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Ducros – seit zweihundert Jahren steht der Name dieses Familienunternehmens in Erlangen für Tradition und Wert. Der tragische Unfalltod des jungen Bauleiters Mike geht daher allen zu Herzen. Doch seine Verlobte Chrissy hegt den dunklen Verdacht, dass niemand ihr die ganze Wahrheit sagt. Die Monate vor seinem Tod verhielt Mike sich seltsam. Und seine beiden Brüder schweigen dazu. Was ging bei dem geheimen Bauprojekt in Tschechien vor sich? Auch Kommissarin Maria Ammon stößt auf Hinweise, dass die stadtbekannte Familie keine so blütenweise Weste hat, wie es scheint. Aber welchen Preis wird die Wahrheit kosten? Das spannende Prequel zur Reihe um Maria Ammon, in der jeder Band unabhängig gelesen werden kann: Ein Regio-Thriller für alle Fans von Susanne Mischke und Andreas Franz.
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Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Über dieses Buch:
Ducros – seit zweihundert Jahren steht der Name dieses Familienunternehmens in Erlangen für Tradition und Wert. Der tragische Unfalltod des jungen Bauleiters Mike geht daher allen zu Herzen. Doch seine Verlobte Chrissy hegt den dunklen Verdacht, dass niemand ihr die ganze Wahrheit sagt. Die Monate vor seinem Tod verhielt Mike sich seltsam. Und seine beiden Brüder schweigen dazu. Was ging bei dem geheimen Bauprojekt in Tschechien vor sich? Auch Kommissarin Maria Ammon stößt auf Hinweise, dass die stadtbekannte Familie keine so blütenweise Weste hat, wie es scheint. Aber welchen Preis wird die Wahrheit kosten?
Über die Autorin:
Sabine Fink, geboren 1969 in Dortmund, lebte in Köln, Braunschweig und Hongkong. Sie war in der Erwachsenenbildung tätig, bevor sie mit dem Schreiben von Romanen begann. Heute hat Sabine Fink ihre Wahlheimat in Mittelfranken gefunden, einem besonderen Landstrich, der sie auch zu ihren Büchern inspirierte. Ganz besonders angetan hat es ihr dabei der typisch fränkische Charme der Bewohner und deren Geschichte(n), die immer wieder für eine Überraschung gut sind.
Sabine Fink veröffentlichte bei dotbooks ihre Maria-Ammon-Reihe mit den unabhängig lesbaren Kriminalromanen »Kainszeichen«, »Judasbrut« und »Sündentag«.
Die Autorin auf Facebook: www.facebook.com/Fink.Sabine
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eBook-Neuausgabe Januar 2025
Copyright © der Originalausgabe 2011 – Gmeiner-Verlag GmbH, Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch, Telefon 0 75 75/20 95-0, [email protected]
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)
ISBN 978-3-98952-561-0
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Sabine Fink
Kainszeichen
Kriminalroman
dotbooks.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Es schneite.
Der Matsch auf den Wegen der Baustelle war hart gefroren. Eine dicke weiße Schicht bedeckte die tiefen Furchen, die die Baufahrzeuge hinterlassen hatten. Schnee hing schwer auf den Zweigen der Fichten. Selbst Bagger und Material schienen unter der kalten Decke in einen friedlichen Winterschlaf versunken. Die Fensteröffnungen halbfertiger Gebäude starrten wie düstere Augen in die Dunkelheit. Nur am Container der Bauleitung beleuchtete ein greller Scheinwerfer das markante Firmenlogo – ein großes ›D‹, dessen senkrechter Strich entfernt an eine stilisierte Lilie erinnerte.
Die Tür öffnete sich und ein Mann kam heraus.
»Fahren Sie vorsichtig, Mike!«, rief eine männliche, akzentbeladene Stimme aus dem Innern.
Mike Hartmann hielt inne. Unbehaglich zog er den Kopf ein. Anstelle einer Antwort hob er nur die Hand und setzte seinen Weg fort. Die klirrende Kälte setzte ihm schon nach wenigen Metern zu. Der hochprozentige Becherovka brannte immer noch in seiner Kehle, aber er wärmte kein bisschen. Auch der zwar heiße, aber gräulich schmeckende Kaffee, dem er noch Unmengen an Zucker zugesetzt hatte, hatte nichts genützt. Er hatte höchstens noch schlechter geschmeckt als sonst.
Schneeflocken landeten beständig in Mikes Haar, und es tropfte kalt in seinen Kragen. Er blinzelte heftig, um das benebelte Gefühl im Kopf loszuwerden. Es war nur ein einziger Schnaps gewesen, aber er hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Sein Magen grummelte verdächtig. Er fühlte sich einfach elend. Während er seine Hände tief in den Jackentaschen vergrub, raschelte es darin. Verstohlen sah er sich um. Niemand war zu sehen, daher beschleunigte er seine Schritte, bis der Weg einen Knick machte. In seiner Tasche befanden sich zwei Gefrierbeutel mit jeweils einer Handvoll Erde. Während er den Weg verließ, nestelte er einen dritten, noch leeren Beutel hervor. Er huschte an einem Rohbau vorbei und dahinter ein paar Meter unter den Bäumen hindurch und hoffte, dass die Spuren im frisch gefallenen Schnee bald von neuen Flocken verdeckt würden. Unter den dichten Zweigen der Fichten, wo wenig Schnee lag, versuchte er mit bloßen Händen und mithilfe seiner Ferse und eines Stockes den harten Boden so gut es ging zu lockern. Endlich konnte er etwas Erde in die Tüte kratzten. Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Er lauschte angestrengt, doch alles blieb still.
Dann beeilte er sich, zu seinem Auto an der Zufahrtsstraße zu kommen. Schon beim Näherkommen entriegelte er die Türen seines dunkelblauen Kombis. Er nahm sich kaum Zeit, sich vom Schnee zu befreien und warf die Tüten auf den Beifahrersitz. Seine Hände fühlten sich an wie Eisklumpen. Mit geschlossenen Augen lehnte er erschöpft er seinen Kopf zurück. Obwohl er erleichtert war, weil er ungehindert gehen konnte, verließ ihn die Anspannung nicht. Er warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war bereits nach acht und die Rückfahrt nach Erlangen dauerte schon bei guten Straßenverhältnissen drei Stunden.
»Na klasse«, brummte er, als er registrierte, dass die Windschutzscheibe schon wieder auf dem besten Weg war zuzuschneien.
Seufzend startete er den Motor, schaltete die Klimaanlage ein und stellte Heizung und Lüftung auf die höchste Stufe. Ihm war immer noch schrecklich kalt. Er rieb die Handflächen aneinander und hauchte hinein, dann nestelte er mit klammen Fingern sein Handy aus der Brusttasche, platzierte es in der Halterung und drückte eine Kurzwahltaste. Während er wartete, glaubte er, ein paar Meter vom Auto entfernt eine Bewegung zu erkennen. Gleichzeitig ertönte das Besetztzeichen. Einen missmutigen Laut ausstoßend legte er auf.
Kritisch sah er aus dem Fenster. Niemand war zu sehen. Bestimmt hatte er sich getäuscht. Aus einem Etui an seinem Gürtel zog er eine kleine Digitalkamera. Sein Blick fiel auf die Tasche mit seinem Laptop, die im Fußraum vor dem Beifahrersitz lag. Die verräterischen Dateien darauf sollte er lieber löschen. Einen Teil davon hatte er auch zu Hause und den Rest hatte er zur Sicherheit vorhin auf die Speicherkarte der Digitalkamera übertragen. Dort würde es niemand vermuten. Er zögerte. Nein, es dauerte zu lange, den Laptop hochzufahren.
Nachdem er ein paar Knöpfe an der Kamera gedrückt hatte, murmelte er etwas in das eingebaute Mikro. Als er fertig war und das Handschuhfach öffnete, um die Kamera darin zu deponieren, fiel sein Blick auf einen leeren DIN A4 Umschlag. Hinter der Sonnenblende zog er einen Stift hervor, notierte etwas auf dem Umschlag und stopfte anschließend die Plastiktüten hinein. Nebenbei drückte er noch einmal auf die Wahlwiederholungstaste am Telefon. Er grub in seiner Jackentasche herum, bis er einen Stein erwischte, der in seiner hohlen Hand Platz fand. Er ließ ihn ebenfalls in den Umschlag gleiten. Mit zittrigen Fingern faltete er die Öffnung zu und warf ihn auf den Rücksitz. Zum zweiten Mal ertönte das Besetztzeichen.
Genervt rieb Mike sich mit Daumen und Zeigefinger heftig über die Nasenwurzel. Es wurde Zeit, dass er fortkam. Seine Finger waren zwar nicht mehr so kalt, doch seine Handflächen fühlten sich seltsam taub an. Während er zum dritten Mal wählte, trommelte er auf dem Lenkrad herum. Wieder hatte er keinen Erfolg.
»Leg endlich auf, verdammt«, murmelte er und betätigte den Scheibenwischer. »Wo soll ich dir den Scheiß hinschicken?«
Einen Moment lang hatte er das Gefühl, sich im Takt der Wischblätter hin und her zu bewegen. Die Schneeflocken verschwammen vor seinen Augen zu einer wirbelnden Masse. Energisch schüttelte er den Kopf, schnallte sich an und legte einen Gang ein. Beim Anfahren drehten die Räder sofort durch. Weniger Gas gebend wendete er langsam.
Die kleine Zufahrtsstraße endete an der Baustelle der zukünftigen Ferienanlage Krušné hory, die dem kleinen tschechischen Heilbad Jáchymov ab dem nächsten Sommer mehr Kurgäste bescheren sollte. Von hier aus führte die schmale Straße knapp zwei Kilometer den Berg hinunter, bevor sie auf die Hauptstraße traf. Im Scheinwerferlicht wirkte die geschlossene Schneedecke auf der Fahrbahn, als sei hier noch nie ein Fahrzeug unterwegs gewesen. Laut gähnend rieb er sich erneut die Augen. Vielleicht wäre es besser, wie sonst auch, in der Pension unten im Ort zu übernachten, anstatt sich bei diesem Wetter auf den langen Heimweg zu machen. Er warf einen Blick in den Rückspiegel. Immer noch war niemand zu sehen.
Aber er hatte ein ungutes Gefühl.
Chrissy würde ihm vermutlich den Kopf abreißen, wenn er ihr eröffnete, dass er nicht nach Hause kam. Sie war sehr wütend gewesen, weil er ausgerechnet heute nach Tschechien aufgebrochen war. Er hasste sich selbst, weil er sie mit seinem Verhalten in den vergangenen Wochen immer wieder verletzt hatte. Vielleicht konnte er die Wogen etwas glätten, indem er ihr von seiner Idee wegen ihrer Hochzeit erzählte. Er lächelte, als er sich ihr Gesicht vorstellte. Und dann sollte er ihr wenigstens in groben Zügen schildern, was los war. Eigentlich wollte er sie nicht mit hineinziehen, aber nachdem sie heute so explodiert war, war es wohl besser. Am besten rief er sie sofort an.
Es fiel ihm sonderbar schwer, sich darauf zu konzentrieren, die richtige Kurzwahltaste zu erwischen und gleichzeitig die Spur zu halten. Endlich ertönte das Freizeichen. Drei Mal, vier Mal, zehn Mal. Niemand meldete sich.
»Stures Weib«, knurrte Mike, denn er war sicher, dass sie absichtlich nicht ans Telefon ging, weil sie seine Nummer erkannt hatte.
Bis jetzt hatte er die Szene, die sie ihm am Telefon gemacht hatte, für nicht so dramatisch gehalten, aber offensichtlich war es ihr doch ernst. Trennung! Das kam nicht in Frage. Er musste nach Hause.
Nachlässig steuerte er den Wagen um eine Kurve. Sein Blick verschwamm und er spürte, wie ihm die Kontrolle über den Kombi zu entgleiten drohte. Krampfhaft riss er die Augen auf. Mit klopfendem Herzen hielt er an. Unmittelbar neben der Straße ging es nun mindestens fünfzehn Meter steil bis zu einem kleinen Fluss hinunter und wegen des Schnees war kaum auszumachen, wo genau die Straße neben ihm endete. Langsam fuhr er weiter. Plötzlich tauchten Lichter im Rückspiegel auf. Offenbar hatten sich die anderen auch auf den Weg gemacht. Sie näherten sich schnell. Ob sie ihn vorhin doch beobachtet hatten? Fröstelnd betätigte Mike die Abblend-Vorrichtung des Innenspiegels. Seine Augen brannten. Außerdem hatte er immer stärker das Gefühl, dass sich sein Kopf mit Watte füllte.
Irgendetwas stimmte nicht.
Der andere Wagen hatte ihn erreicht. Er fuhr viel zu dicht auf. Hektisch gab Mike Gas, nur um prompt ins Schlingern zu geraten. Sofort reduzierte er das Tempo und mahnte sich zur Vorsicht. Seine Finger zitterten, als er die Wahlwiederholungstaste drückte. Während er einen nervösen Blick in den Rückspiegel warf, ertönte das Freizeichen.
»Nun geh schon ran, Chrissy!« Er erschrak über seine eigene Stimme. Er lallte, als sei er vollkommen betrunken.
Während das Tuten aus dem Lautsprecher für seine Ohren plötzlich unnatürlich laut durch das Auto dröhnte, verschwanden die Lichter des anderen Fahrzeugs aus dem Rückspiegel. Im selben Moment fühlte Mike sich, als hätte jemand auf Zeitlupe geschaltet. Die Lichter tauchten im Seitenspiegel auf. Unendlich langsam hob er einen Arm, um seine Augen abzuschirmen. Er wusste, dass er auf die Bremse treten sollte, doch sein Fuß gehorchte nicht. Das Freizeichen am Telefon war für ihn gegenwärtiger als das Krachen und Splittern um ihn herum. Das Motorengeräusch veränderte sich, als sich die Welt zu drehen begann. Ein heftiger Schmerz in seinem linken Bein riss ihn kurzzeitig aus der Lethargie.
Er schrie gellend.
Dann wurde es schwarz um ihn.
Als Mike sich wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins gekämpft hatte, hörte er Stimmen. Blinzelnd registrierte er, dass er auf seinem Sitz festhing, während das Auto auf der rechten Seite lag. Das Plätschern stammte sicher von dem Fluss. Er glaubte, leise Stimmen zu hören. Etwas Warmes lief über sein Gesicht. Wasser oder Schnee müssten eisig sein. Als ein Tropfen in seinen Mund sickerte, erkannte er an dem metallischen Geschmack, dass es Blut war.
Warme Feuchtigkeit auch auf seinem Oberkörper.
Schmerzen.
Dumpf und nicht genau zu lokalisieren.
Beklommen fragte er sich, wie schwer er verletzt war. Bald würde er wieder ohnmächtig werden, das spürte er.
»On by mě měl poslechnout«, rief ein Mann ganz in der Nähe.
Eine Frau lachte hell. »On je ale hlupák!«
Mike verstand etwas tschechisch. ›Hlupák‹ hatte sie gesagt. ›Dummkopf‹.
»Hilfe ...« Mike brachte kaum mehr als ein Flüstern zustande.
»Vielleicht lebt er noch!«, rief ein zweiter Mann.
»Zbytek vyřeší počasí.« Die Frau klang seltsam zufrieden.
»Wir sollten trotzdem nachsehen, was mit ihm ist!«
»Nein«, antwortete die Frau. »Du sorgst dafür, dass niemand Fragen stellt. Denk dir was aus. Gehen wir.«
Allmählich dämmerte Mike eine schreckliche Erkenntnis. Den Rest erledigt das Wetter, hatte sie gesagt. Panisch geworden wollte er sich bewegen, sich befreien. Er musste etwas tun, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Auf der Straße startete ein Auto.
Seine Lider wurden schwer. Kalte Schneeflocken mischten sich mit dem warmen Blut auf seinem Gesicht. Er musste wach bleiben. Dicht neben ihm klingelte sein Handy. Er musste nur die Hand ausstrecken. Einfach ausstrecken. Aber er konnte nicht. Er war so müde.
Chrissy!
Mike riss die Augen auf. Vielleicht war es Chrissy. Sie wusste von nichts. Er musste sie warnen. Mike fiel der Kaffee ein. Der Beigeschmack. Anders als sonst.
Und er hatte ihn sich nicht selbst geholt.
Dann verlor er das Bewusstsein.
Der Wind hat endlich die Hitze vertrieben, die seit Tagen schwer über der Camargue gehangen hat. Schwärme von Libellen sausen aufgeregt umher, als sei auch ihnen die Abkühlung willkommen. Gemächlich schlendere ich hinüber zu den aufeinander geschichteten Steinen, die dafür sorgen, dass die einzigartige Küstenlandschaft nicht doch eines Tages im Meer versinkt.
Gut gelaunt streife ich meine Sandalen ab, um den warmen Sand zwischen meinen Zehen zu spüren. Eine Gruppe Reiter kommt mir entgegen. Langsam trotten die Pferde hintereinander her. Der vorderste Reiter lächelt mich an, als ich meine Kamera zücke und ein Foto von ihm schieße. Er ruft mir augenzwinkernd etwas zu, das ich nur halb verstehe. Ich antworte in holprigem Französisch und gehe weiter.
Als ich mich schließlich oben auf den Felsbrocken niederlasse, bläst mir der Mistral kräftig ins Gesicht. Wellen türmen sich auf und brechen sich an den Steinen. Gischt spritzt hoch und landet auf meinen Armen. Das Wasser ist kühl und im Wind bekomme ich sofort eine Gänsehaut. Ich hätte eine Jacke mitnehmen sollen, doch ich habe keine Lust zurückzugehen.
Zusammen mit meinen Sandalen lege ich die schon ziemlich ramponierte Tasche meines Fotoapparates auf einen Stein. Ein paar Meter weiter packt ein Mann seine Angelrute aus. Später werde ich ihn fragen, ob ich ihn fotografieren darf. Mit dem Sonnenuntergang im Hintergrund ist das ein stimmungsvolles Motiv. Aber jetzt ist die Sonne noch ein gutes Stück über dem Horizont und ein paar Wolken bilden bizarre Formen in ihrer Nähe. Ich mache ein paar Schnappschüsse von den Möwen, die am dunkelblauen Himmel kreisen und auf der Jagd nach Fischen immer wieder ins Meer herabstoßen. Ganz im Süden steht über dem Ozean bereits der Mond am Himmel. Eine Weile balanciere ich auf den Felsen herum, damit ich eine gute Position finde, um Sonne und Mond gemeinsam auf ein Bild zu bekommen.
Als ich endlich eine passende Stelle gefunden habe, drücke ich auf den Auslöser.
So ein Mist! Zu wenig Speicherplatz!
Kein Wunder, bei den unzähligen Fotos, die ich in den vergangenen drei Wochen überall in Südfrankreich gemacht habe. Ich gehe zur Kameratasche, um nach einer leeren Speicherkarte zu suchen. Schließlich werde ich fündig.
Ich stutze.
Die Karte kommt mir unbekannt vor. Ich vergleiche das Format, doch sie passt genau in meine Kamera. Neugierig geworden, schiebe ich sie in den Schlitz.
Ich sehe ein bunt beleuchtetes Kettenkarussell vor winterlich verhangenem Himmel, festlich geschmückte Buden, im Hintergrund das Erlanger Schloss. Der Weihnachtsmarkt auf dem Schlossplatz. Dann prostet ein Mann dem Denkmal des Markgrafen Friedrich vergnügt zu. Strohblondes Haar, ein kantiges Kinn mit trendigem Dreitagebart und ein werbetaugliches Zahnpastalächeln.
»Ach du liebes Bisschen! Thies!«
Ich werfe einen Blick auf das Datum des Bildes:
›18-12-05‹
Fast vier Jahre ist das Bild alt. Ein Tag vor Mikes Unfall. Die beiden hatten sich damals verabredet – und mich dabei charmant ausgeladen, um noch einen Männernachmittag zu verbringen, bevor Thies an seinen neuen Arbeitsort aufbrach.
Außergewöhnliche Jobs in allen Teilen der Welt zogen den Niederländer geradezu magisch an. Manchmal war er nur Wochen, manchmal auch Monate unterwegs. Damals hatte er es geschafft einen Job als Geologe bei der Lhasa-Bahn zu ergattern. Die Bahnstrecke von Golmud nach Lhasa war damals beinahe fertiggestellt, aber Planungen für den Weiterbau waren bereits im Gange. Thies wollte für ein Jahr dorthin und wusste damals noch nicht, ob und wann er zwischendurch wieder in Deutschland sein würde.
Die Karte stammte also höchstwahrscheinlich aus Mikes Kamera, die er immer im Auto gehabt hatte. Für Fotos von seinen Baustellen. Oder ein paar Schnappschüsse zwischendurch. Ich sehe mir noch weitere Bilder an. An einer Aufnahme von beiden bleibe ich hängen. Gegenseitig halten sie sich bunte Weihnachtskugeln an die Ohrläppchen, während sie sich scheinbar vor Lachen kringeln.
Ich setze mich auf die Steine und betrachte die Wellen. Unwillkürlich fasse ich nach den silbernen Anhängern meiner Kette und habe das Bedürfnis, die beiden Männer zu schütteln, bis ihnen das übermütige Lachen vergeht.
Trübsinnig hockte ich vor einer Tasse Kaffee, während ich aus dem Küchenfenster in den Schneeregen starrte. Allmählich wurde es heller und ich beobachtete, wie sich der weiße Schnee in braunen Matsch verwandelte. Ich hatte verdammt schlecht geschlafen. Es sah Mike so gar nicht ähnlich, einfach nicht nach Hause zu kommen. Inzwischen hatte ich meinen Stolz heruntergeschluckt und schon mehrmals versucht ihn anzurufen, doch jedes Mal meldete sich nur die Mailbox. Sogar bei Thies hatte ich es versucht, obwohl ich mir sicher war, dass der inzwischen auf dem Weg nach Lhasa war. Aber weil Mike einen Schlüssel zu Thies’ Wohnung besaß, hatte er vielleicht dort übernachtet. Doch wo immer er sich herumtrieb, er war nicht ans Telefon gegangen. So wie ich gestern Abend, als er anrief und ich seine Nummer erkannt hatte.
Mein schlechtes Gewissen meldete sich. Gestern hatte ich ihm an den Kopf geworfen, dass er sich unsere Beziehung sonst wo hinstecken könne, wenn er nach Tschechien fährt. Ich war es einfach leid, dass seine Arbeit so viel wichtiger war als ich. Er hätte im Sommer sogar beinahe unseren Urlaub deswegen platzen lassen. Auch wenn ich es mir nur ungern eingestand, um unsere Beziehung stand es nicht zum Besten.
Seufzend sah ich auf die Uhr. Es war noch viel zu früh, um zur Arbeit zu gehen. Das Reisebüro Schwab lag nur ein paar Straßen entfernt am Hugenottenplatz und ich brauchte höchstens fünf Minuten zu Fuß. Um mich zu beschäftigen, griff ich in den Stapel Zeitungen und Prospekte, der auf dem Regal neben mir lag und betrachtete desinteressiert die bunte Werbung. Dazwischen fand ich die letzte Ausgabe der amtlichen Seiten der Stadt Erlangen – und blieb gleich an einem Gruppenfoto auf der Titelseite hängen. Das ach-so-geschätzte Bauunternehmen Ducros hatte dem Förderverein Agenda 21 eine nicht näher bezifferte größere Summe für Gesundheitsprojekte in der Partnerstadt San Carlos, Nicaragua, gespendet. Freundlich lächelnde Vertreter von Unternehmen und Verein bekundeten das der Öffentlichkeit. Nur die Blondine neben dem Firmenchef hatte anscheinend in eine Zitrone gebissen. Wahrscheinlich bekamen die Ducros’ für ihr soziales Engagement irgendwann einen Orden von der Stadt. Darüber, was sie stattdessen von mir bekommen würden, dachte ich vorsichtshalber nicht näher nach. Missmutig räumte ich Kaffeetasse und Prospekte weg.
Vielleicht war Mike ja im Büro in Tennenlohe. Ich holte das Telefon und wollte gerade seine Nummer wählen, als es schellte.
»Na endlich!«
Verwundert überlegte ich, warum er nicht seinen Schlüssel benutzte, aber die Post konnte es um diese Zeit noch nicht sein, Thies war nicht mehr da und sonst kam niemand so früh. Ich flitzte zur Tür, doch als ich die Hand hob, um den Türöffner zu betätigen, zählte ich zuerst bis zehn, bevor ich drückte. Mein schlechtes Gewissen musste ich Mike schließlich nicht direkt auf die Nase binden. Mit betont gleichgültiger Miene wartete ich.
Den Schritten im Treppenhaus nach zu urteilen, kam nicht nur eine Person herauf. Meine Kehle war mit einem Mal staubtrocken, als ich sie sah. Es waren zwei Polizisten in Uniform.
»Guten Morgen.« Der ältere der beiden kam zuerst oben an. »Mein Name ist Bauer. Sind Sie Frau Reuther?«
Ich nickte beklommen.
»Können wir hineingehen?«, bat Bauer freundlich.
Während ich unsicher in die Küche vorausging, kroch Angst in mir hoch.
Ich räusperte mich und hoffte, dass ich meine Stimme unter Kontrolle hatte. »Worum geht es?«
»Wohnt hier Mike Hartmann?«, erkundigte sich Bauer in neutralem Tonfall.
»Ja.« Wieder räusperte ich mich. »Was ist passiert?«
»Sind Sie mit ihm verwandt oder befreundet?«
»Wir sind verlobt.« Meine Stimme klang dünn. In Bauers freundliche braune Augen trat ein Ausdruck von Mitgefühl.
»Es tut mir leid, Frau Reuther, aber wir müssen Ihnen mitteilen, dass Herr Hartmann letzte Nacht bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Die Kollegen aus Tschechien haben uns darüber informiert.«
Ich starrte den Mann an und versuchte zu begreifen, was er da gesagt hatte.
Mike war tot.
Tot.
Mike.
Ich schluckte. Draußen fuhr ein Motorrad mit aufheulendem Motor vorbei. Irgendwo im Haus schlug eine Tür. Ich lehnte mich an die Wand hinter mir, weil ich mich fühlte, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
»Was?« Mehr brachte ich nicht heraus.
Erst als der zweite Beamte behutsam den Arm um mich legte, um mich auf einen Stuhl zu bugsieren, wurde mir bewusst, dass ich nicht nur ein bisschen schwankte. Bauer füllte ein Glas mit Wasser aus dem Hahn und drückte es mir in die Hand. Dann setzte er sich neben mich.
»Heute Morgen wurde sein Auto in der Nähe von Jáchymov in einer Schlucht gefunden. Der Fahrer eines Räumfahrzeugs rief sofort Hilfe, aber Ihr Verlobter war bereits tot. Die Kollegen sind noch damit beschäftigt, den Unfallhergang zu rekonstruieren, daher kann ich Ihnen noch nicht mehr dazu sagen.«
Ich klammerte mich an dem Wasserglas fest, weil ich nicht wusste, was ich tun oder sagen sollte. Mein Kopf war wie leergefegt. Tröstend legte Bauer mir eine Hand auf den Arm. Ich war froh, dass weder er noch sein Kollege sinnlose Floskeln vorbrachten, sondern mir Zeit ließen.
»Sobald wir mehr wissen, informieren wir Sie natürlich«, sagte Bauer nach einer Weile.
Ich schreckte leicht zusammen und nickte nur.
»Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmern kann? Sie sollten jetzt nicht allein sein.«
»Jemand ... ja ... ich weiß nicht ...« Hektisch sah ich mich um. »Nein. Ich ... ich muss zur Arbeit!«
Ich hatte plötzlich das Bedürfnis wegzulaufen. Einfach fort. Darauf warten, dass Mike mich anrief, um mir zu sagen, dass ...
Auf dem Stuhl zusammensinkend vergrub mein Gesicht in den Händen. Endlich konnte ich weinen. Irgendwie bekamen Bauer und sein Kollege aus mir heraus, wo ich arbeitete, und informierten meinen Chef. In einem klaren Moment bat ich sie, meine Schwester Julia anzurufen. In Rekordzeit schaffte sie es, ihren Ältesten in den Kindergarten zu bringen und ihre Tochter zu unseren Eltern zu schaffen und das sogar, ohne dass Mama sich an ihre Fersen heftete. Ihre überfürsorgliche Art hätte ich jetzt nicht ertragen.
Als Jule schließlich kam, war ich nur noch ein Häufchen Elend. Als sich die Polizisten verabschiedeten, versprachen sie, sich zu melden, sobald es Neuigkeiten gab.
»Trink das!«
Jule stellte eine Tasse dampfenden Tee auf den Wohnzimmertisch, als sie sich neben mich setzte. Mit mütterlicher Professionalität strich sie mir die Haare aus dem Gesicht. Auch ihre Augen waren gerötet.
Lustlos nippte ich an dem Tee. »Bah! Was ist denn das?« Ich schüttelte mich.
»Melissentee«, erklärte sie geduldig. »Der beruhigt ein wenig.«
Brummend pustete ich über das heiße Getränk. Inzwischen war es Nachmittag geworden und wir wussten noch immer nicht genau, was passiert war. Frau Taler, die Empfangsdame des Bauunternehmens, hatte zwischenzeitlich angerufen. Auch sie war schockiert über das, was passiert war und erzählte schniefend, dass Dr. Ducros und sein Bruder sich sofort auf den Weg nach Tschechien gemacht hatten, um zu sehen, ob sie etwas tun konnten. Stoisch hatte ich zugehört. Egal, wer nun etwas tat oder sagte, es änderte nichts mehr an den Tatsachen.
Ich fröstelte, obwohl die Heizung warm war.
»Jule?«
»Hm?«
»Mike und ich – wir haben uns gestritten. Gestern – bevor er losfuhr.«
Jule sagte erst mal nichts, sondern sah mich nur abwartend an. Als ich nicht weiterredete, fragte sie: »Schlimm?«
Ich zuckte nur vage mit den Schultern. Ich wusste gar nicht so genau, was ich eigentlich sagen wollte, aber dass wir im Streit auseinandergegangen waren, fand ich besonders grausam. Und eigentlich war es ja auch nicht nur ein Streit gewesen.
»Ach Chrissy, Mensch.« Jule schloss mich in den Arm. »Mach dir mal keinen Kopf deswegen. Ich weiß, das klingt blöd, aber ... denk jetzt nicht an euren Streit! Es war doch alles okay zwischen euch und ihr wolltet heiraten!«
Trübsinnig starrte ich auf meine Hände. Vielleicht hatte sie recht. Krisen gab es schließlich in jeder Beziehung. Deswegen war er bestimmt in den letzten Wochen so still gewesen. Und gestern – es war nur ein Streit gewesen. Sonst nichts. Das, was ich gesagt hatte, hatte ich nicht ernst gemeint. Nicht wirklich zumindest. Und ich war schließlich nicht schuld an Mikes Tod. Es war die Straße. Die war glatt gewesen und Mike hatte nicht aufgepasst. Ob er in seinen letzten Momenten wirklich geglaubt hatte, ich wolle ihn verlassen?
Die Wochen nach Mikes Tod sind nur bruchstückhafte Erinnerungen. Der Unfallbericht der Polizei – ich war nicht fähig gewesen ihn zu lesen. Die Details erschienen mir nicht wichtig. Mike lebte nicht mehr – alles andere war egal. Dann der Papierkram, Freunde informieren, Emails beantworten. Schließlich Mikes Beerdigung. Seine weinende Mutter, die steinerne Miene seines Vaters während des Aussegnungsgottesdienstes in der Hugenottenkirche. Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen. Die Worte des Pfarrers und anschließend die emotionale Rede von René Ducros, der vor vielen Jahren Leiter von Jugendfreizeiten in Oberweiz gewesen war, an denen Mike teilgenommen hatte.
Doch am Ende folgte für mich Leere und Einsamkeit. Allein in unserer gemeinsamen Wohnung. Sollte ich unseren Streit für seinen Tod mitverantwortlich machen? Anstatt mich damit auseinanderzusetzen, verdrängte ich alles so gut es ging und machte mich daran mein Leben neu zu ordnen.
Jule hatte sich um die Dinge gekümmert, die die tschechische Polizei aus dem Auto geholt hatte. Laptop und Handy wurden der Firma übergeben. Mikes Kamera wollte ich damals nicht zurückhaben und schenkte sie meinem Schwager.
Ich sehe auf die Kamera in meiner Hand. Nach meinem Umzug habe ich sie gekauft und dank meiner Vergesslichkeit hat sie die nachfolgenden Ereignisse unbeschadet überstanden. Vielleicht hat Jule die Speicherkarte damals in meine Kameratasche getan, weil sie glaubte, dass ich sie sonst verbummeln würde. Jule kennt mich eben ziemlich gut.
Schwankend zwischen Neugier und Melancholie blättere ich nun weiter. Plötzlich durchfährt es mich wie ein Stromstoß. Ein Ortsschild in Tschechien. Als nächstes eine Straße. Häuser. Menschen. Manche halb, zu viel Himmel, nur Beine. Hat Mike die Bilder heimlich gemacht? Es folgen nicht nur Bilder. Bedrucktes Papier, handschriftliche Zettel. Eingescannt oder abfotografiert? Auf dem Bildschirm zu klein um Details erkennen zu können. Das Zeichen für ein Video erscheint, doch ich ignoriere es vorläufig. Auf dem nächsten Bild eine Winterlandschaft. Die Qualität der Aufnahme ist nicht besonders, weil es in der Dämmerung aufgenommen wurde, doch auf einem Schild ist das unverwechselbare Logo der Firma Ducros zu sehen.
›19-12-05 16:23‹
Als ich weitere Bilder betrachte, fröstle ich. Der Eingang zu einem Stollen. Drinnen liegt Bauschutt, die Überreste von Schienen, dazwischen ungewöhnlich aussehende Steine. Neben einer Baugrube auf dem Gelände liegen ebenfalls welche – harmloser wirkend als sie sind. Einer davon war in dem unscheinbaren Umschlag, den Jule ungeöffnet auf Thies Schreibtisch legte. Ich unterdrücke den Impuls, meine Hand abzuwischen.
Wenn sie damals geahnt hätte, was es war! Jetzt ist es eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die Ordnungsliebe meiner Schwester mich zum zweiten Mal damit konfrontiert. Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob es gut ist, diese Fotos weiter anzusehen.
Ich tue es trotzdem.
Auf einem Bild sehen kalte blaue Augen direkt in die Kamera. Blonde Haare fallen in weichen Wellen weit über ihre Schultern. Der Pelzmantel sieht teuer aus. Zu teuer.
Ich erkenne die Menschen auf den Bildern. So kurz die Begegnung auch war – ihre Gesichter haben sich unauslöschlich in meine Erinnerung gebrannt. Plötzlich setzt mein Herz einen Schlag aus.
Zwei Männer stehen in einem Büro. Die Einrichtung ist sehr einfach und zweckmäßig, denn es ist der Container der Bauleitung auf der Baustelle. Der eine Mann ist im Profil zu sehen, klein und untersetzt mit einer Halbglatze. Er hat ein sympathisches Lachen. Als ich ihm begegnete, wirkte er bedrohlich. Der andere ist groß. Er hält eine Tasse in der Hand und lächelt zurückhaltend.
Natürlich. Er war dort.
Ich sehe auf die angezeigte Uhrzeit ›19-12-05 18:03‹
Eigentlich will ich nichts mehr darüber wissen. Eine Sprachaufnahme wird angezeigt. Mein Daumen schwebt über dem Abspielknopf. Als ich drücke, halte ich unwillkürlich die Luft an.
»Hier ist Mike.« Seine altvertraute Stimme jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Seine leise Stimme klingt gehetzt. »Chrissy, geh zur Polizei und gib ihr diese Karte und ... und die Proben. Es ist wichtig! Auf der Baustelle ... es ist ... falls mir etwas passiert ... verdammt, tu es einfach, ja? Es tut mir so leid, dass ich dir nichts erzählt habe, aber ich wollte dich da nicht mit reinziehen ... pass gut auf dich auf, Schatz! Auf meinem Laptop und auch hier auf der Karte sind Kopien von Dateien. Scans, Fotos von Unterlagen – belastenden Unterlagen, wer da alles mit drinsteckt ... es wird wie eine Bombe einschlagen. Namen und Hinweise auf Leute, die gef...«
Meine Hand zittert, als ich die Kamera ausschalte. Verstört hebe ich den Kopf.
Der Angler hat einen großen Fisch gefangen. Das Tier windet sich und zappelt im Netz.
Die warme Luft des Spätsommerabends duftete nach Bratwurst und gebrannten Mandeln. Hinter mir hörte ich den fröhlichen Lärm der Kerwa im Erlanger Stadtteil Dechsendorf, in dem ich seit Ostern zu Hause war. Nicht weit von hier bewohnte ich in einem Mehrfamilienhaus ein Appartement unter dem Dach. Wenn ich die Fenster öffnete und die Geräusche vom nahegelegenen Badesee hörte, kam es mir manchmal vor, als sei ich irgendwo im Süden. Der sandige Boden, die unzähligen Kiefern und das Fehlen von Hochhäusern unterstrichen diese Atmosphäre. Es war eine Gegend, in der ich mich sehr wohl fühlte. Im Laufe des Abends hatte ich einige nette Leute kennengelernt und flüchtige Bekanntschaften aus der Nachbarschaft vertieft.
Jetzt war mir allerdings die Lust vergangen. Ich schluckte ein paar Mal, um dadurch das enge Gefühl in meiner Kehle loszuwerden. Verstohlen rieb ich mir über die Augen. Gerade war mir jemand über den Weg gelaufen, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Mein Blick streifte noch einmal den Festbetrieb am Dechsendorfer Platz. Lachen wehte zu mir herüber. Als ich spürte, wie meine Augen zu brennen begannen, wandte ich mich abrupt ab. Rasch beschleunigte ich meine Schritte, während ich an der Feuerwehr in die Teplitzerstraße einbog. Im Vorbeigehen rempelte ich eine Mutter an, die mit ihrer Tochter an der Hand gerade die Straßenseite wechseln wollte.
»Entschuldigung.«
»Nichts passiert ... nanu?« Sie musterte mich kurz, aber eindringlich. »Ist etwas nicht in Ordnung?«
Jetzt erkannte ich die Rothaarige. Vorhin hatte ich mich mit ihr unterhalten, während sie neben dem Karussell auf ihre Tochter wartete.
»Nein, schon gut«, wiegelte ich ab. Ich versuchte mich an einem Lächeln. Es gelang mir allerdings kaum, also setzte ich erklärend nach: »Ich fühle mich nicht wohl, deswegen gehe lieber nach Hause.«
Sie wirkte besorgt. »Haben Sie es denn weit?« Das Mädchen neben ihr zerrte an ihrer Hand, um sie zum Weitergehen zu bewegen. »Mami, komm endlich!«
»Gleich um die Ecke in der Naturbadstraße.«
»Einen Moment, Franzi«, mahnte die Mutter. »Sollen wir Sie vielleicht begleiten?«
»Nein, danke. So schlimm ist es nicht«, lehnte ich ab.
»Ja, dann ...« Die Frau schien nicht ganz überzeugt zu sein, wollte sich aber zum Glück nicht aufdrängen. »Ich wünsche Ihnen jedenfalls gute Besserung.«
»Danke«, erwiderte ich höflich.
»Gute Nacht«, wünschte sie noch lächelnd, bevor sie mit ihrer Tochter weiterging.
Das Zusammentreffen hatte mich nur kurz abgelenkt. Schon ein paar Meter weiter, war mir wieder zum Heulen zumute. Kurz darauf vor meiner Haustür liefen mir Tränen über die Wangen. Mit dem Handrücken wischte ich sie ab, während ich ein Schluchzen unterdrückte. Im Hausflur ging das Licht an und ich hörte, wie jemand die Treppe herunterkam. Ohne darüber nachzudenken, drehte ich mich herum, um weiter die Straße entlangzugehen, anstatt in meine Wohnung. Überall waren Leute auf dem unterwegs, denen ich so gut es ging mit gesenktem Kopf auswich. Als ich schließlich an den großen Weiher kam, nahm ich den Trampelpfad über die Wiese. Ich zögerte, nachdem ich die kleine Brücke überquert hatte, von der aus der Weg durch den Wald rings um das Gewässer abzweigte. Jetzt wo die Sonne untergegangen war, wurde es rasch dunkler. Mit einer energischen Handbewegung wischte ich nicht nur meine Tränen, sondern auch meine Bedenken fort und folgte dem Weg am Ufer entlang.
Allmählich beruhigte ich mich wieder. Was war nur los mit mir?
Plötzlich ließ mich ein Geräusch innehalten. Hinter mir war etwas. Oder jemand. Mit klopfendem Herzen sah ich mich um. Hier unter den Bäumen war es schon ziemlich dunkel. Das Geräusch wiederholte sich nicht. Energisch versuchte ich mir einzureden, dass es besser sei, nach Hause zu gehen. Aber da bist du ganz allein, da hast du viel Zeit zum Grübeln, zischte ein Teufelchen in meinem Kopf. Hier bist du auch allein, erwiderte ein anderes Teufelchen gehässig. Aber hier hatte ich wenigstens Bewegung, entschied ich und setzte meinen Weg fort. Schließlich war ich schon oft im Dunklen spazieren gegangen. Aber nie allein, sondern zusammen mit Mike!
Ich schniefte.
Zwischen den Bäumen sah ich, wie sich der Mond im Weiher spiegelte. Ich ging hinüber zum Ufer, das nur wenige Meter entfernt war. Bei dem Anblick des Vollmonds wären Mike bestimmt irgendwelche Gruselgeschichten über herumstreifende Werwölfe eingefallen. Überwältigt von der Erinnerung blieb ich stehen, presste beide Hände vor das Gesicht, während ich vergeblich versuchte nicht zu weinen.
Mike war tot! Er konnte mir keine Geschichten mehr erzählen.
»Kann ich Ihnen helfen?« Die tiefe Stimme war unmittelbar hinter mir.
Erschrocken fuhr ich herum. Die Tränen machten es mir unmöglich den Mann zu erkennen. Automatisch wich ich etwas zurück, während ich die reichlich surreale Vision eines Werwolfs hatte.
»Frau Reuther?«
Völlig mit der Situation überfordert, machte ich einen weiteren Schritt rückwärts. Ich strauchelte, weil sich der Boden senkte. Der Mann ergriff meinen Ellbogen, um mich daran zu hindern ins Wasser zu fallen.
»Johannes Ducros«, antwortete er knapp und ließ mich los, sobald ich wieder sicher stand.
»Oh ...« Ausgerechnet er.
»Es geht Ihnen nicht gut«, stellte er fest.
Ich traute meiner Stimme noch nicht, daher murmelte ich nur etwas Unverständliches.
»Kann ich etwas für Sie tun?«
Ich nahm mich zusammen. »Nein, schon gut. Es ist nur ...«
Neue Tränen brannten in meinen Augen. Eigentlich konnte er sich denken, was mit mir los ist, schoss es mir ärgerlich durch den Kopf. Und warum zum Henker war er überhaupt hier? Wortlos drehte ich mich herum. Es war mir egal, ob ich ihn brüskierte. Ich machte Anstalten zu gehen, doch da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
»Hier, ich glaube, das brauchen Sie.«
Er hielt mir eine Packung Taschentücher hin. Ohne ihn anzusehen, angelte ich danach und putzte mir gründlich die Nase. Bevor ich meine Gedanken wieder soweit sortiert hatte, dass ich etwas sagen konnte, ergriff er das Wort.
»Ich wohne im Seeanemonenweg und wollte gerade nach Hause, als ich Sie in Richtung See gehen sah. Es ist nicht gut, wenn Sie allein im Dunklen unterwegs sind. Ich begleite Sie.«
Es war eine simple Feststellung. Kein Angebot und erst recht keine Frage. Umgehend setzte er sich in die Richtung in Bewegung, die ich schon zuvor eingeschlagen hatte. Zögernd folgte ich ihm. Er war mir also nachgegangen. Ich vermutete stark, dass ein gewisses Schuldgefühl dahintersteckte. Zwar war ich unschlüssig, wie ich das finden sollte, doch so ganz wohl war mir nicht mehr bei dem Gedanken, mutterseelenallein im Wald herumzustreunen. Selbst wenn sich der vermeintliche Werwolf als Mann aus Fleisch und Blut entpuppt hatte.
Als ich schließlich neben ihm ging, schielte ich zur Seite. Viel konnte ich nicht erkennen, doch weder mein Gefühlsausbruch noch die zunehmende Dunkelheit schienen ihn in irgendeiner Form zu beeindrucken. Ungerührt marschierte er neben mir her.
Stockend und wegen eines diffusen Gefühls wenigstens höflich sein zu müssen, murmelte ich schließlich doch ein paar zusammenhanglose Sätze über die Kerwa. Doch er antwortete nur einsilbig, denn er schien zu spüren, dass mir in Wirklichkeit nicht nach einer Unterhaltung zumute war. Dankbar verfiel ich wieder in Schweigen, während wir den großen Weiher umrundeten. Es war bereits spät, als wir die Naturbadstraße entlang schlenderten.
Tief durchatmend spürte ich, dass mein gewohnter Verdrängungsmechanismus eingesetzt hatte. Als der Bewegungsmelder neben der Haustür das Licht aufflammen ließ, fiel mir unvermittelt ein, dass ich bestimmt vollkommen verheult aussah. Aber da ich sowieso keine andere Wahl hatte, räusperte ich mich nur umständlich, während ich mir eine wirre Haarsträhne aus der Stirn strich. Mein Blick streifte meinen Begleiter.
Er war ungefähr Ende dreißig, fast einen Kopf größer als ich und seine klaren Gesichtszüge wirkten unbeteiligt. Das kurze, dunkelblonde Haar war modisch frisiert. Erst jetzt fiel mir auf, dass er Jeans und eine sportliche Jacke über dem Hemd trug, anstatt seines geschäftsmäßigen Anzugs. Persönlich war ich ihm nur wenige Male begegnet, aber er strahlte immer dieselbe kühle Reserviertheit aus. Jetzt musterte er mich eingehend.
»Auch wenn Sie nicht so aussehen, scheint es Ihnen besser zu gehen«, stellte er mit einem Anflug von Sarkasmus fest.
»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt behaupten, es sei Ihr Verdienst«, konterte ich, ohne lange zu überlegen. Es war mir ziemlich gleichgültig, was er von mir dachte-
Prompt zog er seine Brauen zusammen. »Mein Verdienst?«
»Es gefährdet auf jeden Fall Ihren schlechten Ruf in der Firma, wenn ich dort verbreite, Sie hätten am Ende doch so etwas wie Mitgefühl.« Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte er auf Mikes Beerdigung recht emotionslos gewirkt und ich wusste, dass in der Firma darüber gelästert worden war.
»Das wäre unverantwortlich«, stimmte er nüchtern zu.
Doch dann huschte ein kleines Lächeln über seine Lippen und sein Blick wurde warm und teilnahmsvoll. Genau wie damals in dem kurzen Moment, als er mir nach der Beerdigung kondolierte. Mikes Tod hatte ihn nicht so kalt gelassen, wie es schien, aber er war kein Mensch, der seine Gefühle zur Schau stellte.
»Nehmen Sie mich heute Abend einfach nicht mehr ernst, in Ordnung?« Ich streckte ihm meine Hand entgegen.
Er drückte sie kurz. »Wie könnte ich einer Dame einen solchen Herzenswunsch abschlagen!« Seine Stimme troff jetzt vor Ironie.
Ich widerstand dem Impuls zu lachen für einen kurzen Moment, doch dann kicherte ich verhalten. »Danke für die Begleitung, Dr. Ducros!«
Er hob einen Mundwinkel. »Gute Nacht, Frau Reuther.«
Während ich die Haustür aufschloss, hörte ich, wie sich seine Schritte entfernten. Damit ebbte auch die kurze Phase der Heiterkeit ab. In meinem Kopf herrschte nur noch wohltuende Leere, so als hätten die Tränen alle Gefühle fortgespült. Aber als ich mich schließlich ins Bett legte, vollführten ungebetene Gedanken einen grotesken Tanz durch meine Gehirnwindungen. Ich kniff die Augen zusammen, während ich krampfhaft begann Schafe zu zählen.
Blind tastete ich nach dem Wecker, dessen durchdringendes Geräusch mir vorkam wie der nervtötende Lärm einer Kreissäge. Es dauerte viel zu lange, bis ich endlich die richtige Taste erwischte. Ich ließ mich wieder in die Kissen sinken, wobei ich erst gar nicht versuchte meine Augen zu öffnen. Meinem Gefühl nach zu urteilen waren sie so geschwollen, als sei ich in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Also lauschte ich nur den morgendlichen Geräuschen, die durch das halb geöffnete Dachfenster in mein Schlafzimmer drangen und bedauerte mich selbst, weil ich arbeiten gehen musste, anstatt mir bei dem schönen Wetter ein paar Tage frei nehmen zu können. Die Schulkinder hatten noch eine Woche Ferien. Die Glücklichen.
Einige Minuten später schaffte ich es endlich, meine Lider einen Schlitz weit zu öffnen, bevor ich mich aus meiner vollkommen verschlungenen Bettdecke schälte. Vage gingen mir die letzten Traumfetzen durch den Kopf, die ich aber entschlossen verdrängte. Es waren keine angenehmen Träume gewesen.
Auf dem Weg ins Bad stieß ich mir mein Knie an der Ecke meiner Kommode. Leise vor mich hin fluchend schlurfte ich weiter. Als ich es schließlich wagte, einen Blick in den Spiegel zu werfen, verdrehte ich die Augen.
»Kennen wir uns?«
Missmutig stieg ich in die Dusche. Das Wasser tat mir gut. Etwas besser gelaunt, war auch der nächste Blick in den Spiegel befriedigender. Mein Gesicht sah nicht mehr aus wie ein aufgeblasener Luftballon und meine Haut hatte durch das kalte Wasser eine gesunde rosige Farbe bekommen. Nicht, dass ich jemals blass war, aber vorhin hatte ich beinahe schon krank ausgesehen. Meine schwarzen Locken glänzten vor Nässe. Ich rubbelte noch einmal kräftig, verteilte eine großzügige Portion Schaum und begann zu föhnen.
Entnervt gab ich nach einigen Minuten auf. »Ist Medusas Föhn mal wieder explodiert?«, erkundigte ich mich bei meinem Alter Ego im Spiegel, weil meine Haare in alle Himmelsrichtungen abstanden.
Wenigstens waren sie inzwischen lang genug, um sie zu einem ansehnlichen Knoten zu schlingen. Dann betrachtete ich skeptisch noch einmal mein Gesicht und streckte mir selbst die Zunge heraus.
»Aber Chrissy!«, schimpfte ich in gespielter Empörung. »Nun sei doch nicht immer so albern!«
Als ich einige Minuten später in einem hellen Sommerkleid den Wohnraum mit der Küchenecke betrat, um mir Frühstück zu machen, fiel mein Blick gewohnheitsmäßig auf das Bild über dem kleinen Tisch.
»Hallo Mike«, grüßte ich. »Nein, ich habe nicht gut geschlafen und ja, ich lass mich nicht hängen!«
Das Bild stammte aus unserem Sommerurlaub vor ziemlich genau einem Jahr. Es war am zweiten Tag unserer Hüttenwanderung in den Alpen gewesen. Seine dunklen Haare verschwitzt, das Gesicht von der Sonne und der Hitze gerötet, seine Augen spitzbübisch funkelnd. Unmittelbar nach der Aufnahme hatte er mit mir in dem Bergbach daneben eine Wasserschlacht angefangen. Hinterher waren wir klatschnass von dem eiskalten Wasser und hatten gelacht, bis wir keine Luft mehr bekamen.
Wenigstens in diesen paar Tagen schien meine Welt in Ordnung. Energisch hielt ich mir vor, dass sie das inzwischen auch wieder war. Ich traf mich mit Freunden, ging Squash spielen und in vier Wochen begann bei der VHS ein Französischkurs. Manchmal half ich meinen Eltern im Garten oder ging zu Jule, die Anfang Dezember ihr drittes Kind erwartete. Jedenfalls tat ich mein Bestes, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Ich lächelte Mike auf dem Foto zu, weil ich glaubte, dass er zufrieden gewesen wäre, weil ich mein Leben anpackte. Während ich meinen Kaffee trank und Butter auf mein Brot strich, dachte ich an die Begegnung mit Dr. Ducros. Eigentlich konnte ich mich schon seit einer Weile an Mike erinnern, ohne gleich den Tränen nahe zu sein. Während ich die Erdbeermarmelade verteilte und dabei eine lästige Fliege verscheuchte, bemühte ich mich, das seelische Tief von gestern abzuhaken.
Ich massierte mir die Schläfen. Kopfschmerzen mussten jetzt nicht auch noch sein. Seufzend sah ich auf das Brot, denn Hunger hatte ich kaum. Während ich trotzdem versuchte, etwas zu essen, musste ich mir wohl oder übel eingestehen, dass mich die Umstände von Mikes Tod nach diesem vertrackten Streit wahrscheinlich nie loslassen würden. Ich nahm noch einen Bissen Brot, den ich mit Kaffee herunterspülte. Mehr konnte ich jetzt beim besten Willen nicht essen. Ein paar Sekunden lang starrte ich in meine Tasse. Dann riss mich ein Klingeln aus meinen Gedanken. Ich sprang auf und fahndete nach dem Telefon. Auf dem Sofa wurde ich fündig.
»Reuther?«
»Chrissy! Hoe gaat het ermee!«
Diese unverwechselbare Sprechweise kannte ich doch. »Thies! Hast du in Tibet etwa immer noch keinen Wunderheiler für deine ewige Halsentzündung gefunden?«
Thies lautes Lachte war gutmütig. »Nee, hoor! Aber ich verspreche dir, ich geh gleich morgen zum Arzt.«
»Das sagst du schon seit Jahren und tust es doch nicht«, kicherte ich. »Seit wann bist du wieder da? Ich dachte, du kommst erst nächsten Monat.«
»Vorgestern«, antwortete er und gähnte unverblümt ins Telefon. »Oder nein, ich glaube, es war gestern. Demnächst muss ich nach Peking, daher habe ich meinen Urlaub vorgezogen. Wie spät ist es eigentlich?«
»Jetlag, du Ärmster«, bedauerte ich ihn mit mildem Spott. »Kurz vor acht und mein Bus kommt gleich. Ich wohne doch jetzt nicht mehr in der Stadt.«
»Oh«, machte er nur.
Ich wartete, dass er fortfuhr, doch offenbar war er noch nicht ganz wach. Dem schabenden Geräusch nach zu urteilen rieb er sich gerade über seine Bartstoppeln. Er gähnte noch einmal und murmelte dabei etwas in den Hörer. Im Hintergrund plätscherte es.
»Wie bitte?«, erkundigte ich mich verständnislos.
»Ich sagte, ich muss bald los. Ich fliege heute nach Amsterdam.« Etwas, das sich verdächtig nach Klospülung anhörte, rauschte.
Ich verdrehte die Augen. »Thies!«
»Hm?« Es folgte ein Geräusch, das mich daran erinnerte, dass ich auch noch meine Zähne putzen musste.
»Du bist also gerade auf der Durchreise«, stellte ich fest, angelte mir im Bad meine Zahnbürste und versuchte einhändig die Zahnpastatube aufzuschrauben. »Aber du rufst doch nicht an, um mir das zu sagen.«
»Nee, nu, äh, toch«, kam es sehr undeutlich zurück. Er spuckte aus. Während ich darauf wartete, dass er weiterredete, begann ich meinerseits meine Zähne zu bearbeiten.
»Du wusstest doch, dass ich vorerst nicht in Deutschland bin, hoor!«, meinte er.
Mir selbst im Spiegel zunickend, lauschte ich weiter.
Das Schrubben übertönte fast seine Worte: »Warum hast du mir nicht schon längst eine Mail geschickt?«
»Ich habe dir eine ganze Menge Mails geschickt«, antwortete ich mit dem Mund voller Zahnpasta. »Sind die etwa beim Dalai Lama gelandet anstatt bei dir?«
Er gurgelte. »Der Dalai Lama ist nicht in Tibet!«
»Aha.« Ich spuckte die Zahnpasta ins Becken.
Während Thies ebenfalls seine Mundhygiene beendete, machte ich mich auf den Weg, um mein Frühstücksgeschirr abzuräumen.
»Du hast mir den Umschlag von Mike nicht auf den Schreibtisch gelegt.«
»Nein!« Die Butter rutschte mir aus der Hand und landete auf den Fliesen. »Welchen Umschlag?« Ich versuchte, soviel es ging, von der Butter zu retten, bevor ich den Rest mit Küchenpapier beseitigte. »Ich war doch gar nicht in deiner Wohnung. Jule und Bernd haben Mikes Schlüssel behalten, damit sie ab und zu nach dem Rechten bei dir sehen konnten.«
Ein tiefer Seufzer kam vom anderen Ende der Leitung. »Ich bin nächste Woche wieder da. Ich ruf dich an!«
Das ging mir jetzt eindeutig zu schnell. »Moment!« Ich warf das Küchenpapier in den Müll.
»Chrissy«, wiegelte Thies ab. »Ich melde mich bei dir, dann treffen wir uns. Wurde diese Ferienanlage eigentlich inzwischen eröffnet?«
»Ja, vor ein paar Wochen. Warum willst du das denn wissen?«
»Jeetje! Ik moet weg. Hoi!«
Er legte auf. Kopfschüttelnd starrte ich auf den Hörer. Dann zuckte ich die Schultern, schnappte mir eine Jacke und verließ die Wohnung.
»Da sind wir!«
Bei strahlendem Sonnenschein parkte ich das Auto meiner Schwester auf dem Großparkplatz hinter dem Bahnhof. Ihr Sohn Lukas, der die ganze Fahrt über keine Sekunde still gewesen war, schnallte sich schon ab und rüttelte an der Tür, die sich wegen der Kindersicherung aber nicht öffnen ließ. »Mach auf!«
»Langsam!«, bremste ich ihn. Die zweijährige Lea blinzelte schläfrig. Schnell drückte ich ihr das Schnuffeltuch wieder in die Hand, das sie sich durchs Gesicht rieb. Prompt schlummerte sie weiter. Zusammen mit Lukas zog ich einen Parkschein und schaffte es anschließend, den Kinderwagen aufzuklappen, ohne mir die Finger zu klemmen und Lea hineinzusetzen, ohne dass sie aufwachte.
»Und wo essen wir jetzt ein Eis?«, fragte Lukas.
Ich grinste listig. »Was hältst du davon, wenn wir zuerst im Buchladen vorbeigehen? Dann kann ich den Roman für deine Mama besorgen und wir schauen nach einem neuen Rätselbuch für dich. Und beim Eis essen können wir schon mal anfangen. Ich hab nämlich extra Stifte mitgenommen.« Dass ich außerdem vor hatte nicht auf direktem Weg zu meinem Lieblingscafé am Schlossplatz zu gehen, damit Lea noch ein wenig schlafen konnte, behielt ich für mich.
Lukas spitzte die Lippen. »Aber das müssen richtig schwere Rätsel sein!«, forderte er. »Nicht so babyleichte wie letztes Mal. Immerhin bin ich jetzt ein Vorschulkind!«
»Oh ja. Klar. Natürlich. Vielleicht kannst du dann ein babyleichtes Malbuch für Lea aussuchen? Nur, damit sie nachher auch was zu tun hat und uns nicht immer dazwischenfunkt ... du weißt schon.«
