John Sinclair 2479 - Ian Rolf Hill - E-Book

John Sinclair 2479 E-Book

Ian Rolf Hill

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Beschreibung

Das Ende der Welt - die Götterdämmerung - und John Sinclair tritt gegen die Totengöttin Hel zum entscheidenden Kampf an! Asgard ist gefallen, und sogar Odin existiert nicht mehr! In seiner Verzweiflung ruft Zeus all die verbliebenen Gottheiten anderer Religionen zusammen! Der Krieg der Götter möge ruhen, und die Unsterblichen sollen sich gemeinsam der Bedrohung durch Hel stellen! Doch Pandora sieht dadurch ihre eigenen Ziele gefährdet! Während die Midgardschlange aus den Tiefen der Nordsee steigt und Tod über die Menschheit bringt, stemmt sich der Geisterjäger John Sinclair verbissen gegen den endgültigen Untergang. Und er kämpft nicht allein. Alte Freunde und Feinde versammeln sich auf der Seite des Lichts. Hel aber, die Herrin des Todes, hält den letzten Trumpf in Händen - und ihr Plan könnte das Licht für immer erlöschen lassen!

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Das Ende der Götter

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Das Ende der Götter

(Teil 4 von 4)

von Ian Rolf Hill

»Da ist etwas im Wasser!«

Gunnar Jakobsen, stellvertretender Betriebsleiter der Ölbohrplattform Leif Eriksson, grunzte abfällig. »Würde mich wundern, wenn nicht. Sieh dich doch um. Überall Eis. Als würden wir in 'nem Glas Whisky dümpeln!«

Spätestens jetzt erwartete Jakobsen eine Bemerkung darüber, dass nur Banausen ihren Whisky mit Eis panschten. Doch sein Bohrmeister Finlay Smith sagte, ohne das Fernglas, durch das er hinaus auf die raue See starrte, zu senken: »Das ist kein Eis! Es ist dunkler und ...«

»Dann eben ein Fischkutter, der vom Kurs abgekommen ist.«

»Ich sagte im, nicht auf dem Wasser!«

»Ein Wal?«

»Wenn, dann muss er riesig sein. Selbst für einen ...«

Finlay Smith senkte ruckartig das Fernglas. Sein Vorgesetzter erschrak bei dem Anblick des fünfunddreißigjährigen Bohrmeisters. Er war weiß wie ein Laken geworden.

»Ich ... ich weiß, du wirst mich für verrückt erklären. Aber ... aber ... es sieht aus wie eine riesige Seeschlange!«

»Hör auf mit den Scherzen!«, knurrte Jakobsen. »Schlimm genug, dass wir auf diesem Ding hier festsitzen, während der Rest der Welt zu Hause vor dem Kamin hockt und Weihnachtslieder trällert!«

Ein Tag. Nur einen gottverfluchten Tag später, und er wäre mit dem Rest der Crew von Bord gegangen, um mit seiner Familie in der Nähe von Oslo Weihnachten und Silvester zu feiern.

Doch der Schneesturm hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Das kam davon, wenn man der Boss einer schwimmenden Ölbohrplattform war. Der Rest der Mannschaft war schon vor einer Woche abgezogen, jetzt befand sich nur noch die Rumpfcrew an Bord, die eigentlich vor drei Tagen hätte abgelöst werden sollen.

Doch daraus war nichts geworden.

Was Gunnar Jakobsen jedoch am meisten ärgerte, war, dass niemand sie vor diesem Unwetter gewarnt hatte. Klimawandel und Wetterextreme hin oder her, aber dass sich ein Schneesturm quasi aus dem Nichts heraus bildete, konnte ihm keiner erzählen.

Da glaubte er schon eher an Seeschlangen. Oder an russische U-Boote.

So ein Ding war vor zwei Jahren angeblich vor der schottischen Küste gesichtet worden. Die Gerüchteküche hatte gebrodelt. Angeblich hatte es sich um Abtrünnige, sogenannte Dissidenten, gehandelt. Für Gunnar Jakobsen waren das nichts weiter als Fakenews, die irgendwelche Spinner im Netz verbreiteten.*

Und Seeschlangen? Mein Gott, wahrscheinlich tatsächlich nur eine Gruppe Wale, die zwischen den Eisschollen herumtollten. Als Mann des Meeres, dessen Vater und Großväter alle auf Schiffen der norwegischen Walfangflotte gedient hatten, war er mit dem Seemannsgarn, das die alten Männer so gerne spannen, bestens vertraut.

»Das ist kein Scherz! Sieh selbst!« Finlay reichte seinem Vorgesetzten das Fernglas.

Noch vor zwei Tagen hätte Gunnar Jakobsen nicht mal den Rand der Leif Eriksson erspähen können, benannt nach dem gleichnamigen Wikinger, so heftig war der Sturm gewesen. Angst, dass die Offshore-Plattform sinken könnte, hatte er jedoch nicht gehabt. Die dynamischen Positionierungssysteme sorgten für exzellente Schwimmeigenschaften.

Nur an Arbeit war bei diesem Wetter nicht zu denken gewesen.

Zwei Nächte und einen Tag hatte der Sturm gewütet, dann war schlagartig Ruhe gewesen. Gunnar Jakobsen hatte sofort das Festland kontaktiert, doch die Verantwortlichen hatten ihn vertröstet. Abgesehen davon, dass der Sturm dort mit einem Tag Verzögerung eingetroffen war, hatte er so viel Schaden angerichtet, dass die Besatzung der Leif Eriksson frühestens in vier Tagen abgeholt werden konnte, also erst nach Weihnachten. Mit etwas Glück würden sie aber zumindest noch Silvester zusammen mit ihren Liebsten feiern können.

Gunnar Jakobsen seufzte, während er an dem Rädchen für die Schärfeeinstellung des Feldstechers drehte. Im Westen stand die Sonne so tief über dem Horizont, dass sich ihr Licht auf den Eisschollen brach, als handele es sich um Spiegelscherben.

Jakobsen musste den Blick abwenden. Er blinzelte und massierte sich die Augen mit den Fingerspitzen der linken Hand.

Wann hatten sie das letzte Mal Eisschollen in der Nordsee gehabt?

Als sich seine Augen wieder einigermaßen beruhigt hatten, spähte er erneut auf das Eis hinaus.

»Kann nichts erkennen«, knurrte er.

Finlay Smith riss ihm das Fernglas aus den Händen und schaute selbst hindurch. »Jetzt ist es weg!«

»Was du nicht sagst.«

Der Bohrmeister ließ den Feldstecher sinken und schaute seinen Vorgesetzten entgeistert an. »Gunnar, ich schwöre dir, da war etwas!«

Jakobsen winkte ab. »Hättest gestern vielleicht nicht so viel saufen sollen, dann würdest du jetzt keine Riesenseeschlangen sehen.« Er schüttelte den Kopf und verließ die Zentrale, um nach den anderen zu schauen. »Riesenseeschlangen, meine Fresse! Was kommt als Nächstes? Ein Monsterkrake?«

»Ich hab was gesehen!«, hörte er Finlay Smith hinter sich grummeln. »Ich schwöre, ich habe etwas gesehen!«

Kara schlug die Augen auf und blinzelte, als sie die weiß getünchte Decke eines winzigen Zimmers erblickte. Gleißendes Licht flutete durch ein großes Fenster. Und sie spürte einen festen Griff, der sich, begleitet von einem sonoren Brummen, um ihren linken Oberarm schloss. Er drückte so fest zu, als wollte er ihr den Arm brechen.

Kara wollte den Übeltäter ansehen und wandte leicht den Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf einen durchsichtigen Schlauch, der aus einem Verband an ihrer rechten Ellenbeuge zu einem transparenten Plastikbeutel führte. Der wiederum hing an einem Infusionsständer.

Was hatte das zu bedeuten? Wo war sie hier?

Dort, wo sie die Person vermutete, die ihren linken Oberarm quetschte, stand niemand.

Kara richtete sich auf. Zumindest versuchte sie es, doch ihre Glieder waren schwer wie Blei, ihr wurde schwindelig, und Übelkeit schoss in ihr hoch. Erschöpft sank sie in die Kissen zurück und schloss die Augen.

Erst einmal tief durchatmen.

Die Tür öffnete sich, energische Schritte näherten sich ihrem Bett. Kara hob die Lider und sah eine Frau in einem mintgrünen Kasack.

»Oh, Sie sind wach!«

»Wo ... wo bin ich?«

»Sie sind im St. Marys Hospital! Mein Name ist Brown, ich bin Pflegerin, und ...«

»Ein Krankenhaus?«, rief Kara. »Wie ... wie komme ich hierher? Wo ... wo ist Myxin?«

»Wer?«

»Mein ... mein Partner. Er ist ...«

... ungefähr einen Kopf kleiner als ich und hat grüne Haut.

Letzteres sprach Kara nicht aus. Die Pflegerin hätte ihr wohl kaum geglaubt, dass ihr Lebensgefährte ein ehemaliger Magierdämon war und wie sie vom untergegangenen Kontinent Atlantis stammte.

Die Krankenschwester legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ich gebe Dr. Peterson Bescheid.«

Sie wandte sich ab und traf Anstalten, das Zimmer zu verlassen, blieb dann aber noch einmal stehen.

»Ach, und frohe Weihnachten!«

Ihr Lächeln fiel reichlich gequält aus.

Stumm wartete Kara, bis die Schwester verschwunden war, dann versuchte sie erneut, aufzustehen. Diesmal klappte es besser, nur der Schlauch, der unter dem Verband an ihrer rechten Ellenbeuge verschwand, behinderte ihre Bewegungsfreiheit ein wenig.

Sie schwang die nackten Beine aus dem Bett. Verblüfft stellte sie fest, dass sie ein weißes Hemd mit schwarzen Pünktchen trug, das nur im Nacken verknotet war und hinten offen stand.

Ja, solche Hemden zog man den Patienten in Krankenhäusern an, kurz bevor sie operiert wurden. Oder danach.

Kara kam nicht mehr dazu, nachzuprüfen, ob auch sie operiert worden war – Schmerzen verspürte sie jedenfalls keine –, denn als ihr Blick aus dem Fenster fiel, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus.

London lag begraben unter einer dichten Schneedecke!

Und dann kehrte die Erinnerung zurück. An die flaming stones und den Schnee, der auf die Lichtung gefallen war, obwohl im unmittelbaren Umfeld der magischen Steine doch eigentlich ewiger Frühling herrschen sollte.

Sie hatte versucht, die Magie der Flammenden Steine mit dem Goldenen Schwert zu beschwören, einem Erbstück ihres Vaters Delios. Danach setzte die Erinnerung aus.

Was war passiert?

Die Ghouls stürmten zu Hunderten auf uns zu.

Ich riss die Beretta hoch und feuerte. Groß zu zielen brauchte ich nicht, es waren so viele, dass ich gar nicht danebenschießen konnte.

Obwohl ich nur fünf Mal abdrückte, gingen mindestens ein Dutzend Leichenfresser zu Boden, doch es waren ja noch mehr als genügend von ihnen übrig.

Sleipnir, Odins achtbeiniges Riesenpferd, keilte aus, und sechs Leichenfresser wurden über die Menge hinweggeschleudert und klatschten gegen die Mauer.

Zu vernichten waren sie auf diese Weise nicht, das wusste ich. Der Schleim, aus dem diese scheußlichen Dämonen bestanden, rann an dem glatten, fugenlosen Mauerwerk herab, um sich wieder mit der Masse zu vereinen.

Auch Morgana, die Werwölfin, schlug nach den Ghouls und zerfetzte sie regelrecht mit ihren Pranken, ohne allerdings ihre Reihen dadurch spürbar zu lichten.

Hätte sie noch die Macht des Götterwolfes Fenris besessen, sie hätte die ganze Armee im Alleingang besiegen können. Doch die Kraft des Götterwolfes war ihr genommen worden, denn Fenris war aus dem Land der Mythen und Legenden zurückgekehrt. Seiner Schwester Hel und ihrem Vater Loki war es nämlich gelungen, Ragnarök, die Götterdämmerung, einzuläuten.

Hel hatte die Wilde Jagd entfesselt, eine Schar riesenhafter Reiter, die, angeführt von einer monströsen Eule, über das Lager der Berserker hinweggefegt war und Morgana mit sich gerissen hatte, als diese zusammen mit ihren Freunden und Verbündeten das Julfest zur Wintersonnenwende hatte feiern wollen.

Währenddessen waren die britischen Inseln, einschließlich der flaming stones in Mittelengland, im Schnee versunken. Und nicht nur das, die magischen Steinsäulen aus dem alten Atlantis hatten anscheinend auch ihre magischen Kräfte verloren.

Bei dem Versuch, sie anzuzapfen, wäre Kara, die Schöne aus dem Totenreich, beinahe gestorben. Myxin war es gerade noch gelungen, sich mit ihr nach London zu teleportieren, wo in der Zwischenzeit das Chaos ausgebrochen war.

Die Menschen waren sich wegen kleinster Meinungsverschiedenheiten gegenseitig an die Gurgel gegangen. Wir hatten es gerade noch geschafft, Kara ins Krankenhaus zu bringen, ehe Myxin und ich zurück zu den Flammenden Steinen gereist waren, um dem Ursprung des Schneechaos, das Menschen in aggressive Schläger verwandelte, auf den Grund zu gehen.

In gewisser Weise war uns das auch gelungen, denn die Magie der Steine hatte uns hierher, nach Asgard, der Heimat der Asen, gebracht.

Doch die nordischen Götter waren verschwunden, dafür hatte es in Odins Thronsaal vor Ghouls nur so gewimmelt. Ghouls, die uns jetzt zu überschwemmen drohten.

Sie drangen aus allen Richtungen auf uns ein.

»Wir müssen hier weg!«, schrie Myxin, der mit meinem silbernen Nagel herumfuchtelte.

Als Magier war er es nicht gewohnt, mit herkömmlichen Waffen zu kämpfen. Aber nicht nur Morgana, auch er hatte seine Kräfte verloren. Und mein geweihtes Silberkreuz war ebenfalls magisch tot.

Trotz des Risikos für Morgana hatte ich versucht, es zu aktivieren. Vergeblich.

Myxin hatte zweifellos recht, doch wie sollte es uns gelingen, aus dem immer dichter werdenden Ring aus Leichenfressern auszubrechen? Sobald wir eine Bresche hineinschlugen, schlossen sich die Reihen sofort wieder.

Ich opferte fünf weitere Silberkugeln!

Es war die reinste Munitionsverschwendung und verlängerte unser Leben höchstens um ein paar Sekunden, und das auch nur, weil keiner der Leichenfresser als Erster dran glauben wollte.

Spätestens dann, wenn das Magazin leer war, würden sie uns kriegen.

Zumal einige von ihnen bewaffnet waren.

»John!«, brüllte Myxin.

Ich wirbelte herum und hörte Morgana vor Schmerzen aufheulen. Die Werwölfin hatte den Speer, der eigentlich für mich gedacht war, mit ihrem Körper abgefangen. Die Waffe war mit solcher Wucht geschleudert worden, dass sie ihren Leib glatt durchschlagen hatte.

Sie fiel mir entgegen, ich fing sie auf, hob die Beretta und feuerte über Morgana hinweg.

Die Silberkugel stoppte einen weiteren Ghoul, der mit einer Lanze auf uns eindrang.

Noch vier Kugeln, dann war es aus!

Ein schrilles Wiehern hallte von den turmhohen Mauern des Innenhofs wider.

Sleipnir!

Es schien so, als hätte Odins Hengst die Worte des Magiers verstanden, denn er sank auf die vorderen vier Knie, wobei er den mächtigen Schädel von einer Seite zur anderen warf und die Leichenfresser zur Seite schleuderte.

Myxin kraxelte von der anderen Seite auf den Pferderücken.

Ich zerrte Morgana auf die Beine. »Schaffst du's?«

Die Werwölfin knurrte nur, dann zerrte sie sich den Speer aus der Brust und schleuderte ihn in die Masse der Ghouls. Ich deckte unseren Rückzug und verfeuerte drei weitere Kugeln.

Dann warf ich mich herum. Morgana packte meine Hand, zerrte mich hinter sich auf den Rücken des Pferdes, das die Größe eines ausgewachsenen Elefantenbullen hatte.

Kaum saß ich auf, da stemmte sich Sleipnir wieder in die Höhe und preschte auf die Phalanx der Leichenfresser zu, die mit diesem Angriff anscheinend nicht gerechnet hatten.

Ghouls sind Aasfresser, keine Jäger und erst recht keine Krieger. Im Grunde ihrer schwarzen Seelen sind sie, wie viele andere Dämonen auch, Feiglinge.

Sie wichen zurück.

Und wir hoben ab!

Mit einem gewaltigen Satz sprang Sleipnir über die Ghouls hinweg und preschte durch den haushohen Rundbogengang, der aus der Burg ins Freie führte.

In Sicherheit waren wir allerdings noch lange nicht, denn die Ghouls hatten ihre Überraschung verdaut. Heulend nahmen sie die Verfolgung auf.

»Hast du es wirklich nötig, ein Kind mit dem Messer zu bedrohen? Ich bin ja nicht einmal bewaffnet.« Lykke, die Schamanin der Berserker, breitete die Arme aus.

Hel kniete hinter dem Hermaphroditen, einem knapp vierjährigen Kind, das Lykaons Tochter Denise Curtis mit einer gestaltwandelnden Dämonin gezeugt hatte, und hielt ihm die Klinge ihres Messers Sultr an die Kehle. Dasselbe Messer, mit dem sie das Kind einst entbunden hatte.

Nach Lykkes Worten jedoch richtete sie sich auf und steckte die Waffe in die Scheide an ihrem Gürtel, neben ihrem Umhang das einzige Kleidungsstück, das sie trug.

»Da hast du auch wieder recht!« Mit ihrer schwarz verfaulten Hand tätschelte sie die goldenen Locken des zweigeschlechtlichen Kindes, das eine viel zu große braune Lederjacke trug. »Ist das Sinclairs Jacke?«

»Sieht fast so aus, nicht wahr?«, grummelte Lykke.

»Wo hast du sie her?«

»Unterwegs gefunden«, erwiderte die Schamanin lakonisch.

Hel warf dem hinter ihr wartenden Fenris einen genervten Blick zu. Dann ließ sie den Jungen stehen und schritt an Lykke vorbei auf den Thron zu. Die goldene Klinge des Schwerts wippte dabei leicht auf und ab.

»Wo wir schon einmal dabei sind«, sagte sie, während sie sich schwungvoll umdrehte und auf dem Thron von Asgard Platz nahm, um dann lässig die Beine übereinanderzuschlagen. »Wie kommst du überhaupt hierher?«

»Ich bin über die Weltenesche Yggdrasil geklettert.«

»Da hast du aber Glück gehabt, dass dich mein Drache nicht erwischt hat. Nidhogg ist gerade ziemlich hungrig. Ich glaube, er steht kurz vor der Häutung.«

»Fast hätte er uns erwischt«, entgegnete Lykke. »Zum Glück sind nicht alle Kreaturen in deinem Umfeld von Bosheit zerfressen.«

»War das ein Kompliment oder eine Beleidigung?«

Lykke hob die Schultern. »Das kannst du halten, wie du willst. Eine Eule hat uns hergebracht. Die Jacke war an einer ihrer Klauen festgebunden.«

»Tatsächlich?«, fragte Hel gelangweilt.

»Mehr hast du nicht dazu zu sagen?« Lykke trat einen Schritt auf die Totengöttin zu.

Das Wispern in den Schatten, das sie hierher in den Thronsaal gelockt hatte, lenkte sie ab. Die Schamanin warf Fenris einen misstrauischen Blick zu, doch der Götterwolf war an der Tür stehen geblieben und beschnupperte das Kind, das keine Furcht vor ihm zeigte.

»Wo sind Morgana Layton und John Sinclair?«

»Keine Ahnung«, sagte Hel und tat gelangweilt.

Aber so leicht kam sie Lykke nicht davon. »Sie waren hier, nicht wahr?«

»Kann sein.«

»Was hast du mit ihnen gemacht?« Lykke deutete auf die beiden Leichen. Eine von ihnen hatte keinen Kopf mehr, der Schädel der anderen war bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert. »Was hast du getan?«

Hel sah sie an. »Was ich getan habe?« Sie blies die Wangen auf, und Maden quollen aus der linken, verwesten Gesichtshälfte. »Puh, eine ganze Menge. Willst du wirklich, dass ich das alles aufzähle?«

»Du hast den Fimbulwinter ausgelöst und Ragnarök eingeläutet! Du hast die Götter in den Wahnsinn getrieben und die Nornen umgebracht! Und du hast ...«

»Ah!«, machte Hel und hob den Finger ihrer rechten makellosen, schneeweißen Hand. Das Schwert mit der goldenen Klinge lehnte neben ihr am Thron. »Ich habe eine Norne umgebracht.« Sie schloss die Faust und spreizte den Daumen ab. »Die anderen beiden hat Xorron getötet.«

»Xorron ...?«, murmelte Lykke.

Der Schamanin der Berserker fiel es wie Schuppen von den Augen. Urd und Werdandi waren zu Zombies mutiert, die von ihr erlöst worden waren.

Und Xorron war der Herr der Untoten und Ghouls.

Unwillkürlich schaute sich Lykke um. Sie wusste, dass sich Xorron vor einiger Zeit mit Hel angelegt hatte, weil er ihr Totenreich für seine Leichenfresser hatte erobern wollen. Doch das war vorbei. Von John Sinclair hatte sie erfahren, dass Xorron und Hel nicht nur Burgfrieden geschlossen hatten, sie waren sogar Verbündete.

»Wo ist er?«

Hel hob die Schultern. »Tja, wenn ich das nur wüsste.«

Xorron, der Herr der Zombies und Ghouls, wühlte sich aus dem Schnee, was selbst für ihn nicht so einfach war, denn immer dann, wenn er sich abstützen wollte, sanken seine Hände ein.

Schließlich gelang es ihm, sich aus dem Schneehügel zu befreien, indem er sich herumwälzte und auf vieren herauskroch.

Er knurrte vor Wut und Enttäuschung, als er den Rücklichtern des davonfahrenden Schneepflugs hinterherblickte, die soeben von den herumwirbelnden Schneeschleiern verschluckt wurden.

Xorron wusste, dass es zwecklos war, die Verfolgung aufzunehmen. Selbst er hätte das Fahrzeug, mit dem seine Feinde – oder besser gesagt, seine Opfer – die Flucht ergriffen hatten, niemals eingeholt.

Aber vielleicht brauchte er das auch gar nicht.

Er wusste ja, wo sie wohnten. Er musste nur dorthin zurückkehren und auf sie warten. Früher oder später würden sie wiederkommen.

Und möglicherweise brachten sie sogar Sinclair mit. Oder wenigstens Suko.

Bei diesem Gedanken verzog sich Xorrons lippenloses Maul zu einem Grinsen. Sollten sie ruhig. Je mehr von ihnen kamen, desto besser. Er brauchte sie nicht zu fürchten. Weder sie noch ihre Waffen, die ihm nicht das Geringste anhaben konnten.

Er wandte den kahlen Schädel und schaute sich um.

Sein Blick fiel auf das Anwesen hinter ihm, leicht erhöht auf einem künstlich angeschütteten Hügel. Es war nicht der Bungalow der Conollys, der lag zwei Straßen entfernt.

Aber auch hier lebten Menschen. Er konnte ihre Bewegungen hinter den Scheiben ausmachen.

Sie beobachteten ihn. Wahrscheinlich versuchten sie herauszufinden, wer oder was er war.

Xorron setzte sich in Bewegung, stapfte durch den Vorgarten und umrundete das Haus. Dabei warf er immer wieder Blicke durch die Fenster, bis er eine große, bis zum Boden reichende Scheibe erreichte, hinter der ein Baum mit leuchtenden Lichtern stand.

Xorron hob nicht mal die Arme, sondern schritt einfach durch das Glas hindurch, das mit lauten Splittern aus dem Rahmen flog.

Ein kleiner Hund lief kläffend auf ihn zu.

Xorron blieb stehen und senkte den Kopf.

»Fippsi!«, schrie ein Mädchen. Es trug einen Schlafanzug und lief auf nackten Füßen zu ihrem Hund, ging neben ihm auf die Knie und drückte ihn ängstlich an die Brust.

»Phoebe!«, rief eine ältere Frau.

Als sie Xorron erblickte, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Hinter ihr tauchte ein Mann mit ängstlich verzerrtem Gesicht auf, in den Fäusten einen Knüppel mit verdicktem Ende.

»Verschwinden Sie! Bleiben Sie von meiner Familie weg!«

»Bist du das Christkind?«, fragte das Mädchen zu seinen Füßen.

»Ich bin Xorron«, erwiderte der Herr der Ghouls und Zombies emotionslos.

Dann stampfte er über das Mädchen und seinen Hund hinweg auf das kreischende Ehepaar zu.

Die Götter hatten sich versammelt.

Sie standen auf der Lichtung zwischen den Flammenden Steinen, die, wie der Rest des Landes, über Nacht unter einer dicken Schneedecke verschwunden waren.

Zeus, der Göttervater der griechischen Mythologie, Sohn der Stummen Götter von Atlantis, hatte sie gerufen, und sie waren seinem Ruf gefolgt.

Susanoo, der japanische Gott der Meere und der Stürme.

Vishnu, der Vierarmige, höchster Gott der indischen Mythologie, war auf seinem Adler Garuda gekommen.

Morrigan, keltische Göttin des Krieges und des Blutvergießens, war in Gestalt eines riesigen Rabens erschienen.