Jones Arktischer Mohn - Thomas Kaczerowski - E-Book

Jones Arktischer Mohn E-Book

Thomas Kaczerowski

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Beschreibung

Jones Klassenkameraden sagen über ihn, er sei ein Spinner, ein "Eso-Freak", ein komischer Vogel. Andere sagen, er glaube, eine Verbindung zum Universum zu bekommen, zu etwas Höherem, zu mehr, als wir begreifen. Lise sagt, er sei ein besonderer Mensch, ein Mensch, der sehr sensibel für Dinge ist, die nicht jeder bemerkt. Eigentlich wollte Jone nur seine Morgenblätter, die er jeden Tag schreibt, zum Thema Intuition mit seiner Schulklasse teilen. Dass sich von diesem Tag an alles verändern würde, hatte er nicht erwartet. Entgegen jeder Vernunft entscheidet er sich kurzfristig und ohne die Erlaubnis seiner Eltern für eine Reise nach Norwegen zu seinem Freund Matt. Die Polarlichter ziehen ihn wie magnetisch immer tiefer in den Norden. Je weiter sich Jone von Zuhause entfernt, desto mehr lernt er sich selbst und die Geheimnisse des Lebens kennen. Dadurch erfährt er, worum es in seinem Leben eigentlich gehen sollte ... Ein Roman für Jung und Alt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Thomas Kaczerowski

Jones Arktischer Mohn

Roman

© 2020 Thomas Kaczerowski

1. Auflage

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

www.tredition.de

Coverdesign: www.granatapfeldesign.de

Lektorat: Ulf Schumann

Satz & Gestaltung: Herzblut-Lektorat Stephanie Bösel

Foto des Autors: © Moritz Hagedorn

ISBN:

 

Paperback:

978-3-347-18084-0

Hardcover:

978-3-347-18085-7

e-Book:

978-3-347-18086-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Papa

Intuition

Jones Klassenkameraden sagten über ihn, er sei ein Spinner, ein Eso -Freak, ein komischer Vogel. Andere sagten, er glaube, eine Verbindung zum Universum zu haben, zu etwas Höherem, zu mehr, als wir begreifen.

Lise sagte, er sei ein besonderer Mensch, ein Mensch, der sehr sensibel für Dinge ist, die nicht jeder bemerkt. Jemand, der sich in andere sehr gut hineinversetzen kann und ein großes Mitgefühl für seine Mitmenschen hat. Lise fühlte sich von Jone verstanden und gesehen. In seiner Anwesenheit ging es ihr immer gut. Wenn sie ihm in die Augen blickte, war es, als könne er etwas sehen, das andere nicht sahen. Sie verteidigte Jone oft vor den anderen Mitschülern und sagte: »Ihr habt keine Ahnung, nur Angst, da er euch an eure eigene Wahrheit erinnert, vor der ihr weglauft.«

Diese ganzen Geschichten und Gerüchte rund um Jone waren nur in die Welt gekommen, weil er im Philosophie-Unterricht zum Thema »Intuition« sagte, dass er jeden Morgen vor der Schule intuitiv schreibt und dabei Antworten auf alle Fragen, die er in sich trägt, vom Universum erhält und aufschreibt. Er schreibe quasi, ohne zu denken, und dabei entstünden sehr besondere und unvorhersehbare Monologe. Jone erzählte, dass die Morgenblätter, wie er sie nannte, für ihn eine Verbindung zu seiner Intuition seien, die er im Trubel des Alltags oft aus den Augen verliert.

Der Lehrer fragte, ob er einverstanden wäre, vor der Klasse einen Ausschnitt aus seinen Morgenblättern vorzulesen, damit die anderen nachvollziehen können, worüber er spreche, und eine Vorstellung von den Inhalten bekommen.

Er stimmte zu und las in der darauf folgenden Unterrichtsstunde aus seinen Seiten vor, die er am selben Morgen geschrieben hatte.

Guten Morgen,

Ich bin ein Baum und wurde gefällt, jetzt bin ich Papier und darauf schreibe ich an die Welt …

Zwänge umgeben mich. Ich fühle mich, als hätten andere Menschen Samenkörner in mir gepflanzt, die sich jetzt mehr und mehr entfalten und wachsen.

Sie wachsen langsam, aber sicher zu einem Baum heran und werden größer und sichtbarer.

Je älter ich werde, desto mühsamer wird es, diese Zwänge abzuschütteln und meine Selbst-Bestimmung zu leben.

»Ja, ist schon klar«, rief Philipp dazwischen, »Zwänge umgeben mich auch«

Der Lehrer ermahnte Philipp und Jone las weiter.

Es fühlt sich an wie Skateboard zu fahren, ohne selber lenken zu können.

Es nervt, in dieser Gesellschaft ständig Zwängen ausgesetzt zu sein.

Wenn ich mich dagegen wehre, droht mir Gewalt, davor habe ich Angst!

Deshalb halte ich mich an die Regeln.

Wenn ich mich nicht an die Regeln halte, muss ich Angst vor Bestrafung haben.

Bestrafung scheint ein weitverbreitetes Erziehungsmittel der Erwachsenen zu sein.

Wissen sie es vielleicht nicht besser, weil sie dasselbe erfahren haben?

Es scheint an der Zeit, das zu verändern!

Ich will mich aus diesen Zwängen lösen.

Möchte selbstbestimmt und im Einklang mit meinem »wahren Kern« leben.

Das natürliche Leben eben, ungedüngt und frei von Geschmacksverstärkern oder Pestiziden.

»Alter, was redest du da«, rief Philipp erneut dazwischen.

Er versuchte, bei seinen Klassenkameraden Unruhe zu stiften und Kolia und Anias mitzureißen, was ihm allerdings nicht wirklich gelang. »Das hat der doch von den Kalendersprüchen abgeschrieben. Als würde dieser Spast so was schreiben«, sagte Philipp mit einem hochmütigem Grinsen.

Jone bemühte sich, seine Wut und Verletztheit durch Philipps Kommentare nicht anmerken zu lassen und las weiter.

… Konditionierungen scheinen wie Benzin für die Zwänge zu sein.

So viele Regeln, die mir die Freiheit nehmen.

Freiheit ist doch die einzige Regel, die wichtig ist, oder?

Viele Regeln erscheinen mir von Menschen erschaffen, die Angst vor Vertrauen haben.

Erschafft Vertrauen nicht Freiheit?

Ganz von allein?

Wie in einer Liebesbeziehung …

Kontrolle würde sie zerstören. Vertrauen lässt sie wachsen.

Oder könnte sich die Freiheit vielleicht ohne die ganzen Zwänge nicht entfalten?

Was heißt Freiheit eigentlich?

Ich denke, frei tun, denken und sein zu können, was immer wir wollen, solange es keinem anderen Lebewesen schadet …

Jone unterbrach seinen Vortrag und sagte, er wäre fertig, obwohl er noch drei weitere Seiten vor sich liegen hatte. Zu groß wurde seine Unsicherheit mit jeder weiteren Zeile.

Plötzlich wurde es still. Jone wusste nicht, ob es diese Art der Stille war, die mit der eines Konzertes zu vergleichen war, nach einem Song, bevor der Applaus einsetzt. Oder ob es diese Art von Stille war, wenn Jone seinen Nachbarn Herr Finns im Flur traf, der immer nur darüber redete, wie schlecht und gefährlich alles ist und dass es früher einfacher war, und es eigentlich nur deshalb still war, weil Jone nicht wusste, was er antworten sollte.

Lise war vom ersten Wort an gefesselt, fühlte sich angesprochen und dachte noch lange über Jones Zeilen nach.

Philipp störte während des gesamten Vortrags und war auch der Grund, weshalb Jone abgebrochen hatte. Er lachte mittendrin einmal lauthals und es wirkte für Jone wie ein künstliches, vielleicht auch irgendwie unsicheres, aber provozierendes Lachen.

Jone war irritiert und traurig darüber, was diese wenigen Zeilen aus seinen geliebten Morgenblättern in der Klasse ausgelöst hatten. Es herrschte ein lautes Durcheinander in der Klasse. Jone hatte einfach etwas zum Thema Intuition beitragen wollen und seine Morgenblätter, die für ihn so wertvoll waren und wie er fand gut dazu passten, mit seiner Klasse teilen. Er war wütend auf sich selbst und bereute, dass er seine Gedanken in der Klasse vorgelesen hatte.

An diesem Tag wurde er zum Gespött vieler Klassenkameraden und mysteriös für manch anderen. Jones Lehrer begeisterten seine Zeilen. Ihm gefiel besonders die Einleitung »Ich bin ein Baum und wurde gefällt, jetzt bin ich Papier und darauf schreib ich an die Welt«. Ein paar andere dachten sich gar nichts dabei und konnten nichts mit Jones Zeilen anfangen, verurteilten ihn aber auch nicht. Einige nannten Jone seit diesem Tag »Eso-Freak«.

Phillipp nannte ihn nur noch Spasti.

Lise ärgerte es, wenn sie mitbekam, wie die Anderen über Jone sprachen, und verteidigte ihn. Sie sagte, dass sie es mutig fand, dass Jone seine Morgenblätter mit der Klasse geteilt hatte.

Sie mochte Jone schon immer und glaubte, dass mehr in ihm steckte, als er vielleicht selber wusste.

Am nächsten Tag schrieb Jone in seine Morgenblätter:

Liebe Morgenblätter, warum müssen Menschen immer bewerten? Warum nehmen sich Menschen das Recht, zu verurteilen? Warum habe ich mich nur darauf eingelassen, vermeintlich etwas Sinnvolles zu tun, um dafür dann so einen Spott zu erhalten? Ich habe auf mein Gefühl gehört und Freude beim Teilen meiner Morgenblätter empfunden – und jetzt bereue ich es. Ich bereue es, meine Zeilen öffentlich gemacht zu haben und dafür jetzt ausgelacht zu werden. Ich würde gern sagen, mir ist es egal, was die Anderen von mir denken, das ist es auf eine bestimmte Art und Weise auch, aber das unangenehme Gefühl im Magen ist schwer zu ertragen.

War es ein Fehler?

Ja, ich weiß, richtig und falsch gibt es eigentlich nicht, das ist ebenso Beurteilung.

Was sage ich?

Ich musste es tun! Irgendwas in mir hat mich dazu gebracht, es zu machen. Was ist so schlimm daran? Ich wurde nicht geschlagen.

Anderen Menschen geht es viel schlechter als mir. Was beschwere ich mich? Nur weil ich jetzt zum Gespött geworden bin? Was nehme ich

mich überhaupt so wichtig? Das ist im Vergleich zu Problemen anderer Menschen ein Witz.

Ich habe aber das Recht, mich wichtig zu nehmen!

Und das ist für mich ein wichtiges Thema. Gedanken und Worte von anderen fühlen sich ebenso schlimm an wie körperliche Gewalt, wenn sie verletzen. Worte und Gedanken sind Kräfte. Sie sind wie eine unsichtbare Faust, wenn sie bösartig sind. Das habe ich gestern mehr denn je gefühlt. Ich verfluche meine Sensibilität. Warum kann ich nicht einfach fernsehen oder Computer spielen und damit zufrieden sein, wie andere in meiner Klasse es auch sind. Heute nehme ich mir vor, nicht darüber zu grübeln. Ich lasse mich einfach treiben und schaue, was passiert. Ich will nur das tun, was sich gut anfühlt. Und wenn ich z. B. die Klasse verlassen will, weil ich mich dort unwohl fühle, werde ich es machen!

Ist das Leben ungerecht oder denke ich nur, dass es ungerecht ist?

Was wäre, wenn ich denke, es ist gerecht, und alles passiert genau so, wie ich es mir erdenke? Dann verschwinden doch eigentlich sofort alle Probleme, oder?!

Ich denke mir, die Jungs können einfach nichts mit meinen Seiten anfangen und verspotten mich deshalb. Wäre das ein Weg? Ich lasse mich treiben und wünsche mir einen kraftvollen Tag.

Als Jone an diesem Morgen in seine Klasse kam, war die Welt eine andere. Äußerlich schien alles gleich, doch innerlich fühlte er, dass etwas passiert war. Er fühlte sich verletzt, aber gleichzeitig befreit. Er spürte den feinen Unterschied zwischen Verletztheit und Verletzlichkeit. Das Gefühl der Freiheit war stärker als der verletzte Teil in ihm. Und er akzeptierte seine Verletzlichkeit. Er wusste, dass er das Richtige getan hatte. Er hatte diese Klarheit, die einem nur selten zuteil wird, aber wenn man diese besondere Klarheit empfindet, weiß man es einfach.

Wie eine Sternschnuppe tauchte diese Klarheit für einen kurzen Moment auf und verschwand genauso schnell wieder.

Jone hatte dieses Gefühl schon einmal. Damals, als er sich in Lise verliebt hatte. Es kam einfach so und ganz plötzlich. Er wusste einfach, dass er sie liebte. So ein Gefühl hatte Jone noch nie zuvor in seinem Leben erfahren. Es gab Bilder in seinem Kopf, wie er mit Lise auf einem Berg den Sonnenuntergang beobachtet und wie ihre Kinder weiter unten auf der Wiese spielen. Er hatte diese Klarheit, obwohl er noch so jung war und eigentlich keine Ahnung von der Liebe hatte.

So wie erfahrene Bauern wissen, wann es Regen gibt, ohne den Wetterbericht zu kennen, oder wenn Tiere Tage vorher spüren, dass sich ein Sturm anbahnt.

An diesem Morgen empfand Jone genau so eine Klarheit …

Die Klarheit wurde gestört, als der Lehrer, »Herr Muff«, in die Klasse kam und nach einem knappen »Guten Morgen« die Schüler aufforderte, Seite 34 im Geschichtsbuch aufzuschlagen. Er bat Jone, seine Kappe vom Kopf zu nehmen. Jone wurde wütend. Er liebte seine Kappe, sie war ihm wichtig und ein Teil von ihm. Wenn er sie absetzte, fühlte er sich nackt.

»Ich sage ihm doch auch nicht, dass er seinen komischen Schnurrbart abrasieren soll! Mit welchem Recht zwingt mich Muff dazu, meine Kappe abzusetzen? Ich will das nicht«, dachte er. Dennoch gehorchte Jone der Aufforderung und schlug gleichzeitig Seite 34 im Geschichtsbuch auf.

Der Unterricht interessierte ihn nicht und so saß er da und ließ seine Gedanken fliegen. Er tat das, was er sich in der Schule in Perfektion angeeignet hatte, er vermittelte den Eindruck, als würde er zuhören, war aber gedanklich ganz wo anders. Er stellte sich vor, was er jetzt alles Schöneres machen könnte, als hier zu sitzen.

Er hatte so viele Ideen. Ihn interessierte zum Beispiel sehr die Natur. Er fand es faszinierend, dass aus einem einzigen kleinen Samenkorn ein Baum wächst. Ein so großer, starker Baum. Und dass ein Großteil unserer Nahrung aus so winzig kleinen Samenkörnern entsteht. All die wilden Tiere, wie sie leben, mit dem Rhythmus der Natur leben oder ihren Winterschlaf halten, begeisterten ihn ebenso. Schon als Kind sammelte er bei jeder Gelegenheit den liegengelassenen Müll in der Landschaft auf und war traurig darüber, wie respektlos viele Menschen mit der Erde umgehen. Genauso faszinierte ihn das überdimensionale, unbegreifliche Universum. Der Sternenhimmel in einer klaren Sommernacht hatte ihn schon mit drei Jahren zum Staunen gebracht. Beim Blick nach oben spürte er diese Macht und Magie und es stimmte ihn demütig. Stundenlang konnte er in den funkelnden Sternenhimmel schauen, ohne dass ihm langweilig wurde. Das waren Dinge im Leben, die Jone sehr interessierten und begeisterten. Darüber hätte er Stunden reden, Fragen stellen oder forschen können. In der Schule wurde über diese Themen leider kaum gesprochen oder wenn, nicht so ausführlich, wie Jone es gerne gehabt hätte. Solche für ihn wichtigen Themen wurden, wenn überhaupt, nur oberflächlich angekratzt, aber Themen wie das Römische Imperium wurden bis zum Erbrechen besprochen.

»Wo ist da der Sinn und wo liegt der Nutzen«, fragte er sich? »Was hab ich davon, wenn ich weiß, im welchem Jahrhundert Kleopatra gelebt hat? Wenn Tiere Winterschlaf halten, dann ist das doch bestimmt auch gut für den Menschen«, dachte er. »Oder zumindest, dass der Mensch im Winter genau wie die Natur mehr ruhen sollte als im Sommer!?«

Es war der letzte Tag im Januar und morgens war es noch dunkel, wenn er zur Schule musste. So gerne wäre er an diesen dunklen und kalten Morgen noch im Bett liegengeblieben. Es machte ihn wütend, dass er nicht so handeln konnte, wie er wollte. Sein Körper schrie ihn förmlich an: »Lass mich bitte schlafen!« Aber dann hörte er auch schon die Stimme seiner Mutter: »Jone, steh jetzt auf!« Gerne hätte er mit seinen Eltern darüber diskutiert, dass er die meisten Themen in der Schule uninteressant und unwichtig fand. Und dass er viele Ideen für einen anderen, zeitgemäßen und praxisorientierten Unterricht hätte. Aber Jone traute sich nicht, mit seinen Eltern darüber zu reden. Und wem sonst hätte er seine Ideen mitteilen sollen?

Wen interessierte schon die Meinung eines 15-jährigen Jungen zu diesen Themen?

Wahrscheinlich würde man ihn als hochmütigen, pubertierenden Jungen abstempeln, der noch keine Ahnung vom Leben hat. Auch das Notensystem in der Schule fand er total destruktiv.

Einmal wurde Jone nach der Schule von Philipp verprügelt. Er hatte ihn mit voller Wucht in den Arsch getreten, eine Backpfeife verpasst und zu Boden gedrückt. Er beschimpfte ihn und drohte mit mehr Prügel, wenn er ihn verpetzen sollte.

Und das alles nur, weil Jone eine Eins im Sportunterricht bekommen hatte und Philipp nur eine Zwei Minus. Philipp sagte, dass Jone die Note niemals verdient hätte und dass er in Sport viel besser sei als Jone. Jone traute sich nicht, sich zu wehren, weil Philipp stärker war als er.

Seit diesem Tag verfluchte er das Notensystem. Er dachte darüber nach, dass man in der Schule das Fach Kooperation einführen könnte. Potenziale zu bündeln und dadurch gemeinsam stärker zu sein. Das könnte ein Miteinander erzeugen und würde Wettstreit und Neid untereinander verringern oder sogar beenden. Jeder hatte seine Stärken und Schwächen und sollte als Individuum darin unterstützt werden.

Kinder miteinander zu vergleichen, meinte Jone, war, als würde jemand sagen, in Berlin zu leben ist schöner und besser als in Hamburg. Das liegt ja letztendlich immer im Auge des Betrachters.

Jone fand auch, dass die Natur ein sehr guter, wenn nicht der beste Lehrer ist. Wenn er draußen spielte, lernte er so viel über das Leben.

Er beobachtete jedes Jahr begeistert, wie die Natur im Herbst begann, sich zurückzuziehen, und dachte, dass es doch bestimmt für die Menschen ebenso sinnvoll und gesund wäre, im Winter einen anderen Rhythmus zu verfolgen als im Sommer. Jone ging um 22 Uhr ins Bett und war trotzdem morgens müde.

Im Sommer wachte er hingegen sehr früh automatisch mit der Sonne auf und war topfit.

Jone wurde durch das Pausenklingeln aus seinen Gedanken gerissen. Er ging nach draußen und eilte zu seinem kleinen Versteck hinter der Schule. Hier stand eine alte, riesige Kastanie, bei der er gerne seine Pausen verbrachte. Die älteren Kinder waren meistens in der Raucherecke hinter der Turnhalle und die anderen blieben auf dem Schulhof, denn den Schulhof zu verlassen, war eigentlich verboten.

Jone liebte den Baum und den kleinen Ort der Ruhe. Er hatte das Bedürfnis, seine letzten Gedanken aufzuschreiben. Er setzte sich auf den Stuhl, den er vor Kurzem vor dem Sperrmüll gerettet und hier gelassen hatte, nahm seinen Bleistift aus der Tasche und fing an, in sein kleines Notizbuch zu schreiben, das er immer bei sich trug.

Meinen liebsten Baum

sah ich noch im Frühling unter einer Blütenpracht.

Jetzt hier im Winter

stehe ich unter seinem kahlen Dach.

Doch tief im Herzen erfreut es mich,

dass man genau von hier hat im Sommer eine andere Sicht.

Und so soll es wohl sein,

dass wir im Winter nach innen gehen,

dorthin, wo all die schönen Blüten entstehen.

Jone hatte nicht vor, ein Gedicht zu schreiben, aber irgendwie kamen ihm diese Worte in den Sinn.

Er freute sich über die Zeilen, denn sie waren eine schöne zusammenfassende Beschreibung seiner Gedanken im Unterricht.

Die Klingel beendete die Pause. Jone hatte jetzt Physik. An sich mochte er das Fach, weil es ja viel mit dem Universum zu tun hatte, das ihn so sehr faszinierte.

Aber den Physikunterricht bei Herrn Dullski fand er langweilig und deprimierend. Herr Dullski trug meistens eine Cordhose, eigentlich immer die gleiche, und er hatte sehr starken Mundgeruch, den man bis in die erste Reihe riechen konnte. Er trug eine Prinz-Eisenherz-Frisur, die wie die Faust aufs Auge zu ihm passte und seinen Stil abrundete.

Meistens schrieb er Formeln an die Tafel. Wie diese Formeln fürs Leben zu gebrauchen waren, konnte keiner in der Klasse sagen.

Es wäre sicher spannend gewesen, zu erfahren, wofür Herr Dullski die Formeln bisher benutzt hatte, außer in der Schule natürlich. Fast jeder in der Klasse hasste Physik. Bis auf Käthe Lorenz, die war aber auch die Klassenbeste und stand überall »Sehr gut« bis »Sehr gut Plus«.

Eine Leidenschaft Herrn Dullskis zu seinem Fach Physik, für das er immerhin ein paar Jahre studiert hatte, war jedenfalls schwer zu erkennen.

Wenn Jone mit seinem Vater über das Universum redete, konnte er nicht genug bekommen. Er hatte tausende Fragen und hätte die ganze Nacht philosophieren können.

Ist das Universum unendlich?

Wer oder was hat den Urknall verursacht und was war davor?

Wenn der Mensch sagen kann, dass es Milliarden von Galaxien gibt, dann gibt es doch bestimmt auch anderes Leben in einer anderen Galaxie?!

Die Wintersonne kam hinter einer großen, perlmutt schimmernden Wolke hervor und schien Jone genau ins Gesicht. Sie hatte ein belebendes Licht und eine wohltuende Wärme. Die Sonne hatte sich in den letzten Wochen kaum gezeigt. Deshalb genoss Jone umso mehr jede Sekunde.

Jetzt erst wurde ihm bewusst, wie dunkel es in den letzten Wochen gewesen war. Wenn sich die Sonne überhaupt mal gezeigt hatte, war sie um sechzehn Uhr schon wieder verschwunden.

Der Unterricht hatte bereits vor fünf Minuten begonnen und Jone war noch immer auf dem Pausenhof. Er überlegte, loszurennen, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Er hatte keine Lust, sich für seine Verspätung Rechtfertigungen auszudenken. Aber irgendetwas hielt ihn davon ab, loszustürmen.

»Jetzt am Unterricht teilzunehmen, wäre genau so ein Zwang, über den ich gerade geschrieben habe«, dachte er.