John Sinclair - Folge 2037 - Ian Rolf Hill - E-Book

John Sinclair - Folge 2037 E-Book

Ian Rolf Hill

4,8
1,99 €

Beschreibung

Ängstlich hielt Sofia inne. Wie ein Schatten schob sich der schwarze Transporter in den Schein der einsamen Straßenlaterne und blieb stehen. Er war fast lautlos auf sie zugerollt, mit ausgeschalteten Scheinwerfern. Als Sofia überlegte, ob sie einfach weitergehen sollte, öffnete sich die Seitentür des Transporters. Die Kehle der jungen Frau verengte sich, und die Angst lastete ihr mit einem Mal wie ein schwerer Klumpen Blei im Bauch. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, in der Dunkelheit, die wie eine schwarze Masse den Innenraum des Lieferwagens ausfüllte, etwas zu erkennen. Vergebens. Sofia biss auf die Unterlippe. "B...bitte, wer sind Sie?", stammelte sie. Keine Antwort, dafür drang ein tiefes, gutturales und rhythmisch ausgestoßenes Stöhnen an ihre Ohren ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 150

Bewertungen
4,8 (16 Bewertungen)
12
4
0
0
0



Inhalt

Cover

Impressum

Die Bestie von Budapest

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Timo Kümmel

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5065-4

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Die Bestie von Budapest

von Ian Rolf Hill

Bei dem Anblick des Mädchens funkelte Gier in seinen Augen.

Sie stand mit vierzehn anderen Frauen an der Straße Thököly út und wartete ungeduldig auf Kundschaft. Sie war ihm schon am gestrigen Abend aufgefallen, aber da war ein anderer schneller gewesen und hatte sie ihm vor der Nase weggeschnappt. Heute würde sie ihm gehören, das schwor er sich. Nur ihretwegen war er noch einmal zum Budapester Straßenstrich gekommen.

Sie trug einen schwarzen Minirock, schwarze Netzstrümpfe, schwarze Pumps. Eine rote Lederjacke, die sie trotz der Wärme geschlossen hatte. Vermutlich, weil sie nichts außer blanker Haut drunter trug.

Ihre blonden Locken und der knallrot geschminkte Schmollmund weckten seine Fantasie. Er musste sie einfach haben, koste es was es wolle.

Langsam ließ er den schwarzen Mercedes am Straßenrand ausrollen und die Seitenscheibe herunterfahren. Bis eben hatte sie gelangweilt auf einem Kaugummi herumgekaut, jetzt schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln.

»Hi, Süßer«, sagte sie und beugte sich zu ihm hinunter …

Sofia lächelte, als sie die wachsende Erregung ihres Freiers sah.

Das hier würde nicht lange dauern und war leicht verdientes Geld. Obwohl sie von den siebzig Euro, die sie dem alten Sack für die Nummer abgeknöpft hatte, fünfzig an Áron abdrücken musste. Normalerweise durfte sie von jedem Job einen Zehner für sich behalten, aber wenn sie am kommenden Morgen nett zu ihrem Zuhälter war, ließ er einen weiteren springen.

Das kam ganz darauf an, wieviel Mühe sie sich gab.

»Halt mal«, sagte Sofia in gebrochenem Deutsch und schob dem verdutzten Freier mit der Zunge ihren Kaugummi in den Mund, bevor sie sich ganz ihm widmete.

Wie sie vermutet hatte, war es schneller vorbei, als der Kunde sich erhofft hatte. Er zeigte sich beschämt, und Sofia bekam fast schon Mitleid mit ihm, sodass sie ihm noch fünf Minuten gönnte, in denen er sich mit ihren Brüsten beschäftigen konnte.

Er griff ihr zwischen die Beine, da hielt sie ihn zurück.

»Kostet zwanzig extra!«, verlangte sie auf ihn hinabblickend.

Er runzelte die Stirn, dann schüttelte er unwillig den Kopf, setzte sich gerade hin und schloss den Reißverschluss des Hosenstalls. Während er Hemd und Krawatte richtete, sagte er: »Du bist heiß, aber, nein danke. Du kannst gehen.« Er deutete auf die Beifahrertür.

Sofia verzog das Gesicht. »Fahr mich zurück.«

Es war mit ihr ungefähr einen Kilometer hinter den Bahnhof Keleti gefahren, wo sie auf einem verlassenen Platz des Verladebahnhofs parkten. Erst hundert Meter weiter stand eine Straßenlaterne, deren kaltes Licht eine helle Insel in die Dunkelheit zeichnete.

»Verpiss dich!«, brüllte der Mittfünfziger erregt, und Sofia schrak zusammen.

Ihre Hand zitterte, als sie nach dem Türgriff tastete. Sie fluchte auf Ungarisch, als sie den Wagenschlag öffnete und ausstieg. Wütend warf sie die Tür ins Schloss. Mit quietschenden Reifen, beinahe fluchtartig, verließ der Mercedes mit dem deutschen Kennzeichen das menschenleere Areal. Die Rücklichter verglühten in der Nacht und starrten sie an wie die Augen eines zornigen Ungeheuers.

Sofia zog mit immer noch zitternden Fingern die Lederjacke zu und die Schultern hoch. Sie fror zwar nicht, aber die Einsamkeit und die Finsternis ließen sie dennoch frösteln – vor Angst.

Verdammt, wo war Áron bloß, wenn man ihn brauchte?

Ging es ums Abkassieren, war er stets pünktlich zur Stelle und durchaus bereit, den dicken Max zu markieren. Doch sollte er sich tatsächlich mal um eines seiner Schäfchen kümmern, kniff er den Schwanz ein. Vermutlich hockte er im Kisszoba, einer Bahnhofskneipe, und versoff ihren Lohn, den er direkt eingesackt hatte.

»Mieses Drecksschwein«, flüsterte Sofia und meinte damit sowohl den Freier als auch ihren Zuhälter.

Das war er also, ihr großer Traum vom Glück, das sie in der Zweimillionen-Metropole an der Donau zu finden gehofft hatte. Eine Karriere als Model, das war ihr Wunsch gewesen, als sie aus dem winzigen Dreihundert-Seelen-Dorf hierhergekommen war.

Stattdessen war sie an Áron geraten, und von da an schaffte sie auf dem Straßenstrich von Budapest für ihn an. Mittlerweile seit zwei Jahren. Sie fühlte das Brennen aufsteigender Tränen und zog die Nase hoch, während sie auf die Straßenlampe zu stöckelte.

Sie dachte an ihre Eltern und ihren kleinen Bruder Dominik. Seit sie fortgegangen war, hatte sie sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie war von zu Hause weggelaufen, konnte das spießbürgerliche Dasein dort nicht länger ertragen und war buchstäblich in der Gosse gelandet. Zumindest hing sie nicht an der Nadel. Allerdings war das nur ein schwacher Trost, denn dafür litt sie an einer anderen, auf ihre Art nicht minder schrecklichen Abhängigkeit. Nämlich der zu ihrem Zuhälter Áron.

Sie hatte gesehen, was er mit Mädchen machte, die ihm davonliefen. Und dann war da ja noch immer das Versprechen, sie auf den Laufsteg zu bringen. Nicht nur hier in Budapest, sondern auch in Wien oder gar Mailand.

Wie ein Schatten schob sich der schwarze Volkswagen-Transporter in den Schein der einsamen Straßenlaterne. Er musste hinter den riesigen Betonrohren gestanden haben, zwischen denen das Unkraut wucherte. Ihr Freier war nach links verschwunden, dorthin wo der eigentliche Personenverkehr stattfand und das Kisszoba lag.

Sofia blieb abrupt stehen und warf einen Blick über die Schulter. Die Dunkelheit ballte sich in ihrem Rücken. Sollte sie sich irgendwo inmitten der abgestellten Güterwaggons verstecken?

Linkerhand, jenseits der Gleise wuchs die Rückseite des Bahnhofsgebäudes empor, von wo sie gedämpft das Quietschen der Räder einfahrender Züge hörte. Rechts standen die Lagerhallen und andere Liegenschaften des Verladebahnhofes von Budapest. Dort war das Gelände so uneben, dass sie sich auf ihren hochhackigen Pumps glatt die Beine brach.

Also doch zurück und sich an irgendeiner Stelle verbergen, bis die Luft rein war. Mit dem Handy würde sie Áron anrufen und ihn bitten sie abzuholen. Verdammt, sie konnte ja nicht mal sehen, wie viele Typen in dem Wagen saßen, der kurz hinter der Straßenlaterne stehen geblieben war. Er war fast lautlos auf sie zugerollt, mit ausgeschalteten Scheinwerfern. So verhielt sich kein normaler Mensch. Oder war es ein Kunde, der hoffte, hier eine kleine Nummer zu schieben?

Die Hoffnung auf schnelles Geld verdrängte die Angst und schuf Platz für neuen Mut. Sie bräuchte Áron ja nichts davon zu erzählen. Für den Deutschen hatte sie nicht länger als eine Viertelstunde gebraucht. Wenn sie den hier ebenso zügig abfertigte, konnte sie noch ein hübsches Sümmchen für sich herausschlagen.

Außerdem wusste sie sich zu wehren. Nicht umsonst steckte das Pfefferspray in ihrer Handtasche aus rotem Lackleder. Selbstbewusst, den Kopf erhoben, stöckelte sie auf den Van zu. Sie schlug einen Bogen, wollte erst gucken, ob sie durch die Seitenscheibe hindurch einen Blick auf den potenziellen Freier erhaschte.

Vergebens. Sofia blieb unschlüssig stehen und überlegte, ob sie einfach weitergehen und sich zu Áron ins Kisszoba gesellen sollte. Der würde sie vermutlich nur anblaffen und auf die Straße zurückschicken. In dem Moment öffnete sich die Seitentür des Transporters.

Ihre Kehle verengte sich, und die Angst lastete mit einem Mal wie ein schwerer Klumpen Blei im Bauch. Ihre Hand tastete in der geöffneten Tasche nach dem Pfefferspray, bekam den kleinen Zylinder auch zu fassen und schob ihn in die Außentasche der Lederjacke.

Derart gerüstet fühlte sie sich gleich wohler.

Sofia kniff die Augen zusammen und versuchte in der Dunkelheit, die wie eine schwarze Masse den Innenraum des Lieferwagens ausfüllte, etwas zu erkennen. Nichts zu machen, doch sie konnte in der Nacht ohnehin kaum was sehen. Zudem war sie leicht kurzsichtig und hätte eigentlich eine Brille gebraucht, die sie sich nicht leisten konnte und wollte. Für ihre Profession brauchte sie die Augen nur, um ihrer Kundschaft verheißungsvolle Blicke zuzuwerfen. Manchmal war es sowieso besser, wenn sie sie nicht allzu deutlich sah.

Sofia biss auf die Unterlippe und fasste sich ein Herz.

»B …bitte, wer sind Sie?«

Keine Antwort, dafür drang ein tiefes, gutturales und rhythmisch ausgestoßenes Stöhnen an ihre Ohren. Da brachte sich offenbar schon jemand in Stimmung.

Sofias Lippen verzogen sich zu einem wissenden Lächeln. Möglicherweise war ihr das Glück doch noch hold. Vermutlich war das nur ein verklemmtes Muttersöhnchen, das sich nicht traute, sie auf der Straße anzusprechen. Vielleicht war es auch nur ein Spanner, der zugeschaut hatte, als sie es dem Deutschen besorgt hatte.

»Wie hättest du es gerne, Süßer?«, fragte sie, und das Keuchen wurde lauter und schneller.

Kehlige Töne mischten sich dazwischen, die beinahe wie das Knurren eines großen Hundes klangen. Sofia runzelte die Stirn. Der ging ja ganz schön ab. Wenn er so weitermachte, kam er zum Abschluss, ehe sie Hand anlegen konnte und das war so gar nicht in ihrem Sinne. Immerhin wollte sie selbst noch bei ihm absahnen.

Der Typ hatte doch wohl keinen Rottweiler bei sich. Unwillkürlich umklammerte ihre Faust das Pfefferspray fester, als sie einen weiteren Schritt auf die geöffnete Seitentür des Vans zumachte.

Sie besann sich auf ihr Handy und zog es aus der Tasche hervor. Der Kerl sollte ruhig sehen, dass sie auch in der Lage war, Hilfe herbeizurufen. In erster Linie wollte sie aber den Schein des Displays nutzen, um mehr von ihrem potenziellen Kunden zu erkennen.

Der Mini-Bildschirm warf einen winzigen geisterhaften Schleier aus bläulichem Licht in den offenen Kleinlaster. Sofia erkannte in seinem Schein zwei schwarze Schuhe, den Saum einer dunklen Stoffhose. Neugierig trat die junge Frau näher. Kurz darauf erlosch das Display.

Sie schluckte. Das Stöhnen verstummte und wich nun gänzlich dem kehligen Knurren, das nun überhaupt nicht mehr an einen erregten Freier erinnerte.

Umgehend schaltete Sofia das Smartphone wieder an. Sie hob die Hand, die merklich zitterte und riss nun auch die andere mit dem Pfefferspray aus der Lederjacke.

Das Mädchen glaubte, den Verstand zu verlieren, als sie die entstellte Fratze sah, die mit gebleckten Zähnen auf sie zuschoss.

Sie kam nicht mal zum Schreien, da packten sie zwei Hände, Pranken mit messerscharfen Krallen, die sich in das Kunstleder ihrer billigen Jacke bohrten. Instinktiv drückte sie auf das Abwehrspray. Eine Wolke strömte aus der Düse, ehe ihr der Metallzylinder und das Mobiltelefon aus den schweißfeuchten Fingern rutschten und auf das Kopfsteinpflaster klimperten.

Sofia wurde nach vorne gerissen, und ihre Augen begannen sofort zu brennen, als sie mit dem Gesicht in die scharfen Schwaden aus Pfefferspray geriet. Ihre ohnehin spärliche Sicht verschwamm hinter einem Schleier aus Tränen. Sie hörte ein tierisches Hecheln, an ihrem Ohr. Heißer Atem wehte darüber hinweg.

Wieder musste sie an einen Kampfhund denken. Jetzt endlich wollte sie ihre Angst hinausschreien, doch bevor sie auch nur einen Laut herausbekam, wurde sie herumgewirbelt. Sie krachte mit dem Rücken so heftig an die gegenüberliegende Innenwand des Transporters, dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde.

Sie sah schemenhaft die Silhouette des Monsters vor dem hellen Viereck des Ausstiegs, dann wurde die Seitentür mit einem Ruck zugezogen.

Sofia spürte, wie sich die Kreatur zu ihr hinabbeugte. Im nächsten Augenblick fuhr ein rauer, feuchter Lappen über ihr Gesicht. Ein schwerer Körper legte sich auf sie und raubte ihr den Atem. Einen Moment später wich der Druck, dafür traf sie ein mörderischer Hieb an der Schläfe, warf ihren Kopf herum, der gegen die Innenverkleidung des Kleinlasters knallte.

Sofias Welt versank im Nichts.

***

Es kostete Ferenc Varga übermenschliche Kraft, sich nicht sofort vollends gehen zu lassen. Trotz der Anspannung und der inneren Erregung verzerrten sich die Lippen zu einem höhnischen Grinsen. Nun, streng genommen war er kein Mensch. Viele Leute würden ihm allein aufgrund der Grausamkeit seiner Taten die Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens absprechen, aber er wusste es besser. Er konnte in menschlicher Gestalt erscheinen, war sogar mit ihr geboren und aufgewachsen. Trotzdem schlummerte noch etwas Anderes in ihm. Etwas Wildes, Animalisches.

Er lachte schrill und schlug bei dem Gedanken gegen das Lenkrad. Lange würde er sich nicht mehr beherrschen können. Er konnte es kaum erwarten, sich mit der Kleinen auszutoben.

Eigentlich war es an der Zeit, den fahrbaren Untersatz zu wechseln. Es wäre nicht der erste Wagen, der in der Donau verschwand. Selbst wenn man das Fahrzeug fand, könnte man keine Verbindung zu ihm herstellen. Er war nicht so dämlich, das Nummernschild dran zu lassen. Nur nicht bei den Bullen auffallen. Sollte man ihn mal zu einer Kontrolle herauswinken – was bisher nicht geschehen war – wäre das keine Katastrophe. Zumindest nicht für ihn …

Ferenc Vargas Haus lag am Ostufer der Donau, im Bezirk Józsefváros, einem der ältesten Stadtteile von Budapest, der zugleich aber auch zu den Ärmsten zählte. Er wurde sogar als Problemviertel bezeichnet, was vor allem daran lag, dass viele alteingesessene Bewohner nicht so ohne Weiteres ihre Heimat aufgeben und verkaufen wollten. Geplant war, aus der sogenannten Josefstadt eine wahre Prachtmeile zu machen, die als Touristenmagnet noch mehr Gäste in die Stadt an der Donau locken sollte. Nur wollten die Anwohner selbst aktiv mitgestalten, und so wurden quasi über Nacht zahlreiche Bürgerinitiativen aus dem Boden gestampft. Ihr Zweck: aus ungenutzten Grundstücken, auf denen Häuser standen, die mehr Ruinen glichen, grüne Oasen zu zaubern.

Ein Witz in Ferenc’ Augen, der entsprechende Anfragen, ob er nicht mitmachen wolle, stets mit einem geringschätzigen Lächeln abtat. Am liebsten hätte er ihre geliebten Gemeinschaftsgärten mit ihrem Blut getränkt, doch er hütete sich davor, in unmittelbarer Nachbarschaft auf Jagd zu gehen. Obwohl es auch hier einige zweibeinige Leckerbissen gab, denen er nur zu gern seine Aufmerksamkeit widmen würde.

Das Haus, in dem Varga lebte, war ein kleines, freistehendes Einfamilienhaus mit einem eigenen Garten, den der alleinstehende Mann langsam aber sicher verwildern ließ. Die Nachbarn gingen sogar so weit, zu behaupten, er wäre verwahrlost, nur was kümmerte ihn das Gewäsch dieser Idioten?

Ein blaugestrichener Eisenzaun umgab das Areal, auf den eine breite Auffahrt aus Betonplatten in die nebenstehende Garage führte. Der einstmals gelbe Putz war im Laufe der Jahre verblasst und blätterte stellenweise von der Mauer. An der Ecke stand eine blaue Regentonne aus Plastik, die das Regenwasser aus der Dachrinne auffing.

Unter dem flachen Zeltdach gab es nicht mal einen richtigen Speicher, nur noch einen winzigen Stauraum. Dafür hatte der Bau einen Keller, den Ferenc in mühsamer Arbeit hergerichtet und schalldicht isoliert hatte. Hier konnte er sich nach Herzenslust austoben. Er bleckte die Zähne und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Die Vorfreude auf das Kommende brachte ihn zum Erbeben.

Er stoppte den VW-Bus in der Garage, die bis auf ein paar Kartons aus feuchter Pappe und eine Kiste Werkzeug leer war, und schaltete den Motor aus. Bevor er sein Opfer von der Ladefläche zog, schloss er das Garagentor, dessen Scharniere kreischten. Er hätte sie längst ölen sollen.

Eine Metalltür führte von dem Nebengebäude direkt in das Wohnhaus. Neben dem Keller war dies der ausschlaggebende Faktor gewesen, als er diese Immobilie erworben hatte.

Ferenc fand sich auch in der Dunkelheit zurecht und verzichtete darauf, Licht zu machen. Er zog die Seitentür des Lieferwagens auf und zerrte die bewusstlose Frau heraus. Ihr bleicher Körper, der in der Finsternis schimmerte, wurde nur noch von Fetzen bekleidet. Einer der Pumps lag in der Ecke, der andere hing an ihrem Fuß. Es kostete den mittelgroßen, schlanken Mann keine Mühe, den erschlafften Leib der Straßendirne zu tragen.

Kopf und Arme baumelten am Rücken entlang nach unten. Die Beine hielt er locker mit der rechten Hand in den Kniekehlen fixiert, der Schoß ruhte auf der Schulter.

Auch ohne, dass er sich verwandelte, hatte er einen feinen Geruchssinn, der dem eines gewöhnlichen Menschen haushoch überlegen war. Tief nahm er den süßlich-herben Duft auf, in den sich das metallische Aroma von Blut mengte.

Oh ja, die Nacht war jung und noch lange nicht vorbei.

Die Tür zum Haus war nicht verschlossen, und Ferenc beeilte sich, mit seinem Opfer die Küche zu betreten, in der sich der Zugang zum Keller befand. Es wurde Zeit. Die Frau wachte schon langsam wieder auf. Ein leises Stöhnen floss über ihre Lippen und entlockte ihm ein sardonisches Grinsen.

Es mochte der süße Geruch der Beute gewesen sein oder die erwartungsvolle Anspannung, die sein Inneres zum Kochen brachte, als würde ein Feuer in ihm brennen. Wahrscheinlich war es von beidem etwas, jedenfalls überlagerte es seine Instinkte, machte ihn unvorsichtig und sorgte dafür, dass er die Anwesenheit des Fremden erst bemerkte, als es zu spät war.

Die linke Hand lag schon auf der Klinke zur Kellertür, als plötzlich die Glühbirne unter dem mit Fliegendreck besprenkelten Kunststoffschirm aufflammte und die winzige Küche in einen schmutzig gelben Schein tauchte.

Ferenc fuhr herum, ließ die Frau von der Schulter fallen und verwandelte sich in Sekundenschnelle. Binnen eines Lidschlags platzte ihm die zu eng gewordene Kleidung vom Körper, aus dessen Poren so schnell das Fell wucherte, dass für ein menschliches Auge kaum Zeit verging.

Aus dem Gesicht sprang die zähnestarrende Schnauze des Wolfs. Er war bereit, sich auf den Eindringling zu stürzen. Doch selbst ein abgebrühter Mörder wie Varga zeigte sich angesichts der Lässigkeit, mit der sein nächtlicher Besucher im Türrahmen lehnte, überrascht.

Der legte nämlich keinerlei Anzeichen von Erstaunen, Erschrecken oder gar Angst an den Tag.

Im Gegenteil, der Opa mit dem wallenden grauen Haar, das seinen Kopf wie eine Mähne umgab, lächelte.

Das war zu viel für den Killer, der sich als blutrünstiger Werwolf entpuppte. Ein Knurren kündete den Angriff an, entwickelte sich zu einer Mischung aus Fauchen und Brüllen, ehe Ferenc mit einem gewaltigen Satz auf den ungebetenen Gast zusprang. Die klauenbewehrten Pranken ausgestreckt, das Maul weit geöffnet. Er wollte den Alten unter sich begraben und buchstäblich auseinanderreißen.