John Sinclair - Folge 2016 - Ian Rolf Hill - E-Book

John Sinclair - Folge 2016 E-Book

Ian Rolf Hill

4,9
1,99 €

Beschreibung

Der Dämon wand sich im Todeskampf! Heulend und kreischend warf er sich von einer Seite zur anderen. Er war ein Gefallener, ein gestürzter Engel, dessen Gier und Machthunger selbst Luzifer zu gefährlich geworden waren. Verzweifelt und voller Hass suchte er nach einem Ausweg aus diesem Labyrinth, das in ständiger Bewegung zu sein schien. Es war der Gestalt gewordene Wahnsinn, der längst auch von ihm Besitz ergriffen hatte ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 168

Bewertungen
4,9 (18 Bewertungen)
16
2
0
0
0



Inhalt

Cover

Impressum

Wo die Hoffnung stirbt …

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Timo Wuerz

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-4350-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Wo die Hoffnung stirbt …

(3. Teil)

von Ian Rolf Hill

Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

(Matthäus, 10, 28)

Der Dämon wand sich im Todeskampf!

Heulend und kreischend warf er sich von einer Seite zur anderen. Er war ein Gefallener, ein gestürzter Engel, dessen Gier und Machthunger selbst Luzifer zu gefährlich geworden waren. Verzweifelt und voller Hass suchte er nach einem Ausweg aus diesem Labyrinth, das in ständiger Bewegung zu sein schien. Es war der Gestalt gewordene Wahnsinn, der längst auch von ihm Besitz ergriffen hatte.

Daher hielt er die Person, die plötzlich in einem der Gänge stand, im ersten Augenblick auch für eine Sinnestäuschung.

Der Dämon verharrte. »Wer bist du?«, zischte er.

Der große blonde Mann mit den blaugrauen Augen und dem hellen Haarschopf trat vor und verzog die Lippen zu einem geheimnisvollen Lächeln.

»Ich bin dein Schicksal, Abraxas!«

Ich schrie!

Ich schrie wie noch nie in meinem Leben.

Brüllte die Angst und den Schmerz heraus. Es fühlte sich an, als hätte man mir die Haut in Streifen vom Körper gezogen. Als wäre ich dieser grauenhafte Dämon mit den schlangenartigen Gliedern, dem gehörnten Vogelkopf und dem Leib eines Adonis.

Mein Körper stand in Flammen und ich war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich war weder in der Lage, meine Umgebung wahrzunehmen, noch meine Reise hierher zu rekapitulieren. Alles wurde von diesem ungeheuerlichen, irrsinnigen Schmerz überlagert.

Ich wollte mich zur Seite werfen, die Beine an den Körper ziehen und mich krümmen. Doch selbst diese lächerliche Gnade wurde mir verwehrt. Das Einzige, zu dem ich in der Lage war, war meinen Kopf von einer Seite auf die andere zu werfen, den Schädel gegen den harten Stein zu schlagen, auf dem ich lag.

Ich wünschte mir in diesen endlosen Sekunden nur eines: dass diese wahnsinnige Qual ein Ende fand. Und wenn dieser vollkommene Schmerz, der meinen gesamten Leib in Flammen setzte, schon nicht wich, so versuchte ich, punktuell einen größeren zu verursachen. Nur um wenigstens für den winzigen Bruchteil einer Sekunde Erlösung zu finden.

Aber selbst die größte Pein wird irgendwann ausgeblendet. Das menschliche Gehirn schaltet einfach ab, akzeptiert den Schmerz als Teil seines Wesens.

Ich schnappte nach Luft, hyperventilierte und schaffte es nur mühsam, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Mein Gesicht war klatschnass von den Tränen und dem kalten Schweiß, der mir aus sämtlichen Poren gequollen war. Ich wollte ihn fortwischen, doch ich konnte meine Arme nicht mehr bewegen.

Ich war gefesselt, konnte aber nichts von meiner Umgebung erkennen. Nichts, außer dieser vollkommenen Schwärze, die ich bislang nur bei einem Dämon erlebt hatte – dem Spuk.

Doch der war es nicht, der mich hierhergebracht hatte. Es war der Dämon in der Kutte, der mir und meinen Freunden das Leben in den letzten Monaten zur Hölle gemacht hatte. Zusätzlich zu den Problemen, die wir ohnehin schon hatten. Der geheimnisvolle Täufer, dem es gelungen war, seine Dunklen Eminenzen gegen mein silbernes Kreuz zu immunisieren.

Das Kreuz!

Ich stutzte und hielt den Atem an, fühlte nur noch den Herzschlag, der das Gefängnis aus Rippen und Fleisch zu sprengen drohte. Eine eiskalte Klammer hielt meinen Leib umschlungen, doch ich konzentrierte mich nur auf die eisige Kälte auf meinem entblößten Oberkörper, der ebenfalls in Schweiß gebadet war.

Ja, da ruhte es. Das silberne Kreuz. Und mit der Kraft der Verzweiflung schrie ich die Formel, die den Talisman aktivierte: »Terra pestem teneto – salus hic maneto!«

Doch das grelle, strahlend weiße Licht, das normalerweise aus dem Kreuz hervorbrach, blieb dieses Mal aus. Es geschah – nichts. Und in mir zerbrach etwas. Wie so oft, wenn das Kreuz seinen Dienst versagte, was in letzter Zeit mehrfach geschehen war. Doch selbst bei den immunisierten Eminenzen hatte es zumindest eine Reaktion gezeigt, auch wenn diese für mich äußerst schmerzhaft gewesen war. Ich lachte gallig. Schmerzhafter als diese Tortur konnte es wahrlich kaum noch werden.

Plötzlich erinnerte ich mich an das Letzte, was geschehen war, bevor ich im Schmerz erwacht war.

Der Wald, das Feuer, die Monster! Nadine Berger und Bill Conolly!

Kara, Myxin, der Eiserne Engel.

Die Dunklen Eminenzen und – die Stimme des Sehers.

Er hatte mir aufgetragen, die Namen der vier Erzengel zu rufen. Daraufhin war tatsächlich das Licht erschienen, das ich jetzt so schmerzlich vermisste. Was war geschehen?

Ich wusste es nicht, doch ich musste etwas tun. Irgendetwas. Also brüllte ich die Namen der vier Erzengel, die mir schon so oft zur Seite gestanden hatten und wie Schutzpatrone über mich wachten.

Aber auch jetzt blieb das Licht aus. Keine Reaktion, nichts. Ich schloss die Augen und ließ den Kopf auf den Stein zurücksinken. Tränen quollen unter meinen Lidern hervor. Selten in meinem Leben hatte ich mich so allein, so verlassen und schutzlos gefühlt wie jetzt.

Und dann kehrte der Schmerz zurück! Überrollte mich wie eine Woge aus heißem Öl. Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte mich aufgebäumt, gekrümmt. Stattdessen schlug ich den Schädel gegen den Stein, in der Hoffnung, das Bewusstsein zu verlieren.

Ich riss die Lider wieder auf und sah durch die Augen des gehäuteten Dämons auf die Gestalt, die aus den Schatten ins Licht trat. Mochte der Teufel wissen, woher es so plötzlich gekommen war.

Doch viel wichtiger war der blonde Mann!

Ich glaubte, den Verstand zu verlieren. Oder lag es an dem schmutzig grauen Licht, in dessen Schein das Gesicht des Neuankömmlings geriet?

Meine Sicht verschwamm. Die Perspektive wechselte.

Der Schmerz verging so rasch, wie er gekommen war.

Ich erblickte …

***

… den Leib des gehäuteten Dämons.

»Ich bin dein Schicksal, Abraxas!«, hörte ich mich sagen und wusste doch nicht, wer ich war.

Ich stand in einem Labyrinth aus nachtschwarzem Gestein, das sich wie die verrotteten Gefäße in die tiefe eines schwärenden Herzens wanden. Doch ihr Verlauf war für mich optisch nicht nachvollziehbar. Daher konzentrierte ich mich auf das blutige Bündel Fleisch, das einst ein Erzdämon namens Abraxas gewesen war, der zusammen mit Luzifer gegen den Schöpfer und seine Engel rebellierte.

Gemeinsam mit dem Lichtbringer, Gottes schönstem Engel, und seinen Getreuen war er gestürzt und in die Hölle geworfen worden. Doch damit hatte sich Abraxas nicht zufriedengegeben. Er wollte selbst die Macht, wollte selbst Herr der Hölle und alles Bösen werden, um sich am Ende aller Zeiten erneut aufzulehnen.

Doch Luzifer hatte sein falsches Spiel durchschaut. Schließlich war er selbst der Meister der Lüge. Und so hatte er ein Tribunal veranstaltet und seine sieben Erzdämonen um sich herum versammelt.

Lilith, Belial, Astaroth, Eurynome, Bael, Amducias und – Abraxas.

Luzifer hatte sie in ein Gespinst aus schwarzer Magie, aus purer Bosheit, gebannt und von ihrer Substanz gezehrt. Daraus errichtete er den Schwarzem Dom. Und ihre Schlechtigkeit war der Kitt, der das Gemäuer zusammenhielt. Dabei schaute er in das Innere eines jeden von ihnen, erkannte ihre wahren Absichten und entlarvte den Verräter.

Abraxas!

Die restlichen sechs wurden wieder befreit und waren dazu ausersehen, die Bestrafung vorzunehmen. Die endgültige Vernichtung wäre zu einfach, zu billig, gewesen. Nein, Abraxas sollte leiden. Hier im Schwarzen Dom eingekerkert bis in alle Ewigkeiten. Alleingelassen mit seiner Schmach und dem Schmerz. Seiner Haut, seiner Macht und seiner Identität beraubt.

Und so zogen und zerrten sie ihn aus seinem Kokon, zerschnitten seinen Leib und rissen ihm die Haut herunter. Sein Nachfolger aber stand schon bereit.

Mir wurde heiß und kalt zugleich, als ich ihn sah und erkannte.

Funkelnde, kalt leuchtende Augen in einem hassverzerrten Antlitz waren das Erste was ich durch die Augen des Dämons gesehen hatte. Die gleißende Schnur aus Feuer das Zweite.

Er war es! Er, dem ich am Anfang meiner Laufbahn begegnet war. Der mit dem Schwarzen Tod paktierte, mich in die Mikrowelt verbannt hatte und schließlich zwischen den Mühlsteinen uralter Magien zerrieben worden war.

Belphégor, der Hexer mit der Flammenpeitsche.

Und an dieser zog er den gefallenen Verräter in sein Gefängnis. Sein Lachen war das Letzte, was Abraxas von seinen ehemaligen Gefährten vernahm, bevor sich die Ewigkeit über ihn senkte.

Was blieb, waren der Hass, der Schmerz und der ewige Wunsch nach Rache.

Wie lange er schon im Schwarzen Dom vor sich hinvegetierte, vermochte er selbst nicht zu sagen. Dekaden? Jahrhunderte? Oder gar Jahrtausende? Genug Zeit jedenfalls, um dem Wahnsinn anheimzufallen.

Und jetzt stand ich wieder hier. Dieses Mal nicht im Leib des Dämons, sondern im Körper eines Mannes. Abraxas hob den gehörnten Schädel und blickte den Neuankömmling aus seinen trüben, milchig weißen Augen, die in dem von schwarzem Blut besudelten Leib förmlich leuchteten, von unten her an.

»Das ist unmöglich«, krächzte der Dämon, dessen Stimme knarzte wie brüchiges Leder.

»Und doch stehe ich hier vor dir«, erwiderte der Mann jovial. »Akzeptiere es. Vor allem aber sei klug und weise mich nicht ab. Denn ich vermag dir zu helfen.«

Obwohl der Dämon das Angebot verstanden haben musste, ging er nicht darauf ein. Zu groß war seine Überraschung, dass er hier, im Schwarzen Dom, in dem Gefängnis zwischen den Welten, gefunden worden war. Von einem Menschen!

Doch war dieser Mann wirklich nur ein gewöhnlicher Mensch?

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte Abraxas, und das Lächeln des Mannes verbreiterte sich zu einem maliziösen Grinsen.

»Oh, ich habe etwas gefunden, das dir gehörte.«

Mit diesen Worten hob er den rechten Arm, der bis eben noch locker an seinem Körper herabgehangen und im Schatten gelegen hatte. Ein Bündel Stoff hing in seinem Griff wie eine Lumpenpuppe, eine entseelte Larve oder – wie eine abgestreifte Haut.

Der Mann hob den Arm an und öffnete den Griff ein winziges Stück. Der Stoff entfaltete sich und fächerte glockenförmig auseinander.

Abraxas’ lidlose Augen glänzten, und auch ich starrte gebannt auf die Kutte des Täufers im Griff des geheimnisvollen Mannes.

***

Basil schloss die Augen und mit seinem Leben ab. Zumindest mit seiner menschlichen, irdischen Existenz. Nach dem Biss würde er nämlich wiedererwachen. Als Untoter mit dem unstillbaren Durst nach menschlichem Blut. Grauenhaft!

Und er, Basil, neuer Abt des Klosters St. Patrick, konnte nichts dagegen tun.

Sarah O’Donnell öffnete den Mund mit diesen abartigen Hauern. Sie hatte eine Hand in sein schlohweißes, schütteres Haar gekrallt und den Kopf des Mönchs nach hinten gezogen und zugleich zur Seite gedreht, damit sich die Haut am Hals straffte.

Auf Knien gebückt kauerte sie über ihrem Opfer und war einzig und allein auf den Blutbiss fixiert. Basil war unfähig, sich zu wehren. Er verdrehte die weit aufgerissenen Augen, um das bleiche Antlitz der Untoten zu erkennen.

Ein metallischer Geruch ging von der Vampirin aus. Wie altes Blut!

Vielleicht war es aber auch nur sein eigenes, das aus der gebrochenen Nase über seine Lippen geströmt war.

Basils Gedanken und Gefühle waren ausschließlich auf sich und seine Peinigerin fokussiert. Sein heftig klopfendes Herz überschlug sich in der Brust und brachte das Blut in seinen Ohren zum Rauschen. So hörte er das Brechen des Holzes und das Klirren des Glases wie durch Watte gefiltert. Er wusste nicht, was um ihn herum geschah.

Er bemerkte lediglich, dass die Witwe O’Donnell von ihm abließ, den Oberkörper aufrichtete und zur Haustür sah. Im nächsten Moment steckte ein langer, schwarzer Pfeil in ihrem Hals und stieß sie zurück. Sie krachte zu Boden, direkt neben Basil, der atemlos zum Eingang starrte. Seine Sicht verschwamm hinter einem Schleier aus Tränen, und er wähnte sich in einem Traum, als er die schwarz vermummte Gestalt erblickte, deren hautenges Kostüm sofort verriet, dass er es mit einer Frau zu tun hatte.

Mit tausendfach geübter Bewegung legte sie jetzt einen neuen Pfeil in die Rinne und spannte die Waffe. Der Abt glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er tatsächlich die Armbrust in den zierlichen Händen der Frau erkannte. Hinter der Schützin erschienen weitere Gestalten im offenen Durchgang. Rissen den zweiten Vampir von Bruder Anselm herunter, der sich immer noch nicht rührte.

Neben Basil bewegte sich Sarah O’Donnell wieder. Der Treffer mit dem Pfeil mochte sie zurückgeschleudert haben, doch vernichtet war sie noch lange nicht. Dazu bedurfte es schon eines Präzisionsschusses ins Herz der Bestie.

Stocksteif blieb Basil liegen und beobachtete, wie die in schwarzes Leder gekleidete Frau die Armbrust hob.

Sarah O’Donnell stieß ein Gurgeln aus. Vielleicht sollte es ein Schrei oder ein Fauchen sein, doch durch den Pfeil in ihrem Hals blieben ihr die Laute buchstäblich in selbigem stecken. Dann krachte ein Schuss, und Basil schrak zusammen. Wuchtig schlug der Armbrustbolzen in die Brust der Vampirin ein und beendete ihre unselige Existenz.

Wieder fiel Sarah O’Donnell rückwärts nieder, blieb dieses Mal aber reglos liegen. Basil drehte den Kopf, sah die Enden der Pfeile aus Brust und Hals ragen. Der erste Bolzen hatte den Körper glatt durchschlagen, und so drehte die Witwe dem Mönch ihr Gesicht zu. Es zeigte einen beinahe friedlichen Gesichtsausdruck. Die Vampirzähne schwanden, zogen sich wie von Geisterhand in den Oberkiefer zurück. Nur die offenen, glanzlosen Augen erinnerten Basil daran, dass hier trotz allem ein Mensch sein Leben verloren hatte.

Gleichzeitig wusste er, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hatte. Wäre sie nicht vernichtet worden, wäre er jetzt ebenfalls dazu verdammt, ein Blutsauger zu werden. Vermutlich hätte er dann schon selbst einen Armbrustpfeil im Herzen stecken gehabt. Bei diesem Gedanken fingen Basils Arme und Beine an, unkontrolliert zu zittern.

Ein Schatten fiel über ihn, während plötzlich grelles Licht den Raum flutete, als die Deckenbeleuchtung angeschaltet wurde. Und so konnte Basil die in Leder gekleidete Frau endlich klarer erkennen. Er hob den rechten Arm und wischte sich hastig die Tränen aus den Augen. Er zuckte zurück, als er den heftigen Schmerz spürte, der von seiner gebrochenen und mittlerweile geschwollenen Nase, sowie der vermutlich ebenfalls gebrochenen Hand ausging.

Der Schleier vor den Augen verschwand trotzdem und er sah eine zierliche, schlanke, nicht allzu große Frau mit lackschwarzen Haaren, die lang auf ihren Rücken fielen. Eine schwarze Halbmaske bedeckte ihr Gesicht, die sie jetzt mit der linken Hand abnahm. In der rechten hielt sie immer noch wie selbstverständlich die Armbrust.

Unter der Maske kamen die exotischen Züge einer aparten Asiatin zum Vorschein, die Basil beruhigend anlächelte. Sie legte Armbrust und Halbmaske auf den Esstisch und trat an den Abt heran. Auffordernd streckte sie ihm den Arm entgegen, um dem Mann auf die Beine zu helfen.

Schwer atmend und immer noch zitternd stützte er sich auf die Frau. Es war ihm mehr als unangenehm, doch die zierliche Asiatin war kräftiger, als sie aussah.

»Was … wer?«, stammelte er und das Lächeln seiner Retterin verbreiterte sich.

»Es ist in Ordnung, Bruder Basil. Es ist vorbei. Sie haben es geschafft. Mein Name ist Shao, und ich bin zusammen mit Sir James Powell hier, um die Vampire zu erledigen.«

***

Die Kutte des Täufers!

Erlebte ich hier also die Entstehung des Dämons, dem es sogar gelungen war, mein Kreuz zu manipulieren, beziehungsweise andere Schwarzblütler dagegen zu immunisieren?

Es war also die abgezogene Haut eines Erzdämons!

Abraxas.

Natürlich war mir dieser Name ein Begriff. Ich kannte ihn als Gottheit einer gnostischen Sekte, den Basaliden, die ungefähr 150 n. Chr. gegründet worden war. Ihre Mitglieder bezeichneten Abraxas sogar als größte Gottheit überhaupt, aus der alle anderen Götter hervorgegangen sein sollten, einschließlich Jesus Christus. Die Basaliden glaubten, dass allein der Name Abraxas magische Kraft hätte, da er aus sieben Buchstaben bestand und deren Zahlenwert im griechischen Alphabet 365 ergab, die Anzahl der Tage eines Jahres.

Und ja, auf zahlreichen Darstellungen wurde er so gezeigt, wie ich ihn in meiner Vision erlebt hatte. Mit dem Rumpf eines Mannes, dem Kopf eines Hahns und Schlangen anstelle der Beine. Nur die Hörner waren neu. Zu tun bekommen hatte ich es mit ihm noch nie, und jetzt wusste ich auch, warum. Eigentlich war er schon lange aus dem Rennen, bevor die Menschheit seine ersten Hochkulturen erschaffen konnte, und dabei schloss ich die Atlanter mit ein.

Auch mit den Basaliden gab es in meiner Laufbahn keinerlei Berührungspunkte. Aber warum wurde Abraxas ausgerechnet jetzt wieder aktiv? Hatte er all die Jahrtausende, oder besser gesagt, Jahrmillionen hier im Schwarzen Dom vor sich hinvegetiert, nur damit er in der heutigen Zeit ausbrechen konnte?

Ein ungutes Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus, wenn ich daran dachte, dass es ursächlich mit meinem Kreuz zusammenhängen musste. Und mit dem Mann, der Abraxas’ Haut und mit ihr den Weg in den Schwarzen Dom gefunden hatte.

Der Schwarze Dom!

Ein ungeheuerliches Bauwerk, in dem ich jetzt gefangen war.

Wieder versuchte ich mich zu befreien und fühlte jetzt deutlicher als zuvor, dass meine Beine feststeckten. Ich versuchte immer wieder, den Körper zu drehen, mich von einer Seite zur anderen zu werfen, doch ich steckte fest.

Der kalte Schweiß lief mir in Strömen über das Gesicht.

Was hatte der Täufer mit mir angestellt? Warum ließ mich der Seher im Stich?

Ich hatte ihm vertraut und auf sein Geheiß hin die Namen der vier Erzengel gerufen, um die Dunklen Eminenzen zu vernichten.

Und was hatte es mir gebracht?

Ich schrie und brüllte. Starrte in die Finsternis und wartete. Was anderes blieb mir nicht übrig. Ich hätte es sogar begrüßt, wenn die Visionen weitergegangen wären, damit ich wenigstens Antworten bekam.

»Zeig dich«, schrie ich. »Du verfluchter Feigling. Zeig dich endlich!«

Keine Antwort. Ich wusste ja nicht einmal, ob es draußen Tag oder Nacht war, geschweige denn, ob es dieses »Draußen« überhaupt gab. Mit Sicherheit befand sich der Schwarze Dom nicht in unserer Welt. Ich hatte in einer der ersten Visionen gesehen, wie Luzifer ihn dank seiner Bosheit erschaffen hatte und er mit den Erzdämonen in der Erde verschwunden war. Ich wusste, wie dünn die Grenzen zwischen den Dimensionen letztendlich waren und wie leicht es mächtigen Dämonen gelang, sie verschwimmen zu lassen.

Ein leises Lachen wehte durch die Dunkelheit.

»Wo bist du?«, schrie ich augenblicklich. »Zeige dich, verdammt.«

Stille antwortete mir. Und ich bekam Angst. Seltsamerweise nicht um mich, beziehungsweise dass mir etwas angetan wurde, sondern mehr, dass ich wieder allein gelassen wurde. Solange jemand hier war, bestand die Chance, dass ich freigelassen wurde, oder dass ich zumindest Antworten erhielt und die Ungewissheit ein Ende hatte.

»Das war aber nicht das Zauberwort«, flüsterte es aus dem Dunkel. Ich konnte die Richtung nicht bestimmen, aus der die Stimme an mein Ohr drang.

Was sollte das werden?, fragte ich mich und spürte, wie meine Angst dem Zorn wich. Wollte der Täufer Spielchen spielen, mich verhöhnen, um mich am Ende psychisch zu brechen? Zuzutrauen war es ihm. Ich wusste, dass es das Größte für meine Feinde war, wenn sie ihre Opfer seelisch knechten konnten. Mehr noch als die körperliche Folter liebten sie die subtilen Psychospielchen.

Das Problem war nur, dass ich keine andere Wahl hatte. Ich hatte längst die Hoffnung aufgegeben, dass einer meiner Freunde im letzten Moment erschien, um mich zu retten. Das Kreuz versagte in dieser Finsternis völlig seine Wirkung.

»Zeige dich«, wiederholte ich, und nach kurzem Zögern fügte ich mit einer Mischung aus Wut und Abscheu vor mir selbst hinzu: »Bitte!«

»Geht doch«, raunte es aus der Finsternis, die plötzlich von einem grellen Licht erhellt wurde. Weiß mit einem bläulichen Stich. Mir wurde schwindelig, obwohl ich immer noch reglos auf dem Rücken lag. Ich hatte zunächst nur Augen für die Quelle des Lichts, die ich sah, wenn ich den Kopf anhob und das Kinn auf die Brust legte.

Kein Zweifel, das Licht drang aus meinem Kreuz, dass ich weder durch die Formel, noch durch die Anrufung der Erzengel hatte aktiveren können. Hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, dass es manipuliert worden war, hätte ich ihn spätestens jetzt bekommen.

Erschöpft und grenzenlos enttäuscht ließ ich den Kopf wieder sinken, starrte an die Decke, doch obwohl das Licht aus dem Kreuz meine Umgebung erhellte, konnte ich kaum etwas Nennenswertes erkennen.

Mein Gefängnis, von dem ich weder wusste, ob es ein Raum, ein Saal oder nur eine Höhle war, versank in einem undurchdringlichen Wust aus Schatten. Der Schein des Kreuzes traf ja nicht einmal auf eine Wand. Doch er erhellte zumindest den Untergrund, auf dem ich lag.