Licht im Hausflur hatte brennen lassen, denn es ist im Eingangsbereich bis unter das Dach beleuchtet. >Wahnsinn<, denkt er bei sich, >wie groß das Haus doch ist, wenn es so beleuchtet aus der Dunkelheit heraussticht.<

3 Die Idee

Innerlich leicht aufgekratzt, betritt er sein Heim und holt sich eine Brotzeit als Abendessen aus dem Kühlschrank. Im Vorbeigehen schaltet er den Fernseher ein, um nebenbei die Abendnachrichten anzusehen. Während der Sprecher von einem erneuten Flüchtlingsstrom Richtung Deutschland berichtet, fällt ihm ein Zeitungsaufruf von letzter Woche ein, bei dem die Bevölkerung gebeten wurde, nicht benötigten Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Damals hatte er nicht viel darüber nachgedacht und die Zeitung weggeworfen. Jetzt aber meldet sich sein Gewissen und es erfasst ihn eine erregende Unruhe. Nachdenklich erhebt er sich vom Tisch und räumt den Rest des Essens weg.

>Wieso Flüchtlinge,< überlegt er dabei, >ich hätte da doch schon jemanden.<

Aufgeregt geht er über die Treppe in das Obergeschoss, indem die beiden Kinderzimmer und das frühere Schlafzimmer, das er gemeinsam mit seiner Frau bewohnt hatte, liegen. Die einzelnen Räume sind alle immer noch komplett eingerichtet, aber schon lange nicht mehr bewohnt. Gleich nach dem Tod seiner Frau war er mit seinem Schlafraum in das Untergeschoss gezogen. Im ehelichen Schlafzimmer gab es einfach zu viele Gedanken, die ihn an die gemeinsame Zeit erinnerten. Einen Raum hatten sie, als die Kinder größer wurden, geteilt und ein kleines Duschbad mit WC eingebaut. Der Rest war als Abstellkammer genutzt worden.

Seine Gedanken arbeiten intensiv, während er mehrmals durch die Räume geht. Eigentlich viel zu viel vergeudeter Raum! Für die paar Nächte, in denen seine Kinder und Enkel übernachten, ließe sich auch unten genug Platz finden. Gut, man müsste vielleicht etwas umbauen und renovieren. Vielleicht eine kleine Küche in die Abstellkammer integrieren. Groß genug wäre sie. Ein Wohnzimmer gäbe es dann aber noch immer nicht! Auch das Bad stellt nicht mehr als einen Notbehelf dar. Er überlegt und plant hin und her. Was wohl seine Kinder zu einer Vermietung ihrer Zimmer an Fremde sagen würden?

Sinnierend schleicht er langsam die Treppe hinunter und setzt sich wieder vor den Fernseher. Seine Gedanken kreisen aber nach wie vor um die Zimmer im Obergeschoss. Es muss doch eine Möglichkeit geben, mehr aus den Räumen herauszuholen, als sie leer stehen zu lassen! Vermutlich müsste man aber so richtig umbauen, um eine anständige Wohnung hinzubringen, denn die Treppe nach oben liegt mitten im unteren Wohnbereich. Schließlich wurde das Haus nur für eine Familie gebaut und er hatte bisher nie die Absicht gehabt, fremde Menschen zu sich in das Haus aufzunehmen. Ergebnislos und unzufrieden schließt er zunächst mit diesen Gedanken ab. Lieber will er sich in den nächsten Tagen noch mal in Ruhe gründlich damit auseinandersetzen. Es wäre sicherlich eine große Umstellung und bestimmt gewöhnungsbedürftig, wenn plötzlich noch andere Menschen hier ein und aus gingen!

Als Leo am nächsten Morgen auf seiner Joggingrunde an der Parkbank vorbeikommt, sieht er in Gedanken die beiden Kleinen mit dem Ball spielen. Kurz bleibt er stehen und lächelt vor sich hin. Na ja, heute Nachmittag hat er ein Eis für jeden versprochen. Vielleicht hat die Frau ja zwischenzeitlich auch eine Wohnung gefunden oder es hat sich sonst wie alles zum Guten gewandelt. In seiner Hoffnung schwingt gleichzeitig ein leichtes Bedauern mit. Schade, wenn die nette Bekanntschaft gleich wieder verloren ginge.

4 Der Vorschlag

»Hallo Leo«, ruft Sabine, als sie ihn auf der Bank sitzen sieht. Er war schon eine knappe halbe Stunde früher gekommen, um den Treff ja nicht zu versäumen.

»L-Leo, Eis f-f-für M-M-Moritz!«, stottert der Kleine lauthals und mit erwartungsvollem Gesicht.

»Hallo Moritz, hallo Sabine, schön, dass ihr kommen konntet. Natürlich gibt es heute das versprochene Eis.«

Inzwischen ist auch Diana bei den Dreien angekommen. »Hallo Herr Leo«, lacht sie. »Na, die beiden haben sie ja schon ganz schön in Beschlag genommen.«

»Ja, das haben sie, übrigens ich konnte mich noch gar nicht vorstellen: Mitterndörfer heiße ich, Leo Mitterndörfer. Aber es würde mich freuen, wenn Sie einfach, wie ihre Kinder, Leo zu mir sagen könnten.«

»Freut mich Leo, ich bin dann die Diana.« Dabei reicht sie ihm freundlich die Hand. Warm und weich fühlt sich diese an und Leo beschleicht plötzlich das Gefühl, dass er sie schon etwas zu lange festhält. Hastig lässt er die Hand los und zieht seine etwas linkisch zurück. Leicht irritiert darüber schüttelt Diana lächelnd den Kopf.

»Gibt es jetzt ein Eis oder nicht?«, will das Mädchen vorlaut wissen.

»Aber Sabine, du kannst doch nicht …«, will ihre Mutter das Kind zurechtweisen, als ihr Leo aber schon zuvor kommt.

»Selbstverständlich gibt es jetzt das Eis für euch. Gleich da vorne, bei dem kleinen Biergarten mit Spielplatz. Da gehen wir jetzt hin und dann bekommt jeder ein Eis. Habt ihr den Fußball auch dabei, wir könnten ja anschließend ein wenig kicken.«

» t-t-türlich!«, meldet sich Moritz, »Mama in d-d-der Tasche!«

»Hier«, erklärt seine Mutter und zeigt auf den Stoffbeutel, den sie an ihrer Seite trägt. »Hier drinnen befindet sich alles, was wir brauchen.«

»Ist ja super«, freut er sich, »wollen wir gehen?« Dabei dreht er sich in Richtung Biergarten und die beiden Kinder laufen sofort los.

»Es bereitet einem richtig Freude, den beiden zuzusehen, wie sie so voller Tatendrang laufen«, meint er, während auch die beiden Erwachsenen in Richtung Wirtschaft losmarschieren, »da ist dieser Park hier schon richtig Gold wert!«

»Da gebe ich Ihnen absolut recht! Leider wird es bald damit vorbei sein. Wir haben nämlich gestern noch ein Wohnungsangebot in Ramersdorf bekommen. Morgen Nachmittag sollen wir die Wohnung besichtigen und wir werden sie wohl nehmen müssen. Es ist wirklich schade, denn dann sind wir einfach zu weit entfernt. Aber vielleicht finden wir dort auch so etwas. Ehrlich gesagt, kenne ich mich da draußen überhaupt nicht aus. Heute Vormittag habe ich schon versucht, mit Kindergärten Kontakt aufzunehmen, aber es sieht nicht gut aus. Vor September gibt es auf keinen Fall einen Platz und wir kämen eben auf eine Warteliste. Zudem bräuchten wir ja gleich zwei Plätze, natürlich in einem Kindergarten. Aber da haben mir bisher alle drei, die in der Nähe der Wohnung lägen, abgesagt. Ich weiß gar nicht, was ich dann mit den beiden machen soll. Die Frau vom Amt hat mir zwar zugesichert, dass sie sich noch mal bei den Kindergärten für uns einsetzen will, aber dann müssen andere Kinder dafür zu Hause bleiben. Das will ich eigentlich auch nicht. Ach, es geht einfach kein Ende her.«

Aufmerksam und still hat Leo zugehört. Es schmerzt ihn regelrecht, zu hören, dass die schöne Bekanntschaft schon wieder ein Ende finden soll.

Als sie den Biergarten erreichen, erwarten die Kinder sie schon fieberhaft.

»G-g-großes Eis f-f-für M-Moritz«, stellt der Kleine klar und seine Schwester hängt sich sofort an die Forderung an.

Leo lacht. »Na, was für ein Eis möchtet ihr denn gern, eins am Stiel oder eines im Becher?«

Beide entscheiden sich für einen Becher. »Für mich bitte lieber einen Kaffee«, bittet Diana.

»Kein Problem, mir ist momentan auch erst mal ein Kaffee lieber. Darf es auch ein Stück Kuchen sein?«

»Gerne, welcher ist egal.«

Während die Kinder bereits ihr Eis probieren, geht Diana zusammen mit ihnen zu einem kleinen runden Tisch neben dem Kiosk, an dem sich vier freie Stühle befinden. Leo bringt auf einem Tablett die beiden Kaffee und zwei Kuchenstücke heran. Seine Stimmung ist leicht gedrückt, aber die Gedanken arbeiten dafür umso fieberhafter.

»Na, an was denken Sie denn gerade?«, möchte Diana lächelnd wissen. »Hinter Ihrer Stirn scheint es ja ziemlich zu arbeiten. Sie müssen sich wegen uns aber keine Sorgen machen. Wir kommen schon irgendwie zurecht!«

»Entschuldigung, ich war tatsächlich in Gedanken«, erklärt er. „Wissen Sie, oder waren wir nicht schon beim Du? Ich finde es wirklich schade, dass ihr hier wegziehen sollt. Ich habe mich gestern auch ein wenig hier in der Gegend umgesehen. Aber es ist wirklich schlimm, es gibt so gut wie keine bezahlbaren Wohnungen.«

»Ja, ich finde es auch sehr schade, gerade weil es den Kindern hier so gut gefällt. Außerdem hätten wir hier ab Herbst auch zwei Plätze im Kindergarten bekommen. Aber es darf wohl nicht sein! Übrigens sind wir schon beim Du, Leo.«

Sabine, die den beiden aufmerksam zugehört hat, meldet sich in der kurzen Gesprächspause zu Wort: »Ich will aber nicht weg und Moritz bestimmt auch nicht, oder?« Sie blickt dabei ihren Bruder an und dieser schüttelt nur den Kopf, denn sein Mund ist mit einem Batzen Eis gefüllt.

»M-Moritz n-nicht w-w-weg!«, äußert er sich, nachdem er den Mund wieder leer hat. Anschließend beschäftigt er sich wieder mit seinem Eisbecher.

»Und das mit der Wohnung verhält sich tatsächlich so, dass ihr sie nehmen müsst?«

»Ja, ansonsten würden uns Zuschüsse gestrichen und dann bekämen wir bald ernsthafte Probleme.« Frustriert blickt Diana zur Seite.

Leo überlegt und seine Gedanken wandern hin und her. Soll er oder soll er lieber nicht? Nach dem letzten Bissen Kuchen und einem Schluck Kaffee fasst er sich ein Herz.

»Könntet ihr euch vorstellen, statt in Ramersdorf, hier in einer Wohngemeinschaft zu leben?«

Jetzt ist es raus und Leo fühlt sich befreit. Der Ball liegt jetzt nicht mehr bei ihm.

»Wie meinst du das? Eine WG, wie sie Studenten haben? So mit mehreren verschiedenen Menschen in einer Wohnung? Ich weiß nicht, ob das gut ginge.« Leichte Enttäuschung ist aus den Worten herauszuhören. Sie hatte gehofft, dass er einen Vorschlag bringen würde, den sie tatsächlich auch hätten annehmen können.

»Sorry, ich fürchte, ich habe mich etwas unbeholfen ausgedrückt«, korrigiert er seinen Vorschlag. »Weißt du, seit dem Tod meiner Frau vor zwei Jahren, wohne ich in einem Haus, das für mich allein viel zu groß ist. Einige Zimmer sind vollkommen ungenutzt. Möglicherweise könnte das ein Platz für euch drei werden. Jeder hätte sein eigenes Zimmer und einen eigenen Wohnbereich. Lediglich die Küche müssten wir miteinander benutzen. Für die Kinder wäre auch ein schöner Garten mit Spielplatz vorhanden und zudem läge es gleich hier um die Ecke.«

»Aha«, macht Diana mit großen Augen und sieht ihn fragend an, »und was würde das kosten? Außerdem gibt es doch sicher auch noch einen Haken dabei.«

Froh darüber, nicht gleich eine Abfuhr zu erhalten, setzt er sein Gedankenspiel fort: »Wir könnten uns mit der Miete ja darauf einigen, dass ihr mir im Garten und im Haus etwas zur Hand geht. Ich mag nämlich die Hausarbeiten nicht so gerne. Eben wohnen gegen Hilfe. Eine kleine monetäre Miete für das Finanzamt könnten wir ja zudem ansetzen. Tragbar würde sie auf jeden Fall sein.«

»Da bin ich jetzt natürlich etwas überfahren«, gibt Diana aufgeregt und interessiert zu bedenken, »aber grundsätzlich könnte ich mir so etwas schon vorstellen. Man müsste sich die Sache aber erst mal anschauen. Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht mehr, denn schon morgen muss ich mich entscheiden.«

»Ja, habt Ihr noch ein halbes Stündchen, dann könnten wir es gleich noch besichtigen? Außerdem würde dir die Entscheidung morgen bestimmt etwas leichter fallen.«

Neugierig geworden, willigt Diana in die Besichtigung ein und sie machen sich auf den Weg Richtung Haus, als Moritz Fußball spielen möchte.

»Du h-hast v-v-verspochen«, wendet er sich fordernd an Leo.

»Wir gehen bloß schnell zu meinem Haus, dann spielen wir dort Fußball, ganz großes Ehrenwort!«

»Warum gehen wir zu deinem Haus?«, meldet sich Sabine neugierig.

»Weil wir sehen wollen, wie der Leo wohnt«.

»Aber wieso?«, lässt das Mädchen nicht locker.

»Ach du mit deiner Fragerei. Vielleicht gibt es bei ihm einen Platz für uns zum Wohnen. Das wollen wir jetzt anschauen.«

»Leo w-w-wohnen! G-gut!« Juchzend vor Freude stößt Moritz die Worte beinahe ohne zu Stottern heraus.

»Na, da hast du schon mal einen Punkt gewonnen! Dann wollen wir doch mal sehen, ob sich noch weitere Punkte gewinnen lassen.«

Langsam steigern sich Neugierde und Spannung. So ganz genau kann sie sich ein solches Zusammenleben mit jemandem, den sie noch kaum kennt, nicht vorstellen, will aber die Möglichkeit trotzdem nicht ungeprüft ausschließen.

»So, gleich da vorne, das Dach kann man schon sehen!« Leo zeigt mit dem Finger die Straße entlang.

»Ich bin ja schon gespannt, was Du uns zeigen wirst«, meint Diana lächelnd.

»M-Moritz auch s-s-spannt!«

Lachend nimmt Leo den Buben an die Hand. »So junger Mann, wir sind da. Hier wohne ich, ganz allein in diesem großen Haus.«

Mit einem leichten Kribbeln im Bauch betrachtet Diana das Gebäude und es gefällt ihr auf Anhieb. Zumindest von außen.

Leo öffnet die Gartentür und bittet sie und ihre Tochter einzutreten. Er selber und Moritz schließen sich an.

»Gleich hier nach rechts geht es in den Garten. Aber den schauen wir dann später an.«

In der geöffneten Haustür bleibt er stehen und fordert mit einem galanten Winken seinen Besuch auf, das Haus zu betreten.

»Also, hier geht es zu meinem Bereich und hinter der nächsten Tür erwartet uns die Küche, die wir uns teilen müssten. Gehen wir doch zuallererst eure Wohnung begutachten. Hier die Treppe nach oben, bitte.«

Sabine und Moritz stürmen voran die Treppe hinauf um dort auf die Erwachsenen zu warten.

5 Die Entscheidung

Nicht ganz ohne Stolz zeigt Leo ihnen die einzelnen Zimmer und meint zum Schluss: »Gut, das Bad ließe sich durchaus etwas vergrößern. Dadurch würde zwar der Abstellraum noch etwas kleiner, aber das wäre ja egal. Zur Not ließe sich dort sogar eine winzige Küche einbauen, aber dann würde es schon etwas eng hier oben werden. Was meint ihr dazu?«

Die Kinder haben sich aufgrund der Einrichtung sofort geeinigt, welches Zimmer jeweils für sie infrage käme. Schließlich befindet sich dort auch noch Spielzeug, Puppen und die ganze Ausstattung von Leo‘s Kindern und dies ist für die Wahl ausschlaggebend.

»Darf ich die Puppen dann behalten?«, kommt Sabines aufgeregte Frage. Nachdem er dies bejaht hat, will das Mädchen das Zimmer gar nicht mehr verlassen. Stattdessen begutachtet es gleich die anderen Gegenstände im Raum sehr intensiv.

Hellauf begeistert beginnt Moritz, im offensichtlichen Bubenzimmer, gleich die vorhandenen Spielsachen hervorzukramen. Das große Bett, das einem roten Ferrari nachempfunden wurde, würde er am liebsten gleich beziehen.

»Die Kinder haben wohl schon entschieden«, meint Diana lächelnd, »aber ich würde mir gerne erst noch den Rest anschauen und die Bedingungen genauer besprechen.«

»Natürlich, gehen wir doch wieder hinunter«, bittet Leo und ruft die Kinder. »Hallo ihr zwei, kommt ihr mit, wir wollen den Garten inspizieren. Dort gibt es auch noch einiges zu entdecken.«

Sofort kommen die beiden aus den Zimmern und laufen hinter den Erwachsenen her, die Treppe hinunter.

Dort hat Leo bereits die Tür zu Küche und Esszimmer geöffnet.

»Also, das hier wäre unser Gemeinschaftsbereich. Küche und Esszimmer. Mein Wohnzimmer hier, kann ich mit dieser Schiebetür leicht abtrennen, sodass wir uns nicht unnötig in die Quere kommen müssten.«

Anschließend führt er den Besuch durch den Essraum zur Terrassentür. »Hier geht es dann in den Garten und zur Terrasse. Kommt ruhig mit!«

Den Kindern hätte er dies gar nicht erst zu sagen brauchen, denn sie sind schon draußen und laufen auf dem Rasen umher.

»Da, eine Schaukel, dürfen wir darauf schaukeln?«, ruft das Mädchen begeistert Richtung Leo.

»Natürlich, dafür wurde sie gebaut!«, ruft er freudig zurück. Dann blickt er angespannt zu Diana, die sich auf einem kleinen Rundgang durch die Küche und den Essraum befindet. Als sie bemerkt, dass er an der Terrassentür stehen geblieben ist, um einerseits die Kinder im Blick zu haben, andererseits aber immer wieder zu ihr hinschaut, geht sie zu ihm.

»Wow, die Räume sind ja mindestens so groß wie unsere jetzige Wohnung! Eine Kochnische oben einzubauen ist bestimmt nicht nötig. Dies hier benutzen zu dürfen, wäre toll und wir hätten oben wirklich genügend Platz. Jeder bekäme ein schönes großes Zimmer und ich würde meinen Schlafplatz in den Abstellraum verlegen. Der reicht absolut aus für ein Bett. Das große Zimmer könnten wir dann sogar als gemeinsames Wohnzimmer benutzen. Kochen und Essen hier! Also, ich bin begeistert. Aber mich drücken noch ein paar kleine Bedenken, so beispielsweise, dass wir Dir schnell lästig werden könnten. Schließlich ist bei uns nicht immer nur eitel Sonnenschein. Die Kids können schon mal ganz schön laut werden und Ärger bereiten. Mit der beschaulichen Ruhe hier wäre es auf alle Fälle vorbei. Hoffentlich bist du dir darüber im Klaren!«

»Das freut mich, dass es dir auch gefällt. Wir haben selber zwei kleine Rabauken groß gezogen und somit kenne ich deren Verhalten recht gut. Ehrlich gesagt, geht mir der Trubel sogar ab! Aber lass das ruhig meine Sorge sein. Ich halte mich in meinem Bereich auf und wenn es mir einmal wirklich zu laut werden sollte, gehe ich einfach aus dem Haus. Ich habe Möglichkeiten genug, um eventuellem Ärger aus dem Weg gehen zu können. Also, mein Angebot steht. Natürlich würde oben alles ausgeräumt und neu gestrichen werden. Gehen wir doch hinaus zu den Kindern.«

Diese durchsuchen gerade den Garten nach Brauchbarem.

»Mama, schau, eine so große Schnecke habe ich gefunden.« Dabei streckt das Mädchen ihre rechte Hand vor, auf der eine große Weinbergschnecke sitzt.

»Oh«, meint Leo lachend, »von der Sorte gibt es hier bestimmt noch mehr. Aber kommt mal mit, da hinten unter den Sträuchern gibt es Walderdbeeren. Die schmecken ganz süß! Leider sind sie etwas klein, aber zum Naschen ganz ausgezeichnet.«

Er zupft ein paar Erdbeeren ab und reicht sie ihnen zum Kosten.

»Mmm, g-gute E-e-erdbeer!«, schwärmt der Bub und beugt sich zu Boden, um selber auf die Suche zu gehen. Seine Schwester hat schon eine kleine Beere gepflückt und bringt sie ihrer Mutter zum Kosten.

»Hier Mama, probier mal, die schmecken wirklich ganz süß!«

Sofort begibt sich das Mädchen auf eine neue Suche.

»Ja, so wie es aussieht, ist die Sache wohl klar. Wir müssten nur noch ein paar Einzelheiten besprechen, bevor ich endgültig zusagen kann.«

Mittlerweile geht es auf achtzehn Uhr zu und die Kinder sollten bereits zu Abend essen. Diana möchte zwar gerne schnell nach Hause kommen, aber auch die Chance, alle Einzelheiten und Unwägbarkeiten besprochen zu haben, nicht versäumen.

»Wir müssten uns aber etwas beeilen, die Kinder brauchen bald etwas zu essen, denn es ist schon spät geworden.«

»Natürlich, setzen wir uns doch und unterhalten uns darüber.« Dabei zeigt er auf zwei Gartenstühle. Doch bevor er sich setzt, kommt ihm eine neue Idee.

»Was essen denn die Kinder gerne, was schnell und einfach zubereitet werden kann. Mögen sie Pfannkuchen? Das war die Lieblingsspeise unserer Kinder.«

»Mit Pfannkuchen triffst du immer ins Schwarze. Die beiden lieben Süßspeisen! Willst du etwa welche backen oder kommen lassen?«

»Wir könnten so gleich einmal unseren Gemeinschaftsraum ausprobieren, indem wir zusammen unser Abendessen kochen. Ihr seid herzlich eingeladen. Salat habe ich auch und Marmelade oder Puderzucker für die Pfannkuchen befinden sich im Vorratsraum. Was meinst du, wollen wir?«

Ganz begeistert rückt er den Stuhl etwas zur Seite und fordert Diana auf, mit in die Küche zu kommen.

»Du legst vielleicht ein Tempo hin«, bemerkt sie schmunzelnd. »Aber gut, probieren wir es aus! Komm und zeige mir, wo sich die ganzen Sachen befinden und ich backe. Um den Salat darfst du dich kümmern! Geht das so in Ordnung?«

»Aber sicher, du bist der Chef!«

Fröhlich schmunzelnd zeigt er ihr, wo sich die Zutaten befinden. Zum Abschluss holt er noch das Rührgerät für den Teig aus der Speisekammer.

Neugierig von Leo beobachtet gibt Diana routiniert die Zutaten nach Augenmaß in eine Schüssel und verquirlt den Teig, bis er schön sämig wird. Er ist mit ihrem Vorgehen ganz zufrieden und putzt nebenbei den Kopfsalat, bevor er ihn zerkleinert und ein Dressing anrührt.

»Du kannst schon mal die Teller und das Besteck zum Tisch bringen«, meint Diana, »und dann rufe bitte die Kinder herein. Die Pfannkuchen sind gleich so weit.« Mit viel Gefühl wendet sie gerade den ersten davon, um ihn auch auf der Rückseite schön anzubacken.

Leo holt die Kinder und zeigt ihnen im Gäste-WC, wo sie ihre Hände waschen können.

»Mmm, Pf-pfannk-k-k-kuchen!«, freut sich Moritz und schnuppert mit hochgereckter Nase in die Luft.

Kaum haben die Kinder am Tisch Platz genommen, bringt Diana schon für jeden einen frischen heißen Fladen an. Während Sabine lieber Erdbeermarmelade darüber streicht, mag ihr Bruder nur Puderzucker darauf.

»Gleich gibt’s einen neuen«, tröstet sie Leo mit einem Lächeln im Gesicht.

Gut gelaunt sieht er ihr bei der Arbeit zu.

»Ich habe ganz den Eindruck, dass dir das Kochen richtig Spaß macht! Früher habe ich auch gerne gekocht, aber für einen allein, lohnt es sich eben nicht.«

»Das kann ich gut verstehen«, meint Diana, während sie neuen Teig in die Pfanne schöpft. »Aber es stimmt schon, ich koche wirklich gerne. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, dass es anderen schmeckt. So, aber jetzt musst du auch essen, sonst wird er kalt. Ich komme dann gleich nach.«

Leo setzt sich zu den Kindern und Diana bringt ihm den heißen Pfannkuchen hinterher.

Nachdem alle am Tisch sitzen, fragt Leo in die Runde: »Was meint ihr, wäre es nicht schön, wenn es alle Tage so sein könnte und ihr hier wohnen würdet?«

Zwar weiß er schon von Diana, dass sie die Wohnung tatsächlich beziehen möchte, aber er will das Thema einfach noch einmal aufgreifen.

»Klar, super«, ruft Sabine sofort laut. »Mama, bleiben wir gleich hier?«

Moritz ist noch mit dem Kauen eines viel zu großen Stücks Pfannkuchen beschäftigt.

»Nein, mein Schatz, so schnell geht es leider nicht. Erst muss oben ausgeräumt und neu gestrichen werden. Auch müssen wir unsere Möbel hierher bringen und aufbauen. Das dauert noch einige Zeit. Was meinst du Leo, wann könnte ich mit dem Malern beginnen?« Diana ist plötzlich so begeistert, dass sie am liebsten sofort starten würde.

»Ja möchtest Du das denn das alles selber streichen? Ich könnte doch auch einen Maler bestellen. Außerdem muss das Bad oben auch renoviert werden. Selbst wenn es nicht vergrößert zu werden braucht, aber neue Fließen und so kommen schon rein. Ich werde mich gleich morgen nach einem Handwerker umsehen, der mir das möglichst bald erledigen kann. Mit dem Ausräumen kann ich auch gleich am Vormittag anfangen. Wahrscheinlich werden wir einen Container brauchen, um unnützes Zeug wegzubringen. Falls ihr irgendetwas gebrauchen könnt, noch gibt es freie Auswahl.«

»Das wäre prima, denn ein paar Sachen hätte ich schon gesehen und Moritz will bestimmt auch gerne das Ferraribett behalten. Warte bitte noch mit dem Ausräumen. Vielen Dank für das Essen und ich melde mich dann morgen gegen Mittag, wegen des weiteren Vorgehens. Ich freue mich schon richtig, wieder einmal etwas Handwerkliches arbeiten zu können und denke, dass wir ganz gut miteinander zurechtkommen werden. Aber jetzt müssen wir heim, es ist spät geworden.«

»G-genau, sch-schon spät, M-Moritz m-m-morgen wwieder kommen!«, kommentiert der Kleine den Sachverhalt.

»Ich könnte euch aber auch fahren«, meint Leo, »aber Kindersitze habe ich leider keine mehr. Wie weit müsst ihr denn marschieren?«

»Ach, zu Fuß wären es etwa fünfundzwanzig Minuten, aber wir nehmen die Straßenbahn, die fährt ja gleich vorne am Park ab. Das ist kein Problem.«

Sie wendet sich den Kindern zu, die schon wieder Richtung Garten unterwegs sind. »Hallo, hier lang bitte! Es geht nach Hause«.

Sabine dreht sich um, nimmt ihren Bruder an der Hand und kommt in das Esszimmer zurück.

»So, jetzt verabschiedet euch recht artig und dann verschwinden wir auch schon!«

Brav geben die beiden Kinder Leo die Hand und sagen auf Wiedersehen. »B-b-bis m-morgen!«, ergänzt Moritz noch, bevor er sich seiner Mutter zuwendet.

Auch Diana verabschiedet sich und dann ziehen die drei los. Etwas wehmütig blickt ihnen Leo von der Gartentüre aus nach, bis sie um die nächste Ecke verschwinden.