Journey2US - Beate Gerhard Schmitt - E-Book

Journey2US E-Book

Beate & Gerhard Schmitt

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Beschreibung

Dieser Reiseführer ist kein gewöhnlicher Guide. Er ist gespeist von der großen Sehnsucht, mehr über sich selbst und die Welt herauszufinden: Wer bin ich? Was ist meine Berufung für die 2. Lebenshälfte? Wie kann ich meine Talente bestmöglich für das Gemeinwohl einbringen? Nach einem Umbruch in der Lebensmitte fassen die beiden Autoren den Mut, sich endlich ihren gemeinsamen Lebenstraum zu erfüllen, und reisen ein Jahr lang mit dem eigenen Wohnmobil durch Nordamerika. Mit vielen Sinnfragen im Gepäck und ganz viel Reise-Lust aufs Leben brechen sie 2017 auf zu ihrer Journey2US. Die Angst, Liebgewonnenes und Vertrautes loszulassen, wandelt sich in Offenheit und macht die Entdeckungsreise ins Neuland - im Außen und dem eigenen Inneren - möglich. Die Herausforderung, als Paar 365 Tage auf 14qm beisammen zu sein, bringt sie näher zueinander und zu sich selbst. Beate und Gerhard Schmitt öffnen die Tür zu ihrer wahren Berufung in der zweiten Lebenshälfte … und machen dabei magische Erfahrungen. Lass Dich einladen zum Träumen, zum Träume leben und zur Eröffnung neuer (Bewusstseins-)Welten.

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EPUB
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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Beate & Gerhard Schmitt

JOURNEY2US

Wer sind wir wirklich?Unser magischer Road Tripdurch Kanada & die USA

Aufs Tiefste unvorbereitet

treten wir in den Lebensnachmittag,

schlimmer noch, wir tun es unter der falschen Voraussetzung

unserer bisherigen Wahrheiten und Ideale.

Wir können den Nachmittag des Lebens

nicht nach demselben Programm leben wie den Morgen,

denn was am Morgen viel ist,

wird am Abend wenig sein,

und was am Morgen wahr ist,

wird am Abend unwahr sein.

C.G. Jung _ Die Lebenswende

[aus: C. G. Jung, Gesammelte Werke 1-20 © Patmos Verlag, Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2017; © Stiftung der Werke von C.G. Jung, Zürich]

JOURNEY2US

Wer sind wir wirklich? Unser magischer Road Trip durch Kanada & die USA

© 2021

Beate Schmitt & Dr. Gerhard Karl Schmitt

1. Auflage

Autoren: Beate Schmitt & Dr. Gerhard Karl Schmitt

Gestaltung: Kerstin Fiebig · ad-department.de

Lektorat: Beate Maaß

Fotos:

© Beate & Gerhard Karl Schmitt, außer Seite 30 © pilesasmiles (iStock),

Seite 104/105: © benkrut (envato elements), Seite 200/201: © Asara Adams,

Seite 329 (Manatees): © Mint_Images (envato elements),

Seite 335: © SeanPavonePhoto (envato elements),

Abbildungen Seite 28/29 und 180/181: © FoxysGraphic (iStock)

Verlag & Druck: tredition GmbH · Halenreie 40 - 44 · 22359 Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-347-25334-6

ISBN Hardcover: 978-3-347-25335-3

ISBN eBook: 978-3-347-25336-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

INHALT

1. Vorbereitung und Abschied

Reiselust aufs Leben

Lass deine Träume wahr werden

Mut tut gut!

Warum wir diese Reise machen

Countdown

2. Trans-Canada Highway – Traumstraße vom Atlantik zum Pazifik

Nova Scotia

Wiedersehen mit Lucy in Halifax – Home is where you park it

It’s never too early to live your dreams

Eingewöhnen in Kanada mit Herausforderungen

Glück ist eine Bewusstseinshaltung

Wildromantisches Cape Breton – Don’t despair, you are almost there!

Prince Edward Island (PEI)

Canada’s Birthplace

New Brunswick

Leben in zwei Welten

Quebec

Parlez vous français?

We are closed – ein Running Gag

Im Herzen von Quebec City

Ontario

Young and Lively – Kanadas Hauptstadt Ottawa

Thank you Mr. Walton

Lass los, lass los und lass Gott machen – Bea’s Birthday in Brockville

City-Stress in Multi-Kulti Toronto

Unforgetable Niagara Falls

Mennonite Country – Reduktion auf das Wesentliche

Lacrosse – Creator game der First Nations

Entlang der Großen Seen – Flug über 30.000 Inseln

Happy Birthday Canada – Was du an anderen liebst, ist auch in dir

Biberpelze for good old Europe

Manitoba

Ehe-Test am Whitemouth River

Making Friends in the Centre of Canada

Be the change you want to see in the world

Atlantikküsten-Feeling in Manitoba

Glück neu definiert im Riding Mountain National Park

Saskatchewan

Besuch bei den Mounties in Regina

Alberta

Calgary – Rocky Mountains here we come!

Beautiful Banff National Park

Im Rausch der Sinne auf dem Icefields Parkway

Schlafen unterm Sternenzelt

Grizzlybär-Alarm im Jasper National Park

Bristish Columbia, Yukon and a bit of Alaska

German get together in the middle of nowhere

Ehrfurcht vor 1000 Jahre alten Baumriesen

8000 Wildfire Refugees in Prince George

First Nations – durch Missionierung in den Untergang

Wind of Change – die Vision der Neuen Erde

Hyder, Alaska – Bären beim Lachsfang hautnah

Moskito-Attacke auf dem Salmon Glacier

Die außergewöhnliche Großfamilie Bach

Stewart-Cassiar Highway – der ursprüngliche Alaska Highway

Schock im Yukon – Das Ende unserer Reise?

Westwärts zum Pazifik

Inside Passage to Vancouver Island

Killerwal-Begegnung mit Gänsehautfeeling

Was haben Original Bavarian Pretzels mit Berufung zu tun?

Quadra Island – wir lassen die Seele baumeln

Tofino – der westlichste Punkt unserer Reise

A Shift in Perception – lass Wunder geschehen

Abseits der Touristenroute

Babe Wannemaker und seine Leidenschaft für Frauen

Victoria – Mile Zero, das offizielle Ende des Trans-Canada Highways

Vancouver – eine Stadt zum Verlieben

Die letzten Tage in Kanada

Zwischenbilanz – Die Reise als Sinnbild unseres Lebens

3. Crossing USA – von Norden nach Süden & von Westen nach Osten

Bye-bye Canada – Border Crossing in Oroville

Washington

Oompah Music im München Haus

Feurige Brüder – Vulkane der Kaskadenkette

Oregon

Oregons wildromantische Küste

Die Liebe – eine Bedrohung fürs Ego

Wintereinbruch auf der Pass-Straße

Beautiful Ashland

Kalifornien

Mount Shasta und die Erweiterung unseres Weltbildes

Eine magische Reise beginnt

Dem Himmel ganz nah – Die Nacht auf dem heiligen Berg

Der wahre Grund für unsere Reise

Die Wunderwelt der Kristalle

High Vibrational Frequency Lifestyle – der Schlüssel zur Heilung

Die ultimative Frage – Wie möchtest du dich heute fühlen?

If you are going to San Francisco

Highway 1 – Straße der Träume

Fahrraddiebstahl in Santa Barbara

»Mister Gorbatschow, tear down this wall«

Nevada (und Kalifornien-Rundreise)

Skurril – Mit Lucy im lasterhaften Las Vegas

Im Tal des Todes

San Diego – Eislaufen am Pazifik

Die Wüste lebt – Palm Springs und Joshua Tree National Park

Zurück in Vegas – Abschied auf Raten

Valley of Fire – Girl on Fire

Utah

Vom kalten Zion in den eisigen Bryce Canyon Nationalpark

Arizona

Winter Wonderland am Grand Canyon

Wintersonnenwende in Spiritual Sedona

Weihnachten ohne Kinder

Vortices – Energieportale zu höheren Dimensionen

Im Labyrinth nach einer tödlichen Schießerei

Unterwegs als Botschafter der Liebe

Biosphäre 2 – Forschung für zukünftige Kolonien im All

Die saftigste Wüste der Welt, Westernkulisse und Flugzeugfriedhof

Touched by an Angel

Shutdown an der mexikanischen Grenze

New Mexico

Land of Enchantment

Ist ja spannend – Eine Lektion fürs Ego

Weiße Wunderwelt des White Sands National Parks

Verschwörungstheorie? – Der Roswell-UFO-Zwischenfall

Unter Tage – Die Carlsbad Caverns

Texas

Ein außergewöhnliches Himmelsereignis

Von den Guadalupe Mountains an den Rio Grande

Bienvenidos a México

San Antonio – Remember the Alamo!

Texan Heart and German Soul

Hang Drum – Verzauberung am Lagerfeuer

Ein Tag voller Überraschungen – Lucy’s crash

Everything is bigger in Texas

Houston, we have a problem!

Louisiana

Von Acadians bis Cajuns – Der Kreis schließt sich

Gestrandet bei Walmart in Thibodaux

Oak Alley Plantage – Die Geschichte der Sklaverei

New Orleans – Die Wiege des Jazz

Odyssee in New Orleans – On the road again

Mississippi

Alabama

Florida

Freiheit oder die Lebenszeit-gegen-Geld-Tauschfalle

F.L.Y. – First love yourself

Gesundheitlicher Schock

Von der Raupe zum Schmetterling

Georgia & die Rundreise durch Floridas Süden

Okefenokee National Wildlife Refuge – Alligatoren, atemberaubend hautnah

Geburtstagsfeier auf Jekyll Island – Im Club der Milliardäre

Wiedersehen mit Esther

Everglades – Sterbendes Naturparadies

Bunte Vielfalt auf den Florida Keys

Raketenstart live in Cape Canaveral

Zu Gast in St. Augustine, der ältesten Stadt der USA

Georgia & South Carolina

Savannah – Auf den Spuren von Forrest Gump

Charleston – die Perle des Südens

North Carolina and off to Baltimore

Blue Ridge Parkway – Nordamerikas beliebteste Panoramastraße

Auf dem Dach der Smokies

Asheville – Die Freak-Hauptstadt Amerikas

Virginia

Country roads take me home

Maryland

Bye-bye Lucy

White House – Im Zentrum der Macht

4. Rückkehr

Home sweet home

Das andere Ende der Heldenreise

Von der Angst, endgültig loszulassen und dem Mut, neue Wege zu gehen

5. Die Journey2US geht weiter – 18 Monate später

Auf das, was da noch kommt

Über die Autoren

1. VORBEREITUNG UND ABSCHIED

REISELUST AUFS LEBEN

Plötzlich geht doch alles schneller als gedacht. Nach unserer Farewell Party mit der Familie, unseren Freunden und Nachbarn steigert sich nicht nur unsere Vorfreude auf die bevorstehende und so langersehnte Reise, sondern auch die Aufregung und Traurigkeit. Langsam, aber sicher wird uns bewusst, was es heißt, Abschied zu nehmen von allem, was uns vertraut ist. Die Tränen kullern über unsere Wangen, als wir uns von unseren Kindern und unserem kleinen Enkelsohn verabschieden und der Magen rebelliert. Das letzte Mal für die nächsten 365 Tage schlafen wir im eigenen Bett. Dass der Abschiedsschmerz uns urplötzlich überwältigt, überrascht uns beide. Schließlich haben wir diese Reise gewollt und schon lange geplant. Es ist ein lang gehegter Traum, den wir uns nun endlich verwirklichen.

Wir, das sind Beate, Gerhard und unser »Carthago« Reisemobil, das wir auf den Namen Lucy getauft haben. Lucy, auch Lucy Lightship genannt, ist fünf Jahre alt und bietet auf knapp vierzehn Quadratmetern alles, was Mann und Frau so brauchen. Sie ist sozusagen ein Tiny House auf Rädern. Verglichen mit Zelt-Camping ist diese Art zu reisen doch eher luxuriös. Grund zum Jammern gibt es also nicht und dennoch beträgt die Grundfläche unserer Lucy etwa ein Zwanzigstel der unseres Hauses. Dies wiederum hat direkte Auswirkung auf die Anzahl der Dinge, die wir mitnehmen können und natürlich auf unsere Partnerschaft, denn zu Hause können wir uns prima aus dem Weg gehen. Jeder hat sein eigenes Schlafzimmer und ein eigenes Büro. Beides bietet die Möglichkeit, sich jederzeit zurückzuziehen. Weil wir keine Ahnung haben, wie es sein wird, für ein ganzes Jahr so dicht aufeinanderzuhängen, beschließen wir, die teure Wohnmobilversicherung für Nordamerika zunächst nur für sechs Monate abzuschließen. Dieser Entschluss wird uns später viel Geld kosten, doch wollten wir uns nicht schon vor Beginn der Reise unter Druck setzen und uns die Möglichkeit offenlassen auszusteigen, falls das (gemeinsame) Reisen nicht länger stimmig erscheint. Druck ist zudem genau das, was wir nicht mehr wollen, denn von dem haben wir als Selbstständige im Gesundheitsbereich genug. Wie Lucy haben auch wir eine Fünf vorne, befinden uns also definitiv in der zweiten Lebenshälfte, wollen aber nicht bis zum sogenannten Rentenalter mit der Verwirklichung unseres langersehnten Traums warten, ein Jahr mit dem eigenen Wohnmobil durch den Norden Amerikas zu reisen.

Warum es dennoch so lange gebraucht hat, diesen Traum zu verwirklichen und mit welchen Herausforderungen und Ängsten wir bei der Vorbereitung und Umsetzung unseres Sabbatjahres konfrontiert wurden, davon wollen wir hier erzählen. Wir möchten berührende Geschichten mit dir teilen von Menschen und ihren unterschiedlichen Lebenskonzepten, Tierbegegnungen in freier Wildbahn und überwältigender Naturschönheit. Wir möchten dir von Erlebnissen erzählen, in denen die Verbindung zur universellen Kraft so intensiv spürbar war, dass ein Gefühl der Dankbarkeit und Demut unsere Zellen geradezu überflutete. Es gab gute Tage, an denen wir glaubten, das Leben verstanden zu haben und es gab Zeiten, in denen die Wirklichkeit weit hinter unseren Erwartungen zurückblieb und wir uns am liebsten nach Hause gebeamt hätten. Wir möchten dich teilhaben lassen an unseren Motiven, warum wir diese Reise unbedingt machen wollten, was die Zielsetzung war und mit welchen Erkenntnissen wir nach Hause zurückgekehrt sind.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie die Journey2US unsere Partnerschaft und unser Leben verändert hat, dann laden wir dich ein, uns zu begleiten, auf 365 aufregende und unser Leben verändernde Tage. Vielleicht weckt dies ja auch in dir die Reiselust aufs Leben.

LASS DEINE TRÄUME WAHR WERDEN

Bereits im Frühjahr 2015 beantragten wir unsere Zehn-Jahre-Visa beim amerikanischen Konsulat in Frankfurt. Doch sollte es weitere eineinhalb Jahre dauern, bis unser Traum konkrete Konturen annahm. Obwohl wir bereits 2016 aufbrechen wollten, ergaben sich triftige Gründe, unsere Reise zu verschieben. Nachdem Gerhards Vater im Oktober 2014 verstorben war, wollten wir seine Mutter nicht alleine lassen. Wir hatten ganz einfach kein gutes Gefühl, sie nach dem Tode ihres Mannes, mit dem sie 64 Jahre verheiratet war, sich selbst zu überlassen. Also unternahmen wir weiterhin kürzere Reisen mit unserer Lucy und holten, wann immer es möglich war, meine Schwiegermutter für ein paar Tage zu uns. Außerdem wurden wir im Januar 2015 zum ersten Mal Großeltern. Ein sehr erfreulicher Umstand, der das Gefühl der Verpflichtung nicht gerade verringerte. Im Mai 2016 verstarb meine Schwiegermutter. Die langen Wochen vor ihrem Tod waren für uns alle eine intensive Zeit und wir sind sehr dankbar, dass wir sie auf ihrer Reise bis zum letzten Atemzug begleiten konnten. Während ich diese Zeilen schreibe, sind wir damit beschäftigt, Gerhards Elternhaus zu entrümpeln und zu renovieren. Beim Aufräumen der Hinterlassenschaft meiner Schwiegereltern schwanken unsere Gefühle zwischen Trauer, Unverständnis, Wut und dem Wunsch nach Freiheit und Ungebundenheit.

Trauer um geliebte Menschen, die nun nicht länger physisch in unserem Leben sind. Unverständnis darüber, wie es möglich ist, seit dem Einzug ins selbstgebaute Haus im Jahre 1957 gefühlt ALLES aufzubewahren. Wut darüber, was sie uns Kindern mit ihrer eigenen Unfähigkeit loszulassen zumuten. Verstehen können das sicher vor allem diejenigen, die am eigenen Leibe Ähnliches erlebt haben. Wie es sich anfühlt, wegwerfen zu müssen, was ein anderer Mensch im Laufe seines Lebens an für ihn bedeutsamen Gegenständen angehäuft hat – immer im Bewusstsein, wie hart die Kriegsgeneration dafür arbeiten musste. Was für meine Schwiegereltern zeitlebens offensichtlich unmöglich war, muss jetzt von uns Kindern erledigt werden. Ein fürwahr kraftraubendes und Energie zehrendes Unterfangen, das in uns beiden den Wunsch nach größtmöglicher Freiheit erneut aufkeimen lässt und in seiner Dringlichkeit noch verstärkt.

Auch bei uns zu Hause unterziehen wir seither alles einer genauen Prüfung. Wofür brauche ich das? Wie viel davon brauche ich? Sind wir doch mal ehrlich, leben wir nicht fast alle im reinsten Überfluss? Sind wir mit Lucy unterwegs, bereitet mir die Kleiderwahl selten Kopfzerbrechen. Anders hingegen sieht es daheim aus. Welches Kleid, welche Schuhe will ich heute tragen? Die Ballerinas oder doch lieber die High Heels? Mein Mann und ich haben ein geflügeltes Wort, wenn wir auf Reisen sind: »Was wir nicht dabeihaben, brauchen wir nicht!« Diese Einstellung hat etwas echt Befreiendes.

Zu befreien versuchen wir uns auch von allem, was unnötig erscheint, bindet und den nächsten Schritt auf dem Weg zu unserer Traumreise erschwert, wie gefühlte ehrenamtliche und tatsächliche Verpflichtungen. Gerade familiär fällt mir das besonders schwer. Bin ich eine schlechte Tochter, Mutter, Schwester, Freundin und Oma, wenn ich für eine Zeit aussteige und meine eigenen Träume und Ziele realisiere? Ist jetzt überhaupt der richtige Zeitpunkt für unsere langersehnte Reise? Gerhard geht es genauso. Doch die Erfahrungen der letzten zwei Jahre haben uns gelehrt, dass es nie die richtige Zeit sein wird, wenn wir sie uns nicht nehmen.

Eine starke, unseren Lebensunterhalt garantierende Verpflichtung, mit der wir uns wirklich lange herumgequält haben, war, ob wir unsere Firma ein Jahr lang stilllegen können. Kündigen wir unsere Verträge mit unseren Kunden, ohne zu wissen, wie es nach dem Jahr weitergeht? Bei diesen Überlegungen geht es nicht ausschließlich um die finanzielle Einnahmequelle, sondern auch um vermeintliche moralische Verpflichtungen, wie die über viele Jahre gewachsenen Beziehungen und das Vertrauen der Kunden in uns.

Heute gibt es in vielen Firmen oder bei Arbeitgebern im öffentlichen Dienst die Möglichkeit, ein Sabbatical zu nehmen. Der Vorteil eines Sabbatjahres ist ein meist unkomplizierter Wiedereinstieg ins Berufsleben nach dieser Auszeit. Man hat die Garantie, dass nach der Reise das Geld wieder fließt, ein sicher beruhigendes Gefühl. Auf unserer Reise treffen wir einige Paare, die diese Form der gesicherten Auszeit gewählt haben.

Trotz aller Sicherheitsbedenken und moralischer Überlegungen kristallisiert sich bei uns zunehmend das Gefühl heraus, dass es besser ist, ALLES zu kündigen, um gedanklich mit dem Alten abzuschließen. Wir spüren beide, etwas ganz Neues möchte geboren werden.

Auch wenn wir noch nicht ahnen, was das Neue sein wird, spüren wir, dass es wichtig ist, das Glas ganz zu leeren, bevor wir es wieder mit Neuem füllen können. In der Praxis jedoch fällt uns das Abschiednehmen und Platz machen für Neues schwer. Es erfordert Mut loszulassen, ob es nun von Kleidern ist, die wir nicht mehr tragen, Büchern, die wir gelesen haben, Menschen, die uns nicht länger guttun oder von einem Beruf, der zwar ein gutes Einkommen generiert, aber die Seele nicht mehr nährt.

Letzteres fällt uns besonders schwer. Viele Jahre haben wir uns beide sehr stark mit unserem Beruf identifiziert, sogar darüber definiert. Wir durften unsere Berufung leben. Beruf und Privatleben waren stark miteinander verschmolzen. Wir lebten, was wir liebten und was uns begeisterte. Doch alles im Leben hat seine Zeit. Hermann Hesse schreibt in seinem Gedicht Stufen: »Heiter sollst du Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen«, und genau an dem Punkt befinden wir uns beide jetzt. So ist diese Reise für uns viel mehr als eine Wohnmobilreise durch Nordamerika, bei der wir Sehenswürdigkeiten und schöne Landschaften abhaken.

Wir sehen und verstehen diese Tour als eine Art Pilgerreise zu uns selbst, als eine Journey2US. Wir möchten bleiben können, wo es uns gefällt und dafür vielleicht ein anderes vorher geplantes Ziel auslassen, morgens meditieren, wenn uns danach ist, Yoga machen, spirituelle Zentren besuchen oder andere interessante Projekte, die uns faszinieren. Wir möchten unseren eigenen Rhythmus finden. Den eigenen Rhythmus zu finden ist schon im Alltag, der von vielerlei beruflichen und privaten Verpflichtungen bestimmt ist, sehr herausfordernd. Auf dieser Pilgerreise zu uns selbst wollen wir deshalb viel mehr nach innen hören und ein Gespür für die eigene Geschwindigkeit und unsere Bedürfnisse entwickeln. Deshalb ist unsere Routenplanung auch nur eine grobe Festlegung nach dem Motto: »Alles kann, aber nichts muss!«

Die Zeit ist reif, endlich unseren Traum zu leben: »Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, sag mir, wo und wann? Wenn nicht wir, wer sonst? Es wird Zeit. Komm wir nehmen das Glück in die Hand«. Mit diesem Song der Kölner Gruppe »Höhner« im Rücken schaffte die deutsche Handballnationalmannschaft 2007 das Wunder und wurde Handball-Weltmeister. Uns geht das Lied nicht mehr aus dem Kopf. Alle Zeichen stehen auf GO! Wir sind bereit und offen für unser Wunder. Das Einzige, was uns bisher gefehlt hat, ist der Mut, unser Vorhaben in die Tat umzusetzen.

MUT TUT GUT!

Nie hätten wir geglaubt, dass fehlender Mut das eigentliche Hindernis darstellt. Wie viele andere glaubten auch wir lange Zeit, Geld sei das primäre Problem, bis wir auf Menschen trafen, die sich ihren Traum trotz schmalem Reisebudgets erfüllt hatten. Es ist eine vermeintliche Sicherheit, die wir mit Geld verbinden. Haben wir zu wenig, glauben wir, nicht leben zu können, was wir wollen. Haben wir genug Geld, meinen wir, es zusammenhalten zu müssen, denn es könnten ja mal schlechtere Zeiten kommen. Auf diese Art können wir nie tun, was wir eigentlich wollen. Auch wir bekommen die Macht unserer Glaubenssätze immer wieder zu spüren.

Sieben Jahre sind vergangen, seit wir das erste Mal lukrative Verträge gekündigt haben, weil unser Weg und der eines Unternehmens, das wir damals über viele Jahre federführend mit aufgebaut und wie unser eigenes begleitet haben, nicht mehr übereinstimmten. Unser ganzes Herzblut steckte in diesem Unternehmen und den langjährigen, fast familiären Wegbegleitern. Die Trennung erfolgte allerdings erst, als ich (Gerhard) schwer krank wurde. Es war ein Wink des Schicksals, der mir zu verstehen gab, dass der Weg dieses Unternehmens nicht länger meiner war. Ich lag damals nach einer Auslandsreise auf der Quarantänestation eines Krankenhauses, hermetisch abgeriegelt, doch finden konnten die Ärzte nichts. Es war ein Gründonnerstag, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel und ich verstand, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen von »meinem Baby«, das ich über viele Jahre gemeinsam mit anderen erfolgreich zum Laufen gebracht hatte. Es steckten sehr viel Herzblut und wunderschöne Erinnerungen darin, aber auch so viel Verantwortung für das Vertrauen, das mir zahlreiche Menschen entgegengebracht hatten. Wenn ich daran zurückdenke, erscheint es mir wie die österliche Botschaft, die verstärkt durch einen Lichtstrahl – just in diesem Moment fiel ein Sonnenstrahl in mein Zimmer – zu mir kam. Wir trennten uns von der Firma und ich wurde in Rekordzeit wieder gesund. Bereits damals hätten wir uns unseren Traum erfüllen können, umso mehr, als dass wir schon bei unserem Kennenlernen davon träumten, mit Anfang Fünfzig ein Sabbatjahr einzulegen.

Doch dann kam alles ganz anders. Es fehlte uns zu dieser Zeit einfach noch der Mut, die Traumreise zu wagen, da sich einige unserer sechs Kinder noch in Ausbildung befanden und unser monatlicher Kostenapparat recht hoch war. Doch jetzt trauen wir uns. Jetzt sind wir gesund und noch jung genug, spüren die Begeisterung beim Gedanken an die Reise in uns aufflammen und ahnen, dass wir uns nie verzeihen würden, diesen Schritt nicht gegangen zu sein. Dabei geht es weniger darum, wie unser Vorhaben ausgeht, sondern einzig und allein darum, es zu wagen und darauf zu vertrauen, dass den Mutigen die Welt gehört!

Jetzt

In dem Augenblick,

in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt,

bewegt sich die Vorsehung auch.

Alle möglichen Dinge,

die sonst nie geschehen wären, geschehen

um einem zu helfen.

Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt

durch diese Entscheidung

und sie sorgt zu den eigenen Gunsten

für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle,

Begegnungen und materielle Hilfen,

die sich kein Mensch vorher je erträumt haben könnte.

Was immer du kannst oder Dir vorstellst,

dass Du es kannst,

beginne es.

Kühnheit trägt Genie,

Macht und Magie in sich.

Beginne jetzt!

Johann Wolfgang von Goethe Tatsächlich tritt nach unserer Entscheidung und im weiteren Verlauf der Vorbereitung auf unsere Reise ein, was Johann Wolfgang von Goethe so schön in seinem Gedicht beschreibt. Ein ganzer Strom von Ereignissen setzt sich durch die Entscheidung in Gang und wir fühlen uns beflügelt. Endgültig fällt der Entschluss bei einer Tarot-Ausbildung von Gerd Bodhi Ziegler im August 2016, als ich (Gerhard) auf dem Herzsitz, einem persönlichen Ritual im Rahmen des Seminars, den entscheidenden letzten Kick bekomme. Auf meine Frage, ob die geplante Reise für uns stimmig und der richtige Zeitpunkt dafür gekommen sei, ziehe ich eine Karte aus dem großen Arkanum, die SONNE! Sie bedeutet: unser Vorhaben ist von LIEBE getragen. Alles, was es nun braucht, ist Mut unseren Traum endlich zu leben. MUT tut GUT ist die Quintessenz. Wir erinnern uns daran, dass wir die SONNE als Einladungskarte zu unserer Hochzeit verschickt hatten. Da wir die Entscheidung zu heiraten nie bereut haben, interpretieren wir sie jetzt als ein gutes Zeichen für unsere Reise.

Nachdem der Entschluss gefasst war, die Reise im Mai 2017 zu starten, wollten wir dies auch kommunizieren. Vor dem Verkünden unseres Vorhabens in persönlichen Gesprächen waren wir beide etwas aufgeregt. Einerseits, weil die Vision für etwas ganz Neues im Raum stand, das wir gerade gemeinsam aus der Taufe gehoben hatten und gerne verwirklichen wollten und andererseits beabsichtigten wir, die sechs Monate bis zu unserer Abreise noch unseren beruflichen Verpflichtungen nachzukommen – sicherte uns doch das Einkommen einen Teil der Reisefinanzierung. Aufgenommen wurde unsere Entscheidung verständlicherweise mit gemischter Begeisterung, doch die Sorge, dass die Zusammenarbeit gleich beendet sein würde, bewahrheitete sich nicht. Wir boten an, die Projekte noch die verbleibende Zeit weiter zu begleiten, uns zu engagieren, qualifizierte Mitarbeiter aus unserem Netzwerk einzuführen und nach unserer Reise wieder einzusteigen, wenn es für alle Parteien dann noch stimmig sein sollte. Wir fanden es auf einmal gar nicht mehr so schwer, einen solchen Schritt zu kommunizieren, wenn man sich darüber im Klaren ist, was man will und bereit ist, auch mit eventuellen Konsequenzen zu leben.

Unsere Familie und Freunde nahmen die Entscheidung für die Reise überwiegend positiv auf. Die meisten waren begeistert und freuten sich für uns, einige fühlten sich inspiriert, selbst auf eine längere Reise zu gehen und nur wenige konnten nicht verstehen, wie man so lange von zu Hause weg sein kann. Zwei unserer Kinder fragten spontan an, ob sie uns besuchen könnten.

WARUM WIR DIESE REISE MACHEN

Die Fragen, die auf unserer Seele brennen, sind einfach zu wichtig, als dass wir unsere Reise noch einmal zurückstellen wollen. Immer öfter denken wir in letzter Zeit darüber nach, wie wir unsere zweite Lebenshälfte gestalten möchten. Wir haben nicht vor, mit siebenundsechzig Jahren in Rente zu gehen. Als Selbstständige haben wir uns sowieso schon vor langer Zeit von der Idee der Rente verabschiedet. Das bürgerliche Konzept vom Ruhestand, wie Rüdiger Dahlke es nennt, wirkt wie ein Alptraum auf uns. Mit vierzig Jahren innerlich sterben, mit fünfundsechzig in Rente gehen und mit achtzig begraben werden. Wir kennen Menschen, welche die noch verbleibenden Tage bis zur Rente zählen, in der Hoffnung dann endlich das machen zu können, was sie lieben. Doch die Realität sieht meist anders aus, wie unsere ehrenamtliche Arbeit bei der Notfallseelsorge zeigt.

Wir wollen ergründen, was uns wirklich Freude macht und was unser Herz vor Begeisterung springen lässt. Was wir auch dann tun würden, wenn wir kein Geld dafür bekämen. Wir möchten herausfinden, was unsere Berufung für die neue Lebensphase ist. Während der bereits erwähnten Tarot-Ausbildung kam ganz spontan bei der Frage nach der Berufung die Liebe ins Spiel. Die Fragen nach dem Woher? Wohin? Was ist der Sinn? brennen uns auf den Nägeln. Woher komme ich? Wohin gehe ich nach diesem Leben? Warum bin ich hier? Was haben andere Menschen davon, dass es mich gibt? Wie kann ich meine Talente bestmöglich für das Gemeinwohl einbringen? Welche Begabungen habe ich? Habe ich überhaupt welche?

Bei unserer ehrenamtlichen Tätigkeit für die Notfallseelsorge hören wir bei unseren Einsätzen erschreckend oft die gleiche Aussage, fast wie ein Mantra: »Wir wollten doch noch so viel gemeinsam tun und erleben!« Plötzlich jedoch ist der geliebte Mensch tot und der gemeinsame Traum ausgeträumt. Diese Erlebnisse, die intensive Auseinandersetzung mit dem Tod meiner (Gerhard) Eltern und die Beschäftigung mit den Forschungsergebnissen der Schweizer Sterbeforscherin Dr. Elisabeth Kübler-Ross haben dazu beigetragen, nicht länger mit der Reise zu warten. Kübler-Ross fand heraus, dass die meisten Menschen am Ende ihres Lebens nicht das bereuen, was sie getan haben, sondern das, was sie nicht getan haben. Auf unserer bucket list – der Liste vor der Kiste, steht die geplante Reise ganz oben!

Neben der spirituellen Dimension einiger Fragen haben wir auch ganz weltliche Überlegungen, auf die wir Antworten suchen. Fühlen wir uns in unserem Haus und an unserem Wohnort noch gut aufgehoben oder möchten wir uns noch einmal räumlich verändern? Sind wir privat und beruflich mit den Menschen zusammen, mit denen wir zusammen sein möchten? Wie sieht die weitere berufliche Tätigkeit aus, die uns Freude macht und erfüllt? Wie viel Platz soll der Beruf in unserer zweiten Lebenshälfte (noch) einnehmen? Wie können oder wollen wir uns für andere Menschen, die Natur oder die Tiere einsetzen? Auch die Überlegungen, in ein ökologisches oder spirituelles Gemeinschaftsprojekt mit Gleichgesinnten zu ziehen oder selbst ein kleines Seminarzentrum aufzubauen, stehen zur Debatte. Viele Fragen und Erwägungen, die Antworten erfordern. Der Umbruch, der in unserem Leben stattfinden möchte, ist unschwer erkennbar.

Vielen Menschen geht es mit Anfang, Mitte fünfzig ähnlich. Die meisten Lebensumbrüche, so erscheint es uns, finden Anfang fünfzig statt. Die Kinder sind so gut wie erwachsen, die Partnerschaft rückt wieder stärker in den Fokus, beruflich und finanziell hat man einiges erreicht und wird sich zunehmend der eigenen Endlichkeit bewusst. Was jetzt? Viele suchen ihre wahre Berufung für den neuen Lebensabschnitt und möchten endlich frei sein, diese auch zu leben. Auch uns geht es so. Wir spüren deutlich einen magischen Sog. Er führt dazu, dass wir uns nicht länger in Arbeitsprozesse eingliedern wollen, die uns schwächen. Nicht mehr mit Leuten zusammenarbeiten wollen, für die andere Menschen Schachfiguren sind und denen es nur um den eigenen Erfolg und das Ego geht. Wir möchten für unsere Familie, unsere Kinder und Enkelkinder da sein, wenn sie uns brauchen, und nicht, weil wir sie brauchen. Wir möchten uns für das Gemeinwohl einbringen und einen Unterschied machen in der Welt. Für uns ist es wichtig, authentisch zu sein und etwas zu tun, was Freude macht und unsere Seele nährt. Dafür sind wir bereit, alte Küsten zu verlassen und Raum zu schaffen, damit sich das Neue in unserem Leben entfalten kann.

Auch eine kürzere Reisedauer (drei, sechs, neun Monate) und ein anderes Reiseziel (Rundtour durch den Süden Afrikas oder Südamerikas) wägen wir im Laufe des Prozesses ab. Letztendlich verwerfen wir jedoch alle Überlegungen und kehren zurück zu unserem gemeinsamen ursprünglichen Traum, ein ganzes Jahr mit dem eigenen Wohnmobil den Nordamerikanischen Kontinent zu bereisen. Wir spüren ein eindeutiges JA in uns.

Was wir uns wünschen ist eine Reise zu uns selbst, zur inneren Selbstbegegnung, ganz im Sinne des Alchimisten von Paulo Coelho. Von ihm ist auch das folgende Zitat, das uns darin bestärkt, unsere Träume JETZT zu leben:

» Eines Tages wirst du aufwachenund keine Zeit mehr haben für die Dinge,die du immer wolltest.Tu sie jetzt.«

Paulo Coelho

COUNTDOWN

Unser eigentlicher Countdown für die Reise beginnt im Oktober 2016, ein halbes Jahr vor unserem geplanten Abflug. Die USA Visa haben wir bereits seit Mai 2015. Nun informieren wir uns auf den »SeaBridge«-Treffen (SeaBridge ist ein auf geführte Wohnmobilreisen und die weltweite Verschiffung von Wohnmobilen spezialisiertes Unternehmen) über die Verschiffung des eigenen Wohnmobils nach Nordamerika, besuchen Vorträge, Multimedia Shows und lassen uns von den Erzählungen anderer Nordamerika-Reisenden inspirieren.

Zunächst stellt sich die Frage, wohin wir verschiffen wollen, nach Halifax in Kanada oder nach Baltimore in den USA? In beide Häfen kann man ein Wohnmobil mit voller Ausstattung und sicher verschiffen, inklusive Kleidung, Fahrrädern und allem, was man so für ein Jahr braucht. Auch die Frage, in welcher Richtung wir Nordamerika umfahren wollen, gilt es zu klären. Unsere Idee ist, stets mit der Sonne zu reisen, um den Winter und Schnee möglichst zu umgehen. Wir entscheiden uns für Halifax und für die Fahrt gegen den Uhrzeigersinn. Beide Richtungen haben ihre Vor- und Nachteile. Gegliedert nach Monaten erstellen wir detaillierte To-do-Listen, um die vielen Punkte der Vorbereitung zeitgerecht abarbeiten zu können und um möglichst nichts zu vergessen, was auch weitestgehend gelingt.

Wir buchen unsere Flüge, die Verschiffung und Versicherung des Wohnmobils, ein Airbnb für die ersten Tage in Halifax, planen grob unsere Reiseroute und machen unser Wohnmobil Nordamerika-fit. Allein der letzte Punkt umfasst über vierzig Aufgaben. Wir fahren unser Unternehmen für das Jahr herunter, regeln die Betreuung unseres Hauses in der Abwesenheit sowie Krankenversicherung und Steuern, lassen diverse Versicherungen ruhen und schließen andere für die Reise ab, kündigen unnötige Abos und Telefon, kümmern uns um Kameras, Computer, Datensicherung und die Kommunikation auf der Reise, beantragen neue Zweit-Pässe und internationale Führerscheine, renovieren und vermieten noch mein (Gerhard) Elternhaus in Würzburg, motten unseren PKW ein, misten bei der Gelegenheit viele unnötige Dinge aus, erstellen Vollmachten für die Kinder, kommunizieren mit anderen Amerika-Reisenden und lesen deren Blogs, definieren ein Reisebudget, regeln unsere Finanzen und die sichere Möglichkeit, von unterwegs aus Bankgeschäfte abzuwickeln, kaufen allerlei Spezial-Reiseführer und laden Reise- und Camping-Apps herunter, verteilen Aufgaben an unsere Kinder, wie das Checken der Post, Haus- und Gartenpflege, erwägen nach dem Schock über die Wahl Trumps, die USA auszulassen und Mexiko zu bereisen und eventuell über Panama zurückzuverschiffen, was zusätzlicher Informationen und Planung bedarf, belegen einen Intensiv-Spanischkurs für Mexiko, klären Zoll- und Sicherheitsfragen, packen drei Wochen vor unserem Abflug unsere Lucy für die Verschiffung, bringen sie nach Hamburg in den Hafen, beantragen unsere Einreiseerlaubnis für Kanada, stellen die wichtigsten Dokumente auch als Kopien und in der Cloud zusammen, organisieren eine Party für unsere Kinder, Familie, Freunde und Nachbarn und feiern mit unseren Liebsten Abschied.

Dann ist es endlich geschafft! Es geht los!

2. TRANS-CANADA HIGHWAY – TRAUMSTRASSE VOM ATLANTIK ZUM PAZIFIK

Mai

Nach sieben Stunden Flugzeit landen wir kurz nach 17.00 Uhr Ortszeit in Halifax, der Hauptstadt der Provinz Nova Scotia in Kanada. Es ist der 10. Mai und anders als zu Hause an der Bergstraße, wo das Thermometer bereits 24 Grad anzeigte, ist es hier noch eiskalt. Wir gönnen uns ein Taxi vom Flughafen nach Downtown zu Susan und Michael, wo wir über Airbnb ein Zimmer in einem kleinen viktorianischen Privathaus gebucht haben. Die Gastfreundschaft unserer Landlords und die Insiderinformationen, die wir von ihnen bekommen, machen die Beengtheit des Zimmers und das Teilen des winzigen Bades mit ihnen und drei anderen Gästen schnell wett. Nach einer unruhigen Nacht mit Jetlag bedingten Unterbrechungen wachen wir am Morgen leicht verknittert und frierend auf.

✮ NOVA SCOTIA

Wir kuscheln uns im schmalen Queensize Bed warm, duschen heiß und frühstücken mit den anderen Gästen, zwei Australiern und einer asiatischen Kinderärztin aus Toronto. Danach machen wir uns auf den Weg, um Halifax zu entdecken und den Papierkram zu erledigen, so dass wir Lucy möglichst schnell aus dem Hafen abholen können. Die Spedition und der kanadische Zoll stehen auf dem Plan und alles verläuft völlig reibungslos. Unser Taxifahrer Jerry wartet geduldig, bis wir alles erledigt haben und spendiert uns spontan und kostenlos eine kleine Sightseeingtour zur Zitadelle, einer National Historic Site und Wahrzeichen von Halifax, die 1749 erbaut wurde. Rechtzeitig zum Salutschuss, der täglich um 11.59 Uhr aus mittelalterlichen Kanonen abgefeuert wird, erreichen wir die Zitadelle. Was für eine Begrüßung! Nun stehen wir hier auf den Mauern der Zitadelle, die seit der ersten Besiedlung eine Schlüsselrolle für Halifax und die Unabhängigkeit Kanadas spielte. Heute ist sie ein historisches Denkmal, oberhalb der Hafenstadt thronend, mit einem tollen Ausblick auf Downtown. Die nette Rangerin im Kassenhäuschen händigt uns den kostenlosen »Parks Canada Discovery Pass« aus, mit dem wir unbegrenzten Zugang zu allen Nationalparks, National Historic Sites und National Marine Conservation Areas in Kanada für ein ganzes Jahr erhalten. Kostenlos deshalb, weil Kanada dieses Jahr seinen 150-jährigen Geburtstag feiert. Über zwanzig Mounties, Angehörige der geachteten Spezialeinheit »Royal Canadian Mounted Police« in ihren roten Uniformen leisten auch heute noch täglich hier ihren Dienst. Obwohl es bereits Mitte Mai ist, frieren wir bei fünf Grad Kälte. Unsere Winterkleidung befindet sich noch in unserer Lucy, die wir voll ausgestattet von Hamburg aus auf die Reise nach Kanada geschickt haben. Umso mehr verwundert uns das Outfit der Kanadier/innen. Kurze Hosen, T-Shirts, Miniröcke und leichte Sommersandalen zeugen von einem etwas anderen Temperaturempfinden.

Wiedersehen mit Lucy in Halifax – Home is where you park it

Ein Stein fällt uns vom Herzen, als wir einen Tag später unser geliebtes Wohnmobil unbeschadet im Hafen von Halifax in Empfang nehmen können. Lucy hat die drei Wochen dauernde Überfahrt heil überstanden und auch sonst fehlt auf den ersten Blick nichts. Sogar ein Glas Kokosöl und zwei kleine Flaschen von meinem Lieblings-Balsamico-Jus haben es geschafft, unentdeckt einzureisen! Da Lucys Tank aus Sicherheitsgründen bei der Überfahrt fast leer sein musste, fahren wir vom Hafen direkt zur nächstgelegenen Tankstelle. Danach zum Supermarkt, wo wir über zwei Stunden verbringen, um uns eine Lebensmittelgrundausstattung zuzulegen.

Biologische Lebensmittel auf rein pflanzlicher Basis zu bekommen, stellt sich als Herausforderung dar. Da es super kalt ist, steht als nächster Tagespunkt die Besorgung der Gasflaschen auf dem Programm. Zu Hause konnte uns niemand sagen, ob die kanadisch-amerikanischen Gasflaschen in das dafür vorgesehene Fach im Wohnmobil passen, was uns im Vorfeld einigermaßen gestresst hat. Doch siehe da, wie maßgeschneidert finden sogar zwei Flaschen wunderbar nebeneinander Platz und dank der mitgebrachten Adapter (Gerhard-Schatz, das hast du wirklich toll vorbereitet!) haben wir es nach kurzer Zeit gemütlich warm in unserem rollenden Zuhause.

Auf dem »Shubie Campground« etwas außerhalb von Halifax, der just heute seine Pforten für die Saison öffnet, zeigt sich erstmals seit unserer Ankunft die Sonne. Wir interpretieren es als ein gutes Omen für unsere Pilgerreise und verbringen den Nachmittag damit, uns häuslich einzurichten. Für die nächsten 365 Tage gilt: »Home is where you park it!« Dieser Spruch stand auf der Abschiedstorte unserer lieben Nachbarn Carine & Marco.

Völlig erschöpft fallen wir um acht Uhr abends ins Bett. Die Anspannung der letzten Wochen fällt von uns ab. Neben der Fertigstellung und Übergabe beruflicher Projekte, die viel Energie erforderten, erwies sich das konsequente Abarbeiten unserer Checklisten zur Reisevorbereitung als sehr anstrengend. Hinzu kam die Aufregung vor Lucys Verschiffung. An dem Morgen, an dem wir sie nach Hamburg bringen wollten, funktionierte die Heizung nicht. Mit einem Umweg über die Werkstatt in Mainz waren wir vier Stunden hinter unserem Zeitplan zurück, so dass wir beschlossen, achtzig Kilometer südlich von Hamburg auf einem Stellplatz in der Lüneburger Heide zu übernachten. Kurz vor dem Stellplatz überholte uns ein Auto und schleuderte einen Stein auf Lucys Frontscheibe. Uns stockte der Atem. Erst vor drei Monaten hatten wir eine neue Frontscheibe bekommen. Wir beruhigten uns und gaben die Hoffnung nicht auf, den Steinschlag zügig repariert zu bekommen, denn am nächsten Tag musste Lucy im Hamburger Hafen sein. Da die Autoglas-Reparatur Shops bereits geschlossen hatten, blieb nichts anderes übrig, als uns bis zum nächsten Morgen zu gedulden. Zwei verschiedene Shops bestätigten am folgenden Tag unabhängig voneinander, dass eine Reparatur nicht möglich ist. Die Frontscheibe musste ausgetauscht werden. Unsere Anspannung stieg ins Unermessliche, wir wussten aus Erfahrung, dass dies dauern kann. Es gibt hunderte verschiedener Frontscheiben, die in der Regel nicht auf Lager liegen. Ein sehr netter und hilfsbereiter Caravan-Händler nahm sich unser an und vermittelte uns zu einem Großhändler in Melle, der tatsächlich unsere Scheibe auf Lager hatte. So rasten wir dreihundert Kilometer Richtung Westen in der Hoffnung, es doch noch rechtzeitig in den Hamburger Hafen zu schaffen. In Melle wurden wir herzlich empfangen und zuvorkommend betreut. Obwohl sogar ein Mitarbeiter seinen Urlaub unterbrach, um unsere Scheibe einzubauen, »Danke für Ihren Einsatz, Dimitri«, war am frühen Nachmittag klar, dass unser Zeitplan nicht aufging und der Hamburger Hafen in die Ferne rückte. An die kostspieligen und zeitintensiven Konsequenzen der unvorhersehbaren Wendung wollten wir in diesem Moment gar nicht denken. Jetzt konnte uns nur noch ein Wunder helfen. Wir fügten uns in unser Schicksal und beschlossen, erst einmal essen zu gehen. Es gab nichts, was wir jetzt noch tun konnten. Dann passierte es, das Wunder. Gerade als wir SeaBridge über unser Missgeschick informieren wollten, erhielten wir von ihnen einen Anruf, unser Frachtschiff werde leider verspätet in Hamburg eintreffen und sich das Auslaufen um zwei Tage verzögern. Der Stein, der uns in diesem Moment vom Herzen fiel, war hörbar. Wir brachen in Jubel aus. Immer wieder erlebten wir auf unserer Reise solche Wunder. Dinge, die gerade noch unmöglich erschienen, verwirklichten sich plötzlich leicht und mühelos.

Auch die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, die wir in dieser Notsituation erfahren durften, ganz besonders von den Mitarbeitern der »Zentrale Autoglas GmbH«, waren ein schönes Erlebnis. Es gibt noch einen weiteren Pluspunkt. Die neue Windschutzscheibe ist perfekt eingebaut und im Gegensatz zur alten frei von nervigen Windgeräuschen! Wie viel Glück doch in vermeintlichem Unglück liegen kann!

It’s never too early to live your dreams

Die Erlebnisse im Vorfeld der Verschiffung lebhaft vor Augen, sind wir noch glücklicher, dass es Lucy unbeschadet nach Halifax geschafft hat. Nach unserer ersten Nacht in Lucy werden wir auf dem Shubie Campground von Sonnenstrahlen wachgeküsst und sind wild entschlossen Nova Scotia zu erobern. Nach einer kleinen Stretching-Einheit laden wir zum Frühstück Otto aus Freiburg ein, der gerade mit seinem Reisemobil von einer neunmonatigen Tour zurückgekehrt ist und Vorbereitungen für die Rückverschiffung nach Deutschland trifft. Ganz alleine und ohne nennenswerte Englisch-, Französisch- und Spanischkenntnisse bereiste er die USA, Mexiko und Kanada. Otto ist siebenundsiebzig. Mit der Reise erfüllte er sich einen Traum, den er und seine Frau gemeinsam geträumt hatten. Doch bevor sie ihn verwirklichen konnten, verstarb sie. Er erzählt von den Herausforderungen des Allein-Reisens und erinnert uns daran, wie glücklich wir uns schätzen können, gemeinsam diese Reise machen zu dürfen. Als Team könne man sich immer gegenseitig unterstützen. Seine Reiseerzählungen und sein Mut, alleine diese Reise anzutreten, beeindrucken uns zutiefst. Eines Morgens, berichtet er uns, erlebte er im Banff National Park eine Überraschung. Über Nacht war so viel Schnee gefallen, dass er die Tür seines Wohnmobils nicht mehr öffnen konnte. Während seiner Erzählungen stehen uns immer wieder die Tränen in den Augen. Eindrucksvoll werden wir daran erinnert, wie schnell alles vorbei sein kann. Wann immer wir später auf der Reise in Schwierigkeiten geraten, ermuntern wir uns gegenseitig mit Ottos Geschichte. »Wenn Otto das geschafft hat, dann schaffen wir es auch!« wird für uns zu einem geflügelten Wort. Die Begegnung mit ihm hat uns inspiriert und darin bestärkt, dass es nie zu früh ist, seine Träume zu leben, »It’s never too early to live your dreams!« Auch wenn die gemeinsame Zeit mit Otto nur kurz war, sprechen wir immer wieder von ihm und inspirieren auch andere Menschen mit seiner Geschichte. Gerhard hilft Otto noch beim Buchen seines Rückfluges. Dann machen wir uns auf den Weg Richtung Süden, entlang der Atlantikküste.

Eingewöhnen in Kanada mit Herausforderungen

Wir lieben es, an wunderschönen Orten anzuhalten und zu verweilen. Je nach Wetterlage packen wir Tisch und Stühle aus, zaubern eine leckere Mahlzeit und genießen die Natur um uns herum. Heute ist Peggy’s Cove mit seinem rot-weißen Leuchtturm unser erstes Tagesziel, einer der top Fotospots in Kanada. Auf dem Weg dorthin bereite ich in ’Bea’s Beach Kitchen’ unser Essen mit Meerblick als Dessert, während Gerhard unsere Fahrertür repariert. Sie schließt nicht mehr richtig, da sich der Stoßdämpfer aus der Verankerung gelöst und verklemmt hat.

Die von der Eiszeit geprägte Landschaft rund um Peggy‘s Cove mit ihren rund geschliffenen Felsen lädt zum Herumspringen ein. Wir fühlen uns an unbeschwerte Kindertage erinnert. Gerhard schenkt mir einen wunderschönen Anhänger von einem heimischen Künstler. Er avanciert zu meinem Lieblingsschmuckstück auf der Reise, erinnert er mich doch an eine Venusblume, dem Symbol der Liebe. Wir fahren weiter entlang der Ostküste nach Lunenburg, das 1753 von deutschen Einwanderern gegründet wurde und heute mit seinen idyllischen Holzhäusern zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Im warmen Licht der Abendsonne spazieren wir durch die hübschen Gässchen mit ihren bunten viktorianischen Häusern, schlendern am Hafen entlang und genießen in einem italienischen Lokal ein mediterranes Essen mit Tina und Detlef aus Hamburg, die mit einem Leihmobil unterwegs sind. Aus der weiteren Entdeckung Lunenburgs am nächsten Tag wird erst einmal nichts, denn draußen peitscht der Regen um unsere Lucy. Wir beschließen, einen Tag länger zu bleiben und uns Gelegenheit zu geben, richtig in Kanada anzukommen. Es fühlt sich verrückt an, dass wir jetzt hier sind, es gewagt haben, unsere Lucy über den Atlantik zu schippern und gerade immer noch nicht so recht wissen, wie uns geschieht. Dennoch, große Freude hat sich bislang noch nicht eingestellt. Ich (Beate) fühle mich seltsam wenig zu Hause in mir. Vielleicht braucht es noch ein wenig Zeit, bis unsere Seelen nachgekommen sind und wir wirklich spüren können, dass das, was wir gerade erleben, kein Traum ist. Statt Sightseeingtour durch Lunenburg und Scenic Drive entlang der Atlantikküste wirft Gerhard unseren FakeKamin auf DVD an. Die knisternden Holzscheite verzaubern uns, tauchen unsere Lucy in kuscheliges warmes Licht und bringen uns auf andere Gedanken, während die Sturmböen über den Campingplatz jagen und der Regen aufs Dach prasselt.

Entlang der Lighthouse Route fahren wir an der Ostküste Nova Scotias über East-Berlin nach West-Berlin und weiter über Brooklyn bis nach Liverpool. Von dort an die Westküste nach Annapolis Royal, wo sich die ersten Siedler auf Nova Scotia niederließen. Der Kejimkujik Nationalpark, auf halber Strecke gelegen, bietet sich für einen Abstecher an. Er gilt als einer der schönsten Nationalparks Kanadas und wurde 2010 in vollem Umfang zum Lichtschutzgebiet erklärt. Ein unachtsamer Moment beim Aussteigen und tausende Black Flies bevölkern unser Wohn- und Schlafzimmer. Es kostet uns große Mühe, sie zu erledigen, was uns leidtut. Hier jedoch gilt das Motto: »Die Black Flies oder ich!« Das letzte Mal, als Moskitos in Scharen über mich (Beate) herfielen, war ich kurz vor einem allergischen Schock. Keine Ahnung, was mich für diese Blutsauger so appetitlich macht. Gerhard bleibt ganz entspannt, denn er hat ja mich, die beste Moskito-Abwehrwaffe, die es seiner Meinung nach weltweit gibt. Ein Ranger, der gerade mit den letzten Vorbereitungen für die Parkeröffnung beschäftigt ist, verrät uns mit einem Augenzwinkern, dass von hier aus die Black- und Grey Flies, die Moskitos, No-See-Ums und wie sie alle heißen, die stechen, saugen und beißen, als Exportgut Kanadas in den Rest der Welt verschifft werden. Na super, das kann ja heiter werden, denn wenn es etwas gibt, was ich mindestens genauso schlecht vertrage wie Moskitostiche, dann sind es die giftigen Moskito-Abwehrsprays. Da der Park offiziell noch geschlossen ist, fahren wir nach einer wunderschönen Wanderung entlang des wilden Mercy Rivers zu den Mill Falls gerne und schnell weiter.

Die Stadt mit dem wohlklingenden Namen Annapolis-Royal war lange Zeit Hauptstadt von Nova Scotia, bevor ihr Halifax den Rang ablief. Die Motivation für unseren Besuch ist die im Reiseführer erwähnte »German Bakery«. Die Vorfreude auf das frisch gebackene Brot und die leckeren Stückchen lässt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Offensichtlich jedoch hat der vor fünfzehn Jahren nach Kanada ausgewanderte Bäckermeister aus Sachsen eine kleine Transformation bezüglich der Brotbackkunst hingelegt oder, was eher wahrscheinlich ist, sich an die kanadischen Verhältnisse angepasst. Ungetoastet fühlt es sich auch nicht anders an als das typisch amerikanisch-kanadische Luffipuffi-Brot. Die Suche nach leckerem Brot teilen wir höchstwahrscheinlich mit anderen Langzeitreisenden aus Deutschland. Oft werden wir gefragt, was wir am meisten auf unserer Reise durch Nordamerika vermissen und bekommen die Antwort auch gleich mitgeliefert: »It’s bread, isn‘t it?« Die Hoffnung auf ein Brot mit schöner, fester Kruste hat sich auch hier leider nicht erfüllt. Doch das Brot ist heute unsere geringste Enttäuschung.

Beim Checken der Konten holt mich (Beate) beruflicher Ärger ein. Es steht noch immer ziemlich viel Geld von einem Kunden für eine von mir erbrachte Leistung aus, was mich maßlos ärgert. Kurze Zeit später ärgere ich mich darüber, dass ich mich ärgere. Sollte es mir bei so wenig vermeintlicher Wertschätzung nicht sogar leichter fallen loszulassen?

Auch ich (Gerhard) erlebe einen Tiefschlag. Laut eines für mich und meinen Anwalt völlig unverständlichen Urteils eines Oberlandesgerichts soll ich in einem Verfahren eine größere Geldsumme nachzahlen, die in etwa der Hälfte unseres Reisebudgets entspricht. Ich nehme es zu meiner eigenen Verwunderung erstaunlich gelassen und betrachte es als wichtigen Schritt zum endgültigen Loslassen und Abschließen einer alten Sache, die seit nunmehr fünf Jahren unser Gemüt belastet. Wir beschließen, in diesem Verfahren, in dem es um sehr viel Geld und Ego geht, nicht in die Revision vor den BGH zu gehen, da weitere Prozesse nur wertvolle Lebensenergie und Lebenszeit kosten würden, die wir viel besser anderweitig nutzen können. Manchmal ist es im Leben zum Selbstschutz einfach besser loszulassen, auch wenn es schwerfällt und ganz und gar nicht dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden entspricht. Wir sehen es als wichtige Lernaufgabe, bei der es neben dem Loslassen auch viel um Vergebung geht. In diesem Fall sogar um radikale Vergebung! Eine echte Herausforderung für mich. Fülle- und Mangelbewusstsein, Recht und Gerechtigkeit, Glück und Unglück liegen heute gefühlt in uns ähnlich weit auseinander wie Ebbe und Flut in der Bay of Fundy, an deren Küste wir uns gerade befinden. Wir erinnern uns daran, dass Glück unabhängig ist von äußeren Dingen, vielmehr entsteht es in jedem bewusst gelebten Augenblick. Von diesen Augenblicken werden wir auf unserer Reise und im Leben wirklich reichlich beschenkt. Es liegt an uns, sie zu erkennen.

Glück ist eine Bewusstseinshaltung

Von holländischen Nachbarn auf dem Campingplatz in Liverpool bekamen wir den Tipp, Digby Neck zu besuchen, eine Landzunge zwischen der Bay of Fundy und der St. Mary’s Bay an der Südwestküste Nova Scotias. Die Bay of Fundy ist eine Meeresbucht, die zwischen dem Bundesstaat Maine (USA) und den Provinzen New Brunswick und Nova Scotia in Kanada liegt. Der Gezeitenunterschied hier beträgt bis zu sechzehn Meter und gilt als der höchste Tidenhub weltweit. Bei Ebbe kann man kilometerweit auf dem Grund des Meeres spazieren gehen. Die Boote liegen fest auf dem trockenen, rot gefärbten Meeresgrund, bis Stunden später hundert Millionen Tonnen Meerwasser erneut die Bucht fluten und sie wieder freigeben.

Auf dem »Whale Cove Campground« sind wir die ersten Gäste und eröffnen die Sommersaison. Vom Campground aus haben wir einen tollen Blick auf die Bay of Fundy und über die vom Eisenoxid rot eingefärbte Steilküste. Wir genießen einen großartigen Sonnenuntergang, der untermalt wird von einem Froschkonzert am nahegelegenen Teich. Hier und jetzt ist alles in Ordnung. Ganz bewusst erlauben wir den Bildern und Tönen, nach innen zu wandern und schon zaubert sich ein Lächeln auf die Lippen. Das ist Glück! Gäbe es nicht hunderte von kleinen und großen Dingen, Begegnungen und Situationen im Alltag, die uns glücklich machen könnten, wenn wir ihnen nur die Chance dazu gäben?

Als wir um 6.30 Uhr Lucys Faltrollos öffnen, erwarten uns ein strahlend blauer Himmel und Sonne satt. Um die Inseln des Digby Necks erkunden zu können, nehmen wir die Fähre nach Long Island. Durch den Gezeitenunterschied liegt diese acht Meter tiefer als der Quai und stellt eine echte Herausforderung für Lucy dar. Irgendwie gelingt es uns, die steile Auffahrtsrampe zu meistern, auch wenn Lucys Hinterteil kurz die Rampe küsst.

Auf Long Island wandern wir zunächst zum Balancing Rock, einem Basalt Monolithen, der seit Millionen von Jahren wie von Geisterhand gehalten auf einem Felsen balanciert. Er hat offensichtlich bereits gefunden, was wir und viele andere noch suchen: die innere Mitte. Danach parken wir Lucy auf Long Island und setzen mit den Fahrrädern nach Brier Island über. Fred, der Ferryman, verrät uns seine Lieblingsplätze auf der Insel. An einer einsamen Bucht unweit eines Leuchtturmes, der die Südspitze der Inselkette markiert, rasten wir. Die Inseln des Digby Necks laden zum Entschleunigen ein. Wir lauschen den Möwen, die sich um einen fetten Bissen zanken, spüren den sanften Meereswind und genießen die Sonne, die unsere im Gras ausgestreckten Körper wärmt. Der Moment ist alles, was zählt. Im Hier und Jetzt zu sein ohne Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft, fühlt sich prächtig an.

Auf dem Rückweg liegen beide Fähren, wie von Fred versprochen, acht Meter höher und Lucy gleitet problemlos zurück ans Festland. Fred bietet uns zum Abschied noch an, vor seinem Haus zu übernachten. Fröhlich winkt er uns nach. Alles kann so einfach sein, wenn es gelingt, mit dem Strom zu fließen. Gelassenheit, Flexibilität und ein sonniges Gemüt sind jedoch nichts, was sich einstellt, nur weil man auf Reisen ist. Warum glauben wir, dass dann etwas möglich ist, was wir zu Hause nicht schaffen? Nur weil man unterwegs ist? Man nimmt sich immer selbst mit. Der Unterschied ist, dass Charakterzüge oder auch Defizite während einer großen Reise, wie wir sie unternehmen, viel schneller zutage befördert werden. Der begrenzte Raum in unserer Lucy wirkt dabei wie ein Schnellkochtopf.

Täglich müssen oder dürfen wir, das kommt ganz auf die eigene Sichtweise an, Entscheidungen treffen. Immer wieder werden wir mit Unbekanntem konfrontiert, nichts ist vertraut. Noch können wir auf keine Routine zurückgreifen.

Mit der Entscheidung, unseren Traum zu leben, verlassen wir definitiv unsere Komfortzone und begeben uns auf Neuland. Zu Hause funktioniert vieles reibungslos. Routine hat halt auch ihre Vorteile, aber eben auch den Nachteil, dass wir vieles für selbstverständlich nehmen, was es nicht ist. Wir lernen auf dieser Reise, die kleinen Dinge des Alltags, die unser Leben so viel angenehmer machen, bewusst wahrzunehmen und zu schätzen: eine saubere Toilette, eine warme Dusche, gute Lebensmittel, ein ruhiges und sicheres Schlafplätzchen und der Tag ist gerettet. Der Kaffee im Bett am Morgen ist dann schon wirklich die Krönung, auch wenn er von einer anderen Kaffeemarke ist. Was wir hier gemeinsam erleben dürfen, ist ein unschätzbar großes Geschenk, wofür wir sehr dankbar sind. Glück ist eine Bewusstseinshaltung, das gilt im Alltag, zu Hause wie auch auf Reisen.

Wildromantisches Cape Breton – Don’t despair, you are almost there!

Ein Geschenk ist auch die wildromantische Küste auf dem Weg in den Norden Nova Scotias. Der »Cheticamp Campground« im Cape Breton Highlands Nationalpark ist erst seit gestern geöffnet. Bei einem Spaziergang bringt der kalte Northwesterly wieder frischen Wind in unsere müden Zellen. Vielleicht ist es auch die Aussicht, Bären zu begegnen, die uns in höchste Aufregung versetzt. Bewaffnet mit Bear Bells, Moskito Wrist Bands und Stock wandern wir singend durch die gerade ergrünenden Birkenwälder den Salmon River entlang. Über Nacht ist Schnee gefallen und die Tagestemperatur ist seit gestern von 33 auf 4 Grad abgestürzt. Warm eingepackt laufen wir los. Gerhard mit einem riesigen Stock zu meiner Verteidigung bewaffnet, wird von mir spontan in den Stand eines ’Taskforce Managers against predator attack’ erhoben. Was ist schon Crocodile Dundee gegen Bear Bell Gerry! Auch wenn uns diesmal trotz Warnhinweisen am Beginn des Wanderwegs weder Bären, noch Moose (Elche) oder Coyoten begegnen, ist es verglichen mit Wanderungen in unserer Odenwälder-Heimat ein grundsätzlich anderes Gefühl, durch kanadische Wälder zu wandern. Zu wissen, dass jederzeit ein wildes Tier den Weg kreuzen könnte, macht jede Wanderung doppelt aufregend.

Am nächsten Tag regnet es mal wieder in Strömen. Wir nutzen die Gelegenheit für eine WhatsApp-Nachricht an unsere Lieben: »Ihr Lieben, ’All the seasons in one day!’ Von 33 Grad in der Bay of Fundy bis 4 Grad und Schneefall im Cape Breton Highlands Nationalpark haben wir das Wetter betreffend schon alles erlebt. Die Kanadier sind super kontaktfreudig und sparen nicht mit Superlativen, wenn wir von unserer Reise erzählen. Bordküche, Womotechnik und Driver-Team sind bereits gut eingespielt. Stress machen noch Foto- und Filmaufbereitung sowie das ,Internetz!’ Letzteres ,is most of the time only temporarily available’ … und unglaublich langsam!«

Die Sonne lacht, als wir uns frühmorgens auf den berühmten Cabot Trail begeben, eine Panoramastraße, auf der wir Cape Breton umrunden. Doch zuvor dürfen wir noch wichtige Bankgeschäfte erledigen. Dafür, und auch, um unseren Film für unsere Lieben zu Hause hochzuladen, brauchen wir eine stabile und sichere Internetverbindung. Wir stoppen am Visitor Centre von Cheticamp und tauchen ein in die Welt der Akadier, von denen wir bisher nicht allzu viel wussten. Ivette, die Leiterin des Visitor Centre, an das ein Museum angeschlossen ist, macht uns mit der Geschichte der ersten französischen Einwanderer in Kanada vertraut. »Die Akadier (französisch: Acadiens) sind Nachkommen von französischen Siedlern aus dem Poitou, der Bretagne und der Normandie, die sich im 17. Jahrhundert vor allem in den Küstengebieten der damaligen französischen Kolonie Akadien niedergelassen hatten. Dieses Territorium war eine im Nordosten Nordamerikas gelegene Region und umfasste in etwa das Gebiet der heutigen kanadischen Provinzen Nova Scotia, New Brunswick und Prince Edward Island, sowie den Norden des US-Bundesstaates Maine.« (Quelle: Wikipedia)

Nova Scotia hieß daher auch im 16. Jahrhundert Acadia. Die Akadier lebten friedlich mit den Ureinwohnern vom Stamm der Mi’kmaq zusammen, bevor sie von den Engländern 1755 vertrieben und grausam deportiert wurden. Wie die traurige Geschichte der Akadier weiterging, erfahren wir Monate später in Louisiana im Süden der USA, einer damals spanischen Kolonie, wo die Akadier ,Cajuns’ genannt werden.

Auf dem Cabot Trail bieten sich spektakuläre Ausblicke, die bei Königinnenwetter selbst den hohen Ansprüchen meiner Königin gerecht werden. Der Skyline Trail, eine dreistündige Wanderung mit jeder Menge Moose Droppings auf dem Weg, aber ohne Moose, ist sensationell. Elche sind die heute größte vorkommende Art der Hirsche. Auch nach Deutschland wandern sie seit einigen Jahren wieder von den osteuropäischen Ländern aus ein. Sie werden zweieinhalb Meter groß und bis zu 800 Kilogramm schwer. Im Straßenverkehr sind sie für sich und andere Verkehrsteilnehmer ein Risiko, da sie bei Gefahr wie angewurzelt stehen bleiben. Verkehrsschilder, die vor Elchen warnen, sind daher ein vertrauter Anblick in Kanadas Straßenbild. Einer Sammlung der verschiedenen Moose-Konstitutionstypen quer über den kanadischen Kontinent haben wir einen extra Fotoordner gewidmet.

Nach dem Skyline Trail ist der »Hideaway Campground« ein weiteres Highlight für uns. Er liegt in der Nähe von South Harbour und bietet einen sensationellen Blick auf die Aspy Bay. Nur gut, dass ein wissender Mensch auf halber Strecke dorthin ein Schild mit einem wirklich intelligenten Spruch aufgestellt hat: »Don‘t dispair, you are almost there!« Es steht just an der Stelle, wo die ersten Zweifel in uns aufkommen, ob der Campingplatz nun wirklich right ahead, wie angekündigt, liegt beziehungsweise überhaupt (noch) existiert. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir unser Ziel dann doch right ahead. Der Entdeckergeist meines Widdermannes hat sich ausgezahlt, denn der Ausblick von unserem Stellplatz ist einfach nur überwältigend! Ein gelungener Tag neigt sich dem Ende zu. Bei leckeren Rigatoni mit Lauch und einem Topping aus Cashew-Parmesan sowie einem ehrlichen Pinot Grigio lassen wir den ereignisreichen Tag Revue passieren. Wir fühlen uns gesegnet!

Um 5.30 Uhr werde ich von Beate jäh aus dem Schlaf gerissen, die mir voller Begeisterung den Sonnenaufgang über dem Meer zeigen möchte. Gorgeous! Danach schlafen wir erschöpft vom Staunen noch einmal bis acht Uhr weiter. Das war es dann aber auch weitestgehend mit der Sonne für den Rest des Tages. Auf Nebenstrecken des Cabot Trails fahren wir weiter, entlang der roten Granitküste Richtung Ingonish. Beim Mittagessen in einem kleinen Hafen kommen gerade Hummer-Fischer mit ihren Booten vom Fang zurück und wir können hautnah zusehen, wie sie das inoffizielle Wahrzeichen der Ostküste in Kisten gestapelt an Land bringen. Anschließend riecht Lucy nach Lobster, obwohl wir doch gar nichts angefasst hatten.

✮ PRINCE EDWARD ISLAND (PEI)

Canada’s Birthplace

Von Pictou Harbour in Neuschottland (Nova Scotia) nehmen wir die Fähre nach Prince Edward Island, der zweiten kanadischen Provinz auf unserer Reise. Kaum haben wir die Küsten von Nova Scotia verlassen, zeigt sich auch schon die Sonne und wir genießen die ruhige und schöne Überfahrt nach Wood Islands, dem Fähranleger auf PEI. Nach den atemberaubenden Ausblicken auf dem Cabot Trail rund um Cape Breton erweist sich der Coastal Drive, eine Panoramastraße rund um Prince Edward Island, obwohl schön, doch als zweitklassig. Wir beschließen, Zweite-Wahl-Attraktionen ab jetzt auszulassen und fahren direkt nach Charlottetown, das als Canadas’s Birthplace gilt. In der berühmten »Charlottetown Conference« wurde die Konföderation der Maritimen Staaten 1864 gegründet, die drei Jahre später in die Gründung von Kanada mündete. Wie bereits erwähnt, jährt sich dieses Ereignis zum einhundertfünfzigsten Mal, was den kanadischen Behörden aber anscheinend nicht bewusst war, da viele historische Gebäude renoviert werden und pünktlich zum 150-jährigen Jubiläum geschlossen sind. Mit etwas Glück dürften sie rechtzeitig zum 200. Geburtstag wieder geöffnet sein.

Der »Charlottetown KOA Campground« liegt weiter außerhalb der Innenstadt als gedacht, dafür ist er aber umso schöner. Bisher ist es der schönste Campingplatz auf unserer Kanada-Reise. Er liegt in einem ehemaligen Park direkt am Meer und ist sehr sauber und gepflegt. Die Besitzer Donna und Kent haben den Park vor acht Jahren gekauft und ihn nach und nach zum Campingplatz umgebaut. Die Idee dazu entstand aus der Liebe zum Campen, die sie mit ihren drei Kindern teilen. Sie selbst hatten bereits als Kids mit ihren Eltern in diesem Park gecampt. Beide haben für die Verwirklichung ihres Traumes ihre Berufe in der Flugzeugindustrie aufgegeben und leiten nun gemeinsam den Campingplatz. Saison ist von Mitte Mai bis Mitte Oktober. Im Winter haben sie somit noch genügend Freiheit, ihrem Hobby, dem Reisen, nachzukommen. Kurz vor der Eröffnung der Sommersaison hatten sie Neufundland bereist. Die Bilder von vorbeischwimmenden achtzehnstöckigen Eisbergen und rauer Natur, die sie uns zeigen, sind einfach nur fantastisch. Tja, Träume kann man ganz unterschiedlich leben. Wichtig ist nur, dass wir sie leben! Dafür braucht es Mut. Mut, gut dotierte Jobs, wie Donna und Kent sie hatten, für mehr Freiheit einzutauschen. Als es Kent als ehemaligem Flugzeugingenieur dann noch gelingt, unseren Transformator zu reparieren, sind wir endgültig begeistert.

In einem Eins-zu-eins-Nachbau des »Confederation Rooms«, das Original ist wegen Renovierung geschlossen, treffen wir Suzanne, deren deutsche Eltern in den Fünfzigern nach Kanada ausgewandert sind. Vor einem halben Jahr besuchte sie ihre Verwandtschaft in Freiburg und Berlin und schwelgt noch immer in der Begeisterung ihrer Eindrücke von Deutschland. Immer wieder begegnen wir Kanadiern und Amerikanern, die ins Schwärmen geraten, wenn sie von ihren Erlebnissen in Deutschland berichten. Unsere Heimat durch die Augen Anderer zu sehen, verändert auch unseren Blickwinkel auf und unser Gefühl für unser Zuhause. Wir entwickeln sogar etwas Stolz und freuen uns über so viel Wohlwollen und Anerkennung. Wir erfahren stets Wertschätzung und machen ausschließlich positive Erfahrungen als Deutsche auf dieser Reise. Dies gilt auch für die vielen anderen Länder, die wir bisher bereist haben.

Auf dem Weg zum urigen »Water Price Corner Shop & Lobster Pound« Restaurant haben wir das Vergnügen, Dreharbeiten zu einem Spot für die 150-Jahr-Feier Kanadas von der »Canadian Broadcasting Corporation« (CBC), dem staatlichen kanadischen Rundfunk- und Fernseh-Sender, beiwohnen zu können. Lustig ist es wahrscheinlich nur für uns, dass die Szenen gefühlte hundertmal wiederholt werden, während die Darsteller, die das Kanada der letzten 150 Jahre repräsentieren, hemdsärmelig und beinfrei bei sportlichen acht Grad in der Kälte aushalten und auf Knopfdruck lächeln dürfen. Wir sind auf das fertige Ergebnis gespannt und werden sogar von einem Mitarbeiter am Filmset eingeladen, am nächsten Tag wiederzukommen und als Komparsen mitzuwirken.