Johnny Ruin - Dan Dalton - E-Book

Johnny Ruin E-Book

Dan Dalton

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Johnny Ruin ist am Ende, bevor es richtig losgeht, liebeskrank und vollgepumpt mit Ketamin. Er weiß nicht, wohin mit sich und genauso wenig, warum er in Kalifornien zwischen gigantischen Bäumen hockt, wo er doch eben noch in seinem Londoner Studio auf dem Boden lag. Keine Menschenseele weit und breit, nur ein alternder Popstar mit einem Flachmann: Jon Bon Jovi, eigentlich: der Schweinerocker schlechthin – hier aber: Produzent trockener Sprüche. Gemeinsam machen sich die beiden auf eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten, von Kalifornien bis nach New York und durch die Seelenlandschaft des verzweifelten Helden, seine Erinnerungen an die eine große Liebe und und reichlich Sex, an Kindheitsträume, Jugendfreunde, grandiose Illusionen und vertane Chancen. Dan Dalton erzählt in seinem ersten Roman die herzzerreißend komische und rasend traurige Geschichte eines jungen Mannes, der sich das Leben zur Hölle macht und doch nicht davon lassen kann, nicht vom Leben und nicht von der Liebe. Ein irrer Roadtrip auf der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dan Dalton

Johnny Ruin

Roman

Aus dem Englischen von Marion Hertle

TEMPO

Für Rob

EinsCalifornia/Dreaming

Erst das Wetter. Kühl, windstill, zweiundzwanzig Grad. Weniger das, was man Wetter nennt, eher die Abwesenheit von Wetter. Oben bricht das Blätterdach auf, und eine einzelne Wolke kommt zum Vorschein. Dann eine zweite, die auf die erste zuschwebt. Wenn man nur eine Wolke sehen kann, sieht man nicht genug vom Himmel.

Er ruft zu mir runter, fragt, was ich mache. Ich sage ihm, ich schreibe ein Buch. Ein Lichtstrahl fällt auf sein Gesicht. Er wippt auf seinen Absätzen zurück und blinzelt. Worüber? Ich versuche nicht zu starren, nicht zu nuscheln. Trauer. Wir sitzen schweigend da, umgeben von Mammutbäumen. Die Sonne schimmert durch die Blätter. Die Japaner haben ein Wort dafür. Ich bin kein Japaner. Er auch nicht. Er atmet laut ein, fragt, wer gestorben sei. Ich, sage ich. Er schüttelt den Kopf. Krass, sagt er. Und das meint er auch so.

Das Erste, was man über Jon Bon Jovi erfährt: Er ist verdammt ehrlich.

Ich bin zehn, fahre mit meinem Rad durch die Wälder. Eiche, Kiefer und Weißbirke. Ein Spielplatz, der erklettert werden will. Ich suche mir einen Baum mit tiefhängenden Ästen, schaffe es ganz nach oben. Von da aus kann ich das ganze Tal sehen. Ich bleibe stundenlang, vermesse mein Reich. Als ich nach Hause komme, ist es dunkel. Mum ist wütend, brüllt mich an. Wo bist du gewesen? Ich gebe dem Baum die Schuld.

Mammutbäume gibt es in Kalifornien, und Kalifornien ist weit, weit weg von London. Jon sitzt auf einem umgefallenen Stamm, hoch wie ein Haus. Vielleicht meditiert er. Vielleicht hat er einen Kater. Das ist der Wald des Geistes, sagt er, ohne die Augen zu öffnen. Oh, sage ich. Dann ist ja alles klar.

Als ich sie zum ersten Mal küsse, will ich nie mehr damit aufhören.

Mein erstes Bon-Jovi-Album war Cross Road.1994. Irgendwann fing die Kassette an zu leiern. Der Cross-Road-Jon hatte kurze Haare, trug ein Henley-Shirt und diese John-Lennon-Brille. Die Pudeldauerwelle und der bodenlange Ledermantel waren verschwunden. 1994 war Jon Bon Jovi der coolste Typ, den ich je gesehen habe. Den Jon Bon Jovi meine ich. Den, der jetzt von oben runterpinkelt und mich mit seinem Strahl heißer Pisse nur knapp verfehlt. Er ruft: Pass auf da unten. Zu spät.

Das Zweite, was man über Jon Bon Jovi erfährt: Er ist nicht schüchtern.

Ich war schon mal in diesem Wald. Dem mit den ganzen Mammutbäumen. Vor langer Zeit. Aber das ist nicht nur dieser Wald. Eiche, Kiefer, Weißbirke. Alle Wälder, in denen ich je war, sind hier. Alle meine Ichs. Ich bin elf und baue mir ein Baumhaus. Ich bin fünfzehn und kriege an einen Baum gelehnt einen runtergeholt, von einem Mädchen, das ich im Urlaub kennengelernt habe. Ich fürchte mich zu sehr vor Ameisen, um zu kommen. Ich bin siebenundzwanzig und gehe mit meiner künftigen Ex-Frau spazieren. Ich bin zweiunddreißig, sitze in einem Wald, umringt von den flackernden Geistern meiner vergangenen Ichs. Geister sind nur Echos, die man sehen kann. Ich schreibe das auf.

Hab ich dich mit meiner Pisse getroffen?, sagt Jon und wackelt mit den Hüften, sodass sein Schwanz herumwirbelt wie ein Propeller.

Als ich sie zum ersten Mal küsse, will ich nie mehr damit aufhören. Ich weiß, dass sie mir das Herz brechen wird.

Die Szene: Ein Herbstnachmittag in einem Wald in Kalifornien. Ich habe keine Ahnung, wie ich hergekommen bin. Der Wind in den Blättern flüstert ihren Namen. Die Sonne wirft die langen Schatten der Mammutbäume um mich, Stämme mit zehn Metern Durchmesser, die weit hoch in den Himmel ragen. Staub und Schmutz treiben durch die Sonnenstrahlen, flirren wie Glitter, steigen auf bis zum Blätterdach. Der Himmel auf Erden. Nur kann das nicht die Erde sein, und an den Himmel glaube ich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich tot bin.

Du bist nicht tot, sagt Jon. Er sitzt neben mir, kaut auf einem langen Grashalm, den er sich vom Boden gezupft hat. Hoffentlich nicht von dort, wo er hingepisst hat. Pisse oder nicht, er ist gnadenlos cool, und man kann nicht anders, als ihn zu beneiden. Er spricht, ohne mich anzusehen. An was erinnerst du dich?

Ihre Lippen waren so weich, dass ich geseufzt habe, als ich sie zum ersten Mal küsste. In der Sekunde, in der wir uns berührten, wurde ich hart. Später reichte schon ihr Geruch. Jetzt reicht der Gedanke an sie. Jetzt habe ich nur noch Erinnerungen.

Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Ich sage: Ketamin.

Er sagt: Ketamin was?

Ich sage: Daran erinnere ich mich.

Er sagt: Wieso hast du Ketamin genommen?

Ich sage: Ich weiß nicht. Ich war müde. Ich hätte noch mal drüber nachdenken sollen.

Er sagt: Du weißt, was man sagt. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Angeblich hilft Ketamin gegen Depressionen. Eine Studie hat gezeigt, dass schon eine einzige Dosis die Stimmung heben kann. Dauerhaft. Außerdem macht es high. In Großbritannien kriegt man so eine Therapie nicht. Noch nicht. Aber Ketamin. Gering dosiert. Hab ich gemacht.

Ich bin zehn, fahre mit meinem Rad durch den Wald. Eiche, Kiefer, Weißbirke. Ich suche mir einen mit tiefhängenden Ästen und schaffe es bis ganz oben. Ich kann meilenweit sehen. Ferne Täler, Kirchtürme, Flüsse, Rauch. Ich bleibe stundenlang und gehe erst, als es zu dunkel ist. Mum ist wütend. Sie fragt, wo ich gewesen bin. Ich gebe der Nacht die Schuld. Sie kam zu früh.

Die Wahrheit ist: Ich wusste nicht, wie ich runterkommen sollte.

Jon dreht sich zu mir. Hast du es endlich kapiert? Ich frage ihn, ob ich träume. Nicht wirklich, sagt er. Ihre Stimme im Wind, sie schnurrt. Bei dir fühle ich mich so gut. Ich schließe die Augen. Der Wind ist nur ein Hauch. Trotzdem beißt er.

Scheiße, sagt Jon. Der Schnellste bist du nicht gerade, oder? Er dirigiert den Wind. Wir sind in deinem Kopf, Kumpel.

Der Wald verschiebt sich. In der Baumreihe vor mir bewegt sich eine Gestalt, Gesicht und Körper sind verschwommen, eine vage Erinnerung. Ich frage Jon, ob er es auch sieht, aber als die Worte bei ihm ankommen, ist sie schon verschwunden.

Ich bin zweiundzwanzig, spaziere durch die Rothölzer, mache Fotos mit meiner Einwegkamera. Als ich drei Wochen später die Abzüge bekomme, sind sie blass und fleckig. Zu viel Sonne.

Das Licht wird immer greller, fällt gleißend durch die Bäume. Ich sehe Jon an, Farbflecken haben sich in meine Netzhaut eingebrannt. Ich frage Jon, ob ich das hier alles selbst mache. Er steht auf, klopft sich den Staub von der Hose. Zu viel Zeit im Kopf ist eine schreckliche Sache, sagt er. Ich sage ihm, dass wir erst eine Stunde hier sind. Du bist schon dein ganzes Leben lang hier, Chef. Er nimmt meine Hand und zieht mich auf die Beine. Ich muss es wissen. Schließlich war ich dabei.

Ich bin 1983 geboren. In dem Jahr änderte John Bongiovi seinen Namen in Jon Bon Jovi und landete mit der nach ihm benannten Band den ersten Hit. Die Idee stammte von Doc McGhee, seinem Manager. Bon Jovi sei leichter zu merken, leichter zu buchstabieren, hieß es. Außerdem hatte es bei Van Halen auch funktioniert.

Mein Vorname hat nie zu mir gepasst. War immer zu förmlich. Man hat mir andere gegeben, Spitznamen. Keiner davon blieb hängen. Als Kind hab ich zum Spaß andere Namen ausprobiert. Später habe ich mir fürs Schreiben Pseudonyme zugelegt. Ich wollte cooler sein, sympathischer. Außerdem konnte ich meinen nicht benutzen. Nicht mehr. Nach ihr war mein Name Ruin. Jon schnitzt seinen Namen in einen Baumstamm. Aber du hast doch schon draufgepisst, sage ich. Er macht es fertig, klappt sein Messer zusammen und pustet den Staub weg. Pisse vergeht, sagt er. Namen bleiben.

Ich stehe am Fuß eines Baums, schaue hinauf. Es fühlt sich an, als würde er gleich fallen. Mein Kopf spielt mir einen Streich. Wir können bleiben, sagt Jon, den Sonnenuntergang genießen. Oder wir gehen los. Da drüben ist eine Straße, direkt hinter dem Waldrand. Ich blicke zur Sonne, es ist noch hell genug. Wenn wir gehen, will ich wissen, wache ich dann auf? Jon legt seine Hand auf meine Stirn, wie es Eltern bei ihren Kindern tun. Kann ich nicht versprechen, sagt er. Aber besser, als hier rumzuhängen.

Ich frage mich, was passieren würde, wenn einer der Mammutbäume umfällt. Keine gute Idee. Der Baum vor uns kracht zu Boden, wir können uns gerade noch in Sicherheit bringen. Er reißt ein halbes Dutzend anderer Bäume mit, die Erde hebt sich, bricht auf, die Wurzeln werden aus dem Boden gerissen. Vielleicht passiert es auch nur in meinem Kopf. Vielleicht das alles hier. Wir gehen wohl besser, sage ich.

Als ich sie zum ersten Mal küsse, will ich nie mehr damit aufhören. Nichts hält für immer.

Ich bin zweiunddreißig, fahre mit meinem Rad durch den Wald. Jon Bon Jovi neben mir. Wir treten hart in die Pedale, wie Kinder in Filmen aus den Achtzigern. Mammutbäume knarzen, brechen, bersten. Splitter so groß wie kleine Autos schießen an uns vorbei. Wurzeln wachsen in die Höhe wie Wände. Der Wald meines Geistes zerfällt. Ich tauche tief hinab, unter den Fahrtwind.

Wenn im Wald ein Baum umfällt und Jon Bon Jovi ist dabei, macht es das immer noch nicht realer.

An was erinnerst du dich?, fragt er keuchend. Hab ich dir erzählt, sage ich. Der Boden unter uns bebt. Wir heben ab, springen über umgestülpte Wurzeln, rasen abwärts, ducken uns unter Stämmen und Ästen hindurch. Ich hab nicht gefragt, was du genommen hast, sagt er. Ich schweige einen Augenblick. Dann nehme ich allen Mut zusammen und sage: Ich habe versucht, mich umzubringen. Lauter als geplant. Ich weiß, Kumpel, sagt er und macht einen Schlenker, um einem Baum auszuweichen. Echt?, sage ich. Er nickt. Echt. Er sieht so verdammt cool aus auf seinem BMX.

Der Waldrand kommt in Sicht. Jon Bon Jovi ist ein Stück vor mir. Dein Buch, sagt er. Das über Trauer. Du solltest dir diese Enthüllung, das ganze Selbstmordding, für den Schluss des zweiten Teils aufheben.

Was die meisten Leute nicht über Jon wissen, ist, dass er wirklich was von Büchern versteht.

Was die meisten Leute nicht über mich wissen, ist, dass ich noch nie einen Mammutbaum gesehen habe.

Auch wenn ich es immer behaupte.

ZweiNevada/Unerinnert

Wir sind schon eine halbe Tankfüllung weit in der Wüste, als die Droge zu wirken beginnt. Irgendwo jenseits der Grenze dieser endlosen Weite verstoffwechselt mein Körper das Ketamin. Die Wirkung ist halluzinatorisch. Das helle Strahlen des Sonnenaufgangs vor mir, ein Flammenmeer, das die Nacht versengt. Es schmilzt den Mond vom Himmel, ein Wasserfall aus Staub sammelt sich am Wüstenboden. Wir fahren mitten ins Feuer. Ich gebe Gas.

Ich bin acht oder neun und laufe zur Schule, spiele das Spiel, bei dem ich jedes Auto benenne, das an mir vorbeifährt: Ford Fiesta. Ford Escort. Ford Sierra. Fast jeder hat einen Ford. Wenn ich eins nicht erkenne, drehe ich den Kopf und lese die Aufschrift. An manchen Tagen schaffe ich den ganzen Weg, ohne eins auszulassen.

Als Brotjob schreibe ich Tweets für eine Firma. JoeSeal. Holzbeize. Für den guten alten Joe, Sie wissen schon. Für sie twittere ich pseudophilosophische Lebensweisheiten aus der Sicht einer Dose Holzbeize. Ich will Romane schreiben, aber dieser Job zahlt meine Rechnungen.

Beispieltweet: Dein Herz kannst du nicht schützen, aber deinen Zaun. Mit JoeSeal.

Ich frage Jon, ob Bukowski Tweets für Firmen geschrieben hätte. Zerbrich dir nicht den Kopf, sagt er.

Ich bin die ganze Nacht gefahren. Die Fahrräder haben wir gegen einen Cadillac getauscht. Ein Schiff von einem Auto – die Art von Wagen, wie sie die Leute in Büchern oder Filmen immer fahren. Wir haben endlose Meilen auf dem Asphalt hinter uns, der Fahrtwind erstickt den Geruch von heißem Gummi und Benzin.

Ich gähne, meine müden steifen Beine schmerzen. Die Prärie ist so riesig, es fühlt sich an, als würden wir über den Horizont surfen, uns auf orangenen Lichtstrahlen durch Asphaltfurchen pflügen. Die Sonne geht auf und taucht die Welt in tausend Farben zugleich, alle golden. I’m wide awake. It’s morning.

Meilenweit um uns herum ist nichts, aber es gibt Plakattafeln. Freistehende Gerüste am Straßenrand verkaufen mir Erinnerungen, die ich lieber vergessen will. Ein dummer Spruch, den ich mal gebracht habe, in einer Angeberschrift, zehn Meter hoch. Ein Stück weiter eine Werbetafel mit ihrem Gesicht. In der Bildunterschrift sagt sie mir, dass sie mich liebt. Dreißig Sekunden später sagt sie mir auf einer anderen Tafel, dass sie das nicht mehr kann.

Ein Ziel setzen. Eine Zeitlang bin ich über dem Auto geflogen und habe mir beim Fahren zugesehen, aber als Jon aufwacht, steht die Sonne schon auf halbem Weg am Himmel und ich bin wieder zurück in meinem Körper. Soll ich fahren?, fragt er. Ich frage ihn, wohin wir fahren. Er grinst. Wir sind schon da.

Es geht weniger um das Ziel als um die Reise.

Und was soll das verdammt nochmal heißen?, frage ich.

Es heißt, halt’s Maul und genieß den Trip.

Eine Tafel sagt mir, dass ich überhaupt nicht lustig bin.

Im JoeSeal-Sprech kann auch eine Frau ein Joe sein, aber nur, weil sich die Leute beschwert haben. Kurz bevor ich dort anfing, haben sie zum Internationalen Frauentag eine limitierte Auflage von JaneSeal herausgebracht. Die Dose war rosa. PR-technisch war es die totale Katastrophe. Aber die Verkäufe von JoeSeal stiegen um 34 Prozent.

Beispieltweet: Sei der Zaun, den du in der Welt sehen willst. Mit JoeSeal.

Stell dir deinen Geist wie eine Landkarte vor, sagt Jon. Verschiedene Dinge liegen an verschiedenen Orten. Erinnerungen, Gedanken, Gefühle. Du kapierst schon, was ich meine. Ich sehe mir das Wüstenmeer an, das sich in jeder Richtung bis zum Himmel erstreckt. Ich frage ihn, was ich hier aufbewahre. Er sieht sich um. Nicht viel, schätze ich.

Der Punkt ist, dass sich die meisten Leute langweilen. Furchtbar langweilen. Fast alles, was die Leute so treiben, geschieht aus Langeweile. Ist man gelangweilt vom Single sein, sucht man sich eine Freundin, ist man davon gelangweilt, heiratet man. Kriegt ein Kind, hat eine Affäre, lässt sich scheiden, kauft sich was Schnelles, Teures. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Trinken. Ficken. Schlafen. Meine Großeltern sind über neunzig geworden. Was ich damit sagen will: Ich möchte keine sechzig Jahre Langeweile vor mir haben.

Ich sage: Sind das Fledermäuse?

Er: Nie und nimmer.

Es heißt, Selbstgespräche seien ein erstes Anzeichen von Wahnsinn; aber das finde ich nicht. Sie sind nur Vorübungen für Gespräche, die man noch nicht geführt hat. Ein Anzeichen von Wahnsinn ist, wenn einem nicht klar ist, dass die Person, mit der man spricht, man selbst ist.

Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich die Marken aller Wagen benenne, die mir auf der Gegenspur entgegenkommen. Es ist ziemlich einfach. Nach einer Weile wird mir klar, dass ich auch in diesen Autos Passagier bin. Es sind alles Autos, die ich mal besessen habe.

Mein erster Wagen war ein 92er Ford Fiesta. Ich hab ihn 2004 für 100 Pfund gekauft. Von kaum mehr zusammengehalten als Rost und Hoffnung – und roter Farbe, die allmählich ins Rosa überging. Ich habe ihn Steve McQueen getauft, weil er so cool war. Irgendwann, als ihn nur noch Löcher zusammenhielten, ist er auseinandergefallen. Aber wir hatten Spaß miteinander, eine Zeitlang.

Beispieltweet: Verschiebe das Unvermeidliche. Mit JoeSeal.

Du musst das so sehen, sagt Jon. Das ist das Land alles Zurückgelassenen – Menschen, Orte, Dinge, die du mal kanntest. Freunde, die du vergessen hast. Geliebte, die du nie geliebt hast. Du weißt schon. Ich erwähne sein Soloalbum. Er lacht. Was man sonst noch über Jon Bon Jovi erfährt, ist, dass es ziemlich schwer ist, ihn zu verletzen. Weil er eine Projektion deines Unterbewussten ist und so.

Die Haare. Das Lächeln. Es ist so einfach zu vergessen, dass das nicht Jon Bon Jovi ist. Nicht wirklich. Eher eine Art Non Jovi. Ein Figur von der Rückseite eines Albumcovers, die ich selbst heraufbeschworen habe. Und trotzdem vergesse ich es nur zu gern, tue so, als wäre er echt, um mich wieder wie ein Kind zu fühlen, unterwegs mit dem coolsten Mann der Welt.

1990 brach Jon zu einer Motorradtour auf. Nach vier Hit-Alben und weltweiten Konzerttourneen war er ausgelaugt, ausgebrannt, erledigt. Er legte die Band eine Zeitlang auf Eis und verschwand eine Weile. Ließ sich die Haare schneiden, gondelte zwischen Kleinstädten herum, arbeitete an Songs, aus denen später Keep the Faith werden sollte.

Dann schrieb er den Soundtrack für Blaze of Glory. Die meisten vergessen, dass das ein Solo-Projekt war. Er gewann den Golden Globe, aber Sondheim hat ihm den Oscar weggeschnappt. Egal. Er fand, wonach er gesucht hatte. In der Wüste ließ er das Alte zurück und erfand sich neu.

Und in eben dieser Wüste steht er nun auf seinem Sitz und deutet auf eine Werbetafel mit einem unvorteilhaften Bild von mir, das ich versehentlich mal mit meinem Handy gemacht habe. Oh Mann, Kumpel … wie viele Kinne sind das denn?

Wir fahren an Steve McQueen vorbei, mehr Rost als Auto, er steht verlassen da, wo ich ihn geparkt hatte, am Straßenrand meines Geistes, irgendwo am Highway im Land der Verlorenen Dinge.

Vielleicht sollte ich mit der Band eine Pause einlegen.

Aber du bist in keiner Band, sagt Jon.

War nur so ne Redewendung, erwidere ich.

Du bist auch so ne Redewendung.

2005 fuhr ich mit dem Auto quer durch die USA. 10000 Meilen, 30 Staaten in 30 Tagen. Meistens sah es so aus wie hier. Meilenweit gar nichts, dann endlose Vorstädte voller Einkaufszentren und Restaurantketten. Man kann in Amerika überall hinfahren und findet sich genau dort wieder, wo man losgefahren ist – auf einem sechsspurigen Highway zwischen einem Sizzler-Familienrestaurant und einem Outback-Steakhouse.

Beispieltweet: Zuhause ist da, wo der Zaun ist. Mit JoeSeal.

Plakatwand: Bring dich um.

Eins meiner anderen Autos war ein 1985er Allrad-Mitsubishi, den ich wegen der schnurrbartartigen Hirschfänger Magnum getauft hatte. Die Vordersitze waren separat aufgehängt und extrem gefedert, was eigentlich für Geländefahrten gedacht war, aber ich benutzte sie für Autosex. Mit meiner damaligen Freundin fuhr ich abends auf ruhige Nebenstraßen, sie setzte sich auf mich, und dann ließen wir den Sitz die ganze Arbeit machen.

Auf der anderen Straßenseite kommt uns der Jeep nun entgegen, ihr Gesicht verzerrt, meins angespannt auf die Straße starrend, während uns der Sitz zum Höhepunkt schaukelt. Als der Mitsubishi im Rückspiegel verschwindet, haut mir Jon auf den Arm und gratuliert mir zu Sex, den ich vor zehn Jahren hatte.

Irgendwo in der Prärie sehe ich einen lachenden Jungen, der Rad fährt. Hinter ihm ein zweiter, der dasselbe tut. Mein Bruder und ich. Wir müssen elf oder zwölf sein. Wir sind glücklich. Hab wohl eine Menge verloren, sage ich.

Ein alter Freund steht mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand und versucht zu trampen. Paul. Ich halte nicht an. Paul und ich haben lange nicht gesprochen; der Grund dafür ist, dass es mir irgendwie peinlich ist, wie sich mein Leben entwickelt hat. Ich will nicht, dass er mich so sieht.

Jon steht mit ausgestreckten Armen auf dem Beifahrersitz als wäre dieses Auto die verdammte Titanic. Er grinst und versucht, irgendetwas in den heulenden Fahrtwind zu brüllen. Ich frage ihn, was er da macht. Leben, ruft er, und ich erkläre ihm, dass das alles nicht real ist. Er grinst. Ich mache einfach nur das Beste draus.

Auf einer vorüberziehenden Plakatwand sind wir zehn Meter groß und glücklich.

Was ich damit sagen will, ist wahrscheinlich, dass ich nicht noch sechzig Jahre lang allein sein will.

Man kann auch zu glücklich sein, sage ich zu Jon, zu niemandem. Schwachsinn, erwidert er. Schau dir Hunde an. Hunde sind so glücklich, wie man nur sein kann. Ich schüttle den Kopf. Mal vom Happy-Tail-Syndrom gehört?, frage ich. Wenn Hunde so stark mit dem Schwanz wedeln und dabei gegen etwas schlagen, dass er an der Spitze aufplatzt und blutet, sage ich. Sie spritzen alles voll mit ihrem Blut. Einen Augenblick lang schweigen wir. Man kann auch zu glücklich sein.

Jon sagt: Du hast schon ein besonderes Talent, alles kaputt zu machen.

Jon sagt: Nimm den Typen mit, ich fahre.

Wir tauschen die Sitzplätze. Jon reißt das Lenkrad herum und wir segeln über beide Fahrspuren hinweg an den staubigen Straßenrand. Die Dunkelheit senkt sich, der Himmel glimmt orange auf, wo er auf die Wüste trifft. Weit oben weicht das helle Blau allmählich tiefem Schwarz. Ich blicke hoch und sehe, dass die Sterne nur Kratzer sind. Die Nacht ist abgenutzt, verblasst wie eine alte Fotografie, mit Filtern bearbeitet, die analoge Abnutzung nachahmen.

Wie lang wird das dauern?

Du meinst, ihn mitzunehmen?

Das Ganze. Diese Reise.

Wie lange hältst du ohne Wasser durch?

Kommt drauf an, sage ich. Fünf Tage. Vielleicht eine Woche.

Dann sollten wir wohl versuchen, vorher fertig zu werden.

Ich hole mein Notizbuch raus, beginne zu schreiben. Jon schaut mir über die Schulter und liest mit. Willst du wirklich so anfangen? Ich lege eine Hand über meine Notizen. Er schiebt eine Kassette ins Autoradio. Brian Eno. Es passt nicht zur Landschaft. Es ist absolut perfekt. Hey, sagt er. Es ist deine Geschichte.

Er legt einen Fuß aufs Armaturenbrett und schlägt mit der flachen Hand auf seinem Schenkel den Takt. Er lächelt. Ein Lächeln, das eine Million Alben verkauft hat. Hier und jetzt, inmitten vergessener Erinnerungen und ausrangierter Leben wird mir klar, dass ich seit zehn Jahren kein Bon-Jovi-Album mehr gehört habe.

Beispieltweet: Sie leben nicht lange genug, um es verblassen zu sehen. Mit JoeSeal.

DreiNevada/Unerinnert, Part II

Wir sind in die Nacht geraten, ohne es zu merken. Die Nacht ist da ziemlich raffiniert, senkt sich erst langsam und dann ganz plötzlich. Draußen ist es kühl, nicht kalt. Wir lassen das Verdeck offen. Darüber ist mit Jon nicht zu reden. Er lässt ein Bein über die Tür baumeln, sein nackter Fuß ruht auf dem Seitenspiegel. Wir fahren genau 108 Meilen die Stunde. Das weiß ich, weil er es mir extra gesagt hat. Er hat nur einen Finger ganz unten am Lenkrad, klopft mit seiner freien Hand auf dem Schenkel den Takt eines Beats, den ich nicht hören kann. Vor einer halben Stunde haben wir unseren Tramper mitgenommen. Wir haben immer noch kein Wort geredet.

Ich bin zweiundzwanzig. Mein bester Freund Paul und ich stehlen uns vor Tagesanbruch aus Los Angeles heraus, um dem unvermeidlichen Stau zu entgehen. Wir haben vor, dreißig Staaten in dreißig Tagen zu schaffen, mehr als 10000 Meilen zu fahren. Es soll der beste Trip unseres Lebens werden.

Jetzt sitzt Paul stumm auf dem Rücksitz des Cadillac, hinter dem Freund, der ihn zurückgelassen hat, und dessen Rockstar-Kumpel. Er beugt sich vor. Bist du wirklich Bon Jovi? Jon nickt. Hey Kumpel, ich liebe diesen Song von dir. Wie heißt er noch, Sweet Child o’ Mine. Wahnsinns-Song. Jon umfasst das Lenkrad fester, murmelt danke. Ich versuche gar nicht erst, mein Grinsen zu verbergen.

An meinen ersten Autounfall kann ich mich nicht erinnern. Mum hat mir die Geschichte erzählt. Wir standen an einer roten Ampel, und jemand fuhr von hinten auf uns drauf. Ich habe mir die Unterlippe durchgebissen. Die Narbe habe ich immer noch. Wie ein Tagebucheintrag, den jemand für mich gemacht hat, ein Souvenir von etwas, an das ich mich nicht erinnere.

Ich bin zweiundzwanzig, auf meiner Tour mit Paul, wir trinken kleine Biere in einem Motel 6. Er ist betrunken, schreit aus vollem Hals: Was ist in dem Paket! Was ist in dem Paket! Ich muss ihm ins Gesicht schlagen, um ihn dazu zu bringen, ins Bett zu gehen. Ein paar Stunden später wird er mit schmerzendem Kiefer aufwachen, und ich werde ihm sagen, dass er hingefallen ist.

Jon tippt zweimal auf die Bremse, dreht am Lenkrad, sodass das Auto über die Fahrbahn schlingert. Ich erwache aus dem Halbschlaf. Was verdammt …? Er lacht, sagt mir, dass das Auto tanzt. Mum hat das immer gemacht, als ich klein war. Damals war das superlustig. Du hast nicht mal irgendeine scheiß Musik an, sage ich. Er bremst im Takt, seinem eigenen. Nein Kumpel, sagt er. Du hast nicht mal irgendeine scheiß Musik an.

Ich drehe mich rum, knie mich auf den Sitz. Paul blickt auf. Erinnerst du dich noch an diese Schwestern, die wir in der Karaoke-Bar abgeschleppt haben?, sagt er. Hab mich für dich aufgeopfert, damals, Kumpel. Deine war echt okay. Ich zucke bei seinen Worten zusammen. Dann eine Pause, die viel zu lang wird. Ich versuche, das Thema zu wechseln.

Wohin willst du eigentlich?

Ach, mal hier hin, mal da hin. Du weißt schon.

Wir sind mitten im Nirgendwo.

Erinnerst du dich noch an die Tänzerin, die ich gevögelt hab?

Wo musst du denn hin?, frage ich.

Super Beine. Warum hab ich die nicht wiedergesehen?

Vielleicht, weil du damals mit deiner Freundin zusammengewohnt hast?

Oh stimmt, sagt er. Trotzdem schade. Super Beine.

Dieses Gespräch ist nicht ganz fair. Das sind zwar seine Worte, aber sie stellen ihn nicht richtig dar, nicht ganz jedenfalls. Und trotzdem sind sie der Grund, warum er hier ist, irgendwo in meinem Geist. Wir haben seit Jahren nicht gesprochen. Vielleicht, weil er mich an ein Ich erinnert, das ich lieber vergessen will. Vielleicht erinnert er mich an jemanden, der ich immer noch bin.

Jon sagt: Paul, oder? Paul nickt. Ihr zwei wart Freunde, sagt Jon. Warum sprecht ihr dann nicht mehr miteinander? Ich kenne die Antwort. Und Jon sollte sie auch wissen. Die Nacht ist frisch, und ich atme kleine Wolken aus. Aber mir ist nicht kalt. Hier ist es nie kalt. Ganz ehrlich, sagt Paul, mit der Zeit wird es ein bisschen langweilig.

Das erste Auto knallt von hinten auf uns drauf. Schiebt uns nach vorn. Große Verwirrung, das Kreischen von schleifendem Metall. Reifen quietschen. Dann werden wir von der Seite gerammt. Ein anderer Wagen. Verdammte Schei…, setzt Jon an. Er bringt den Satz nicht zu Ende. Ein dritter Stoß schiebt uns aus der Spur und in den Gegenverkehr. Jon lenkt uns schleudernd zurück, direkt in die Breitseite eines SUVs. Jon gibt Gas, geht zum Angriff über, aber ein weiterer rammt uns von rechts hinten. Das Heck des Wagens reißt aus. Jon kämpft mit dem Lenkrad, als wir über die Fahrbahnabsperrung trudeln. Das Auto tanzt, aber nicht zu unserem Beat.

Wir kommen zum Stehen. Ich will gerade fragen, ob alles in Ordnung ist, als uns ein rasender Truck voll erwischt. Das Auto rollt in Zeitlupe. Dann schlage ich hart auf dem Boden auf. Ich bin mir nicht sicher, wie lang ich bewusstlos war. Als ich die Augen aufmache, liege ich im Dreck am Straßenrand. Jon ist in der Nähe. Dann sehe ich Paul.

Als ich Paul zum letzten Mal gesehen habe, hat er uns beide bei einem Autounfall fast umgebracht. Das war vor zehn Jahren. Jetzt ist er ein geschundener Körper in einem Schrottwagen in meinem Kopf. Die Nacht senkt sich erst langsam und dann ganz plötzlich.

Beispieltweet: Man kann nicht alles beschützen. JoeSeal.

Jon steht auf und klopft sich ab. Er läuft dahin, wo ich stehe. Scheiße. Was für eine Fahrt. Ich blicke auf Pauls Körper hinab. Sag das mal Paul. Jon fragt, ob er tot ist. Entweder das, oder es geht ihm wirklich richtig beschissen, sage ich. Jon neigt sich zu mir, legt mir einen Arm über die Schulter. Mal verlierst du, ein andermal verlierst du auch.

Ich schiebe seine Hand weg. Was willst du hier eigentlich?, sage ich. Du tust so, als wüsstest du alles. Aber du weißt gar nichts. Die Straße ist übersät mit Metall, Glas und Paul. Ich weiß alles Mögliche, sagt Jon. Ich weiß, dass es ziemlich schwierig ist, sich mit Ketamin umzubringen.

Er läuft los. Ich sehe zu, wie Paul zu Staub und Knochen zerfällt und der Wind seine Überreste fortträgt. Jon hält seinen Hut fest, damit er ihnen nicht hinterherfliegt. Kommst du?, sagt er. Der coolste Mann, den ich nie getroffen habe, stiefelt vom Highway in den Schatten. Ich hebe mein Notizbuch auf und folge ihm.

Auf unserer Tour durch die USA bin ich am Lenkrad eingenickt. Ich war die ganze Nacht gefahren. Paul schlief auf dem Beifahrersitz. Es war nur eine Sekunde, vielleicht sogar weniger. Sekundenschlaf, heißt es deshalb wohl. Aber lange genug. Als ich aufwachte, war ich viel zu nah an dem Jeep vor uns und musste ausweichen, um nicht in ihn reinzuknallen. Die Fahrerin hupte, brüllte mir über den Rückspiegel unverständliche Beleidigungen zu. Kurz darauf fuhr ich raus, um Pause zu machen. Paul hat die ganze Sache verschlafen, ich hab ihm nie davon erzählt.

Ich bin einunddreißig. Es ist unser erster gemeinsamer Ausflug. Die gesamte erste Stunde hat sie mir von all den grauenhaften Unfällen erzählt, die sie als freiwillige Rettungssanitäterin miterlebt hat. Enthauptungen. Fahrer, die ihre gesamte Familie umgebracht haben, weil sie am Lenkrad eingeschlafen sind. Ein Auto, das zermalmt wurde, als ein großer Container von einem Lastwagen fiel, und so platt war, dass es kaum mehr möglich war, die Überreste von Fahrer, Beifahrer und zwei Kindern zu bergen. Sah aus wie ein Panini, sagt sie. Sie fragt, ob wir über was anderes reden sollen. Mir macht das nichts aus, sage ich und stelle mir ein Panini vor, aus dem Menschensaft tropft.

Jon sagt: Wir sollten sehen, dass wir weiterkommen.

Ich sage: Ich habe heute noch nichts geschrieben.

Er sagt: Schreib morgen.

Bukowski hat jeden Tag geschrieben.

Du hast noch nie was von Bukowski gelesen.

In der Nacht, in der Paul starb, fuhr er zu schnell, raste über einen wenig befahrenen Highway in die schwarze Nacht hinein. Als ich ihn bat, langsamer zu fahren, schnallte er sich ab, gab Gas. Ich werd sicher nicht …, fing er an. Weiter ist er nicht gekommen. Wir krachten in ein Auto, das auf unserer Spur stand. Er flog durch die Windschutzscheibe, prallte vom Kofferraum des Wagens ab, auf den wir aufgefahren waren, und sein Körper landete verstreut über die ganze Fahrspur. Das andere Auto war leer. Der Fahrer hatte sein Warnblinklicht angelassen, war losgegangen, um ein Telefon zu suchen.

Als die Polizei eintrifft, versuche ich gerade, alle seine Einzelteile zusammenzusuchen. Ich kann sein Gesicht nicht finden, sage ich und zeige auf den Rest seines Kopfes. Später sollte mir die Polizei sagen, dass kein Gesicht zu finden war. Er war mit so großer Geschwindigkeit auf der Straße aufgeschlagen, dass er zehn, zwölf Meter über den Asphalt geschlittert war, wodurch seine Kleidung zerfetzt und sein Gesicht praktisch ausradiert wurde. Es war beim Schlittern abgeschmirgelt worden, der Asphalt, Sandpapier auf weichem Fleisch, hatte nur eine rote Bremsspur hinterlassen. Und ich, ich hatte inmitten seiner Überreste gestanden und versucht, seine Zähne zusammenzusammeln, ohne zu kapieren, dass es den Kiefer dazu längst nicht mehr gab. Der Gerichtsmediziner sollte später sagen, dass er sich beim Durchschlagen der Windschutzscheibe das Genick gebrochen hat. Eine kleine Gnade. Beim Begräbnis wird der Sarg geschlossen bleiben.

Beispieltweet: Lebe schnell, sterbe jung, hinterlasse einen schönen Zaun. Mit JoeSeal.

Über uns ziehen in Zeitlupe Sternschnuppen über den Himmel, und ich frage mich, ob eine Sternschnuppe in Zeitlupe einfach nur ein Stern ist. Gefühlt gehen wir schon seit Stunden. Jon dreht sich zu mir um. Was wünschst du dir am meisten?, fragt er. In diesem Augenblick. Ich sehe ihr Gesicht vor mir, ihre Haare, wie sich ihre Augen verdrehen, als sie kommt. Ich will nach Hause. Er antwortet