Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Hamburg 1990: Die achtzigjährige Hebamme Johanna Grünberg möchte zum ersten Mal nach ungefähr 50 Jahren "ihr" Schwerin wiedersehen. Die Stadt, in der sie ihre schönsten Jahre verbrachte. Diese Reise kann sie allerdings nur mit ihrer Enkelin und ihrer Tochter unternehmen. Zu ihrer Reisevorbereitung gehört die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Familiengeschichte. Rückblickend und intensiv erlebt Johanna diese Jahre und ihre eigene Geschichte als junge Mutter, Ehefrau und Hebamme bis zum Kriegsende erneut. 1933 als junge Frau nach Schwerin gekommen heiratet sie Franz, der aus einer jüdischen Familie stammt. Sie bekommen zwei Töchter als nach kurzer Zeit des Glücks und "normalen Lebens" der Krieg ausbricht. Johanna erlebt als Mutter, Ehefrau und Hebamme, wie sich die Schlinge des Nationalsozialismus für sie immer mehr zusammenzieht und ihre Leben beeinflußt und bedroht. Noch bis zum Tag der Flucht 1945 nach Hamburg mit ihrer Tochter Sara kämpft Johanna um ihr beider Leben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hamburg im April 1990: Die achtzigjährige Hebamme Johanna Grünberg möchte – vielleicht zum letzten Mal in ihrem Leben - ihr Schwerin wiedersehen. Die Stadt, in der sie ihre schönsten Jahre verbrachte. Doch die Reise kann nicht von ihr alleine unternommen werden.
Ihre Enkelin Franziska, eine Hebammenschülerin Mitte Zwanzig, begleitet sie nur unter der Bedingung, dass Johanna ihr endlich etwas über ihre Familie und ihrer Vergangenheit erzählt – und ohne ihre Mutter Sara fährt sie sowieso nicht.
Franziska steht seit jeher zwischen diesen beiden Frauen und kann sich weder auf ihr eigenes Leben konzentrieren, noch für sich selbst Ruhe finden. Sie möchte eine Klärung. Deshalb sucht sie das Gespräch mit ihrer Oma.
Dieser zähe, aber fortlaufende Dialog mit ihrer Enkelin läßt Johanna wieder tiefer in ihre eigene Geschichte tauchen und sich erneut mit ihrer Vergangenheit auseinander setzen.
Johanna erlebt die NS-Zeit und den Krieg als pädagogisch und psychologisch interessierte Hebamme. Mehr als die Politik, das Geschehen in ihrem Umfeld liegen ihr die Entwicklung des Menschen und besonders der Kinder am Herzen.
Ihre Weltanschauung ist klar gegen die des Regimes gerichtet, doch weichen ihre Grenzen im Laufe ihrer Geschichte auf. Erst als sie selbst Betroffene wird, ist sie schon mitten drin, im Sog.
Sie wird zur Mitläuferin und Mittäterin. Motor dafür ist die Furcht vor der Deportation ihres Mannes und ihrer Tochter.
Mit ihrem jüdischen Ehemann Franz und den Töchtern Lene und Sara erlebte sie den Beginn des Nationalsozialismus und die Kriegszeit als junge Ehefrau, Mutter und Hebamme.
Die ersten Jahre, von 1933 bis 1938, verbringt die Familie in Schwerin. Sie wohnen mit den Schwiegereltern Francesca und Josef zusammen.
Franz arbeitet mit seinem Vater im eigenen Frisörsalon, Johanna wird als Hausgeburtshebamme mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses konfrontiert.
Lene, 1933 geboren, stirbt 3jährig an Tuberkulose. Erst durch die Bekanntschaft mit der Zigeunerin Moasa lernt Johanna, um Lene zu trauern.
Ein halbes Jahr nach Lenes Tod wird Sara geboren. Nachdem die Familie den Terror der Pogromnacht 1938 erlebt, verlassen Francesa und Josef Deutschland. Nach einer missglückten Hausgeburt gibt Johanna 1939 ihre Hausgeburtshilfe auf. Angestellt arbeitet sie in einem primitiv ausgestatteten Entbindungsheim im Umland von Schwerin. Im April 1941 wird Franz einberufen: Er war damals in der Pogromnacht im Zuchthaus den Handel eingegangen, sich freiwillig für den Fronteinsatz zu melden, um seine Familie vor der Deportation zu bewahren. Für Johanna ein Schock. Plötzlich ist sie mit Sara und dem Pflegekind Michael, der Sohn der Jüdin Anna, auf sich allein gestellt. Sie verlässt Schwerin, um als Hebamme im Lebensbornheim Ammersburg im Bremer Umland zu arbeiten. Die drei bekommen eine Unterkunft auf dem Hof der alten Hedda Vintschau zugeteilt.
Franz, auf dem Balkan eingesetzt, wird schon bald von seiner Truppe getrennt. Er schlägt sich mit dem einheimischen Jungen Enes bis nach Triest durch. Von dort gelangt er mit einem Schiff nach Deutschland.
Nachdem das Heim 1943 geschlossen wird, ziehen Johanna, Franz und Sara in eine Wohnung nach Bremen. Johanna findet in einem Entbindungsheim für Ostarbeiterinnen eine Stelle, wird aber im Spätsommer 1944 erneut arbeitslos.
Die Familie geht nach Tiegendorf in die Lüneburger Heide, wo Johanna in einer Kinderklinik arbeitet. Als Franz deportiert wird, steigert sich ihre Angst, jetzt auch noch ihre Tochter zu verlieren, ins Unermessliche. Ihr schwärzestes Kapitel, an Vergasungen in den Einrichtungen beteiligt zu sein, endet erst, als der Krieg zu Ende ist und sie mit der nun neunjährigen Sara flieht.
Jetzt, kurz nach der „Wende“, möchte Johanna nach Schwerin reisen, um mit ihrer Vergangenheit Frieden schließen zu können, und sie hofft, sich mit dieser Reise ihrer Tochter Sara wieder zu nähern. Sara fällt es schwer, auf diese Reise zu gehen. Sie fühlt sich immer noch schuldig an der Deportation ihres Vaters.
Das Ende der Reise hat Bewegung in die Beziehung von Johanna und Sara gebracht. Sara kann sich schließlich von ihrer vermeintlichen Schuld befreien.
Die drei Träume
Ich watete durch einen Teppich aus Schlamm und Schlacke, wie sie nicht dicker und dunkler sein konnten. Ich kam kaum vorwärts. Ich schien in einem Schwimmbecken eines Freibades zu stecken: Um mich herum erkannte ich die helle Begrenzung des Bassins und die Steinplatten drumherum. Ich sah den Sprungturm über mir und die metallene Leiter zum Hineinsteigen. Ein Waldbad im Winterschlaf: Ich erkannte Tannen etwas weiter weg von mir.
Die Schlacke und der Schlamm wurden mehr und mehr und immer fester. Ich lief dorthin, wo ich meinte, dort sei die Quelle.
Tatsächlich saß dort meine Großtante. Sie weinte und weinte. Die Tränen liefen klar in feinen Rinnsalen ihr Gesicht hinab, sobald sie auf den Grund fielen, wurden sie dunkel und schlammig.
Ich suchte die Herzen meiner Eltern. Ich befand mich auf einem Hügel, vielleicht eine Deponie, die schon mit Gras bewachsen war. Ich grub und grub, trug viel Dreck ab und fand das Herz meines Vaters, als leicht schrumpeliges, aber wohlleuchtendes und pulsierendes Herz. Es war lebendig. Ich hob es auf und es wurde kräftiger.
Das Herz meiner Mutter allerdings fand ich erst unter meterdicken Schichten Erde als armseliges Glimmen und kaum hörbaren Puls. Es wollte nicht von mir aufgehoben werden. Das machte mich traurig.
Ein großer Knall, etwas zieht mich hinab wie ein Sog, dann wird es dunkel. Stille. Ich kann nur noch meinen Kopf heben, alles andere ist gelähmt. Ich sehe mich auf Schutt liegen. Um mich herum sieht alles kaputt aus. Dann Dunkelheit, absolute Stille, mit daraufhin strahlender Helle.
Seit sie Tiegendorf verlassen hatten, waren sie ohne Pause gelaufen. Quer durch die Heide, manchmal durch zusammenliegende Höfe, durch Wälder, dann wieder an Feldern vorbei, viele Kilometer weit. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussah, es gab ein Ziel. Und Johanna war willens, es nicht aus den Augen zu verlieren.
Auf einer Weide machte sie Halt und schaute ihre Tochter an: 'Wie weit wird Sara noch laufen können', fragte sie sich. Erst jetzt, nach einem Marsch von fünf Stunden traute sie sich, auf ihre kleine Tochter Rücksicht zu nehmen. Je weiter wir von Tiegendorf entfernt sind, umso besser für uns beide, dachte sie.
In diesem Augenblick fiel Sara auch schon erschöpft ins Gras und streckte die Beine von sich: 'Gut so', dachte sie, 'ich gehe nicht mehr weiter. Da kann meine Mutter machen, was sie will, hier ist Schluss.' Sie zog ihre Schuhe aus und rieb ihre Füße: Sie hatte das Gefühl, schon tagelang durch diese blöde, endlose Heide unterwegs zu sein. Es war fürchterlich mühsam, mit dem schweren Rucksack durch die Landschaft zu marschieren.
Sie blickte zu ihrer Mutter hoch, sie hatte eine ganz wichtige Frage. Doch sie reagierte nicht: Johanna schaute gerade in den Himmel. 'Sie ist mal wieder abgelenkt – wie so oft in letzter Zeit.' Sara überlegte selbst, welchen Grund ihre Mutter für diese überstürzte Flucht haben konnte. Wir müssen sofort abhauen, hatte sie in der Wohnung zu ihr gesagt, raus aus dieser Stadt, und schau dabei ja nicht zurück. Warum sie sich nicht umdrehen durfte, wusste sie nicht genau. Sie fragte sich, ob sie vielleicht sonst zu einer Salzsäule erstarrt wäre, wie die Frau in der Bibel. Nach der Flucht aus der Wohnung sprach ihre Mutter nicht mehr. Sie lief nur noch, und Sara bemühte sich, mit ihr Schritt zu halten. Dass sie den ganzen Weg lang nicht mit ihr redete, war ungewöhnlich. Es musste sehr ernst sein.
Sara wurde sonst, sobald ihre Mutter vom Dienst kam, geradezu vernommen: mit welchem Lehrer, Schulkameraden oder sonstigen Leuten sie über welche Dinge gesprochen hatte. Ob fremde Leute ihr Fragen gestellt hatten und was sie darauf geantwortet habe.
Und wehe, sie erinnerte sich nicht genauestens. 'Zum Schluss will sie dann jedesmal wissen, wie mein Tag gewesen ist. Wenn sie mich fragt, wie mein Tag gewesen ist, scheint sie sich doch noch für mich zu interessieren', dachte Sara dann. In letzter Zeit hatte sie daran gezweifelt. Seit ihr Vater nicht mehr bei ihnen war, war es noch schwieriger zwischen ihnen geworden, als es ohnehin schon war. Ihre Mutter war manchmal sehr weit weg für sie. Dann bekam Sara das Gefühl, sie sei Luft. Wenn Sara allerdings gute Laune hatte und die Zweifel weit weg waren, bildete sie sich ein, ihre Mutter freue sich doch, sie um sich zu haben.
Denn dann hatte Johanna wieder dieses Strahlen von früher in ihren Augen und das machte sie glücklich.
Heute war es nun ganz anders. 'Ob Mama vielleicht Angst hat?' Sie konnte das alles sehr schlecht einordnen. 'Ob es an mir liegt?' Johanna hatte noch gesagt, sie solle alles vergessen, was gewesen sei. Ab jetzt solle sie nach vorn schauen. Sara konnte damit nichts anfangen. Weshalb sollte sie den schönen Vormittag bei Elsa vergessen? Sie hatten schulfrei bekommen und sie durfte den ganzen Tag bei Elsa bleiben und spielen, während ihre Mutter in der Klinik arbeitete.
Johanna hatte gerade in einiger Entfernung einen größeren Wald entdeckt. Sie schaute wieder zur Sonne und schätzte die Länge des Schattens. 'Es ist später Nachmittag, wohl schon bald sechs Uhr. Heute werden wir wohl nicht mehr weit kommen, wir suchen uns besser Schutz für die Nacht', überlegte sie und sah ihre Tochter an. Etwas grob zog sie die nachdenkliche Sara am rechten Arm hoch, deutete auf den Wald und sagte:
„Komm schon, Träumerle! Es geht weiter.“ Etwas sanfter fügte sie hinzu: „Nur noch ein Stück, bis in den Wald dort hinten.“ Die Angst saß ihr im Nacken.
Furchtbare Angst. Am liebsten wäre sie die Nacht hindurch und noch den ganzen nächsten Tag weitergelaufen. 'Niemand soll uns kriegen können.'
Wie knapp sie mit dem Leben davon gekommen war, wurde ihr immer bewusster.
In einer Senke im Wald baute sie einen kleinen Unterschlupf aus Ästen, Zweigen, Laub und etwas frischem Grün. Der Wald tat ihr gut. Sie beruhigte sich langsam. Die Nachmittagssonne warf ihre letzten, noch warmen Strahlen durch das frische, durchscheinende Grün der Buchen. 'Die Sonne lässt sich durch nichts stören. Sie geht auf, sie geht unter. Morgen wieder und übermorgen und all die Jahre, Jahrzehnte, Jahrtausende wird sie dies tun. Da kann man sich sicher sein. Auf die Sonne ist Verlass.' Ein Teppich von blühenden Buschwindröschen breitete sich unweit von ihnen auf dem Waldboden aus. Jetzt nahm sie auch das Zwitschern der Vögel wahr. Der Frühling hatte lange auf sich warten lassen. Oder hatte sie ihn nur nicht hineingelassen? Die hohen Buchen wirkten beschützend auf Johanna, die Stille des Waldes ließ sie neue Kraft schöpfen. 'Es geht immer wieder weiter.
Nach dem Winter kommt der Frühling. Und mit ihm wird immer neues Leben kommen. Und kommt er auch später, aber er wird kommen. Auch darauf ist Verlass.'
Sie versprach sich und Sara, ihr altes Leben wieder aufzunehmen, sobald sie Schwerin erreicht und Franz gefunden hatten. Und sie hielt es für ein gutes Zeichen, dass sie ausgerechnet in einem Buchenwald Zuflucht gefunden hatten. In ihrer Heimat gab es Buchenwälder, so weit das Auge reichte.
„Mama, ich habe Hunger.“ Sara war aus der kleinen Höhle gekrochen und zupfte ihrer Mutter am Ärmel.
Johanna blickte kurz auf, nickte und suchte wortlos in ihrem Rucksack nach etwas Essbarem. Ein großes Stück Brot, ein Stück Käse und einen Apfel, das war alles, was sie heute morgen in der Eile hatte zusammenpacken können. Sie riss ein Stück Brot ab und drehte den Apfel mit ihren Händen auseinander.
Im Laufe der letzten Wochen hatte sie kräftige Arme bekommen.
Diesmal störte sich Sara nicht weiter an ihrer wortlosen Mutter, aß auf und schaute, immer noch hungrig, auf die zweite Hälfte des Apfels in Johannas Hand.
„Natürlich, die auch noch“, raunzte Johanna, als sie den hungrigen Blick ihrer Tochter spürte. Johanna spürte inzwischen ihren eigenen Hunger. Zerknirscht über ihre harten Worte, reichte sie ihr sofort die zweite Apfelhälfte. 'Das Kind geht natürlich vor, es war ja auch nicht so gemeint', dachte sie. Sie riss sich zusammen. 'Es ist einfach nicht gut, so wenig zu essen dabeizuhaben. 'Sara nahm zögernd die zweite Hälfte des Apfels und wieder einmal kam dieses seltsame Gefühl in ihren Magen gekrochen.
„Wir mussten uns beeilen, Sara, es nutzte nichts. Deshalb ist auch nicht so viel zu essen da. Ich kann nichts dafür.“ Johanna lächelte zaghaft: „War nicht so gemeint, gerade!“ Sara schöpfte Mut – und es platzte aus ihr heraus: „Mama, ich konnte außer Papas Teddy und seiner Wintermütze nichts von meinen Sachen mitnehmen. Beinahe hätte ich sogar die Mütze vergessen. Wir haben gerade so schön Mensch-ärgere-Dich-nicht gespielt, Elsa und ich, und ich hätte mit Sicherheit gewonnen, da hast du mich vom Tisch weggezogen.“ Johanna zuckte bloß mit den Schultern.
Das war ihr alles zu viel. Heute morgen in der Klinik war sie zufällig Zeugin eines Gespräches zwischen ihrem Chefarzt und dem Oberarzt der Kinderstation geworden. Sie wollte sich gerade wegdrehen, als etwas in diesem Gespräch sie hellhörig werden ließ: Es ging um sie. Um sie alle. Blitzschnell erkannte sie die Zusammenhänge. Als Mitwisser schienen sie jetzt, wo der Krieg verloren war, eine Gefahr darzustellen. Sie wussten zu viel. Sie sollten für immer ihren Mund halten. Man würde sich darauf vorbereiten müssen, alle Spuren zu beseitigen, einschließlich der Zeugen, hörte sie die beiden Ärzte weitersprechen. Einen kurzen Moment hatte sie an ihre Tochter gedacht, die sie nicht wiedersehen würde. Sofort packte sie ihre Sachen zusammen, legte ihre Kleidung über den Arm, und verbarg darunter eine kleine Sammlung Patientenakten, mit denen sie sich gerade beschäftigt hatte und lief in Schwesterntracht nach Hause. Johanna hatte Elsa da nicht mit hineinziehen wollen und je weniger ihre Tochter wusste, desto sicherer für alle. Und, es musste schnell gehen. „Du weißt gar nicht worum es geht, Sara. Du bist noch viel zu klein. Später wirst du mir dankbar dafür sein. - Übrigens, Papas Mütze. Also die hättest du gar nicht vergessen können. Schließlich krönt dieses hässliche gelb-grüne Bommelding seit dem Du-weißt-schon-Tag deinen Kopf. Der Frühling kommt, du kannst sie abnehmen.“ „Nein! Und wenn es dreißig Grad im Schatten sind. Papa bleibt immer bei mir!“ „Und ich will nichts mehr davon hören! Geh jetzt schlafen. Morgen wird ein harter Tag werden.“ Sara schlich in die Höhle zurück.
'Manchmal ist sie so gemein zu mir. Alles war einfacher, als Papa noch da war.' Sie spürte die Tränen aufsteigen, versuchte sie hinunterzuschlucken und legte sich auf den Boden, den Teddy fest vor ihre Augen gedrückt. Sein Fell nahm alle Tränen auf, und das waren in den letzten Wochen einige gewesen. Ihre Mutter sollte es nicht sehen.
'Ach, Kind', dachte Johanna, kroch ebenfalls in den Unterschlupf und blickte mild zu ihrer Tochter herüber, 'wir wollen uns vertragen. Ich kann dir das nicht erklären. Es ist schwer. Dafür musst du erst erwachsen werden. Ich verstehe vieles selber noch nicht.' Johanna rutschte neben sie und strich ihr vorsichtig über das Haar. Die Geste ihrer Mutter spürte sie nicht mehr.
Sara war eingeschlafen. Johanna deckte sie mit ihrem Schwesternkittel zu. Dann setzte sie sich vor den Eingang ihrer Höhle und verschloss ihn von innen mit den restlichen Zweigen und Gräsern. 'Nach Schwerin möchte ich, nach Hause. Das ist mein Ziel. Sara würde sich freuen. Sie würde sagen: Da wartet Papa auf uns!
Und Oma und Opa auch. Denn jetzt, wo der Krieg vorbei ist, müssen ja alle zurückkommen.' Noch einmal strich sie zart über Saras Kopf. 'Ach Kind, wenn das doch alles so einfach wäre.' Sie legte sich neben ihre Tochter und drehte sich zur Seite, sodass sie dicht bei Sara lag, um sie zu wärmen. Johanna dachte an ihre Vermieterin in Tiegendorf, Elsa Kabehl. 'Ob mein Fahrrad jetzt noch vor dem Haus von Elsa im Pfaffendiek steht? Was tut sie gerade? Hoffentlich macht sie sich keine allzugrossen Sorgen. Sobald ich zu Hause bin, werde ich ihr schreiben. Man verliert sich sonst. Wie so oft in den letzten Jahren: Wir lernen Menschen kennen, dürfen sie Freunde nennen und müssen sie dann plötzlich und vor allem heimlich wieder verlassen. Auch unsere Ausstattung ist von Umzug zu Umzug geschrumpft, daran habe ich mich ja gewöhnt. Aber an das andere werde ich mich nie gewöhnen können. Diesmal haben wir tatsächlich nur noch das Nötigste mitnehmen können, aber immerhin habe ich Fotos und die Briefe von Therese eingepackt.
Papiere, ein bisschen Wäsche, etwas zu essen, sonst nichts.' Johanna legte ihren Arm um Sara. Sie atmete ruhig. Da erschrak sie wieder: „Papiere! - Ich habe die Patientenakten bei Elsa liegenlassen – ach du Schande …!“ Sie malte sich schreckliche Dinge aus, die passieren könnten, aber ändern konnte sie jetzt nichts mehr daran. „Nun werde ich mich doch nicht mehr bei ihr melden können ….“ Traurig zog sie ihren Arm zurück und sagte leise: „Morgen müssen wir weitergehen, wir werden eine Hütte finden oder einen Stall, für die nächste Nacht.“
Sie befanden sich in einem Niemandsland. Irgendwo zwischen Lüneburg und der Elbe. Hier, in diesem kleinen Unterschlupf im Wald, keimte Hoffnung auf.
Der Krieg war aus und wo auch immer Johannas Mann stecken mochte, vielleicht hatte er sich retten können oder war gerettet worden. Johanna wollte auf jeden Fall über die Elbe und Schwerin erreichen. 'Schwerin gehört zu meinem Leben. Dort hat es begonnen und dort soll es einmal enden. In dieser Stadt bin ich zu Hause, vielleicht ist dort noch etwas von unserem früheren Leben zu finden.' In diesem Augenblick fühlte sie sich der Stadt ganz nahe. Sie sah sich über den Altstädtischen Markt schlendern, die Schusterstraße hinunter. Bereits von dort konnte sie den Anblick des leuchtenden Schlosses in der Abendsonne genießen.
Am Ufer angelangt, ließ sie oft ihren Blick weit über den See wandern. Das war ihr Ruhepol. Über dem See liegt die Freiheit, dachte sie dann jedes Mal. Sie wollte kämpfen. Koste es, was es wolle. Ich muss es versuchen. Ich werde Franz finden, mit ihm zusammen unser Haus wieder aufbauen und die alte Heimat wieder zu unserer Heimat machen, dachte sie fest entschlossen. In solchen Momenten wandte sie sich an Gott. Seit ihrer Arbeit auf der Kinderstation tat sie dies wieder regelmäßiger. Es half ihr, das Leben zu behalten. Als Kind hatte sie von ihrem Vater gelernt, mit Gott zu sprechen. Anders als in der Kirche. Er sagte zu ihr: „auf dem Feld lernst du, dich mit Gott zu duzen.“ Allmählich bekam sie eine Ahnung, woher die Kraft ihres Vaters gekommen war, nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war. Seinen Halt und seine Zuversicht hatte er damals in Gott gefunden. Und Johanna fand sich inzwischen auch darin wieder. Sie hatte es nur vorübergehend vergessen. Sie lag immer noch wach. Ihr Körper ruhte zwar, die Gedanken aber bewegten sich weiter. 'Sara erwähnt ihren Vater kaum noch, dafür hält sie den Teddy, den er ihr geschenkt hat, fest im Arm und setzt Franz' Mütze nicht mehr ab.
Sie verschließt sich völlig, wenn wir von ihrem Vater sprechen. Und ich weiß, wie sehr sie ihren Vater liebt.
Wie konnte das passieren? Wie konnte das alles passieren?' Sie erinnerte sich wieder an Franz' Verhaftung, ihren Zusammenbruch Tage danach in der Klinik, ihre schwächsten Stunden, die sie dann erpressbar gemacht hatten. Seitdem schützte sie ihre Tochter vor der Gestapo, indem sie half, andere Kinder zu töten. So war der Handel gewesen, ein perfider Handel. Sie hatte sich bis heute darauf eingelassen.
Wut stieg in ihr auf, die aber gleich in hilflose Ohnmacht zerfiel. 'Bis heute', dachte sie, 'viel zu lange.
Und unentschuldbar.' Tränen stiegen in ihr auf, sie hielt sie zurück. Stark musste sie sein und es auch bleiben.
'Meiner Tochter ein gutes Leben zu ermöglichen, überhaupt ein Leben. Das ist es, was jetzt wirklich zählt', dachte sie. Johanna liebte ihre Tochter, sie war das Einzige, was ihr geblieben war.
Johannas Hände lagen auf Saras Brust, sie spürte ihren regelmäßigen Atem, ohne ihn dabei wirklich zu fühlen.
Etwas hatte sich zwischen sie geschoben. Eine dünne, unsichtbare Wand. Sehr plötzlich war sie gekommen – wahrscheinlich hat es in Bremen angefangen. Johanna wusste sich nicht zu helfen. Verwirrt drehte sie sich von Sara weg und hoffte, dass diese Erscheinung mit der Zeit von allein verschwände.
Der Abreisetag aus Schwerin schien ihr schon Jahrzehnte her zu sein. Tatsächlich waren es nur fünf Jahre, die sie seitdem an verschiedensten Orten verbracht hatten. Seit dieser Zeit hatte sie Franz versteckt halten müssen, nachdem er von der Front zurückgekommen war. Er war Jude. Konvertierter Jude. Das spielte aber irgendwann keine Rolle mehr. Er war in Lebensgefahr und Sara schien, so sah es Johanna, dabei ein unkalkulierbares Risiko für sie alle darzustellen. Deshalb schärfte sie ihrer Tochter ein, nie zu viel von ihnen zu erzählen. Schon gar nicht Fremden gegenüber. Oder Freunden, die viel wissen wollten. Sich zu öffnen, konnte tödlich sein. Mit einem falschen Wort konnte alles auffliegen. Am besten, sie hatte gar keine Freunde. Nach und nach übernahm Johanna die vollständige Kontrolle über Saras Leben.
Es gehörte zu ihrer täglichen Predigt, dass Sara zwar höflich sein sollte, mit Fremden aber nur das Nötigste reden durfte – wenn überhaupt: „Wenn jemand nach deinem Vater fragt, dann sag ihm, du hast keinen Vater mehr. Der ist vor ein paar Jahren gestorben, oder so.
Denk dir irgendetwas aus!“, sagte sie dann zu ihr. Um Sara selbst sorgte sie sich erst, als von Evakuierungen sogenannter Mischlingskinder die Rede war.
Überwältigt von ihrer Angst, ließ sie Sara noch weniger Freiheiten: 'Sara hat feine Antennen', dachte sie, 'zu fein für diese Welt. Das wird sie eines Tages kaputtmachen. Ich muss sie bei mir behalten und ihr sagen, wo es langgeht. Sie wird sonst in der Welt untergehen. Und wer weiß, was wir jetzt für eine Welt kriegen werden.'
Plötzlich fuhr sie hoch: „Wer ist da? Was war das?“ Johanna drehte sich zum Eingang und tastete sich langsam vor. Etwas raschelte draußen. Sie hielt den Atem an. Sie lugte durch einen Spalt und horchte in die Stille hinein. 'Haben sie mich doch gefunden?' Sie war auf alles gefasst, innerlich wie äußerlich. In den Jahren der Alarmbereitschaft hatten sich ihre Sinne enorm geschärft. Sie war wachsam. Bereit zum Angriff oder zur Flucht. Das Rascheln hatte aufgehört.
„Wahrscheinlich eine Maus.“ Allmählich ließ die Spannung in ihrem Körper nach.
Zum ersten Mal seit langer Zeit nahm sie die Stille der Nacht sehr bewusst wahr. Sie kroch zurück und legte sich wieder neben ihre Tochter. 'Der Krieg ist zu Ende!', dachte sie.
Da war sie wieder, die Vergangenheit. Eng verknüpft mit der Klinik. Sie wollte endlich schlafen: 'Nicht jetzt!' Sie biss die Zähne zusammen, ihre Hände zitterten. 'Nie wieder will ich daran erinnert werden.
Zeit meines Lebens nicht.' Sie versuchte die hochsteigenden Bilder zu unterdrücken. Dann wurde das Zittern stärker. 'Zu viele Gedanken, zu viele Bilder, alles durcheinander.' Fetzen, Fragmente. Vergangenes wie Gegenwärtiges. Eine wilde Flut, die sie nicht stoppen konnte. 'Ich habe immer wieder gehofft, dass das Sterben bald ein Ende nimmt, dass irgendetwas passiert und dann Schluss ist damit. Nichts geht ewig, dachte ich damals, und wenn es einen Gott gibt, dann kann er nicht auf Dauer wegschauen.' Sie ekelte sich vor sich selbst. Sie konnte sich nicht mehr ansehen.
'Ein Häufchen Dreck, das seinen Dienst tun muss.'
Inzwischen rein mechanisch und abgestumpft. Sie hasste sich für das, was sie tat. Vor allem konnte sie Sara nicht mehr unter die Augen treten. Ihre unschuldigen Kinderaugen bereiteten ihr Angst und Schmerz. Sie mochte ihrer Tochter nicht mehr nahe sein. Johanna betete damals jeden Abend. Sie entdeckte ihren Glauben wieder. Das gab ihr Halt und Kraft zum Durchhalten für eine kurze Zeit.
Dann geschah etwas Seltsames mit ihr: Ein oder zwei Wochen vor der Flucht aus Tiegendorf glaubte sie dann tatsächlich, ihr Handeln, das Sterbenmachen, sei rechtens. Es gäbe tatsächlich unwertes Leben. Sie wusste, sie wurde langsam verrückt. In ihr verschoben sich die Werte: Recht und Unrecht, ethisch und unethisch, Wahrheit und Lüge. Was war das Richtige?
Johanna bekam immer mehr Angst vor ihrer Tochter.
Sara verdiente sie nicht mehr als Mutter. Wie sollte sie ihr das erklären? Sie bekam eine höllische Angst vor der Wahrheit, die sich gewiss irgendwann aufdecken und zu ihrer Tochter gelangen würde. 'Ich habe Schuld!
Was wird aus uns werden? Wie soll man leben, nachdem man sich daran gewöhnt hat, zu überleben?
Wie werden wir diese Schuld abbezahlen? Ich schäme mich, eine von diesen Deutschen zu sein!'
Aber jetzt, im Mai 1945, in diesem Moment, da draußen in dem kleinen Unterschlupf, begannen sich die Dinge in ihr, ganz langsam zwar, wieder in die richtige Wertung zu drehen. Sie fand langsam wieder zu sich selbst. Das spürte sie. Und langsam begann der ersehnte Schlaf. Da ließ sie ein kurzer, stechender Schmerz in der Herzgegend noch einmal aufwachen.
Es war die Nacht des 3. Mai 1945, als es in ihrem Herzen zog und etwa zur gleichen Zeit die Cap Arkona in der Lübecker Bucht unterging.
Aber etwas früher, zeitgleich mit dem Rascheln, das sie draußen gehört hatte, fand auch Lucas Matelot nach langem Suchen endlich einen Platz für die Nacht.
„Ich bin Franziska. Am zweiten Juni 1965 wurde ich als einziges Kind meiner Mutter Sara Matelot in Hamburg geboren. Meinen Vater habe ich nicht kennengelernt; ich war sozusagen ein Versehen - eine kurze, intensive Reise meiner Mutter in das Leben. Aber ich glaube, sie liebt mich trotzdem.
Heute bin ich fünfundzwanzig Jahre alt und möchte endlich zu Hause ausziehen. Seit meinem zehnten Lebenstag wohne ich mit meinen Großeltern und meiner Mutter in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung.
Mit elf Jahren bekam ich ein eigenes Zimmer. Meine Oma hatte sich durchgesetzt. Das Wohnzimmer blieb unser gemeinsames Zimmer; unser Treffpunkt. Opa fand das sehr wichtig.
Seit ich auf der Welt bin, arbeitet meine Mutter im Supermarkt an der Kasse. Aufgewachsen bin ich also mit meinem Opa Lucas und meiner Oma Johanna.
Wenn die beiden keine Zeit für mich hatten, war ich häufig bei Kindern aus meiner Klasse zum Mittagessen und zum Spielen. Am liebsten wäre ich aber mit meiner Mutter zusammen gewesen, das muss ich zugeben.
Vor fünf Jahren starb mein Opa an Herzversagen und die Zimmeraufteilung wurde im vorletzten Jahr neu gemischt: so bekam dann doch jeder von uns sein eigenes, großes Zimmer. Ich war froh. Das halbe Zimmer war mir längst zu klein geworden. Seitdem treffen wir uns nur noch in der Küche oder im Bad.
Wir sind jetzt eine Art Wohngemeinschaft, deren Mitbewohner sich kaum sehen. Das liegt sicherlich auch an meinem Schichtdienst. Ich werde Hebamme.
Letztes Jahr im April habe ich mit der Ausbildung begonnen. Meine Oma ist Schuld daran, sie hat mich angesteckt: Erzählte sie mir Geschichten von werdenden Müttern und ihren Babys und vom Wunder des Lebens, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Er wurde weich, die Augen leuchteten, sie wirkte um Jahre jünger. Das hat mich beeindruckt.
Meine Mutter sehe ich seit dieser Zimmeraufteilung kaum noch. Sie sitzt am liebsten in ihrem Zimmer. Ich glaube, sie hat es sich sehr schön eingerichtet, dafür hatte sie immer schon ein Händchen. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich einen Korbsessel und einen Couchtisch hineingestellt hat, mintgrün mit Blumendekor vielleicht. Sie liebt Blumen, am meisten violette Hornveilchen.
Ich habe ihr Zimmer nicht gesehen. Es ist ihre Welt, sagt sie. Niemand hat es bisher gesehen. Wenn sie dort drin ist, muss ich erst anklopfen oder einen Zettel unter der Tür durch schieben. Sie öffnet dann, aber ein Vorhang versperrt mir die Sicht nach innen.
Nachrichten auf kleine Zettel zu schreiben, scheint für sie eine gute Form des Austauschs zu sein. Sollte sie eines Tages ein eigenes Handy besitzen, wird sie sich uns nur noch per Textnachricht mitteilen, fürchte ich.
Früher war sie geselliger, wenn auch nur etwas.
Eigentlich wurde es immer schlimmer mit ihr seit Lucas' Tod. Opa scheint vieles zusammengehalten zu haben. Er war ein toller Mensch, finde ich. Ich habe bei seiner Beerdigung Rotz und Wasser geheult. Ich glaube, Oma und Mutter hat sein Tod auch sehr getroffen – doch ihre Trauer ließen sie sich kaum anmerken und gingen bald wieder zum normalen Tagesgeschehen über. Die Jahre danach passierte nicht mehr viel Aufregendes.
Bis jetzt: Die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze und Omas achtzigjähriger Geburtstag fielen in dieses Jahr. Für sie war das die schönste Nachricht seit langem, sagte sie uns immer wieder. Omas größter Wunsch ist es nun, ihre Stadt Schwerin wiederzusehen in der meine Mutter geboren und aufgewachsen ist und sie selbst die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Fast täglich liegt sie mir damit in den Ohren. Ich würde ihr diesen Wunsch gerne erfüllen. Aber meine Mutter macht dabei nicht mit, das hat sie uns schon mehrmals geschrieben. Ich weiß nicht warum, sie spricht nicht drüber. Natürlich nicht, hätte ich mir ja denken können.
Meine Familiengeschichte kenne ich nicht genau. Nur soviel weiß ich: Oma ist schon einmal verheiratet gewesen und dieser erste Mann ist Mamas Vater.
Möchte ich mehr über ihn erfahren, stoße ich bei beiden auf Schweigen und sie wechseln das Thema.
Zwischen den beiden Frauen herrscht sowieso seit längerer Zeit eine Atmosphäre, die sehr gespannt ist.
Als Außenstehende würde ich sagen, die beiden mögen sich nicht. Aber eigentlich sind beide sehr traurig, das spüre ich. Sie schleichen umeinander herum und tragen etwas in ihrem Herzen, was sie sich sagen möchten, tun es aber nicht.
Und genau deshalb will ich ausziehen: Ich bin keine Außenstehende, ich stecke mittendrin und kann das nicht mehr ertragen. Ich möchte Ruhe haben und selbst zu leben anfangen - aber ich traue mich nicht, die beiden alleine zu lassen: Habe ich doch Angst, sie tun sich was an. Verrückt, oder?
Heute will ich es endlich wissen: Ich habe mich entschieden, mit meiner Oma genau darüber zu sprechen. Ich will meine Familiengeschichte kennenlernen und möchte endlich wissen, was mit meiner Mutter los ist. Heute Abend bin ich bei Oma zum Tee eingeladen.
Ich bin gespannt, was sie zu erzählen hat.“
Johanna steht am Fenster und schaut in den verregneten Himmel. Vorletztes Jahr, bei der neuen Zimmeraufteilung hätte sie gerne das Zimmer mit Blick in den Park haben wollen, in dem nun ihre Tochter wohnt.
Sie seufzt. Das Wetter geht ihr auf die Nerven. Sie kann nicht vor die Tür gehen und sich auf eine Parkbank setzen, in den Himmel schauen und träumen, wie es sonst ihr täglicher Gang war. Denn dann sieht sie wieder Buchenwälder, wohin das Auge reicht, das satte Grün der Wiesen, die lang gezogenen, mit Schilf umsäumten Ufer, Sümpfe, Moore. Sie hört wieder das aufgeregte Schnattern der Blesshühner, das Rascheln im Schilf und das Glucksen auf dem Wasser. Sie sieht sich wieder durch schattige Alleen an weiten Ackerflächen vorbeiradeln und riecht die Sonne auf ihrer Haut. Vorbei geht die Fahrt an Dörfern und Höfen, hinein in den weiten, blauen Himmel. Sobald sie die goldenen Kuppeln des Schlosses sieht, sind es noch ungefähr zehn Minuten Fahrtweg bis nach Hause, das weiß sie noch wie damals. Meistens machte sie an dieser Stelle eine Pause und genoss den Anblick des Schweriner Schlosses. Hinter dem Schloss, Richtung Stadtmitte, liegt der Marktplatz: Der Altstädtische Markt – hier haben sie viele Jahre lang gelebt: Francesca und Josef, Franz, Lene, Sara und sie.
Auf ihrem Gang sieht sie genau vor sich, wie der Markt von den vielen verschiedenen Geschäften eingerahmt wird. Das Rathaus und das Kaffeehaus Resi befinden sich auf unserer Straßenseite. Das Kaufhaus Weidenbinder liegt gegenüber in der Schusterstraße. Vor dem Dom die Markthalle.
Das Kaffeehaus war Treffpunkt für die Leute dieses Viertels, hier wurden die Neuigkeiten ausgetauscht. Seitdem müssen fünfzig, knapp sechzig Jahre vergangen sein.
In ihrer Erinnerung sieht sie wieder das mittlere der drei roten Giebelhäuser, die Nummer fünf.
Zusammen mit Franz' Eltern wohnten sie in der oberen Etage. 'Unten befand sich Josefs Frisörladen, in dem Franz mitarbeitete. Eine Treppe führte vom Laden zu der Wohnung. Geräusche und Stimmen drangen aus dem Geschäft zu uns nach oben. Das fand unsere kleine Lene sehr beruhigend', erinnerte sich Johanna, 'ihren Mittagsschlaf verbrachte sie deshalb am liebsten in ihrem Rollbettchen auf dem Flur', erinnerte sie sich.
Schwerin ist ihre Heimat und ihre Sehnsucht nach der Stadt war über die Jahrzehnte hinweg ein starker Motor geblieben. Ein Koffer steht stets fertig gepackt neben dem Schrank in ihrem Zimmer. Es kann ja sein, es könnte die Möglichkeit bestehen, wieder heimzukehren, und dann wäre alles schon parat. Jedes Halbjahr wechselt sie den Inhalt des Koffers. Mal Sommerkleidung, mal Winterkleidung.
Vor fünfundvierzig Jahren war ihr die Heimkehr missglückt. Statt der Elbe hatten sie damals einen Nebenarm der Elbe überquert und waren dann in Richtung Hamburg unterwegs, wie sich bald herausstellte. Seitdem saß sie hier fest. „Harvestehude - von Außenalster und Isebekkanal umschlossen“, murmelte sie, es klingt wie das Zitat aus einer Broschüre für Touristen.
„Harvestehude!“, dabei liegt immer noch Ablehnung auf ihrem Gesicht. Sie wendet sich vom Fenster ab und geht zum Schrank.
In Hamburg ist Johanna nie richtig angekommen. Das wollte sie auch nie, innerlich ist sie praktisch immer noch auf Durchreise.
Aus der Tiefe des Schranks holt sie eine hölzerne Schatulle hervor, geht mit ihr unter dem Arm langsam zu ihrem Sessel. Die Schatulle legt sie auf ihren Schoß. Sie muss sich einen Augenblick ausruhen und schließt die Augen.
1946 bekam sie diese Wohnung. 55 m2, drei Zimmer. Und seitdem hat sich kaum etwas verändert. Außer die Anzahl der Mitbewohner.
Ja, die erste Zeit in Hamburg war schwer gewesen. Sie waren Flüchtlinge. Sie bekam das Gefühl, unerwünscht zu sein. Sie gewöhnte sich an, nicht aufzufallen und sich nicht kopflos auf die Menschen einzulassen.
Zunächst war das Essen knapp. Ihre Lage besserte sich, als Lucas auf dem Schwarzmarkt handelte. Sara, ihr Sorgenkind, ging erst zwei Jahre später zur Schule und blieb eine mittelmäßige Schülerin, sie hatte zuviel verpasst.
Johanna selbst bekam bald eine feste Anstellung in der Klinik in Harvestehude. Sie konnte zu Fuß hingehen.
Als Hebamme arbeitete sie damals auf der Wochenstation. In Wirklichkeit war sie froh, nicht mehr im Kreißsaal zu arbeiten. Sie war unsicher geworden. Nach dem Krieg hatte es eine große Umstellung gegeben und viele Neuerungen. Sie fühlte sich dem nicht mehr gewachsen. Auf der Wochenstation dagegen hatte sie ihre Ruhe, meistens normale Fälle. Das war es, was sie brauchte, ihr half, wieder normal zu werden.
Wie fürchterlich war es ihr gegangen, als sie einmal auf der Kinderkrankenstation hatte einspringen müssen und es hieß, einem Kind müsse unbedingt ein Beruhigungsmittel verabreicht werden.
Sie strich mit der Hand über die Schatulle: „Schön anzusehen ist sie immer noch. Hat nicht sonderlich gelitten, all die Jahre. Nur ein bisschen staubig in den Intarsien“, sagte Johanna halblaut zu sich selbst und öffnete sie.
Sie nahm einige Schwarzweißaufnahmen und den Brief heraus, den letzten Brief von Therese. Mit Poststempel von 1944. Daneben gab es einen zweiten Stempel; eine Rücksendung vom Deutschen Roten Kreuz. „Ich hätte ein zweites Mal nach ihr suchen sollen“, sagte sie, „schließlich ist sie meine Schwester.“ Unter den Fotos und dem Brief rutschte eine kleine Kette mit einem lila Amethyst hervor. Als sie das Puppenkleidchen sah, in das die Kette eingewickelt gewesen war, begannen ihre Hände zu zittern: Auf der Brust war ein Judenstern aufgenäht. Schnell Schloss sie die Schatulle und versuchte sich zu beruhigen: 'Die Fotos, schau dir schnell die Fotos an!'
Längere Zeit starrte sie das Bild an. Ihre Hände beruhigten sich allmählich. Ihre Familie auf dem Marktplatz, im Hintergrund das Kaufhaus Weidenbinder.
Jetzt erinnerte sie sich sogar an das Muster des Kopfsteinpflasters, über das sie jahrelang gegangen war. Sie hörte die Stimmen der Menschen, die im Cafe Resi oder in der Weinstube saßen. Sie spürte wieder die Gemütlichkeit und Wärme in diesem Karree, die nicht nur von den ersten Sonnenstrahlen im Jahr ausging.
„Franz, Sara, Francesca, Josef“, seufzte sie. Es drückte in der Magengegend. Francesca war in Johannas Augen die Mutter gewesen, die sie sich immer gewünscht hatte, auch wenn sie vor ihrem großen, gütigen Herz und ihrem Temperament immer zurückschreckte - es war ihr nicht geheuer. Ihre Art war ihr zu unvertraut. Francesca verfügte über eine große Kraft und Stabilität, über ein kaum zu erschütterndes Vertrauen in die Welt und in die Menschen. Ganz anders als Johanna selbst. Nur Stückchen um Stückchen durfte Francesca ihr näher kommen. Francesca hatte Zeit, konnte auf ihre Schwiegertochter warten, aber die Geschichte wartete nicht: bevor sich Johannas Herz für Francescas Fürsorge öffnete, trennte die Kristallnacht die beiden Familien.
Johanna wurde klar, dass sie sie nach dem Krieg einfach vergessen und, wie zu ihrer Schwester, anscheinend einen Vorhang zwischen ihr altes Leben in Schwerin und das neue in Hamburg gezogen hatte.
„Es war nicht meine Absicht. Überhaupt nicht“, zitternd streicht sie über das Foto, „es ist mir einfach passiert. Ich habe euch einfach vergessen!“
Ihr Zeigefinger hielt auf Franz' Fotografie inne, zärtlich umfuhr sie seine Figur. Das Bild von Franz war bislang nur in ihrem Gedächtnis aufbewahrt gewesen, sie hatte sich nicht getraut, sein Foto anzuschauen. „Wie schön sein Gesicht aussieht. Das hatte ich ganz anders in Erinnerung. Die schwarzen Locken und die schwarzen Augen. Das Lachen. Sara hat all das von ihm geerbt.“
Johanna schmunzelte; neben ihr, der hochgewachsenen, dürren Blonden, wirkte er wie ein kleiner, untersetzter Italiener aus den 50er-Jahre-Schlagerfilmen. Früher war ihr das so nicht aufgefallen. Franz war in der Tat Halbitaliener: Seine Mutter kam aus Grado, sein Vater aus Bremen. Wie die beiden sich kennenlernten, ist eine Geschichte für sich.
Franz hatte sehr viel von seiner Mutter: vom Aussehen bis zum lebensfrohen Temperament. Gepaart mit dem väterlichen Eigensinn wurde daraus ein hartnäckiger Optimismus, der sie beide blindlings in die Katastrophe führte.
Johanna und er lebten heute noch zusammen, sie war sich sicher, wenn die Zeiten andere gewesen wären.
Franz Grünberg war Jude. Konvertierter Jude. Das war seine Versicherung – dachte er damals.
'Ach, und da war noch etwas', dachte sie, 'es tat immer noch weh.' Das wurde Johanna wieder einmal bewusst.
'Da war ja noch viel mehr gewesen, als dass Franz nur ein konvertierter Jude war. Wenn es nur darum gegangen wäre – aber nein …!' Sie brach ab und schaute Franz in die Augen, die sie auf dem Foto anstrahlten: „Soviel Kraft, soviel Freude. Er hätte nur noch ein paar Wochen aushalten müssen. Dann hätten wir es überstanden gehabt“, flüsterte sie. Vorsichtig nahm sie die Fotografie hoch und schmiegte sein Bild an ihre Wange. Sie Schloss die Augen und neigte ihren Kopf zur Seite und wog ihn sanft hin und her, als hätte sie ein Neugeborenes auf dem Arm oder als könnte sich das Bildnis plötzlich in Nichts auflösen.
'Was war eigentlich genau passiert? Auf einmal war er nicht mehr da.' Sie erinnerte sich, wie hilflos sie damals war, alleine mit ihrer Tochter, ihr Mann verhaftet, niemand wusste, was aus ihm werden würde.
Sie hatte bis heute keine Ahnung, wie es dazu gekommen war. 'Hatte ich Schuld daran?', sie hielt das Bild vor sich und schaute ihn ernst an, 'hatte ich nicht gut genug aufgepasst, war ich doch irgendwo unvorsichtig gewesen?'
Diese Fragen hatte sie sich damals immer und immer wieder gestellt. Sätze, die spiralförmig ihren Schlaf aufsuchten und ihn zerstörten. Sätze, die nachts kamen, weil sie sie tagsüber nicht gebrauchen konnte, weil sie für ihre Tochter da sein musste und weil das Leben weiterging. Und irgendwann, nachdem viele Jahre vergangen waren und sie sich wieder an den Alltag eines Lebens gewöhnt hatte, traf sie jemanden, der erzählte ihr vom Sich-selbst-Vergeben. Und es vergingen wieder viele Jahre, bis sie verstand, was gemeint war. Bis zum heutigen Tage hatte sie das geübt und erst vor ein paar Wochen hatte es aufgehört, an ihr zu nagen: Sie hatte sich und allem vergeben.
Fast allem.
Vergessen konnte sie Franz dennoch nicht. Als die Nachricht seines Todes kam, konnte sie es nicht glauben. Tief in ihr wollte sich etwas nicht damit abfinden. Sie hätte ihn gerne wiedergesehen. Heimlich fing sie an, ihn zu suchen. Anmerken lassen hat sie sich vor ihrer Familie nichts; sie biss die Zähne zusammen, hat es so hingenommen und nach vorn geschaut. Ihre Tochter tat damals dasselbe, das wunderte sie schon. Sie schien ihrer Mutter in nichts nachstehen zu wollen.
Nachdem sie die Nachricht von Franz' Tod erreichte, entschloss sie sich Lucas Matelot zu heiraten.
Es ist ja praktisch, einen Mann im Haus zu haben, dachte sie damals, alleine für all die handwerklichen Arbeiten ist das durchaus sinnvoll. Vor etwa fünf Jahren starb Lucas. Herzversagen. Ganz plötzlich. So plötzlich, wie er in ihr Leben getreten war, so plötzlich verschwand er auch wieder. Er führte ein Schattendasein, war genügsam. Seiner Stieftochter war er ein sehr guter Vater. Sara konnte sich mit ihm austauschen, er kannte ihre Sorgen und Freuden und teilte sie mit ihr. Johanna ging damals wieder in der Klinik in den Schichtdienst und war froh, dass sich jemand um ihre Tochter kümmerte. 'Alles war gleichbleibend bei ihm, wie eine stillstehende, graue Sauce. Von Veränderungen hielt auch er nicht viel, da passten wir ganz gut zusammen', erinnerte sich Johanna. Von einem Franzosen, so hatte Johanna gehört, geht Leidenschaft aus. Gerade, was die Liebesdinge betrifft.
Aber das war bei Lucas, dem geflüchteten Franzosen, ganz und gar nicht der Fall. Er hatte absolut keine Lust. Und so kam es auch zu keinem weiteren Kind.
Sie legte die Fotos und Briefe wieder zurück in die Schatulle, verschloss sie und schob sie von sich weg, zur Mitte des Tisches. Dann legte sie ihre Hände in den Schoß und lehnte sich zurück. „Da kommt heute noch was auf mich zu“, seufzte sie, „Franziska wird nicht locker lassen.“
Aber wenn sie nach Schwerin gefahren werden wollte, um dort vielleicht (der Gedanke machte sie immer ganz kribbelig) zufällig Franz zu begegnen, dann musste sie ihrer Enkelin alles erzählen. Es war wie eine Art Handel.
Vieles war in Vergessenheit geraten, tauchte aber mit dem Nahen des Gespräches wieder auf, die Erinnerungen und Eindrücke wurden intensiver.
Es quälte sie aber noch eine andere Sorge: 'Bald, da wird es wieder soweit sein', dachte sie, 'dann kommt wieder die Welle!'
Die Welle ist Johannas Name für die starke Niedergeschlagenheit, die sie seit 45 Jahren jedes Mal in
der Zeit zwischen der letzten April- und der ersten Maiwoche erfasste. Seit sie im Ruhestand ist, also seit gut zwanzig Jahren, wurde diese Welle von Jahr zu Jahr stärker. Im letzten Jahr war es geradezu eine Monsterwelle, da rettete sie nur noch ein Arzt vor dem Ertrinken.
Und jetzt, mit dem beginnenden Frühjahr, war es wieder soweit. Darauf war Verlass!
Johanna stand auf, verließ ihr Zimmer und ging ins Bad. Sie wollte sich noch ein wenig zurechtmachen, schließlich erwartete sie in zwei Stunden Besuch.
Franziskas Mutter ist ein Mensch für sich. Das konnte man nicht anders sagen. Begegnete man ihr als Fremder, erschien sie freundlich, ja, man konnte sogar von einer gewissen Offenheit sprechen. Lernte man sie näher kennen, spürte man, wie schnell ihre Stimmung kippen konnte, und ihre Offenheit hielt meist nur den ersten Tag der Begegnung. Sie wurde unruhig, begann die Menschen um sich herum zu bewerten und ließ sich nie ganz auf sie ein. Es schien ihr zuviel zu werden.
Nähe zuzulassen war ihr kaum möglich, Gefühle waren ihr suspekt, bei sich selbst und bei anderen. Ihre Sprache war sachlich, von Vernunft gesteuert, ihre Mimik und ihre Gestik waren überschaubar. Als hielte sie sich selbst in Grenzen: Ihre Stimme kehlig, heiser und permanent gelangweilt. Komplimente waren ihr unangenehm. Dabei hatte ihre Mutter schon immer viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt. Insgeheim war Franziska als Kind stolz auf ihre schöne Mutter, mit ihren schwarzen, lockigen Haaren, den dunklen Augen und der grazilen Figur. Doch selbst von ihrer Tochter verbat sie sich strikt jedes Kompliment.
Nicht-auffallen-wollen, das war auch ein Begriff, der zu Sara passte. Sie wirkte oft verloren, ja fast wurzellos. Wie ein Vogel, der zu früh aus dem Nest gefallen war.
Franziska wollte schon seit langem wissen, weshalb sich ihre Mutter so sehr gegen diese Reise wehrte.
Ungefähr seit dem Mauerfall schwebte etwas Unausgesprochenes, Verborgenes in der Luft des Hauses Grünberg-Matelot. Und die Stimmung war dementsprechend miserabel, besonders bei ihrer Mutter.
Noch vor ein paar Jahren hatte sich Franziska von solchen Stimmungen, die sie nicht einordnen konnte, mitreißen lassen. Sie hat sich ihnen dann angepasst.
Mittlerweile konnte sie damit besser umgehen, konterte mit einer fröhlichen Stimmung und plauderte nun in Gegenwart ihrer Mutter drauflos. Diese räumte gerade Geschirr in den Küchenschrank. Nur bisweilen reagierte sie auf das Gespräch mit lauterem Hantieren, wie dem Scheppern von Tellern oder leisem Aufstöhnen. Sie vermied es dabei, ihrem Gesprächspartner in die Augen zu schauen. Franziska tat inzwischen übrigens dasselbe.
'Na, mal schauen, was heute kommt. Das angeblich versehentliche, ach so unauffällige Augenrollen hatten wir schon lange nicht mehr', dachte Franziska.
„Oma hat mir vorhin von der Flucht erzählt. Sind dir tatsächlich deine einzigen Schuhe im Bach davon geschwommen, als du deine Füße waschen wolltest? Das gab ordentlich Ärger, wie?!“
„Na sicherlich gab es da Ärger! Bist Du naiv.“
Ein Seitenblick ihrer Mutter, der soviel hieß, wie: 'was will sie denn schon wieder', konnte ihre Tochter auch nicht mehr einschüchtern. Da war das Augenrollen.
„Lucas hat sie dann aber wieder herausgefischt, nicht wahr?“
„Wer?“
„Dein Stiefvater, Lucas Matelot, wenn ich dich erinnern darf. Mein zweiter Opa … sozusagen.“
„Dein Opa? Ach, warum fängst du denn jetzt mit dem wieder an? Der ist doch schon längst tot!“
„Mein zweiter Opa, Mama!“
„Ja, dein Opa, sag ich doch! Und übrigens, nicht nur die Schuhe hat er mir herausgefischt. Mitgehen wollte er auch noch. Nachdem er schon die ganze Nacht vor unserem Lager geschlafen hatte, fühlte er sich wohl dazu berufen, uns zu beschützen, meinte er. Erst hat er die armen Buschwindröschen plattgelegen und dann hat er mir meine langen schwarzen Locken raspelkurz geschnitten. Wie ein Junge sah ich aus! Mutter hat ihn dann halt mitgenommen. Geschadet hat es uns ja nicht. Und den Rest kennst Du ja.“
Sie wurde nervös, das Geschirr klapperte lauter. Jetzt musste Franziska vorsichtig sein, wenn das noch etwas werden sollte. Das Gespräch war in eine andere Richtung gelaufen als geplant. Sie ging drauflos.
“Mama, Lucas Matelot ist nicht dein Vater. Dein Vater ist jemand, den ich nicht kenne. Jemand, der in diesem Hause nie erwähnt wird. Oder nicht erwähnt werden darf. Ich möchte wissen, wer das war: dein Vater, Omas Mann … mein richtiger Großvater! Vor allem möchte ich wissen, warum du dich weigerst, nach Schwerin zu fahren.“
„Das geht dich nichts an! Das ist meine Geschichte. Du hast damit nichts zu tun.“ Sie schleuderte das Geschirrhandtuch nach Franziska. Sie fing es auf.
Saras Blick veränderte sich, als würde sie sich gleich auflösen: „Du bist noch zu jung“, warf sie hilflos hinterher.
„Nein“, rief Franziska im Rausgehen, „es ist unsere Geschichte. Deine, Omas und auch meine! Wir gehören da alle mit hinein.“ Noch einmal drehte sie sich um: „Es kann gut tun, wieder nach Hause zu kommen“, sagte sie und Schloss die Küchentür – ein zweites Geschirrhandtuch kam geflogen.
Nach dem Zwischenfall in der Küche konnte Sara ihr Zimmer lange nicht wieder verlassen. Müde schaute sie auf den braunen Teddy mit der roten Schleife um den Hals.
'Wie damals. Er sieht noch genauso aus. Er hat sich nicht verändert.' Das beruhigte sie. Manchmal glaubte sie, dass sich alles gegen sie verschworen hatte, dauernd waren Menschen und Dinge im Begriff, sich zu ändern. Sie änderten ihre Meinung, ihren Wohnsitz, ihre Arbeitsstelle oder sonst etwas. Tief verunsicherte sie der Tag, als sie feststellte, dass Lucas sich mehr um Franziskas Sorgen kümmerte als um ihre. Schließlich war Sara, damals in ihren Vierzigern, auch bedürftig, ja eigentlich genauso wie ihre Tochter. Das hätte er sehen müssen. Verziehen hat sie das beiden nie. Letztendlich war aber auch Lucas nur ein geringer Ersatz für ihren Vater, die Trauer um ihn hatte nie wirklich aufgehört.
Heimlich hatte sie nach Lucas' Tod begonnen, nach Franz zu suchen. Obwohl es keinen Erfolg geben konnte. Franz war, wie sie schnell herausfand, nach seiner Verhaftung in das KZ Neuengamme gebracht worden und bei Kriegsende, während der Auflösung des Konzentrationslagers, dann auf eines der Schiffe gebracht und in der Lübecker Bucht wohl umgekommen. Denn am Strand der Wismarer Bucht wurde später eine männliche Leiche gefunden, die anhand der Häftlingsnummer als Franz Grünberg identifiziert werden konnte.
Sara gab sich die Schuld. Irgendetwas ganz tief in ihr drin sagte beständig, sie hätte Schuld daran. 'Aber warum? Was war passiert?' Sie konnte sich nicht erinnern. 'Wie war es dazu gekommen – und was hatte ich damit zu tun??'
Als einzige Erinnerung aus dieser Zeit hatte sie diesen furchtbaren Abend der Verhaftung behalten. Davor gibt es nur Leere. Ein schwarzes Nichts. An diesem Abend war sie erst wütend auf ihre Mutter, dann auf sich selbst und nachher konnte sie ihrer Mutter nicht mehr in die Augen schauen. Sie bekam Angst vor der Aufdeckung ihrer Tat.
'Hatte ich meinen Vater wirklich verraten? Im Laufe der Jahrzehnte war ich mir immer sicherer geworden.
Ich habe mich nie getraut, mit jemandem darüber zu sprechen. Nicht als Neunjährige, nicht als Fünfzigjährige. Und schon gar nicht mit meiner Mutter.'
Sara wusste keine Lösung. So lief sie lieber mit der Schuld herum und blieb bei ihrer Mutter wohnen. 'Ich habe gesehen, wie sehr sie unter dem Verlust litt. Ich konnte sie nicht alleine lassen', in Sara kroch plötzlich Wut empor, sie begann von einer Zimmerseite zur anderen zu laufen, "jetzt sollen wir auch noch nach Schwerin fahren!“, rief sie ihrem Teddy zu, „ausgerechnet nach Schwerin! Auch das noch. Das hat Franziska ja wieder fein hin bekommen. Immer kann sie mich so in die Pfanne hauen. Ein schwieriges Kind.
Schon immer gewesen. Immer diese Ängste, schon früh dieses Empfindliche. Das war mir manchmal zu anstrengend. Ich habe sie dann oft einfach stehen gelassen und bin in mein Zimmer – Tür zu, Schlüssel herumdrehen, abschließen. So einfach ist das, wenn man das alles nicht mehr aushält … bäh …!" Sie streckte ihre Zunge raus.
Aber Sara spürte langsam, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als sich in ihr Schicksal zu fügen: Sie musste die Reise in Kauf nehmen. Was sollte sie auch anderes machen.
Sie begann, einen Zettel zu schreiben.
Johanna kam gerade aus dem Bad, als sie die kleine Notiz auf dem Flur bemerkte. Sie hob sie auf und las: Sara hatte tatsächlich das Handtuch geworfen und eingewilligt, mit nach Schwerin zu fahren. Johanna wurde von Freude durchströmt und wäre beinahe in das Zimmer ihrer Tochter gestürmt. Gerade rechtzeitig konnte sie sich noch zurückhalten.
Glücklich lächelnd ging sie in ihr Zimmer und dachte kurz an ihr eigenes Elternhaus:
'Ich, Johanna Matelot, verwitwete Grünberg, geborene Dettrow wurde am 25.10.1910 auf dem elterlichen Gut Bellin in Mecklenburg geboren. Vier Jahre nach meiner Geburt brach der Krieg aus. Mein Vater wurde eingezogen. In dieser Zeit genoss meine Mutter die freie Hand bei der Erziehung ihrer Töchter. Als Achtjährige erlebte ich bei der Rückkehr meines Vaters einen äußerlich unversehrten Mann, der aber nicht wieder in seine frühere Lebendigkeit zurückfinden sollte. Er litt phasenweise unter starken Depressionen und wurde mehr und mehr zum Einzelgänger. 1928 zog ich nach Schwerin und begann eine Ausbildung zur Hebamme.' Da klopfte es an ihrer Tür: "… und genau in diesem Moment bereite ich mich auf das Kommen meiner Enkelin Franziska vor“, sagte sie zu sich selbst. Sie war stolz darauf, eine Enkelin zu haben.
Franziska klopfte ein zweites Mal an die Zimmertür. Es dauerte einen Augenblick bis Johanna öffnete. Franziska hatte ein Tablett mit Tee und ein paar Keksen mitgebracht, in der Mitte brannte ein Windlicht aus goldroten Glassteinen, das auf dem Tisch ein gebrochenes Licht verbreitete. Die beiden setzten sich.
Franziska an die Längsseite auf das Fransensofa und Johanna an die Kopfseite des Tisches in ihren Sessel; das Licht auf dem Tisch zwischen ihnen bildete die Mitte. Franziska schenkte den Tee ein, während Johanna sich in ihrem Sessel einrichtete.
Sie schaute ihre Oma an. Plötzlich fiel es ihr schwer, den richtigen Einstieg zu finden. Sie hatte sich vorhin gar keine Gedanken gemacht, nun brachte sie kein Wort heraus.
„Was ist in diesem Kästchen?“ Sie zeigte auf die Holzschatulle. „Ein Teil unserer Familiengeschichte:
Fotos, ein Brief von Therese, den mir das Rote Kreuz als einzigen Anhaltspunkt aushändigte und ein paar Kleinigkeiten, die, jede für sich, eine eigene Geschichte haben.“
„Wer ist Therese?“ Sie hatte noch nie von einer Therese gehört. „Therese Dettrow ist meine Schwester.
Sie war fünf Jahre älter als ich. Anfang der 30er zog sie mit ihrer Familie nach Berlin. Bessere Arbeit, hieß es.
Sie ist übrigens auch Hebamme geworden, hat dann aber irgendwann als Krankenschwester gearbeitet, soweit ich mich erinnere. Wir hatten noch lange Kontakt. Irgendwann hörte ich nichts mehr von ihr. Da war der Krieg schon ein paar Jahre in Gang. Sicherlich trage ich da auch einen Teil Schuld. Ich habe ihr irgendwann nicht mehr zurückgeschrieben. Nach dem Krieg habe ich sie gesucht. Nichts! Bis heute weiß ich nicht, was aus ihr geworden ist.“
Franziska wurde das Gefühl nicht los, ihre Oma hätte die Schwester nur aus Pflichtgefühl suchen lassen, aber letztendlich war sie ihr gleichgültig. 'Mit irgendetwas hält sie hinterm Berg', dachte sie.
„Wir können uns ja erst einmal die Fotos anschauen!“ Johanna war sehr aufgeregt, was ihre Enkelin kaum wahrnahm. 'Das ist die äußere Ruhe einer Hebamme', dachte sie, 'ich beherrsche sie immer noch', und lächelte dabei unmerklich. Sie breitete die Fotos nebeneinander vor sich aus, sodass Franziska sie besser sehen konnte.
