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John, ein Obdachloser aus London, macht sich auf den Weg, den über Jahrhunderte Menschen vor ihm bereits gegangen sind. Seine ganze restliche Willenskraft setzt er ein und hofft auf seinem Hoffnungsweg ein neues Leben zu finden. Nach vielen Wochen des herum Irrens erreicht er diesen und macht sich auf die Suche nach dem besseren Leben. Es erwarten ihn jedoch erneute Schwierigkeiten und er verflucht immer öfter seinen Entschluss, London verlassen zu haben. Aber die Hoffnung auf ein besseres Leben lässt ihn immer wieder weiter gehen.
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Seitenzahl: 530
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Viele Wege führen nach Rom, aber ebenso viele nach Santiago de Compostela.
Viele Wanderungen haben wir in all den Jahren unternommen. Kurze und lange. Mit Tagesgepäck oder mit Rucksack für mehrere Wochen. Kurzwanderungen in der näheren Umgebung, ausgesuchte Wanderstrecken über mehrere Tage oder Hüttenwanderungen über und in den Alpen.
Jede dieser Touren hat ihre Eigenarten und hinterlässt Erinnerungen, die jedoch zumeist schnell in Vergessenheit geraten.
So sind auch wir den Jakobsweg angegangen. Obwohl katholisch erzogen, standen sportliche und historische Gründe im Vordergrund. Aber dieser Weg ist anders. Unvermeidlich wird man in den Bann dieses Pilgerweges gezogen.
Auch wenn viele zwischenzeitlich den Jakobsweg als Life Style ansehen, bleibt es für einige Menschen immer noch ein Pilgern mit der Hoffnung auf Besserung oder Änderung ihrer Lebensverhältnisse.
Geht ihn und lasst euch inspirieren.
Compostela,
ob es regnet, schneit
oder die Sonne heiß scheint
Compostela,
der Weg ist so weit
Compostela,
aber ich bin jetzt bereit
Prolog
John
Aufbruch
Erneuter Aufbruch
Pedro
Abschied
Elli
Festessen im Hotel
Lugh
Burgos
Allein in der Einöde
Die Ruhepause
Dimitrij
Amanda
Ric
Marcel
Naiara
Zweisam – Einsam
Unerwartete Wende
Trügerische Hoffnung
Compostela
Epilog
Zur Person
Auf unserem Pilgerweg von Le Puy nach Saint Jean Pied de Port begegnete uns mehrmals ein Mann mit Hund. Er trug einfache, sehr abgetragene Kleidung und einen alten grünen Rucksack. Er sah nicht sehr vertrauenserweckend aus und wir fragten uns, was diese Person wohl auf dem Pilgerweg machte.
Eines Abends in einer Herberge kamen wir mit einem Mitpilger ins Gespräch. Dieser erzählte uns, dass er einem fremden Mann seine Rucksackapotheke gegeben hatte, damit dieser seine bereits entzündeten Füße mit Desinfektionsmittel und Verbandszeug versorgen konnte. Bei einem Gespräch mit ihm hatte er erfahren, dass er ein Obdachloser war, der sich von London aus auf den Weg gemacht hatte. Er wolle versuchen, über den Weg nach Compostela wieder in ein normales Leben zurückzufinden.
Bei dieser Person handelte es sich um jenen Mann, den wir inzwischen auch schon mehrmals gesehen hatten.
Auf dem weiteren Weg nach Santiago de Compostela, auch im Folgejahr, musste ich noch sehr oft an den Obdachlosen denken. Immer wieder stellte ich mir die Frage, ob er es bis Compostela geschafft hatte und seinen Traum von einem normalen Leben verwirklichen konnte.
Nachdem wir unseren Pilgerweg beendet hatten, entschloss ich mich, meine Gedanken, die mir während unseres Wanderns durch den Kopf gegangen waren, aufzuschreiben.
Dabei entstand diese Geschichte, die von mir frei erfunden wurde. Die verwendeten Namen gehören zu keinen realen Personen. Auch den Vornamen der Hauptperson habe ich willkürlich gewählt: »John«.
Die Beschreibungen einiger Orte, zu denen ich vielleicht eine etwas innigere Verbindung hatte, sind wohl zutreffend, andere Ortsbeschreibungen sind jedoch ebenfalls erdichtet.
Dies ist die Geschichte von John, dem Verlierer.
Ja Verlierer, Verlierer in der Schule, Verlierer auf der Arbeit, Verlierer in der Liebe.
Sein Leben ist eine einzige Katastrophe.
Kein Zuhause, keine Freunde, keine Hoffnung und kein Glaube an ein besseres Leben.
Was bleibt, sind Frust, Alkohol, Drogen und die Straße.
Nach einer kalten Nacht fällt ihm eine lange vergessene Geschichte ein.
Die Geschichte eines Weges der Hoffnung.
Und so macht er sich auf, diesen Weg zu finden.
Viele Wochen sind seit seinem Entschluss vergangen. Viele Wege stellten sich als Irrwege heraus. Mehrmals hat er das Vorhaben vergessen, aber immer hat die Sehnsucht nach einem neuen, besseren Leben ihn wieder aufbrechen lassen.
Nun steht er am Weg der Hoffnung. Aber er sieht keine Hoffnung, sondern nur einen hohen Berg.
Hier fühlt er sich wieder alleine, wieder als Verlierer und fällt wieder in seinen alten Trott, ohne Hoffnung, ohne Freunde und ohne ein neues Zuhause.
Jeden Morgen sieht er die Menschen den Weg der Hoffnung gehen. Fröhlich und unbeschwert.
Es gibt sie wohl, die Hoffnung, denkt er. Wie könnte man sonst so fröhlich den Berg angehen?
Eines Morgens packt er seine bescheidene Habe in den verschlissenen Rucksack und stürmt los.
Er rennt so schnell er kann an den Menschen vorbei. Er möchte als erster die Hoffnung erreichen.
Aber sein Atem reicht nur für einige hundert Meter. Schon wird er wieder von den Menschen überholt. Alle schauen auf ihn herab, stumm und mitleidig.
Trotzig geht er, nein, schleicht er weiter. Längst ist es dunkel und keine Menschenseele mehr zu sehen. Die alten Schuhe drücken und zeigen schon die ersten Verschleißerscheinungen.
Erschöpft, durstig und hungrig legt er sich neben dem Pfad ins Gras.
Er schaut zum Himmel. Er sieht die Sterne, den Mond und vereinzelte Wolken am Firmament.
Nach vielen Jahren unter freiem Himmel nimmt er dies nun wahr. Hoffnung, ja, Hoffnung. Benommen schläft er ein.
Der Schlaf ist kurz, aber die Nacht ist lang. Die Kälte zieht durch seine dünne Schlafdecke und er zittert am ganzen Körper. Die Sterne sind immer noch da, aber er sieht sie nicht mehr.
Er wartet auf den neuen Tag und die wärmende Sonne. Hunger und Durst quälen ihn. Nein, mitgenommen hat er am Vortag nichts. Weit und breit nur Sträucher, Steine und die hohen Berge, aber keine Hoffnung, nichts zu trinken oder zu essen. Er wartet, die Sonne kommt langsam und warm. Mit der Sonne kommen auch wieder die Menschen auf dem Weg seiner Hoffnung. Einige bemerken ihn, haben Mitleid und geben von ihren Rationen etwas ab.
Hungrig und durstig verschlingt er das Geschenkte. Sein Lebensmut kommt wieder und er zieht weiter auf dem Weg der Hoffnung.
Langsam kommen die Bergspitzen näher. Längst neigt sich der Tag und die Dunkelheit kommt über den Berg. Wieder ist er allein. Mühselig und abgekämpft erreicht er die Hochebene. Nebel zieht auf. Der Pfad ist kaum noch zu sehen. Zum zweiten Mal schlägt er sein Nachtlager auf. Zwischen vereinzelten Büschen sucht er Schutz vor dem feuchten, eiskalten Wind. Die Nacht ist hereingebrochen. Hunger, Durst und Kälte lassen ihn keinen Schlaf finden. Nach einiger Zeit kommt leichter Regen auf. Schutz hat er keinen. Auch sind die alten Sachen nicht wasserdicht. Er spürt die Feuchte, die sich langsam über dem ganzen Körper verteilt. Längst hat er sein Vorhaben verflucht. Bisher konnte er Durst und Hunger immer stillen. Trockene Plätze standen auch meistens zur Verfügung. Panik macht sich mehr und mehr breit. Er hält es nicht mehr aus, springt auf und läuft stolpernd durch Büsche und über Steine. Er strauchelt, fällt über einen Stein und schlägt hart auf dem Boden auf. Es wird dunkel um ihn, aber er merkt es nicht mehr.
Es dämmert. Es ist ihm warm und er liegt weich. Hat sich seine Hoffnung erfüllt? Als er die Augen aufschlägt, steht eine ganz in Weiß gekleidete Frau neben ihm. Zu seiner Überraschung stellt er fest, dass er in einem Bett liegt. Über ihm befindet sich eine Flasche und ein Schlauch führt an seinen Arm. Er wird angesprochen. Anfangs versteht er nicht, was man ihm sagt. Es dauert eine Weile, bis er die Sprache versteht. Inzwischen sind einige Menschen in den Raum getreten und starren ihn an. Die Frau aber bleibt freundlich und er antwortet ihr auf ihre Fragen. Nun erzählt er ihr seine Geschichte.
Sie erklärt, dass man ihn am Morgen gefunden habe. Blutüberströmt. Nun liege er seit zwei Tagen im Krankenhaus von Pamplona. Gegen seine Schmerzen hätte man ihn an einen Tropf angeschlossen. Auch werde man ihn versorgen, damit seine inneren Schmerzen verdrängt würden. Er müsse nun ein paar Tage im Krankenhaus bleiben.
Erschöpft schläft er ein. Drei Tage wird er nun versorgt. Essen, trinken und schlafen. Sein Körper erholt sich, und er schöpft wieder Mut. Am Morgen des vierten Tages steht die Ärztin vom ersten Tag wieder an seinem Bett.
Im Arm hält sie eine Menge Sachen. Neue Wanderschuhe, Hosen und eine Jacke sowie eine große Menge Unterwäsche, Hemden, Socken. Ja, sogar einen neuen Rucksack, naja, einen fast neuen. Die Jacke sieht genauso aus wie die Jacken, die die anderen Menschen auch anhaben. Sie erklärt feierlich, dass alle diese Sachen vom Personal gespendet worden seien. Er könne alle Sachen bekommen mit der Bitte, diese bis nach Compostela zu tragen. Selbst ein kleiner Geldbetrag wird ihm ausgehändigt. Ferner hat die Ärztin eine Dose mit Tabletten in der Hand und reicht sie ihm. Diese müsse er täglich nehmen, damit seine inneren Schmerzen nicht wieder in Erscheinung träten. Aber er dürfe keinen Alkohol mehr zu sich nehmen. Er verspricht, diese Wünsche zu erfüllen.
Nun ist es so weit. Er zieht seine Sachen an und verpackt den Rest im Rucksack. Stolz verabschiedet er sich vom Personal, welches ihn in den letzten Tagen so gut versorgt hat.
Im Ort setzt er sich auf eine Bank. Die Sonne scheint warm und er fühlt sich voller Tatendrang. Und wieder ziehen die anderen Hoffnungsläufer an ihm vorbei. Nun ist es aber anders als zuvor. Alle grüßen freundlich, sprechen ihn teilweise an. Mit einigen unterhält er sich sogar und spricht mit ihnen über den weiteren Weg.
Nun gehört er zu ihnen. Er träumt vor sich hin.
Ein Pilger setzt sich neben ihn auf die Bank und fragt ihn nach seinem bisherigen Weg. Verschämt verschweigt er den Verlauf seines Weges. Er antwortet nur, dass er seinen Weg erst in Pamplona beginne und nicht so richtig wisse, wie er vorgehen solle.
Ich heiße Thomas und wenn du möchtest, kann ich dir ja helfen, antwortete der Pilger.
Gemeinsam besprechen sie den weiteren Ablauf.
Nun erfährt er, dass es sich bei den Hoffnungsläufern um Pilger handelt und jeder dieser Menschen den Weg aus verschiedenen Gründen auf sich nimmt.
Er bräuchte, um die Unterkünfte nutzen zu können, einen Pilgerpass. Weiter müsse er damit rechnen, nicht immer Essen und Trinken kaufen zu können. Deshalb solle man immer eine Kleinigkeit mitnehmen. Vor allem solle man ausreichend Wasser mit sich führen, da man beim Wandern doch sehr viel benötige.
Gemeinsam gehen sie zur Information, um den Pilgerpass zu bekommen.
Im Büro sollen nun die Daten aufgenommen werden und es wird gefragt:
Vorname?
John
Nachname?
Zögern, und dann kommt seine Antwort:
de Loser
Die Angestellte stutzt, trägt aber dann den Namen ein. Straße?
Wieder Schweigen und es kommt keine Antwort.
Sie geht einfach weiter zur nächsten Frage.
Wohnort?
London
Hastig macht sie den Pilgerpass fertig und ist froh, als die beiden das Büro verlassen.
Thomas ist verlegen, fragt ihn aber nicht, warum er sich so verhalten hat. Gemeinsam suchen sie nun einen Supermarkt auf und kaufen das Nötigste für einen Tag ein.
Gemeinsam gehen sie nun zum heutigen Etappenziel. Zuerst geht es durch die Stadt. Viele Ampeln. Jedes Mal eine Atempause für John. Nach dem Universitätsgelände geht es einen Berg hoch. Ihm geht die Luft aus und er bleibt stehen. Schnell muss er einsehen, dass er nicht mithalten kann. Er entschuldigt sich bei Thomas und trennt sich von ihm. Thomas verspricht, für ihn ein Bett in der nächsten Herberge zu belegen, so dass er sich etwas Zeit für die Strecke nehmen könne, und geht weiter.
Der Weg führt ihn über die Autobahnbrücke zum nächsten Ort.
Bei Nachfragen im Ort erfährt er, dass es in diesem Dorf keine Pilgerunterkunft gebe. Er müsse noch einen Ort weiter gehen. Bis dort seien es wohl noch fünf Kilometer zu gehen.
Schon lange ist er mit seinen Kräften am Ende, möchte aber seinen neuen Lebensstart nicht aufs Spiel setzen und quält sich weiter.
Im Dunkeln kommt er an der Herberge an. Das Abendessen ist längst vorbei, aber Thomas hat Wort gehalten. Er hat ein Bett freigehalten, sein Bett.
Er zahlt und isst eine Kleinigkeit von seinem Proviant. Danach fällt er todmüde ins Bett und schläft sofort ein.
Thomas weckt ihn am nächsten Morgen und drängt zur Eile. Aber er will und kann noch nicht. Verstimmt antwortet er nur, er solle ihn endlich in Ruhe lassen.
Thomas geht ohne Gruß und verlässt die Herberge.
Alle anderen verlassen nach und nach den Raum und er bleibt alleine zurück.
Kurz vor Mittag erscheint die Wirtin ziemlich verärgert. Sie macht ihm verständlich, dass er sofort seine Sachen packen und das Haus verlassen solle.
Nun steht er alleine vor der Herberge. Totenstille im Ort und keine Menschenseele ist zu sehen. Auch gibt es hier nichts zu trinken oder zu essen, aber das kennt er ja. Langsam geht er die abschüssige Straße herunter und folgt dann dem gelben Pfeil, welcher ihm den weiteren Verlauf des Weges anzeigt. Nachdem das letzte Haus hinter ihm liegt, sieht er wieder einen hohen Berg vor sich liegen. Langsam macht er sich auf den steilen Bergpfad. Das Laufen fällt ihm heute besonders schwer. Die Schmerzen ziehen durch den ganzen Körper und seine Füße brennen wie Feuer. Das ist neu, so etwas hat er bisher noch nicht kennengelernt. Wieder zweifelt er und fragt sich, ob seine Entscheidung richtig war. Aber schon bald wird er von anderen Pilgern überholt, die ihn freundlich grüßen. Das gibt ihm wieder neuen Mut. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als er den Bergrücken erreicht. Erstaunt schaut er sich die Skulpturen an, welche hierauf der Höhe am Weg aufgestellt sind. Völlig erschöpft setzt er sich auf eine Bank und isst die Reste des am Vortag gekauften Proviants. Müde legt er sich auf die Bank. Dabei fällt sein Blick auf ein Buch, das wohl einem Pilger aus der Tasche gefallen war. Er hebt es auf und schaut hinein. Lesen kann er in dem Buch nicht, aber die beigefügten Zeichnungen kann er verstehen. Nun weiß er, wo er sich befindet, sieht, wo die nächsten Ortschaften sind und wo er eine Unterkunft finden kann. Ferner sind auch die Kilometerangaben vermerkt. Er steckt das Buch in seine Tasche.
Vier Kilometer bis zur nächsten Herberge und es geht bergab. Die will und muss er schaffen. Ja, er will weiter zu ihnen gehören.
Er macht sich auf den Weg. Kein Schatten und nur Steine, das Laufen fällt sehr schwer. Einige Male kann er sich nur mit Mühe auf den Beinen halten.
Am Nachmittag erreicht er den Ort. Völlig erschöpft geht er in die Herberge und zeigt seinen Pilgerpass. Er zahlt für ein Bett und ein Pilgermenü am Abend. Dann legt er sich auf das Bett und schläft sofort ein.
Nach und nach treffen weitere Pilger ein und er wird von den Geräuschen wach. Alle Menschen sind gut gelaunt, scherzen und lachen. Er ist ruhig, antwortet nur ungerne und möchte nicht an den Gesprächen teilnehmen. So ist das Interesse der anderen Pilger an ihm schnell erloschen.
Er bekommt jedoch mit, dass alle ihre verschwitzten Sachen waschen und nach einer Dusche die Kleidung wechseln.
Schnell entschließt er sich, sich den Gewohnheiten der anderen Pilger anzupassen. Bis zum Abendessen reicht die Zeit.
Das Abendessen verläuft bei angeregten Gesprächen, wobei das größte Thema sich immer wieder um seinen Hoffnungsweg dreht. Sie nennen ihn allerdings Camino oder Jakobsweg.
Er hält sich aus allen Gesprächen heraus und hört schweigend zu.
Nach dem Essen geht er als Erster in den Schlafsaal, legt sich auf sein Bett und denkt an den vergangenen Tag, sein Ziel und sein Versprechen im Krankenhaus. Nach langer Zeit ist er das erste Mal wieder zufrieden und schläft ein.
Als der Morgen graut, packen die ersten Pilger schon den Rucksack. Er wird wach. Diesmal steht auch er auf und macht sich für einen weiteren Tagesmarsch bereit.
Als Letzter verlässt er die Herberge. Die Schmerzen sind wieder da. Auch fühlt er sich müde und unausgeschlafen. Er hat wie die anderen seine Wasserflaschen gefüllt, aber zu essen gab es wieder nichts.
Langsam, sehr langsam geht er weiter und erreicht gegen Mittag einen Ort. Hier kann er sich etwas zu essen kaufen. Heißhungrig verschlingt er die ersten Bissen, muss aber feststellen, dass er gar nicht viel zu sich nehmen kann. Somit packt er das Gekaufte ein, schaut in sein Buch und geht weiter.
Am Nachmittag erreicht er einen etwas größeren Ort. Puente la Reina steht auf dem Ortsschild. Da seine Schmerzen immer größer werden und die Füße geschwollen sind, beschließt er, hier eine Herberge aufzusuchen. Bei der Anmeldung für Essen und Bett gibt es keine Probleme. Nun geht er erst Duschen, wäscht seine Sachen und legt sich dann aufs Bett. Schnell ist er wieder eingeschlafen. Auch von den Neuankömmlingen lässt er sich nicht stören. Bis zum Abendessen bleibt er liegen.
Der Abend verläuft wie der vorherige, nur die Pilger sind andere.
Er geht schnell nach dem Essen zu Bett. Schlafen kann er jedoch im Moment nicht. Er denkt über seine letzten Tage nach, den Krankenhausaufenthalt, seine Tagesabläufe und die Pilger. Und er hat sein eigenes Bett, was er schon seit Jahren nicht mehr hatte.
Gut ist es bisher gelaufen. Er hat wie versprochen keinen Alkohol getrunken. Auch hat er regelmäßig seine Tabletten genommen. Die anderen Menschen haben von seinen Problemen auch noch nichts gemerkt, ja, er wird von allen Pilgern akzeptiert. Nur seine Laufleistungen sind nicht so gut, aber er hat ja Zeit. Gegen Morgen schläft er endlich ein. Aber es ist nur ein kurzer Schlaf. Die ersten Pilger machen sich bereits wieder fertig. Eine kleine Weile bleibt er noch liegen, aber die Erfahrung von der ersten Übernachtung haftet in seinem Gedächtnis. Somit macht auch er sich fertig und geht an diesem Morgen schon früh los. Das Wetter hat sich verschlechtert. Ab und zu regnet es, aber seine Jacke hält den Regen gut ab. Ganz anders als seine alten Kleidungsstücke. Heute fühlt er sich etwas besser, obwohl er die halbe Nacht nicht geschlafen hat. Die Schmerzen sind auch nicht mehr ganz so heftig. Unterwegs kauft er, wie angeraten, immer mal wieder etwas zu essen und zu trinken. Ja, es ist auch bei ihm schon zur Gewohnheit geworden. Die Stunden gehen vorüber und es ziehen wieder viele Pilger an ihm vorbei. Aber das kennt er ja. Die Landschaft, die er nun auch immer öfter wahrnimmt, wechselt zwischen Weinbergen, Olivenhainen und Rapsfeldern ab. Andere Landstriche sind jedoch nicht bearbeitet. Dort stehen Sträucher in gelber Farbe, die stark duften. Es geht bergauf und bergab, aber das Laufen fällt ihm heute nicht so schwer. Gegen Nachmittag erreicht er die Herberge, wo er übernachten will. Es ist ein kleines Gebäude, er kann hier wieder ein Pilgermenü bekommen. Er bezahlt und stellt fest, dass sein Geld fast aufgebraucht ist. Es reicht nur noch für einen weiteren Tag. Panik ergreift ihn. Er will nicht schon wieder auf Parkbänken oder unter Brücken schlafen. Er will seinen Weg der Hoffnung zu Ende gehen. Das hat er ja auch im Krankenhaus fest zugesagt. Er wird wie früher auf Betteltour gehen. Er schaut in sein Buch und sieht, dass bald ein größerer Ort kommt.
Diesen will er am nächsten Tag erreichen, um dort etwas Geld einzutreiben.
Beruhigt geht er am Abend zum Essen. Anschließend legt er sich ins Bett und schläft schnell ein.
Am nächsten Morgen macht er sich auch schon früh auf den Weg, um sein Vorhaben am frühen Nachmittag zu beginnen. Ganz wohl ist ihm dabei nicht, aber er hat keine andere Wahl. Er gönnt sich keine Ruhe und geht auch etwas schneller als gewohnt. Schon kurz nach Mittag erreicht er den Ort und sucht dort die Geschäftsstraße auf. Naja, von einer Geschäftsstraße kann man nicht reden, aber es gibt doch einige Menschen auf der Straße.
Mit »Haben Sie ein paar Cent für mich?« oder »Ich bin auf der Durchreise und brauche dringend etwas Kleingeld.« versucht er, sich Geld zu verschaffen.
Die Leute starren ihn an, schütteln den Kopf und gehen weiter. Kein einziges Geldstück hat er bekommen.
Er weiß nicht, was er machen soll, und geht langsam weiter auf seinem Weg. Er kann nicht mehr klar denken und läuft planlos weiter und weiter und weiter.
Einige Zeit später sieht er eine größere Menschenmenge vor einem Gebäude. Er will wissen, was dort geschieht, und schaut nach. Die Pilger stehen vor einem Wasserhahn, nein, vor zwei Hähnen, füllen einen Becher aus den Hähnen und trinken diesen dann leer. Neugierig stellt er sich auch an und erreicht nach ein paar Minuten den Brunnen.
Was er sieht, kann er kaum glauben, denn aus dem zweiten Hahn fließt kein Wasser, sondern Wein. Der süßliche Geruch steigt in seine Nase und er kann in diesem Augenblick seinem Verlangen keinen Einhalt gebieten.
Nun holt er sich auch den Becher, füllt erst das Wasser und dann einen Schluck Wein hinein und trinkt ihn in einem Zug leer. Er schmeckt den etwas herben Geschmack des Weines und seinem Verlangen, einen weiteren Becher zu holen, kann er nicht widerstehen.
Immer wieder stellt er sich am Ende der Schlange an und holt sich seinen Becher mit wenig Wasser und einer kleinen Menge Wein.
Er weiß nicht mehr, wie oft er dort war. Torkelnd verlässt er am Abend den Brunnen. Längst ist er alleine. Er geht einige Meter, sieht ein Gebäude und schleppt sich dorthin. Eine Kirche, aber sie ist verschlossen. Er geht hinter das Gebäude und legt sich dort unter ein kleines Vordach.
Es ist bereits hell, als er erwacht. Schlecht ist ihm, und die Schmerzen sind wieder da. Er verflucht den gestrigen Tag, dass er wieder in seinen alten Trott verfallen ist.
Die Schmerzen, ja die Schmerzen müssen weg. Er nimmt seine Tablette, aber die Schmerzen bleiben. Wieder verfällt er in Panik.
Seine Tablette ist seine letzte Hoffnung. Er nimmt eine, dann noch eine und noch eine, aber sie helfen nicht.
Ihm wird schlecht und er übergibt sich. Dann fällt er hin und bleibt verkrümmt liegen. Es wird wieder dunkel um ihn.
Wie lange er nun schon hier liegt, weiß er nicht. Aber langsam kommen seine Erinnerungen wieder.
Ja, er muss weiter, muss seinen Weg, den Weg seiner Hoffnung, gehen. Er will den guten Anfang nicht schon wieder verlieren.
Nur langsam kommt er auf die Beine. Er nimmt nicht wahr, dass es noch früh am Morgen ist und die Sonne scheint. Wie ein geprügelter Hund geht er dem Weg mit den gelben Pfeilen nach. Er muss und will den nächsten Ort und die nächste Herberge erreichen.
Zuerst kommt er durch ein Neubaugebiet, aber hier gibt es keine Unterkunft. Aber die Menschen sind freundlich, man reicht ihm Obst, Brot und man füllt auch seine Flaschen wieder auf.
Dann führt der Weg durch verwilderte Olivenhaine. Langsam geht er die bergige Strecke zum nächsten Ort. In regelmäßigen Abständen isst und trinkt er eine Kleinigkeit. Seine Schmerzen sind noch da, aber erträglich.
Am frühen Nachmittag erreicht er den Ort und sucht die Herberge. Er zählt sein Geld, aber es reicht nicht ganz für eine Übernachtung. Er fragt trotzdem nach, ob er auch für die Hälfte der Kosten dort übernachten könne. Das wird verneint, doch er solle einmal bei der Kirche oder dem Ortsvorsteher nachfragen, ob sie ihm eine kostenlose Unterkunft anbieten könnten.
Aber er könne sich erst einmal in der Herberge duschen und sich frische Kleidung anziehen, denn so wie er aussehe, würde man ihn sicherlich nicht aufnehmen.
Dieses Angebot nimmt er gerne an und er nimmt sich viel Zeit, um sich und die verschmutzten Sachen wieder herzurichten. Anschließend lässt er sich den Weg erklären. Unterwegs grübelt er nach, wie er am besten vorgehen solle, um sein Ziel zu erreichen.
Zuerst sucht er den Pastor auf und fragt nach einem Schlafplatz.
Zu Erklärung sagt er, dass ihm unterwegs sein gesamtes Geld gestohlen wurde und er nun keine Herberge mehr zahlen könne. Aber es dauere wohl ein paar Tage, bis man ihm neues Geld von zu Hause schicken würde.
Zögernd antwortete dieser, dass er ihm keinen Schlafplatz anbieten könne. Aber er zieht seine Geldbörse hervor und reicht ihm einen Zehn-Euro-Schein.
Davon könne er ja heute seine Herberge bezahlen.
Strahlend nimmt er das Geld, bedankt sich und geht zurück zur Herberge, wo ihm dann sein Bett zugewiesen wird.
Erschöpft legt er sich aufs Bett und denkt über den Nachmittag nach. Ja, so müsse er vorgehen, um Geld für die Weiterreise zu bekommen.
Schon früh macht er sich am folgenden Morgen auf den Weg, um mittags den nächstgrößeren Ort zu erreichen. Aber der Weg ist länger als erwartet und seine Schmerzen sind noch nicht weg. Somit ist es wieder früher Nachmittag, als er in einem etwas heruntergekommenen Ort ankommt.
Er geht sofort zur Kirche und sucht den Pastor auf. Hier erzählt er wieder seine Geschichte, wie am Vortag. Ja, und es klappt wieder. Er erhält wieder einen kleinen Geldbetrag, welcher für eine Übernachtung reicht. Er bekommt sogar etwas zu essen ausgehändigt, das er sofort verzehrt. Da es gerade so gut funktioniert hat, geht er auch noch zum Ortsvorsteher.
Diesen spricht er mit den Worten an:
Sie sind doch hier zuständig für die Sicherheit der Pilgerwege?
Als dieser es bestätigt, fährt er fort:
Mir ist auf dem Weg das ganze Geld gestohlen worden und Sie müssen dafür sorgen, dass sich dies nicht wiederholt.
Der Bürgermeister ist so überrascht, dass er ihm ohne weitere Worte einen größeren Geldbetrag aushändigt.
Nach dem Gespräch mit dem Ortsvorsteher geht er zur nächsten Herberge und meldet sich an.
Dort gibt es kein Abendessen, aber man kann sich in einer Küche selbst etwas kochen. Also sucht er im Ort ein Geschäft, kauft Brot, Butter und Käse sowie eine große Flasche Orangensaft und kehrt zur Herberge zurück.
Nachdem er gegessen hat, sucht er wieder die Schlafgelegenheit auf und legt sich aufs Bett. Schnell nimmt die Müdigkeit zu und er schläft wieder einmal in einem Bett ein.
Der nächste Morgen nimmt wieder den normalen Verlauf. Gemeinsam mit den anderen Pilgern steht er auf, packt seine Sachen und macht sich auf den Weg. An der Kirche, kurz vor dem Ortsausgang, hat schon eine Bar geöffnet. Der Besitzer wartet auf die Pilger. Hier gibt es bereits belegte Brote und Kaffee zu kaufen. Dem Duft des Kaffees kann er nicht widerstehen und so kommt er zum ersten Mal auf seinem Weg zu einem Frühstück.
Dies ist genau das, wovon er schon lange geträumt hatte. Wieder dazugehören, sich frei bewegen, aber nicht auffallen. Er genießt diesen Morgen.
Viele Menschen sind bereits wieder an ihm vorbeigezogen und er schaut ihnen hinterher. Er muss all seine Willenskraft aufbringen, um seinen Weg fortzusetzen.
Der Tag ist angenehm warm und ein leichter Wind geht. Die Sonne wechselt sich mit einigen Wolkenfeldern ab.
Es geht ihm gut und das Wandern fällt ihm nicht mehr so schwer.
Der Weg führt durch zwei kleinere Orte und danach in ein großes Tal. Hier nimmt er nach dem Vollrausch zum ersten Mal wieder die Landschaft wahr. Im Tal wachsen riesige Sträucher voller Blüten, welche sehr stark duften.
Gegen Nachmittag erreicht er einen weiteren kleinen Ort. Es gibt sogar eine Herberge und er nimmt sich wieder einen Schlafplatz.
Da sein Geld reicht, will er hier nicht betteln gehen.
Nach getaner Arbeit, das Bett herrichten und seine Wäsche machen, geht er zum Kirchplatz und setzt sich auf die Brunnenbank.
Er schaut den Menschen zu, die hier ihrem Tagesgeschäft nachgehen.
Ja, hier liegt ein Stück Hoffnung vor ihm. Er fühlt es und er wird ruhig und ist mit sich zufrieden. Er weiß, dass dies sein Weg ist.
Aber er weiß auch, dass er noch einen langen Weg vor sich hat. Und ihm wird bewusst, dass dies seine letzte Chance ist, wieder zu einem normalen Leben zurückkehren zu können. Nachdenklich steht er auf, holt sich etwas zu essen und geht zur Herberge zurück.
Hier setzt er sich in eine ruhige Ecke, denn er will nicht angesprochen werden. Er genießt die Ruhe, vor allem seine innere Ruhe. Als alle schon in den Betten liegen, geht auch er in den Schlafsaal und legt sich. Es dauert jedoch sehr lange, bis auch er schläft.
Er wird von den Geräuschen der aufstehenden Menschen geweckt. Die Euphorie des Vortages ist der Realität gewichen. Er wartet, bis auch der Letzte den Raum verlassen hat. Erst dann macht auch er sich fertig und geht seinem Hoffnungsweg nach.
Mittags erreicht er eine große Stadt. Er braucht lange, bis er im Stadtzentrum ankommt.
Er fühlt sich ein wenig wie in London.
Lange ist es her, seit er sich auf seinen Weg gemacht hat, und nun denkt er über die letzten Jahre in London nach.
Nein, schön waren diese nicht. Aber London war seine Heimat. Er beschließt, erst einmal hier zu bleiben.
Da die Herbergen noch nicht geöffnet haben, geht er zunächst halbherzig auf Betteltour. Aber er ist nicht überzeugend genug und somit kommen nur ein paar Euro zusammen. Zusammen mit dem Geld der Vortage reicht dies für Übernachtung und Essen.
Anschließend läuft er planlos durch die Stadt. Abends schleicht er dann ruhig in eine Unterkunft und geht sofort zum Schlafsaal.
Er muss nachdenken.
Nach reichlicher Überlegung kommt er zu dem Entschluss, am nächsten Tag weiterzugehen.
Hier in der Großstadt ist die Gefahr für ihn zu groß, wieder seinen alten Gewohnheiten zu verfallen.
Mit dieser Entscheidung schläft er ein.
Früh am Morgen zieht er weiter. Es ist noch dunkel und der Weg kaum zu erkennen. Aber er muss hier weg, weg von den Gefahren, denen er wahrscheinlich nicht widerstehen könnte.
Er hat sich gut an den Tagesablauf gewöhnt.
Essen und trinken, wenn er es braucht, einkaufen für unterwegs, wenn sich eine Gelegenheit bietet.
Er läuft und läuft an diesem Tag, um möglichst weit von der Großstadt wegzukommen. Er will das Verlangen, das immer noch in ihm aufflammt, vergessen.
Kaum ein Pilger ist heute schneller als er.
Am Nachmittag erreicht er wieder einen größeren Ort. Müde ist er. Aber seine Gedanken und die Versuchungen des Vortages sind nicht mehr da.
Vom Ortsanfang bis zum Zentrum zieht es sich sehr lange hin.
Heute ist wohl ein Feiertag im Ort.
Die Menschen laufen schick angezogen durch die Straßen.
Ganze Familien, Alte, Junge und Kinder sitzen beim gemeinschaftlichen Essen in den Bars. Kein Geschäft hat geöffnet.
Betrübt denkt er über sich nach. Er hat keinen Menschen, mit dem er zusammen feiern könnte.
Außerdem reicht sein Geld auch nicht für einen Restaurantbesuch.
Er versorgt sich in der Herberge mit den Vorräten aus dem Rucksack.
Hier sind nur ein paar Pilger zum Übernachten eingetroffen.
Mittlerweile traut er sich, an den Gesprächen ein wenig teilzunehmen. Diese Unterhaltungen verdrängen auch sein Gefühl, alleine zu sein.
Gemeinsam geht man am frühen Abend zum Schlafsaal und jeder bereitet sich auf die eine oder andere Art auf den morgigen Tag vor.
Schon lange hat er bemerkt, dass fast alle Pilger ein Tagebuch führen.
Schon oft hat er darüber nachgedacht, was sie wohl schreiben.
Mit diesen Gedanken schläft er ein.
Am frühen Morgen macht er sich gemeinsam mit den anderen Pilgern auf die nächste Etappe. Mit Absicht geht er heute etwas langsamer. Sein Geld reicht nicht für den heutigen Tag. Im nächsten Ort wird er seine Taktik für seine Geldeinnahme wieder einsetzen, wobei er nun mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen hat. Er wundert sich, denn in London hatte er das immer, ohne jemals darüber nachzudenken.
Der Ort ist sehr klein. Hier trifft er weder den Bürgermeister noch einen Geistlichen an. Kurz entschlossen spricht er einen sehr vornehm aussehenden Mann an und erzählt ihm seine Geschichte.
Dieser schaut ihn von unten bis oben an, räuspert sich und sagt:
Ich habe noch nie etwas zu verschenken gehabt.
Aber du bist ja in einer misslichen Situation, genau wie ich im Moment, denn ein Arbeiter hat sich heute Morgen krankgemeldet und ich suche für ein paar Tage Ersatz für ihn.
Du kannst bei mir arbeiten bei freier Kost und Logis sowie einen kleinen Lohn pro Tag. Damit wirst du dann wohl ein paar Tage auskommen.
Und ehe John sich versieht, steht er in einem Zimmer und eine Frau bringt ihm Arbeitsjacke, Hose und Stiefel.
Da gerade Mittagzeit ist, wird er vor der Arbeitseinweisung zum Essen gerufen. Auf einige Fragen seines Gastgebers antwortet er nicht oder nur das Nötigste, um nicht unfreundlich zu erscheinen. Zum Glück zieht sich das Essen nicht sehr lange hin, denn der Mann drängt zum Aufbruch.
Im Hof zeigt er ihm, was er machen soll.
Er müsse in die Stadt und könne im Moment nicht bei ihm bleiben, sagt er. Wenn er jedoch zwischenzeitlich Fragen habe, solle er seine Frau fragen.
Stotternd fragt John, ob er ihm ein Medikament aus der Stadt mitbringen könne. Das Geld für die Tabletten solle er dann vom Lohn abziehen.
Ihm ist mittlerweile bewusst, dass er Alkoholiker ist und ohne die Tabletten aus dem Krankenhaus schnell wieder dem alten Trott verfallen würde.
Als dieser zusagt, gibt er ihm die leere Tablettenschachtel mit und macht sich an die Arbeit.
Am frühen Nachmittag tritt der Gutsherr in den Hof und schaut John lange an.
Dann reicht er ihm eine große Schachtel mit den Tabletten, schlägt ihm leicht auf die Schulter, schüttelt den Kopf und geht wortlos ins Haus.
Das Abendessen verläuft in gespannter Atmosphäre und keiner sagt ein Wort.
Nachdem die Hausherrin den Tisch abgeräumt hat, räuspert sich John. Er nimmt all seinen Mut zusammen und beginnt stotternd, seine Geschichte zu erzählen.
Von seiner Kindheit, der Arbeit und dem Zusammenleben mit seiner Frau in einem Mietshaus. Auch, dass er sehr schnell mit dem Leben überfordert war und so schließlich auf der Straße mit all ihren negativen Seiten landete.
Und dann dem Entschluss, sich auf den Weg nach Santiago de Compostela zu machen.
Nein, damals habe ich nicht gewusst, dass es ein Pilgerweg ist, und es ist für mich immer noch der Weg der Hoffnung, den ich auch zu Ende gehen will.
Nass geschwitzt, aber erleichtert, endlich seine Geschichte, sein Trauma, jemandem erzählt zu haben, steht er auf und geht sofort in sein Zimmer, legt sich auf sein Bett und schläft nach einer Weile ein.
Früh am nächsten Morgen steht er auf und geht mit ungutem Gefühl leise zur Küche.
Die Hausherrin hat bereits den Tisch gedeckt und wartet auf ihren Mann, der auch wenige Minuten später erscheint.
Dieser geht auf John zu, reicht ihm die Hand und dankt ihm für seinen aufrichtigen Bericht am Vorabend.
Für mich ist die Sache nun vom Tisch und man braucht sich darüber keine weiteren Gedanken machen.
Nach dem Frühstück gehen beide ihrer Arbeit nach.
John ist froh, dass er weiter bleiben kann und nicht mehr über sein Leben gesprochen wird.
Zum ersten Mal fühlt er sich geborgen und bereut nicht, hier zu arbeiten, auch wenn es ihm zeitweise recht schwerfällt.
Ein paar Tage später, er steht bereits in seiner Arbeitskleidung in der Küche, kommt Pedro – so spricht er ihn inzwischen an – und sagt:
Heute wird nicht gearbeitet. Es ist Sonntag und wir gehen an diesem Tag zur Kirche.
Meine Frau gibt dir ein paar ältere Kleidungstücke von mir.
Diese kannst du anziehen, damit wir gemeinsam zur Messe gehen können.
Messe, Kirche, nein, das hat John noch nie in seinem Leben gehabt.
Sicher, vor Kirchen hat er schon gesessen und gebettelt, aber drinnen war er noch nie. Er weiß nicht, was ihn dort erwartet.
Unsicher geht er in sein Zimmer zurück.
Zu seinem Erstaunen liegen dort bereits die angekündigten Kleidungsstücke, ein helles, gestreiftes Hemd, eine Stoffhose mit einer passenden Anzugjacke und eine Krawatte. Ferner ein paar schwarze Schuhe.
Er betrachtet die Kleidung. Ganz wohl ist ihm nicht dabei.
Zögernd probiert er die Teile an und wundert sich, dass sie auch ziemlich gut passen. Selbst in den Schuhen kann er gehen.
Nur mit der Krawatte kann er nichts anfangen und lässt sie liegen.
Er betrachtet sich im Spiegel. Er erkennt sich selbst nicht mehr wieder.
Nun sieht er ja fast schon wie der Gutsbesitzer aus, denkt er. Verlegen geht er auf den Hof und setzt sich auf einer Bank in die Sonne. Er schließt die Augen und träumt so vor sich hin.
Auf einmal kommt Pedro zu ihm und setzt sich ebenfalls.
Ich bewundere dich, John, fängt er ein Gespräch an.
Solche Schicksalsschläge wie deine kenne ich nicht.
Ich habe es im Grunde immer gutgehabt.
Das Weingut habe ich von meinen Eltern geerbt.
Sicher, meine Frau und ich müssen viel arbeiten, aber man weiß ja wofür. Ich hoffe, dass eines meiner Kinder einmal den Hof übernehmen wird. Zurzeit sind diese jedoch in der Großstadt und studieren.
Mit deiner Arbeit bin ich zufrieden, aber in drei Tagen kommt mein Mitarbeiter wieder und für zwei Männer reicht die Arbeit nicht. Bis dahin kannst du auf jeden Fall bleiben.
Dann macht er eine große Pause.
John sagt nichts.
Ihm war klar, dass er nicht bleiben könnte. Ferner wollte er sowieso weiter nach Compostela gehen.
Vor der Kirche, sagt Pedro, brauchst du dich nicht zu fürchten.
Bleibe einfach ruhig auf der Kirchenbank sitzen und sieh dir alles an. Verstehen wirst du sowieso nicht viel.
Vielleicht kannst du dich gedanklich einmal mit deinem weiteren Leben auseinandersetzen. Dazu ist die kirchliche Stille gut. Bei Problemen gehe ich immer dorthin, um dann anschließend meine Entscheidungen zu treffen.
Dann steht er auf und geht zur Straße.
Von dort ruft er noch einmal, dass er ihn in zwei Stunden abholen werde.
John steht ebenfalls auf und schaut sich die Weinberge hinter dem Haus an.
Er findet jedoch keine Ruhe. Er muss über die Worte seines Arbeitgebers nachdenken.
Bisher hat er noch nicht über ein Leben nach Compostela nachgedacht.
Zukunftspläne machen, kannte er schon lange nicht mehr.
Langsam geht er in sein Zimmer.
Ohne Arbeit vergeht die Zeit nur sehr langsam und seine Zweifel kommen wieder.
Wie versprochen, kommt der Gutsbesitzer John am frühen Nachmittag abholen. Gemeinsam fahren sie mit dem Auto zur Kirche nach Santo Domingo. Das Ehepaar nimmt ihn in die Mitte und so gehen sie bis zu den vorderen Kirchenbänken, wo sie dann Platz nehmen.
Vorsichtig schaut sich John in der Kirche um. Viele Bänke sind bereits voll besetzt und er hat das Gefühl, dass alle Menschen auf ihn schauen. Am liebsten würde er aus der Kirche flüchten, aber dies will er den beiden nicht zumuten. Bisher hatten sie sich gut um ihn gekümmert und er hat volles Vertrauen in sie gesetzt.
Wie Pedro bereits gesagt hatte, versteht er nichts, was vom Pfarrer gesagt wird. Auch von den Gesängen kann er nichts verstehen.
Nach kurzer Zeit nimmt er die monotonen Geräusche um sich herum nicht mehr wahr. Er verfällt in eine Art Halbschlaf, wobei er ständig über Pedros Worte nachdenkt, was er nach Compostela machen wolle. Aber seltsam, keine Panik, keine Angstzustände überfallen ihn, so wie es sonst immer geschieht.
Eine innere Ruhe umgibt ihn und er kann über viele Dinge nachdenken, die er sonst verdrängt hat.
Plötzlich wird er von Pedro angestoßen und erwacht aus seiner Versunkenheit.
Alle Augen schauen zu ihnen herüber. Pedro steht auf und zerrt ihn mit leichter Gewalt aus der Bank. Gemeinsam gehen sie dann zum Altar, wo der Geistliche bereits auf sie wartet.
Er spricht dann mit ihm, aber er kann es nicht verstehen.
Als er endet, übersetzt sein Arbeitgeber das Gesprochene.
»Er und die Gemeinde haben große Hochachtung vor dir. Er bewundert, dass du mit deiner bisherigen Lebenserfahrung den Mut aufbringst und über den Pilgerweg wieder zur Gesellschaft zurückfinden willst. Sie wünschen dir für deinen weiteren Weg alles Gute und dass dein Wunsch nach einem besseren Leben in Erfüllung gehe.« Dann legte der Priester eine Hand auf Johns Schulter und segnet ihn.
Verwirrt und überwältigt geht er nicht mehr zur Kirchenbank zurück, sondern stürmt, so schnell es geht, aus der Kirche.
Erst auf der Straße bleibt er stehen.
Erst jetzt kommt er wieder zur Besinnung und denkt über den überstürzten Lauf aus der Kirche nach.
Es war unsinnig, was er gemacht hatte, aber jetzt war es zu spät. Seine Zeit auf dem Hof wird sowieso bald enden. Sollte man ihm Vorhaltungen machen, wird er eben morgen schon weitergehen.
Nun wartet er auf die Gutsbesitzer, um mit ihnen wieder zurückzufahren.
Es dauert nicht lange und die Menschen strömen aus der Kirche. Viele von ihnen kommen zu ihm und schütteln ihm die Hand. Einige wünschen Buen Camino (einen guten Weg). Sogar ein paar Scheine werden ihm in die Hand gedrückt. Selbst einige Pilger, die auch an der Messe teilgenommen hatten, begrüßen ihn, wünschen ihm Erfolg und dass er seinen Weg bis zum Ende gehen möge.
Man hat ihm also das überstürzte Aus-der-Kirche-Laufen nicht verübelt. Erleichtert setzt er sich auf eine Bank. Ja, er findet sogar ein wenig Gefallen an seiner Situation, einmal im Mittelpunkt zu stehen, ohne unangenehm aufgefallen zu sein. Kurz danach tritt auch das Weingutsehepaar auf die Straße. Sie sind nicht alleine. Ein weiteres Ehepaar gesellt sich dazu. Alle lachen und sind guter Dinge. Sie kommen an die Bank, von der John bereits aufgestanden ist.
Das sind unsere Nachbarn, sagt Pedro. Diese reichen ihm auch die Hand und grüßen kurz.
Nun gehen wir gemeinsam zum Essen, denn heute ist dein Tag. Die halbe Stadt weiß nun über dich, dein Leben und deinen Entschluss, den Pilgerweg, deinen Hoffnungsweg, zu gehen, Bescheid. Sie haben großen Respekt vor dir, dass du den Mut dazu aufgebracht hast.
Die beiden Frauen packen John links und rechts am Arm und gemeinsam gehen sie zum nächsten Lokal.
Es wird ein schöner Nachmitttag für John, auch wenn er zumeist nicht versteht, worüber gesprochen wird.
So gut und so entspannt hat er sich noch nie in seinem Leben gefühlt. Endlich, ja endlich fühlt er, dass das angenehme Leben auch bei ihm angekommen ist.
Auf seinem Hoffnungsweg ist er seinen Wünschen nun ein großes Stück nähergekommen.
Spät abends auf dem Heimweg spricht keiner mehr ein Wort. Jeder ist in seine eigenen Gedanken versunken.
Fast wortlos geht er dann aufs Zimmer.
Bis zum Ende seiner Aushilfstätigkeit wird nicht mehr viel miteinander geredet. Jeder im Hause erledigt seine Arbeit, um dann abends todmüde ins Bett zu fallen. Selbst bei den Mahlzeiten werden die Gespräche auf ein Minimum begrenzt.
Am Abend des letzten Arbeitstages reicht ihm Pedro einen Umschlag mit den Worten:
Das ist dein Lohn für die Zeit bei uns. Gehe umsichtig damit um, dann reicht es für den Rest des Weges. Wenn du möchtest, kannst du auch die Kleidung von Sonntag behalten und mitnehmen.
Durch deine Anwesenheit habe ich viel über dich nachdenken müssen und sehe die Welt heute etwas anders als früher.
Ja, vielleicht sollte ich auch einmal den Jakobsweg gehen.
Wortlos nimmt John den Umschlag, schüttelt Pedro noch einmal die Hand und geht auf sein Zimmer.
Vorsichtig öffnet er den Brief und nimmt ein Bündel Geldscheine heraus.
Mit zittrigen Händen zählt er das Geld, hört jedoch nach einer Weile auf. Die Höhe der Summe bereitet ihm bereits jetzt Kopfschmerzen. So viel Geld hatte er noch nie besessen. Und dieses Geld hat er sich selbst erarbeitet.
Er muss sich setzen. Bisher hat er noch nicht einmal darüber nachgedacht, was seine Arbeit ihm überhaupt einbringen möge.
Lange sitzt er da, das Geld in der einen Hand, den Umschlag in der anderen. Dabei schaut er aus dem Fenster.
Langsam wird ihm bewusst, dass ein Teil seines Traumes hier auf dem Gutshof bereits in Erfüllung gegangen ist. Aber diesen Traum kann er nicht festhalten, denn morgen wird er wieder auf dem Weg nach Santiago weitergehen.
Er steht auf, nimmt seine Sachen und verstaut sie im Rucksack. Von Pedros Kleidungsstücken nimmt er Hose, Hemd und Schuhe mit. Die Anzugsjacke ist zu sperrig und so ein schickes Teil kann er auf dem Weg sowieso nicht anziehen.
Sein größtes Problem ist jedoch sein Geld. Zum ersten Male macht er sich Gedanken, wo er es am besten und sichersten unterbringen kann.
Schließlich verteilt er es auf den Rucksack und die Hose, die er anhat.
Dann legt er sich hin und schaut noch lange in die dunkle Nacht hinaus.
Früh am Morgen steht John auf, nimmt seinen Rucksack und geht ein letztes Mal zum Frühstück.
Seine Gastgeber sitzen bereits am Tisch und warten auf ihn. John hat keinen Appetit. Er trinkt seinen Kaffee, steht auf und nimmt seien Rucksack.
Auch der Hausherr steht auf. John verabschiedet sich von Pedros Frau. Der Hausherr und er gehen gemeinsam bis zur Straße. Hier schütteln sie sich noch einmal die Hände. Es wird fast nichts mehr gesagt.
Jeder hat mit seinen Erlebnissen der letzten Tage zu kämpfen. Man hat sich geachtet, sich arrangiert und trotz aller Gegensätze sehr gut verstanden.
John geht die Straße hinunter. Obwohl es im sehr schwerfällt.
Er schaut sich nicht mehr um.
Jetzt ist er wieder allein. Trotz aller Arbeit war es ihm noch nie so gut gegangen wie in den letzten Tagen. Aber auch sein Wille, seine eigene Meinung und sein Selbstvertrauen sind dabei wieder zurückgekommen.
Ja, für ihn gibt es nun nur noch ein Ziel: Santiago de Compostela.
Das Arbeiten auf dem Land hat Spuren hinterlassen. Nicht nur, dass seine Haut brauner ist, auch sein Gang und seine Bewegungen sind leichter geworden. Das Laufen geht fast von allein und ohne Beschwerden. Auf dem Weg zum nächsten Ort ist er zeitweise sogar schneller als so mancher der Pilger, mit denen er jetzt wieder gemeinsam Richtung Compostela geht.
Vor Mittag erreicht er Santo Domingo, wo er erst vor einigen Tagen in der Kirche gewesen war und glücklich mit einigen Leuten gemeinsam den Sonntagabend verbracht hatte.
Als er die Kirche sieht, hat er das Bedürfnis, sie zu betreten und sich dort noch einmal auf den Platz zu setzen, an dem er auch am Sonntag gesessen hatte.
Das Portal ist jedoch verschlossen. Langsam geht er um die Kirche herum und betritt sie durch einen Seiteneingang.
Hier sitzt eine Frau und verlangt Geld von den Besuchern, damit Kirche und Museum besichtigt werden können.
Unschlüssig wartend, steht John eine Weile vor dem Kassenhäuschen.
Die Frau schaut ihn an und fragt, ob er John sei, der bei Pedro arbeite.
Ja, antwortet er erstaunt. Ich gehe jetzt jedoch weiter nach Compostela und will nur noch einmal die Kirche besuchen.
Daraufhin lässt sie ihn durch den Seiteneingang die Kirche betreten.
Schnellen Schrittes eilt er zu den vorderen Bänken und setzt sich hin.
Und wieder kommt die innere Ruhe über ihn, ohne dass er weiß wieso.
Lange, sehr lange genießt er diese Ruhe. Dabei denkt er, dass die Ruhe wohl mit dem kühlen Kirchenbau zusammenhängt.
Irgendwann steht er auf und eilt zum Eingang, dankt der Frau und verabschiedet sich.
Mit großen, schnellen Schritten verlässt er die Stadt, um nicht mehr über die letzten Tage nachzudenken.
Am frühen Nachmittag erreicht er einen kleinen Ort. Er entschließt sich, dort zu bleiben. Nachdem er sich mehrfach erkundigen muss, wo denn der Eingang der Herberge sei, die hier in einer Kirche untergebracht sein soll, findet er endlich einen kleinen Seiteneingang. Eine enge Wendeltreppe windet sich nach oben fast bis unter das Kirchendach.
Dort empfängt ihn die Herbergsmutter, die ihn zunächst sofort wieder ein Stück die Treppe hinunter schickt mit der Bitte, die Wanderschuhe im unteren Teil der Treppe in einer breiten Fensteröffnung abzustellen.
Nachdem er dem Wunsch nachgekommen ist, begibt er sich nach oben, wo er in der Küche von der Herbergsmutter erwartet wird.
Sie schaut ihn von oben bis unten an und fragt nach seinem Namen.
John, sagt er und ehe er noch etwas hinzufügen kann, nickt sie mit dem Kopf und antwortet halb laut:
Habe ich mir fast schon gedacht, genau so habe ich mir dich vorgestellt.
Verblüfft guckt John sie an und fragt: Wieso?
Ja, vor ein paar Tagen waren schon einige Pilger hier und erzählten eine Geschichte, deine Geschichte, welche sie in Santo Domingo in der Kirche gehört hatten.
Sie dreht sich um, steigt noch eine Treppe hinauf und zeigt John dann, wo er seinen Schlafsack hinlegen kann.
Wenn du Lust hast, kannst du bei der Vorbereitung des Abendessens helfen, sagt sie. Dann geht sie wieder nach unten in die Küche.
John breitet seinen Schlafsack auf einer Turnmatte aus und legt sich erst einmal darauf.
Wie kann es sein, dass so viele Leute ihn kennen, wo er doch nur einmal in einer Kirche erwähnt wurde?
Nach einer Weile steht er auf, geht nach unten und fragt nach einer Waschgelegenheit, die ihm von der gleichen jungen Frau daraufhin gezeigt wird.
Er duscht, zieht sich frische Kleidungstücke an und geht zum Aufenthaltsraum.
Er schaut sich um, aber bis auf die Herbergsmutter ist er allein im Raum.
Komm schon, sagt sie von der Küchenzeile aus, hier liegt noch einiges an Gemüse, das noch geschnitten werden muss.
Zögernd geht er zu ihr.
Er bekommt ein Messer in die Hand gedrückt. Dann zeigt sie ihm, was er machen soll.
Langsam beginnt er mit der Arbeit.
Sie schaut ihm eine Weile zu, wendet sich dann aber wieder ihrer eigenen Arbeit zu.
Übrigens, ich heiße Eleonore, aber alle sagen nur Elli zu mir.
Ich werde auch einfach John zu dir sagen.
Ich kann nachvollziehen, wie du dich fühlst.
Ich bin selbst einmal in einer ähnlichen Situation gewesen.
Du brauchst dich vor mir nicht zu schämen oder zu verstecken. Wenn du Lust hast, darüber zu sprechen, kannst du jederzeit zu mir kommen.
Übrigens, unsere Herberge lebt nur von den Spenden der Pilger. Einer gibt viel, andere halt weniger oder gar nichts.
Morgen ist Wochenende und dann kommen wieder sehr viele Pilger. Wenn du Lust hast, kannst du übers Wochenende bleiben und mich bei der Arbeit unterstützen.
Das würde mir und wohl auch dir zugutekommen. Bezahlung für die Zeit ist aber nicht möglich, aber frei essen, trinken und schlafen ist ja auch nicht schlecht.
Naja, aber wenn du keine Spende gibst, hast du ja auch alles frei, aber ich würde mich freuen, wenn du bleibst Wir könnten in den freien Minuten gemeinsam über meine Vergangenheit sprechen. Überlege es dir über Nacht und sage mir morgen früh Bescheid. Nachdem sie ihre Rede beendet hat, vertieft sie sich wieder in die Arbeit und spricht kein Wort mehr mit ihm.
Nach und nach kommen die Pilger. Man begrüßt sich und der eine oder andere hilft bei den Vorbereitungen für das Abendessen.
John sagt jedoch nicht viel. Er ist froh, dass keiner ihn auf seine Geschichte anspricht.
Das Abendessen verläuft in einer entspannten Stimmung. Die meisten unterhalten sich, wobei der bisherige Weg immer das Hauptgespräch ist.
Nach dem Essen verspricht die Herbergsmutter ein besonderes Erlebnis für den späteren Abend. Wer möchte, könne sie begleiten. Sie werde mit einer Glocke klingeln und man werde danach gemeinsam an einen anderen Ort gehen.
Aber jetzt ist erst einmal Spülen angesagt, sagt sie, steht auf und geht mit dem ersten schmutzigen Geschirr zur Küche.
Einige Gäste folgen ihr mit weiteren Tellern. Die Küche ist jedoch sehr klein, sodass die meisten nicht helfen können.
Auch John geht. Er muss in Ruhe über die Worte der anderen Leute und das Angebot zum Bleiben nachdenken.
Vor der Kirche gibt es eine Bar. Dort setzt er sich in die Sonne und bestellt einen Kaffee.
Was soll er nun machen? Er ist ja gerade erst eine Tagesetappe gegangen. Und nun soll er schon wieder den Hoffnungsweg zurückstellen? Aber Elli ist ihm sehr sympathisch und ihre Geschichte möchte er schon gerne hören.
Er kommt noch zu keinem Entschluss.
Als die Dämmerung hereinbricht, geht er zur Kirche zurück.
Alle Pilger sitzen noch vor dem offenen Kamin und unterhalten sich lautstark. Jemand spielt leise auf einer Gitarre, die er sich von Elli ausgeliehen hat.
John setzt sich an den Rand der Gruppe, kann sich jedoch nicht richtig konzentrieren. Wenn er angesprochen wird, antwortet er, soweit es geht, mit kurzen, knappen Worten.
Er wünscht sich nur Ruhe, damit er den heutigen Tag verarbeiten kann. Grübelnd wartet er nur noch auf das, was Elli für den Abend versprochen hat.
Die Zeit kommt ihm sehr lang vor, bis die Glocke ertönt.
Alle stehen auf und sie gehen dann gemeinsam ein paar Stufen die Treppe hinab. Dort ist eine schmale Tür geöffnet, durch die sich die Pilger drängen.
Nach ein paar Metern gelangen sie in einem halbrunden Raum, in dem in gleichmäßigen Abständen Nischen eingelassen sind. Im Dämmerlicht einiger Kerzen kann man Sitzplätze in den Nischen erkennen.
Alle sollen sich dort in den Nischen niederlassen.
Nachdem alle einen Platz gefunden haben und Ruhe eingekehrt ist, beginnt Elli mit der Erzählung über die Entstehung der Kirche, über die bereits mehrere Jahrhunderte alte Herberge und über den Raum, in dem früher die Mönche gesessen und gebetet hatten.
Als sie endet, spricht keiner mehr ein Wort, niemand will die eingetretene Ruhe stören.
Auch John bewegt sich nicht. Die seltsame innere Ruhe, die er bereits bei seinen letzten Kirchenbesuchen verspürte, ist wieder da.
Er weiß nicht mehr, wie lange er so gesessen hat, als Elli wieder zu reden beginnt.
Nun, sagt sie, jeder ist ja wohl aus einem bestimmten Grund auf dem Jakobsweg unterwegs. Jeder kann, wenn er möchte, seine Gründe erzählen. Gleichzeitig reicht sie der ersten Person eine Kerze.
Verdutzt schaut die Pilgerin sich um, bringt jedoch kein Wort heraus. Dann bricht sie in Tränen aus, sagt aber immer noch nichts. Elli geht zu ihr, nimmt die Kerze aus ihren Händen, reicht sie weiter und tröstet die Frau.
Nacheinander bekommt jeder die Kerze in die Hand und einige erzählen, warum sie sich auf diesen Weg gemacht haben.
John hört den Erzählungen aufmerksam zu, soweit er sie versteht.
Dabei fällt ihm auf, dass fast alle der vermeintlich fröhlichen Pilger kleinere oder größere Probleme vorbringen, warum sie auf dem Pilgerweg unterwegs sind.
Nachdem der Letzte geendet hat, gehen alle sehr ruhig und nachdenklich zu den Schlafplätzen zurück, um sich für die Nachtruhe fertig zu machen.
Auch John legt sich hin und denkt lange über die Gespräche nach.
Ihm wird nun bewusst, dass nicht nur er allein mit den Problemen des Lebens zu kämpfen hat. Diese Erkenntniserleichtert ihn. Nun steht sein Entschluss fest. Er wird für ein paar Tage an diesem Ort bleiben. Er möchte hören, ob die nächsten Pilger mit ähnlichen Beweggründen auf dem Jakobsweg sind. Außerdem will er nun unbedingt wissen, was Elli zu erzählen hat.
Dann schläft er ein.
Früh am Morgen machen sich die ersten Pilger bereits auf den Weg.
John dreht sich noch einige Male im Schlafsack um und wartet auf Elli. Als die letzten Schläfer die Kirche verlassen haben, steht er auf und macht sich in der Küche auf die Suche nach Kaffee. Nachdem er fündig geworden ist, setzt er eine große Kanne auf. Es gibt auch noch Brot vom Vortag, welches er ebenfalls auf den Tisch stellt. Langsam trinkt er den Kaffee und isst einige Scheiben des trockenen Brotes.
Noch immer ist er allein.
Er begibt sich zu den Schlafstellen, legt die Schlafunterlagen wieder auf einen Stoß zusammen und wartet auf Elli.
Kurz vor Mittag betritt Elli die Küche. John geht zu ihr herunter und begrüßt sie.
Habe mir gedacht, dass ich dich heute Morgen noch hier antreffen werde, sagt sie.
Du sprachst gestern davon, meine Situation zu kennen, antwortet er.
Nun möchte ich gerne wissen, was du bereits erlebt hast, dass du behaupten kannst, meine Situation zu kennen.
Sie schaut nicht von ihrer Arbeit auf. Gemeinsam beginnen sie nun mit den Vorbereitungen für das Abendessen.
Nach langem Zögern beginnt sie mit ihrer Erzählung.
Ich hatte eine normale Kindheit. Meine Eltern waren immer zuvorkommend zu uns.
Ja, ich habe noch einen Bruder, zu dem ich schon seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr habe.
Ich besuchte ein Gymnasium und begann nach dem Abschluss mit einem Studium. Kurz danach starb meine Mutter und mein Vater heiratete wieder. Mit seiner neuen Frau konnte ich mich nicht abfinden.
Im zweiten Semester lernte ich meine vermeintlich große Liebe kennen.
Ich wurde schwanger und wir heirateten kurze Zeit später.
Mein Vater war damit nicht einverstanden. Naja, jedenfalls bekamen wir Streit, und der Kontakt zu Vater und Bruder brach ab.
Als das Kind zur Welt kam, versorgte ich die kleine Familie und konnte mein Studium nicht fortsetzen.
Schnell musste ich feststellen, dass meine große Liebe nicht nur für mich da war, sondern seine Zeit auch für andere Liebschaften nutzte.
Mir blieben nur die Arbeit und unser Kind.
Kurz danach zog mein Mann aus und reichte die Scheidung ein.
Da er angeblich mittellos war, bekam ich nach langem Betteln vom Sozialamt zumindest das nötigste Geld.
Ich war nur noch alleine mit dem Kind und fühlte mich sehr einsam.
Dann begann ich zu trinken und vernachlässigte immer mehr Wohnung und Kind.
Es dauerte nicht sehr lange, und mein Vermieter kündigte mir. Ich kam in einem Mutter-Kind-Haus unter. Aber meine Probleme blieben. Da nun immer jemand bei dem Kind war, zog ich immer häufiger los und versuchte, meine Probleme durch Alkohol und Drogen zu vergessen. Das Geld reichte natürlich vorn und hinten nicht. Somit war ich auch leichte Beute von verschiedenen Männern.
Irgendwann stand das Jugendamt vor der Tür. Sie machten mir klar, dass mein Junge unter diesen Umständen nicht mehr bei mir bleiben könnte. Ich sollte zuerst einmal mit meinem eigenen Leben klarkommen. Sie nahmen das Kind und fuhren mit ihm fort.
Sie steht auf, dreht sich um und schluchzt.
Nach einer Weile redet sie weiter.
Ich verstand die Welt nicht mehr, bekam einen hysterischen Anfall, schrie und schlug wild um mich.
In einem fremden Raum kam ich wieder zu mir. Man hatte mich an ein Bett angebunden. Panik kam in mir auf und wieder schrie ich. Eine Ärztin kam, erklärte mir die Situation, aber ich versuchte aufzuspringen, was mir natürlich nicht gelang.
Ich bekam eine Spritze und schlief wieder ein. Irgendwann in der Nacht wurde ich wieder wach und langsam dämmerte es mir, was geschehen war und wo ich mich befand.
Wieder trat eine längere Pause ein.
Sie setzt sich wieder an den Tisch und beginnt erneut mit den Vorbereitungen.
Ich will nicht weiter auf die Zeit in der Klinik eingehen.
Es war die Hölle.
Hier kam ich aber von den Drogen und dem Alkohol fort.
Bei den Therapiegesprächen kam ich unter anderem mit einer anderen Patientin ins Gespräch.
Sie erzählte mir einiges über den Jakobsweg. Nach ihrer Therapie wollte sie diesen Weg gehen, in der Hoffnung, wieder Ordnung in ihr Leben zu bekommen.
Daraufhin begann ich einige Bücher sowie Berichte über den Jakobsweg zu lesen. Dabei kam mir dann die Idee, diesen Weg auch zu gehen.
Wochen, nein Monate war ich in der Klinik.
Der Tag der Entlassung kam, aber meine Freude war nicht so groß, wie ich mir dies in den Wochen vorher ausgemalt hatte.
Auf der Straße, ja ich war wieder ein freier Mensch, aber ich wusste nicht, wie es nun weitergehen sollte.
Ich versuchte zuerst einmal, Kontakt mit meiner Familie zu bekommen. Sie hatte sich all die Monate nicht sehen lassen.
Schnell wurde mir jedoch klar, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollte.
Im Grunde konnte ich dies auch verstehen.
Ich begab mich zu einer Adresse, die ich von der Klinik bekommen hatte.
Es war jedoch wieder eine Unterkunft, wo man nicht ständig leben wollte. Ferner bekam ich auch gesagt, dass ich nur vorübergehend dort wohnen könnte.
Naja, für den Anfang besser als auf der Straße, dachte ich.
Ich bemühte mich um Arbeit, musste aber feststellen, dass bei meiner Vorgeschichte keiner bereit war, mich einzustellen.
Nach ein paar Tagen fuhr ich zum Jugendamt und wollte nach meinem Kind sehen.
Ich hatte die Hoffnung, es vielleicht wieder mitnehmen zu können.
Mir wurde jedoch deutlich gesagt, dass dies in meiner jetzigen Situation nicht möglich sei.
Noch nicht einmal sehen durfte ich den Jungen.
Er war in einer Pflegefamilie untergebracht und sollte zum jetzigen Zeitpunkt keinen Kontakt zur leiblichen Mutter mehr bekommen.
Auf der Straße bekam ich wieder eine Panikattacke und musste mich beherrschen, nicht wieder die Kontrolle zu verlieren.
Danach saß ich mehrere Tage in meiner Unterkunft und wusste nicht, wie es weiter gehen sollte.
Irgendwann dachte ich wieder an meine Idee, doch auch einmal den Jakobsweg zu gehen.
Von ein paar Bekannten bekam ich ein paar Reiseutensilien wie Rucksack, Schlafsack, einige Wanderbekleidungsstücke und einen entsprechenden Wanderführer.
Naja, kurz entschlossen packte ich alles in den Rucksack und machte mich auf den Weg.
Von den vielen Schwierigkeiten brauche ich dir ja wohl nichts zu erzählen.
Das wirst du wohl auch schon mitbekommen haben.
Irgendwann bin ich dann in Compostela angekommen.
Auf dem Weg hatte ich viel Zeit, über mein bisheriges Leben nachzudenken. Ich bin nun sehr ruhig geworden und hoffe mit den Schwierigkeiten in der Zukunft fertig zu werden.
Aus Dankbarkeit dafür und wegen der vielen positiven Unterstützung während dieser Zeit arbeite ich nun regelmäßig für mehrere Monate als Herbergsmutter.
Ja, nun weißt auch du über mein vorheriges Leben Bescheid.
Das habe ich bisher noch nicht vielen Menschen erzählt. Ich möchte dich bitten, mit keiner weiteren Person darüber zu reden. Ich habe Frieden gefunden und möchte nicht ständig von Fremden auf meine Vergangenheit angesprochen werden. John nickt mit dem Kopf.
Sie spricht weiter.
