Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Gerade erst aus dem Urlaub zurück, wird Kommissarin Maria Ammon mit einer Reihe von Fällen konfrontiert: Ein ertrunkener Obdachloser, der Mordanschlag auf einen gefeierten Biochemiker – und der Fall von Marias bester Freundin Nina, die von einer verstörenden Begegnung mit einem Fremden erzählt … kurz darauf ist sie spurlos verschwunden. Nichts davon scheint einen Zusammenhang zu haben, doch überall stößt die Kommissarin auf ungelöste Fragen, die sie tiefer und tiefer in einen Sumpf des Verbrechens führen. Als eine weitere Leiche gefunden wird und sich der Verdacht erhärtet, dass Nina entführt wurde, weiß Maria, dass sie handeln muss. Wie viele Leben stehen wirklich auf dem Spiel? Eine taffe Polizistin und die Abgründe, die sich hinter der gutbürgerlichen Fassade auftun. Eine fesselnde Frankenkrimi-Reihe, in der jeder Band unabhängig gelesen werden kann – für Fans von Elisabeth Hermann.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Über dieses Buch:
Gerade erst aus dem Urlaub zurück, wird Kommissarin Maria Ammon mit einer Reihe von Fällen konfrontiert: Ein ertrunkener Obdachloser, der Mordanschlag auf einen gefeierten Biochemiker – und der Fall von Marias bester Freundin Nina, die von einer verstörenden Begegnung mit einem Fremden erzählt … kurz darauf ist sie spurlos verschwunden. Nichts davon scheint einen Zusammenhang zu haben, doch überall stößt die Kommissarin auf ungelöste Fragen, die sie tiefer und tiefer in einen Sumpf des Verbrechens führen. Als eine weitere Leiche gefunden wird und sich der Verdacht erhärtet, dass Nina entführt wurde, weiß Maria, dass sie handeln muss. Wie viele Leben stehen wirklich auf dem Spiel?
Über die Autorin:
Sabine Fink, geboren 1969 in Dortmund, lebte in Köln, Braunschweig und Hongkong. Sie war in der Erwachsenenbildung tätig, bevor sie mit dem Schreiben von Romanen begann. Heute hat Sabine Fink ihre Wahlheimat in Mittelfranken gefunden, einem besonderen Landstrich, der sie auch zu ihren Büchern inspirierte. Ganz besonders angetan hat es ihr dabei der typisch fränkische Charme der Bewohner und deren Geschichte(n), die immer wieder für eine Überraschung gut sind.
Sabine Fink veröffentlichte bei dotbooks ihre Maria-Ammon-Reihe mit den unabhängig lesbaren Kriminalromanen »Kainszeichen«, »Judasbrut« und »Sündentag«.
Die Autorin auf Facebook: www.facebook.com/Fink.Sabine
***
eBook-Neuausgabe Februar 2025
Copyright © der Originalausgabe 2013 – Gmeiner-Verlag GmbH, Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch, Telefon 0 75 75/20 95-0, [email protected]
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung eines Motivs von Purple Seed Photography/ shutterstock.com
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)
ISBN 978-3-98952-676-1
***
dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
***
Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags
***
Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)
***
Besuchen Sie uns im Internet:
www.dotbooks.de
www.facebook.com/dotbooks
www.instagram.com/dotbooks
blog.dotbooks.de/
Sabine Fink
Judasbrut
Kriminalroman
dotbooks.
Erlangen, Eröffnung der Bergkirchweih,Donnerstag, 28. Mai 2009
Ich streich durch die Stadt, es ist halb drei,
heut geb ich mir mal Hitzefrei.
Die Sonne treibt ihr heißes Spiel
und Leute schlecken Eis am Stiel.
Die Frauen sind der pure Traum,
mit kurzem Kleid und so schön braun.
Ein Tag, den einfach jeder mag,
bei über 30 Grad!
Summerfeeling, ich hab Summerfeeling, jieäah,
Summerfeeling, o oh Summerfeeling, jieäah ...
Die in Franken beliebte A-cappella-Band ›Viva voce‹ hatte gerade das letzte Lied zur Eröffnung der Bergkirchweih beendet und die Bühne verlassen. Eine Reihe Fans skandierte lauthals »Zugabe«, daher kamen die fünf Musiker unter lautem Gejohle der Menge noch einmal zurück und setzten zu dem Song an, den ein paar Zuschauer in der ersten Reihe mit lauten Rufen einforderten.
Summerfeeling, ich hab Summerfeeling, jieäah,
Summerfeeling, o oh Summerfeeling, jieäah ...
Der typische Duft, der allen Volksfesten gleichermaßen inne war, waberte zwischen den Buden und Karussells am Fuße des Burgbergs umher. Nürnberger Bratwürste brutzelten auf den Grills, ebenso wie Fisch, Fleisch und Gemüse. Das Aroma der riesigen, frisch gebackenen Bergbrezn vermischte sich mit dem Geruch nach gebrannten Mandeln und Nüssen. Vor dem Langos-Stand nahm die Schlange kein Ende. Unter den Schatten spendenden Bäumen tummelten sich Besucher jeden Alters. Ein kleiner Junge bettelte um Zuckerwatte. Ein Mädchen zupfte aufgeregt am Ärmel ihrer Mutter und deutete auf das Karussell. Zwei Teenager liefen um die Wette zum Autoscooter.
Der Lärm ringsum war ein buntes Durcheinander von Popmusik und Kinderliedern, von den Rufen der Losverkäufer und des Blumen-Auktionators und natürlich von den lautmalerisch unübertroffenen Äußerungen der Mikrofonhüter an den Fahrgeschäften.
Drei Polizeibeamte in Uniform gingen ohne besondere Eile den Hauptweg entlang. Für Schlägereien Betrunkener war es noch zu früh, daher behielten sie mit ihrer üblichen Routine die Festbesucher im Auge, die sich nach dem Anstich am Entlas-Keller allmählich zerstreuten. Einer der Uniformierten blieb plötzlich stehen. Er sah zu einer rothaarigen Frau, die mit einem jungen Paar sprach, das einen Kinderwagen mit einem sehr kleinen Baby bei sich hatte. Die Rothaarige runzelte die Stirn, während sie auf den Weg in Richtung Parkplatz wies. Ein kleiner Mann mit Glatze kam auf die Rothaarige zu und legte in vertrauter Geste eine Hand auf ihre Hüfte. Lauschend neigte sie ihren Kopf zu ihm herunter. Als er geendet hatte, nickte sie, hakte sich bei ihm unter und schlenderte mit ihm zusammen in Richtung der Karussells. Hin und wieder sahen sie sich um, als würden sie Ausschau halten. Ihre Mienen waren ernst.
Der Polizist schloss zu seinen Kollegen auf, die einige Meter entfernt auf ihn warteten.
... »Du, ich kann das auch in Moll!«
Summertime, and the livin’ is easy.
Fish are jumpin’, and the cotton is high ...
Die langen Tische der Keller waren voll. Menschenmassen drängten sich überall. Heute wurden am Berg die ersten 50.000 Besucher erwartet. Rund eine Million ausgelassene und fröhliche Festbesucher sollten in den nächsten zwölf Tagen folgen.
Ich lauf entspannt am Beckenrand
und fühl mich hier fast wie am Strand.
Auch wenn die mein Lied nicht wirklich mag,
isses immer noch ein geiler Tag!
Summerfeeling, ich hab Summerfeeling, jieäah,
Summerfeeling, 0 oh Summerfeeling, jieäah ...
Aus: Fränkischer Morgen, ›Unbekannte Tote in der Regnitz‹
Kanufahrer haben gestern in der Regnitz nahe Baiersdorf die Leiche einer unbekannten Frau gefunden. Der Körper hatte sich im Ufergestrüpp verfangen. Die Tote ist 165 cm groß, schlank, hat kurze, braune Haare und ist etwa 30 bis 40 Jahre alt. Die Kriminalpolizei bittet um Hinweise.
Nina Langenbach lehnte an dem dunkelroten Campingbus und betrachtete die Menschen auf dem Wohnmobilstellplatz hinter der Brauerei. Da waren die Rentner, die sich vermutlich jedes Wochenende hier oder anderswo trafen, um von alten Zeiten zu reden und neue Wehwehchen zu diskutieren oder die Familien mit großen und kleinen Kindern, die lärmend auf dem Spielplatz tobten. Zahlreiche Hunde lungerten entweder träge im Schatten herum oder sprangen wild kläffend umher. Der Wind trug Kaffeeduft herüber. Neben der Brauerei wurden Bierfässer in einen LKW verladen.
»Jens, wo bleibst du?« Nina schob mit ihrer Sonnenbrille den blonden Bob zurück. »Wenn wir jetzt nicht gehen, wird es zu spät.«
»Mach doch nicht so einen Stress«, brummelte Jens und kletterte aus dem Bus. Während er abschloss, warf er einen kritischen Blick zum Himmel. »Meinst du nicht, wir sollten lieber hierbleiben? Es soll heute noch regnen.«
Nina schielte zu der einsamen Schäfchenwolke am strahlend blauen Himmel. während sie theatralisch die Luft einsog. »Oh Gott! Du hast recht! Da – das Unwetter naht!«
Jens knuffte sie. »Hast du deine Regenjacke? Dein Handy?«
»Erstens, es regnet nicht. Zweitens, der Akku ist leer«, gab sie zurück.
Er verdrehte die Augen. „Typisch.“
Während sie über den Stellplatz marschierten, deutete Nina auf ein Wohnmobil mit den Ausmaßen eines Reisebusses. Ein älteres Ehepaar saß davor und spielte Kniffel. »Rollendes Eigenheim«, meinte sie süffisant. »Da gehört eine Großfamilie rein und nicht zwei Persönchen.«
Schief lächelnd zuckte Jens mit den Schultern. »Weißt du, was so ein Ding kostet? Die meisten Familien sind schon froh, wenn sie sich überhaupt einen Urlaub leisten können.«
Nina schluckte eine Bemerkung herunter. Sie wollte sich die Wanderung nicht gleich zu Beginn verderben, denn die leidigen Diskussionen über die Vor- und Nachteile eines Familienlebens führten sie für ihren Geschmack viel zu häufig. Im Gehen holte Nina die Wanderkarte aus der Seitentasche ihres Rucksacks, um diese eingehend zu studieren.
»Da müssen wir links.« Sie deutete auf den befestigten Weg, der sich über die Felder zum Wald hinschlängelte.
Ninas vormals gute Laune hatte sich verflüchtigt. Eigentlich hätten sie gar keine Zeit für einen Kurztrip gehabt, denn ihr neues Haus beanspruchte all ihre Freizeit. Der Rohbau stand beinahe und es gab unzählige Dinge zu planen. Jens, Polizist beim Einsatzzug in Erlangen, war in den zwei Osterferienwochen für Kollegen mit schulpflichtigen Kindern eingesprungen. Nina, die als Lehrerin Osterferien hatte, schlug sich daher meist allein mit den üblichen Problemen am Bau herum. An diesem Wochenende wäre nun Zeit gewesen, um gemeinsam ein paar liegen gebliebene Dinge zu erledigen, doch das schöne Frühlingswetter am Morgen hatte Nina Lust auf eine Wanderung in der Fränkischen Schweiz gemacht. Jens hatte nach den anstrengenden Diensten der letzten zwei Wochen eigentlich eher etwas Ruhiges vorgeschwebt, daher hatte es Nina einige Überredungskunst gekostet, zum Brauereiweg rund um Aufseß zu fahren.
»Nina, nun renn doch nicht so!«
»Wenn wir zu langsam gehen, schaffen wir das bis heute Abend nicht.«
»Ich habe ja gleich gesagt, dass es eine bescheuerte Idee ist, die komplette Tour zu machen«, knurrte Jens mit zusammengebissenen Zähnen. »Das sind 15 Kilometer. Das dauert Stunden! Es reicht doch, wenn wir einfach ein Stück spazieren gehen und uns danach gemütlich vor unseren Bus setzen.« Mit dem Daumen zeigte er hinter Sich in die Richtung des älteren Ehepaares.
Nina warf ihm über die Schulter denselben strengen Blick zu, mit dem sie seit fast dreizehn Jahren ihre Realschüler bedachte, wenn die den Unterricht störten. Jens seufzte verdrossen. Schweigend erreichten sie zehn Minuten später den Wald. Der Boden war bedeckt mit Tannennadeln und dämpfte ihre Schritte. An einer Weggabelung blieb sie stehen. Ein Trampelpfad führte links am Waldrand entlang. Geradeaus erkannte man eine mit hohem Gras überwucherte Traktorspur, die zwischen einer Wiese und einem Getreidefeld hindurchführte. Es war still und friedlich, nicht einmal Autos in der Ferne waren zu hören.
»Wo lang?«, fragte Nina, nachdem sie vergeblich nach Hinweisschildern Ausschau gehalten hatte.
Jens runzelte die Stirn. »Keine Ahnung. Vielleicht haben wir irgendeinen Abzweig verpasst. Gehen wir einfach nach links – bestimmt kommen wir dann zum Stellplatz zurück.«
»Woher weißt du das?«, fragte Nina schnippischer als beabsichtigt.
»Das ist doch wohl völlig klar!«, meinte Jens. »Wir sind von dort gekommen, dann einmal links abgebogen, und der Weg hat da hinten einen leichten Linksknick gemacht. Wenn wir jetzt ...«
»Ist ja gut«, unterbrach Nina ihn, während sie auf die Wanderkarte blickte. »Dein Orientierungssinn in allen Ehren, aber wir wollen nicht zurück zum Stellplatz, sondern nach Sachsendorf und das ist irgendwo anders als links.« Sie sah sich um, wobei sie versuchte auf der Karte irgendeinen Anhaltspunkt zu finden.
»Du willst nach Sachsendorf«, korrigierte Jens, während er sein Handy aus der Hosentasche zog. »Ist doch egal, wenn wir woand...«
»Dir vielleicht!«, brauste Nina auf. »Mir nicht. Da!« Nina deutete auf einen Wegweiser an einem Baum, der versteckt hinter einem Ast befestigt war. »Da müssen wir lang. Also, was ist? Kommst du jetzt mit oder willst du lieber zurück?«
Jens sah sie verdrossen an. »Du bist heute echt nicht gut drauf, oder?«
Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, marschierte Nina weiter.
»Nina!«, rief Jens ihr hinterher.
Nina stellte sich vor, wie Jens mit den Händen in den Hüften darauf wartete, dass sie umkehrte. Sie hörte ihn noch ein paar Mal rufen, aber sie drehte sich nicht um. Erst nach einigen Minuten blieb sie stehen. Jens war nicht hinter ihr hergekommen. Sie schnaubte. Typisch! Sollte er mitsamt seiner verdammten Sturheit bleiben, wo der Pfeffer wächst. Von wegen, sie war nicht gut drauf!
Sie folgte dem Weg weiter durch den Wald und über die Felder. Zwei Mal verpasste sie einen Wegweiser, darum brauchte sie viel länger als erwartet, bis sie endlich in Sachsendorf an der Brauerei ankam. Allmählich war ihr Ärger über Jens verraucht. Wahrscheinlich würde auch er sich beruhigt haben, wenn sie zurück in Hochstahl war. Es wäre nicht das erste Mal in ihrer zehnjährigen Beziehung, dass sich jeder nach einem Streit in einen Schmollwinkel verzog. Zu Anfang ihrer Beziehung hatten sie sich mit ein paar gegenseitigen Sticheleien schnell versöhnt. Heute dauerte es meist länger. Resolut schob Nina außerdem das unschöne Gefühl beiseite, das sie bei dem Gedanken überkam, Jens könne in sein altes Eifersuchts- und Kontroll-Muster zurückfallen, das ihnen vor ein paar Jahren große Probleme bereitet hatte, wenn Nina allein Unterwegs gewesen war.
In dem kleinen Biergarten der Brauerei Stadter in Sachsendorf war viel los, daher setzte sie sich an einen der langen Biertische zu einer Familie. Während sie auf ihr Essen wartete und dabei in einer herumliegenden Tageszeitung blätterte, kam sie irgendwann mit den Eltern ins Gespräch. Die beiden Kinder spielten Uno. Nina ließ sich gern zu ein paar Runden mit der ganzen Familie überreden. Sie vergaß die Zeit, daher war es schon nach vier, bis sie schließlich weiterging. Am Himmel waren inzwischen mehr als nur ein paar Schäfchenwolken aufgezogen. Sie konsultierte die Wanderkarte. Auf ihrem Weg befände sie sich stets in der Nähe einer Straße und konnte notfalls vielleicht per Anhalter nach Hochstahl fahren.
Während sie durch Sachsendorf und Neuhaus wanderte, dachte sie darüber nach, was Jens dazu sagen würde, wenn Sie in ein fremdes Auto stieg. Wenigstens bis Aufseß wollte sie noch wandern. Möglicherweise fuhr von dort ein Bus nach Hochstahl, dann war sie gar nicht auf Jens angewiesen. Doch den Gedanken verwarf sie schnell wieder. Es war im Grunde albern, aber eine besondere Genugtuung würde es sein, wenn sie den ganzen Weg zurück wanderte. Ein paar spitze Bemerkungen über seine zunehmende Bequemlichkeit würde Jens über sich ergehen lassen müssen. Spätestens nach ein paar Spötteleien würde der Rest des gemeinsamen Tages schön werden. Wie immer.
Eine Stunde später, irgendwo mitten im Wald, war ihre gute Laune jedoch verflogen. Sie setzte sich auf einen Holzstapel am Rande einer Lichtung und nahm die Wanderkarte zur Hand. Nachdem sie in den Wald eingebogen war, hatte sie eine ganze Weile keine Wegmarkierungen mehr zu Gesicht bekommen, außerdem war von einer Straße weit und breit keine Spur. Der kühle Wind ließ sie frösteln. Es hatte angefangen zu nieseln.
»Na toll«, murmelte sie, als sie trotz der Karte immer noch keinen blassen Schimmer hatte, wo sie gelandet war. »Du hast nicht zufällig eine Idee, wo ich lang muss?«, fragte Nina einen Ohrenkneifer, der gerade Anstalten machte, auf ihren Oberschenkel zu klettern. „Dachte ich mir.“ Sie schnippte ihn herunter.
Abgesehen davon, dass sie nicht wusste, wo sie war, ärgerte sie, dass sie keine Regenjacke mitgenommen hatte. Im Geiste streckte sie Jens die Zunge raus. Sie hasste es, wenn er recht behielt.
Als sie eine halbe Stunde später zum zweiten Mal an demselben Holzstoß vorbeikam, musste sie sich wohl oder übel eingestehen, dass sie sich gründlich verlaufen hatte. Inzwischen regnete es stark, ab und zu grollte es. Ein besonders heller Blitz ließ sie unwillkürlich zusammenzucken. Sie zählte die Sekunden bis zum Donner.
Fünf. Wenigstens nicht direkt über ihr.
Noch nicht.
Das Haar klebte an ihrem Kopf und ihre Kleidung war triefend nass. Sie marschierte weiter. Minuten später erhellte ein greller Blitz den Himmel, beinahe gleichzeitig ertönte ein gewaltiger Donner, der ihr wie ein Paukenschlag durch den Körper fuhr. Mit einem Aufschrei flüchtete sie weg vom Weg ein knappes Dutzend Meter bergauf und suchte unter einem niedrigen Felsvorsprung mitten im Wald Schutz. Zitternd kauerte sie sich auf den Boden, legte ihren Kopf auf die Knie und hielt sich die Ohren zu, um sich zu beruhigen. Eigentlich neigte sie nicht zur Hysterie, aber das hier war ihr einfach zu viel. Ringsum tobte sich das Gewitter aus. Nach einer Weile hatte sie sich wieder im Griff, allerdings fror sie erbärmlich. Ihre Finger waren steif.
»Scheiße!« Nina schloss die Augen, weil ihr das Wasser aus den Haaren über die Stirn rann. »Wie blöd muss man eigentlich sein?«
Sie war halbwegs geschützt hier, aber das war das einzig Positive. Das Unwetter machte keine Anstalten nachzulassen. Sinnlos, jetzt weiterzugehen. Trübsinnig starrte sie vor sich hin. Jens würde sich bestimmt Sorgen um sie machen.
Sie konnte nicht sagen, wie lange sie schlotternd unter dem Felsvorsprung gehockt hatte, als sie ein Geräusch hörte, das vorher nicht da gewesen war. Eine schemenhafte Gestalt ging den Weg entlang. Zwischen den Bäumen erkannte sie nicht mehr als eine dunkle Jacke sowie einen großen Wanderrucksack. Ohne lange zu überlegen, sprintete Nina los.
»He! Warten Sie!«
Als Nina unmittelbar hinter dem Mann auf den Weg lief, wirbelte er herum und machte Anstalten sie zu packen. Nina kreischte erschrocken und sprang zurück.
»Verzeihung!« Die leise Stimme des Mannes klang kratzig, beinahe heiser. »Sie haben mich ziemlich erschreckt.« Da er eine Kapuze trug, konnte Nina von seinem Gesicht nicht viel erkennen – außer, dass er eine rechteckige Brille mit dunklem Rand trug, auf deren Glas Wassertropfen glänzten.
»Ist schon okay. Ich bin ja auch wie eine Furie hinter Ihnen aufgetaucht.«
Sie lachten beide gezwungen.
»Ich habe mich verlaufen«, gab Nina unumwunden zu, denn nachdem der Schreck vorbei war, begann sie vor Kälte mit den Zähnen zu klappern. Das Wasser lief ihr über das Gesicht in die Augen. »Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, wie ich nach Aufseß komme?«
»Wohnen Sie dort?«
»Nein, ich ... wir sind mit einem Campingbus in Hochstahl bei der Brauerei. Ich bin den Brauereienweg gegangen und in Neuhaus wohl irgendwo falsch abgebogen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, wo ich hier bin.«
»Da haben Sie sich gründlich verirrt. Kommen Sie mit.«
»Danke, Sie sind ein Engel«, sagte Nina mit unverhohlener Begeisterung. »Ich heiße übrigens Nina Langenbach.«
Der Mann zögerte kaum wahrnehmbar. »Georg.«
Gemeinsam marschierten sie los. Der Regen verwandelte sich zwischenzeitlich in Hagel, daher mussten sie sich von Zeit zu Zeit unterstellen.
Während sie unter einer Tanne abwarteten, bis ein Hagelschauer nachließ, erkundigte sich Nina: »Hat Sie das Wetter auch überrascht?«
Georgs Mundwinkel zuckten kurz. »Ja«, antwortete er schlicht.
»Wohnen Sie hier in der Fränkischen?«
»Nein.«
»In Erlangen? Oder Nürnberg?«, fragte Nina weiter, um ein Gespräch in Gang zu bringen.
»Nein.« Er wandte den Kopf ab. »Gehen wir weiter.«
Nina kam die Zeit, die sie durch den Wald und über Wiesen und Felder trabten, endlos lang vor. Während allmählich die Dämmerung hereinbrach, fühlte sie sich, als tauche sie durch eiskaltes Wasser.
»Ist es noch weit?«, fragte Nina, der vor Erschöpfung die Füße schwer wurden. Immer öfter stolperte sie.
»Noch ein kurzes Stück.«
Redselig war dieser Georg wirklich nicht, allerdings war Nina gerade nicht wählerisch. Einige Minuten später bog Georg ohne ersichtlichen Grund ab, mitten in den Wald hinein. Nina hielt sich dicht hinter ihm, denn hier zwischen den Tannen war es noch dunkler und sie wollte zu allem Überfluss nicht auch noch auf der Nase landen. Unvermittelt standen sie am Zaun eines nicht sonderlich gepflegten Grundstücks, mit einem kleinen Haus mit Flachdach darauf, von dem Nina in der Dunkelheit nur Umrisse erkennen konnte. Es wirkte verlassen. Hinter den winzigen Fenstern konnte man weiße Spitzengardinen erahnen. Georg führte sie am Zaun entlang bis zu einem Gartentor, vor dem ein befestigter Weg endete. Er verlor sich irgendwo in der Dunkelheit des Waldes. Das Tor war nicht abgeschlossen.
»Warten Sie hier!«, wies Georg sie vor der Haustür an.
Frierend und mit geschlossenen Augen tat Nina es. Was blieb ihr anderes übrig? Mit einem Mal flammte innen Licht auf. Nach einem Rumoren hörte sie, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte, dann schwang die Haustür mit leisem Knarren auf, mit ihr ein Schwall abgestandener Luft.
»Darf ich bitten?«
»Wie sind Sie reingekommen?«
»Auf der Rückseite des Hauses war ein Fenster nicht richtig verschlossen.«
Nina rührte sich nicht. »Sie sind jetzt aber nicht hier eingebrochen, oder?«
Georg, der gerade seine nasse Jacke auszog und an einen Haken hängte, zwinkerte Nina zu. Sein leichter Silberblick gab dem kantigen Gesicht einen eigenwilligen Charme. Das sehr kurz geschorene Haar wirkte dunkel, mit ein wenig grau durchsetzt. Er war nicht größer als sie, drahtig, wirkte eher kräftig als dick und die forschen Bewegungen, mit denen er einen alten Lappen aus einem Schrank holte und unter seine tropfende Jacke legte, unterstrichen den militärischen Eindruck seines Erscheinungsbildes.
»Kennen Sie die Leute, denen das hier gehört?«
»Nun kommen Sie schon rein, es ist ungemütlich draußen«, antwortete er, ohne auf ihre Frage einzugehen.
Da sie immer noch keine Anstalten machte sich zu bewegen, zog Georg sie kurzerhand hinein. Dabei steckte er den Kopf hinaus und wandte ihn von links nach rechts. Dann schloss er die Tür ab. Nina fühlte sich unbehaglich.
»Sie müssen dringend aus den nassen Sachen raus, sonst werden Sie noch krank«, erklärte er kategorisch und schob Nina vor sich her.
Einige Sekunden später stand Nina in einem winzigen, altmodischen Bad mit blassgelben Fliesen und einem schmalen Fenster. Die Toilette besaß sogar noch einen Spülkasten mit Strick. Neben dem Waschbecken hing eine Handbrause an der Wand. Zögernd drehte Nina den Warmwasserhahn auf, aber wie befürchtet war das Wasser eiskalt. Sie schälte sich bis auf die Unterwäsche aus ihren nassen Klamotten, während sie nebenbei in einem schmalen Einbauschrank neben dem Waschbecken nach etwas kramte, mit dem sie sich abtrocknen konnte. Die dünnen, ordentlich geplätteten Handtücher hatten ein Muster, das vor Jahrzehnten modern gewesen sein mochte, und deren Geruch Nina an ihre Großmutter erinnerte. Ein Handtuch um ihren Kopf geschlungen, rubbelte sie kräftig über ihre Haut, um die Durchblutung anzuregen.
»Ich habe etwas für Sie zum Anziehen gefunden«, hörte sie Georgs raue Stimme von draußen.
Nina hielt sich das Handtuch vor den Körper und spähte durch einen Türspalt. Georg reichte ihr einen schwarz-weiß gestreiften Herren-Morgenmantel im Stil der 60er.
»Danke!«
Bevor sie das Bad verließ, hängte sie ihre nassen Sachen auf. Allerdings bezweifelte sie, dass sie trocknen würden und der bloße Gedanke, sie sich später überstreifen zu müssen, verursachte ihr eine Gänsehaut. Sie fand Georg in einem Raum auf der Rückseite des Hauses, den eine schummrige Lampe in ein diffuses Licht tauchte. Hier wirkte es ebenfalls, als wäre die Zeit vor einigen Jahrzehnten stehen geblieben.
»Ist das hier ein Wochenendhaus?« Neugierig sah sie sich um.
Georg, der gerade mit seinem Rucksack beschäftigt war, warf einen Blick über seine Schulter. »Dort auf dem Sofa liegt eine Wolldecke.«
Nina nahm Platz. Obwohl von der Decke ein muffiger, abgestandener Geruch ausging und sie sich ein wenig klamm anfühlte, wickelte sie sich hinein. Wenigstens war ihr nicht mehr kalt. Georg nahm einen Apfel aus seinem Rucksack, schnitt ihn entzwei und bot Nina ein Stück an.
»Nein, danke.«
Herzhaft biss er ein Stück ab, während er kauend zu einem Schrank ging.
»Ich würde gern meinen Mann anrufen“, sagte Nina. „Er wird sich Sorgen machen, wo ich bleibe, aber ich habe kein Handy dabei. Darf ich vielleicht Ihres benutzen?«
Georg lächelte unverbindlich. »Ich habe leider auch keins.«
»Ach so«, sagte Nina, unsicher, ob sie ihm das glauben sollte. »Ich sollte nicht allzu lange bleiben. Wo sind wir jetzt eigentlich? In Aufseß?«
Georg holte zwei Schnapsgläser aus einem Schrank. Erst jetzt bemerkte Nina die Flasche auf dem Tisch.
»Hier, trinken Sie den, damit Ihnen warm wird.« Er reichte ihr ein fast randvolles Schnapsglas. »Zum Wohl.«
Nina betrachtete das Glas. »Hatten Sie den etwa dabei?«
»Nein, er stand in der Küche«, antwortete er und nippte. »Kirschwasser. Probieren Sie.«
»Ich trinke normalerweise keinen Schnaps«, erwiderte Nina, der nicht wohl bei dem Gedanken war, sich an den Vorräten der unbekannten Eigentümer zu vergreifen. Trotzdem nahm sie einen großzügigen Schluck, weil sie immer noch fröstelte. Sie schüttelte sich bei dem hochprozentigen Alkohol.
Georg lachte kehlig. Er stellte die Flasche auf den niedrigen Wohnzimmertisch, bevor er sich auf einen der beiden Ohrensessel setzte. Während er mit seinen Fingerspitzen auf der Armlehne herumtappte, sah er auf die Uhr. Der Regen trommelte leise auf das Flachdach.
Nina räusperte sich. »Also, Sie kommen nicht aus der Gegend und wandern durch die Fränkische. Ihr Rucksack sieht aus, als wären Sie auf einer längeren Tour.«
Bedächtig trank Georg einen Schluck. »So etwas in der Art.« Er machte dazu eine vage Handbewegung.
Während der neuerlichen Gesprächspause zupfte Georg an seinem Ohrläppchen herum. Vor lauter Verlegenheit setzte Nina noch einmal das Glas an. Der Schnaps hinterließ eine brennende Spur bis in ihren Magen. Während sie Georg musterte, kam er ihr mit einem Mal bekannt vor.
»Waren Sie vorhin zufällig in Sachsendorf im Biergarten?«
Georgs leichter Silberblick wirkte ein wenig melancholisch, als er den Kopf schüttelte. »Nein.«
»Sind wir uns vielleicht woanders mal begegnet?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Sie erinnern mich an jemanden ... hm.« Nachdenklich kratzte sie sich am Kopf. „Es fällt mir bestimmt wieder ein.“
Er zog seine Brauen zusammen. Nina hatte den Eindruck, dass ihm ihre Fragerei lästig war, daher bohrte sie nicht weiter, sondern setzte das Schnapsglas an die Lippen – nur um festzustellen, dass es leer war.
Georg schenkte ihr nach. Sein Blick hing dabei wie festgeklebt an ihr. Nervös strich Nina sich durchs Haar.
»Gehört das Haus hier vielleicht Ihren Eltern oder irgendeiner Verwandtschaft?«, fragte Nina bemüht locker.
Ein vages Lächeln umspielte Georgs Lippen, aus dem sich keine eindeutige Antwort ableiten ließ. Sekunden später stand er auf, schob eine Gardine zur Seite, um hinauszuspähen. Schließlich lehnte er sich mit dem Hintern gegen die Fensterbank. »Woher kommen Sie eigentlich?«, erkundigte er sich, auf ihren Plauderton eingehend.
»Aus Erlangen. Wir wohnen in Frauenaurach, falls Ihnen das etwas sagt.«
»Natürlich. Aus den Verkehrsnachrichten von der A 3.«
Nina lachte – lauter als beabsichtigt – und war froh, dass nun die Initiative von Georg ausging.
»Oh, sind Sie ... hin und wieder in Erlangen unterwegs?«
»Hin und wieder«, bestätigte er.
„Dann haben wir uns doch vielleicht schon einmal irgendwo gesehen.“
Er lächelte unverbindlich. „Daran würde ich mich sicher erinnern.“
Anfangs noch zäh, plätscherte ihr Gespräch dahin. Er erkundigte sich, was sie beruflich machte. Froh, etwas zu haben, über das sie reden konnte, erzählte sie von der Realschule am Europakanal, an der sie Deutsch, Mathe und Geschichte unterrichtete. Dann unterhielten sie sich über den Bau ihres Hauses in Weisendorf mit all seinen Schwierigkeiten. Nachdem das Eis einmal gebrochen war, war es nicht mehr schwer, mit Georg zu reden – obwohl ihr auffiel, dass er dabei fast nichts über sich erzählte. Er hatte eine liebenswürdige, einnehmende Art, sodass sie sie sogar von ihrem Streit mit Jens berichtete und wie sie in die prekäre Situation geraten war.
Mit der Wärme kam die Müdigkeit über Nina, und als ihr Gespräch irgendwann ins Stocken geriet, dachte sie ohne große Begeisterung daran, dass dies vielleicht ein guter Zeitpunkt sei zu gehen. Georg beobachtete sie mit seinen seltsamen dunklen Augen. Nina lief ein Schauer über den Rücken, diesmal jedoch nicht vor Kälte. Die Luft schien zu knistern. Vielleicht lag es an den gelegentlichen Blitzen, die immer noch über dem Himmel zuckten – oder an den intensiven Blicken, die Georg ihr zuwarf?
Schließlich gab sie sich einen Ruck. »Danke für Ihre Hilfe. Ich gehe jetzt. Sie müssen natürlich nicht mitkommen – wenn Sie mir vielleicht sagen, wo ich lang muss und wie der nächste Ort heißt?« Sie stand auf.
»Sie würden sich wieder verlaufen«, antwortete Georg leichthin, während er sich ebenfalls erhob. »Es ist dunkel. Der Weg führt mitten durch den Wald und verzweigt sich mehrmals. Hier ist weit und breit nichts – und niemand.« Lächelnd hob er die Brauen. „Außerdem fallen uns bestimmt ein paar Dinge ein, mit denen wir uns die Zeit vertreiben könnten.“
»Ich bin verheiratet!« Sie bemühte sich, distanziert zu klingen.
Georg lachte sein raues Lachen. „Wen interessiert das schon.“ Er trat näher zu ihr. Federleicht berührten seine Fingerspitzen ihr Gesicht. „Willst du wirklich gehen?“
Ninas Knie wurden weich, ihr Atem stockte und sie spürte ihren Puls. Sie hätte nicht soviel trinken sollen.
„Ich … weiß nicht.“
Er beugte sich näher.
Sie fühlte die Bewegung seiner Lippen auf der zarten Haut hinter ihrem Ohr, den Hauch seines Atems. Ein Prickeln lief ihre Wirbelsäule entlang. »Vielleicht ... ich ... «
»Dein Mann ist nicht hier, Nina«, wiederholte er leise. Seine heisere Stimme klang wie die des Wolfes, der die sieben Geißlein zu betören versucht. »Niemand ist hier ... niemand muss jemals hiervon erfahren.«
Er hielt sie nicht fest, berührte sie kaum, doch seine Nähe machte deutlich, was er wollte.
„Sag, dass ich aufhören soll“, flüsterte er.
„Hm“, machte sie unentschlossen.
Sie wandte ihr Gesicht, seine Lippen berührten ihre fast, seine dunklen Augen unergründlich. Verblüfft stellte sie fest, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Oder war es nur die sonderbare Situation? Sein rätselhaftes Verhalten?
Er küsste sie mit unvermuteter Leidenschaft. Überrumpelt erwiderte sie für einige Sekunden den Kuss, bevor sie sich zurückzog. Ihre Beine fühlten sich an wie Pudding. Was sollte sie tun? Niemand war hier. Niemand wusste, wo sie war – niemand würde jemals davon erfahren.
Mit einem unergründlichen Lächeln trat er ein paar Schritte zurück. „Willst du gehen?“ Er strecke eine Hand aus „Oder bleibst du hier?“
Aus: Fränkischer Morgen, ›Linker Terror in Deutschland fordert erneut Todesopfer‹
Der am vergangenen Freitag bei dem Bombenanschlag am Berliner U-Bahnhof Kurfürstendamm verletzte Polizist erlag gestern im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Die Zahl der Todesopfer erhöht sich somit auf drei.
In einem Bekennerschreiben übernahm das »kämpferische bündnis« (kb) die Verantwortung für den Anschlag. Terrorismusexperten des BKA befürchten weitere Attentate in deutschen Großstädten. Wer die Täter sind und welche Motive sie haben, liegt, so ein BKA-Sprecher, weiterhin im Dunkeln.
»Mamaaaaaa! Beeil dich, sonst komm ich zu spät zur Schule!«
»Wenn du deinen Wecker richtig gestellt hättest, hättest du den Bus nicht verpasst!« Mit wehenden roten Haaren und dem Telefonhörer am Ohr flitzte Kriminalhauptkommissarin Maria Ammon quer durch den Flur und sprintete die Treppe hoch. »Und jetzt halt mal die Luft an! Was? Nein, nicht du ... ja, es war wunderbar ... heute Abend sieht es schlecht aus, ich muss noch zu meiner Mutter ins Krankenhaus und ... oh, klar hab ich dich vermisst ...«
Franziska verdrehte derweil die Augen. »Wir hätten eben nicht erst letzte Nacht von Mallorca zurückfliegen sollen!«, rief sie ihrer Mutter hinterher. »Was machst du denn jetzt noch?«
»Soviel ich weiß, fahren um diese Zeit mehrere Busse! Nimm einfach den nächsten, wenn du nicht auf mich warten willst!«, rief sie ihrer Tochter von oben zu. »Steinbachbräu? Ja, ... nein, heute Abend nicht, Olaf.«
»Mit dem Bus komm ich erst recht zu spät!«
Aus der Küche erklang ein dumpfes Brummen, das ohne Worte ausdrückte, was der Verursacher dieses Geräusches von der morgendlichen Hektik hielt. Ein älterer Mann mit ausgebeulten Hosen und einer grauen Strickjacke schlurfte mit einer Kaffeetasse in der Hand heran. »Soll ich dich bringen?«
»Nee, schon gut, Opa. Ich glaube, Mama ist gleich fertig.«
»Ja, in Ordnung. Morgen um sechs. Klar kommt Franzi mit.« Maria polterte gerade die Treppe herunter, vorbei an ihrer Tochter, die energisch den Kopf schüttelte. »Und sie freut sich auch, dich zu sehen ... Servus.« Sie legte auf und warf das Telefon auf die Kommode im Flur. »Übrigens dachte ich eigentlich, dass du alt genug bist, selbst an deinen Wecker zu denken!«
»Es war mitten in der Nacht, als wir wiederkamen! Da war ich nicht mehr zurechnungsfähig.«
»Es war erst elf! Wie oft muss ich dich sonst um die Uhrzeit erst noch daran erinnern, dass du endlich schlafen sollst, weil am nächsten Tag Schule ist!«
» ... kann sie fei bringen«, meldete sich Hermann Ammon zu Wort.
Maria winkte ab. »Nein, ist in Ordnung. Los Franzi, schick dich!«
Franzi stöhnte theatralisch, während sie sich ihre Büchertasche schnappte. »Tschüss, Opa. Ich habe heute sechs Stunden. Kann sein, dass ich anschließend noch mit zu Pia gehe.«
»Dann rufst du an und sagst Bescheid«, ordnete Maria an.
»Ja, Mama. Und ja – ich hab mein Handy einstecken.«
Maria deutete einen Klaps an, dem Franzi kichernd auswich.
Hermann, der wieder auf dem Weg in die Küche war, rief über seine Schulter: »Is scho recht. Ade ihr zwei.«
Kurz darauf startete Maria den Wagen und setzte schwungvoll rückwärts aus der Einfahrt des Einfamilienhauses im Erlanger Stadtteil Dechsendorf.
Franzi schaltete das Radio ein. »Opa ist echt nicht gut drauf heute.«
»Er ist halt nicht gern allein.« Maria bog in die Naturbadstraße ein. »Es war ja nicht abzusehen, dass Oma ausgerechnet ihre Knie-OP vorziehen kann, wenn wir in Urlaub sind.«
»Oma ist erst letzten Donnerstag ins Krankenhaus gekommen und er hat sie jeden Tag besucht. So schlimm kann das eigentlich nicht sein.«
»Oh doch. Die beiden sind über vierzig Jahre verheiratet und waren noch nie für längere Zeit getrennt.«
Franzi grinste. »Dabei hat man manchmal das Gefühl, sie wünschen sich gegenseitig auf den Mond. Wie lange muss sie eigentlich in der Klinik bleiben?«
»Ungefähr drei Wochen, glaube ich. Anschließend noch zur Reha.«
»Tolle Aussichten«, meinte Franzi düster. »Hoffentlich kann sie danach mit ihrem Ersatzteil im Knie wieder gut laufen.«
»Erst mal auf Krücken«, seufzte Maria. »Ich bin gespannt, wie es ihr heute geht. Ich fahre gleich nach der Arbeit hin.«
»Hm.« Franzi sah aus dem Fenster, während sie im Takt zu ›Poker face‹ nickte. »Und was wollte Olaf?«, fragte sie betont beiläufig.
Maria verkniff sich ein Grinsen. »Wissen, wie der Urlaub
war.«
»Aha.« Franzi nickte weiter und bewegte ihre Lippen stumm zum Refrain. »Und sonst?«
»Sonst?«
»Ach komm schon, Mama, du weißt genau, was ich meine. Er war sauer, weil du gesagt hast, er soll nicht mit uns nach Mallorca kommen, nachdem du gemerkt hast, dass er ganz zufällig für die Zeit Urlaub eingereicht hat. Ist er das immer noch?« Die Intonation der letzten beiden Worte lag um eine Terz höher als bei einer gewöhnlichen Frage.
»Nein.«
»Oh.« Pause. Dann sagte sie: »Gut.«
Da Maria keine Lust hatte, sich die Laune am Morgen ihres ersten Arbeitstages durch die leidige Diskussion über die Aversion ihrer Tochter gegen ihren Freund vollends verderben zu lassen, drehte sie den Lautstärkeknopf am Radio nach rechts, um den Rest der Nachrichten zu hören.
» ...hard Eichmüller, der Leiter des in Erlangen ansässigen Felix-d’Herelle Instituts für Medizinforschung, ist auf dem Wege der Besserung. Nach seiner Frau, der Ärztin Dr. Sara Eichmüller, wird mit Hochdruck gefahndet.
Genf: Die Zahl der durch Schweinegrippe Infizierten wächst stetig. Die Weltgesundheitsorganisation ... «
In diesem Moment ertönte von irgendwo aus dem Beifahrerfußraum die gedämpfte Melodie von ›Hotel California‹.
»Franzi, hol bitte mein Handy raus. Das ist Paul«, wies Maria ihre Tochter an.
Anstatt das Handy an die Freisprecheinrichtung anzuschließen, nahm Franzi das Gespräch entgegen und flötete: »Guten Morgen, Onkel Paul. Wie viele Verbrecher hast du heute schon gejagt?« Franzi lauschte andächtig auf die Antwort. »Ja, gestern Nacht. Es war to-tal spät.« Sie warf einen Seitenblick zu Maria, die ihr bedeutete, dass sie das Handy gefälligst in die Vorrichtung stecken sollte. »Wir haben verschlafen und Mama fährt mich gerade zur Schule und kann nicht ans Telefon ...«
Sie warf ihrer Mutter einen kopfschüttelnden Hundeblick zu, den Maria mit einem Seufzer quittierte. » ... nö, der war ja nicht mit, weil Mama das nicht wollte ... ja echt super ...« Begeistert erzählte Franzi von ihrem einwöchigen Urlaub, während Maria am Europakanal entlangfuhr und ihn am Kosbacher Damm überquerte. » ... und dann sind wir noch mit dem Mietwagen nach Sa Calobra gefahren ... oh, Mama, lass mich raus. Da ist Pia.«
»Macht zehn Euro, die Dame.« Sie streckte die Hand aus.
Franzi drückte ihr das Handy hinein und einen Kuss auf die Wange: »Danke, Mama!«, und war schon auf dem Weg zu ihrer Freundin.
Maria stellte den Motor ab. »Zur Schule geht es nach links«, stellte sie kopfschüttelnd fest, während sie das Handy ans Ohr hob. »Von wegen zu spät ... morgen, Paul!«
Paul Holzapfel, Erster Kriminalhauptkommissar, war während ihrer Dienstzeit im Polizeipräsidium Mittelfranken ihr Vorgesetzter und Mentor beim Kriminaldauerdienst in Nürnberg gewesen. Schon vor ihrer Versetzung zum Erlanger KKI hatten sie nicht nur beruflich miteinander zu tun.
»Morgen, Maria. Ich hab ja gehört, dass für deine Tochter der Urlaub schön war. Und wie war’s für dich?« Paul Holzapfel redete extrem schnell, wobei diese Eigenschaft im Gegensatz zu seiner ansonsten eher bedächtigen und gewissenhaften Persönlichkeit stand.
»Sehr erholsam. Franzi hat gleich Anschluss gefunden, war den größten Teil des Tages mit sich selbst beschäftigt und ich hatte tatsächlich zwischendurch so ein vages Gefühl von Langeweile. Stell dir vor, ich habe meine Nase in ein Buch gesteckt! Morgens vor dem Frühstück war ich sogar joggen. Herrlich sag ich dir. Eine Woche ganz ohne Leichen – daran könnte ich mich glatt gewöhnen.«
»Keine Leichen, nicht mal im Buch? Was hast du denn gelesen? Heftchenromane?«
Maria kicherte. »Schlimmer. Jane Austen.«
»Dass ich das noch erleben darf«, dröhnte Paul Holzapfels Bass aus dem Handy. »Hab ich das nicht deiner Mutter vor Ewigkeiten ausgeliehen?«
»Hast du. Ich habe vergessen, es zurückzubringen.«
»Kein Problem«, brummte Holzapfel. »Ist Olaf eigentlich noch sauer?«
»Nicht du auch noch!«, stöhnte Maria. »Franzi hat mich damit genervt. Nein, ist er nicht. Er hat verstanden, dass ich allein sein wollte. Themawechsel: Schieß los mit ›was-auch- immer-du-zu-sagen-hast‹. Du rufst mich nicht umsonst vor Dienstbeginn an.«
Durch das Telefon war ein rasselndes Geräusch zu hören, dass man mit etwas Fantasie als Kichern interpretieren konnte. »Hast du Zeitung gelesen oder Radio gehört? Die Sache mit Dr. Eichmüller?«
»Es kam gerade in den Nachrichten – was war da los?«
Holzapfels Tonfall wurde nun dienstlich. »Gestern Morgen ging ein Notruf von Eichmüller selbst ein. Herzanfall. Als der Notarzt eintraf, öffnete niemand und die Rettungskräfte gelangten durch eine unverschlossene Terrassentür hinein. Dr. Eichmüller lag fast bewusstlos im Flur des Obergeschosses. Weiß der Himmel, wie er es überhaupt geschafft hat zu telefonieren. Es stand wohl auf Messers Schneide, deshalb konnte ich gestern nur sehr kurz mit ihm sprechen. Er beschuldigt seine Frau, ihn umbringen zu wollen.«
»Warum?«, fragte Maria sachlich.
»Nun, sie kam frühzeitig aus den Ferien zurück und hat ihn mit seiner Geliebten im Ehebett erwischt. Er hatte bereits länger ein Verhältnis. Seine Frau hat es wohl geahnt und völlig die Nerven verloren, als die Dame plötzlich im Evakostüm aus dem Schlafzimmer kam.«
»Und darüber wundert er sich?«, erwiderte Maria mit triefendem Sarkasmus.
»Maria«, tadelte Holzapfel sanft.
Sie schnaubte. »Männer! Die sind alle gleich!«
»Du telefonierst gerade mit einem«, erinnerte Holzapfel sie. »Wie ich sehe, war meine Entscheidung goldrichtig, dich vor Dienstantritt mit dem Wesentlichen bekannt zu machen – und dem lieben Gott wieder einmal dafür zu danken, dass du damals deine Dienstwaffe nicht dabei hattest.«
Maria stieß ein paar derbe Verwünschungen aus, die Holzapfel nicht weiter kommentierte, weil er wusste, dass sie nicht an ihn, sondern an Marias Ex-Mann gerichtet waren. Holzapfel hatte die familiäre Katastrophe, die sich lange angebahnt und vor mehr als vier Jahren ihren Höhepunkt gefunden hatte, in ihrer vollen Bandbreite mitbekommen. Er hatte Maria beigestanden – und ihre Versetzung unterstützt, als sie sich entschlossen hatte, mit ihrer Tochter zurück nach Erlangen zu ziehen.
Schließlich atmete sie tief durch. »So, jetzt bin ich ganz Ohr! Danke, Paul. Also: Sie hat die beiden im Bett erwischt. Und was passierte dann?«
»Er sagt, sie hat sich furchtbar aufgeregt und seine Geliebte vor die Tür gesetzt – nackt.«
Maria kicherte schadenfroh.
»Sie hat ihr die Sachen samt Autoschlüssel hinterhergeworfen. Dr. Eichmüller bekam durch die Aufregung einen Herzanfall.«
»Der Ärmste«, sagte Maria ohne großes Mitleid.
»Seine Frau ist Allgemeinärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Neustadt. Sie wusste natürlich, dass ihr Mann mit dem Herz Probleme hat. Als er einen Anfall bekam, hat sie ihm nicht geholfen, sondern anscheinend alles dafür getan, damit es ihm schlechter ging. Details findest du im Bericht, den ich dir geschickt habe.«
»Hört, hört«, murmelte Maria.
»Sara Eichmüller ist seitdem verschwunden. Haftbefehl liegt vor. Eichmüller ist noch in der Uni-Klinik.«
»Aha. Sonst noch was?«
»Ja.«
Maria runzelte die Stirn. »Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Du klingst so komisch.«
Holzapfels Bass dröhnte erneut durchs Telefon. »Mädel, du hast heute wirklich einen Sinn für Zwischentöne. Nein, du musst dir keine Sorgen machen. Du bekommst Zuwachs, um den du dich ein Weilchen kümmern sollst.«
»Oh, oh«, unkte Maria. »Er oder sie?«
»Diesmal eine ›sie‹.«
»Oho?«
»Ganz hoher Besuch von unserer exklusiven Fachhochschule des Bundes aus Wiesbaden. Eine Kriminalkommissarin zur Ausbildung, die seit Anfang April hier im Präsidium ist und den Wunsch geäußert hat, möglichst viel Abwechslung zu haben.«
»Und deswegen schickst du sie ausgerechnet zu mir?«
»Schließlich hast du noch keinen Ersatz für deine Kollegin Susanne, daher dachte ich, du hast Hilfe nötig und hab ein gutes Wort eingelegt. Außerdem wohnt sie in Erlangen und es schadet nichts, wenn sie eine Weile bei euch Dienst schiebt. Hast du eigentlich was von Susanne gehört?«
»Zuletzt vor meinem Urlaub, da ging es ihr blendend. Jetzt hat sie noch zwei Wochen bis zur Entbindung. Ich ruf sie in den nächsten Tagen an. Soll ich sie von dir grüßen?«
»Mach das«, antwortete Holzapfel. »Elfriede hat übrigens durch die Blume anklingen lassen, dass sie dich lange nicht gesehen hat.« Elfriede war seine Frau, die Maria gegenüber immer gern ihre mütterliche Seite zeigte – obwohl sie gerade einmal zwölf Jahre älter war.
Maria lachte. »Wie wäre es mit dem 30.? Tanz in den Mai – oder von mir aus auf einen Keller oder ins Brauhaus. Wollt ihr kommen oder sollen wir?«
»Ich frag’ Elfriede, wenn’s recht ist.«
»Tu das ... Sag mal, was macht eigentlich Christoph? Spricht er wieder mit dir?«
Holzapfel holte tief Luft. Sehr tief. »Mein Sohn zieht es vor, mich nicht mehr über sein Leben zu informieren. Er hat seine Ausbildung endgültig geschmissen und ist zu seinen sogenannten Freunden gezogen.« Er schnaubte abfällig. »Ich weiß nicht mehr, was in dem Jungen vorgeht.«
Sie verabschiedeten sich kurz und bündig. Nachdem sie sich auf der Schallershofer Straße in den Verkehr eingereiht hatte, konzentrierte sich Maria für einige Minuten ausschließlich auf das Fahren. Sie öffnete eine Seitenscheibe und atmete tief ein. Es war kühler als auf den Balearen und die Natur noch lange nicht so weit. Doch es roch intensiv nach Frühling. Die vertraute Umgebung, die Geräusche der Stadt und nicht zuletzt die langjährige Übung, in bestimmten Situationen ihren Kopf frei von Gedanken und Gefühlen zu machen, brachte sie zur Ruhe. Am meisten wunderte sie sich darüber, dass der neue Fall sie persönlich berührte. Maria hatte gedacht, sie habe die Sache mit ihrem Ex-Mann Andreas abgehakt. Sie begegnete ihm, wenn sie Franzi zu ihm brachte oder er sie abholte – seine Verantwortung als Vater nahm er Gott sei Dank ernst.
Rein äußerlich betrachtet war also alles in Ordnung, allerdings vermied es Maria, über ihren Verflossenen nachzudenken. In der Rückschau betrachtet, kam sie sich dumm und naiv vor. Andreas war ein Frauenheld gewesen – aber erst, als sie längst verheiratet waren und Franzi geboren war, begann sie zu begreifen, dass sie ihn nicht hatte ändern können. Lange Zeit verschloss sie die Augen, redete sich ein, Andreas sei einfach jemand, der schnell Freundschaften schloss, ohne dass etwas dahintersteckt. Sie wollte eine Familie und ihren Job und Andreas war genau der Richtige dafür. Wenn sie ihn darauf ansprach, nahm er sie nicht ernst, stritt es ab und redete ihr ein, sie sei eifersüchtig oder er fand einleuchtende Erklärungen für sein Verhalten. Bis zu dem Nachmittag, als Maria für Andreas unerwartet die Wohnung betrat ...
»Arschloch!«, flüsterte Maria inbrünstig und schob die hässlichen Details der Szene beiseite, als sie Andreas mit der Mutter von Franzis bester Freundin in eindeutiger Pose im Wohnzimmer erwischt hatte.
Besser als sie selbst hatte Paul erkannt, dass ihre persönlichen Erlebnisse hochkämen, wenn sie den Fall von Dr. Eichmüller bearbeiten würde. Es war gut, dass er sie vorher informiert hatte, denn so konnte sie sich innerlich wappnen und ihre Gefühle ausblenden – denn die hatten nun gar nichts bei ihrer Arbeit zu suchen.
Inzwischen hatte sie die Stadt durchquert und stellte ihren Wagen hinter dem roten Gebäude der Polizeiinspektion in der Schornbaumstraße ab. Sie grüßte einen Kollegen der Verkehrspolizei. Bei diesem Wetter hätte Maria sich lieber für einen Einsatz im Außendienst entschieden, anstatt sich mit den Akten zu befassen, die sich während ihres Urlaubs ganz sicher auf dem Schreibtisch angesammelt hatten. Als sie eintrat, warteten im Vorraum drei Besucher. Maria hob grüßend die Hand in Richtung des Kollegen, der Pfortendienst hatte. Er winkte Maria zu sich.
»Morgen, Axel. Was gibt’s?«
Axel deutete auf jemanden. »Besuch für dich.«
Hinter ihr erklang ein Räuspern. Sie wandte sich um.
»Ja?«
»Frau Ammon?« Eine kleine, zarte Blondine von Anfang zwanzig streckte ihr die manikürte Rechte entgegen. Die Farbe der Fingernägel harmonierte perfekt mit dem rosaroten Lippenstift und dem Chiffonschal. Was sie sagte, klang ein wenig, als entweiche zischend die Luft aus einem Gummitier. »Schbinmischelleschmitz.«
Unwillkürlich ergriff Maria die ihr dargebotene Hand. »Grüß Gott, Frau ... Verzeihung, wie ist Ihr Name?«
»Michelle Schmitz.«
»Ah, Frau Schmitz. Was kann ich für Sie tun?«
»’sch bin die Neue.« Sie lächelte – etwas gezwungen allerdings und sah sich dabei um, als fühle sie sich nicht recht wohl in ihrer Haut.
»Die Neue?«, fragte Maria verständnislos. Dann fiel der Groschen. »Ach so. Sie sind die Kriminalkommissarin zur Ausbildung.«
»Genau. Die Azubine.«
Maria lachte über die Ausdrucksweise. Offenbar hatte sie weder einen Hörfehler, noch war Michelle betrunken, sondern die junge Frau besaß einen ausgeprägten Dialekt, der ganz sicher nicht aus dem Süddeutschen stammte. »Kommen Sie mit rein. Entschuldigen Sie, aber heute ist mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub und bis gerade eben wusste ich noch nicht, dass Sie kommen. Ein Kollege hat mich erst vorhin darüber informiert – Axel, Frau Schmitz kommt mit mir.«
»Passt schon.« Der Beamte betätigte den Türöffner.
Maria machte eine einladende Handbewegung.
»Danke«, sagte Michelle und wirkte ein wenig entspannter.
»Hier sind drei Dienststellen unter einem Dach«, informierte Maria Michelle, während sie durch das Gebäude marschierten. »Die Polizeiinspektion Erlangen-Stadt, die Verkehrs- und Autobahnpolizei und natürlich die Kriminalpolizei. Wir machen später noch einen Rundgang, damit Sie alles kennenlernen.«
Als sie im zweiten Stock ankamen, erregten sie und ihre neue Begleiterin natürlich Aufsehen. Daher standen sie bald zu mehreren auf dem Flur herum. Michelle war wortkarg, erwiderte aber freundlich die Begrüßung und sah sich um, während Maria von ihrem Urlaub berichtete.
»Also ich, wenn ich könnt, würd’ nicht ins Ausland fahren im Moment«, sagte Franz Meyer von der Spurensicherung im Brustton der Überzeugung. »Die Schweinegrippe! Die is fei auf Mallorca, hab ich gehört.«
»Schmarrn – des is ein Verdacht«, antwortete Ralf Sollfrank vom KI. »Kam heute früh im Radio. Mach dich nicht gleich narrisch. Ich hätt jedenfalls nichts dagegen, a weng in der Sonne zu liegen.«
Maria vertröstete die anderen auf später, doch bevor sie zu ihrem Büro weitergehen konnte, winkte Friedrich Zirngiebl, der Leiter des KI, sie noch einmal beiseite.
»Am Freitag hatten wir eine Leiche in der Regnitz. Wir vermuten eine der Obdachlosen vom Bahnhof. Vielleicht zu viel getrunken und dann in den Fluss gefallen – nichts Aufregendes. Jochen hat den Fall, aber ich dachte, vielleicht wäre das was für Frau ... wie heißt sie noch gleich? So zum Einstieg?«
»Michelle Schmitz. Ist gut, ich sag’s Jochen. Am besten nehm’ ich den Fall gleich zu mir rüber.«
Schließlich ging Maria in ihr Büro, fuhr den Computer samt Bildschirm hoch und durchkämmte den Posteingangskasten nach den neuesten Unterlagen. Sie wies Michelle den Platz ihr gegenüber an: »Sie können dort sitzen. Meine Kollegin ist vor vier Wochen in Mutterschutz gegangen – es sei denn, Sie legen Wert darauf, den Katzentisch zu benutzen.« Sie deutete auf einen Tisch, der quer vor den beiden Schreibtischen stand und auf dem sich unzählige Akten und Papiere stapelten. »Sagen Sie, würde es Ihnen etwas ausmachen, mir einen Kaffee zu besorgen? Wissen Sie, wo die Küche ist?«
»Finde ich schon. Ist ja alles ziemlich übersichtlich hier.« Kurzerhand drapierte Michelle Jacke und Handtasche über der Stuhllehne. »Milch? Zucker?«
Maria war nicht sicher, ob die Frage schnippisch oder tatsächlich ernst gemeint war. »Schwarz, bitte.«
Als Michelle mit dem Kaffee zurückkam, bedankte sie sich knapp, weil sie gerade Olaf anrief.
»Hier ist Maria. Weiß du zufällig etwas über den Fall Eichmüller?«
»Zufällig war ich der Staatsanwalt, der den Haftbefehl beantragt hat. Ist das etwa jetzt dein Fall?«
