Johnnys Grau - Thore Seeger - E-Book

Johnnys Grau E-Book

Thore Seeger

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Beschreibung

Johnny Matteo hat es verstanden: Jede Sekunde die er lebt und jedes Wort das er spricht widmet er dem Fortschritt. Nur eine Gesellschaft in der alles, aber auch wirklich alles eine Bedeutung hat, bringt uns Menschen voran. Und während er stumpf auf das hört, was andere ihm sagen und er Leute schon lange nicht mehr bei ihrem Namen nennt (denn das kostet nur unnötig Zeit), trifft er bei seiner Arbeit am Fließband unfreiwillig auf Dinge, die in seinem Weltverständnis keinen Platz haben. Welche Bedeutung hat eine Sache, wenn sie keine Bedeutung zu haben scheint? Eine dystopische Gesellschaftssatire über die endlose Macht, dass Menschen immer das Gute erwarten.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buch

Die Bedeutung steht über allem. Jede Sekunde an jedem Ort tun wir alles für uns selbst. Es wäre bedeutungslos über die Bedeutung nachzudenken. Johnny hat das verstanden. Die Polizei auch, die Politik schon lange. Alle leben das Leben, von dem sie Anderen erzählen. Versprochen! Zu doof nur, dass leben eine Interpretation von Vorstellungen ist. Und zu gut, dass ab dem Moment nichts so bleibt wie es ist, ab dem man anfängt genau darüber nachzudenken.

Autor

Thore Seeger, geboren 1998 in Lübeck, prokrastiniert, indem er sich einredet mit seinen niedergeschriebenen Ideen anderen Menschen beim Prokrastinieren helfen zu können. Ein zunehmendes Interesse für Politik, die Gesellschaft, philosophische Fragen und das Erzählen von Geschichten legte sich nicht nur in seinem Studium nieder, sondern ließ ihn Anfang 2020 beginnen eine schon lang existierende Idee weiterzuentwickeln: Johnnys Grau. Er lebt in Hamburg.

Kontakt:

Instagram: thore.seeger

Weitere Informationen unter bod.de

„Nicht gut.“

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Für mich.

Inhaltsverzeichnis

Kontakt

Prolog

16 Jahre zuvor

Der Morgen

Der Feierabend

Das Abendritual

Das Interview

Die Sonderschicht

Der Bericht

Die Breaking News

Die Beobachtung

Der Abend

Die Wochenpause

Der Freeway

Der Club

Die Nacht

Der Plan

Der Arztbesuch

Die Maßnahme

Spaziergang

Die Initiative

Der Vorfall

Geschichte

Breaking News

Behandlung

Die Post

DoItDay

Der Ausflug

Begegnungen

Perspektivenwechsel

Der Test

Kunst

(Der) Besuch

Zehn Sekunden

Die brechenden Nachrichten

Das Verhör

16 Monate später

Neue Kapitel

Unaufhaltsamer Prozess

Wichtige Behandlungen

Deportierender Umzug

Ungewisse Tagesanbrüche

Getroffene Entscheidung

Finale Vorbereitung

Verhandlung

Nutzbare Wut

Vorläufiges Chaos

Endgültiges Chaos

Künftige Vergangenheit

Epilog

Prolog

Adam drückte den Knopf für die unterste Etage in dem mit Edelstahl verkleideten Fahrstuhl. Er, komplett in Weiß, kreidebleiche Haut und Haare, stand vor einem weißen Karren mit weißer Wäsche. Der Fahrstuhl, komplett auf Hochglanz poliert, massive Türen und silberne Knöpfe mit weißen Ziffern, spiegelte seinen Fahrgast in all seinen Flächen. Die Mitarbeiter hier nannten ihn den ‚fahrenden Spiegel‘ und als solcher begann er Anstalten zu machen, seine Aufgabe zu erfüllen. Er surrte.

Die Türen begannen sich langsam gleitend zu schließen, als im letzten Moment eine Hand hastig den Vorgang stoppte. Ein rothaariger Mann stieg leicht außer Atem zu und stellte sich wortlos neben Adam. Auch er war weiß gekleidet. Ein silberner Kugelschreiber steckte in seiner Brusttasche, an welcher ein Namensschild befestigt war.

‚Jonas Curtney‘, las Adam sich das Schild in seinem Kopf vor, während der Fahrstuhl sich langsam begann abzusenken.

An seinem Ziel angekommen öffneten sich die Türen auf der untersten Ebene des kleinen Gebäudes, in welchem sich die sich nichtssagenden Kollegen befanden. Von außen betrachtet glich die Einrichtung einer Oase in der Wüste, ganz klein stand es rings umzäunt auf einer weiten, sandigen Fläche. Früher befand sich hier einmal eine Kirche, doch die hatte man mit der Abrissbirne weggebügelt. Das morsche Gebäude mit diesem sinnlosen Turm war irgendwie einfach nicht mehr zeitgemäß gewesen. Und so hatte man damals beschlossen, etwas Anderes hier hinzusetzen. Etwas mit mehr Bedeutung: Eben diesen Neubau.

Im Inneren des mittlerweile heute nun nicht mehr so neuen Neubaus schritten Adam und Jonas Curtney im Gleichschritt den sterilen Gang entlang. Das Schweigen zwischen ihnen trugen sie aus dem Fahrstuhl mit, allerdings erfüllte nun das Echo des leisen Rollgeräuschs den langen, breiten Flur. An dessen Längsseiten befanden sich schwere, schneeweiße Eisentüren, an seinem Ende eine matt silberne Schleuse. Genau vor dieser blieben beide Männer regungslos stehen. Den Blick starr nach vorn gerichtet, warteten die immer noch Wortlosen auf das Öffnen der Tür. Eine kleine schwarze Camera im oberen Winkel des Raumes registrierte die Ankömmlinge, die übergewichtige Mitarbeiterin an den Screens drei Etagen weiter oben allerdings noch nicht. Und so wurde es erneut vollkommen still. Eine ganze Minute lang. Weder Adam noch sein unfreiwilliger Begleiter schienen Anzeichen der Nervosität zu zeigen, vielmehr entspannten sich beide. Es war wie eine Pause für sie. Einatmen. Ausatmen.

Ein plötzliches Geräusch durchbrach die Situation. Weit hinter den beiden, wenige Meter vor dem Fahrstuhl, hämmerte es gegen eine der seitlichen Eisentüren. Jonas Curtney drehte seinen Kopf erschrocken um, Adam begann nur stumm zu lachen. Den Blick richtete er weiter nach vorne. Eine helle, jung klingende Stimme rief ihnen lautstark etwas zu. Curtney blickte wieder nach vorn, nun auch amüsiert über die Wortmeldung der Person hinter der dicken Schicht aus ausbruchsicherem Material. Und amüsiert darüber, welchen Schrecken ihn durch sie erfuhr. Eigentlich war er es doch gewohnt. Eigentlich machte ihm diese Begrüßung doch gar nichts mehr aus.

Es waren wirre Worte, die sie da hörten. Sie erklangen in einem endlosen Schwall. Sie waren so schnell gesprochen, dass sie den Anschein erweckten, als würden sie souverän und bewusst gewählt werden. Adam glaubte daran nicht. Seit dem ersten Tag durften sich die Mitarbeiter derartiges Gebrabbel anhören, doch noch nie hatte er ernsthaft zugehört.

Es surrte. Es surrte oft in diesem Gebäude, fiel Adam gedanklich auf. Er freute sich, dass er immer wieder neue Sachen hier entdeckte. Das Surren signalisierte ihm, dass die Tür der Schleuse vor ihm entriegelt war. Jonas Curtney zog mit viel Kraft an dem länglichen Griff und öffnete so den Durchgang, welchen Adam sofort mit seinem Karren anvisierte. Er bedankte sich.

„Es ist immer die gleiche Geschichte, oder?“, griff Curtney scherzhaft den Faden für ein Gespräch auf. Es war eine alltägliche Frage. Seit 16 Jahren.

Adam schob den Wagen mit dreckiger Wäsche weiter vor sich her, während er sich seinem Begleiter zuwandte. „Es wird wohl niemals enden.“ Beide Männer lachten.

Auf dem sterilen Flur hinter ihnen erloschen die Lampen. Zusammen mit dem letzten Strahl Licht erklang ein leiser, letzter Ruf durch die schwere Tür, doch diesem zuzuhören, das kam für die Mitarbeiter nicht infrage. Adam wollte lieber einen Kaffee. Er hatte Durst. Und wenn man Durst hatte, dann trank man etwas. Irgendetwas.

- 16 Jahre zuvor -

In einer Gesellschaft geschieht rein gar nichts ohne Bedeutung?

Der Morgen

Johnny Matteo legte seine gepflegten Handflächen parallel zueinander auf die graubraune Tischplatte. Er saß perfekt. Den Rücken vertikal durchgedrückt, die Oberschenkel im neunzig Grad Winkel zum Rücken. Die Knie bildeten einen selbigen, um Johnnys stufenartige Körperhaltung zu perfektionieren. Sein graubrauner Mantel fiel wie ein Lot in Richtung des Bodens.

All das fiel ihm nicht auf. Es war intuitiv, es war anerzogen. Es war in der heutigen Zeit Standard. Johnny befolgte diesen. Johnny war schön. Alle standardisierten Leute waren es.

Johnny Matteos Blick fiel auf die vor ihm liegende Straße. Das perfekt geputzte Fenster förderte die Illusion, dass er genau neben dieser saß und eben nicht an einem Tisch im Café des Amazing Media Center, kurz AMC, in der Baker-Bäcker-Straße achtundzwanzig. Er arbeitete hier nicht, ganz und gar nicht. Johnny Matteo mochte die Mediaworld nicht. Sie erschien ihm unruhig. Der ewige Wettkampf zwischen den Publizisten, den Redaktionen, den Sendern und allen Teilnehmern dieses Gewerbes führte mittlerweile zu neuartigen Kampagnen, welche Johnny obszön fand. Dazu zählte er nicht mal mehr den doch relativ eigenwilligen Schritt vergangenen Jahrzehnts, welcher zur Steigerung des Werbeeffektes alle irgendwie der Mediaworld zugehörigen Wörter durch bedeutungsgleiche englische Wörter ersetzt hatte, sondern vielmehr die Ausbreitung dieser Szene. Das beste Beispiel war das AMC selbst. Es war eine Grundschule. Amazing Media, als aktueller Marktführer, erkaufte sich die kollektiven Namensrechte der Schulen im Land und eröffnete in jeder dieser ein Café. Nicht etwa für die Kinder, auf keinen Fall. Für die Media-Freelancer! Johnny war keiner von ihnen. Johnny brauchte nur Flüssigkeit. Deswegen war er hier. Er musste es sein.

„Einen Kaffee?“ riss es ihn aus seinem Fokus.

„Ja. Und eine Newspaper dazu.“

Johnnys Stimme klang wohl erzogen. Ruhig, sanft, deutlich. Eine weiche Stimmfarbe erfuhr derjenige, der sich mit ihm unterhielt. Das war nicht oft der Fall. Kurze Gespräche führte er viele, aber wirklich tiefgründige Gespräche, in welchen er dem Gesagten durch seine Stimme mehr Bedeutung mit auf den Weg gab, nein, solche führte er selten. Ungewöhnlich war das in der heutigen Gesellschaft kaum. Gesagtem musste man keine zusätzliche nonverbale Bedeutung hinzufügen. Worte standen in der heutigen Zeit für sich. Der Inhalt zählte. Das erklärte auch diesen doch sehr direkten Namen des Etablissements, in welchem er sich befand: Amazing Media. Die Werbebranche bevorzugte die Dinge beim Namen zu nennen. Sie so zu beschreiben, wie sie waren. Oder zumindest sein sollten. Johnny Matteo war nicht doof. Er kannte die Geschichten von früher, weit vor dem dritten Weltkrieg. Die gleiche Methode von damals funktionierte auch heute: Lügen.

Der Kaffee kam. Und die Newspaper. Während ein fremder Mann an seinem Tisch interessiert auf diesen Vorgang blickte, schlug Johnny die Newspaper auf und begann zu lesen.

„Was steht heute drinnen?“, unterbrach ihn sein hochgewachsener Gegenüber. Sehr hochgewachsen war er. Diese hochgewachsene, wahllos interessierte Person wollte Informationen. Johnny gab sie ihm. Das Gespräch war schnell beendet. Es war oberflächlich, es war grau. Johnny kam damit klar, er mochte Struktur. Er mochte Ordnung. Er mochte die heutige Zeit. Früher wurde gesagt, dass früher alles besser gewesen sei. Heute wird das nicht mehr gesagt. Es hat ja genau genommen auch keine wirkliche Bedeutung für die heutige Zeit. Für einen einzelnen vielleicht schon, für die Gesellschaft aber nicht. Wobei ein solcher Gedanke sogar tatsächlich eine Bedeutung hatte. Nämlich an der Wahlurne. Wenn man sich nach dem von früher sehnte, konnte man problemlos Die Konservativen wählen. Oder Die Rechten. Wobei die eher den dritten Weltkrieg wiederholen wollten. Sie fanden ihn unfair. Sie forderten einheitliche Waffen und gleich große Armeen. Sie meinten, wenn alles fair sei, dann sei es gar kein Krieg mehr. Dann sei es eine Diskussion. Eine praktisch geführte Diskussion. Ahja.

Es war einem heutzutage wöchentlich möglich zu wählen. Immer am letzten Tag der Woche, also am 16. Die Wahlen geschahen online. Es war schnell und sicher. Am fünfzehnten Tag wurde der Bevölkerung über die Televisions, die Radios oder die Newspapers mitgeteilt, welche Probleme in der folgenden Woche gelöst werden sollten, um die Gesellschaft zu verbessern. Jede Partei stellte gleichzeitig dazu ihre Ideen und ihre Vorhaben vor. Sie waren verpflichtet diese im Falle der Mehrheitsführung exakt so gesetzlich zu verankern. Im Falle einer Missachtung wurde der Parteivorsitzende getötet. Das war bisher drei Mal der Fall. Konsequent waren sie also. Demokratie wurde noch nie so sehr gelebt wie in der heutigen Zeit.

Johnny trank in einem Zug aus, bezahlte seinen Kaffee und seine Newspaper und ging hinaus. Gestärkt für den vor ihm liegenden Tag, fiel sein Blick in Richtung des Himmels. Das hatte er sich irgendwie so angewöhnt. Viel zu sehen, gab es nicht. Eine Wolkendecke hing über der Stadt. Sie hing über dem Land. Sie hing über der Welt. Es war eigentlich immer bewölkt, es war immer grau. Johnny mochte das. Er fühlte sich wohl. Er hatte Angst vor Sonnenbränden. Er hatte noch nie einen. Das Wetter spiegelte die Gesellschaft wider, empfand Johnny Matteo, ohne es je bewusst gedacht zu haben. Er fühlte sich wohl in der Gesellschaft. Sie war voller Bedeutung, gab Johnny das Gefühl eben solche in dieser Welt zu besitzen. Sie war einheitlich, alle funktionierten. Sie war grau. Johnny Matteo verstand nicht, wieso etwas Einheitliches als grau bezeichnet wurde. Es gab eine Bedeutung dafür.

Polizeidirektor Uffus Hirandi stieg aus dem goldenen Schnellauto, dem neuesten Modell des wohl schönsten Sportwagens der Nation. Das Auto gehörte nicht ihm direkt. Es gehörte der Polizei. Diese fuhr neuerdings nur goldene Sportwagen. Sportwagen, weil man im äußerst unwahrscheinlichen Falle einer Straftat schnell vor Ort wäre oder alternativ den Täter schnell verfolgen könnte, um ihn dann entweder festzunehmen oder brutal zu töten, gold, weil die Farbe für Uffus Erfolg bedeutete. Die Polizei hatte schon seit über sechs Jahrzehnten kein wirkliches Verbrechen mehr zu beklagen. Verbrechen waren der Gesellschaft nicht dienlich. Das sahen alle ein. Deswegen beging sie niemand. Alles war schön.

Uffus Hirandi stand stellvertretend für diesen Erfolg. Als er anfing, waren die Autos der Polizei noch weiß. Modell Massenkiste. Doch Hirandi startete einen unvergleichlichen Siegeszug der Gesetzeshüter. Die Verbrechensrate ähnelte der seines Vorgängers im Genauesten, doch löste er dennoch gleich zwei Probleme mit nur einer Maßnahme: Dem übermäßigen Blitzen.

Es half wirklich allen: Zunächst einmal stand die Polizei ursprünglich am Rande der Bedeutungslosigkeit. Sie verlor die für die Gesellschaft dienliche Existenzberechtigung. Keine Straftaten gleich keine Arbeit. Doch zu schnell wurde immer gefahren, es glich einem menschlichen Trieb. Genau wie die Nahrungszufuhr oder auch der Sex konnte einfach niemand damit aufhören. Das erkannte der Polizeidirektor sofort. Jeder hat es eilig. Zeit ist Bedeutung. Und er machte diese Bedeutung zu der seiner Behörde, er machte sie zu Geld.

Das Land stand schon lange vor der Frage, wie sich alles finanzieren ließe. Wenn man etwas aus den Systemen der Vorkriegszeit geerbt hatte, dann waren es die Staatsschulden. Beziehungsweise der scheinbar unerklärliche Zwang solche anzuhäufen. Uffus Hirandi half. Als Staatsbehörde nahm er durch das Blitzen Millionen ein. Der Staat hatte nun genug Geld, um die Bürger zu bezahlen. Diese bezahlten dann unter anderem ihre Blitztickets. Es war ein genialer Kreislauf. Hirandi begann bei dem Gedanken an seine Maßnahme zu lächeln. Aber nur innerlich. Dass es mit den Anschaffungskosten der Blitzer und der, immerhin einmaligen, Zahlung der goldenen Folierungen der Dienstwagen ein Minusgeschäft für alle Beteiligten war, störte ihn in diesem Moment nicht. Es störte ihn eigentlich sogar nie, genauso selten dachte er auch daran. Dafür hatte alles an diesem Deal zu viel Bedeutung. Seiner Auffassung nach. Die Polizei, die goldenen Sportwagen, die Blitzer, das Geld und auch die Verkehrssünder. Die Maßnahme war absolut gesellschaftstauglich.

Der Polizeidirektor rauschte mit stark überhöhter Geschwindigkeit in den Besprechungsraum. Das alltägliche morgendliche Briefing stand an. Es schien unter den gewohnten Umständen abzulaufen. Kaffeegeruch lag in der Luft, metallische Stühle wurden über den graublauen Teppichboden zurückgezogen, die Soundbox lief. Hirandi nahm am Kopfende des Tisches Platz. Der Platz des Chefs. Zu seiner Linken saß Manfred Hermann. Seit etlichen Jahren Polizist, zeichnete sich seine Arbeit durch den ewigen Pessimismus aus. Angeblich geboren im dritten Weltkrieg und mutmaßlich erzogen nach den Werten einer früheren Zeit in einer anderen Welt machte er seinem Ruf alle Ehre. Abgestumpft und humorlos, dafür aber fleißig und pünktlich erledigte er seinen Job. Die Pünktlich war dabei seine Stärke. Er war derjenige, der den Kaffee aufsetzte. Er war derjenige, der den Hausmeister begrüßte. Dessen Schicht begann um fünf Uhr. Hermann lebte für die Arbeit. Ob er eine Wohnung hatte, wusste niemand so genau. Generell wusste niemand so genau auch nur irgendwas über ihn definitiv. Bis auf Hirandi. Der wusste, dass Manfred Hermann die goldenen Schnellautos scheiße fand. Hirandi fand ihn scheiße. So ganz insgeheim. Aber auch Hermann war irgendwie schön. Hirandi sah das ein.

Rechts vom Direktor nahm der Jungspund der Polizeifamilie seinen Stuhl ein. Der Name war Uffus Hirandi entfallen. Er nannte ihn Uniform-Castro. Die graublaue Uniform saß an ihm wie an keinem zweiten. Perfekt. Sein durchtrainierter Körper spannte die Nähte bis aufs Äußere, seine Oberschenkelmuskeln zeichneten sich durch den Stoff ab. Und dann diese Schultern. Besetzt mit den Schulterklappen. Sie machten ihn so unglaublich männlich. Die weißen Streifen auf den Klappen entfalteten bei ihm einen zusätzlichen Effekt, der dauerhaft gebräunte Uniform-Castro profitierte von solch hellen Farben. Hirandi profitierte übrigens von ihm. In der Ausbildung hatte Uniform-Castro außerordentlich gut aufgepasst, so zumindest der Eindruck. Jeder Blitzer, jeder Fall, alle Situationen konnte er sofort rechtlich einordnen. Er war ein wahres Juwel, er half, wo er nur konnte. Alle drei zusammen ergaben dadurch die Struktur, die Ordnung nach der hier gehandelt wurde. Es war immer dieselbe: Vorschlag Polizeidirektor, Einwand Hermann, Aufklärung Uniform-Castro. Auflösung des sechzehnsekündigen, dreiseitigen Blickwechsels zwischen den Rudelführern in Richtung des Plenums, Synchronnicken der restlichen hörenden Anwesenden, Abtransport Stacey, die hier arbeitende Sekretärin. Tag für Tag, eine Stunde lang.

Die Music wurde gemuted. Alle saßen rechtwinklig auf ihren Plätzen. Der Diensttag für Uffus Hirandi begann.

„Ein Blitzer an der Baker-Bäcker-Straße. Höhe des AMCs.“ Er war kein Mann der vielen Worte.

„Da fahren se’ alle langsam. Ne’ Grundschule. Niemand überfährt de Zukunft. Da is’ das Gjeld nicht zu holn“, entgegnete Hermann.

„Das ist eine einfache Rechnung. Der neue Blitzer finanziert sich durch 16 hundert Auslösungen von selbst. Ab diesem Moment gewinnen wir. Der Blitzer hält mindestens 16 Jahre lang. Eine Angabe des Herstellers. Gesellschaftlich zudem ein Statement: Wir sorgen für die Sicherheit unserer Kinder!“ Uniform-Castro betonte den letzten Satz theatralisch, mit seinen Händen malte er ihn als Regenbogen in die Luft. Er war absolut überzeugt von seiner Arbeit. Das merkten alle im Raum. Die Euphorie missfiel ihnen, aber er war eben noch jung.

Ein Gegenargument ergab keinen Sinn, der Vorschlag des Polizeidirektors schien erfolgreich. Dieser war augenblicklich zufriedener als schon zuvor. Er reichte den unterschriebenen Antrag in die Runde. Der Blitzer sollte gegen Mittag an dem besagten Platz stehen. Die Polizei verfügte über einen ausreichenden Lagerbestand an Blitzern. Das bedeutete nichts anderes, als die Aufgabe in derartigen Sitzungen auch all diese Exemplare im Lande unterzubringen. Im Lager fuhr niemand zu schnell, da ließ sich kein Geld verdienen.

Um Punkt neun Uhr morgens klappte die Flügeltür des Regierungssaales auf. Durch sie hindurch marschierten alle Parteivorsitzenden des Landes. Es waren sieben an der Zahl. Die Szene glich einer Groteske. Eigentlich ließen sich alle Politiker der einzelnen Parteien schon äußerlich voneinander unterscheiden, spätestens allerdings, wenn sie zu sprechen begannen. Doch diese sieben Personen waren allesamt gleich. Kleine, schmächtige Brillenschlangen in zu großen Anzügen. Eine Mappe vor der Brust, fest umklammert mit beiden Armen. Bei genauerem Hinsehen ließe sich wahrscheinlich sogar ein Zittern an ihren Körpern erkennen. Es war keine Angst, welche diese Personen zeichnete, vielmehr war es der Respekt. Der Respekt vor dem Saal, in den sie eintraten, vor der Person in ihr, dem Kanzler, und überhaupt vor der ganzen politischen Welt, in der sie sich aufhielten. Dennoch waren sie Parteivorsitzende.

Seitdem das Land diese gesetzlich bei gegebenen Anlässen hinrichten darf, entschied sich jede Partei für die sichere Variante: Irgendein Praktikant oder eine niedere Bürokraft wurde als Vorsitzender aufgestellt, musste zur Not den Kopf hinhalten und so den echten Führungspersonen ihren Arsch retten, damit diese weiterhin ihren Kurs fahren konnten. Es war eine Gratwanderung. Schlug eine Partei beispielsweise mal wieder etwas Einschneidendes, etwas doch sehr Fragwürdiges vor, so erfuhr eine willkürlich gewählte Person die Konsequenzen. Die Partei verlor kein wertvolles Mitglied und konnte obendrein dank des Urteils ihren Kurs punktgenau an den äußersten Rand der Legalität anpassen.

Als Gegenleistung für diese Gefahr gab es einen sehr erwähnenswerten Eintrag in den Lebenslauf. Die Angst vor den irren, rücksichtslosen Tonangebern führte zu einer durchschnittlichen Verweildauer von nur knapp vier Monaten im Amt, bevor man sich woanders bewarb, sowie unverschämt viel Geld. Win-Win nannte man sowas in der heutigen Welt.

Das Bild, welches das Einlaufen der parteiinternen Hilfskräfte abgab, beeindruckte den Kanzler jedes Mal aufs Neue. Alle sieben kamen sie, wie in Zeitlupe, parallel hinein. Der Kanzler dachte an typische Actionmovies, diese Szene allerdings zeigte ihm das genaue Gegenteil. Kein Selbstbewusstsein, keine Coolness, keine Präsenz. Es fehlte nur noch, dass sie stotterten.

„He..Herr Kanzler, u-u..unsere Stellungnahmen. D-Das liberale Ka…Kapital lässt gr…grüßen.“

Der Kanzler rollte innerlich mit den Augen. Bisher hatte tatsächlich noch niemand vor ihm gestottert. Die heutigen Anwesenden glichen einer schlechten Satire. Zugegebenermaßen hatte der Kanzler erst drei Wochen dieses Amt besetzt, morgen hatte er die Möglichkeit, um eine weitere zu verlängern. Es war der fünfzehnte Tag der Woche, der Tag, an welchem die Parteien ihre Lösungsansätze für die folgende Woche präsentierten. Die letzten Wochen hatte die Partei des Kanzlers sehr gut abgeschnitten, die zu bewältigten Themen lagen seiner Partei. Auch für die kommende Woche sah er wieder Potenzial für eine Mehrheit. Grundsätzlich wurden zehn Themen pro Woche behandelt, zwei davon wurden aus dem Volk gewählt.

Er hatte sich noch nicht informiert, welche gesetzten Themen für die kommende Woche anstanden. Die Mappen der Parteien würden ihm sicherlich helfen. Er bekam sie, weil er neben der Regierungsführung vor allem eine repräsentative Rolle innehatte. Entgegen der früheren Welt war er der absoluten Transparenz verpflichtet. Deswegen war auch der Kanzler die Person, die die Ideen aller Parteien dem Volk verlas. Sollte er Details verändern oder weglassen, bezahlte wiederum er mit seinem Leben. Wirklich regieren konnte er eher in Notfällen oder bei kleinen Problemen. Standen die zu treffenden Entscheidungen bereits fest, war der Kanzler eher die Person, welche zu handeln hatte, wenn zum Beispiel ein Sturm das Land traf. Die Anleitung sah für diesen Fall ganz klar vor: Bewillige Gelder! Gleiches tat er auch bei den ihm überlassenen kleineren Problemen. Fragte die Polizei nach mehr Geld für nicht genannte Zwecke, dann gab er ihr dieses. Irgendwas mit Autos war es das letzte Mal, meinte er sich zu erinnern. Er erschloss sich, dass es bestimmt wieder was mit den Blitzern zu tun hatte. Die Gesellschaft würde von diesem Zuschuss profitieren, da war er sich sicher.

Im Gegensatz zu den Parteivorsitzenden, welche vor einer neuen Woche bekannt sein mussten, durften die Parteien den Kanzler auch erst nach dem Wahlergebnis stellen. Und hier wiederum stellten sie fleißig ihre besten Leute auf. War das Risiko sein Leben für die Partei aufzugeben noch zu gering, hatte der Posten des Kanzlers eine magische Anziehungskraft auf die ganz großen Fressen der Parteien. Sie waren alle durch die Bank weg karrieregeil. Sie hatten kein Gewissen, keine Einsicht und nur ein Ziel: Die Macht. In den Medias waren sie alle handzahm, aber dennoch wie Raubtiere auf der Jagd nach den Stimmen der Wähler. Da wurde dann auch schon mal das gesagt, was man gerne hören wollte oder bedenkenlos der Parteizweck weg gelächelt. Der Kanzler hielt sich für weise genug das zu erkennen. Jede Talkshow, generell jede political TV-Show konnte er nicht ohne das sehen, was das eigentliche Ziel der Teilnehmer war. Ob er selbst jemals so gewesen war, wusste er nicht mehr. Hat man den Posten des Kanzlers in dieser Zeit erst bekommen, so änderte sich der Blickwinkel. Von der Front zum König der Burg.

Mit einem Nicken entließ der Kanzler die Parteivorsitzenden aus ihrer unangenehmen Situation. Sie verließen rasch den Regierungssaal, das pompöse Büro des Kanzlers. Sehr rasch taten sie dies. Einer lief. Der Kanzler meinte zu erkennen, dass es der Vorsitzende der Soziales-und-Natur-geregelt-kriegen-Partei, kurz eigentlich SuNgkP, aber zur Vereinfachung und Einprägung lieber Sun-Partei genannt, war. Er fiel hin. Die Tür schloss dennoch und der Kanzler ließ sich auf seinem Sessel nieder. Er breitete die Mappen wie einen Fächer vor sich auf und ließ seinen Blick über die Logos streifen. Die Linken, Sun-Partei, MLGP, DlK, MRBP, Die Konservativen, Die Rechten. Alle Logos bestanden aus einem gefärbten Rechteck mit einem Schriftzug, dem Namen der Partei. Zu unterscheiden waren, neben den Buchstaben, die Farben und die Schriftart. Die Rechten verwendeten die Tannenberg, Die Linken Buran, die Mitte-links-grün-Partei Comic Sans. Der Kanzler hörte auf hinzugucken. Er nahm die erste Mappe und begann zu lesen. Es war neun Uhr zehn.

Der Feierabend

Die kleine weiße Digitaluhr sprang auf 16 Uhr. Johnny Matteo hatte Feierabend. Er hatte es mittlerweile im Gefühl, wann es so weit war. Circa eine halbe Stunde vor Schichtende guckte er das letzte Mal auf die Uhr, der nächste Blick begann erst maximal sechsundfünfzig Sekunden vor 16 Uhr. Sein Rekord aus dem letzten Jahr, knappe zwei Sekunden, machte ihn noch heute ein bisschen stolz.

Johnnys Augen verweilten an der tristen, grauen Wand. Sie war funktional, nicht wirklich anschaulich. Entlang der knapp vierzig Meter fanden sich keine Fenster, geschweige denn Verzierungen. In der Mitte war eine Tür. Weiß und schmal, für eine sehr breite oder zwei sehr dünne Personen. Sie ging nach innen auf. Johnny hatte das bis heute nicht begriffen.

Hoch oben über dieser Tür, es müsste genau die Mitte zwischen Tür und Decke gewesen sein, war die Digitaluhr angebracht. Quadratisch, maximal einen halben Meter groß, thronte sie als einziger Blickfang in der Werkhalle der Firma Brauchbar. Die weißen Ziffern vermittelten ein Gefühl, welches unbeschreiblich informierend war. Keiner in der Firma wollte länger auf diese Uhr gucken als nötig. Hatte man in Erfahrung gebracht, wie spät es war, so fiel der Blick wieder auf die Geschehnisse vor einem. Sie war keine Attraktion, kein Ort an welchem man sich ablenken konnte. Sie empfing keinen wirklichen Blick, vielmehr war es ein haschendes Nicken des Informationsgierigen.

Die Uhr sprang auf 16 Uhr und eins. Johnny Matteo schüttelte sich leicht. Er schien eine ganze Minute auf die Uhr gestarrt zu haben, ohne es wirklich wahrzunehmen. Er verstand sich nicht. Er versuchte sich zu erinnern, an was er gedacht hatte, ob es einen Grund für sein Verweilen gab. Doch da war nichts. Johnny zog die Mundwinkel nach unten und begab sich in Richtung der Tür. Durch einen schmalen, mit Kacheln gefliesten Gang kam er in den Vorraum. Die gleichen grauen Wände wie in der Produktionshalle empfingen ihn. Links eine Tür für die weiblichen Mitarbeiterinnen, rechts eine für die männlichen Arbeitskräfte. Beide führten zu den jeweiligen Umkleiden. Anstatt der Uhr erblickte Johnny, sofern er seinen Blick auf den leeren, grauen Bereich zwischen den Türen verlor, direkt auf ein DIN-A vier Schreiben. Es war in Perfektion exakt mittig angebracht. Von hinten beklebt und knickfrei. Neben ein paar informationshaltigen Sätzen der Firmenleitung bezüglich der Schichtwechsel und der Verhaltensregeln, nahm eine Tabelle den meisten Platz des Schreibens ein. Sie informierte über die anzufertigen Produkte an den jeweiligen Werktagen.

Johnny Matteo arbeitete in einer Bedürfnisfirma. Diese waren für die Gesellschaft eine wahre Schönheit. Die Wirtschaft des Landes hatte schon vor einigen Jahrzehnten das Ende des Kapitalismus erreicht. Nicht in Form eines Systemwechsels, vielmehr stand man vor dem Problem, dass ein Wachstum schlicht und einfach nicht mehr möglich war. Alles Geld der Welt war investiert worden, jede Coachingrevolution war geschehen und zigtausende Personen hatten sich damals Millionäre genannt. Jedes Kind fernab dieses Ortes war in vierundzwanzig Stunden Schichten eingeteilt und tatsächlich wurde jede Aktie verkauft. Doch alle Firmen hatten wachsen müssen. Alle Firmen hatten produzieren müssen. Das ergab einen Konflikt: Aus so viel relevanten Angeboten hatte sich nur schwer auswählen lassen, die Wirtschaft hatte vor einem Stillstand gestanden, nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. Jeder Mensch hatte es gemocht viel zu kaufen, aber eben nur gewohntes. Niemand hatte etwas Neues probiert und doch hatten sich Alle wohl gefühlt. Zumindest fast alle. Die den Vorstandsvorsitzenden vorsitzenden Vorstandsmitglieder nicht. Und ihren Boni erst recht nicht. Es hatte eine neue Stufe gebraucht. In der achthundertfünfunddreißigsten Wahlperiode hatte sich die Partei Das liberale Kapital mit einschneidenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen durchgesetzt, Firmen wurden umstrukturiert. Es wurde von nun an das produziert, was aktuell benötigt wurde. Plus zusätzliche null Komma null null null 16 Prozent. Die Gesellschaft ging davon aus, dass alles in den Läden Vorhandene der exakten Menge des Bedarfes entsprach und kaufte schlussendlich jeden Tag erneut als Gemeinschaft die benötigte Ration plus die null Komma null null null 16 Prozent. Die insgesamt verkaufte Menge wurde am folgenden Tag von den Bedürfnisfirmen als Grundmenge klassifiziert, schließlich schien die Gesellschaft für jedes Produkt, für jedes Exemplar eine Bedeutung zu finden. Und so war das Wachstum gerettet worden, die Dividenden sowieso.

Johnnys Vater hatte bei Einführung dieses Modells stolze einhundert Geld und einen feuchten Händedruck bekommen, sein stinkreicher Chef sprach vor seinen Angestellten von großen Geschenken, welche er all diesen wertvollen Menschen aus tiefstem Herzen machen wollte, da sie der Grundbaustein der Gemeinschaft seien. Dass er so froh sei, dass alle ihren Job behalten konnten und BlaBlaBla. Später am Abend starb er bei einer ominösen Party der DlK auf einer Yacht vor der Küste, welche von einem besoffenen Millionärssohn zum Untergang gebracht wurde. Die Eliten des Landes ertranken, die neuen reagierten. Bereits einen Tag später hatte das Wirtschaftsminis terium erste öffentliche Zweifel gegen die Kirche ausgesprochen: Dieser komische Gott, von dem immer alle geredet hatten, würde so etwas Schreckliches ja wohl nicht zulassen, da müsse man ihn ja mal dringend hinterfragen.

Johnny Matteo trat durch das Tor des Fabrikgeländes. Über ihm zierte ein Schriftzug das sonst unästhetische Grundstück. ‚Firma Brauchbar‘ stand in geschwungenen Lettern deutlich sichtbar an einem Metallbogen. Johnnys Arbeitgeber war mutig. Geschwungene Schriften bargen ein Risiko. Wenn Postboten und Lieferanten den Namen nicht erkannten, waren sie angehalten nicht auszuliefern. Die Hausnummer alleine reichte schon lange nicht mehr. Doppelt hielt halt schon immer besser, Fehler galt es zu verhindern. Gerade die neuen Postboten oder Lieferanten versuchten keine zu machen. Der Job war heiß begehrt und gut bezahlt. Die Post hatte mit das beste Personal. Kam ein Bewerber, welcher besser zu sein schien als der quotenschlechteste Angestellte, so wurde er für diesen eingestellt. Auch Johnny hatte sich schon mal beworben. Er wurde abgelehnt. „Zu kurze Arme“ meinten sie damals. Summiert würden beim Einwerfen der Briefe zusätzliche Schritte und zusätzliche Arbeitszeit anfallen. Er fand es in Ordnung und wurde bei Firma Brauchbar glücklich.

Gleiches Glück empfand er im selbigen Moment. Einem tiefen Atemzug folgte ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen, welches niemand je jemals bemerkt hätte. Es war der letzte Werktag dieser Woche gewesen. Vor ihm lagen drei freie Tage. Keine Verantwortungen, keine Aufgaben. Lediglich die Wahl am morgigen Tage würde ihm ein bisschen Zeit kosten.

Eine Stimme riss Johnny aus seinen Gedanken: „Können Sie am ersten Wochentag arbeiten kommen?“ Sie erklang mehrere Meter hinter seinem Rücken und sprach hastig. Zweifellos war er gemeint, Johnny identifizierte die Stimme als die seiner Schichtleiterin. Die Bittstellerin schien Johnny gerade noch erwischt zu haben.

„Wieso wird meine Arbeit an einem Ruhetag verlangt?“, entgegnete er höflich.

„Wir haben einen einmaligen Auftrag erhalten. Dieser geht über die Tagesrationen an Produkten hinaus, wir müssen außerhalb eines Werktages produzieren.“

„Gilt das Ersatzprinzip noch oder verfällt einer meiner Ruhetage?“ Johnny wurde nervös bei dem Gedanken morgen nicht mit dem Gefühl aufzuwachen, dass der nächste Arbeitstag noch mehr als eine Nacht bevorstünde.

„Das gilt selbstverständlich noch. Sie können Ihren Ruhetag an die Wochenpause oder an das kommende Wochenende anhängen und einen regulären Werktag fehlen.“

Johnny nickte leicht. Seine Schichtleiterin verstand und schien einen Haken auf einem Dokument zu setzen. Sie nickte leicht zurück. Johnny kam es fast wie eine Geste zum Dank vor, doch so etwas war heutzutage recht unüblich. Es hatte keine gesellschaftliche Bedeutung. Bedankt wurde sich höchstens noch in privatem Rahmen am Wochenende oder in der Wochenpause. Diese waren die einzigen Möglichkeiten, an denen man das ständige Verantwortungsbewusstsein etwas ablegen konnte. Manchmal führte Johnny an solchen Tagen sogar einen Smalltalk. Zwar nur in seiner Wohnung, in der Öffentlichkeit diente ein solcher nicht wirklich, um eine Person näher kennenzulernen, aber immerhin.

Lediglich leicht beeinflusst von der spontanen Planänderung stieg Johnny Matteo in seine Massenkiste. Er fuhr die Standardausführung, wie so viele auch. Johnny fuhr von dem Firmenparkplatz rechts herunter auf die Baker-Bäcker-Straße in Richtung der Innenstadt. Vorbei am AMC, fiel ihm ein neues Blitzgerät vor diesem auf. Als sein Tag heute Morgen hier begann, war es noch nicht da, da war er sich sicher. Er hatte es nicht eilig und blieb unter der kritischen Geschwindigkeit. An einer Ampel schaltete er das Radio an. Der Presenter informierte über die aktuellen News. Der Ausbau der Ost-West-Wirtschaftsachse, die Neubesetzung des Parteivorsitzendes der Mitte-rechts-besorgt-Partei, der Ausbruch dreier Eisbären aus dem städtischen Lehr-Zoo und die Ankündigung für das abendliche TV-Interview mit dem Kanzler. Er wird wohl die Themen der kommenden Woche vorstellen, dachte sich Johnny.

Drei Minuten später fuhr er auf den Traffic-Circuit, die Hauptstraße zwischen dem Produktionssektor und den Wohngebieten der Stadt. Er fühlte sich schlagartig anders. Immer an dieser Stelle erfuhr er einen Umschwung. Er war ohne Frage hochzufrieden mit seiner Arbeitsstelle, die Arbeit am Band machte ihm Spaß. Durch die Produktvielfalt wurde ihm nie langweilig und er erlebte jeden Trend hautnah mit, dennoch überkam ihn genau in dieser leichten Rechtskurve ein Gefühl von Gelassenheit. Feierabend zu haben war eben doch etwas Befreiendes. Die aufgestaute Müdigkeit seiner Schicht und all den vorigen dieser Woche wirkten sich auf diesen Moment aus. Er realisierte, dass die vorliegenden Stunden ihm gehörten. Entgegen seiner Vorliebe für Struktur mochte er die Unwissenheit, wie er die freie Zeit tatsächlich verbringen würde. Vielleicht würde er sich ganz in Ruhe und mit vollem Fokus ein Movie angucken oder in seinem Sessel sitzend ein Album streamen. So viele Möglichkeiten, er wollte jetzt nicht über alle nachdenken.

Die News im Radio wurden mit dem Wetter beendet. Bewölkt bei zehn Grad, die komplette nächste Woche. Anders hatte Johnny es nicht erwartet. Während er zunehmend beschleunigte, stimmten seine Speaker den ersten Song der Fahrt an. Ein Oldie, ein Klassiker. I’m Still Standing. Elton John. Ein Song zum Mitsingen. Johnny Matteo saß ruhig in seinem Fahrersitz und hörte zu. So wie es jeder schöne Mensch getan hätte.

Das Abendritual

Das Summen des Motors erlosch, Johnny stieg aus seinem Auto. Er war zuhause. Seine Wohnung lag im ersten Stock des vor ihm liegenden Gebäudes. Zweihundert Geld Miete. Verputzter weißer Stein. Fenster. Vier längliche Balkone mit dunklem, graubraunem Holzboden. Zu den Balkonen hin rahmenlose Fensterfronten, dahinter in drei von vier Wohnungen farblos eingerichtete Wohnzimmer. Die Hundelady unten links hatte ihres hingegen in komplett blau gehalten. Inklusive Television. Johnny fragte sich, ob das Bild einen Blaustich hat. Er hatte sie noch nie TV schauen sehen.

Johnny Matteo stieg die Stufen zu seiner Wohnungstür hinauf. Ein Duft aus kaltem Stein, Putzmittel und, diesem mutmaßlich vorausgehend, Qualm lag in der Luft des Flures. Er schloss auf und stand auf seiner Fußmatte. Es begann die tägliche Routine. Er legte seinen Schlüssel auf das weiße Regal zu seiner Linken, seine Jacke hing er rechts an die Garderobe. Zwei Schritte nach vorn, einer diagonal rechts. Seine Arbeitstasche ließ er auf das Möbelstück vor ihm sinken. Es war eine Bank und eine Ablage. Johnny benutzte es, um sich die Schuhe anzuziehen oder seine Tasche abzustellen. Vertikal gerade stehend öffnete er eben diese. Er holte seine Brotdose heraus und schloss sie wieder. Mit größter Sorgfalt zog er dabei die Laschen fest. Einhundertachtzig Grad Drehung. Hinsetzen. Johnny zog sich die Schuhe aus. Seine Füße standen parallel. Aufstehen. Schuhe in der linken Hand, Brotdose in der rechten. Drei Schritte nach rechts. Schuhe ins Schuhregal. Einhundertachtzig Grad Drehung. Vier Schritte in die Küche. Vier weitere zur Arbeitsfläche. Brotdose abstellen, Glas Wasser trinken. Einhundertachtzig Grad Drehung. Vier Schritte zur Küchenschwelle. Weitere zwei nach links, Drehung nach links, einen Schritt ins Badezimmer. Geschafft. Die Tür fiel ins Schloss, die Routine war beendet.

Je nach Anlass, unterschieden sich die weiteren Schritte insbesondere beim Toilettengang. An diesem Tag saß Johnny fünf Minuten später in seinem Wohnzimmer und las die Newspaper. Für die abendliche Nahrungsaufnahme hatten sich seine Eltern angekündigt, es blieb ihm eine halbe Stunde, bis er sich der Zubereitung widmen musste. Die Zeit verging schnell. Ebenso wie die, in der Johnny die Nahrung kochte. Wahrlich mit dem letzten Abschmecken, es war kurz nach halb sieben, klingelte es an der Tür. Johnny öffnete. Peter und Lucy Matteo. Ihre Augen blickten in die ihres Sohnes. Johnnys Augen blickten in die seiner Eltern. Schweigen. Sekunden verstrichen. Peter Matteo nickte. Johnny Matteo trat zur Seite. Es folgte eine identische Wohnraum-betreten-Routine der beiden. Sie endete vor dem Badezimmer, die Blicke entlang des Flures zum Wohnbereich. Sie schienen der Höflichkeit halber auf Johnnys Freigabe zum Betreten des Ortes zu warten, an welchem das Prozedere stattfinden sollte. Johnny erteilte sie, indem er mit den Tellern an ihnen vorbei ging. Lucy und Peter folgten. Noch immer hatte niemand ein Wort gesprochen.

Der große Esstisch war nicht schmuckvoll dekoriert. Ein zweiteiliges Besteck rahmte den Teller mit der Nahrung darauf ein. Jeder hatte eine Serviette und ein Glas dazu. Peter Matteo blickte auf seinen Teller. Überdeutlich. Sein Kopf ähnelte einem waagerechten Sprungbrett an einem kerzengeraden Turm. Lucy Matteo saß ebenfalls aufrecht, doch nahezu ängstlich an dem Tisch. Die Arme fielen entlang ihres dürren Körpers hinunter, die Hände verschwanden unter der Tischplatte. Sie vereinte das Auftreten einer Diva mit dem einer unterdrückten Frau. Es war bizarr anzusehen. Johnny blickte seine Eltern geradeheraus an.

„Was hast du uns aufgetischt?“, fragte Peter. Seine Stimme klang ähnlich sanft wie Johnnys, doch sprach er deutlich schneller. Es vermittelte einen genervten Eindruck.

„Es gibt viele Bohnen, drei Kartoffeln und das Kräuterfleisch“, antwortete Johnny, während er seine Mutter dabei beobachtete, wie diese die aufsprudelnden Bläschen in einem Wasserglas musterte.

„In dem Glas ist das Wasser?“

„Selbstverständlich.“

Lucy nickte. Ihr Blick fiel auf das Gesicht ihres Sohnes, ihr Mann tat es ihr nach. Johnny lächelte und nahm das Besteck. Er hob einladend die Hände knapp über den Tellerrand.

Was nun folgte, war in dieser Welt der Alltag. Der Anblick der Nahrungsaufnahme war für Außenstehende absonderlich, gar abstoßend-abscheulich. Er war ganz und gar nicht einladend. Kaum schlossen sich Johnnys Lippen um die erste aufgegabelte Bohne, begann Familie Matteo in einem ungeheuren Tempo die Nahrung in sich hineinzuschaufeln. Ab dem ersten Bissen, sofern es denn überhaupt welche gab, wurde mit der Gabel auf dem eigenen Teller gewildert, um die mundfertigen Portionen einfuhrbereit herzurichten. Das Fleisch wurde nahezu zerrissen, die Bohnen mit einer nicht verständlichen Gewalt aufgespießt, sodass die Spitzen der Gabel den Teller zu zerbrechen drohten. Neben dem Klirren des Besteckes erfüllte ein unappetitliches Schmatzen das Wohnzimmer. Lucy, die eben noch den teilhaften Anschein einer Diva hergab, formte ihren Mund zu einem Rohr. Neben einer Gabel Kartoffeln mit der linken Hand, griff die Rechte zum Wasserglas. Der Schluck Wasser erfolgte just in dem Moment, als die Gabel den Weg zum Gaumen freigab. Peter und Johnny, die sonst jede ihrer Bewegungen höchst bedacht und präzise ausführten, ließen ihre Schultern rotieren. Die Backenzähne auf Dauerlauf, schoben sie mit zunehmender Länge der Nahrungsaufnahme alles in den Mund, was der Teller noch hergab. Der Speichel, erzeugt durch die gefüllten Münder, welche mit halben Kau- und Schluckbewegungen geleert werden sollten, triefte den beiden langsam das Kinn herunter. Bei Lucy spritzte er quer über den Tisch. Ihr Kinn war bedeckt von Fleischfetzen und Kartoffelmatsche. Es war eine verwilderte Völlerei. Doch als solche hätte man sie heutzutage nie bezeichnet.

Gerade als Peter die letzten Bohnen mit seiner linken Hand von seiner rechts sitzenden Frau klauen wollte, ließ Johnny sein Messer fallen und stoppte. Seine Eltern taten es ihm nach und blickten ihn erschrocken an. Johnny blickte auf seinen Teller. Es war ruhig. Nur die vorsichtigen, langsamen Bisse und das versucht unauffällige Schlucken Peters war vernehmbar.

„Was ist das?“, fragte Johnny und drückte mit seinem Besteck ein Fleischstück an einem Einschnitt auseinander.

„Was ist dort denn?“, entgegnete Lucy.

„Es ist rot.“ Johnny pausierte und musterte seine Entdeckung. „Es schmeckt nicht nach dem Kräuterfleisch.“

Peter zog Johnnys Teller ungefragt zu sich. Er und seine Frau beugten sich vor den Einschnitt. Es wirkte wie in einem schlechten Knowledge-Broadcast für Kinder.

„Das ist eine Ader“, urteilte Peter. Das letzte Wort sprach er

nahezu zögerlich, gar langgezogen aus. Er schien über die gefundene Ader im Fleisch nachzudenken.

Johnny war sichtbar angewidert: „Wo kommt die her? Ist das genießbar?“ Blut in seiner Nahrung, wie war das möglich? Seit Jahren ernährte er sich mindestens einmal die Woche von Kräuterfleisch. Es hatte die nötigen Nährwerte. Es war immer gut, es war immer schön.

„Was für ein Fleisch ist das?“ Lucy klang besorgt. Es schien eine aufschreckende Entdeckung für sie zu sein.

„Das weiß ich nicht. Gibt es mögliche Unterschiede?“

„Das Fleisch kann verschiedener Herkunft sein“, erklärte sie.

Johnny stand vom Tisch auf und säuberte sich sorgfältig die Hände an der Serviette. Er ging in den Flur. Seine Eltern warteten. Er schien die nötigen Informationen zu besorgen. Sekunden später kehrte er mit der Verpackung zurück.

„Die Herkunft: Die Südregion“, las er noch im Gehen vor.

„Scanne bitte den Code. Die Südregion ist keine Erklärung für die Ader.“

Johnny scannte ihn mithilfe seiner Smartwatch. Über die synchronisierten Speaker erklang in der Wohnung seine Electronic Voice.

„Das von Ihnen erworbene Produkt stammt aus einer Bedürfnisfirma in der Südregion. Für die Produktion wurde eine Kräutermischung auf ein Stück Fleisch aufgetragen. Beide Komponenten erfuhren in einem vorigen Schritt ebenfalls einen Produktionsprozess. Wünschen Sie weitere Informationen?“

„Wie wird das Fleisch produziert?“, entgegnete Johnny zögerlich.

„Die von Ihnen erworbene Produktkomponente stammt aus der Brust eines Huhnes und wurde nach dessen unfreiwilliger Tötung verzehrgerecht aufbereitet.“

Familie Matteo guckte sich leicht betroffen an. Es erschien so, als ob sie an eine nicht bezahlte Rechnung erinnert wurden, welche ihnen bis zu dem Moment der Mahnung entfallen war. Insbesondere für Johnny glich die erhaltene Information eher wie die Erinnerung an ein peinliches Kindheitsmissgeschick. Er hatte vergessen, dass seine Nahrung, das Fleisch, von einem Tier kam.

„Wollen Sie in Erfahrung bringen, wie die von Ihnen erworbene Huhnkomponente zu Lebzeiten behandelt wurde?“ Die Electronic Voice riss die drei aus ihrer Betroffenheit. Sie blickten sich an. Johnny war sich nicht sicher, was er antworten sollte. Er meinte sich zu erinnern, welche Darstellung ihm drohte, sofern er zusagte. Es blieb ihm ungewiss, an was er sich aktuell nicht erinnern konnte. Das machte ihm Angst. Und ein schlechtes Gewissen.

„Nein“, sprach Johnny letztendlich deutlich und laut das aus, worauf seine Eltern gehofft hatten. Auch bei Ihnen kreisten Vorstellung und Zuordnungsversuche durch den Kopf. Doch sie ließen sie nicht zu.

Johnny Matteo senkte seinen Kopf von dem Microphone an der Decke in Richtung seines Stuhls. Er trat langsam zwei Schritte an ihn heran und setzte sich. Seine Eltern richteten sich wieder auf. Sie alle blickten sich an, es war, wie so oft an diesem Abend, still. Peter Matteo schob den Teller seines Sohnes langsam zurück an seinen ursprünglichen Platz. Lucy lächelte, Johnny und Peter zogen nach. Wie auf Knopfdruck begannen die Schultern wieder zu rotieren. Die Nahrungsaufnahme wurde fortgesetzt.

Das Interview

Der Kanzler blinzelte schreckhaft. Grelles Cameralight fiel urplötzlich auf das karg eingerichtete Set. Ein Tisch, zwei Sessel, ein blauer Hintergrund mit dem Schriftzug The political hour by Amazing Media TV. Der Presenter Thomas DeMacy saß ihm gegenüber. Gerade als sich seine Augen mit der neuen Umgebung vertraut gemacht hatten, erblickte er ein kleines Display. Rote LED-Zahlen zählten herunter. Sechs. Er erinnerte sich, dass es der Countdown für den Beginn der Show war. Vier. Gleich würde er seiner Vortagswahlpflicht nachkommen müssen. Zwei. Er räusperte sich. Eins. Ein Gong.

„Herr Kanzler, eine weitere Legislaturperiode neigt sich dem Ende entgegen. Es war Ihre dritte Amtszeit. Streben Sie eine vierte an?“

„Ich habe die Zusicherung meiner Partei erhalten, dass ich im Falle des erneuten Wahlerfolges weiter dieses Amt besetzen darf.“ Seine Stimme klang großväterlich. Sie überzeugte und schaffte Vertrauen.