Sündentag - oder: Dreikampf - Sabine Fink - E-Book

Sündentag - oder: Dreikampf E-Book

Sabine Fink

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Beschreibung

Unter ihnen – ein Killer … Am Vorabend des mittelfränkischen Triathlons wird Kommissarin Maria Ammon zu einem Tatort gerufen – ein bekannter Sportladenbesitzer hat sich scheinbar mit einer Wäscheleine selbst stranguliert. Beim Wettkampf am nächsten Tag ist Maria Ammon mitten im Gemenge und wird Zeugin davon, wie mehrere Sportler schreckliche Unfälle erleiden. Sie ist sicher, dass es einen Zusammenhang geben muss. Spuren an der ersten Leiche führen sie schließlich zurück zu einem lang verjährten Fall, bei dem der Tote auch seltsame Zeichen in die Haut geritzt bekommen hatte. Ein Bibelvers gibt der Kommissarin Hinweise darauf, dass jemand glaubt, hier den gerechten Zorn Gottes auszuüben – und dafür Schlachtopfer auszuwählen. Aber was haben diese getan, um so bestraft zu werden? Dieser Regiokrimi erschien bereits unter dem Titel »Dreikampf« und bietet düster-fesselnde Spannung für Fans von Andreas Franz. Jeder Band in der Reihe um Kommissarin Maria Ammon kann unabhängig gelesen werden.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Am Vorabend des mittelfränkischen Triathlons wird Kommissarin Maria Ammon zu einem Tatort gerufen – ein bekannter Sportladenbesitzer hat sich scheinbar mit einer Wäscheleine selbst stranguliert. Beim Wettkampf am nächsten Tag ist Maria Ammon mitten im Gemenge und wird Zeugin davon, wie mehrere Sportler schreckliche Unfälle erleiden. Sie ist sicher, dass es einen Zusammenhang geben muss. Spuren an der ersten Leiche führen sie schließlich zurück zu einem lang verjährten Fall, bei dem der Tote auch seltsame Zeichen in die Haut geritzt bekommen hatte. Ein Bibelvers gibt der Kommissarin Hinweise darauf, dass jemand glaubt, hier den gerechten Zorn Gottes auszuüben – und dafür Schlachtopfer auszuwählen. Aber was haben diese getan, um so bestraft zu werden?

Über die Autorin:

Sabine Fink, geboren 1969 in Dortmund, lebte in Köln, Braunschweig und Hongkong. Sie war in der Erwachsenenbildung tätig, bevor sie mit dem Schreiben von Romanen begann. Heute hat Sabine Fink ihre Wahlheimat in Mittelfranken gefunden, einem besonderen Landstrich, der sie auch zu ihren Büchern inspirierte. Ganz besonders angetan hat es ihr dabei der typisch fränkische Charme der Bewohner und deren Geschichte(n), die immer wieder für eine Überraschung gut sind.

Bei dotbooks veröffentlichte Sabine Fink ihre Reihe um Kommissarin Maria Ammon mit den Krimis »Kainszeichen«, »Judasbrut« und »Sündentag«.

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eBook-Neuausgabe April 2025

Dieses Buch erschien bereits 2015 unter dem Titel »Dreikampf« bei Gmeiner, Meßkirch

Copyright © der Originalausgabe 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH, Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch, Telefon 0 75 75/20 95-0, [email protected]

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung von einen Motiven von Adobe Stock (Martin Morgenweck, Gian Marco Bianchi)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)

ISBN 978-3-98952-657-0

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Sabine Fink

Sündentag

Kriminalroman

dotbooks.

AUFWÄRMEN

Es.

Es. Wacht auf.

Es. Ist gefesselt. An den Händen. An den Füßen.

Es. Muss die Augen schließen. Nicht öffnen. Niemals.

Es. Zittert.

Es. Hat Angst. Immer Angst.

Es. Hat Schmerzen.

Warum. Muss. Es. Leiden?

Es. Darf nicht schreien. Verboten! VERBOTEN!

Es. Will nicht. Leiden.

Es. Muss. Muss da sein.

Es. Muss. Weiteratmen. Aushalten. Durchhalten.

Damit. Es. Überlebt.

Es.

Ist.

Jetzt.

Am.

START.

***

Ich weiß nicht, wie alt ich damals war.

Es war Sommer und es war mitten in der Nacht. Der Vollmond stand am sternenklaren Himmel. Wie in einem alten Schwarz-Weiß-Schinken beleuchtete er Ronnies Gesicht, auf dem sich ein dämliches Grinsen breit gemacht hatte. Er stand ungefähr zwei Meter neben mir, während ich auf der Wiese saß. Der Nachtwind strich über meinen Kopf, auf dem sich jedes einzelne meiner kurz geschorenen Haare aufstellte. Ich fröstelte. Hinter mir erhob sich dunkel der Wald und vor mir spiegelten sich Mond und Sterne im Wasser des kleinen Badesees. Ronnie bückte sich, um eine Zigarettenschachtel aus seiner am Boden liegenden Hose zu nehmen. Er war ein Jahr älter als ich. Größer, stärker, mehr Muskeln als Fett. Außerdem waren wir beide nackt. Und nass, denn wir waren im Wasser gewesen, als es passierte. Klebriges Blut blieb an meinem Handrücken haften, als ich mir vorsichtig über die Nase wischte. Unscheinbar war es, grau, wie die nächtliche Welt um uns herum.

»Stell dich nicht so an«, sagte Ronnie gerade. »Gebrochen ist deine Nase nicht.«

»Ich weiß.« Meine Stimme klang unsicherer als beabsichtigt.

»Mann, du bist echt strunzdumm. Hättest halt deinen Arsch einfach still gehalten, bis ich fertig war.«

»Du hattest deinen Arm um meinem Hals. Ich hab fast keine Luft gekriegt.«

»Ach.« Lässig winkte er ab. »So kurz vorm Ersticken gibt es einen extra geilen Kick.«

»Hast du das schon selbst ausprobiert?«

»Quatsch.«

»Woher weißt du das dann?«

»Dreimal darfst du raten.« Seine Zähne leuchteten weiß in der Dunkelheit.

»Oh.« Natürlich. Von ihm.

»Hmhm. Ich soll mal vorbeikommen, hat er gesagt. Dann zeigt er mir noch viel geilere Sachen.«

Ich wusste genau, was er Ronnie zeigen würde. Ich sah ihn nicht an, sondern betrachtete das Blut auf meinem Handrücken. »Hat es dich angemacht, dass ich mich gewehrt habe?«

»Ja«, gab er schulterzuckend zu. »Ey, hab dich nicht so. Ich war gar nicht brutal und außerdem hat es dir ziemlich gut gefallen.«

»Hat es das?« Das Blut hatte eine lange, schmale Spur hinterlassen. Spitz zulaufend, wie die Klinge eines Dolches, kopfüber auf meiner Hand skizziert.

»Ja klar, sonst hättest du doch nicht so gestöhnt. Ohhh, ahhh, jaaaahhh.« Übertrieben ekstatisch verdrehte er dabei die Augen, während er mit dem Becken eindeutige Bewegungen machte.

»Ich hab gesagt, hör auf!«

»Das hast du doch gar nicht so gemeint. Morgen tut dein Arsch nicht mehr weh und deine Nase hört gleich schon auf zu bluten.«

Ich stieß einen Laut aus, nicht ganz ein Knurren.

»Hier, zieh mal, dann kommst du wieder runter.« Ronnie reichte mir die glühende Zigarette.

Ich schüttelte den Kopf. Schneller, als ich ausweichen konnte, hatte er mit der glühenden Spitze meine Wange gestreift. Mit einem Schmerzlaut fuhr ich zurück. Er wieherte vor Lachen.

»Jetzt nimm schon.«

Kurz und viel zu heftig sog ich an der Zigarette. Ein Hustenanfall überrollte mich.

»Sei leise«, fauchte Ronnie. »Sonst kriegt noch einer mit, dass wir hier sind. Du hast ja gerade schon genug Lärm gemacht.«

»Das Dorf ist doch weit genug weg.«

Außerdem kannte uns hier sowieso niemand, denn es waren über zwölf Kilometer, die wir mit unseren Fahrrädern bis hierher gefahren waren. Es war mein Vorschlag gewesen, nachdem Lili mir gesagt hatte, welche abstoßende Neigung er unter der launigen Fassade verbarg, die er den anderen gegenüber zeigte. Sie sagte, Ronnie würde nicht unterscheiden, an wem er es ausprobierte. Sie hatte recht behalten.

Ich nahm noch zwei Züge und unterdrückte das Husten, als ich Ronnie die Zigarette zurückgab. Mein Herz pochte heftig und mein Atem ging schnell. Das lag nicht am Nikotin. Es war pures Adrenalin, das mich fest im Griff hatte. Adrenalin, das in einem Sekundenbruchteil meinen Blutdruck in die Höhe schnellen ließ, meinen Puls beschleunigte, um meinen Körper mit der Energie zu versorgen, den er benötigen würde, um das Wild zu jagen. Nur, dass hier am See gar kein Wild war, sondern nur Ronnie.

Ronnie.

Er war brutal gewesen. Zu brutal für einen Jugendlichen, aus dem bald ein Mann werden würde. Ein großer, starker Mann, mit einer Vorliebe, die eines Tages grausame Auswüchse annehmen würde. Den letzten Beweis hatte er mir gerade geliefert.

Ich kroch auf meinen Kleiderhaufen zu, Ronnie beachtete mich gar nicht. Der Griff des Springmessers schmiegte sich fest in meine Hand. »Ich geh noch mal schwimmen. Kommst du mit? Oder ist dir zu kalt?« Meine Stimme klang immer noch viel zu hoch.

»Mir? Im Leben nicht!«

Er drückte die halb gerauchte Zigarette am Steg aus und steckte sie zurück in die Schachtel. Dann stieg er in das dunkle Seewasser. Silbrige Wellen breiteten sich um seinen Körper aus. Als ich ihm nicht gleich folgte, drehte er sich zu mir um.

»Wem ist jetzt kalt?«

Neben ihm ließ ich mich vom Steg ins Wasser gleiten. Langsam. Ein bisschen lasziv. Der Badesee war nicht tief, man konnte überall stehen. Zwischen meinen Zehen quoll der Schlamm auf.

»Machen wir ein Wettschwimmen«, schlug ich vor.

»Du verlierst doch sowieso. Wobei, Fett schwimmt ja eigentlich oben.« Er gackerte. »Ich gebe dir Vorsprung. Aber wenn ich zuerst an der Insel bin, dann hältst du deinen Arsch noch mal für mich still. Diesmal bin ich auch ganz sanft.« Er zuckte vielsagend mit seinen Augenbrauen.

Ich sah ihn an. Und schüttelte den Kopf. »Das brauchst du nicht.«

»Wusste ich’s doch!«, sagte er im Brustton der Überzeugung. »Wolltest du vorhin nur nicht zugeben.«

Ich zog meine Mundwinkel nach oben, dann holte ich tief Luft und machte die ersten Schwimmzüge. Brustschwimmen. Das war das Einzige, was ich konnte. Natürlich hatte ich keine Chance gegen Ronnie, dem die Kraulzüge so einfach gelangen wie anderen das Gehen. Aber das machte nichts. Langsam. Langsam. Ich hatte keine Eile. Und Ronnie hätte auch keine Eile gehabt, wenn er geahnt hätte, was ihn erwartete. Als er näherkam, wandte ich mich um, suchte mit meinen Füßen Halt im schlammigen Boden des hüfttiefen Wassers und fletschte die Zähne. Vielleicht hielt er es für ein Lächeln.

Er sah es nicht, sah nicht das Messer in meiner Hand.

Einen Sekundenbruchteil schien es, als wolle er mir etwas sagen, doch er kam nicht mehr dazu. Aus seinen weit aufgerissenen Augen schrie mir seine Panik entgegen. Selbst schreien konnte er nicht. Er brachte nur ein Gurgeln zustande. Mit den Händen am Hals versuchte er das Blut zu stoppen, das unaufhaltsam aus seiner zerfetzten Kehle sprudelte. Es war dunkler als das Wasser, das er mit seinen Bewegungen zu einer monochromen Sinfonie aus glitzernden Wellen aufwühlte und dabei zappelte, wie ein Fisch im Netz. Es dauerte nicht lange, bis seine Beine nachgaben und er ins Wasser sank. Behutsam fing ich ihn auf, hielt seinen Kopf und erklärte ihm flüsternd, warum ich keine andere Wahl gehabt hatte. Ich küsste seine Stirn, während sein Blick brach, und schloss ihm anschließend sanft die Lider.

Verloren, Ronnie.

Die nächste Zeit verbrachte ich damit, durch das stille Wasser des Sees zu waten, um den Adrenalinschub langsam abflauen zu lassen, Ronnie dabei mit mir ziehend. Seinen Kopf hielt ich möglichst tief unter Wasser, damit die Schwerkraft dabei half, das Blut aus ihm heraus zu spülen. Kreuz und quer glitt ich umher, verteilte das Blut im Seewasser, sodass am nächsten Tag nichts mehr davon zu sehen sein würde.

Auf der kleinen Insel kletterte ich schließlich aus dem Wasser und zog seinen Körper ein Stück auf die kühle Erde. Im Schneidersitz ließ ich mich nieder. Der Wind trieb mir eine Gänsehaut über den Rücken, aber jetzt war mir nicht kalt.

Auch ohne das helle Licht des Vollmonds hätte ich die erhabenen Hautstellen gefunden, die sich auf meiner Brust befanden. Mit der Spitze des Messers zog ich die Linien nach, gerade tief genug, dass Blut hervorquoll. Zu Hause würde ich sie mit Zitronensaft und Vaseline einreiben und mit einer Zahnbürste bearbeiten, damit sich die Wunden nicht zu schnell schlossen.

Sie hatten mich zu dem gemacht, der ich war.

Am Himmel erscheint das Schwert des Herrn. Seht her, es fährt auf Edom herab, auf das Volk, das der Herr im Gericht dem Untergang weiht.

Meine Fingerspitzen glitten über Ronnies Gesicht, über die bleichen Gesichtszüge mit den hohen Wangenknochen, die von surrealer Schönheit waren. Die klaffende Wunde an seinem Hals störte das Bild nicht, sondern gab ihm eine Note expressionistischer Anmut.

Ich wünschte, ich hätte ihn so zeichnen dürfen, festhalten für die Ewigkeit. Doch es war zu gefährlich. Aber ich konnte dieses Bild in meinem Gedächtnis bewahren.

Für immer würde ich Ronnie dann bei mir haben. Mit zwei Fingern straffte ich die Haut, um präzise mit dem Messer meine Zeichen auf seine Brust zu ritzen. Vorsichtig entfernte ich die oberste Hautschicht zwischen den Umrissen. Ronnie blutete nicht. Nicht mehr.

»Tut mir leid, Kumpel«, sagte ich leise, als ich fertig war, und meinte es auch so.

Aber Ronnie hatte die Saat des Bösen in sich getragen. Er hatte sie Ronnie eingepflanzt und sie war aufgegangen.

Doch deshalb bin ich da.

Ich bin der Kläger.

Ich bin der Verführer.

Ich bin der Zerstörer.

Ich bin.

SAMAEL

Ich stieg zurück ins Wasser, Ronnies Leiche nahm ich mit.

DER ABEND VOR DEM RENNEN

Mit geschlossenen Augen verharrte Maria barfuß auf dem kühlen Gras. Schlag um Schlag pulsierte das Blut durch ihre Adern. Schließlich blinzelte sie. Nachdem die Sonne untergegangen war, hatte sich dämmeriges Zwielicht über den Landstrich gesenkt. Sie wartete, bis ihre Pupillen sich geweitet hatten und durch das Abebben des Adrenalinstoßes sich auch ihr Herzschlag allmählich wieder beruhigte. Es war sicher nicht das letzte Mal, dass die Aufregung sie so unvermittelt überfiel. Sie spürte förmlich, wie die Luft ringsherum aufgeladen war mit den Vorboten des kollektiven Adrenalinrauschs.

Am Vorabend des alljährlich am zweiten Juliwochenende im mittelfränkischen Roth stattfindenden Challenge-Triathlons war Maria nämlich nur eine von vielen, die vor Aufregung schier platzten.

Das Gelände rund um die Mehrzweckhalle in Eckersmühlen hatte sich in den vergangenen Tagen in ein Heerlager aus Zelten, Wohnmobilen und Autos verwandelt, auf dem Sportler sich mit ihren Familien und Freunden sowie eine erkleckliche Anzahl Schlachtenbummler häuslich niedergelassen hatten. Die Halle war zu einem riesigen Bettenlager umfunktioniert worden und nicht nur in der Umgebung des Gebäudes, sondern in ganz Eckersmühlen – nein, sogar im gesamten Landkreis um Roth – summte und brummte es wie in einem Bienenstock.

Eigentlich hatte Maria Ammon, Kriminalhauptkommissarin beim KI in Erlangen, vorgehabt, sich das Spektakel mit ein paar Kollegen als Zuschauerin anzusehen und die Teilnehmer der Polizeistaffeln gebührend anzufeuern. Doch rund drei Wochen zuvor hatte sie über ihren alten Freund Paul Holzapfel einen kollegialen Hilferuf vom PP Mittelfranken erhalten: Ein Staffelläufer hatte sich beim Training das Außenband gerissen und so hatte Maria zugesagt, seinen Part, den Marathonlauf über 42,195 km, zu übernehmen. Mehr als einmal hatte sie seitdem Zweifel gehabt, ob sie sich mit ihrer Zusage nicht doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, denn bislang hatte sie nur an einigen Halbmarathons teilgenommen. Ihre beiden Staffelkollegen, die 3,8 km Schwimmen und 180 km mit dem Rennrad vor sich hatten, hatten jedoch gemeint, dass ihre angepeilte Zeit keine Rolle spielen würde, denn ohne sie könnten sie schließlich überhaupt nicht starten. Es beruhigte Maria allerdings nur unwesentlich, doch ankommen würde sie ganz sicher irgendwie – und wenn sie am Ende einen Teil der Strecke einfach gehen würde!

Ihr Start als Staffelläuferin war erst am Sonntagnachmittag in der Wechselzone zwei am Ortsausgang von Roth, wo ihr Radfahrer den Zeitmesschip an sie weitergeben würde. Allerdings hatte sie vor, zusammen mit einer ganzen Reihe Kollegen, die ebenfalls hier am Eckersmühlener Sportplatz campierten, rechtzeitig vor dem ersten Schwimmstart um 6:30 Uhr am Kanal zu sein. Sämtlicher Nervosität zum Trotz, sollte sie daher zusehen, dass sie zeitig ins Bett respektive auf ihren Teil der Luftmatratze kam, die sie sich mit ihrer jungen Kollegin Michelle teilte.

Die Luft war abgekühlt, daher fröstelte sie leicht, als sie ein Zwei-Mann-Zelt umrundete, vor dem ein durchtrainiertes Pärchen gerade ein paar letzte Dehnübungen machte. Beide trugen das Plastikband um das Handgelenk, an dessen roter Farbe man sie als Einzelstarter erkennen konnte. Marias blaues Band wies sie als Staffelläuferin aus. Ein vorbeigehender Sportler rief den beiden etwas zu, die ausgelassen lachten.

Wo man hinsah, begegnete man in diesen Tagen freundlichen Gesichtern, überall hörte man Lachen und launige Scherze und fand sich plötzlich mit Wildfremden in angeregtem Gespräch wieder. Maria unterdrückte ein Gähnen und bewegte die Schultern, während sie abbog, um in Richtung des Eingangs zur Halle zu gehen, in deren Untergeschoss sich die Waschräume befanden. Morgen um diese Zeit wäre entweder bereits alles vorbei und sie feierte mit ihren Staffelkollegen im Zielbereich – oder sie würde mit lahmen Beinen auf den letzten Kilometern dem Ziel im Stadtpark entgegenhumpeln, immer in der Hoffnung, dass sie noch rechtzeitig zum Abschluss-Feuerwerk um 22 Uhr ankam. Eigentlich keine schlechte Uhrzeit, überlegte sie, denn das eigens für das Ereignis errichtete Stadion wäre dann voll besetzt und auch die letzten eintreffenden Sportler wurden bejubelt, als seien sie Sieger des Wettbewerbs.

Der gellende Schrei einer Frau ließ sie zusammenzucken. In einem Wimpernschlag gefror die eben noch friedliche Szenerie, als hätte jemand bei einem Film die Stopp-Taste gedrückt. Dem Schrei war der blanke Horror anzuhören. Maria, die ebenfalls für einen Sekundenbruchteil innegehalten hatte, reagierte als Erste.

Gewohnheit, dachte sie, als ihre Beine sich wie von allein in Bewegung gesetzt hatten, während das Adrenalin wieder ungebremst durch ihren Körper pulsierte. Vorbei an einigen Menschen, die gerade erst aus ihrer Starre erwachten, sich aber ebenso rat- wie ziellos bewegten, preschte sie zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter ins Untergeschoss.

Aus dem Männerklo erklang hysterisches Geschrei, von dem zunächst nur einzelne Worte zu verstehen waren und die in ein Stakkato aus Zurückweisung mündeten.

»Hilfe ... Dirk ... Gott ... Nein! Nein. Neinneinneinneinnein ...«

Rigoros drängte sich Maria an einigen Männern vorbei, die sich unten im Flur oder auf der Treppe befunden hatten, und eilte auf eine blonde Frau zu, die verzweifelt an einer Kabinentür rüttelte, unter der das leere Bein einer Trainingshose herausschaute.

»Mach auf! Dirk! DIIIIIRK!«

Behutsam legte Maria der Frau die Hand auf den Rücken, um auf sich aufmerksam zu machen. »Was ist los?« Routiniert erfasste sie gleichzeitig mit einem Rundumblick die Situation.

Keine unmittelbare Gefahr!

Zwei Kabinen weiter öffnete sich eine Tür. Ein milchkaffeebrauner Sportler mit schwarzem Vollbart und Rastafrisur trat heraus. »Awoha! Whapp’m?«

Maria beachtete ihn nicht, denn sie hatte in diesem Moment die Frau erkannt. »Frau Gottwald?«

Die Frau reagierte nicht, sondern hämmerte weiter schreiend an die Kabinentür.

»Frau Gottwald! Jacky!« Sanft, aber bestimmt, fasste Maria die Frau an der Schulter, um sie leicht zu rütteln. »Ich bin eine Kundin von Ihnen. Mein Name ist Maria Ammon. Sprechen Sie mit mir!«

Endlich sah Jacky Gottwald sie an. »Was?«

»Ich bin Maria Ammon«, wiederholte Maria. »Was ist passiert?«

»Was ... oh ... ich ... oh Gott. Helfen Sie ...« Ihre Stimme kippte bei den letzten Worten, während sie wieder an die Tür trommelte. »Er ist da drin. Dirk. Das ist seine Hose. Er antwortet nicht. Und da ... sehen Sie nur ...« Zitternd deutete sie auf den Spalt unterhalb der Kabinen, wo die auffällige Trainingshose lag, die denselben Blaumetallic-Ton mit weißen Applikationen aufwies wie ihr eigener Trainingsanzug.

Maria musste sich bücken, um die Fingerspitzen einer Hand zu sehen, die schlaff von oben herabbaumelte. Auf dem Boden war übelriechende Flüssigkeit und etwas, das nach menschlichen Exkrementen aussah – und auch so roch.

»Allmächd!«, entfuhr es Maria, während sie sich schon auf die Knie niederließ.

Schnell fanden ihre Finger den Punkt am Handgelenk, an dem normalerweise der Puls fühlbar war. Schon der fehlende Muskeltonus verhieß nichts Gutes. Sie verschob das rote Starterband, suchte und spürte ... nichts.

»Scheiße«, murmelte sie, als sie wieder auf die Beine kam.

Der zitternden Jacky Gottwald rannen die Tränen über das Gesicht. »Was?«, fragte sie beinahe tonlos.

»Ich werde nachsehen. Bleiben Sie einfach hier stehen.«

Die Unterlippe zwischen den Zähnen konnte Jacky nur nicken.

Inzwischen hatten sich eine Menge Leute in den Raum gedrängt. Zu viele, fand Maria.

»Sie!« Sie deutete auf den Rastafari, der sich gerade die Hände abtrocknete und dabei interessiert zu ihr herüberblickte. »Helfen Sie mir! Räuberleiter!« Sie gestikulierte, was sie von ihm wollte. »Ich will da rüber. Und Sie ...« Wahllos deutete sie zuerst auf einen Mann mit Baseballcap, der jedoch die Schultern hochzog und sich lieber verdrückte, dann auf einen bebrillten älteren Herrn, der an vorderster Front einer Traube Männer stand, die nach ihr in den Waschraum geströmt waren. »Rufen Sie einen Notarzt! Schnell!«

Verdutzt, dass die Wahl ausgerechnet auf ihn gefallen war, sah der Ältere sie an und machte keine Anstalten, sich zu rühren.

»Nun schauen’s nicht so wie ein Acherla, wenn’s blitzt! Machen Sie schon!«

»Aber ich hab doch kein ... Hat vielleicht jemand ein Handy?« Hilfesuchend wandte er sich an die Umstehenden, von denen gleich mehrere ein Telefon zückten. Zufrieden bemerkte Maria, dass auch der Rastafari schon bereitstand.

»Geht doch«, murmelte sie.

Jacky war einen Schritt beiseitegetreten und beobachtete steif wie eine Statue, was Maria tat.

»Kann ich da vielleicht endlich mal durch?«, rief jemand von weiter hinten. »Ich muss dring ...«

Maria, die gerade den Fuß auf die verschränkten Hände des Rastafaris gesetzt hatte, holte Luft zu einer Antwort, doch ihr Helfer war schneller.

»Hush yuh mouth, bwoy! Go t’e ladies«, dröhnte er laut.

Den aufkommenden Tumult hinter ihr ignorierend, zog Maria sich mit beiden Händen an der Oberkante der Toilettentür hoch. Mit einer Hand stützte der Mann derweil ihren Fuß, mit der anderen gab er ihr durch einen beherzten Griff an ihr Bein ausreichend Halt, damit sie über den oberen Rand der Kabinenabtrennung blicken konnte. Was sie dort sah, ließ sie innehalten. Auch, wenn sie nichts anderes erwartet hatte, war sie bestürzt.

»Problems?«, fragte der Mann, der sie nicht losgelassen hatte, sodass sie eine sichere Position hatte.

»Allerdings«, murmelte Maria. »Bleiben Sie da stehen ... Wait here, please, I’ll get over.«

Er ließ sie los, während sie ihre Beine und ihren restlichen Körper irgendwie hinüberbugsierte. Vorsichtig ließ sie sich innen heruntergleiten, bis ihre Füße den zugeklappten Klodeckel berührten. In der Hocke blieb sie dort und blendete sowohl Jackys besorgte Nachfrage als auch die anderen aufgeregten Stimmen weitgehend aus. Nur die Antworten des Dunkelhäutigen in seinem englischen Slang drangen hin und wieder zu ihr durch.

»Oh, je«, murmelte sie. »Oh, je.«

Der Hals des Mannes steckte in einer Schlinge, die an der Türklinke befestigt war. Es war mehr Formsache, dass Maria die Hand ausstreckte, um sie unter seine Nase zu halten, um vielleicht doch noch einen Atemhauch zu spüren. Zwecklos. Seine halboffenen Augen traten weit hervor, Teile der Gesichtshaut waren unschön verfärbt und sein Schließmuskel hatte versagt. Es stank nach Kot und Urin. Das, was sie befürchtet hatte, seitdem sie den Puls am Handgelenk des Mannes nicht gefunden hatte, hatte sich bestätigt. Dirk Gottwald, Geschäftsführer von Sport Gottwald aus Herzogenaurach, war tot.

Vorsichtig klopfte jemand an die Tür.

»E’vryting okay?«

Es war die Stimme des Dunkelhäutigen.

Maria bemühte sich, möglichst leise zu sprechen. »Nein. Rufen Sie die Polizei ... Call the police ... and ... everybody except you shall leave the room. Then shut the door!«

Ein kurzes Zögern. »Okay.«

Jacky, die offenbar auch begriffen hatte, schluchzte panisch auf. »Oh mein Gott ... Dirk!«

Während sie hörte, wie der Mann in einem beruhigenden Singsang auf Jacky einredete, während er nachdrücklich Marias Anweisungen in die Tat umsetzte, betrachtete sie den Leichnam. Natürlich hatte sie keine Latexhandschuhe dabei, daher beschränkte sie sich auf das Notwendigste. Den Rest würden sowieso ihre Kollegen erledigen. Die Haut fühlte sich noch normal warm an und die Totenstarre war noch nicht eingetreten, also war Dirk Gottwald maximal ein bis zwei Stunden tot. Wahrscheinlich deutlich weniger. Im Waschraum herrschte ein beständiges Kommen und Gehen.

Wie schrecklich, auf diese Weise zu sterben, dachte Maria betroffen.

Auf den ersten Blick gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung und auch die von innen verschlossene Tür sprach dafür, dass er allein gewesen war. Er hatte ein gewöhnliches Stück Kunststoffwäscheleine benutzt, wie sie momentan zuhauf zwischen den Bäumen rund um die Mehrzweckhalle hing, und seine Haut am Hals mit einem Schlauchtuch geschützt. Sein Gesäß schwebte ein Stück über dem Boden, seine Beine lagerten etwas verdreht links und rechts neben der Kloschüssel. Seine Hose sowie auch seine Unterhose hatte er ausgezogen. Um Hoden und Penis hatte er ebenfalls ein kleines Stück Wäscheleine mit einer Schlinge festgezogen. Er hatte wohl nicht vorgehabt zu sterben, doch dummerweise hatte er das Bewusstsein verloren – anstatt durch den Sauerstoffmangel einen sexuellen Kick beim Masturbieren zu erleben.

Warum tut jemand so etwas?, fragte sich Maria, die ihn aus dem großen Sportgeschäft in Herzogenaurach flüchtig kannte.

Sie wusste kaum etwas über ihn, außer, dass er Kunden gegenüber freundlich und zuvorkommend gewesen war und das Geschäft seit dem Schlaganfall seines Vaters zusammen mit dessen zweiter Frau Jacky weitergeführt hatte.

Alles in allem eine furchtbare Angelegenheit, ausgerechnet am Vorabend des heiteren, wenn auch harten Wettbewerbs. Gewohnheitsmäßig sah sie sich noch in der Kabine um. Sie notierte im Geiste, dass der Deckel bereits zugeklappt gewesen war, als sie sich herunterließ. Neben der Schüssel lag ein Haufen Klopapier auf dem Boden. Auf einem zerfetzten und von Flüssigkeit durchweichtem Stück schien mit rot etwas gezeichnet, das einem Herz ähnelte, das von drei Pfeilen oder etwas Ähnlichem durchbohrt wurde. Ein Krakel ähnelte einem Schreibschrift m, eines war ein undefinierbarer Schnörkel, und eins schien das Zeichen für »männlich« zu sein. Weitere Buchstaben oder Zahlen, die noch darauf gestanden hatten, waren durch die Flüssigkeit bereits unleserlich. Die Klobürste klemmte halb umgekippt zwischen Dirk Gottwalds linkem Fuß und der Wand, und die Flüssigkeit aus dem Behälter bildete eine unansehnliche Lache. Ein paar Kritzeleien auf der Tür »Lena forever« und »Fuck«, darunter zum ankreuzen »me«, »you« und »off« sowie mehr oder weniger gelungene Zeichnungen von Geschlechtsteilen. Alles in allem nichts, das nicht auch in unzähligen anderen Turnhallentoiletten zu finden gewesen wäre. Maria überlegte, die Kabine durch Tür zu verlassen, entschied sich dann aber aus purer Gewohnheit dagegen, um ihren bald eintreffenden Kollegen einen möglichst unveränderten Ort zu überlassen. Ein Suizid war ihrer Ansicht nach am wahrscheinlichsten. Auf demselben Weg wie sie gekommen war, kletterte sie wieder zurück.

Ohne Unterstützung war es nicht ganz so leicht, sich über die Umrandung zu schlängeln.

»Ja, leckt’s mi doch ...«

Flink streckte der Rastafari die Hände nach ihr aus und hob sie leicht wie eine Puppe herunter. Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, atmete sie tief durch.

»Danke.« Sie strich sich ihre roten Haare zurück, die ihr nach der Kletterpartie ins Gesicht hingen.

»’s he dead?«, fragte der Rastafari, der mehr als einen halben Kopf größer war als Maria.

Sie nickte betrübt. »Nichts mehr zu machen.«

»Puppa Jesus!« Mit beiden Händen rieb er sich über seinen Vollbart. Vom Aussehen her erinnerte der Mann sie an eine jüngere Ausgabe des Sängers Bobby McFerrin. »Wha’ happend?«

Maria wollte keine Details nennen, daher fragte sie: »When did you come here?«

»Dunno. Few minutes ago.«

»Have you seen or heard something ... äh ...« Maria suchte nach dem richtigen Wort für ›verdächtig‹, das ihr partout nicht einfallen wollte.

»Suspicious? No. Nothing. Ar yuh police officer?«

Flüchtig lächelte Maria. » Yes. But off-duty. «

Ihr Lächeln ebenso knapp erwidernd, machte er eine vage verneinende Kopfbewegung. »Yuh ar neva off-duty.« Draußen waren jetzt Sirenen zu hören. »I betta hit t’e hay ... ha’to sleep.« Er deutete auf sein Handgelenk, an dem das rote Teilnehmer-Band zu erkennen war.

»What’s your name?«, wollte Maria wissen, doch in diesem Moment stürmten Sanitäter und Polizeibeamte in den Raum.

Der Mann machte Platz, indem er zur Tür ging. Während Maria den Hereinkommenden zurief, der Mann sei tot und sie sollen daher Obacht wegen der Spuren geben, hielt er noch einmal inne und drehte sich zu Maria um. »Good night, dondonnet.«

Sie wollte ihn zurückhalten, doch sie hatte alle Hände voll zu tun, Jacky daran zu hindern, ebenfalls hineinzukommen, denn den unweigerlich folgenden Anblick wollte sie der Frau ersparen. Möglichst schonend versuchte Maria ihr die näheren Umstände des Todes beizubringen. Während sie vor der Tür die ungläubig schluchzende Jacky im Arm hielt, schilderte sie einem Beamten das Gleiche noch einmal und beantwortete seine Fragen.

»Also, Frau Ammon vom K1 in Erlangen. Telefon?« Der Beamte, der sichtlich froh war, in Maria eine Unterstützung zu haben, notierte sich alles. »Und dieser Mann, der Ihnen geholfen hat?«

»Ein Schwarzer mit Rastalocken. Er sprach nur Englisch. Er sagte, er war nur ein paar Minuten hier und hat nichts mitbekommen.«

»Haben Sie seinen Namen?«

»Nein, tut mir leid«, sagte Maria ehrlich zerknirscht. »Er war so schnell fort.«

»Und Dirk ist wirklich tot?«, fragte Jacky in diesem Moment zum wiederholten Male mit tränenerstickter Stimme.

Maria hatte das Gefühl, Jackys grazilen Körper zu zerbrechen, sobald sie nur ein wenig zu fest zudrückte. »Soll ich vielleicht die Sanitäter um ein Beruhigungsmittel für Sie bitten, Frau Gottwald?«

Zitternd atmete Jacky aus, löste sich aus Marias Umarmung und ihre Haltung straffte sich zusehends. Energisch rieb sie sich mit dem Handrücken über die Augen, dann holte sie tief Luft. »Nein, danke. Es geht schon ... Oh Gott.« Sie wankte kurz, hatte sich aber gleich wieder im Griff.

»Sind Sie allein hier?«, erkundigte sich Maria, die unwillkürlich die Hand ausgestreckt hatte, um Jacky zu stützen. Sie zog sie jedoch zurück, weil sie spürte, dass das nicht mehr erwünscht war.

»Nein. Dirk ist ... war als Einzelstarter gemeldet, außerdem haben wir vom Geschäft eine Staffel organisiert, die morgen startet und ich bin für die Organisation, das Drumherum verantwortlich. Sie wissen schon, damit die Jungs zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind, ihre persönliche Verpflegung an den Stationen zur Hand haben und so weiter.«

»Und Ihr Mann?«

Jacky schluckte hart, hatte ihre Stimme aber immer besser im Griff. »Helmut wäre gern mitgekommen, aber wegen seiner Behinderung ist er nicht gern über Nacht außerhalb unseres Hauses und morgen den ganzen Tag unterwegs zu sein, wäre zu anstrengend für ihn.«

»Natürlich«, sagte Maria verständnisvoll. Helmut Gottwald war seit einem schweren Schlaganfall halbseitig gelähmt. Sie ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie fortfuhr: »Jacky, Sie waren ja im Waschraum, als ich dazu kam. Also hatten Sie die Befürchtung, dass mit Ihrem Stiefsohn etwas nicht in Ordnung ist?«

Beklommen nickte Jacky. »Dirk war ... er war ziemlich lange weg. Es ging ihm nicht besonders gut in letzter Zeit. Er betonte immer wieder, alles wäre in Ordnung, aber Sie wissen ja, wie Männer manchmal sind.« Einer ihrer Mundwinkel hob sich minimal. »Es gab viel zu tun im Geschäft, dann das harte Training. Er wollte unbedingt eine Zeit unter zehn Stunden schaffen.«

»Jessas«, brummte der Polizist. »Was für eine Plackerei.«

»Dirk war sehr ehrgeizig in allem, was er tat«, fuhr Jacky fort. »Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht ... er war deprimiert, weil sein Freund ... also sein Lebensgefährte ... in letzter Zeit lief es nicht so gut zwischen den beiden. Marko wollte eigentlich mitkommen, aber sie hatten Streit und er blieb daheim.« Jacky zuckte mit den Schultern. »Irgendwann sagte Dirk, er müsse noch etwas erledigen. Zuerst habe ich mir keine Gedanken gemacht, dann dachte ich, Marko sei vielleicht doch gekommen, weil sie sich versöhnt haben, und er habe sich mit ihm getroffen. Ich war selbst unterwegs, spazieren, die Blumenwiesen blühen im Moment so herrlich, wissen Sie. Als ich zurückkam, habe ich versucht Dirk anzurufen, aber er hatte sein Handy nicht mitgenommen. Es lag im Wohnmobil. Jedenfalls habe ich mir Sorgen um Dirk gemacht, ich habe ihn gesucht und dann ... dann sah ich seine Hose da im Männerwaschraum auf dem Boden und ... und ... vielleicht, wenn ich früher ...« Sie brach ab.

»Es war ein Unfall«, sagte Maria sanft. Sie verkniff sich die im Grunde belanglose Phrase, dass Jacky sich keine Vorwürfe machen sollte. Sie würde es trotzdem tun.

»Ich fahre heute Abend noch heim. Die Jungs von der Staffel ... Ich werde es ihnen sagen und wenn sie morgen trotzdem starten wollen, müssen sie ohne mich klarkommen. Marko und mein Mann sollten es so schnell wie möglich erfahren.« Jacky stockte. »Und ich will es ihnen lieber selbst sagen.«

»Haben Sie jemand, der mit Ihnen geht?«, erkundigte sich Maria. »Sie sollten das nicht allein tun.«

Ein winziges, trauriges Lächeln huschte über Jackys Lippen. »Es wird ein schwerer Schock für beide. Oh Gott, ich darf gar nicht daran denken. Ich werde unseren Hausarzt anrufen. Er kennt meinen Mann schon lange und kann ihm entsprechende Medikamente geben, falls ... es nötig sein wird.«

»Möchten Sie, dass jemand Sie nach Hause bringt, Frau Gottwald?«, erkundigte sich der Polizist freundlich.

Jacky schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich ... schaffe das schon. Kann ich ... kann ich ihn jetzt noch einmal sehen?«

Maria und der Polizist wechselten einen schnellen Blick. »Sind Sie sicher, dass Sie sich das antun möchten?«

Mit zusammengepressten Lippen starrte Jacky vor sich hin, dann nickte sie entschlossen. »Bin ich.«

Der Polizist nickte. »Dann kommen Sie. Sie dürfen allerdings nichts anfassen.«

Als sich die Tür des Waschraums schloss, atmete Maria tief durch.

»Was ist denn hier los?«

Maria wandte den Blick nach oben. »Michelle?«

»Höchstselbst! Darf ich mal durch?« Eine sportliche Blondine von Anfang 20 drängelte sich energisch an den Leuten vorbei, sprach einen Polizeibeamten an, der oben an der Treppe Wache schob, damit der Schauplatz im Keller nicht durch unnötig viele Schaulustige gestört wurde.

Der Beamte sah zu Maria, die winkte und rief: »Kollegin! Passt schon!«, woraufhin Michelle flink die Treppenstufen hinuntersauste. Neugierig reckte sie den Hals, um einen Blick in den Männerwaschraum zu erhaschen, wo sich gerade wieder die Tür öffnete.

Mit einem »Pffffffff« stieß Maria die Luft aus und ließ ihren Kopf auf Michelles Schulter sinken. »Ausgerechnet heute.«

»Schieß los!«, sagte Michelle einfach.

»Moment. Ich frag mal, ob die mich hier wirklich noch brauchen. Mehr, als ich denen schon gesagt habe, weiß ich eh nicht und ansonsten können die mich auch anrufen.« Kurz darauf ging Maria mit Michelle die Treppe hinauf, wo sie die warme Abendluft in vollen Zügen einsog, als sie den Weg über den Sportplatz einschlugen.

Maria senkte die Stimme »Dirk Gottwald von Sport Gottwald hat sich bei einem autoerotischen Spielchen an der Türklinke in einer Toilettenkabine aufgehängt – und ist dabei erstickt.«

»Oh nein, so ein Driss!« Schockiert riss Michelle die Augen auf. »Wir haben uns schon gewundert, wo du so lange bleibst. Und dann haben wir mitbekommen, dass auf dem Klo was los ist, aber keiner wusste was, und als wir dann die Sirenen hörten, haben wir uns Sorgen gemacht. Gut, dass dir nichts passiert ist.«

»Unkraut vergeht nicht.« Sie schilderte Michelle die näheren Umstände, zumindest soweit sie sie kannte. Anschließend rieb sie sich mit beiden Händen kräftig über das Gesicht. »Allmächd! Dabei dachte ich, ich geh früh schlafen.«

Mitfühlend tätschelte Michelle Marias Arm. »Ich mach dir einen Tee.«

»Nein, bloß nicht.« Maria schüttelte sich. »Besser einen starken Kaffee.«

Michelle hob die wohlgezupften Augenbrauen. »Nichts da. Schlaf- und Nerventee. Schließlich sollst du uns morgen würdig vertreten.«

»Hör mal, ich bin deine Vorgesetzte und hab ein Recht auf Kaf...«

»Ich hab heute frei«, unterbrach Michelle fröhlich. »Und du auch. Also Tee. Und dann ab ins Bett.«

START – KM 0,0

Ronnie war schon damals verloren. Das Einzige, das ich für ihn hatte tun können, war, ihn davor zu bewahren, noch schlimmere Dinge zu tun.

Ronnie.

Manchmal denke ich noch an ihn. Meinen Freund. Alle, die ihn kannten, haben damals geweint, als er so spurlos verschwunden war und niemand gewusst hatte, was mit ihm passiert war. Es ist ganz leicht, Gerüchte in die Welt zu setzen, daher beteiligte ich mich unauffällig an den Spekulationen und weil man wusste, dass er manchmal Haschisch rauchte und munkelte, dass er dealte, verfiel man darauf, dass er nach Amsterdam gefahren sei, um sich damit einzudecken. Zwei Monate später hieß es plötzlich, er sei einem Verbrechen zum Opfer gefallen. In der Aisch bei Mailach hatte ein Angler sein T-Shirt am Haken gehabt. Nach wochenlanger, gründlicher Suche tauchten seine Hose und ein Schuh auf. Seine Sachen hatte ich damals mit einem Stein beschwert bei Uehlfeld in die Aisch geworfen. Nun, nichts hält für die Ewigkeit. Es wurde natürlich vermutet, dass auch seine Leiche dort zu finden wäre. Die weitere Suche verlief natürlich ergebnislos, denn dort war er ja nicht. Nur den zweiten Schuh haben sie irgendwann noch gefunden.

Bis heute weiß niemand, was wirklich mit Ronnie geschehen ist.

Erstaunlich eigentlich. Oder auch nicht.

Ich habe mir in jener Nacht viel Mühe gegeben, ihn gut zu verstecken. In einem unbewirtschafteten, sumpfigen Waldstück, gleich neben dem Badeweiher von Schornweisach, war ein Baum von einem der letzten Stürme entwurzelt worden. Darunter hatte ich ihn gelegt und mit Erde, Laub und Totholz bedeckt. In der nächsten Nacht war ich wiedergekommen, mit einer Schaufel und einer Taschenlampe. Im Sumpf habe ich dann gegraben und gegraben, bis mir der Schweiß in Strömen über den Körper lief und die Mulde tief genug gewesen war für Ronnie. Anfangs ging ich ihn dort besuchen, doch dann zog ich fort. Seltsam, als ich nach Jahren wieder einmal dorthin ging, war sein Grab immer noch unberührt. Bis heute. Wahrscheinlich, weil niemand in diesem sumpfigen Gebiet gesucht hat.

Warum auch?

Niemand hatte schließlich gewusst, dass wir dort gewesen waren. Nur Lili.

Aber Lili redet nicht mit anderen darüber.

Es wird immer Menschen wie Ronnie geben. Ich weiß, wo ich sie finden und wie ich ihnen weiß machen kann, ich sei genau das für sie, was sie wollen: Ein williges Opfer für die Edlen Edoms, das sich nicht wehrt, sondern es genießt, wenn ihm all die schlimmen Dinge angetan werden. Ich beschreibe ihnen genau, was sie an mir ausprobieren dürfen, mache es ihnen schmackhaft. Manchmal erlaube ich ihnen sogar, eine Kostprobe zu nehmen.

Wie Ronnie.