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Die Geschichte handelt vom 12 jährigen Joschi, der mit seinem Freund Albertus ein unglaubliches Abenteuer erlebt: Das kleine Dorf Auweiler wird überschattet von dunklen Wolken, die von einem schwarzen Berg herüberziehen. Die Dunkelheit scheint ihren Ursprung in einem Ereignis zu haben, welches viele Jahre zurück liegt und mit einem Drachen zu tun haben soll. Eines Tages erfährt Joschi von seinem Vater, was damals geschehen ist, und beschließt die Sonne, die Fröhlichkeit und die Farben wieder zurück in das Dorf zu bringen. Hilfe bekommt er von Albertus, einem alten Einsiedler, der die Geschehnisse in der Vergangenheit hautnah miterlebt hat. Joschi muss seinen ganzen Mut aufbringen, viele Dinge lernen und einige Gefahren meistern, bis er endlich dem Drachen gegenüber steht. Ob er es wohl schafft die Dunkelheit zu verbannen?
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2018
Jörg P. Damerau
Eine phantastische Geschichte aus dem Mittelalter
© 2016 Jörg P. Damerau
Umschlag, Illustration: Ronja und Alex Daubner
Lektorat, Korrektorat: Ronja und Alex Daubner
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7469-1174-8
Hardcover
978-3-7469-1175-5
e-Book
978-3-7469-1176-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Joschi
das bin ich
Borchardt
mein Vater
Methildis
meine Mutter
Albertus
ein Einsiedler und später mein Freund
Auberlin
eine Echse, die bei Albertus wohnt
Josef
ein Karpfen, er lehrte mich das Schwimmen
Tannbert
eine freundliche und hilfsbereite Tanne
Wolfgang
Chef des Wolfsrudels, ein nicht ganz einfacher Zeitgenosse
Tobi
Wolfgangs jüngster Sohn, neugierig und rebellisch, wie alle Teenager
Wotan
ein dreiköpfiger Hund, der leider nicht sehr mutig ist, dafür sieht er aber furchterregend aus
Carla
eine sehr große Tanne, die immer zu kleinen Streichen aufgelegt ist
Engelbert
ein pflichtbewusster und tapferer Ritter
Nepomuk
ein schwarzroter Drache, dem seine Streiche zum Verhängnis geworden sind
Hallo, mein Name ist Joschi. Ich bin 12 Jahre alt und die Geschichte, die ich dir jetzt erzähle, müsste eigentlich mit „Es war einmal...“ beginnen, denn sie wird für dich klingen wie ein Märchen. Tut sie aber nicht, weil sie genau so passiert ist, wie ich sie hier aufgeschrieben habe.
Wir wohnen in dem kleinen Dorf Auweiler auf einer Anhöhe, in der Nähe des schwarzen Berges.
Wir, das sind meine Eltern und ich. Mein Vater, Borchardt, ist Tischler und baut Möbel, die er dann auf dem Markt in der großen Stadt verkauft. Manchmal repariert er auch Gegenstände für die Leute aus dem Dorf, meistens Stühle oder Tische und dabei helfe ich ihm oft. Ich habe auch selber schon kleine Möbelstücke hergestellt, zum Beispiel eine Fußbank für meine Mutter. Wenn ich erwachsen bin, möchte ich natürlich auch ein Tischler sein.
Meine Mutter, Methildis, kümmert sich um den Haushalt. Sie putzt das Haus, pflegt den Garten in dem Kräuter, Obstbäume und Blumen wachsen, kocht und manchmal backt sie süße Wecken. Dann duftet das ganze Haus so wie heute. Unser Dorf ist sehr klein. Es gibt nur wenige Häuser und die sind sehr alt, weil niemand gerne hier wohnen mag. Die jungen Leute ziehen alle in die Nähe der großen Stadt, um dort bei den Meistern zu lernen. In unser Dorf kommen sie nach der Lehrzeit allerdings nicht mehr zurück.
„Das liegt an dem schwarzen Berg“, sagt mein Vater immer. „Die dunklen Wolken die über ihm hängen und in letzter Zeit auch immer öfter über unser Dorf ziehen, vertreiben die Menschen und die gute Laune, darum will niemand hier wohnen.“
Wir werden wohl auch bald von hier weggehen. Mein Vater möchte näher an der großen Stadt wohnen, um öfter auf dem Markt seine Möbel verkaufen zu können. Von hier aus dauert es zwei ganze Tage bis wir mit einem Karren voller Möbel in der Stadt sind. Unser Ochse ist eben nicht mehr der Jüngste, aber er ist stark. Jetzt weißt du wie und wo ich lebe und ich kann mit meiner Geschichte beginnen.
Es war an einem Mittwoch im Mai 1215. Ich kam aus der Werkstatt meines Vaters und schaute mich um. Es musste fast Mittag sein, denn die Sonne stand hoch am Himmel und außerdem hatte ich Hunger. Es war ein wunderschöner Tag. Die Vögel sangen und die Blumen blühten in allen Farben, der Himmel war blau und kleine Wolken schwebten vorbei. Ich drehte mich in der Sonne. Dann betrachtete ich den schwarzen Berg. Er war sehr hoch und unheimlich. Es sah aus, als hätte man ihn mit Pech übergossen. Dunkle Wolken schwebten von seiner Spitze zu uns herüber. Die Sonnenstrahlen erreichten nur den Fuß des Berges. Der Rest des Berges war dunkel und furchterregend. Immer wenn ich in Richtung des Berges schaute war es, als schnürte mir jemand mein Herz zu und ich bekam Angst. Es schien mir so, als breitete sich die Dunkelheit jeden Tag ein wenig mehr aus. Bald würde sie auch Auweiler erreicht haben.
„Der schwarze Berg kann einem schon Angst machen“, sagte mein Vater und legte mir die Hand auf die Schulter.
„War der schon immer so dunkel? Was macht ihn so dunkel? Wieso sind die schwarzen Wolken an dieser Stelle? Hast du nicht auch das Gefühl, die Wolken breiten sich immer weiter aus?“ Es sprudelte aus mir heraus. Ich hatte das Gefühl den schwarzen Berg heute zum ersten Mal richtig zu sehen.
„So viele Fragen, mein Sohn. Komm mit, wir machen eine Pause. Setz dich ins Gras, ich schau mal in der Küche nach, ob noch ein Stück vom Wecken da ist. Dann erzähle ich dir alles was ich über den Berg weiß.“
Als Vater zurück kam hatte er für jeden von uns ein großes Stück vom Wecken in der Hand und einen Krug mit verdünntem Wein. Ihr werdet es komisch finden, dass ich schon verdünnten Wein trinken durfte, aber zu meiner Zeit, also im Mittelalter, war das ganz normal. Man wusste noch nicht wie schädlich Alkohol gerade für Kinder ist. Mein Vater und ich saßen gemeinsam in der Sonne, guckten zum schwarzen Berg und er begann zu erzählen:
„Vor vielen Jahren, als deine Großmutter noch lebte und ich ein kleiner Junge war, war dieser Berg genau so schön und voller Blumen wie die Anhöhe hier in Auweiler. Über dem jetzt schwarzen Berg schwebten damals kleine, weiße Wolken. Die Sonne blinzelte am Morgen hinter ihm hervor und erleuchtete ihn am Mittag. Eines Nachts jedoch geschah etwas, was alles so veränderte wie du es jetzt siehst. Es war kurz nach Anbruch der Dämmerung, als plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm die Ruhe im Dorf störte. Etwas wie ein Schrei oder eher ein Kreischen. Wir Kinder wurden auf unsere Stuben geschickt und die Fensterläden wurden fest verschlossen. Die Erwachsenen stürmten auf die Gasse. Ich erinnere mich an viele und laute Stimmen in dieser Nacht. Es wurde gerufen, gejohlt und geschrien. Männer und Frauen riefen wild durcheinander. Damals standen noch viel mehr Häuser in unserem Dorf und es klang als ob alle Erwachsenen des Dorfes gleichzeitig durch die Gassen liefen. Zwischendurch hörte ich immer wieder dumpfe Schläge und kurz darauf ein lautes Fauchen. Das klang so böse, wie unsere Katze klingt, wenn du ihr die Schüssel mit der Milch wegnimmst. Nur eben alles viel, viel lauter. Durch die Ritzen in den Fensterläden schien ab und zu das Licht von Fackeln herein. Manchmal war auch ein helles Licht zu sehen, fast so hell wie ein Blitz. Ich lag auf meinem Strohsack und hatte meinen Umhang ganz dicht um mich gelegt. Eigentlich wollte ich gerne durch die Ritzen in den Fensterläden gucken, aber ich traute mich nicht von meinem Lager herunter. Das war alles so unheimlich.“
Ich hatte vergessen zu essen, so spannend war das, was mein Vater mir da erzählte. Mit roten Wangen und offenem Mund hörte ich zu. Jetzt, da mein Vater eine Pause machte, biss auch ich in den Wecken.
„Hafft du barmix sonft gefehen“, ich schluckte, „und deine Freunde auch nicht?“ Mit vollem Mund sollte man keine Fragen stellen, dachte ich und rechnete mit einem Tadel.
Doch mein Vater lächelte nur und äffte mich nach: „Meim, befehen haben wir nifts.“ Er lachte. „Natürlich war diese Nacht lange das Gesprächsthema Nummer eins unter uns Kindern im Dorf. Aber lass mich der Reihe nach weitererzählen.“ Ich nahm noch einen kräftigen Bissen und mein Vater fuhr in seiner Erzählung fort. „Mit einem Mal wurden die Stimmen leiser und kein Licht schien mehr durch die Ritzen. Ich wartete eine ganze Zeit und dann fasste ich all meinen Mut zusammen, schlich aus dem Bett und versuchte durch irgendeinen Spalt einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Leider sah ich nur die Lichter, die sich in der Dunkelheit entfernten. Langsam und vorsichtig ging ich die Stiegen hinunter und öffnete die Haustür. Zuerst nur einen Spalt, dann ein wenig mehr und schließlich stand ich auf der Gasse vor unserem Haus. Die Nacht kam mir dunkler vor, als alle anderen Nächte die ich bisher erlebt hatte. Es lag ein rötliches Licht über dem Dorf und es roch stark nach Rauch. Am Rand des Ortes sah ich ein Feuer, dort wo vorher die Hütte eines wunderlichen, alten Mannes gestanden hatte. Ich ging ein Stück durch die Gassen, da traf ich einige meiner Freunde. Sie hatten es scheinbar auch nicht in ihren Betten ausgehalten. Die Gassen waren von den Regenfällen der letzten Tage ganz aufgeweicht und so konnten wir die Spuren der vielen Menschen gut erkennen. Zwischen den unzähligen Fußabdrücken waren jedoch auch undefinierbare Spuren: Riesige, tiefe Abdrücke und Schleifspuren. ‚Schaut her‘, rief Karl und zeigte auf einen Abdruck im Matsch: ‚Das war ein Drache, ein riesiges Monster! ‘ Er hob den Arm hoch und reckte sich in den Nachthimmel, um uns allen zu zeigen wie groß das Monster seiner Meinung nach gewesen sein musste. ‚Genau‘, antwortete Johannes, er wollte sicher das Dorf zerstören! Seht doch! Die Hütte vom alten Wunderling brennt. Dort haben sie es gefangen! ‘ ‚Und mein Vater hat es in Ketten gelegt, er hat nämlich Bärenkräfte. Jetzt schleppt er das Monster aus dem Dorf und ertränkt es im See‘, meldete sich Friedwart, der Sohn des Schmieds, zu Wort.“
„Es gab einen Schmied hier?“ unterbrach ich meinen Vater.
„Nicht nur das. Es gab auch einen Bäcker und einen Fleischer hier. Vor dieser Nacht war unser Dorf ein Dorf wie jedes andere. Nach dieser Nacht war alles anders. Viele Menschen zogen von hier fort. Die meisten wohnen seither einen Tagesmarsch entfernt in Schönblick. Du weißt schon, dort wo wir auf dem Weg zum Markt immer übernachten.“ Ich nickte. „Es gab nur wenige Leute die hierblieben. Aber nun zurück zu diesem Abend, die Pause dauert schon lange genug. Ich habe noch viel zu tun, denn du weißt wir wollen bald auf den Markt gehen. Bis dahin muss ich genug Möbel gebaut haben, damit ich von dem Verkauf Vorräte für den neuen Monat kaufen kann.“
Leise kauend erwartete ich das Ende der Geschichte.
„Wir Jungen schlichen also durch das Dorf in Richtung des Rauches. Das Feuer hatte die Hütte des Wunderlings vollständig zerstört. Es war nichts mehr übriggeblieben als ein Haufen Asche und etwas Eisen von den Pfannen. ‚Das war ein Drache‘, flüsterte Karl. ‚Ganz sicher!‘ Wir waren alle sehr erschrocken. Zwar wussten wir, dass es Drachen gab, aber doch nicht hier in unserer Gegend. Sie lebten weit weg in einem Gebirge mit feuerspeienden Bergen. Wieso sollte ein solcher Drache nach Auweiler gekommen sein? Dann rannten wir nach Hause und verschwanden in unseren Betten bevor unsere Eltern bemerken konnten, dass wir das Haus verlassen hatten. Kurze Zeit später kamen meine Eltern, deine Großeltern, nach Hause. Das ist die ganze Geschichte.“ Vater stand auf und ging in die Werkstatt. Ich hängte mich an seinen Rockzipfel. Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Wieso war der Berg auf einmal schwarz? Woher kamen die dunklen Wolken? Was war mit dem alten Wunderling, wie er ihn nannte, passiert? Ich hatte so viele Fragen, aber die mussten wohl bis zum Abendessen warten. Vater ging sofort an die Arbeit und dort durfte er nicht gestört werden.
Den Nachmittag wollte ich damit verbringen, mit meinen Freunden auf Spurensuche zu gehen. Ich musste diese Neuigkeiten unbedingt mit meinen Freunden teilen. Gemeinsam würde die Spurensuche noch viel mehr Spaß machen. Als erstes lief ich zum Haus von Gernot, aber der musste seinem Vater beim Holz hacken helfen. Roderick und Wolfhard waren mit ihren Vätern auf dem Feld und so musste ich letztlich doch alleine losziehen. Ein wenig mulmig war mir schon. Ich schlich durch das Dorf, ohne zu wissen wonach ich eigentlich suchte. Zuerst einmal wollte ich die Stelle finden, an der die Hütte des Einsiedlers gestanden hatte. Ich musste Vater unbedingt mehr über diesen Mann entlocken. Nachdem ich das Dorf drei Mal umrundet hatte, wie gesagt, es ist ein sehr kleines Dorf, gab ich auf. Die verbrannte Stelle, an der das Haus des Wunderlings gestanden hatte, war nicht mehr zu finden. Das war eigentlich kein Wunder, denn immerhin war der Brand ja schon ungefähr 20 bis 30 Jahre her.
„Moment“, dachte ich. „Die Großmutter von Roderick lebt doch noch, sie müsste sich doch an diesen Tag erinnern, sie war doch sicher auch dabei gewesen.“ Ich eilte zurück zu Rodericks Haus. Seine Großmutter saß, wie fast jeden Tag, vor dem
Haus auf der Bank in der Sonne. Neben der Bank stand wie immer ihr Reisigbesen. Ich hatte sie allerdings noch nie damit fegen gesehen. Das machte meistens ihre Tochter, die auch in dem Haus lebte.
„Na, hast du nichts zu arbeiten?“ begrüßte sie mich unfreundlich. „Kräftige Jungen gehören aufs Feld oder in die Werkstatt und streunen nicht wie junge Hunde auf der Gasse herum.“ Ich überhörte ihre Vorwürfe und fragte gleich los: „Guten Tag Kunigund, ein schöner Tag um die Sonne zu genießen, finde ich.“ Ich setzte mich ins Gras zu ihren Füßen. Sie sah mich fragend von oben herab an und so fuhr ich fort.
„Warst du eigentlich damals dabei, an dem Tag als sich der Berg verdunkelte? Weißt du wo die Hütte des Einsiedlers stand und wie er hieß? Was genau ist eigentlich damals geschehen?“
Ich hatte die Fragen noch nicht zu Ende gestellt, da stand die alte Frau auf und drohte mir mit ihrem Besen. Sie war rot im Gesicht und schlug mit dem Besen in meine Richtung. Ich sprang ebenfalls auf, um den Schlägen ausweichen zu können. „Wer hat diesem Burschen die Flausen in den Kopf gesetzt? Anstatt zu arbeiten rennt er herum und erschreckt alte Weiber mit seinen Horrorgeschichten. Eine ordentliche Tracht Prügel hat er dafür verdient. Mach, dass du wegkommst und stell‘ nie wieder solche Fragen! Lass die Geister der Vergangenheit ruhen! Mach dich weg von hier!
Los! Los! Los!“ Immer und immer wieder schlug sie mit dem Besen nach mir. Da ich aber sehr flink war, traf sie mich nicht.
Inzwischen waren die Frauen aus der Nachbarschaft aus ihren Häusern gekommen. Ich rannte so schnell ich konnte davon und versteckte mich hinter einem Gebüsch. Wieso hatte Kunigund so heftig mit mir geschimpft? Ja, sie war immer ein wenig mürrisch, aber eine solch heftige Reaktion hatte ich nicht erwartet. Ich blieb in meinem Versteck bis sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte und schlich dann nach Hause. Ich hoffte, dass sich der Zwischenfall noch nicht herumgesprochen hatte. Sonst setzte es von meinen Eltern vielleicht vor dem Abendbrot noch eine Abreibung.
Als es in der Werkstatt zum Arbeiten zu dunkel wurde kam mein Vater in die Küche. Ich tat mein Bestes, um das Gespräch wieder auf die Geschichte des besagten Abends zu bringen. All meine Geschicklichkeit nützte mir nichts. Vater ging nicht mehr auf das Thema ein. Nachdem ich meine Biersuppe und den Kanten Brot aufgegessen hatte, wurde ich zu Bett geschickt. Alles Trödeln half nichts, ich würde heute keine Antworten auf meine Fragen erhalten. An Schlaf war jedoch auch nicht zu denken, dazu war ich zu aufgewühlt. Ich wälzte mich auf meinem Strohlager hin und her. Meine Gedanken kreisten um das was ich gehört hatte: „Warum war der Berg schwarz? Woher kamen die dunklen Wolken? Was war aus dem alten Mann geworden, der seine Hütte verloren hatte? Lebte er noch und wenn ja, wo lebte er heute? Konnte ich von ihm mehr erfahren, oder würde er genauso reagieren wie Kunigund? Warum wollte niemand über diesen Abend sprechen?“
Während ich nachdachte hörte ich die leise Stimme meiner Mutter: „Warum musstest du ihm das überhaupt erzählen? Warum verängstigst du den Jungen mit dieser alten Geschichte? Ich denke man soll die Vergangenheit ruhen lassen.“
„Er hat ein Recht darauf zu erfahren wieso der Berg schwarz ist. Allerdings habe ich selber auch keine Erklärung dafür. Ich wachte am Tag nach dem Brand auf und da war der Berg schwarz.“
„Einfach so?“
„Einfach so! Der alte Einsiedler, Albertus war sein Name glaube ich, ist nie wieder hier im Dorf gesehen worden. Es heißt, er lebt unten im Tal an dem See in einer Höhle. In der Nähe der Höhle soll auch der Weg sein, der zum schwarzen Berg führt. Mehr weiß ich auch nicht. Wir durften damals nicht über den Vorfall reden, geschweige denn zum See gehen. Wenn wir nur in die Nähe des Sees gingen und dabei erwischt wurden, gab es eine ordentliche Tracht Prügel. Zwei von meinen Freunden haben einmal versucht zum See baden zu gehen, sie wurden jedoch von ihren Eltern dabei beobachtet und zurückgeholt. Niemand im Dorf redete über diese Nacht. Und wer von uns Kindern danach fragte, bekam eine saftige Ohrfeige als Antwort. Und bei diesem Schweigen ist es bis heute geblieben.“ Dann war es still in der Küche und ich war wieder mit meinen Gedanken alleine. Viele meiner Fragen waren jetzt beantwortet worden, aber es gab auch wieder neue Fragen. Der ganze Abend schien tatsächlich etwas mit einem Drachen zu tun gehabt zu haben. Ich hatte bisher immer gedacht, die Erwachsenen denken sich Drachengeschichten nur aus, um uns Kinder zu ängstigen. Sollte es tatsächlich Drachen geben? Und zwar hier in unserer Gegend? Das wäre sehr aufregend. Ich war mir sicher, dass ich keine weiteren Antworten auf meine Fragen bekommen würde. Ich musste selber herausfinden was in dieser Nacht geschehen war und warum niemand darüber redete.
Am einfachsten wäre es den alten Albertus zu befragen, falls er noch lebte. Doch dazu müsste ich die Höhle finden von der Vater eben gesprochen hatte. Aber um sie zu finden müsste ich auf Wanderschaft gehen. Wenn ich meine Eltern um Erlaubnis bat die Höhle suchen zu dürfen, würde das ganz sicher ein mächtiges Donnerwetter zur Folge haben. Wenn ich ohne Erlaubnis ging würde das Donnerwetter erst bei meiner Rückkehr über mich losbrechen und meine Eltern wären bis dahin in großer Sorge um mich. Vielleicht kämen sie hinter mir her um mich zu holen und dann wäre das Abenteuer zu Ende noch bevor es richtig begonnen hätte. An die Strafe, die unweigerlich folgen würde, wagte ich gar nicht zu denken. Zu meiner Zeit war es durchaus üblich Kinder zu züchtigen, was nichts anderes hieß als Prügel.
Meine Augen wurden schwer und ich fiel in einen tiefen Schlaf. Im Traum kämpfte ich mit einem riesigen, feuerspeienden Drachen und besiegte ihn. Ich kehrte mit seinem Kopf in der Hand zum Dorf zurück und wurde wie ein König begrüßt. Der Berg war nach dem Tod des Drachens wieder bunt von den vielen Blumen, die dunklen Wolken waren verschwunden und alle waren glücklich. Es wurde ein großes Fest gefeiert und ich hörte die Jubelrufe:
„Joschi……. Joschi……..Joschi!“
Die Stimme meiner Mutter war die lauteste.
„Joschi, wirst du jetzt endlich aufstehen!“ Ich stutzte kurz. Es war die Stimme meiner Mutter, aber es war kein Traum. „Komm jetzt endlich, die Sonne geht bereits auf! Du musst Holz sammeln und wenn du nicht sofort von deinem Lager aufstehst gehst du ohne Frühstück hungrig in den Wald!“ Sie zog mir den Umhang weg, mit dem ich mich zugedeckt hatte und ging zurück in die Küche. Ich brauchte einige Zeit um wach zu werden. „Nichts war mit Drachentöter und Held - Holz sammeln war meine Aufgabe.“
Ich sah aus dem Fenster die Sonne, wie sie hinter dem schwarzen Berg langsam in die Höhe stieg. Sie schaffte es allerdings nicht die Dunkelheit über dem Berg zu vertreiben.
Dach der Milchsuppe nahm ich die Kiepe auf den Rücken und machte mich auf den Weg in den Wald um Holz zu sammeln. Unser Dorf befand sich auf einer Lichtung auf einer Anhöhe. Rund um die Lichtung standen hohe Tannen. Es gab zwei Wege die von unserem Dorf weg führten. Der eine führte nach Schönau, Vater nannte es in Richtung Westen. Er erklärte mir, dass die Sonne im Osten aufgeht, weil sie hinter dem schwarzen Berg aufging musste da Osten sein. Der Weg nach Schönau führte genau vom schwarzen Berg weg und gegenüber von Osten ist Westen. Diesen Weg kannte ich sehr gut. Es war der Weg in die große Stadt mit dem Namen Blumenthal. Dort war der Markt auf dem Vater seine Möbel verkaufte. Der Weg nach Blumenthal führte zuerst ganz flach durch den Tannenwald zur nächsten Lichtung, dort lag Schönau. Da war es wirklich schön. Man sah den schwarzen Berg von dort auch nicht mehr. Nach Blumenthal ging es dann langsam bergab in ein Tal. Dort lebten nur Bauern, die ihre Felder bestellten. Später sah man die Stadtmauern und dann war man schon da. Der Rückweg war leider etwas schwieriger, weil es bis Schönau ständig bergauf ging.
Der zweite Weg führte nach Süden in den Wald hinein. „Im Süden steht die Sonne mittags ganz hoch“, sagte Vater. Nach Norden, der letzten Rich tung die noch übrigbleibt, führte kein Weg, weil dort hinter den Tannen große Felsen waren. Der Tag war warm und wolkenlos. „Eigentlich eine gute Gelegenheit um zum See zu gehen und nach der Höhle des alten Albertus zu suchen“, dachte ich. Meine Eltern erwarteten mich nicht so schnell zurück und ich hatte einen Kanten Brot als Proviant dabei. Ich sollte Holz sammeln und ich würde Holz sammeln. Wo ich das tat, davon hatte niemand etwas gesagt.
Ich war gut gelaunt als ich den schmalen Pfad, der bergab in Richtung des Sees führte, betrat. Diesen Weg kannte ich noch nicht. Uns Kindern war es nämlich verboten dort entlang zu gehen. In dem Wald sollten Gnome leben, die nur darauf warteten Kinder zu fangen. Die gefangenen Kinder mussten dann für die Gnome putzen und kochen. Da die Gnome und deren Höhlen sehr klein waren, konnten nur Kinder darin arbeiten. Erwachsenen zeigten sich die Gnome nicht, sie konnten gefahrlos den Weg einschlagen, wenn sie Holz sammelten. Manchmal kamen auch Wanderer auf dem Weg nach Blumenthal von dort. Diese erzählten dann auch von Stimmen, die sie im Wald gehört hatten.
