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Dieser Fall begann mit einem Brief, den ich aus Rumänien erhielt:
Sehr geehrter Mr Sinclair,
mein Name ist Bernadette, und ich lebe als Nonne im Kloster Snagov. Doch ich diene dem Allmächtigen auch als Wächterin eines düsteren Geheimnisses, das eng mit Dracula und seinen Nachkommen verknüpft ist. Wir kennen uns nicht, und ich hätte Sie wahrscheinlich auch nicht kontaktiert, wenn ein guter Freund von mir noch unter den Lebenden weilen würde. Sie kannten ihn gut, Mr Sinclair, denn er war auch Ihr Freund. Frantisek Marek, der Pfähler! Bitte kommen Sie unverzüglich zu mir nach Snagov. Stehen Sie mir bei. Draculas Vermächtnis darf nicht in falsche Hände fallen.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Das Werwolf-Kloster
Grüße aus der Gruft
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Ian Rolf Hill
»Verflixt, es ist abgeschlossen«, flüsterte die Frau mit den schwarzen Locken.
»Natürlich ist sie abgeschlossen«, zischte die gertenschlanke Blondine. »Warum sollte sie denn offen sein?«
»Das ist eine Kirche«, entgegnete ihre Begleiterin verschnupft. »Ich dachte immer, das Haus Gottes steht seinen Dienern Tag und Nacht offen.«
Die Blonde gluckste. »Warst du überhaupt schon mal in einer Kirche?«
Die Schwarzhaarige nickte. »Als Teenager jede Woche. Zum Beichten.«
»Meine Fresse, selbst das klingt aus deinem Mund unanständig.«
»Vermutlich, weil es das war.« Die Schwarzhaarige zuckte mit den Achseln. »Du willst gar nicht wissen, was ich alles im Beichtstuhl getrie...«
»Wollt ihr hier rumstehen und quatschen?«, fauchte die dritte im Bunde. Sie trug einen weiten Mantel, dessen Saum über den Boden schleifte. »Oder gehen wir jetzt da rein?«
»Schon gut«, sagte die Schwarzhaarige. »Reg dich ab. Warum bist du so nervös?«
»Ich will nur nicht die ganze Nacht hier verbringen. Es ...«
Der Rest ihrer Worte ging in einem lauten Heulen unter.
Das Gesicht der Blonden wurde kreideweiß. »W-w-was war das?«
»Wenn du mich fragst, klang das ganz nach einem Werwolf!«
»Ein Werwolf?«, quiekte die Blonde und starrte die junge Frau im Mantel an. »Von einem Werwolf hast du nichts gesagt.«
»Wahrscheinlich, weil ich es nicht wusste«, erwiderte ihre Freundin mürrisch. Auch ihr Haar war schwarz, allerdings war es im Gegensatz zu dem der Gelockten glatt und erheblich kürzer.
»Geht mal beiseite, ich kümmere mich um das Schloss.«
Die Blonde krallte ihre Finger in den Arm der Mantelträgerin. »Sollten wir nicht lieber ein anderes Mal wiederkommen? Zum Beispiel tagsüber?«
»Wenn Dutzende von Leuten hier herumlaufen? Bist du verrückt?«
»Und du bist sicher, dass es hier ist?«, fragte die Schwarzhaarige mit den Locken.
»Nein. Aber wo könnte man ein Vermächtnis besser verstecken als in einem uralten Grab in einer Kirche? Wie auch immer ...«
Wieder heulte die Bestie.
»Ah!«, rief die Blonde. »Er ... es kommt näher! Schnell! So beeil dich doch!«
»Ich mach, so schnell ich kann«, behauptete die Bemantelte, murmelte irgendetwas vor sich und stieß die Tür auf. »Voilà! Es ist offen. Bist du nun zufrieden?«
»Zufrieden bin ich erst, wenn wir hier wieder weg ...«
Die Bestie griff an. Sie hatte genug gehört. Um ehrlich zu sein, sie hatte nicht damit gerechnet, dass es den drei jungen Frauen gelingen würde, das Schloss so schnell zu knacken.
Und so preschte der Werwolf aus den Schatten der Klostermauern und jagte über den Innenhof auf die drei Einbrecherinnen zu. Seine Krallen wühlten den Boden auf, der Geifer flog von den Lefzen, der heiße Atem stob in dünnen Wolken aus den Nüstern.
Die Blonde schrie etwas, vermutlich den Namen der Mantelträgerin, den die Bestie allerdings wegen ihres eigenen Gebrülls nicht verstand. Sie hatte sich nicht länger zurückhalten können, doch ihre Opfer hatten sie ja ohnehin längst bemerkt, von daher spielte es keine Rolle.
Der Werwolf jagte auf das Trio zu, das wie angewurzelt stehen geblieben war.
Nein, nicht alle!
Es war ausgerechnet die Bemantelte, die einen Schritt auf sie zutrat.
Für einen Augenblick war die Bestie irritiert, zögerte, dann hatte sie ihre Überraschung überwunden und sprang.
Zu spät, denn die junge Frau in dem weiten Mantel, der ihre Gestalt wie eine Glocke umhüllte, streckte die Hand nach ihr aus, bewegte die Finger und schrie ihr irgendeinen Zauberspruch entgegen.
Der Werwolf stoppte mitten im Sprung, als wäre er gegen einen Baum geprallt. Doch er fiel nicht auf die Erde, er blieb in der Luft hängen!
Der pure Hass überwältigte die Bestie, die hilflos mit den Pranken herumfuchtelte.
Die Mantelträgerin aber bewegte schwungvoll den ausgestreckten Arm zur Seite.
Die Bestie spürte, wie unsichtbare Kräfte an ihr zerrten und sie mit sich rissen, als wäre sie ein Blatt im Wind. Meterweit segelte der Werwolf durch die Luft. Erst die Klostermauer beendete den unfreiwilligen Flug.
Der Aufprall erfolgte mit solcher Wucht, dass Knochen splitterten.
Der Bestie wurde schwarz vor Augen.
Als sie wieder zu sich kam und ihre Knochen sich wieder zusammengefügt hatten, schnellte sie auf die Beine und stürmte zurück zur Kirche, deren Tür noch immer offen stand.
Doch das Kirchenschiff war menschenleer, von den drei Frauen fehlte jede Spur!
Langsam trottete der Werwolf durch den Mittelgang, bewegte suchend den Schädel, hob witternd die Schnauze.
Ein eigentümlicher Geruch hing in der Luft.
Die Bestie knurrte.
Vor dem Altar blieb sie stehen. Er war unversehrt, ebenso wie die davor liegende Grabplatte. Offenbar hatten sie nicht gefunden, wonach sie gesucht hatten.
Doch sie würden wiederkommen, dessen war sich der Werwolf absolut sicher.
So leicht gaben Hexen nicht auf.
Sehr geehrter Mr Sinclair,
mein Name ist Bernadette, und ich lebe als Nonne im Kloster Snagov, in der gleichnamigen Gemeinde, zirka 40 Kilometer nördlich von Bukarest. Der Grund, aus dem ich Ihnen schreibe, ist simpel: Ich benötige Ihre Hilfe!
Ich diene dem Allmächtigen nämlich nicht nur als Nonne, sondern auch als Wächterin eines düsteren Geheimnisses, das eng mit Dracula und seinen Nachkommen verknüpft ist.
Wir kennen uns nicht, und ich kann daher verstehen, wenn Sie skeptisch sind. Ich hätte Sie wahrscheinlich auch nicht kontaktiert, wenn ein guter Freund von mir noch unter den Lebenden weilen würde. Sie kannten ihn gut, Mr Sinclair, denn er war auch Ihr Freund.
Frantisek Marek, der Pfähler!
Bitte kommen Sie unverzüglich zu mir nach Snagov. Stehen Sie mir bei. Draculas Vermächtnis darf nicht in falsche Hände fallen.
Bernadette
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass Sie gekommen sind!«
Die Erleichterung stand der Frau im Habit ins Gesicht geschrieben. Ihr Lächeln war aufrichtig, ihr Händedruck fest. Fester, als ich es von einer Nonne erwartet hätte.
»Und darf ich hinzufügen, dass es mir eine ganz besondere Ehre ist, Sie persönlich kennenlernen zu dürfen? Ich habe viel von Ihnen gehört, Mr Sinclair.«
Ich erwiderte das Lächeln der Nonne, auch wenn meines vielleicht ein wenig verkrampfter ausfiel. »Ich wünschte, ich könnte dasselbe von Ihnen behaupten.«
Bernadette schmunzelte. »Ja, der gute Frantisek konnte manchmal sehr verschlossen sein. Möglicherweise hielt er es auch nicht für wichtig. Wir hatten in den letzten Jahren vor seinem Ableben kaum noch Kontakt.«
»Darf ich fragen, seit wann Sie sich kannten?«
»Oh, das liegt schon eine Ewigkeit zurück. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Und in gewisser Weise stimmt das wohl auch ...«
Ihr Blick verlor sich in der Erinnerung. In ihren Augen glitzerte es verräterisch, ihre Mundwinkel zuckten. Dann hatte sie sich wieder im Griff.
»Nun, ganz so lange kann es ja noch nicht her sein«, erwiderte ich.
Sie hob die kaum erkennbaren Brauen. »Wie meinen Sie das?«
»Ich möchte Ihnen wirklich nicht zu nahe treten, aber Sie scheinen mir noch recht jung zu sein.«
»Das täuscht, Mr Sinclair. Ich bin älter, als ich aussehe. Viele Menschen mögen das Leben als Nonne oder Mönch in erster Linie als entbehrungsreich betrachten, doch in Wahrheit ist es überaus erfüllend und vor allem stressfrei. Im Prinzip brauchen Sie sich um nichts Sorgen zu machen.«
»Es sei denn, man wurde mit einer speziellen Aufgabe betraut.«
Ihr Blick verdüsterte sich. »Das kann ich wohl nicht abstreiten.«
»Darf ich erfahren, worum es eigentlich geht? In dem Brief, den Sie mir geschickt haben, erwähnten Sie Draculas Vermächtnis.«
Bernadette nickte und machte eine einladende Geste. »Vielleicht sollten wir drinnen weitersprechen, Mr Sinclair. Wir haben noch Zeit, bis die nächste Besuchergruppe eintrifft.«
Die Nonne führte mich durch einen breiten Gang in das Refektorium des Klosters, wo die Mönche oder Nonnen einst ihre Mahlzeiten eingenommen hatten.
Bernadette bot mir Platz an. »Möchten Sie etwas trinken, Mr Sinclair?«
»Gegen einen Kaffee hätte ich nichts einzuwenden.«
»Das lässt sich einrichten.«
Die Nonne lächelte und ging auf eine schmale, offen stehende Tür zu, die vermutlich in die Klosterküche führte. Aber noch bevor sie die Schwelle übertreten konnte, kam ihr ein Mann in Mönchskutte entgegen. Das Haar war schlohweiß, er ging leicht gebeugt und hielt ein Tablett in Händen, auf dem eine Warmhaltekanne und zwei Tassen standen.
Sogar eine Schale mit Gebäck stand daneben.
»Ah, wie ich sehe, hat der gute Isidor bereits für unser leibliches Wohl gesorgt. Hab Dank, Isidor!«
Der alte Mann, ich schätzte ihn auf Mitte bis Ende siebzig, nickte stumm, ehe er sich zurückzog.
Ich war ein wenig überrascht, gemischte Klöster waren selbst heute noch selten.
»Wie viele Menschen leben hier im Kloster?«
»Nur ich und der alte Isidor«, erwiderte Bernadette, während sie den Kaffee einschenkte. »Das Kloster untersteht zwar der Erzdiözese Bukarest, wird aber von der Gemeinde Snagov verwaltet.«
»Es handelt sich also nicht um ein offizielles Stift.«
»Nein, Isidor und ich haben zwar lebenslanges Wohnrecht, allerdings sehen wir uns eher als Verwalter.«
»Und Fremdenführer.«
»Sicher.« Bernadette reichte mir eine Tasse und nahm am Kopfende der Tafel Platz, sodass sie im rechten Winkel zu mir saß. »Snagov ist dank seiner Geschichte ein überaus beliebtes Ausflugsziel.«
»Das kann ich mir denken«, entgegnete ich.
»Ich gehe davon aus, Sie wissen, weshalb?«
»Natürlich. In der Klosterkirche befindet sich Draculas Grab. Zumindest lautet so die offizielle Version.«
»Soso«, entgegnete die Nonne, »die offizielle Version. Es gibt also auch eine inoffizielle?«
»So weit ich informiert bin, ist das Grab leer.«
»Zumindest befinden sich nicht die Gebeine Draculas darin«, bestätigte Bernadette kryptisch. »Nun ja, es ist kein Geheimnis, dass dieses Land reichlich Kapital aus seiner blutigen Vergangenheit zu schlagen versucht. Vor allem aus einem solch populären Vertreter wie Dracula.«
»Wem sagen Sie das?«, murmelte ich.
Unwillkürlich wanderten meine Gedanken in die jüngere Vergangenheit. Es lag nämlich noch gar nicht so lange zurück, dass es Suko und mich mal wieder nach Rumänien verschlagen hatte. Allerdings nicht nach Snagov, sondern in die Stadt Brașov, wo das sagenumwobene Schloss Bran stand, auf dem Dracula angeblich einst residiert haben sollte.
Es war kein Geheimnis, dass dies bloß eine Legende war.
Vlad III., wie Dracula in Wahrheit geheißen hatte, auch bekannt unter dem Namen Vlad Țepeș, ausgesprochen Zepesch, was ›der Pfähler‹ bedeutete, hatte zwar auch in Brașov seine Spuren hinterlassen, doch seine Burg lag noch weiter östlich, am Argeș, einem Nebenfluss der Donau.
Doch Bran war erheblich spektakulärer und ließ sich dementsprechend auch besser touristisch vermarkten, von der günstigeren Verkehrsanbindung ganz zu schweigen.
Trotzdem hatten wir dort einen mörderischen Kampf gegen einen Vampir namens Corvin Hades ausgefochten, einem ehemaligen Studenten, der auf der Jagd nach drei geheimnisvollen Artefakten gewesen war, die aus ihm einen Supervampir machen sollten, der sogar seiner Schöpferin Justine Cavallo das Wasser reichen konnte.*
Ja, Corvin Hades ging auf das Konto der blonden Bestie, der ich zuletzt in der Hexenwelt begegnet war, wo sie fast von der Werwölfin Morgana Layton vernichtet worden wäre, hätte Lilith, die Große Mutter, nicht im letzten Augenblick eingegriffen und Justine einmal mehr vor dem endgültigen Tod bewahrt.
Auch Corvin Hades weilte noch unter den Lebenden, wenn man bei einem Untoten denn von Leben sprechen konnte.
Beide Vampire lagen mir wie ein Stein im Magen, und ich befürchtete, dass einer von ihnen – vielleicht sogar beide – dafür verantwortlich war, dass ich jetzt hier war.
Leider war die Beweislage so vage, dass mein Chef, Superintendent Sir James Powell, auf Geheiß seiner Chefin, Commissioner Christina Dick, nur einen von uns nach Rumänien schicken durfte. Und da das Schreiben nun einmal an mich adressiert worden war, musste Suko mal wieder in London das Büro hüten.
Ganz ungelegen war meinem Partner das allerdings nicht gekommen, denn er war noch immer auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz für seinen BMW, der während der Raunächte von einem gigantischen Keiler geschrottet worden war.
Völlig ohne Rückendeckung war ich allerdings dennoch nicht nach Rumänien gereist.
Da ich der geheimnisvollen Bernadette aber zunächst allein auf den Zahn fühlen wollte, war ich ohne meine Begleitung zur Insel gegangen.
»Wie gesagt«, fuhr Schwester Bernadette fort, »habe ich durch Frantisek viel über Sie erfahren. Daher darf ich voraussetzen, dass Sie an das Übernatürliche, speziell an Vampire, glauben?«
»Ich glaube nicht nur an sie, ich weiß, dass es sie gibt.«
»Dann ist Ihnen auch bekannt, dass Dracula tatsächlich ein Vampir gewesen ist.«
»Ja, so wie viele andere aus seiner Sippe, darunter auch sein Neffe Kalurac.«
»Kalurac«, murmelte Bernadette und drehte ihre Tasse in den Händen. »Den Namen erwähnte Frantisek des Öfteren. Sie haben ihn vernichtet, nicht wahr?«
Die Frage bezog sich auf Kalurac, doch sie hätte genauso gut auch meinem Freund Marek gelten können, der nach Jahrzehnten des Kampfes gegen die Vampirbrut selbst Opfer eines Blutsaugers geworden war. Ausgerechnet mein ehemaliger Freund Will Mallmann, der sich als legitimer Nachfolger Draculas gesehen hatte, hatte Marek in einen Vampir verwandelt.*
Ich hatte den Pfähler erlöst, indem ich ihm den eigenen Pflock in das Herz rammte, so wie ich es auch bei Kalurac getan hatte.
Daher nickte ich. »Ja, ich habe Kalurac vernichtet. Zum zweiten Mal, um genau zu sein. Zum ersten Mal wurde er von Frantiseks Vorfahren getötet, so wie Dracula im Übrigen auch.«
»Und um ihn geht es!«, sagte Bernadette.
»Um Dracula?«, vergewisserte ich mich. »Ich meine, ihn persönlich?«
»Besser gesagt um seinen Geist.«
Ich trank einen Schluck von dem Kaffee, der den Vergleich mit dem meiner Assistentin Glenda Perkins natürlich nicht standhielt. »Können Sie eventuell ein wenig präziser werden?«
»Es ist ein heikles Thema.«
Ich spürte, wie sich Ärger in mir regte. »Hören Sie, Schwester ...«
»Bitte, nennen Sie mich Bernadette.«
»Hören Sie, Bernadette, Sie können sich denken, dass ich nicht zum Spaß hier bin. Wenn ich Ihnen helfen soll, dann müssen Sie schon ehrlich zu mir sein.«
Die Nonne schaute in ihre Kaffeetasse, als würde sie dort Antworten finden. Sie machte auf mich keinen glücklichen Eindruck. Vielmehr so, als laste eine schwere Bürde auf ihren Schultern. Schließlich nickte sie, als habe sie sich zu einem Entschluss durchgerungen.
Aber noch bevor sie weitersprechen konnte, erschien Isidor. Er sagte nichts, stattdessen legte er ihr die Hand auf den Arm und deutete auf die Tür.
Bernadette nickte und wandte sich mir zu. »Wir müssen unser Gespräch leider später fortsetzen, Mr Sinclair. Soeben sind die anderen Gäste eingetroffen.«
Sie erhob sich und verließ das Refektorium, gefolgt von Isidor.
Ich saß da wie ein begossener Pudel.
Aus meiner leichten Verärgerung wurde Wut. Das Gefühl, die Reise umsonst angetreten zu haben, verstärkte sich mit jeder verstreichenden Sekunde. Ich wurde den Eindruck nicht los, an der Nase herumgeführt zu werden. Nur der Grund dafür war mir leider nicht klar.
Was bezweckte Schwester Bernadette mit dieser Scharade? Oder war es eine Falle?
Mein Blick wanderte zu der Kaffeetasse. Sofort wurde mir warm, gleich darauf eiskalt. Eine Gänsehaut rieselte mir über den Rücken, der kalte Schweiß brach mir aus. Doch es lag nicht am Kaffee, sondern war schlicht und ergreifend eine physische Reaktion auf meine eigenen Ängste. Eine Art Placebo-Effekt, wenn Sie so wollen. Schließlich war ich schon häufiger durch Schlaf- und Beruhigungsmittel außer Gefecht gesetzt worden.
Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Dann öffnete ich die Lider und stand auf.
Es klappte besser als erwartet. Ein erleichtertes Seufzen entfleuchte meiner Kehle.
Trotzdem verzichtete ich auf einen weiteren Schluck, stattdessen folgte ich Bernadette und Isidor ins Freie, wo der alte Mann damit beschäftigt war, die Eintrittskarten der Besucher, die sie im Ort gekauft hatten, zu kontrollieren.
Bernadette wartete geduldig im Eingang des Klosters und beobachtete die Gruppe aus fünfzehn Personen, die – so wie ich im Übrigen auch – zu Fuß gekommen war.
Früher hatte man mit einem Boot übersetzen müssen, doch seit dem Jahr 2009 gab es eine Fußgängerbrücke, die die Insel mit dem Festland verband.
Im Frühling oder Sommer hätte ich den Spaziergang sicherlich genossen, doch jetzt, Ende Februar, war das Wetter trüb und nasskalt.
