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Johnny hat es schwer. Helikoptermama Katja Hesselbach umsorgt ihn sein ganzes junges Leben lang mit hypernervöser und zweihundertprozentiger Hilfspädagogik. Spätestens an seinem "Independence Day No. 18" rebelliert der junge Mann gegen die ständige Bevormundung und bricht aus dem engen Familienkokon aus. Und während Johnny bei seinem Weg in die Selbstständigkeit den exzessiven Aufstand probt, räumt Mutter Katja so manch eine Scherbe zusammen, die bei seinen Jugendabenteuern anfällt. Dabei erinnert sie sich rückblickend wehmütig immer wieder an die früheren Kindheitsjahre ihres Sohnes und die eine oder andere Katastrophe, die die Familie gemeinsam durchzustehen hat. Immer frei nach dem Motto: "Gejammert wird später". In nicht immer bierernster Humoreske und gewürzt mit einer guten Portion Ironie und Situationskomik begleitet Katja Hesselbach ihren Sohn ins Erwachsenenleben und zwingt sich dazu, endlich die imaginäre Nabelschnur zu lösen.
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Seitenzahl: 511
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Maren Panitz
Johnny
Er geht niemals allein
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Johnny
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Impressum neobooks
Die Autorin Maren Panitz wurde 1965 als Kieler Sprotte geboren. Im Jugendalter verpflanzten deren Eltern sie in die Bergische Idylle. Land- und Dorfleben inspirierten sie, sich mit den Menschen, die sie zwischen den grünen Hügeln rund um Schloss Burg zu lieben und zu schätzen lernte, mit aufmerksamer Empathie zu studieren und Geschichten über das Leben in den verwinkelten Fachwerkhäusern und schattigen Kleinstadtgassen zu schreiben. Ihr Roman „Johnny - er geht niemals allein“ versteht sich als satirische Liebeserklärung an Begegnungen und Erlebnisse, mit denen sich Kleinstadtfamilien tagtäglich konfrontiert sehen.
Bereits in der Studienzeit verdiente Maren Panitz sich ihr Studium mit der Arbeit als freie Journalistin. Noch immer schreibt sie regelmäßig humoreske Glossen, Lokalberichte und Reportagen für die Rheinische Post.
Und warum er nicht alleine geht
Wenn eine Idee gezugt wird, sie im Herzen und im Kopf zu wachsen und gedeihen beginnt, sie weiter und weiter konkrete Formen annimmt und letztlich ihre vollendete Gestalt erhält, dann ist es eine Geburt. Als Mutter dieses Buches verspürte ich glücklicherweise keine schmerzhaften Wehen. Nur Freude und Stolz und Erleichterung, als ich endlich genug geformt und geändert und korrigiert habe, um mein Baby in die Welt zu schicken. „Johnny“ wurde mit standhafter und treuer Unterstützung zahlreicher mitfiebernder Geburtshelfer auf die Welt gebracht. Danke an all jene Menschen, die mir so oft einen Schubs gaben, mir die notwendige Zeit zum Schreiben gönnten und sich mit neuen Vorschlägen und Verbesserungen an der Gestaltung meines „Kindes“ beteiligten.
Endlich Achtzehn
Der Garten ist eine Disco.
Die Bässe aufgedreht bis zum Anschlag, donnert der explosive Rocksong „Hell’s Bells“ von Altrockband AC/DC aus den mannshohen Musikboxen, die wohl nur zur optischen Tarnung und aus Angst vor eventuellen Regengüssen unter pinkfarbenen Zeltplanen versteckt worden sind.
Die Bässe wummern durch die gesamte Siedlung.
Die Höllenglocken dröhnen auch in meinem Kopf.
Irgendwann im Laufe des Abends fingen die im Takt dazu hämmernden Kopfschmerzen an.
„Warum musstest du dich auch durch jedes knallbunte neumodische Mixgetränk durchprobieren, dass dir das Jungvolk unter die Nase gehalten hat“, schimpfe ich genervt mit mir selbst.
Aspirin hilft.
Noch besser, ich spüle die kleine Tablette mit Sekt herunter.
Das entspannt.
Und dann vielleicht einen Moment ausruhen.
Irgendwo an einem kleinen versteckten Eckchen, wo es in unserem Haus noch Ruhe gibt.
Ich bin leider überzeugt, genau diese hier in diesem meinen Haus ausgerechnet heute Nacht lange suchen zu müssen.
Denn Johnny feiert seinen achtzehnten Geburtstag. Oder, wie es mein komplett euphorischer Sohn ausdrückt „Dies ist meine Nacht. Mein ganz persönlicher ‚Independence Day Number 18‘.“
Jawoll, mein Nesthäkchen, mein kleiner Welpe, mein süßer braunäugiger blonder Augenstern, mein einziger Sohn, lässt es die gesamte Nachbarschaft und alle seine Freunde lautstark wissen:
„Jetzt bin ich volljährig, bin ein erwachsener Mann, kann endlich tun und lassen, was immer ich will. Die Welt gehört jetzt mir.
Begleitet mich oder lasst es sein,
ab heute bestimme ich meinen Weg allein.“
So ganz allein will unser gerade mal flügge werdender Sohn diesen Weg dann doch nicht beschreiten. Alle seine Freunde und Vereinskameraden seiner diversen Freizeitaktivitäten sollen ihn zumindest an seinem Mega-Geburtstagsereignis dann gefälligst doch bitte ordentlich hochleben lassen.
Es ist ganz praktisch, dass zu diesem Anlass seine eingeladenen Mannschaftskameraden auch gleich das Partyequipment mitbringen.
Seit zwei Tagen gleicht unser Haus mit dazugehöriger Doppelgarage und Garten einer improvisierten Kommandozentrale des Technischen Hilfswerks. Kein Anblick, der unsere lärmempfindlichen Nachbarn nachts beruhigt einschlafen lassen könnte.
Schuld daran sind sicher zum Teil auch die vielen knallroten Feuerwehrfahrzeuge und Katastrophenschutzzelte, die sich im Vorgarten und auf dem Bürgersteig häppchenweise und Stück für Stück eingefunden haben.
Und auch das Festzelt mit dem überdimensionalen Schriftzug „DLRG Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft“ ermuntert sämtliche Nachbarn in unserer Straße zu den wildesten Spekulationen.
Herr Keppler von gegenüber fing mich beim Ausräumen meiner Einkäufe ab. „Sa‘n se ma, is dat wat Ernschtes? Habt ihr womöglisch im Keller eine Zwozentnerbombe us’m letzschten Kriech jefunden?“
Der Rentner machte sich wirklich Sorgen um Wohl und Segen seiner Nachbarschaft und seines liebevoll gehegten Häuschens. „Net, dat us hier die Brocken um die Ohren sausen“, beunruhigte es ihn.
„Keine Angst, Herr Keppler“, beschwichtigte ich meinen Nachbarn. „Die einzige Bombe, die hier platzt, ist die Eisbombe auf dem Geburtstagsbuffet.“
„Das muss ja ein gewaltiger Wasserschaden sein, den ihr zu beseitigen habt“, bedauerte mich Frau Kusemund gestern Nachmittag, als sie mich im Baumarkt an der Kasse traf.
Dabei schweifte ihr Blick über meinen Einkaufswagen, der randvoll mit Schaumstoffrollen, reißfesten Renovierungsfolien, Papierrollen und zehn Paketen Laminat bestückt gewesen ist.
„Kein Wasserschaden, sondern Johnnys Party in die Volljährigkeit“, klärte ich sie auf – und ich bin mir sehr sicher, dass ich ihr damit keine beruhigende Erklärung abgeliefert hatte.
Na ja, spätestens seit heute Abend 22 Uhr weiß Frau Kusemund endgültig Bescheid. Genau wie Herr Keppler und die übrigen zwanzig Nachbarn unser Straße links und rechts von unserem Grundstück.
Um diese Uhrzeit nämlich besinnt sich unser selbsternannter Discjockey Johnny auf seinen ganz speziellen Geburtstagsauftrag, seine fast einhundertköpfige Geburtstagsbande von den Biergartengarnituren runter und rauf auf die aus Laminat provisorisch zurechtgezimmerte Tanzfläche im eigens dafür aufgestellten DLRG-Pavillon zu treiben.
Johnny ist voll in seinem Element.
Er flirtet und schmust, er mixt Cocktails und wirft jedem Freund ein strahlendes Lachen zu. Er fühlt sich auf seiner Party glücklich. Und ich bin glücklich, weil er glücklich ist.
Achtzehnter Geburtstag!
Dieser Tag soll in der Erinnerung als einmaliges Ereignis erhalten bleiben.
Auch wenn ich mich an und für sich in diesem unkontrollierten Trubel inzwischen überflüssig fühle.
Wie ein Zuschauer, der heimlich über den Gartenzaun schielt.
Die Jugend tobt sich aus, so soll es auch sein.
Wir „Alten“ dürfen gnädigerweise mitfeiern und werden aus reiner wohlerzogener Höflichkeit toleriert. „Macht nix“, brummt es hinter mir. Johnnys Papa und mein persönlicher Held des Abends legt seine Arme um meine Schultern und küsst meine Wange. „Wir können doch sehr gut auch ohne das Jungvolk feiern. Machen wir halt unsere eigene Party.“
Damit zieht er mich zärtlich und unnachgiebig auf die kleine Küchenterrasse am Kellereingang und drückt mir ein frisch gefülltes Weinglas in die Hand.
„Jeder Sturm legt sich irgendwann. Und wenn sich die Wolken verzogen haben, zeigt uns der Himmel seine unbegrenzten Möglichkeiten“, nuschelt Henrik angetrunken und er weiß wahrscheinlich selbst nicht mehr, welchen großen Poeten er damit gerade rezitieren wollte. Manchmal bringt sein unergründlicher Verstand allerdings in lichten Momenten auch selbst solche herrlich romantisch, kitschigen, Metaphern zustande.
Gerade heute Abend liebe ich meinen Mann so abgöttisch wie sonst nicht unbedingt jeden Tag.
Denn er ist heute wirklich der Held.
Der Fels in der Brandung, der Kapitän, der unser Partyschiff sicher durch den Sturm trägt.
Denn wie es bei derlei Großveranstaltungen im heimischen Palast nun mal meistens so ist, verlief auch die Vorbereitung für Johnnys Megaevent nicht wirklich reibungslos.
Unser seit nunmehr zwei Stunden volljähriger Sohn war am Nachmittag noch den Tränen nahe, als die Lichterketten im DLRG-Zelt plötzlich klirrend explodierten.
Unsere schmalspurige Hauselektronik wurde einst für den Einsatz von Waschmaschine, Staubsauger und Weihnachtsbaumbeleuchtung konzipiert und ist somit für ein gleißendes „Disko-Fever“ nicht ausgelegt. Und dann fiel plötzlich auch noch eine der Musikboxen aus.
Schlimmer konnte es in Johnnys Augen wohl kaum noch werden!
Eine Party ohne hämmernde Bässe.
Eine Horrorvorstellung.
„Dann können wir ja gleich im Seniorenheim feiern“, maulte der Sohn.
Doch, es konnte schlimmer werden.
Richtig fertig war Johnny, als ausgerechnet seine Langzeitgefährtin Juliana ihm kurz vor Partybeginn per schnöder SMS eine knappe Absage erteilte.
Mustervater Henrik hatte allerdings ein unerschütterliches väterliches, und handwerkliches, Gespür dafür, wie er die Katastrophen einzudämmen hatte.
Die Technik bekam er in den Griff, indem er kurzerhand unseren Hauselektriker per Notfalltelefon antanzen ließ, um schnell noch ein paar neue Sicherungen und Stromverteiler anschließen zu lassen. Ersatzboxen besorgte er bei unseren Nachbarn, die er dafür spontan zur Party einlud. Wozu ist mein Henrik der Alleinherrscher über die einzige KFZ-Werkstatt in unserem Dorf. Er würde sich eben bei nächster Gelegenheit wieder mit ein paar Gratis-Ölwechseln revanchieren müssen. Nur ein gebrochenes Herz lässt sich nicht mit freundschaftlicher Nachbarschaftshilfe reparieren.
Nur handfeste Ablenkung vom großen Herzschmerz kann zumindest kurzzeitige Abhilfe verschaffen.
Also schnappt sich Henrik kurzerhand Badehosen und Handtuch und stachelt seinen einzigen Sohn sportlich an: „Komm, mein Junge. Bevor hier die Fete richtig abgeht, werden wir noch eine kleine Runde in unserem Badesee schwimmen gehen. Mal sehen, ob du inzwischen Mann genug bist, um mich bei einem Wettschwimmen zu schlagen.“
„Ich komme mit“, ruft Opa Dieter spontan. Und schwupps sind die Männer des Hauses auf und davon.
Löblich, dass die Männer sich so solidarisch und uneigennützig um Johnnys Seelenheil kümmern.
Betrüblich, dass somit die Vorbereitungen für die Buffetschlacht an uns Mädels hängenbleibt.
„Na dann mal los. Jetzt ist Frauenpower angesagt“, ermuntert mich Oma Mechthild.
Sie übernimmt sofort die Küchenregie. „Daniela kann sowieso nicht kochen. Sie übernimmt den Aufbau der Biergartentische. Katja, du hast noch einen gesunden Rücken. Also schleppst du die Getränke ran. Ich kümmere mich um die Salate und die Käseplatten. Wäre ja gelacht, wenn wir das nicht ruckzuck alleine gestemmt kriegen.“
Tatendurstig schnürt sie sich die Küchenschürze über den fülligen Busen und beginnt mit dem Kartoffelschälen.
Spätestens um Mitternacht hat Johnny seine Juliana längst vergessen.
Und von dem Riesenberg Kartoffelsalat ist nichts mehr übrig.
Dann nämlich lassen unsere Gäste zur großen Feierstunde ein für Laien doch recht beeindruckendes Feuerwerk aus sorgsam gehorteten Silvesterrestbeständen am dunklen Firmament erleuchten.
Obwohl wir nun reichlich mit den Hilfsutensilien unserer städtischen Rettungsvereine ausgestattet wurden, mangelt es dann allerdings letztlich doch an notwendigen aktiven Unfallverhütungsmaßnahmen.
Das Feuerwerk sprüht fröhliche Funken in das Festzelt und findet reichlich Nahrung. Im Handumdrehen züngeln muntere Flammen an den einst so dekorativen Papiertischdecken empor.
Und da das Reaktionsvermögen der geladenen Feuerwehrleute nach mehreren Fässern frisch gezapften Bieres nicht mehr so ganz den Trainingsvorschriften entspricht, müssen auch noch einige zart blühende Oleanderbüsche und ein Vogelhaus in der fröhlich knisternden Feuerbrunst daran glauben, bevor unsere im Alkoholrausch schwankenden Feuerwehrmänner endlich dazu in der Lage sind, den Schaumregen der Feuerlöscher gezielt auf die Brandherde und nicht ausschließlich auf das glücklicherweise fast schon geplünderte Buffet zu richten.
Abgesehen von meiner Trauer um die liebevoll aufgezogenen Oleandersträucher betrachtet allerdings niemand unserer Gäste die ungeplante Showeinlage als bedenkliche Katastrophe.
Die Mädels feiern in den Resten der Feuerlöscher eine fröhliche Schaumparty, die Jungen erfreuen sich an den durchgeweichten T-Shirts ihrer Freundinnen und Johnny klopft seinen Feuerwehrkumpels herzlich auf die Schultern, weil sie sich doch so selbstlos in die Feuerschneise geworfen hätten.
Dabei habe ich genau gesehen, dass es letztlich mein tatkräftiger Mann Henrik wieder selbst gewesen ist, der dafür sorgte, dass nicht das gesamte Haus im Löschschaum unterging, während die kleinen Zauberfeuer sich lustvoll durch die Gartenanlage fraßen.
Henrik hat sicher Recht. Jeder Sturm zieht vorüber. Auch diese leicht ausgeartete Geburtstagsparty mit kleinen unbedeutenden Patzern, wie sie schließlich überall in den besten Familien vorkommen.
Warum sollte ich mich deswegen verrückt machen.
Solange ich noch ein Dach über dem Kopf habe und ein Bett, in das ich später meine bleischweren Beine legen kann, ist die Welt doch völlig in Ordnung. Mein Sohn feiert sich selbst, mein Mann feiert seinen Sohn und ich feiere schon mal den nächsten Sonnenaufgang, weil ich davon ausgehe, dass mir mein Haus, mein Garten und meine Familie dann wieder allein gehören werden.
Henrik zieht mich auf die knarrende Hollywoodschaukel, die wir vor ungefähr dreißig Jahren von meiner Oma geerbt haben und deren Federn und Scharniere genauso knarzen wie die Knochen eines alten Methusalem.
Wir stoßen mit den Weingläsern an. Kling.
„Hey, Süße. Du kannst so was von stolz sein. Schau dir an, welche Meisterleistung du in den vergangenen 18 Jahren zustande gebracht hast.
Es ist schon sowas wie Hexerei. Mit jedem Geburtstag deines Sohnes bist du immer attraktiver geworden.
Du bist einfach sexy.
Mit den jungen Hühnern da draußen im Partyzelt nimmst du es allemal noch auf!“
Ich kichere. Dieses Kompliment meines Herzallerliebsten geht mir nach dem extrem anstrengenden Abend runter wie eine Flasche mit Aloe Vera.
Entgegen seiner Äußerung fühle ich mich derzeitig um zwanzig Jahre gealtert und ungefähr so hübsch und spritzig wie eine Dörrpflaume.
Dankbar über seinen Aufmunterungsversuch lehne ich mich an Henriks Schulter.
Es tut so gut, nach all dem Stress der letzten Stunden solche süßen Zauberworte zu hören. Wenn sie auch vielleicht vom Bier und Schnaps etwas aufgeweicht sind. Und wie ich gerade so darüber nachdenke, dass es zu diesem Zeitpunkt überhaupt niemandem mehr auffallen würde, wenn sich Henrik und ich dezent in unsere eheliche Kemenate zurück zögen, um die Party mit unserem eigenen elterlichen Spaß ausklingen zu lassen, kommt mein Schwesterherz durch die Küchentür gestolpert.
„Na, Katja und Henrik, hierhin habt ihr euch also verkrümelt und überlasst uns ganz allein die harte Front mit Bierleichen und Trommelfellbombardement.
Pfui, sowas machen fürsorgliche Eltern aber nicht!“
Daniela plumpst schwungvoll auf die letzte freie Sitzfläche am Rand der Hollywoodschaukel.
Das altersschwache Möbelstück ächzt und wankt so bedenklich, dass ich uns alle drei schon zwischen einem rostigen Metallskelett auf dem Steinboden sitzen sehe.
„Mensch, was war der Johnny früher ein niedlicher Fratz“, erinnert sich Daniela und stiert in ihr halbvolles Rotweinglas, so als ob sie dort die Bilder aus der Kindheit meines Sohnes ablesen könnte.
„Tja, aus dem niedlichen Kind ist jetzt ein vollwertiger Mann geworden. Alles dran und alles dort, wo es hingehört“, nuschelt Henrik ein bisschen genervt. Ich denke, auch er hätte diese Minuten lieber mit mir allein in trautem Zwiegespräch verbracht.
„Ja, ja, als der Johnny noch ein Baby war, da gab es keine Aufregung, keinen Lärm und kein Geschrei!“, lamentiert Daniela mit zornigem Blick auf die bis zum Anschlag aufgedrehten Gartendisko, in der etwa einhundert fast nicht mehr zurechnungsfähige spät pubertierende Kinder und solche, die es heute Nacht wieder geworden sind, sich gerade solidarisch trällernd in den Armen liegen.
Ich starre die Sterne an.
Hm, keine Aufregung, keinen Lärm und kein Geschrei in Johnnys Babytagen?
Ich erinnere mich da an etliche schlaflose Nächte, in denen ich völlig überfordert und todmüde mit einem mürrisch krackelenden Baby durch das nächtliche Haus wankte und zum Schluss den Mixer anstellte, weil dieses Geräusch scheinbar eine unerklärlich mystische Wirkung auf Johnnys zarte Babypsyche auslöste. Kaum lief der Mixer auf Hochtouren erstarb das wehleidige Geschrei. Kind schlief, der Rest der Familie war hellwach.
Nur Daniela war ja eben in genau diesen Nächten nicht dabeigewesen. Sie hätte sich damals vielleicht doch öfter mal als Babysitterin anbieten sollen.
Mehr laut als schön wünscht sich Campino von den „Toten Hosen“ durch die bis zur Schmerzgrenze aufgedrehten Lautsprecher für sich und den Rest der Welt eine Partynacht mit endlos viel Zeit. „Hm, also ich habe nicht mehr endlos Zeit. Bis morgen Mittag müssen wir die Zelte wieder in den Vereinshallen gelagert haben…“, grummelt Henrik mit Blick auf die unverschämt schnell vorgerückten Zeiger seiner Armbanduhr.
Dann springt er auf. Ist ohne ein Wort weg. Daniela und ich sinnieren weinduselig vor uns hin und als Danielas Weinglas leer ist, springt auch sie wortlos auf und verschwindet irgendwohin ins Haus. Plötzlich bin ich ganz allein.
Allein auf einer kleinen heimeligen Insel inmitten eines tosenden Partygewitters.
Oase Hollywoodschaukel.
Leise knirschen die morschen rostigen Ketten des Gestells im Takt zu meinen sanft einlullenden Schaukelbewegungen.
Die Musik scheint so weit weg zu sein.
Die Party findet in exakt diesem wunderschön ruhigen Moment auf einem anderen Planeten statt.
Weinselig und ermattet dämmere ich wohlig vor mich hin. Genau diesen magischen Augenblick zwischen totaler Erschöpfung und quirliger Überdrehtheit braucht es anscheinend, damit die Gedanken in meinem Kopf ihr putzmunteres Eigenleben entfalten. Mir ist, als könne ich hören, wie sich in meinen Gehirnwindungen kleine sorgsam verschlossene Türchen und Schleusen öffnen, um all diese Bilder und liebevoll verpackten Erinnerungen frei und ungehemmt durch meinen Kopf tanzen zu lassen.
So viele kleine wunderbare Fetzen längst vergessener und verdrängter Ereignisse und Gefühle. Sie formen sich zu einem wunderbaren Portrait. Johnny. Mein Sohn. Achtzehn Jahre Achterbahnfahrt durch eine Kindheit, in denen ich lernte, wie sich Glück und Trauer und Schmerz und Angst anfühlen können. Ich schließe meine Augen und denke mir so: Dann steigen wir halt noch einmal für einen kurzen kostbaren Moment auf diese Achterbahn der Familie Hesselbach.
Denn gleichzeitig zischt mir eine Stimme im Inneren zu: „Letzte Gelegenheit. Die Fahrt in in der nächsten Kurve zu Ende. Dein Sohn ist erwachsen. Dein Job ist erledigt. Du bist ab jetzt Statistin in dem Leben deiner längst nicht mehr kleinen zarten Milchnase.“
Im Schuhkarton
Die Bilder von Johnnys Kindheit wachsen zu einem mitreißenden Strudel voller kribbelnder Emotionen, die sich wie kleine unkontrollierte Stromschläge anfühlen.
Kleine Blitzattacken weit zurückliegender Erinnerungen leuchten vor meinem inneren Auge auf.
Johnnys kleine feuchte Hand, die sich angstvoll in die meine krallt, als im Zirkus ein riesiger Elefant seinen Rüssel nach dem blonden Wuschelkopf meiner damals vielleicht gerade mal vierjährigen Milchnase ausstreckte und ihm seinen heißen feuchten Atem ins Gesicht blies.
Ich hatte Angst, der Elefant könnte das Kind wie einen Korken in sich hineinsaugen oder mit den gewaltigen Baumstammbeinen eine Briefmarke aus ihm machen.
Johnny aber kannte an meiner Hand keine Angst. Er pustete dem Elefant mit vollen Lungen seinen eigenen Atem ins Gesicht, kitzelte den neugierig herumfummelnden Finger an dem langen rauhen Elefantenrüssel und klatschte sich vor Begeisterung auf die Schenkel, als der mächtige Elefant daraufhin verdutzt mit seinen riesigen Ohren wackelte. „Haben!“ forderte mein Johnny mit ernstem Gesicht und zeigte mit dem Zeigefinger auf „Jumbo“. „Nein, mein Schatz. Dieser Elefant passt leider nicht in dein Kinderzimmer. Dann bleibt kein Platz mehr für dein Bett“, erklärte ich meinem Kind.
„Bett brauch‘ ich nicht. Schlafen ist sowieso total blöd“, maulte mein Knirps. Er stampfte mit den Füßen auf, weil er seinen Willen nicht durchsetzen konnte. „Jumbo“ machte es ihm nach. Der Zirkusboden erbebte. Johnny plumpste auf den Hintern.
Mein Sohn roch damals den ganzen Abend lang nach pürierten Möhren, Sägespänen und Elefantendung.
Eine Woche lang gab es zu Hause nur noch einen Satz aus dem Mund des Kindes: „Ich will einen Elefanten!“
„Und ich will meine Ruhe. Sonst ziehe ich selber in den Zoo“, beendete Johnnys Vater Henrik irgendwann die Elefantendiskussion. „Von mir aus kannst du ein Meerschweinchen oder einen Hasen bekommen. Kein Elefant!“
Drei Tage später stand in Johnnys Kinderzimmer ein Kleintiergehege mit „Jumbo“, dem bunten Wirbelmeerschweinchen. „Wann wächst ihm denn endlich der Rüssel“, meckerte Johnny noch einige Wochen danach, wenn er die warme weiche Stupsnase seines haarigen Zimmergenossen streichelte.
Ach ja, und dann dieses Weihnachtsfest vor 14 Jahren.
Wir hatten vom Studentenwerk aus einen Weihnachtsmann bestellt, der meiner Meinung nach echtes schauspielerisches Talent hatte.
Er kroch tatsächlich hinter dem Gartengrill über die Terrassentür in das festliche Wohnzimmer. Hockte sich mit einem gewaltigen goldenen Buch neben den Weihnachtsbaum, den Henrik selbst abgeholzt hatte und der mit seinen damals drei Meter fünfzig definitiv viel zu groß für unsere normal bemessene Zimmerdecke gewesen ist.
Der Student mit Kissen vor dem Bauch und flauschigem Bart sprach ganz tief und ernst und zählte alle netten Kindergeschichten aus Johnnys kleinen Alltagserlebnissen auf, die wir zuvor mit ihm am Telefon besprochen hatten.
Und was machte Johnny?
Meine kleine Milchnase marschierte schnurstracks völlig respektlos auf den armen Kerl zu, stellte sich vor ihm auf, zog ihm den weißen Rauschebart aus dem Gesicht und gluckste vergnügt: „Diese olle ‚Kinnmüsse‘ muss doch dolle kratzen. Meine Müssen kratzen immer.“
Der bedauernswerte Weihnachtsmann bekam einen knallroten Kopf, doppelt so tiefrot wie sein Nikolaus-Plüschmantel mit weißen Fellbordüren.
Aber der studierende Weihnachtsmannnachwuchs reagierte damals echt cool.
Er grinste Johnny fröhlich an, klatschte ihn mit einem „High Five“ ab und grunzte: „Ho, Ho, Ho, da siehst du mal, was ich armer Weihnachtsmann seit ewigen Zeiten ertragen muss, damit alle Kinder dieser Welt ein glückliches Weihnachtsfest feiern können. Das nächste Mal kommt dich das Christkind besuchen. Das kann fliegen und hat keinen kratzigen Bart.“
Gerade als sich in meinem Kopf die teilweise längst verstaubten und verrosteten alten Türen zu den kleinen Gemächern mit Erinnerungen aus Johnnys Kindheit zu öffnen beginnen, kommt Daniela mit einer neuen Flasche Wein an.
Henrik balanciert vorsichtig auf uns zu, denn er umschlingt mit den Armen einen großen Umzugskarton, den er mit dem Kinn abstützen muss.
„Hier meine Süßen. Ein Berg voller Fotos, Geburtstagskarten und Souvenirs. Wollen doch mal sehen, ob unser Johnny wirklich so ein liebes Kind gewesen war. Ich habe da nämlich teilweise ganz andere Erinnerungen….“
„Meinst du, das passt heute Abend? Denk doch an die Kinder im Garten. Müssen wir uns nicht ein bisschen um die wilde Bagage kümmern?“
In mir regt sich die fürsorgliche Gastgeberin, die sich letztlich an diesem Tag und nun inzwischen in dieser Nacht seelisch, moralisch und pädagogisch dazu verpflichtet fühlt, ein Auge auf die ausgelassene Jugendbande im DLRG-Zelt vor unserem Haus zu werfen.
„Pssst. Wir haben uns 18 Jahre lang jeden Tag und jede Stunde um das einzige Welpen unseres kleinen Rudels gekümmert. Lass‘ die da draußen mal ihr Ding machen. Wir machen hier jetzt das unsrige“, kichert Henrik und gibt mir einen dicken Schmatzer auf den Mund.
Na dann mal Prost.
Ein Hoch auf uns und unseren ach so erwachsenen Nachwuchs, der nun Schritt für Schritt von den für ihn noch immer gut erreichbaren elterlichen Armen zurücktreten wird.
Vielleicht, um sich schon bald in Julianas jüngere zärtliche Mädchenarme gleiten zu lassen, die ihn im nächsten Lebensabschnitt stützen und liebkosen werden.
Vorausgesetzt, Juliana und Johnny werden überhaupt noch miteinander kommunizieren, nachdem die Gute sich ausgerechnet heute bei der Geburtstagsparty so rar gemacht hatte.
Wir sind doch damals genauso aus der elterlichen Tür hinaus ins Abenteuer Leben getreten. Wenn die Lust auf Leben und auf Erfahrung wächst, dann muss auch der Radius wachsen, in der Mensch seine Neugierde befriedigen darf.
Henrik wühlt sich mit beiden Armen durch die gewaltige Sammlung von Fotoalben, Tagebüchern, Souvenirboxen und Döschen, in denen wir seit nunmehr 18 Jahren Johnnys Leben und etliche seiner Entwicklungsschritte zusammengehalten haben.
Ich weiß, dass ich diese Kiste erst vor wenigen Wochen wieder verschlossen hatte, als ich Johnnys Sportabzeichen in den Zeugnisordner geheftet habe.
Ein kleines Abschnitts-Lebenswerk in einem Umzugskarton.
Ob wir wohl die Gelegenheit bekommen, noch einen weiteren Umzugskarton mit Dokumenten aus Johnnys nächsten Lebensabschnitten zu füllen?
Je älter die Kinder, desto dürftiger die Erinnerungsfotos und –stücke.
Es ist wahrscheinlich normal, mitten in der aufregendsten Pubertätsphase möglichst viele Geheimnisse vor den Eltern aufzuhäufen.
Ich kann mich da ja selbst noch gut an manches Geheimnis aus meiner eigenen Jugend erinnern: Den ersten Schwips, wenn man heimlich mit der besten Freundin hinter dem alten Bahnhofsgebäude die erste Flasche Sekt geleert hatte.
Den ersten eher peinlichen Liebesbrief von einem ungeliebten Klassenkameraden, mit dem man eigentlich noch nicht mal das Nussnougatbrot hätte teilen wollen.
Und dann der erste sehnlichst herbeigewünschte Liebesbrief von dem heimlich verehrten Schwarm aus der Oberstufe, den ich mich niemals getraut hätte anzusprechen – aus lauter Angst, mein Kopf könnte vor Scham zu einem knallroten Luftballon mutieren. Wie herrlich waren damals dieses Herzrasen und dieser berauschende Tanz auf Wolke Sieben gewesen.
Johnny wird wohl keine Liebesbriefe mehr schreiben – und Juliana wird ihr Leben lang nur Videoclips und Handytexte auf ihrem in zwanzig Jahren längst antiquierten Smartphone sammeln müssen, um die erste Liebe ihres Lebens in Erinnerung zu erhalten.
Welcher Jugendliche schreibt heute denn schon noch mit Begeisterung mehr als fünf aufeinanderfolgende Wörter mit einem richtigen Stift auf richtigem Papier. Selbst die Hausaufgaben werden mit dem Textverarbeitungsprogramm des Computers verfasst.
Der Spickzettel für die Matheklausuren und die Vokabeln für den Französischtest werden im Handy gespeichert, und Liebesgedichte oder philosophische Weisheiten „simst“ man sich im Gruppenmodus, damit möglichst viele Mädchen emotional daran teilhaben.
Ich überlege ernsthaft, wie heute die romantischen Gedichtbände des ollen Goethe aussehen würden, wenn er damals die leidenschaftlichen Gefühle seiner Sturm- und Drangzeit mit den heutigen Kommunikationsmedien verfasst hätte.
Ich jedenfalls entstamme noch einer fast schon ausgestorbenen Langhaar-Generation hoffnungslos romantischer Träumer in Röhrenjeans und Turnschuhen, die sich heimlich gegenseitig mit Begeisterung auf Recycling-Papier mit umweltfreundlichen Holzfüllfederhaltern schmalzig triefende Liebesschwüre und unerfüllbare Versprechungen in den Tornister schmuggelten.
Meine Mutter hat die Briefe nicht zu sehen bekommen. Geheimnisse sind schließlich nur spannend, wenn sie im Geheimen stattfinden.
Welche Mutter wird schon darüber informiert, wenn sich Junge und Mädchen zum ersten Mal hinter einer Parkhecke mit geschlossenen Augen verliebt küssen und ausprobieren, wie das mit dem Zungenkuss so funktioniert?
Und bei dieser Gelegenheit auch gleich mit den Fingern ertasten, wie sich die Körperteile des anderen Geschlechtes in jeglicher Erregungsform so anfühlen mögen?
Es gibt nun einmal Erfahrungen im eigenen Leben, die definitiv nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich einer fürsorglichen Mutter gehören.
Außerdem ist eine Mutter doch auch ein bisschen egoistisch. Ich will mir nämlich gar nicht vorstellen, wie heute eine zarte Mädchenhand den Rücken meines Sohnes krault. So, wie es gute zwölf Jahre lang beim abendlichen Zubettgehen jeden Abend meine Aufgabe gewesen war. Wer fühlt sich denn schon gern plötzlich überflüssig!
Den kleinen Schlüsselanhänger mit einem Hufeisen als Glücksbringer, den mir mein erster Freund nach unserem ersten etwas intimeren Stelldichein schenkte, verwahre ich noch heute als eines meiner kleinen Heiligtümer in meiner persönlichen kleinen Schatzkiste in Form eines uralten rosafarbenen Puppenkoffers.
Den Puppenkoffer habe ich vor meiner Mutter immer gut versteckt. Der Schatz sollte mir allein gehören.
Unteilbar.
Unzensiert.
Unkommentiert.
Und weil ich schon früh gern selbst meine kleinen Geheimnisse gehütet habe, gebe ich mich nicht den Illusionen hin, dass ausgerechnet mein forscher Sohn sich mir in allen Lebenslagen offenbaren wird.
Will ich ja auch gar nicht.
Es ist halt so:
Wenn die Zeit gekommen ist, in der es für eine Mutter kaum noch Gelegenheiten gibt, vom eigenen Kind gemeinsame Erinnerungsstücke aufzuheben, dann ist die Zeit gekommen, in der das Kind seine eigenen Geheimnisse als kostbare Erinnerung des Erwachsenwerdens verwahrt.
Wer will einen Vogel daran hindern, in den Himmel zu fliegen, wenn er gelernt hat, wie er dafür seine Flügel zu benutzen hat?
Daniela gießt uns allen ein randvolles Glas Rotwein nach und lümmelt sich schläfrig auf die Hollywoodschaukel. Sie richtet sich auf eine längere Verweildauer ein.
Henriks normalerweise ehr tatkräftig zupackende Männerhände ziehen fast schon andächtig mit extremer Vorsicht eine kleine Kinder-Geschenkbox mit aufgemalten Bärchen aus den Tiefen des magischen Kartons.
„Schau mal, Katja-Schatz. Weißt du noch, was sich in dieser Schachtel befindet?“ Umständlich öffnet Henrik den Deckel und steckt seine Nase in die Box. Er zieht vorsichtig mit spitzen Fingern ein kleines Armbändchen aus dem Karton.
Winzig ist es.
Mit weißen und blauen Perlen.
Und auf den Perlen steht der Name „John H. 21.07.1994“. „Das würde heute kaum noch um Johnnys dicken Zeh passen“, kichere ich.
Dann hält mir Henrik ein paar zusammengeheftete Schwarz-Weiß-Fotos vor die Nase.
„Das sind die ersten Ultraschallaufnahmen. Meine Güte, damals war Johnny gerade mal sieben Zentimeter lang. Heute zieht er den Kopf ein, wenn er durch die Tür geht.“
Ich schaue verträumt auf die alten Aufnahmen.
„Nein, ich habe nichts vergessen.
Nur ein bisschen auf Seite geräumt, um neuen Platz für unser Hier und Jetzt zu schaffen.“
Milchnase
Daniela kichert verträumt aus ihrer Kissenecke: „Ja, ja, ich weiß noch genau, um wieviel Uhr damals am Abend vor Johnnys Geburt Katjas Fruchtblase platzte. Wir haben nämlich gerade telefoniert.
Es war der 20. Juli 1994, abends um 20.00 Uhr. Die Nachrichten hatten gerade angefangen und es war noch immer so heiß, dass man sich am liebsten Eisklötze um die Füße gebunden hätte.“
Schon merkwürdig, dass ein so besonderer Tag für immer und ewig glasklar in den Erinnerungen erhalten bleibt. Er schwimmt immer ganz oben und lässt sich auch durch die gewaltige Last der vielen folgenden Turbulenzen nicht in die Tiefe drücken.
Wie in guten, so in schlechten Zeiten, hat unser Pfarrer damals bei der Hochzeit gesagt.
Und für eine Kindsgeburt gilt das Gleiche.
Wir erlebten unsere Höhenflüge, Abstürze, perfekten Glücksmomente und Katastrophenmeldungen.
Wie jede Familie.
Wie jede Mutter, die ihr Kind liebt und es gern in Watte packen möchte, wenn es einmal etwas fiebrig und ungemütlich wird.
Und wie jeder Vater, der aus seinem Sohn eine Bundesliga-Legende machen möchte, weil er in der E-Jugend sein erstes Fußballtor geschossen hat.
„Du hattest noch nicht mal eine Zahnbürste eingepackt, als es plötzlich hektisch wurde und ich dich ins Krankenhaus fahren wollte“, erinnert sich Henrik, der noch heute den Kopf schüttelt, weil ich die Sache mit dem Kinderkriegen in seinen Augen viel zu entspannt angegangen bin.
„Du bist dicker und dicker geworden.
Konntest dir kaum die Schuhe zubinden und im Bett verbrachte ich einige Wochen lang gemeinsam mit einem schnaufenden Nilpferd. – Aber es schien dir gar nicht in den Sinn zu kommen, dass dein Bauchbewohner irgendwann dann doch mal sein warmes Nest verlassen wollte“, kichert Henrik weinselig.
Stimmt.
Johnny war während der Schwangerschaft für mich keine wirkliche Belastung.
Klar wurde ich dick wie eine Elefantenkuh, aber ansonsten konnte ich während der gesamten Schwangerschaft Bäume ausreißen.
„Du hast sogar das Haus von oben bis unten renoviert und klettertest noch im achten Monat auf den Leiter herum, um die Gardinen aufzuhängen“, erzählt Daniela kopfschüttelnd. „Was haben wir mit dir geschimpft – aber wir hätten genausogut mit den Farbeimern selbst reden können. Die hätten uns genausogut zugehört!“ Henrik reibt sich die Schläfen.
„So verkehrt hat Katja sich ja wohl auch gar nicht verhalten – sonst hätte Johnny ja nicht neun Tage länger in ihrem Bauch verbracht als eigentlich geplant“, widerspricht Daniela.
Henrik lacht. „Richtig. Der Arzt im Kreissaal hat uns letztlich ja sogar recht ungewöhnliche Hausaufgaben erteilt, damit die Schwangerschaft nicht schließlich doch noch mit einem Kaiserschnitt endete.“
Daniela hebt die Augenbrauen. „So, was denn? Etwa diese üblichen Hebammentipps wie das Schleppen von Wäschekörben und Trinken diverser übelriechender Tinkturen?“ „Das auch!“ erinnere ich mich an meine strickte Weigerung, dieses Gebräu aus Rizinusöl, Aprikosensaft, Bier und Pflaumenmus zu schlucken.
Meine Hebamme hat deswegen einen regelrechten Streit mit mir angefangen.
Ich war wohl in ihren Augen eine unbelehrbare und ungezogene Mami, die sich schon vor der Geburt ihres Babys als Rabenmutter outete. „Nein, mein Doktor war ein echter Praktiker. Wir wurden ärztlich dazu verdonnert, abends eine gehörige Portion Sex mit einem Schuss Rotwein einzunehmen“, kichere ich mit versonnenem Blick auf das schon wieder geleerte Weinglas in meiner Hand und auf meinen Göttergatten.
„Nun, irgendwann wurde unsere Milchnase ja dann geboren – sonst würden wir hier jetzt nicht seine Volljährigkeit begießen und in glorreichen Kindheitserinnerungen herumrühren“, nuschelt Daniela.
Nein, nicht irgendwann.
Mein Sohn wurde am Donnerstag, dem 21. Juli 1994, geboren.
Es war 4.22 h morgens und draußen zwitscherten schon die Vögel ihren Willkommensgruß, als John sich zum ersten Mal seine kräftigen Lungen mit Sauerstoff vollsog. „Was hat der Kerl geschrien“, erinnert sich Henrik. „Das klang regelrecht nach Protest und nach Rebellion.“
Genau.
Erst mit diesem ersten herzhaften Babyschrei haben sich Henrik und ich nämlich endgültig auf seinen Namen geeinigt. Wir wussten zwar seit der 24. Schwangerschaftswoche, dass wir einen Sohn bekommen würden, aber wir fanden so viele Namen schön und passend, dass uns die Wahl wirklich schwergefallen war.
Es sollte ein Max oder Moritz werden, vielleicht auch ein Marvin oder Kevin.
Sogar historisch bedeutende Namen wie Alexander, Henry und Julius zogen wir in unsere engere Wahl.
John hieß letztlich John, weil er uns mit einer so durchdringenden Stimme in seinen Bann zog, dass die Hebamme nur meinte, dass aus dem Kerlchen mal ein großer Musiker werden müsse.
Also waren Henrik und ich uns einig. Der Name John war der richtige.
Wie John Lennon von den Beatles.
Daniela lauscht melancholisch. Sie hat bisher kein Kind geboren. Und eigentlich ist sie jetzt als Erstgebärende auch schon zu alt. Schade eigentlich. Ich finde, dieses Erlebnis sollte keiner Frau vorenthalten werden.
Obwohl man das ja heutzutage relativieren sollte. Früher tickte die biologische Uhr bis zum 30. Geburtstag. Heute liest man in den Zeitungen von Fünfzigjährigen, die ihr erstes Kind zur Welt bringen. Gesund und munter und mit glücklichen Eltern.
Schon verrückt, wie sehr sich mit dem Wandel der modernen Sport- und Gesundheitsphilosophien das Auftreten einer ganzen Generation gewandelt hat. Früher galt eine Fünfzigjährige als ältere Frau. Meine Mutter trug bei der Hausarbeit geblümte Hauskleider, einen Dutt mit grauen Haaren und plumpe Gesundheitsschuhe.
Ich marschiere nun selbst mit großen Schritten auf die Fünfzig zu, genau wie meine Freundinnen. Meine Freundin Sabine würde mir mit ihren gepflegten künstlichen Fingernägeln den Hals umdrehen und mir mit ihren High-Heels in den Hintern treten, wenn ich es wagen würde, sie als „ältere Frau“ zu bezeichnen. Die Mütter aus der Generation meiner Mutter kochten und buken für die Familie und gönnten sich als Auszeit hin und wieder den Besuch in einem guten Restaurant oder im Theater.
Ich hätte mir meine Mutter beim besten Willen nicht auf einem Open-Air-Festival wie „Rock am Ring“ vorstellen können. Sabine hingegen kocht und backt zwar auch – aber vegan. Und sie geht auch gern geschniegelt und angemalt ins Theater, um ihrem intellektuellen Statement gerecht zu werden. Aber viel lieber zieht sie ihre verwaschenen Jeans und ihre Sneaker an und wirft sich in die feiernde Menge.
An dem Toilettentürspruch „Die früheren Fünfzigjährigen sind die heutigen Vierzigjährigen“ scheint schon ein bisschen Wahrheit dran zu haften.
Warum also dann sollen nicht die heutigen Fünfzigjährigen auch fit genug sein, um sich mit Familienplanung zu beschäftigen?
Wir Menschen suchen doch immer nach unseren körperlichen und geistigen Grenzen: Wir suchen sie bei der Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät, bei der Wanderung durch die Mongolei, bei einem Fallschirmsprung und bei Marathonläufen.
Ich bin keine Marathonläuferin. Für mich war Johnnys Geburt ein Hochleistungssport, bei dem ich meine körperlichen Grenzen kennengelernt habe. Heute betrachte ich jede Wurzelbehandlung beim Zahnarzt als Witzveranstaltung.
Und über Henriks Gejammer, der sich mit Kopfschmerzen plagt oder sich beim Joggen den Meniskus verrenkt hat, kann ich als Mutter nur träge lächeln.
Komisch, als Jungen sind die Kerle doch noch robust und leidensresistent. Wie oft kam Johnny mit aufgeschürften Knien vom Bolzplatz. Pflaster drauf, Pusten und ein leckeres Vanilleeis: Sofort war die Welt wieder in Ordnung und die Tränen vergessen.
Ab welchem Zeitpunkt in ihrer Entwicklung werden Männer zu wehleidigen Sensibelchen? Ein vierjähriger Bube ist selbst mit 39 Grad Fieber und Windpocken kaum davon abzuhalten, sich mit den Freunden auf dem Bolzplatz zu tummeln. Ein vierzigjähriger gestandener Mann lässt sich mit einer Erkältung am liebsten auf die Intensivstation verlegen.
Kein Sprung vom Zehnmeterturm ins kalte Wasser und kein Formel 1 Rennen kann diesen gleichen gewaltigen Adrenalin- und Endorphinkick hervorrufen wie die Geburt meiner kleinen Milchnase.
Plötzlich zu spüren, dass die Beinchen des kleinen Lebewesens nun nicht mehr unter, sondern über der Bauchdecke in die Rippen stoßen.
Johnnys winzige Schrumpelfingerchen zu halten, die sich mit erstaunlicher Kraft um meine Finger schließen.
Den warmen Mund zu spüren, der beharrlich nach der Milchquelle sucht, sie findet und friedlich schmatzt, während Mutter die Zähne zusammenbeißt, um nicht vor Schmerzen aufzuheulen, weil der kleine hartnäckige liebenswerte Schmarotzer die empfindlichen Brustwarzen hemmungslos bearbeitet, um sein Recht auf Nahrung einzufordern.
Die Natur ist so gewalttätig. Das Leben ist brutal. Es fordert seine Existenzrechte mit aller Kraft und ohne Kompromiss. Dieses Gesetz lehrt dich dein eigenes Kind, kaum dass es von der Nabelschnur befreit worden ist und Mutter die erste Brustwarzenentzündung hinnehmen muss.
Papa Henrik lernte zwar keine Wehen und keine Brustwarzenentzündungen kennen, aber er hatte einen Blick in die VIP-Loge werfen dürfen, die eigentlich nur für Mütter und ihre Neugeborenen reserviert ist. Er hat Johnny und mich mit herzergreifender Anteilnahme durch die gesamte Schwangerschaft begleitet. Sozusagen von der Zeugung bis zum Schnitt durch der Nabelschnur. Er war eigentlich gefühlsmäßig genauso schwanger wie ich selbst. Er verzichtete auf sein Feierabendbier, denn Alkohol ist für Babys ungesund. Er verzichtete auf laute Musik und legte lieber Mozart auf, denn klassische Musik soll eine positive Ausstrahlung auf das Wohlbefinden des Bauchbewohners haben.
Henrik wich mir während der fast zehnstündigen Geburtsprozedur im Kreissaal nicht von der Seite.
Und als Johnny dann endlich diese schwere Hürde überstanden hatte, war er es, der die Nabelschnur durchtrennte. Diese Nabelschnur, bei der ich bis heute das Gefühl habe, sie würde noch immer als unsichtbares Band existieren und meinen Sohn auf magische Weise mit mir verbinden.
Die Hebamme erzählte, dass Henriks Hand mit der Schere sosehr gezittert hat, das sie ihm das Instrument hatte abnehmen müssen, weil sie befürchtete, Henrik könnte versehentlich nicht nur die Nabelschnur, sondern vielleicht aus Versehen auch die kleine Männlichkeit erwischen, die nur wenige Zentimeter unterhalb des Bauchnabels vorwitzig aus den Babyhautfalten hervorlugte.
„Oh Mann, war das ein Drama“, bemerkt Henrik mit leicht zittriger Stimme. Die besinnliche Stimmung dieses Abends und der reichliche Weingenuss lassen die überaus heftigen Vateremotionen wieder aufkochen, mit denen Henrik vor 18 Jahren die bislang aufregendste Nacht seines Lebens durchzustehen hatte.
„Dich haben die Ärzte schließlich mit allen möglichen Schmerzdrogen zu gedröhnt.
Ich weiß noch genau, wie mitten in der Nacht dieser Azubi mit schlaftrunkenem Blick und zerwühlten Haaren im Kreissaal auftauchte, um dir diese monströse Spritze in den Rücken zu rammen, weil du in den Wehen fast schon ohnmächtig geworden bist.
Hinterher hast du den Rest der Nacht doch recht entspannt verlebt, abgesehen von diesen Presswehen zum Schluss, bei denen dich die ganze Mannschaft in weißen Kitteln anfeuerte, als ob du beim New York Marathon in die Zielgerade eingelaufen kämst.“
Eigentlich passt der Vergleich.
Die letzten Minuten einer Geburt sind tatsächlich sowas wie eine Schlussgerade beim Extremsport.
Letzte Kräfte mobilisieren, tief einatmen, Muskeln anspannen, Schmerz aushalten, bei Besinnung bleiben, und wieder Kräfte mobilisieren….
Es gibt im Verlauf der Geburt Momente, die brennen sich ins Gedächtnis ein wie ein Branding auf der Haut. Lassen sich nie wieder wegwischen.
Dazu gehört dieser Moment, in dem ich mein kleines Knäuel Leben zum ersten Mal in den Armen hielt und seinen Herzschlag auf meinem eigenen spürte und wusste, meine Welt ist vollkommen.
Und dazu gehört dieser Moment, in denen ich selbst noch völlig beduselt und besudelt von der Hebamme versorgt wurde und halb bewusstlos Vater und Sohn selig kuschelnd auf dem Sofa liegend sah.
“Milchnase meets Mister Heavy Metal”.
Henrik in seinem alten „Manowar“-T-Shirt und Johnny unschuldig eingewickelt in weiße Handtücher.
Johnny schlummerte selig wohlig auf Henriks Bauch und beide wirkten in diesem Moment so verbunden und vereint, dass ich wohl vielleicht ein bisschen eifersüchtig geworden wäre, wenn ich überhaupt noch die Kraft zu solchen Gefühlen gehabt hätte.
„Ja, Johnnys Geburt war wirklich ein Drama“, brummt es plötzlich und reißt mich aus den herzergreifenden Familienbildern, die nur Henrik, Johnny und mir gehören. Eine Familie wird erst dann wirklich eine Familie, wenn sie gemeinsam ganz besondere Momente erlebt, an denen der Rest der Welt keinen Anteil hat – und auch bewusst jedem Fremden der Zutritt strikt verweigert wird.
Mein Vater lehnt an der Terrassentür.
Er war bei der Geburt definitiv nicht dabei.
Aber er scheint schon länger in der Tür zu stehen, denn er ist über den Verlauf unserer Unterhaltung erstaunlich gut im Bilde.
„Kind, du warst ja nicht mehr du selbst, als das Würmchen endlich auf der Welt war“, lallt Opa Dieter fröhlich.
„Fast zwei Wochen lang hat dich Mama mit Sekt und Schokolade bei Laune halten müssen, weil du Tage lang Rotz und Wasser geheult hast und mit jedem Streit anfangen wolltest, der dir versehentlich in die Quere gekommen ist. Das Baby hat geschrien, du hast geschrien. Es war die Hölle. Eigentlich ein Wunder, dass der arme Henrik damals nicht auf und davon ist.“
Mein Papa war noch nie ein Freund taktvoller Worte.
Daniela schaut mich gedankenverloren an. „So war das? Ich kann mich eher daran erinnern, dass du Johnny in Watte gepackt hast.
Es war fast nicht möglich, an den kleinen Kerl heranzukommen, ohne dass du dich wie eine Löwenmutter dazwischen geworfen hättest.“
Daniela hat Recht.
Es dauerte fast ein Jahr, bis ich mich aus der mir selbst auferlegten Rolle als allgegenwärtige hyperpräsente Supermami wieder herausgewurschtelt habe.
In den ersten zwölf Monaten gab es für mich nur Johnnys Lachen, sein Schreien, seinen Windelausschlag und das Bäuerchen nach dem Essen.
Es gab Spielen und Schmusen, nichts hatte Vorrang vor den Untersuchungsterminen beim Kinderarzt und jeder soziale Kontakt zur Außenwelt wurde durch den Schlafrhythmus unseres Sohnes bestimmt.
„Ja, Johnny war damals ein kleiner Diktator.
Er brauchte nur mit dem Kopf in die falsche Richtung zu wackeln und schon sprangen Katja und Henrik wie die Hampelmänner um ihn herum.
Damals hat schon Mama immer gesagt, dass es Zeit wird, noch eins nachzulegen.
Mit der Mutterliebe ist es wie mit dem Schnaps. Zuviel davon und die ganze Sache gerät mächtig außer Kontrolle.“
Vielleicht hätte ich von Anfang an meinem Vater die Kindererziehung überlassen sollen. Daniela und ich haben sich unter den Fittichen meiner Eltern letztlich ja auch zu annehmbaren Zeitgenossen entwickelt. Denke ich jedenfalls…
Familienkuscheln
Jede Party ist glücklicherweise irgendwann auch mal wieder vorbei.
Es dämmert längst, als sich die letzten Gäste mehr oder weniger torkelnd von unserem Grundstück schleichen. Manche sind selbst dazu viel zu groggy und suchen sich einen mehr oder minder gemütlichen Schlafplatz unter unserem Apfelbaum oder auf den Biergarnituren.
Wir beobachten das langsame Versiegen der allgemeinen Partystimmung von unserer sanft wippenden Hollywoodschaukel aus und ich bin nur froh, dass Henrik sich dazu erbarmt, die Musikanlage auszuschalten und einige Bierflaschen in die Kästen zu räumen.
Ich bin so müde, ich will nur noch in mein Bett. Und mir ein paar Elfen, Feen und Mainzelmännchen herbeizaubern, die sich mit strukturiertem Ordnungswahn über das Chaos in unserem Garten hermachen und mir beim Aufwachen ein blitzblank aufgeräumtes Zuhause präsentieren.
Oder die mir zumindest die Telefonnummer einer hoch belastbaren Reinigungsfrau einflüstern, die ich am kommenden Tag mit dieser Aufgabe betrauen kann, ohne mich später für deren „Burnout-Syndrom“ verantwortlich fühlen zu müssen. Auf dem Weg ins Haus kommt mir Johnny entgegen.
Ein bisschen wankend, ein wenig zerzaust und nicht mehr ganz so glücklich strahlend wie zu Beginn seiner Feier.
„Na, junger Mann, so also fühlt es sich an, gerade die Verantwortung für den hoffentlich noch sehr langen Rest deines erwachsenen Lebens aufgebürdet zu bekommen“, flüstere ich ihm zu.
Johnny hängt sich bei mir ein. Gemeinsam gehen wir ins Haus. Ich gehe ins Bad, Johnny folgt mir.
„Hey, Großer, was ist los? Ich muss Dir wohl nicht mehr die Zähne putzen, oder?“
Mein Sohn hockt sich auf den Klodeckel und seufzt herzzerreißend.
„Mama, ich fühle mich total verarscht.
Ich dachte immer, es muss was Tolles passieren, wenn man plötzlich 18 wird. So was Spektakuläres wie – wie – wie zum Beispiel tausend Sternschnuppen am Nachthimmel oder eine spirituelle Erscheinung oder ein Plopp im Kopf, mit dem sich tausend Türen zu tausend neuen Erkenntnissen öffnen.
Aber neee.
Nichts davon ist passiert.
Die Leute haben sich die Hucke voll gesoffen, ich habe morgen einen schrecklichen Kater und Juliana hat sich komplett gedrückt.
Ne Sprachnachricht hat sie geschickt.
Küsschen und Glückwunsch und ‚Wir sehen uns dann‘.
Ich hab‘ mir da von der blöden Kuh echt mehr erwartet.“
Jetzt tut mir mein Sohn plötzlich leid.
Ein moralischer Zusammenbruch sollte doch wohl nicht das Ende dieser Party sein. Ich meine, wir haben hier ein ganzes Wochenende lang so viel Radau gemacht, dass wir die Nerven der Nachbarn überstrapazierten und wir haben hier mehr Entertainment auf die Beine gestellt als die jährliche Dorfkirmes auf dem Marktplatz. Das muss doch für irgendwas gut gewesen sein.
„Tja, eine der tausend erwarteten Erkenntnisse, auf die du heute Nacht gewartet hast, ist vielleicht diejenige, dass es oft die kleinen Hoffnungen sind, die eine große Bedeutung haben“, sinniere ich so in meiner weinseligen Müdigkeit. „Ich meine, dass dir Juliana heute Abend wichtiger gewesen wäre als die vielen Schul- und Vereinsfreunde, die mit dir Spaß hatten.“
Ich nehme John in den Arm, und ausnahmsweise lässt mein großer Junge das sogar mal zu, ohne sich wie ein Aal zu winden.
„Du solltest dir anhören, welche Entschuldigung Juliana hat. Und wenn es wirklich eine dumme und zickige Ausrede ist, dann frage dich, ob der erwachsene große John weiterhin in die gleiche Göre verschossen sein muss wie der unreife kleine Johnny.“
Johnny blinzelt mich mit feuchten Augen an und drückt mir einen Kuss auf die Stirn.
„Mama, wenn du was getrunken hast, ist ein Sigmund Freud an dir verlorengegangen.“ Johnny schleicht sich aus dem Badezimmer davon, damit ich die Gelegenheit bekomme, das inzwischen reichlich zerflossene Makeup aus meinem Gesicht zu wischen und den sauren Weingeschmack mit Zahnpasta wegzuschrubben.
Als ich wenige Minuten später auch ins Schlafzimmer komme, liegt Johnny mit ausgestreckten langen Beinen und mit geschlossenen Augen in der Mitte des großen Ehebettes. Henrik sitzt neben ihm und wuschelt durch seine blonden Haare.
„Mama, komm! Familienkuscheln!“ nuschelt Johnny.
Ich breche in Tränen aus.
Das hat meine Milchnase zum letzten Mal gesagt, als sie noch auf der Grundschule war.
Johnny fängt an zu schnarchen, Henrik und ich nehmen uns über unseren schlafenden Sohn hinweg in den Arm.
„Früher hat er nach Milch oder Kakao oder Gummibärchen gerochen. Jetzt hat er eine mörderische Fahne“, kichert Henrik.
„Früher war er traurig, weil sein Fußball kaputtgegangen ist, heute wegen seiner kaputten Beziehung“, füge ich hinzu.
Ich kann nicht einschlafen.
Der Film ist noch nicht zu Ende.
Ein Film, der bisher 18 Jahre lang ohne Werbepausen lief und dessen Szenen mich schon den ganzen Abend lang begleiten.
Und es gibt noch so viele heftige und bunte Ereignisse, die sich jetzt mit fast schon schmerzhafter Gewalt aus den teils verstaubten und teils fast vergessenen ordentlichen und unordentlichen Schubladen meines Gehirns herauszwängen und danach schreien, sich von mir noch einmal ganz genau betasten, bestaunen und berühren zu lassen.
Kein Gedanke an Schlaf.
Johnnys Kindheits-Karussell dreht sich und dreht sich und dreht sich…
Die armen Ohren, die arme Milchnase
Herbst 1995.
Ich weiß nicht mehr das genaue Datum, aber es war Freitagnacht.
Jene Zeit, in der man weder seinen Arzt noch seinen Apotheker erreichen kann. Johnny war gerade mal 18 Monate alt und hielt Mama und Papa 24 Stunden lang erfolgreich auf Trab. Eine Milchnase, die nur eine einzige Art der Kommunikation kennt: „Ich will das jetzt. Sofort. Und wehe, meine Bedürfnisse werden nicht innerhalb von Nanosekunden erfüllt!“
Wir waren mittlerweile so sehr an unseren ständig präsenten Sohn gewöhnt, dass es Henrik und mir sofort auffiel, dass das Kind abends ausnahmsweise erstaunlich friedlich wurde und keine permanente Aufmerksamkeit einforderte.
Kein Gequengel beim Abendessen, kein Gezappel bei der Abendtoilette, keine störrische Schnute bei der allabendlichen elterlichen Aufforderung: „Komm Schatz, wir gehen jetzt ins Bett.“
An jenem Freitagabend war Johnny so brav und umgänglich, dass ich mir allein deswegen schon die ersten Sorgen über den Gesundheitszustand meines Sohnes machte.
Und wie das bei fürsorglichen Müttern weltweit wohl so ist, griff ich zuerst mit der Hand an seine Stirn, um die Temperatur zu fühlen.
Oh Schreck! Das Köpfchen war heiß.
Sofort legte ich ihm kühlende Umschläge an. Das Kind schlief mit trüben Augen ein, noch bevor ich unser familiäres „Bubu“-Ritual beendet hatte. Dazu gehörte neben Zähneputzen und Windelgeschäft auch das kleine Handpuppentheater mit Kuh „Witz“ und Tiger „Kuschel“, die ich jeden Abend eine kleine Geschichte vorlesen ließ.
Ich liebte dieses Spiel und wir beide liebten es über so viele Jahre hinweg, dass „Witz“ und „Kuschel“ sogar später noch bei den Hausaufgaben mit Leseübungen und Rechtschreibung mit am Tisch saßen.
Irgendwann so gegen Mitternacht begann das erste wirklich beängstigende Drama mit größter Sorge um die Überlebenschancen unseres einzigen und geliebten Schatzes.
Johnny erwachte, schrie sich in seinem Bettchen im Kinderzimmer nebenan die kleine Kinderseele aus dem Leib.
Ich trug den kleinen Burschen ins warme Elternbett. Normalerweise ließ sich die verstörte Kinderseele in Mamas und Papas behütenden Armen schnell wieder beruhigen. Aber nix da. Johnny brüllte weiter.
Ich rief in meiner Not bei Mechthild an. Omas haben ja eigentlich immer und für jede Gelegenheit das perfekt funktionierende Hausrezept parat.
„Johnny hat Fieber? Dann mach ihm kalte Umschläge und gib ihm Fencheltee“, riet mir Mechthild mit verschlafener Stimme.
Unsere Milchnase bekam also kühle Socken an die Füße und einen lauwarmen Tee. Er trank gierig. Er strampelte sich die unangenehm feuchten Socken weg – und schrie weiterhin wie aufgespießt.
„Witz“ und „Kuschel“ wurden für eine ausgiebige Märchenstunde zum Leben erweckt.
„Benjamin Blümchen“ trötete fröhlich aus dem Kassettenrekorder. Hatte Johnny vielleicht Bauchschmerzen? Stundenlang trugen Henrik und ich unseren gequält jammernden Sonnenschein durch das Haus, versuchten es mit liebevollen Bauchmassagen und mit Wärmflasche.
Unsere Milchnase schrie.
Das Fieber stieg.
Wir waren mit unserem elterlichen Latein jetzt am Ende.
Am Ende waren es auch unsere Nerven.
Meine Milchnase hatte inzwischen eine Temperatur von 39,6 Grad, Tendenz steigend.
Meine Ängste schwollen an. Tendenz steigend.
Ich zitterte vor lauter Sorge.
Das Kind zitterte vor Fieber.
Henrik wurde es unheimlich.
Er packte Kind und Frau in Daunenjacken, Mützen und Handschuhe ein und holte das Auto. Draußen herrschte typisch ungemütliches Herbstwetter mit kaltem Nieselregen.
Wahrscheinlich haben alle Familien eine solche Nacht wenigstens einmal pro Familiennachwuchs mitgemacht. Ich gehe mal davon aus, dass die Sorge um das jeweilige Kind sicher auch nicht mit wachsender Anzahl abnimmt.
Es ist wohl so: Jemanden zu umsorgen heißt immer auch, sich um jemanden zu sorgen.
Wir leben auf einem Dorf. Aber wir haben Glück, dass unsere sozialkompetente Nachbarstadt sich den Luxus eines eigenen Krankenhauses gönnt. Trotz allgemeiner Geldnot der umliegenden Gemeinden fühlen wir uns zumindest medizinisch noch ganz gut betreut.
Wir drei völlig aufgelösten Hesselbachs entern also so gegen drei Uhr in der Frühe die Ambulanz unseres Krankenhauses, in dem Johnny 18 Monate zuvor geboren worden war.
Schreiende Milchnase, nervös stotternde Mama, Papa mit zerknittertem Pyjama.
Allein unser aufgelöster Anblick muss ein ungeheures Mitleidsempfinden bei der übermüdeten Nachtschicht ausgelöst haben.
Frau Doktor setzte das jammernde Fieberbündel auf einen Behandlungstisch, eine Schwester brachte Kaffee.
Natürlich nicht für das Kind.
Sondern vor allem für die Frau Doktor. Die war wahrscheinlich von uns Hesselbach-Bande gerade aus ihrem Bereitschaftsschlaf gerissen worden.
Aber wer kann, der kann.
Frau Doktor kramte ein paar bunte Spielzeugautos hervor, lenkte Johnny einen Moment lang damit ab und hatte so eine Chance, das wie wild um sich schlagende und windende Kind zu untersuchen.
„Fieber 40 Grad, das ist nicht gut“, sagte Frau Doktor. Diese Erkenntnis hatten Mama und Papa Hesselbach auch ohne medizinische Fachkenntnisse schon gewonnen.
Frau Doktor hörte die Brust und den Rücken ab, untersuchte Hals, Augen und Ohren. „Schwellung und Sekretbildung deuten auf eine Mittelohrentzündung hin. Äußerst schmerzhaft und leider auch nicht untypisch bei Kleinkindern“, meinte Frau Doktor und glaubte wohl, uns mit ihrer Diagnose beruhigen zu können.
Wie denn, wenn das Kind schreit und ich nun wusste, dass es deshalb schreit, weil es höllische Ohrenschmerzen ertragen musste.
Behandlung?
Aber doch nicht im Krankenhaus.
Frau Doktor drängte uns also mit dem gepeinigten Kind wieder zurück in den herbstlichen Nieselregen, rein ins Auto und quer durch die ländliche Walachei zur nächsten geöffneten Nachtapotheke. Wenigstens konnte uns die verschlafene Nachtschwester in der Ambulanz die Adresse der einzigen Notapotheke in unserer Umgebung geben. Die Adresse lag so in etwa dreißig Kilometer entfernt in der nächst größeren Stadt. Wir suchten unseren Optimismus in der Vorstellung, dass zu dieser nachtschlafenden Zeit sicher nicht mit einem Stau im Berufsverkehr zu rechnen sei.
Um vier Uhr morgens klingelten wir den verschlafenen Apotheker aus seinem Bett. Dafür war der allerdings richtig nett und zeigte echtes Mitgefühl mit unserem kleinen Mittelohrentzündungs-Patienten. Wenn ich morgens um vier Uhr aus dem Bett geschmissen werde, selbst wenn wir in den lang ersehnten Urlaub fahren wollen, reagiere ich eigentlich immer eher wie eine Brennessel. Gereizt und bitter.
Herr Apotheker reichte uns eine prall gefüllte Tüte im Diskounterformat mit diversen Medikamenten, Tinkturen und Aufgüssen. „Damit geht die Entzündung schnell wieder zurück und dann hat ihr süßer Sohn auch keine Schmerzen mehr“, versprach der gute Mann.
Allerdings bezahlten wir für dieses Versprechen den Nachttarif. Mit Karte. Denn der Betrag überschritt bei Weitem das übliche Budget, das Henrik als Bargeld im Portemonnaie so mit sich herumträgt.
Als wir zu Hause ankamen, war Johnny längst vor lauter Erschöpfung in seinem Kindersitz eingeschlafen. Der arme Kerl hatte nämlich eine fast sechsstündige Odyssee hinter sich. Das Fieber war noch immer nicht gesunken und ich befürchtete nun obendrauf auch noch eine dicke fette Grippe, weil wir das kranke Kind nächtens durch den Regen gezerrt hatten.
Draußen im Garten zwitscherten die ersten Vögel, die sich von dem grässlichen Herbstwetter noch nicht in den Süden hatten treiben lassen. Henrik machte Kaffee.
Im Radio liefen die Sechsuhrnachrichten.
Ich legte mich zusammen mit Johnny ins Elternbett. Die Medizin wartete auf ihren Einsatz.
Mein schlechtes Gefühl verfolgte mich. Was für eine Rabenmutter war ich doch, mein fieberndes Kind mitten in der kalten Nacht ins Krankenhaus zu schleppen und dann noch die halbe Nacht eine Schnitzeljagd zur einzigen geöffneten Apotheke zu veranstalten.
Milchnase fertig und schlafend.
Mann fertig mit den Nerven, übermüdet und schlechtgelaunt.
Mutter fertig und geplagt von jener sorgenvollen Frage, die mich noch so häufig in den nächsten Jahren quälen würde: „Habe ich jetzt als Mutter völlig versagt?“
Im Verlauf jenes katastrophalen Wochenendes ließ das Fieber endlich nach. Die schmerzhafte Entzündung in Johnnys Ohr wohl auch, denn schon am Samstagabend lachte er über die Geschichten von „Witz“ und „Kuschel“ und ramponierte mit seinem nigelnagelneuen Tretroller das häusliche Mobiliar.
Henrik war nämlich der Überzeugung gewesen, dass so ein kleines knallrotes Spielmobil den Heilungsprozess erheblich beschleunigen könnte. Somit verdiente nicht nur der Apotheker, sondern auch unser lokaler Spielzeughändler ordentlich an Johnnys vermaledeiten Ohrenschmerzen.
Ich bin noch heute überzeugt davon, dass nicht die horrend teuren pharmazeutischen Mittelchen, auch nicht Henriks roter Roller, sondern Omas Hausmittelchen der bösen Mittelohrentzündung den Garaus gemacht haben. Denn Oma Mechthild kam am Samstagvormittag kurzentschlossen bei uns vorbei und führte umgehend das Regiment an: „Papperlapapp“, winkte sie vehement ab, als sie die Alditüte mit teuren Arzneipackungen betrachtete. „Was habt ihr denn da eurem armen Bub bloß angetan.
Jedes Kind hat irgendwann mal ein wehes Ohr. Na und, da nimmt man Zwiebelsäckchen und Kamillenbeutel und kuschelt drei Tage lang im warmen Federbett. Dann ist auch das schnell wieder überstanden!“
Prompt flogen all jene teuer erstandenen Präparate des nächtlichen Apothekenbesuchs in die Ecke und Oma Mechthild jonglierte in der Küche. Zwiebeln wurden gehackt und aufgebrüht. Sie wurden in ein kleines Säckchen aus Papiertaschentüchern gepackt.
Minuten später ruhte das nicht mehr ganz so heiße Zwiebelsäckchen unter Johnnys Lieblingsmütze auf dem wehen Ohr unseres Schatzes und er schien es sogar zu genießen. Auch wenn Mütze und Kind kurz darauf penetrant nach Zwiebel dufteten.
Kein Zappeln, kein Aufbegehren, keine kindliche Rebellion. Abends wurde ein Kamillenbeutel aufgegossen. Der kühlte ab und lag dann ebenfalls gut befestigt unter der blauweißen Kindermütze. Jetzt roch das Kind nach Zwiebeln und Kamille.
Heute weiß ich, dass Mechthild keine Kräuterhexe ist und ihre Hausmittelchen auch keine Zauberei sind.
Ich habe gelernt, dass Zwiebeln und Kamille eine gleichzeitig entzündungshemmende, wie auch abschwellende Wirkung haben, und zudem die Schmerzen lindern. Besser und gesünder, als es jeder Laborwirkstoff hinkriegen könnte.
Seither habe ich immer Zwiebeln und Kamille im Haus. Und sie finden noch heute nicht nur im Gulasch oder Erkältungstee ihre Verwendung.
Schnulli
Der Schnuller war Johnnys liebster Freund.
Viel wichtiger als seine Handpuppen „Witz“ und „Kuschel“. Viel wichtiger als Mama und Papa. Denn wenn die kleine Kinderseele wieder einmal mit sich und dem Rest der Welt komplett unzufrieden war, nichts nach seiner Nase ging und Johnny seinen Unmut lauthals der gesamten Dorfgemeinde mitteilte, dann gab es eigentlich immer nur ein wirkungsvolles Hilfsmittel: „Schnulli“.
„Schnulli“ war immer dabei.
Im Urlaub, bei Besuchen, beim Essen, beim Spielen, beim Schlafen, in der Badewanne und eigentlich auch beim Zähneputzen, als dann die ersten Beißerchen endlich mal vorwitzig durch das zarte rosa Zahnfleisch drängten und somit einen Anspruch auf regelmäßige Pflege einforderten.
„Schnulli“ hatte natürlich Freunde.
In rot und blau, mit Bärchen, Autos und Comicfiguren. Mit und ohne Klimperbändchen, mit und ohne Schnuffeltuch.
Familien haben doch immer irgendwelche magischen Zahlen, die in ihrer kleinen Welt eine ganz besondere Rolle spielen.
Das gilt seit jeher auch für die Entwicklungsstufen des eigenen Nachwuchses.
Bei Oma Mechthild hieß es immer „mit einem Jahr sollte das Kind laufen, mit zwei sollte es trocken sein, mit drei das Sprechen gelernt haben.“ Klar wissen wir aufgeklärten Mütter des 21. Jahrhunderts, dass Kindererziehung und - vor allem persönliche Kinderentwicklung - nicht mit der Stoppuhr in der Hand erzwungen werden können und sollen.
Schließlich unterrichten moderne Lehrer heutzutage auch nicht mehr mit dem Rohrstock in der Hand und Schreiben lernen wir auch nicht mehr dadurch, seitenweise Bibeltexte abzuschreiben.
Also ermahnte ich mich, Johnnys Wachstum nicht ungeduldig auf dem Kalender zu verfolgen.
Geduldiges Beobachten, feste Regeln im Familienalltag, Konsequenz im eigenen Handeln und Spielen, Spielen, Spielen. Damit sollte ich doch eigentlich ein paar der wichtigsten pädagogischen Erziehungsgrundsätze aus den zahlreichen klugen Elternratgebern umgesetzt bekommen.
Was das mit dem „Schnulli“ zu tun hat?
„Schnulli“ brachte unsere mühselig verfolgten Erziehungsgrundsätze und –erfolge gehörig ins Wanken. Denn „Schnulli“ überdauerte seine pädagogisch angesetzte Lebensdauer gehörig. So gehörig, dass wir uns in Johnnys drittem Lebensjahr irgendwann eine Strategie überlegen wollten, wie wir die viel zu enge Bindung meiner kleinen Milchnase zu seinem Kautschukfreund möglichst schmerzfrei und ohne seelische Grausamkeiten dauerhaft beenden könnten. Selbst der Zahnarzt schaute bei den Kontrollterminen inzwischen skeptisch auf die intensiv vor sich hin nuckelnde Schnullerbacke und gab uns zu bedenken, dass die Nuckelei zu Fehlstellungen im Kindergebiss führen könne.
Johnny war also jetzt drei Jahre alt.
Genau diese Zahl Drei hatte in unserer kleinen Hesselbachfamilie schon immer eine meist glückliche Bedeutung gehabt. Mit unserer Glückszahl im Nacken, konnte unsere kleine Strategie doch wohl kaum schiefgehen?
Alle unsere gemeinsamen Familienereignisse lassen sich mit drei multiplizieren. Drei Jahre nach unserem ersten Date haben Henrik und ich geheiratet. Damals war ich im dritten Monat mit Johnny schwanger.
Schwanger wurde ich genau drei Monate nach dem Absetzen der Pille, als wir verliebtes Paar beschlossen haben, dass es im Leben noch andere Herausforderungen als Job, Party und Reisen geben müsse. Neun Monate und neun Tage später kam Johnny dann zur Welt.
Drei Monate lang rebellierte es in den kleinen Därmen mit bösen Koliken, bis wir endlich die erste Nacht ohne Blähungen, Herumtragen, Massieren und nächtlichem Unterhaltungsprogramm friedlich durchschlafen durften.
Nach genau 18 Monaten erkundete Johnny seine kleine Hesselbach-Welt auf eigenen Füßen.
Johnny war fast drei Jahre alt, als er gelernt hatte, dass ein Töpfchen kein Swimmingpool für Plastikenten ist und er die Windeln beim ungebremsten Spieldrang als so lästig empfand, dass er lieber von sich aus darauf verzichten wollte – und auch konnte.
Im Juli 1997 wurde Johnny drei Jahre alt und im August würde er zum ersten Mal den Kindergarten besuchen.
Zu diesem Zeitpunkt hingen Johnnys Zähnchen und Lippen aber noch immer voller Zärtlichkeit an seinem besten Freund „Schnulli“.
Vorzugsweise mit Schnuffeltuch.
Eigentlich konnte man hinter dieser Vermummung die hübschen Gesichtszüge des kleinen Kerlchens immer nur vage erahnen.
Kurz vor der neuen Kindheitsherausforderung „Kindergarten“ hatten wir einen herrlich sonnigen Hesselbach-Urlaub auf Rhodos gebucht. Und Henrik und ich hatten bei all dieser wonnigen Urlaubsabwechslung tatsächlich nur ein einziges – scheinbar herzloses und gemeines - Ziel vor Augen.
Abschied von „Schnulli“.
Johnny liebte Flugzeuge.
Und für unsere Milchnase ging ein Traum in Erfüllung, als er mit uns gemeinsam in den Urlaubsflieger steigen durfte, der uns Hesselbachs über den Wolken auf die sonnige Griechenlandinsel Rhodos bringen würde.
Der Flug in die Fremde weckte die Neugierde unseres aufgeweckten Kleinkindes.
Solange Mama und Papa rund um die Uhr für mannigfaltiges Entertainment sorgten, war die kleine Kinderseele mit sich und der mediterranen Umwelt voll im Einklang.
„Schnulli“ war selbstredend überall dabei. Johnny war es auch völlig egal, dass sein Kautschukgefährte beim Spielen am Strand manchmal mit Sand und Meerwasser paniert wurde.
Er teilte ihn auch gern mal mit neuen kleinen gleichaltrigen Urlaubsbekanntschaften.
Vorzugsweise mit Hannah aus Kiel, die ihm auf Schritt und Tritt folgte und sozusagen die erste Urlaubsliebschaft seiner frühen Jugend wurde.
Henrik und ich fieberten jener hoffentlich bald eintretenden Gelegenheit entgegen, bei der unser Sohnemann genug spannende Ablenkung finden würde, um letztlich gar nicht mitzubekommen, dass wir den Schnuller verstecken würden und er den Tag tatsächlich auch durchaus ohne seinen besten Freund überstehen konnte.
Wir wussten nicht wann und wie – aber wir wussten, dass „Schnullis“ Tage gezählt waren und er auf Rhodos ausgesetzt werden sollte. Das war der elterliche Plan.
Manchmal funktionieren Pläne. Nicht immer und häufig auch nicht dann, wann man es gern hätte. Aber in diesem Fall ging unser Konzept auf.
Wir bekamen überraschende Unterstützung vom Meeresgott Poseidon.
Der sonnige Urlaub war eigentlich schon um. Noch einen Abend würden wir auf der schönen griechischen Insel am Kiesstrand verbringen.
Aber leider schaute mich meine Milchnase noch immer am Schnuller nuckelnd mit großen braunen Augen an. Der Rest des kleinen Gesichts wurde nach wie vor von Schnuffeltuch und Kautschuckstöpsel verdeckt.
