John Sinclair 2249 - Chris Steinberger - E-Book

John Sinclair 2249 E-Book

Chris Steinberger

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Beschreibung

In Italien gibt es ein Sprichwort, das besagt, nur die Hölle sei älter als die Mafia. Das mag übertrieben klingen, aber ich glaube, es ist wahr. Die Hölle ist der Mafia sehr ähnlich. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Sie vergisst niemals. Nach langen Jahren musste ich wieder einmal feststellen, dass Zeit für meine Gegner keine Rolle spielte. Für sie gab es nur den richtigen Moment. Als dieser gekommen war, wurde ich zum ahnungslosen Spielball eines perfiden Plans, der mir schmerzhaft in Erinnerung rief, wie hilflos wir Menschen dem Bösen für gewöhnlich gegenüberstehen ...

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Seitenzahl: 154

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Inhalt

Cover

Battle Royale für John Sinclair

Briefe aus der Gruft

Vorschau

Impressum

Battle Royale fürJohn Sinclair

von Chris Steinberger

In Italien gibt es ein Sprichwort, das besagt, nur die Hölle sei älter als die Mafia. Das mag übertrieben klingen, aber ich glaube, es ist wahr. Die Hölle ist der Mafia sehr ähnlich. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Sie vergisst niemals.

Nach langen Jahren musste ich wieder einmal feststellen, dass Zeit für meine Gegner keine Rolle spielte. Für sie gab es nur den richtigen Moment.

Als dieser gekommen war, wurde ich zum ahnungslosen Spielball eines perfiden Plans, der mir schmerzhaft in Erinnerung rief, wie hilflos wir Menschen dem Bösen für gewöhnlich gegenüberstehen ...

Die schwere Schrotflinte wummerte dumpf auf und zerfetzte den Kopf der Kreatur. Zwei Schritte wankte sie noch auf den Mann zu, dann kippte der Torso einfach nach vorne. Er klatschte auf den Beton und blieb regungslos liegen.

»Wieder einer weniger, David!«, rief der Mann mit einer nahezu kindlichen Freude in sein Headset.

Er war klein, übergewichtig und trug seine blonden Haare zu einem Zopf gebunden. Zusätzlich hatte er noch eine mausgraue Baschlik-Mütze aufgesetzt. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Einige Tropfen hatten sich in seinem Bart verfangen. Mit dem Ärmel wischte er sie weg, während er gleichzeitig die nächste Patrone in den Lauf seiner Pumpgun beförderte.

Er musste auf der Hut sein. Zwar waren diese Viecher alles andere als clever, aber wenn sie ihn überraschten, konnte es schnell vorbei sein. Und er wollte doch hier noch ein wenig Spaß haben und ein paar von diesen verfluchten Kreaturen endgültig zur Hölle schicken.

Zombies! Noch vor zwei Wochen hatte sich der Londoner Großindustrielle Sir Raymond Ratcliffe ein müdes Lächeln nicht verkneifen können, als ihm sein neuer Geschäftspartner vorschlug, Ratcliffe solle für ihn in einem ehemaligen Militärareal nicht nur eine Art geheimen Stützpunkt bauen lassen, sondern in dem Areal auch zwei Dutzend kontaminierte Leichen ausbruchsicher in Verwahrung nehmen.

Ausbruchsicher? Ein Verrückter, kein Zweifel, aber ein Verrückter mit großen finanziellen Möglichkeiten.

Ratcliffe hatte seinem neuen Geschäftspartner auf den Kopf zugesagt, dass er ihm nicht glaubte und dass der Deal nur zustande kommen könne, wenn man ihm die Leichen zeigen würde. Damit hatte er angenommen, das Geschäft wäre geplatzt. Doch der Mann hatte ihn eines Besseren belehrt.

Nach Rücksprache mit seinem Auftraggeber hatte er eingewilligt, Ratcliffe nach Abschluss der Baumaßnahmen vier Exemplare vorzuführen. Allein und ohne Zeugen. Ratcliffe hatte diese Geheimniskrämerei überhaupt nicht gefallen, aber er hatte eingewilligt.

Zwei Wochen später hatte ihn sein Geschäftspartner dann abgeholt. Eine Nacht verbrachten sie in einem Hotel am Londoner Stadtrand. »Nur um in Ruhe zu prüfen, ob Sie nicht vielleicht doch aus Versehen eine Spur hinterlassen haben, Sir Raymond. Eine reine Vorsichtsmaßnahme.« Am frühen Nachmittag des Folgetages erreichten sie das Areal.

Dort sah Ratcliffe vier in schwere Ketten geschlagene Kreaturen. Vier tote Körper, die nicht tot waren. Vier lebende Leichen, die hungrig waren nach Menschenfleisch.

»Zu töten nur durch eine vollständige Zerstörung des Kopfes«, wie sein neuer Geschäftspartner emotionslos und ohne jede Spur von Ironie hinzufügt hatte. Ratcliffe könne sich hier und jetzt eigenhändig von der Richtigkeit der Angaben und der realen Existenz der Zombie-Kreaturen überzeugen.

Zombies? War das alles eine Show? Und wenn nicht, was hatte sein Geschäftspartner mit den Kreaturen vor?

»Wir wollen mit ihnen spielen«, hatte der Mann lachend gesagt. »Möchten Sie es ausprobieren?«

Sir Raymond Ratcliffe bekam technische Ausrüstung, passende Kleidung und eine Schrotflinte mit Munition. Dann hatte er das Areal betreten dürfen und der erste Zombie wurde von seinen Ketten gelassen.

»David, hören Sie mich? Das ist genauso abgefahren wie ›The Walking Dead‹, stärker als ›The Walking Dead‹.«

»›Walking Dead‹ kenne ich nur aus dem Fernsehen«, kam es trocken zurück.

In diesem Moment spürte Ratcliffe plötzlich die eiskalte Totenklaue auf seinem Arm. Der Zombie war unbemerkt an ihn herangeschlichen. Er hatte hinter der Hausecke gewartet und im ersten günstigen Moment zugegriffen. Waren diese Wesen vielleicht doch nicht so stupide, wie er zunächst geglaubt hatte?

Die Kreatur zog an Ratcliffes Arm und wollte ihre verfaulten Zähne in seine rechte Schulter versenken.

In seiner Panik schlug er mit dem Ellenbogen so heftig gegen den Kopf des Zombies, dass dieser zu Boden ging und seinen Arm losließ. Der Untote knurrte angsteinflößend und versuchte schwerfällig, sich wieder aufzurappeln.

Raymond Ratcliffe stieß den Lauf der Schrotflinte durch das Gebiss der untoten Kreatur. Dass dabei die Vorderzähne herausbrachen und durch die Gegend flogen, registrierte der Industrielle mit Genugtuung.

»Game over, Wichser!« Dann drückte er ab. Ein wohliger Schauer rann ihm den Rücken hinunter, als er sich entspannte und Dopamin durch seinen Körper rann.

»Genug für heute, Zombiekiller, verlassen Sie das Spielfeld. Kommen Sie rüber zum Tor, ich lasse Sie dort abholen. Ich lade Sie auf einen Drink ein.«

Grimmig zog Ratcliffe den Vorderschaft seiner Flinte zurück und beobachtete fasziniert, wie die rauchende Patronenhülse ausgeworfen wurde. Er lud eine neue Patrone in den Lauf. Es konnte ja sein, dass noch eines dieser verfluchten Viecher im nächsten Moment aus seinem Loch gekrochen kam. Dann verfiel er in einen leichten Trab und sah bereits den schwarzen SUV auf sich zu fahren.

Wenige Minuten später saß er erschöpft auf der Rückbank des Fahrzeugs und schloss die Augen. Zombiekiller, dachte er mit einer Mischung aus Erregung und Grauen.

Eine knappe Stunde später betrat Sir Raymond Ratcliffe frisch geduscht das fensterlose Büro, das sich in einem Container an der Rückseite des Areals befand. Er war ehrlich beindruckt, mit welcher Punktgenauigkeit das gesamte Gelände in eine High-Tech-Anlage verwandelt worden war. Und hier in diesem Büro lag also das elektronische Nervenzentrum.

David stand hinter einer improvisierten Bar und mixte einen Drink.

»Was kann ich Ihnen anbieten, Sir Raymond? Einen Zombie?«

Ratcliffe lachte. »Klar, machen Sie mir einen großen. Aber bitte nicht so eklig wie der letzte vorhin.«

Beide Männer lachten.

Ratcliffe setzte sich auf einen Barhocker und holte ein silbernes Etui aus der Innentasche seines Sakkos. Er klaubte einen schokoladenfarbenen Zigarillo hervor und schob ihn sich zwischen die Lippen. Geschickt ließ er den Deckel eines Sturmfeuerzeugs mit nur zwei Fingern aufschnappen. Dann schnippte er mit den Fingern am Reibrad und entzündete so den Docht. Blaugrauer Rauch kräuselte über der Theke.

»Hat Ihnen unsere Vorführung gefallen, Sir Raymond?«

»Gefallen? Es war großartig. Dieser Nervenkitzel! Mann, David, ich habe noch nie eine Waffe auf einen Menschen gerichtet, und jetzt blase ich hier diesem untoten Kroppzeug den Schädel weg. Das war fantastisch!« Ratcliffe griff nach seinem Cocktail und nahm einen tiefen Schluck. »Junge, Junge, der knallt aber rein.«

»Es ist ein Zombie Punch nach dem Originalrezept von Donn Beach.«

Raymond lachte. »Ja, ja. Natürlich. Aber vorhin, da haben die Zombies meinen Punch zu spüren bekommen.«

»Ihrer Euphorie kann ich entnehmen, dass Sie mit der Vorführung also zufrieden sind.«

»Na klar. Und wie. Am liebsten würde ich sofort noch mal losziehen.«

»Ach wirklich? Nun, wir werden sehen, was wir da machen können. Aber Sie haben uns schon ganze vier Zombies gekostet. Wie Sie sich sicher denken können, wachsen diese Kreaturen nicht auf Bäumen.«

»Jetzt stellen Sie sich nicht so an, David. Ihr werdet schon für Nachschub sorgen.«

»Gewiss. Nur leicht ist es nicht.«

Ratcliffe drückte seinen halbgerauchten Zigarillo aus und nahm den nächsten Schluck.

»Sehen Sie, Sir Raymond«, fuhr David fort. »Unsere Arbeit erfordert allerhöchste Diskretion. Mein Auftraggeber ist überaus froh, dass wir Sie als unseren Londoner Partner gewinnen konnten. Wir haben Sie gegen alle unsere Geschäftsprinzipien ins Vertrauen gezogen, und nun möchte ich Sie im Namen meines Auftraggebers fragen, ob Sie im Gegenzug bereit wären, sich unserem Unternehmen anzuschließen.«

Ratcliffe lachte. »Den Teufel werde ich tun, David! Verzeihen Sie meine Direktheit, aber ich bin auch so schon ein verdammt großes Risiko eingegangen, dass ich Ihnen die Baustoffe, die Zäune und die ganze Elektronik beschafft habe, damit ihr hier mit euren lebenden Leichen Verstecken spielen könnt. Nein, danke, ich werde mich da raushalten. Ihr habt eure Anlage, und ich habe mein Geld und dazu die Gewissheit, dass ihr keine Spinner seid.«

Der Blick seines Geschäftspartners wurde eisenhart.

Raymond spürte die Wirkung des Alkohols und wunderte sich, warum ihm das Zeug so sehr zusetzte. Seine Zunge lag ihm schwer im Mund wie ein nasser Sack, dennoch sprach er weiter. »Hör zu. Klar ist das Ganze cool, was ihr hier aufzieht. Das fetzt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, hihi.« Ratcliffe versuchte, sich einen weiteren Zigarillo anzuzünden, doch hielt er die Flamme daneben. Wütend schmiss er den Glimmstängel auf den Tresen. »Ich würde euch ja gerne helfen«, lallte er weiter, »aber ihr müsst verstehen, dass ich Geschäftsmann bin. Ich verkaufe nicht nur an euch.«

Jetzt grinste sein Gegenüber und Raymond Ratcliffe entspannte sich ein wenig.

»Klar verstehe ich dich, Raymond. Sehr gut sogar. Und was deine zukünftige Hilfe betrifft«, David schlug ihm lachend die Hand auf die Schulter, »da habe ich gerade eine richtig tolle Idee.«

Ansatzlos schlug er Ratcliffe in den Bauch, sodass dieser ächzend vom Barhocker sank.

»Du hast dir Sorgen gemacht um unseren Nachschub an Zombies? Nun, ich schätze, zumindest einen weiteren Untoten haben wir gefunden.«

Sir Raymond Ratcliffe sah die riesige Faust auf sich zukommen. Dann sah er nichts mehr.

Ratcliffe schreckte hoch, als ihm eiskaltes Wasser ins Gesicht geschüttet wurde. Brutal wurde er gepackt und aus dem Fahrzeug gezogen. Mehrere Hände packten ihn am Kragen seines fünfhundert Pfund teuren Anzugs und zogen ihn über die Betonplatten. Achtlos ließen sie ihn liegen.

Ratcliffe übergab sich. Ein hölzernes Klappern in seiner Nähe irritierte ihn. Er hörte, wie der Motor gestartet wurde und das Fahrzeug wegfuhr.

Allmählich kehrte sein Sehvermögen zurück. Sie hatten ihn wieder in die Anlage gebracht. Er blickte sich um und sah einen Baseballschläger neben sich auf dem Boden liegen. Er griff danach, denn er wusste, dass sie kommen würden. Sie würden kommen, um ihn zu fressen. Aber diesmal hatte er keine Schrotflinte dabei. Sir Raymond Ratcliffe wollte schreien, doch er wusste, dass er sie dann sofort auf sich aufmerksam machen würde. Die Zombies.

Ein Mann rennt eine Häuserreihe entlang. Immer wieder dreht er sich gehetzt um. Sein Anzug ist verdreckt und teilweise zerrissen. In der rechten Hand hält er kraftlos einen Baseballschläger. Hinter einer Hausecke geht er in Deckung. Die blonden Haare hängen ihm wirr in sein Gesicht. Nackte Angst flackert in seinen Augen. Er keucht schwer und spuckt aus. »Zu viele Zombies!« Seine Stimme ist nur noch ein krächzendes Flüstern.

Plötzlich sind sie da. Aus dem Schatten der Gebäude strömen sie von beiden Seiten auf ihn zu.

Der Mann nimmt den Baseballschläger in beide Hände und schlägt mit aller Kraft gegen den Kopf der ersten Kreatur. Im nächsten Moment wird er von hinten gepackt und zu Boden gedrückt. Eine Kreatur senkt die Zähne in sein rechtes Ohr.

Die Video-Aufnahme wurde gestoppt.

»Exzellente Arbeit. Ich danke Ihnen, David. Der Platz ist also bereit?«

»Die technischen Vorbereitungen sind abgeschlossen. Der Testlauf war positiv. Die Verbindungen sind stabil, und die Mannschaft ist instruiert. Es ist alles bereit, Sir. Wir warten nur noch auf die Spieler.«

Der Mann lehnte sich zurück und lächelte. »Sehr gut. Möchten Sie ansonsten noch etwas hinzufügen?«

»Sir, die Ingewahrsamnahme der Kreaturen war wie erwartet kompliziert. Wir sollten keine weitere Rückholaktion mehr riskieren.«

»Darin stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu. Bereiten Sie also unverzüglich den Start des Countdowns vor.«

»Aye, aye, Sir.«

»Viel Erfolg, David. Spielleiter over and out.«

Ich drehte mich übermütig auf meinem Bürostuhl im Kreis und freute mich tierisch auf eine Tasse des weltbesten Kaffees, den man sich überhaupt vorstellen kann.

Es war früher Morgen, und aktuell stand kein Fall an. Also würde ich heute von früh bis spät Berichte schreiben, Spesenabrechnungen machen oder mich ausgelassen dem Nichtstun hingeben. Ich fand, das klang nach einem guten Plan, aber zum einen war ich Beamter im Dienste Ihrer Majestät, und zum anderen klingelte das Telefon.

Suko, mein Freund und Kollege, deutete fingerwedelnd auf den Apparat und meinte lakonisch: »Wenn du schon wie Lewis Hamilton im Kreis fährst, kannst du auch ans Telefon gehen.«

»Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?« fragte ich.

»Gar nichts«, antwortete Suko, »aber da ich im Gegensatz zu dir wirklich arbeite, kannst du dich ausnahmsweise mal um den Fernsprecher kümmern.«

»Deine Kollegialität wird nur durch deine Vorliebe für veraltete Wörter übertroffen, liebster Suko.«

Seufzend griff ich zum Telefonhörer. Da hatte aber der Anrufer bereits aufgelegt.

»So ein Pech aber auch.« Ich grinste Suko an und lehnte mich genüsslich zurück.

»Schön, dass es Ihnen in Ihrem Büro so gut gefällt, John«, erklang unvermittelt die Stimme von Superintendent Sir James Powell aus Richtung der Tür, »aber vielleicht kann ich Ihnen etwas Abwechslung anbieten. Vor circa einer Stunde hat es einen Überfall auf ein Zeugenschutzprogramm in Croydon gegeben. Dabei wurde der Kronzeuge entführt. Von den Kollegen, die zu seiner Bewachung abgestellt worden sind, fehlt jede Spur. Einsatzkräfte sind bereits vor Ort.«

»Guten Morgen, Sir James. Wie Sie sehen, befinden sich mein Kollege und ich in ständiger Bereitschaft. Was aber hat, wenn sie mir die Frage erlauben, der Überfall auf ein Zeugenschutzprogramm mit uns zu tun, Sir?«

Der Superintendent zog ein Smartphone aus der Innentasche seines Jacketts. »Hören Sie sich bitte diesen Notruf an, der vor Ort von einem der Kollegen abgesetzt wurde.«

Wir hörten ein kurzes Rauschen, dann fielen Schüsse. Schreie. Wir hörten die gehetzte Stimme eines Mannes: »Mayday, Mayday. Wir werden angegriffen. Zwei Beamte sind schwer verletzt. Wir werden beschossen. Mayday!«

Zum Schluss überschlug sich die Stimme des Officers vor Panik. Die Frage aus der Zentrale konnten wir nicht verstehen, die Antwort des Mannes dafür umso deutlicher: »Scheiße noch mal. Sie sind immun gegen Kugeln. Sie kommen auf uns zu. Es sind keine Menschen. Es sind gottverdammte Zombies. Mayday, Mayday!«

Wir schraken zusammen, als der Beamte auf einmal begann, wie am Spieß zu schreien. Abrupt endete die Aufnahme.

Sir Powell sah uns an. Das Blut schien mir gänzlich aus dem Gesicht gewichen zu sein. Ich richtete meinen Blick auf Suko, den die Aufnahme ebenfalls sichtlich mitgenommen hatte.

Entschlossen stand ich auf und war bereits im Begriff, nach meiner Lederjacke zu greifen, die über dem Stuhl hing, aber Sir Powell hob beschwichtigend die Hand.

»Die Aufnahme wurde vor einer Stunde gemacht. Das Einsatzkommando vor Ort hat nichts finden können außer einer großen Menge Blutspuren. Keine Leichen. Die Fahndung nach wem oder was auch immer läuft auf Hochtouren. Es gibt bislang keinen Anhaltspunkt.

Auf Anraten des Innenministeriums wurden daher wir angefordert, John. Sie und Suko werden ständig über die Fortschritte der Untersuchungen informiert werden. Seien Sie vorsichtig, John. Hinter der Sache scheint mehr zu stecken. Zombies greifen kein Zeugenschutzprogramm an und entführen den Kronzeugen. Von Schusswaffengebrauch ganz zu schweigen. Suko wird daher hier die Stellung halten müssen und Ihnen nötigenfalls als Rückendeckung zur Verfügung stehen.«

Ich musste meinen Partner gar nicht erst ansehen, um zu wissen, dass ihm diese Entscheidung nicht gefiel.

»John, Sie erhalten Standort und weitere Informationen direkt auf das Navigationsgerät Ihres Dienstwagens. Die Kollegen erwarten Sie. Suko, Sie bekommen sofortigen Zugriff auf alle Tatortprotokolle und die damit im Zusammenhang stehenden Berichte. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen, meine Herren! Finden Sie heraus, was da gespielt wird.«

Damit waren wir quasi entlassen, und Sir Powell verließ unser Büro.

Ich schlüpfte in meine Jacke und sah zu Suko. »Was denkst du?«

»Ich weiß nicht. Jedenfalls habe ich ein mulmiges Gefühl bei der Sache.«

»Ich auch, Alter. Irgendetwas stimmt da nicht. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß.«

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass mein Abschied der Auftakt zu einem grausamen Spiel auf Leben und Tod sein würde.

Suko war es gelungen, seine anfängliche Frustration in Arbeitswut zu verwandeln. Schritt für Schritt war er in eine tiefe Konzentration versunken und hatte nur eine halbe Stunde später einen ersten Überblick über den Fall gewonnen. Das Zeugenschutzprogramm war für einen Finanzberater namens Sean Connor angeordnet worden.

Connor galt seit mehreren Jahren als der finanzielle Strippenzieher des Londoner Valdini-Clans. Was den Finanzexperten jetzt dazu gebracht hatte, sich gegen den Clan zu wenden, blieb in allen Berichten auffällig vage. Die Protokolle enthielten nur Andeutungen, dass auch einige hochrangige Politiker in die Sache verstrickt sein könnten. Seit zwei Monaten befand sich Connor unter Bewachung und wechselte in unregelmäßigen Abständen seinen Aufenthaltsort.

Bei einem dieser Wechsel war es heute Morgen zu der Entführung gekommen. Insgesamt waren sechs Personen verschwunden. Sean Connor, sein Fahrer und vier Beamte. Es gab bislang keinerlei offizielle Anhaltspunkte, wer hinter der Sache stecken könnte. Ein Vermerk aus den Reihen des MI5 gab mit überraschender Offenheit zu bedenken, dass man die Veruntreuung sensibler Daten nicht ausschließen durfte.

Das Klingeln eines Telefons riss Suko aus seiner Konzentration. Es war Johns Apparat. Der Inspektor streckte sich über den Tisch und griff nach dem Hörer. Er sah auf das Display. Bill Conolly. So früh am Morgen?

Grinsend hob Suko den Hörer ab. »Hier spricht der technische Assistent des Anschlusses von Oberinspektor John Sinclair. Wenn Sie von allen guten Geistern verlassen sind, drücken Sie bitte die 1. Sollten Sie einer Heimsuchung anheimgefallen sein, drücken Sie bitte die 2. Für alles andere drücken Sie bitte die 3.«

Suko wartete ab und musste sich das Lachen verbeißen, als er hörte, dass am anderen Ende tatsächlich eine Eingabe erfolgte.

»Verdammt, Suko!«, tönte es aus dem Apparat. »Jetzt hättest du mich fast drangekriegt!«

»Ich habe dich drangekriegt, lieber Bill. Du hast die 3 gedrückt!«

»Habe ich nicht!«, behauptete der Journalist.

»Hast du wohl!« Suko machte eine Pause und wurde ernst. »Was kann ich für dich tun, Bill?

»Ich kann John nicht erreichen.«

»Schlechtes Timing. John ist im Einsatz. Wir sind vom Innenministerium angefordert worden. Ist es dringend?«

»Ja, Suko, glaube mir, es ist dringend.«

»Okay, Bill, dann erzähl!«

»Also, es geht um einen weitläufigen Bekannten von mir, ebenfalls Journalist. Oder besser gesagt, der Typ wäre gern der neue Julian Assange, hat bisher aber nur Yellow Press hingekriegt. Seit Monaten liegt der mir in den Ohren, er sei an einer ganz großen Sache dran. Mafia und Verschwörungen auf höchster Staatsebene. Eine echte Plage, kann ich dir sagen.«

»Komm bitte zum Punkt, Bill.«

»Entschuldige, Suko«, sagte Bill etwas irritiert von dem ernsten Tonfall des Inspektors. »Jedenfalls bin ich zuerst nicht auf seine Mails eingegangen. Heute Morgen, oder besser gesagt heute Nacht, klingelt er mich aus dem Bett und beschwört mich, er habe Material, das nicht nur für mich, sondern auch für meine Freunde vom Yard interessant sein dürfte.«

»Was hat er dir denn genau geschickt?«, fragte Suko und versuchte gar nicht erst, seine Anspannung zu verbergen.

»Es ist ein Video. Ein Zombie-Video. Ich dachte zuerst, es ist Snuff, aber dann kam mir alles irgendwie zu echt