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Geigenvirtuose, gerühmter Komponist, Fechtgenie, Athlet und sagenumwobener Liebhaber: Joseph Boulogne, Sohn eines weißen Plantagenbesitzers und einer schwarzen Sklavin. Geliebt und bewundert, oft aber verhasst und verachtet, steht er im Mittelpunkt des Pariser Adels. Er inspiriert den jungen Mozart, ist Konzertmeister bei Haydns Erstaufführung der Pariser Sinfonien und schließt enge Künstlerfreundschaft mit Gluck. Als gefeierter Star bereist er England und schließt sich dem weltweiten Kampf gegen die Sklaverei an. In einem letzten Aufbäumen kehrt er zurück nach Guadeloupe, um mit der Französischen Revolution den Traum von der Befreiung aller Sklaven zu verwirklichen. Der Roman erzählt die Geschichte von Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George, dem vergessenen »schwarzen Mozart«.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2018
Geigenvirtuose, Komponist, Fechtgenie und sagenumwobener Liebhaber: Joseph Boulogne, Sohn eines Plantagenbesitzers und einer Sklavin, steht im Mittelpunkt des Pariser Adels. Er inspiriert den jungen Mozart und schließt Freundschaft mit Gluck. Als gefeierter Star bereist er England und schließt sich dem weltweiten Kampf gegen die Sklaverei an.
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Jan Jacobs Mulder (*1940 in Indonesien) war Maler, bildender Künstler und Autor. Er schrieb Romane, Kurzgeschichten und Essays. Sein erster Roman, Jacobs Wapen, basiert auf seinen Erfahrungen in einem japanischen Internierungslager während seiner Kindheit. Er starb 2019 in den Niederlanden.
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Ulrich Faure, geboren 1954 in Halle/Saale, lebt in Düsseldorf. Er ist Publizist, Lektor und Herausgeber. 1992 erschien seine Geschichte des Malik-Verlags.
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Jan Jacobs Mulder
Joseph, der schwarze Mozart
Roman
Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure
E-Book-Ausgabe
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Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 2016 im Verlag Xander Uitgevers, Amsterdam.
Deutsche Erstausgabe.
Die Übersetzung dieses Buches wurde von der niederländischen Stiftung für Literatur gefördert.
Zitatnachweis Motto: Die Burda. Ein Lobgedicht auf Muhammad von Al-Busiri. Neu herausgegeben im arabischen Text mit metrischer persischer und türkischer Übersetzung von C. A. Ralfs, Wien 1860, S. 10.
Die deutsche, durchgesehene Fassung erschien erstmals 2018.
Lektorat: Kristina Wengorz
Originaltitel: Joseph, de zwarte Mozart
© by Jan Jacobs Mulder, 2016
Diese Ausgabe erscheint in Vereinbarung mit der Literarischen Agentur Mertin Inh. Nicole Witt e. K., Frankfurt am Main
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Daan Brand
Umschlaggestaltung: Marlies Visser und Sven Schrape
ISBN 978-3-293-30987-6
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Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
JOSEPH, DER SCHWARZE MOZART
ERSTER TEIL — Erwartung1 – Dass ich in einigen Tagen sterben werde …2 – Wie habe ich doch die Pariser amüsiert …3 – Duhamel und Lamothe kümmern sich abwechselnd um mich …4 – Ich versuche, mit der Zunge meine Zähne zu …5 – Als ich etwa dreizehn war, bemerkte ich an …6 – Nach dem Ende meiner Ausbildung bei Leclair hielt …7 – Monatelang hörte ich nichts von Elisabeth. Kein Brief …8 – Als wir von der Reise zu unseren Besitzungen …9 – Bei unserer ersten Begegnung im Salon von Madame …ZWEITER TEIL — Eitle Hoffnung1 – Mein Gedächtnis scheint mich nicht im Stich zu …2 – Der Kampf mit Picard leitete eine Wende in …3 – Elisabeth liegt, umgeben von Bäumen und Sträuchern …4 – Nach Elisabeths Tod erwachten wieder meine Gedanken an …5 – Prince William empfing mich auf den ersten Blick …6 – Obwohl ich neben einer schönen, geheimnisvollen Frau in …7 – In der Gegend von Gloucester Green hatte man …8 – Gossec war überrascht, als ich früher als erwartet …9 – Endlich sollten die Quartette, die ich Gossec gewidmet …10 – Im Nachhinein mag es seltsam erscheinen, aber der …11 – Mein Leben veränderte sich dramatisch. Ich war vaterlos …DRITTER TEIL — Vorbereitung1 – Tagelang lamentierte ich über meine Einsamkeit, ertrank fast …2 – Im Mai des folgenden Jahres gehörte ich als …3 – Endlich ein Brief aus Guadeloupe! Marcel kam mir …4 – Armide wurde zum Triumph. Zu Beginn der Aufführung …5 – Der Überfall machte mir heftig zu schaffen …6 – Ich bin dabei, Abschied von diesem armen …7 – Unter dem Druck von Gossec bekam ich wieder …8 – Fast gleichzeitig erhielt ich drei Einladungen aus England …VIERTER TEIL — Apokalypse1 – Ich nahm Abschied von England. Auf dem Weg …2 – Dass in Lille die Revolutionsunruhen außerhalb der Stadtmauern …3 – Wir waren mitten auf dem Ozean, hatten kräftigen …4 – Nun kam der Abschied von Nanon, Anna …5 – Nach diesem Inferno in den Österreichischen Niederlanden wollte …6 – Wir fuhren an die Südküste von Saint-Domingue und …7 – Ich bekomme selten Besuch in dieser Höhle …Mehr über dieses Buch
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Für Tessa, Darius, Aliza und David
Und wo die Ginnen ungesehen riefen,und die Lichtmassen hoch und leuchtend emporstiegen,und die Wahrheit durch bedeutungsvolle Ereignisseund durch Worte kund ward.
Aus der Mantel-Odevon Mohammad al-Busiri (1213–1295)
Erwartung
Dass ich in einigen Tagen sterben werde, schreckt mich nicht. Der stechende Schmerz ist kaum zu ertragen, und mein Körper verbreitet einen solchen Fäulnisgestank, dass ich mir schon oft den Tod herbeigewünscht habe. Auch wenn dieses Verlangen nie so sehnlich war, dass ich ein gewaltsames Ende ins Auge gefasst hätte. Sonst hätte ich mir schon vor Monaten in Saint-Domingue die befreiende Kugel in den Kopf gejagt. Ich habe so vieles überstanden, sogar die Woge der Gewalt in den Jahren der Schreckensherrschaft, als jeder jeden umbrachte. Und ich habe das hartnäckige Gefühl, nein, die Gewissheit, dass alles kam, wie es kommen musste. In meinen Ohren schallt noch die Kakofonie von Kreischen und Schreien, ängstlichem Flüstern und in Blut erstickten Lauten. Nach allem, was ich mit ansehen musste, habe ich gebetet, die Bilder aus meinem Kopf vertreiben zu können.
Ich mache mir keine Illusionen mehr. Die Sklaverei wurde 1794, während der Revolution, abgeschafft, aber auf den karibischen Inseln ist davon wenig zu merken. Große Worte, große Pläne, aber kein Ergebnis. Obwohl das Blut von uns Schwarzen genauso rot und flüssig ist wie das Blut der Hellhäutigen, der hochwohllöblichen Weißen mit ihren Sommersprossen. Mein makelloser, muskulöser brauner Leib, einst mein geschmeidiges Instrument, wurde von Pariser Frauen ebenso begehrt wie von meinen Gegnern im Duell gefürchtet. Nun sehnt er sich, erbärmlich geworden, nur noch nach dem Abschied.
Aus der missmutigen, schmierigen Visage des hiesigen Wundarztes, der in seiner unendlichen Dummheit keine Ahnung hatte, wer sich da zwischen den schmuddeligen, verschlissenen Schaffellen und ausgeblichenen Lumpen auf dem Bett krümmte, kam das Wort, das ich erwartet und so gefürchtet hatte: Wundbrand.
Zu lange hatte ich gewartet mit der Versorgung der Beinverletzung, die ich mir in Saint-Domingue zugezogen hatte, zu lange ließ ich das Bein abgebunden, weil sich die Blutung in der klebrig feuchten Hitze nicht stoppen ließ. Sauberes Wasser und frisch gewaschene Tücher hatten nicht geholfen, die Wunde zu schließen.
Auf der Schiffspassage nach Frankreich, zurück nach Le Havre mit den Überlebenden meines Trupps, von denen es noch zwei weitere bös erwischt hatte, schwoll der Unterschenkel an, wie viel Meereswasser ich auch auf Rat des Kapitäns darüber laufen ließ. Als wir endlich in Horta, dem traditionellen Zwischenstopp auf den Azoren, festmachten, eilte ich hinkend und gestützt von Lamothe zum dortigen Wundarzt, den ich von meinen früheren Reisen kannte.
Zu meiner Bestürzung stellte sich heraus, dass der Mann am Vortag ermordet worden war. Sein Körper lag, umringt von Neugierigen, zwischen denen ich mich vorsichtig hindurchdrängte, ausgestreckt auf dem Steinboden seines Hauses in einer schwarzen Blutlache und stank. Der Mann hatte wohl noch versucht, die Tür zu erreichen. Es war ihm nicht gelungen. Fliegen schwirrten über der Leiche, flogen in den und aus dem offen stehenden Mund und krochen durch die Nasenlöcher in den Kopf. Auf meine Frage an die Umstehenden, warum er noch nicht begraben sei oder wenigstens in einem Sarg liege, wurde gemurmelt, dass er am Nachmittag zum Friedhof gebracht werden solle. Die halbe Insel war auf der Suche nach dem Mörder des unglücklichen Chirurgen und nach seiner verängstigten Frau, die geflohen war und sich in einem der verfallenen Häuser in den Bergen versteckt hatte. Zumindest wollten das einige Nachbarn gesehen haben.
Hatte irgendjemand im Umkreis eine Vermutung, wer der Messerstecher gewesen sein könnte? Die Insel war ja klein, jeder kannte jeden. Schulterzucken, niemand hatte auch nur eine leise Ahnung, außer einem Schwarzen, der zwischen seinen Zähnen etwas über den Sklaven des Wundarztes hervorzischte. Warum nicht? Man weiß ja nie, schwarzer Mann! Stumpfe, ausdruckslose Gesichter um mich herum.
Der Arzt war mir von einer früheren Reise als ein tiefgläubiger, sanfter und gegenüber allen, die ihn brauchten, mitfühlender Mensch in Erinnerung geblieben, weshalb mir sein brutaler Tod besonders grotesk erschien. Gebannt starrte ich auf den gekrümmt daliegenden Körper, fasziniert von diesem stillen Liegen. Tot. Nie mehr denken, hören, lauschen, argumentieren, schluchzen, laufen, schwitzen, wissen, zweifeln, lachen, seufzen. Nie mehr reden. Ach, ich hatte es so oft gesehen. Aufgeschlitzt, enthauptet, erstochen, erschossen, zerquetscht, in die Luft gesprengt. Aber dieses stille, sinnlose Liegen, angestarrt von allen, ließ mir die Nichtigkeit des Lebens noch einmal besonders deutlich vor Augen treten.
Ich deutete dieses Geschehnis als ein böses Omen. Ratlos humpelte ich zurück zum Quai. Vielleicht hatte Lamothe ja inzwischen einen anderen Arzt gefunden. Er kam mir kopfschüttelnd entgegen und half mir auf unser Schiff. Ich drängte den Kapitän, so schnell wie möglich abzulegen.
Eine Woche später wurde das Bein schwarz, und auf dem Weg von Le Havre nach Paris schrie ich in der rumpelnden Kutsche hemmungslos vor Schmerzen. Ein schwerer, feuriger, unterschwelliger Strom schien mein Fleisch zu versengen und aufzureißen.
Dieses Bein sei unheilbar, verkündete der Arzt selbstgefällig. Auf dem schwammigen, pockennarbigen Gesicht klebte ein falsches Lächeln. Schwarzes, nasses, totes Fleisch. Da sei nichts mehr zu machen. Das verstünde ich doch, nicht wahr? Er bedeckte seine Nase mit einem grauen Tuch, mit dem er sich gelegentlich auch den Schweiß von der Stirn wischte. Das Einzige, was er tun könne, sei, das Bein zu amputieren. Ich hätte ihn viel zu spät gerufen, aber eine Amputation würde mein Leben auf jeden Fall um einige Monate verlängern, vielleicht sogar um ein Jahr. »Mors ultima linea rerum est.« Während er das sagte, zwinkerte er dem schüchternen Lehrling zu, der, vom Gestank benebelt, sein bleiches Gesicht abwandte. Verstand er, was sein Meister über den Tod als das Ende aller Dinge sagte? Und wollte nichts mit dieser elenden, grausamen Verschwörung der Welt gegen mich zu tun haben?
Die schäbigen Wände der armseligen Dachkammer bewegten sich auf mich zu, die Decke schien herabzustürzen. Mein Magen verkrampfte sich vor Angst, und apokalyptische Visionen von übereinandergefallenen Leibern in der blutroten, glühenden Hölle tanzten vor meinen Augen. Und gerade jetzt war Duhamel, mein ehemaliger Offizier, treuer Freund und Pfleger, zu Besuch bei seiner Mutter – nur dies eine Mal, hatte er gesagt – und konnte mir verdammt noch mal nicht helfen, diesen fetten Aufschneider aus dem Zimmer zu werfen.
Amputieren! Noch mehr Schmerzen, als ich ohnehin schon litt. Ich begann, am ganzen Leib zu zittern. Ich versuchte, mich aufrecht hinzusetzen, was mir, auf den rechten Arm gestützt, schließlich gelang. Dann begann ich zu toben, zu schimpfen, zu kreischen: Er sei ein Barbar, ein Henker, ein Scharlatan und gewissenloser Metzger. Wusste er denn, wie sich der Schmerz anfühlt, wenn eine Säge einen Leib bearbeitet? Ein gefühlloser Schlachter sei er, der die unglaubliche Dreistigkeit habe, mich mit seinen verkrusteten dicken Fingern anzufassen, deren abgenagte Fingernägel die Krönung seien. In meiner Raserei strauchelte ich über meine eigenen Worte, und ohnmächtig versuchte ich, mit meiner Krücke nach ihm zu schlagen.
Er wich grinsend aus, mit provozierender Gemächlichkeit. Aber als ich meine Muskete unter den Fellen hervorzog und ihn anschrie, dass er keinen Sou für seinen Besuch und seinen absurden Rat erhalten würde, raffte er seine rostigen Instrumente zusammen und warf sie in seine Tasche, während er die Mündung genau im Auge behielt. Mit seinem schmutzigen Tuch wischte er sich das Gesicht ab und stand auf.
»Wenn ich einem Hund einen Knochen gebe, will ich nicht wissen, ob der ihm schmeckt«, schnauzte er mich an und teilte mir mit, dass nur sein Adel und seine Würde als Arzt ihn davon abhalte, mir jetzt mit der Zange aufs wunde Bein zu schlagen. Mit dem Zeigefinger drohend, zischte er, dass Gott mir als schwarzem Satanskind wenig Zeit lassen werde wegen all des Bösen, das ich in meinem Leben getan habe. Die Guillotine sei noch zu schade für mich! Er knallte die Tür zu, und ich vergrub meinen Kopf in den schmierigen Lumpen. Als ich ihn und seinen Lehrling die Treppe hinabsteigen hörte, schrie ich ohnmächtig auf.
Um mich zu trösten, versenke ich mich in Erinnerungen an Elisabeth, an meine schöne, warme Sängerin, die vor so langer Zeit von der Schwindsucht dahingerafft wurde. Elisabeth, die ich nicht habe heiraten dürfen, weil ich schwarz bin. Sie war die einzige Frau, bei der ich es mit Begeisterung getan hätte. Sie, der Bastard eines arroganten Monarchen, wird mit mir noch einmal sterben, und die einzige Erinnerung an sie in der Welt der Lebenden ist dann noch ihr Name, in einen Grabstein gemeißelt. Bald ist es so weit, bald wird mein Leib in ein Erdloch über andere Leichen geworfen und mit ein paar Schippen Kalk bedeckt.
Duhamel ist heute noch nicht aufgetaucht. Ich ziehe die Decke über mein Bein, aber der pestilenzialische Geruch lässt sich auch mit dickster Baumwolle nicht unterdrücken. Dieser höllische Verwesungsgestank! So stinkt ein geöffnetes Grab auf einem Pariser Friedhof im Sommer. So stinken zerfetzte Eingeweide auf dem Schlachtfeld unter der prallen Sonne. Gestern habe ich Duhamel Duftwasser und zwei holländische Pfeifen kaufen lassen sowie Tabak aus den Cevennen. Ich stoße wie ein Vulkan Rauch aus, in der Hoffnung, damit den beißenden Gestank zu vertreiben.
Ich will so viel wie möglich schlafen, um den erschöpften Körper zu schonen und den fiebrigen Kopf nicht unnötig zu belasten, aber das gelingt nicht sonderlich gut. Von Cognac werde ich zwar dösig, und er dämpft den Schmerz. Aber mich in den Schlaf zu trinken, gelingt mir nicht. Die Ursache meiner Schlaflosigkeit ist nicht allein der Schmerz, der durch meinen Körper rast. Es liegt auch nicht an den Fliegenschwärmen, die die Lappen umkreisen und in meinen Ohren summen. Abends kommt dazu noch das Wummern des klapprigen Bettes aus dem Nebenzimmer, wo die Kunden von Nadine, der Hure, lärmen und keuchen, wenn sie kommen. Es ist vor allem die Vorstellung, dass sie mich wie eine aufgebahrte Leiche finden werden, meine leblosen Arme links und rechts von meinem Körper baumelnd. Die Furcht, dass ich mit offenem Mund, aus dem Fliegen krabbeln, daliegen werde. Dass ich wie der ermordete Wundarzt in Horta ende, ein achtlos weggeschmissenes Stück Abfall.
Das Selbstmitleid übermannt mich. Ich sehe mich daliegen, wirres Zeug reden, strampeln, dahinfaulen. Ich höre mich stöhnen und seufzen, weil alle Kraft und Leidenschaft aus diesem einst athletischen Körper geschwunden sind. Ich schwanke zwischen Resignation, Apathie und dem Gedanken an Selbstmord. Manchmal muss ich weinen, weil ich den nahenden Tod spüre. In ein paar Tagen, höchstens einigen Wochen, ist es so weit.
Meine italienische Geige ruht neben mir auf dem Bett. Der ordnungsliebende Duhamel hat neue Saiten aufgezogen. Zwei Reservebogen und Harz aus Les Landes liegen ordentlich im Geigenkasten. Ich stimme die Violine mehrmals am Tag. Manchmal zupfe ich eine Melodie, streiche auch ab und an ein paar Töne, aber es klingt schüchtern und schmerzlich. Meine Hände zittern, und wenn ich einst gerühmt wurde für meine energische Bogenführung, wirkt es jetzt, als ob ein ängstliches Vögelchen sich hinter bangem Gezwitscher versteckt.
Wie ein Kind suche ich Trost im Spiel, setze die wenigen Perücken, die ich aufbewahrt habe, eine nach der anderen auf und posiere damit vor dem alten, fleckigen Spiegel. Extravagante Perücken, mit denen ich einst an der Seine entlangflanierte. So lange ist das her! Klassische Perücken, wie Haydn sie trug, und die ich extra gekauft hatte, um Eindruck zu schinden, als ich Marie-Antoinette besuchte. Aber Perücken sind schwer in Schuss zu halten, die Locken haben die Neigung, sich zu verfilzen.
Über mir hängt ein Nebelschleier. Manchmal gewinnen reine, nüchterne Erinnerungen die Oberhand über meine Gefühle. Tatsachen, Geschehnisse in chronologischer Folge: Geschichte. Dann wieder schiebt sich alles ineinander, purzelt durcheinander.
Elisabeth! Wie vielen Frauen habe ich in die Augen gesehen, wie viele gestreichelt, mit wie vielen bin ich herumgetollt, mit wie vielen habe ich geweint und das Bett geteilt – doch Elisabeth ist die einzige Frau, die mich auch nach ihrem Tod vollkommen erfüllt mit ihrem Duft, dem Timbre ihrer Stimme, ihrer körperlichen Nähe, ihrer scharfen Intelligenz, ihrer Ironie. Leichtfüßig tanzte sie um mich herum, lachend, mit ausgestreckten Armen. »Komm, Liebling, halt mich fest, tanz mit mir.« Immer schaute ich zu ihr, ob sie billigend nickte und mir zulächelte, wenn ich etwas Aufsehenerregendes tat. Sie durchschaute mich in allem. Doch fühlte ich mich bei ihr stets geborgen.
»Warum lachst du?«, fragte sie mich oft, wenn ich sie zärtlich ansah, und dann war mir klar, dass sie mich im Innersten rührte. Auch sie war ein Einzelkind: keine Brüder, Schwestern und keinen Vater. Ihre Mutter hatte aus Scham nichts von ihr wissen wollen. Die Ausnahme sein, auf sich gestellt in einer an den Traditionen klebenden Welt, das hatten wir miteinander gemein. Sie, weil sie ihr Leben in dieser Einsamkeit einrichten musste, und ich, weil ich schwarz war und nachts auf der Straße beschimpft wurde. Einige meiner schwarzen Brüder haben behauptet, dass man sich daran gewöhne, aber mir gelang das nie. Im Gegenteil: Ich wurde bockig und unbeherrscht. Ich gehörte nicht in diese kalte Welt, sondern in eine heiße, in der es nach verlockenden Blumen roch, nach frisch gepflückten Früchten, nach frisch gefangenem Fisch. Weit weg von diesem Frankreich, wo starre Regeln das Leben beschränken und die Fantasie in Traumbilder flüchten muss.
Auch Melodien, Töne, Rhythmen und Klangbilder spuken durch meinen Kopf. Trotz meiner Schwäche kann ich Geschehnisse wie Musik hören. Ich kann nicht singen wie Elisabeth – wie könnte ich mich mit ihr vergleichen –, aber ich kann summen und habe jetzt die Arie Di questa cetra in seno aus Il Parnaso Confuso von Gluck im Kopf. Warum um Himmels willen gerade dieses Lied von den Hunderten, die ich kenne? Es ist wie eine unwillkürliche Muskelzuckung, völlig unerwartet erklingt diese Melodie in meinem Kopf und ist nicht wegzubekommen. Ich höre die Bratschen Pizzicato spielen, und die Bässe imitieren eine Lyra. Ein sinnliches Lied über Wärme, Verführung und Liebe, geschrieben von jemandem mit einem gottgegebenen Talent. Er sei sentimental, hat er mir einmal anvertraut, und das erkenne ich in dem Lied wieder. Weinen um nichts. Feuchte Augen wegen Lappalien. Altmännerdusel. Wenn andere grundlos weinen, bleiben meine Augen trocken.
Warum sind es nicht meine eigenen Lieder, die mir in den Sinn kommen, nicht meine Quartette oder Opern? Auch nicht meine Sinfonien, auf die ich besonders stolz bin und aus denen Mozart sich bedient hat, oder, netter gesagt: Sie haben den großen Mozart inspiriert. Ich habe sie selbst aufgeführt, aber das ist so lange her, so unerreichbar fern. Vor der Revolution! Aber bin ich mit ihnen wirklich zufrieden? An den Harmonien gab es nichts auszusetzen, ebenso wenig am Kontrapunkt, und auch die Orchestrierung fand Gossec stark. Aber an nichts, aber auch gar nichts ist zu hören, dass ich schwarz bin! Selbst der aufmerksamste Zuhörer kann an keiner einzigen Stelle erahnen, dass ich auf einer tropischen Insel geboren wurde, dass ich das Kind einer wunderbaren Senegalesin bin, die den ganzen Tag mit klarster Stimme vor sich hin trällerte. Dass mich in den ersten zehn Jahren meines Lebens der Passat umwehte und die überwältigende Natur den Rhythmus meiner Tage bestimmte. Und auch nicht, dass ich all die Dinge getan habe, die verwöhnte Jungs in den Tropen eigentlich nicht tun durften. Nichts davon ist meiner Musik anzuhören!
Oder sehe ich das jetzt zu düster? Habe ich nicht auch die Oper Schuld und Sühne geschrieben? Ich habe sie Junot und Bertrand vorgespielt, beide nannten das Werk revolutionär. Der Passat wehte darin, und die Sklaven klagten über das Leben, das sie erdulden mussten. Man hörte die Bedrohung, die immer über ihren Häuptern schwebte. Aber das Schreckliche ist, dass die Partitur verschwunden ist, vernichtet, als ich in Saint-Domingue kämpfte. Und die beiden einzigen Freunde, die die Musik gehört und gepriesen haben, sind tot. Ich könnte mir die Arien in Erinnerung rufen, den Sklavenchor, den Mord an dem verräterischen Aufseher! Ich könnte alles nochmals zu Papier bringen, aber ich sterbe …
Gluck hatte so viel Talent. Ach, ist das lange her. 1787 ist er gestorben. Seine Musik machte das Drama für die Zuhörer erschütternd und verständlich. Die Säle bebten vor Erregung. Jeder hatte das Bedürfnis, mitzusingen oder mitzusummen. Jede Charakterrolle wurde durch ihre Melodien in ihrer Entfaltung gestützt, aber auch durch die Orchestrierung.
Und ich? Ich hatte nicht das Talent, Charaktere zum Leben zu erwecken. Meine Zuhörer verließen die Konzerte nicht singend, weil meine Melodien keine Emotionen weckten. Aber auf meine Musik wurde ohnehin kaum geachtet: Man ließ sich von meiner Person ablenken. Mein schwarzes Haupt, umrahmt von einer weißen Perücke, zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Mein geschmeidiger Rücken wurde gemustert, meine Armbewegungen vor dem Orchester, als könnte ich während des Spielens oder Dirigierens plötzlich den Degen zücken und aus Spaß einen Kampf anzetteln. Jeder wusste, dass ich ein Fechter war, dass Fürsten in ganz Europa mich einluden, sie zu unterrichten und für viel Geld Schaukämpfe mit anderen großen Fechtern auszutragen. Auch meine extravagante Kleidung, meine tadellosen Perücken wurden beäugt. Wohin ich auch kam, ich erregte Aufsehen. Ich wurde bewundert, weil ich auch komponierte: Quartette, Violinkonzerte und Opern. Und weil ich zudem noch das Orchester Concert des Amateurs dirigierte, galt meine Musik als bedeutsam. Ich war ein Schwarzer, ein Bastard, und doch kannte ich Haydn, und Haydn kannte mich. Mozart hat mich besucht, und Stamitz hat mir ein Klarinettenkonzert gewidmet. Es gab Leute, die mich vergötterten, das schmeichelte mir und jagte mir gleichzeitig Angst ein. Ich wand mich zwischen diesen zwei Polen wie eine Schlange.
So kam es, dass niemand bemerkte, wie ich in meinem Werk hin und wieder munter auf Kompositionen anderer anspielte. Das war kein Kopieren, das wäre widerwärtig, nein, es war eher ein Besitzergreifen. Die sprudelnde Kreativität der anderen Komponisten inspirierte mich. Von einigen Triosonaten Christoph Willibalds, die der Meister selbst mir überreichte, als wir zusammen Marie-Antoinette aufsuchten, habe ich ein paar Einfälle in mein Violinkonzert in A-Dur übernommen, auch ins Konzert in G-Dur. Es ist nie jemandem aufgefallen. Auch aus den Quartetten von Joseph Haydn habe ich mir hin und wieder Phrasierungen, Modulationen, überraschende Übergänge und Kontraste herausgepickt und mir einverleibt.
Aber das alles ist Vergangenheit. Wann habe ich zum letzten Mal Noten zwischen Linien gekritzelt, als ob ich durch enge Straßen tanzte? Ich sträube mich gegen die Erinnerung an die Jahre, als es so aussah, als wandelte ich an Gottes rechter Hand über die Erde.
Wie habe ich doch die Pariser amüsiert! Ich erinnere mich an einen der Momente meines Lebens, der sie am meisten für mich eingenommen hat: meine Schwimmtour in der Seine. Ich bescherte meinen Mitbürgern einen spannenden Nachmittag. Nicht nur dem Adel, den Reichen oder den Konzertbesuchern, vor allem den Handwerkern, Lastträgern, Waschfrauen und Markthändlern. Ganz Paris schien für einen Augenblick ein einziges riesiges Lebewesen zu sein, das vor Enthusiasmus für den Verrückten, der sich da im schwarzen, stinkenden Wasser abrackerte, pulste, bebte, jubelte, schrie und klatschte. Und durfte alles andere vergessen.
Alle zwei Jahre, manchmal sogar jährlich, dachte ich mir ein amüsantes Kunststück für die Pariser aus, als sei ich der Narr der Stadt. Ich weiß nicht, warum ich den Drang verspürte, solchen athletischen Unfug zu veranstalten. War es Eitelkeit, dass ich fortwährend nach Applaus fieberte? Ich war doch bereits eine bekannte Persönlichkeit in Paris, gefeiert, in manchen Kreisen sogar beliebt. Und dennoch dieses Gieren nach öffentlichem Beifall?
Es gibt nichts daran zu deuteln, natürlich wollte ich jedem gefallen! Ich, ein Schwarzer in Paris. Ich gab öffentlichen Fechtunterricht in den Tuilerien, drei Tage lang. Jeder, der einen polierten Degen in der Ecke stehen hatte, durfte mitmachen. Es gab Bürger, die glaubten, mich touchieren zu können, aber selbst diese arroganten Schwätzer instruierte ich. Die meisten waren jung: junge Götter, die hofften, durchs Fechten berühmt zu werden. Natürlich waren auch einige dabei, die Potenzial hatten. Am dritten Tag teilte ich die achtundzwanzig Besten in Gruppen ein. In vier Gruppen von jeweils sieben Fechtern sollten sie, im Kreis um mich aufgestellt, gegen mich antreten. Eine schreiende und Wetten abschließende Menge umringte uns und musste von Bewaffneten zu Pferd in Schach gehalten werden. Alle sieben Amateure musste ich touchieren, um als Sieger vom Platz zu gehen. Nach einer kurzen Pause standen, nervös von einem Fuß auf den anderen tretend, jeweils die nächsten sieben bereit. Es waren heitere Tage, weil jeder Franzose davon überzeugt war, einen genialen Fechtarm zu besitzen. Meine Fechtschule wurde nach diesen öffentlichen Demonstrationen mit Anfragen überschüttet.
Aufsehen erregte es auch, als ich Runden auf zwei Pferden drehte, dabei im Galopp stehend, rückwärts im Sattel, und von einem auf das andere Pferd sprang. Ich hatte ein weißes und ein schwarzes Tier ausgewählt, weil es ein prächtiger Anblick sein sollte. Die Zuschauer gerieten in Ekstase, und meine Gehilfen bekamen von Damen, die mich zum Souper einladen wollten, Briefchen zugesteckt. Mit einer gezierten Geste hoben sie ein Fingerchen, um meine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Ich reagierte meist mit einem kurzen Nicken in Richtung der gepuderten Locken unter den Sonnenschirmen, aber es geschah selten, dass ich genügend beeindruckt war, um die Einladung anzunehmen.
Auch zu Wasser inszenierte ich eine zuvor noch nie gesehene öffentliche Darbietung. Ich war ein guter Schwimmer, in Guadeloupe lebten wir schließlich halb im Wasser und halb auf dem Land.
Von einem Holländer hatte ich gelernt, eine halbe Stunde unter Wasser zu bleiben. Diesen Trick führte ich am Quai der Île Saint-Louis vor. Dem Holländer hatte ich für ein respektables Sümmchen eine Zeichnung abgekauft und ließ in aller Heimlichkeit durch einen Schreiner eine hölzerne Unterwasserglocke anfertigen. Am Abend vor dem Spektakel senkte ich sie mit ein paar Helfern ins Wasser, verankerte sie mit Tauen und Ankern auf dem Grund und pumpte Luft in die Glocke. Wenn man unter Wasser darinsaß, war der Gestank des Seine-Wassers zu ertragen. Zumindest für kurze Zeit.
Am Tage der Vorstellung, die lange zuvor angekündigt worden war, ließ ich mich, bekleidet nur mit einer langen, weißen Hose, nach vielen großen Worten und Gesten, ins Wasser gleiten. Ich trug eine Kerze, die ich angeblich unter Wasser anstecken würde. Nach etwa zwanzig Minuten tauchte ich wieder auf – mit dem abgebrannten Kerzenstummel als Beweis meiner wundersamen Kräfte. Für sensible Zuschauer war diese Aufführung offensichtlich ein Schock, recht viele Frauen fielen in Ohnmacht. Es war ein in Paris nie zuvor gezeigter Trick, der einen tiefen Eindruck hinterließ.
Das Publikum konnte sich an meinen Eskapaden nicht sattsehen. Das größte Spektakel veranstaltete ich ebenfalls in der Seine. Ich ließ das Gerücht streuen, dass der Chevalier de Saint-George vom Pont Neuf in die Seine springen und beim Pont Royal wieder herauskommen würde. Ich hatte ein paar Fechtschüler beauftragt, in jedem Café, jeder Herberge und jedem Speiselokal zu verkünden, der Chevalier de Saint-George habe nun wirklich den Verstand verloren. Er wolle nicht nur die lange Strecke von Brücke zu Brücke schwimmen, was an sich schon eine unglaubliche Leistung sei, er wolle sich zudem auch noch einen Arm auf den Rücken binden lassen! Es wurden Wetten abgeschlossen, und von Tag zu Tag wurden die Einsätze höher. Für die Darbietung brauchte ich Sonne und Windstille. Als es so weit war, wurde ein Ausrufer engagiert, der von Straße zu Straße verkündete, dass am Folgetag, einem Freitag, um zwölf Uhr mittags, der Chevalier de Saint-George am Pont Neuf abtauchen würde.
Vier Freundinnen begleiteten mich zur Brücke. Die Sonne strahlte, ein paar schneeweiße Wölkchen hingen über der Stadt. Kein Windhauch rührte die Blätter der Bäume auf der Île de la Cité. Ich hatte die Damen gebeten, sich zu dieser Gelegenheit auffallend und gewagt zu kleiden. Bunt sollten sie sein und große Hüte tragen. Zwei von ihnen wollte ich in Rot, die anderen beiden in Blau sehen. Über dieses Spektakel sollte Paris noch jahrelang reden! Zwei an meinem linken und zwei an meinem rechten Arm, ich selbst in der Mitte, nur bekleidet mit einer schwarzen Dreiviertelhose und einem eleganten weißen Hemd, schlenderten wir scheinbar entspannt durch eine aufdringliche, schreiende, sensationslüsterne Meute, die von Bewaffneten auf Abstand gehalten wurde, über die Place du Pont Neuf zum nördlichen Teil der Brücke. Die Quais auf beiden Ufern waren schwarz vor Menschen. Es war, als würden König Ludwig und Marie-Antoinette aus Versailles in der Stadt erwartet. Etwa auf der Mitte der Brücke hatten meine Fechtschüler einen der runden Steinvorsprünge frei gehalten, auf dem ich mich in aller Ruhe vorbereiten konnte. Den Platz hatte ich gewählt, weil genau darunter die Strömung am stärksten war.
Meine Freundinnen, von den Umstehenden angeglotzt, küssten mich, während sie mir kichernd das Hemd über den Kopf zogen. Ich trank noch ein paar Schlucke und lockerte meine Muskeln. Dann band mir Émile den linken Arm mit einem Lederriemen auf den Rücken. Die Menge begann zu johlen, der Lärm wogte über die Ufer. Die Spannung war aufgebaut, jetzt konnte es losgehen. Ich kletterte auf die Steinmauer, schaute in die Tiefe auf das träge dahinströmende schwarze Wasser, ließ mich auf den Stützbalken herab, sah vielerlei undefinierbaren Müll herumtreiben, hob meinen Kopf langsam und ließ den Blick über die Menge schweifen. Plötzlich war es totenstill.
Ich erinnere mich jetzt wieder, während ich hier liege, dass mich die plötzliche Ruhe am meisten beeindruckt hat. Mit meinem etwas leichtsinnigen Experiment habe ich das Herz von Paris stillstehen lassen! Der ohrenbetäubende Lärm ist verstummt! Tausende schauen mich mit angehaltenem Atem und offenen Mündern gebannt an, als werde eine Exekution vollzogen, als würde ich tot in die unbestimmte Tiefe der Seine fallen. Ich, der Schwarze, ohne Perücke ein Krauskopf. Ich wage, was bislang keiner getan hat!
Keine Karosse fährt, kein Karren rumpelt, kein Holzschuh klappert. Die Bewaffneten achten nicht mehr auf das Volk, sie starren mich an, die dunkle, mysteriöse Figur, die noch an die Steine von Pont Neuf angeschmiedet zu sein scheint.
Langsam strecke ich – wie ein Christus am Kreuz – meinen einen Arm zur Seite aus, damit jeder sehen kann, dass der andere Arm tatsächlich an meinen Rücken gebunden ist. Und dann befreit sich die Menge lautstark aus dem angespannten Warten. Wie menschlicher Donner grollt es an den Quais entlang. Paris applaudiert, Paris schreit, Paris jubelt!
Ich schließe meine Augen und gleite dem dunklen Wasser entgegen. Eine Sekunde später erschrecke ich über den Schlag, den mein Kopf aushalten muss, obwohl mein ausgestreckter Arm und die schützende Hand die Wucht hätten auffangen sollen. Das Erste, was ich sehe, als ich prustend und keuchend aus der Tiefe nach oben komme, sind zwei aufgequollene Scheißhaufen.
Nachdem der Körper den Aufschlag verarbeitet hat, schwimme ich gemächlich und mit nur einem Arm paddelnd mit der Strömung, während mir die Massen auf den Quais zujubeln. Zwei Tierkadaver treiben neben mir her, eine aufgeblähte Katze und die Karkasse eines Hundes mit angefressenem Kopf. Ich versuche, von ihnen wegzuschwimmen, merke dann aber, dass ein paar Ratten längsseits gekommen sind und hinter mir herschwimmen. Der Gestank der Seine erweist sich jetzt, da ich die Nase direkt über dem Wasser habe, als penetranter, als ich ihn mir habe vorstellen können. Es stinkt nach Urin, verfaultem Kohl, beißender Lauge, nach Scheiße. Ich spüre, wie ich benebelt werde, und begreife, dass ich das nicht mehr lange durchhalte. Ich muss den Pont Royal so schnell wie möglich erreichen. Aber der ist noch so weit weg, warum um Himmels willen habe ich mich auf das eingelassen! Anfangs schwimme ich wie ein Idiot aufs linke Ufer zu, ändere dann aber die Richtung und schwimme gleichmäßiger und abwechselnd auf der Seite, auf dem Rücken und auf der Brust. Ich habe eingesehen, dass ich den Gestank und nicht den Abstand bis zur Brücke überwinden muss. Die Menge beginnt wieder zu jubeln …
Habe ich deshalb solche Possen aufgeführt? Brauchte ich diese massenhafte und beglückende Anerkennung? Das jauchzende Paris lag mir auch zu Füßen, als meine letzte Oper La fille garçon aufgeführt wurde und Marie-Antoinette die Premiere mit ihrer blassen Erscheinung beehrte. Man küsste mir die Hände, streichelte mir die Arme, und die Menge wich ehrfurchtsvoll zurück, als ich von Loge zu Loge eilte. Der Abend war ein einziger, ungeheurer Rausch, und vom Neid der zerstrittenen Parteiungen am Hofe war nichts zu spüren. Mir schien es sogar, als gönne man mir den Erfolg!
Niemand, weder der applaudierende und jubelnde Adel noch ich selbst, war sich an diesem triumphalen Abend bewusst, dass nur wenige Jahre später die Hölle losbrechen würde.
Blumen wurden gestreut, als habe man sich klargemacht, was es bedeutete, der stinkenden Seine zu trotzen. Ich schwamm näher am Südufer, wie auf der Suche nach dem süßen Duft, den die im Wasser schaukelnden Blumen vermutlich verbreiteten. Ich stellte mir vor, durch die wogenden Felder in der Gegend von Metz zu rennen, wo blühender Raps duftet und der süße Geruch des Geißblatts aus dem Unterholz zwischen den Eichen aufsteigt.
Kurz bevor ich den Pont Royal erreichte, sah ich, dass einige Freunde, unter ihnen Émile, wie abgesprochen bereitstanden, um mich auf den Quai zu ziehen. Meine vier Freundinnen hatten sich nicht rechtzeitig durch die Menge schlängeln können. Aber nachdem ich unter allgemeinem Jubel, müde, doch erleichtert, aus dem Wasser gezogen wurde, mein Arm befreit war und ich mich mit ausgebreiteten Armen dankend vor der Menge verbeugte, ein Mantel um mich geschlagen wurde und ich meinen Mund mit Cognac gespült hatte, kamen sie schreiend auf mich zugehüpft. Sie wichen zurück, als sie mich umarmen wollten. »Du stinkst wie eine räudige Ziege«, kicherten sie und besprenkelten mich mit Duftwasser, ehe sie sich dann doch in meine Arme warfen. Mein Triumph war vollständig, aber mich verlangte es nach einem warmen, duftenden Bad, nach vier Paar geschmeidiger Hände, die mit Hingabe die Spannung aus meinen ermüdeten Muskeln vertrieben.
Duhamel und Lamothe kümmern sich abwechselnd um mich, plaudern viel und beantworten mein Seufzen und Stöhnen mit Scherzen. Sie verbergen ihren Widerwillen gegen den Gestank, so gut sie können, und säubern regelmäßig mein Bein. Das Zimmer wird so oft wie möglich gelüftet. Sie sorgen für Ablenkung, und es gibt viel zu erzählen.
Duhamel war ein hervorragender Fechter, er wurde oft nach Italien eingeladen und auch in deutsche Lande, aber seit der Revolution kommen kaum noch Einladungen. In einer Anwandlung von Offenheit hat er mir gebeichtet, dass er, bevor er mich und Lucidor traf, Schwarze gehasst habe. Er habe sie für dumm und faul gehalten und – Entschuldigung, Chevalier – geglaubt, dass sie stinken würden. Sein Vater, ein mittelmäßiger Schriftsteller, war ein Freund Voltaires. Nicht dass Duhamel viele Schwarze getroffen hätte, eigentlich keinen einzigen. Ich lachte ihn aus, aber einen Stich gab es mir doch. Immerhin hat Duhamel sein Urteil inzwischen korrigiert.
Und Lamothe, den man getrost den großen Lamothe nennen darf, ist ein berühmter Hornist meiner beiden Orchester, der Concerts spirituels und des Concert de la Loge Olympique. Außerdem sind wir zusammen nach Guadeloupe gefahren und haben gemeinsam in einer Truppe in Saint-Domingue gekämpft.
Ich spüre einen Drang, über meine Kindheit zu sprechen, gerade jetzt, da mein Ende nicht mehr fern ist. Mich an das erinnern, was von dieser fernen Vergangenheit übrig geblieben ist. Zwischen Angst und Selbstmitleid über das Schicksal, das mich getroffen hat, steigen in mir Bilder aus meinen Kindertagen herauf.
Die Plantage außerhalb von Basse-Terre zwischen Baillif und Saint-Claude, der große weiße Pfahlbau, der von saftigem Gras, Bananengewächsen, Ölpalmen und Obstbäumen umsäumt war, zwischen denen Hunde herumstreunten oder sich dösig in der Hitze fallen ließen – das war meine Welt! Weiter oben die Unterkünfte der Sklaven und dahinter die ausgedehnten, glühenden Felder und Wälder am Hang des gerupften Vulkans La Soufrière – das war das Paradies. Stundenlang saßen wir auf der großen Veranda und schwatzten, musizierten auf der Geige, blätterten in Büchern aus Frankreich, spielten Spiele und lernten, wenn mein Lehrer kam. Meist aßen wir draußen, und manchmal kamen Gäste, die festlich gekleidet waren. Fackeln leuchteten die Bäume von unten an, und es sah aus, als ob ausgefranste Kuppeln rund um unser eckiges Haus aufmarschiert wären. Es wurde viel gelacht und laut geredet. Ich durfte später als sonst ins Bett.
Hinten im Garten stand das Gewächshaus, in dem mein Vater Orchideen züchtete. Von einem Haus konnte eigentlich keine Rede sein, es war eher eine offene Konstruktion aus dicken Ästen, die mit Bananenblättern gedeckt war. Ich war gerne dort, weil da drinnen in der feuchten Hitze ein unbestimmt süßer Geruch in der Luft hing, der sich im Laufe des Tages veränderte. Aber nicht nur wegen des Dufts oder der Schönheit der Blumen kam ich gern dorthin: Wenn mein Vater die Orchideen versorgte, hatte er Zeit, mir von Frankreich zu erzählen, von Segelschiffen, Ozeanen, Musik, vom Fechten und sehr viel über die Sklaverei. Dieses Paradies wurde vom Passat umweht, der alles in seiner milden Brise schaukeln ließ.
Jetzt ist nichts mehr davon übrig. Auf meiner letzten Reise machte ich mit Lamothe und Junot einen Zwischenstopp in Guadeloupe, weil sie sehen wollten, wo ich meine Kindheit verbracht hatte. Das prächtige Haus war teilweise eingestürzt und geplündert. Alle Tische, Stühle, Schränke, Gemälde und Kupferstiche waren gestohlen. Nanons Bücher lagen, mit zerrissenen Seiten und zertrampelt, verstreut im Garten. Nun ja, in dem, was vom Garten übrig geblieben war. Die Betten waren durch die Fenster nach draußen gewuchtet worden, die Laken hingen zerrissen in den Bäumen. Gespenstische Fetzen, die sich wie rachsüchtige Geister im Wind bewegten.
Der Garten war ein einziger Wildwuchs von Pflanzen und Lianen. Bananenbüschel lagen verfault unter den Bäumen und lockten Schwärme von Fliegen und Wespen an. Die Zuckerrohrfelder waren verwahrlost, eine kohlschwarze Parzelle war in Brand gesteckt worden. Der Rest war offenbar rechtzeitig geschnitten worden. Die Arbeitsschuppen waren eingestürzt, und auch die Wohnung des Aufsehers hatte man niedergebrannt, zwischen den verrußten Balken und den Resten der Mauern wucherten wilde Pflanzen und Sträucher. Die Zuckerrohrpressen waren weggeschleppt worden, die tiefen Furchen im Boden waren noch immer zu erkennen, und die Kochkessel waren ebenfalls verschwunden. Das Gewächshaus war dem Erdboden gleichgemacht. Als ob die Blumen den in den Jahren der Unterdrückung gewachsenen Hass hätten ausbaden müssen. Die Revolution, das Versprechen einer besseren Welt ohne Sklaverei, herübergeweht aus dem fernen Frankreich, war wie ein Wirbelsturm über die Plantage gerast. Ich verstand das alles, aber es tat mir von Herzen weh, dass das hatte geschehen müssen, sogar hier auf der Plantage meines aufgeklärten Vaters, der vor Jahren gestorben war.
Ich konnte mich nur schwer losreißen von diesem Fleck, wollte noch etwas herumstreifen rund um das Haus, das ich so sehr geliebt hatte. Aber Lamothe und Junot wollten zurück nach Basse-Terre, schließlich waren wir nur auf der Durchreise nach Saint-Domingue, und das Schiff würde nicht auf uns warten. Während unseres Ritts zurück in die Stadt wurde mir klar, dass mir die Revolution viele Jahre meines Lebens gestohlen hatte. Wofür? Die Sklaverei war offiziell abgeschafft, aber in diesem Moment trabten wir zu Pferd zum Schiff, um auf einer anderen Insel gegen mordlustige Kolonisten zu kämpfen, die von der Sklavenbefreiung nichts wissen wollten. Es fühlte sich an, als ob Säbel und Degen in mich stächen und schnitten, als mir all die Einzelheiten der Verwüstung immer wieder aufs Neue vor Augen traten.
Da waren die Jahre, in denen Nanon mich, ihr Kind, überall stolz herumzeigte. Nicht nur, als ich noch getragen werden musste, so wurde mir erzählt, sondern auch, als ich schon laufen konnte. Jeder auf der Plantage und in der Stadt musste über all meine Fähigkeiten und Eigenheiten Bescheid wissen. Begleitet von einem Aufseher oder ein paar alten Sklaven, ritten wir von Pflanzung zu Pflanzung. Sie sprach mit jedem, der unseren Weg kreuzte. Sie kannte jeden beim Namen und fragte nach Gesundheit, Krankheiten, Geld, Nahrung und Wohnung. Während sie mit ihnen redete, streichelte sie mir mit ihren weichen Händen den Kopf.
Wir ritten bergauf zu den abgelegenen Dörfern, in denen unsere Sklaven wohnten. Alle wollten mich berühren, als sei ich ein Talisman, der Glück bringt und Krankheiten verhütet. Ich spürte Angst, wenn ein zahnloser alter Schwarzer zu mir kam und unter unverständlichem Stammeln meine Hände umklammerte, oder wenn alte Frauen vor mir niederknieten, mich nicht ansahen, aber rasend schnell unzählige Kreuze hintereinander schlugen und Gebete murmelten.
Nanon beruhigte mich dann, wenn wir nach Hause ritten. Sie schärfte mir ein, dass es für Sklaven wichtig sei, dass der Sohn des Herrn, wie jung er auch sei, ihnen zuhörte und sie tröstete, wo er nur konnte. »Du musst verstehen«, betonte sie, »dass das Dorf, in dem sie geboren wurden und wohnten, ehe man sie gefangen nahm, unerreichbar weit weg ist.« Der Ort, wo sie von Sklavenhändlern und Hasardeuren eingefangen worden seien, liege hinter dem endlosen Ozean, tief versteckt im unermesslichen Dschungel. Niemals würden sie dorthin zurückkehren können, wie auch sie selbst, Nanon, den Senegal nie wiedersehen würde.
Aber ich hatte damals nicht das mitfühlende Herz von Nanon. Ich wollte nicht auf die alten, lispelnden Schwarzen hören, weil ich sie schmutzig und hässlich fand. Das Altweibergestammel von runzligen, zahnlosen Frauen stieß mich ab, während ich dennoch mit heimlichem Vergnügen nach ihren verwelkten Brüsten schielte. Was sie tuschelten, blieb mir unverständlich. Ob sie je an ihre Geburtsorte zurückkehren würden, interessierte mich nicht, aber ich ließ mir meinen Abscheu nicht anmerken. Nanon wäre bitter enttäuscht gewesen.
Später, als wir in Frankreich lebten, verstand ich, dass die Sklaven Nanon als ihre Maria ansahen, als ihre Mutter, wie jung sie auch war. Die Sklaven auf unserer Plantage hatten ein anständiges Leben. Sie wurden nicht geprügelt, und wenn doch einer etwas stahl, wurde ihm nicht Hand oder Arm abgehackt oder der Rücken mit der Riemenpeitsche blutig geschlagen. Nanon hatte durchgesetzt, dass die Sklaven sogar bezahlt wurden, sie bekamen ausreichend zu essen und hatten Zeit genug, ihre eigenen Gärten zu bewirtschaften.
Als sie glaubte, ich sei dafür alt genug, erzählte mir Nanon die Geschichte von Doondari: die Schöpfungsgeschichte der Fulani aus Mali. Sie wollte, dass ich die Geschichte kannte, weil viele der Sklaven aus Mali kamen und daran glaubten. Sie interessierte mich sehr, diese Schöpfungsgeschichte, und Nanon erzählte sie auf mein Bitten so oft, dass ich sie schon bald auswendig herunterschnurren konnte.
Am Anfang war ein ungeheurer Tropfen Milch,
dann kam Doondari und erschuf den Stein,
der Stein schuf das Eisen,
und Eisen schuf das Feuer,
und Feuer schuf das Wasser,
und Wasser schuf die Luft.
Dann kam Doondari ein zweites Mal hernieder,
und er nahm die fünf Elemente
und machte daraus den Menschen.
Aber weil der Mensch stolz wurde,
schuf Doondari die Blindheit,
und die Blindheit besiegte den Menschen.
Als die Blindheit zu stolz wurde,
schuf Doondari den Schlaf,
und der Schlaf besiegte die Blindheit.
Als der Schlaf zu stolz wurde,
schuf Doondari die Sorgen,
und die Sorgen besiegten den Schlaf.
Als die Sorgen zu stolz wurden,
schuf Doondari den Tod,
und der Tod besiegte die Sorgen.
Als der Tod zu stolz wurde,
kehrte Doondari ein drittes Mal hernieder,
und er kam als Gueno, der Ewige,
und Gueno besiegte den Tod.
Nanon war überrascht, dass ich die Geschichte verstand, und erklärte meinem Vater, als sie dachte, ich schliefe, was für ein kluger Junge ich doch sei. Dem pflichtete mein Vater nur zu gerne bei. Es war vor allem der Rhythmus, dieser teuflische Rhythmus, der die Geschichte zu einem Gesang machte. Durch ihn konnte ich mir die Schöpfungsgeschichte leicht merken, und ich überlegte mir eine Melodie dazu, die Nanon lachend übernahm. Gegenüber dieser klaren Geschichte voller überraschender Wendungen erschien mir die Schöpfungsgeschichte von Adam und Eva langweilig und trübsinnig. In einen Apfel zu beißen und dafür verdammt und verbannt zu werden! Diese Geschichte der Verstoßung und auch die von Hiob, dem Spielball einer Wette zwischen Teufel und Gott, die Lieblingsgeschichte meines Vaters in der Bibel, weckten in mir eine Abneigung gegen den christlichen Gott.
Nanon kannte auch viele Sklavenlieder. Raue Gesänge von Menschenjagd und von Qualen und Ketten auf Schiffen, Lieder von heimtückischen Plantagenbesitzern, die prügelten, mordeten und verstümmelten.
Solche Gefahren bestanden rund um Basse-Terre kaum, denn dort lebten nur wenige grausame Herren. Mein Vater verurteilte sie hart, und er war, das begriff ich später, so mächtig, dass sie sich gegen seine liberalen Ansichten nicht auflehnten. Er erzählte mir damals, dass er Sklaven freikaufen wolle, aber die französische Regierung ließe das nicht zu. Es hätte einen Aufstand der anderen Plantagenbesitzer gegeben.
Oft sang Nanon auch afrikanische Lieder. Sanfte Gesänge von fremden Wesen, Geistern, sprechenden Tieren und von rachsüchtigen Ungeheuern. Sie konnte voller Schmerz von Sklavenschiffen singen, von bösen Kapitänen und stinkenden Matrosen. Aber wenn uns jemand entgegengeritten kam, erstarb ihr Gesang vor Verlegenheit und Scham. Nur wenn mein Vater uns auf seinem Schimmel begleitete, sang sie aus voller Kehle, und er, der Weiße, übernahm die zweite Stimme.
In unserem Haus wohnte auch die richtige Ehefrau meines Vaters, Elisabeth Mérican. Gelegentlich entdeckte ich sie, wie sie am Fenster ihres Studierzimmers stand und hinausspähte, wenn ich zwischen den Obstbäumen oder auf dem Rasen mit den Hunden spielte. Ich war noch nie drinnen gewesen, und was sie in diesem »Studierzimmer« machte, war mir ein Rätsel. Sie aß nie mit uns am Tisch auf der Veranda und begleitete uns auch nie in der Kutsche in die Stadt. Als Junge hielt ich sie für eine hochmütige Frau, die ich zwar nicht hasste, die mich aber verunsicherte, weil ihre Stimme scharf war und ihre Bewegungen jegliche Eleganz vermissen ließen. Dass mein großzügiger, fröhlicher Vater sich überhaupt in sie hatte verlieben können, war mir damals so unbegreiflich, dass ich für eine Weile Verachtung ihm gegenüber empfand. Vielleicht auch, weil er mir und Nanon eine so kalte Frau aufgehalst hatte. Später verstand ich, dass sie aus einer wohlhabenden Familie kam und mein Vater ihrer großen Mitgift nicht hatte widerstehen können.
Am meisten verachtete ich ihr ständiges Klagen über die Hitze. Warum quengelte sie über diese alles umarmende Wärme, die der Passat stets so großzügig mit sich brachte? Auch die Hunde ängstigten sie. Wenn sie ihr gepudertes Gesicht draußen im Schatten des Sonnenschirms zeigte, sprangen sofort ein paar unserer Jagdhunde auf sie zu, wie um sie zu beißen. Augenblicklich wurden sie von einem Sklaven zurückgepfiffen.
Ich fand sie erbärmlich, aber wie hatte ich mich in ihr getäuscht! Sie interessierte sich damals weder für Nanon noch für mich. Jahre später sollte sich das radikal ändern, und sie sollte sowohl Nanon als auch mir eine liebe Freundin werden. Sie erwies sich im Nachhinein als eine weise Frau, die sich auf dieser tropischen Insel fremd fühlte. Es stellte sich heraus, dass sie einfach keine Ahnung hatte, wie sie mit Kindern umgehen sollte. Deshalb wollte sie das kleine Gesindel nicht um sich haben, wie sie lachend zugab.
Ich versuche, mit der Zunge meine Zähne zu ertasten. Ich fahre linksherum, rechtsherum, hinter den oberen Zähnen lang, streiche über die Backzähne, über den Gaumen und bin beruhigt: Sie sind noch alle da. Wundbrand hin oder her, Schneidezähne und Backenzähne sind in Ordnung! Keine wunde Stelle, kein einziger Zahn wackelt, wenn ich daran stoße. Da bin ich eine große Ausnahme. Ich kenne niemanden, der den Mund noch so voller Zähne hat. Nun ja, ein paar Schwarze vielleicht, die es wie mich nach Europa verschlagen hat. Ansonsten stinkt hier fast jeder aus dem Maul, betäubend manchmal, außer den paar Glücklichen, die alle Zähne frühzeitig verloren haben. So ein zerknautschter Mund, aus dem die Worte lispelnd oder schmatzend herauspurzeln, ist zwar abstoßend, aber man muss sich wenigstens nicht die Nase zuhalten.
