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Irene, 15, hat das KZ überlebt, sie kommt zurück in die Stadt und muss bald feststellen, dass sich an Hass und Misstrauen seitens der Bevölkerung nichts geändert hat. Niemand will von ihrer Vergangenheit wissen, man betrauert den verlorenen Krieg, fühlt sich vom Führer betrogen. Auch von Irene wird erwartet zu schweigen. Einer der besten Romane zur psychologischen Situation nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes in Österreich. Nach der Befreiung aus dem KZ befreundet sich Irene im amerikanischen Lazarett mit Michael, einem ehemaligen Hitlerjungen, der ihr von der "Wolfsbande", erzählt; seine Schilderungen von Kameradschaft und Zusammengehörigkeit faszinieren sie. Irenes Problem ist ihre Ortlosigkeit. Für sie und ihre Erlebnisse ist nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes kein Platz. In der kleinen Pension ihrer Tante findet Irene als kostenloses Hausmädchen eine lieblose Unterkunft und wird ab sofort mit dem ungehemmten Fortleben der NS-Ideologie konfrontiert. In diesem Ambiente, wo keiner dem anderen traut, ist Irenes Lager-Vergangenheit die eigentliche Schande, die es zu verbergen gilt. Ebenso naheliegend ist es, dass die kriminellen Umtriebe einer übrig gebliebenen HJ-Gruppe unter der Schlagzeile "Missbrauchte Pfadfinderideale" Platz finden. Es ist genau jene Gruppe, der Michael angehört – und auch der junge Toni, in den sich Irene nach einigen geheimen Treffen verliebt hat. Toni will aussteigen aus der verschwörerisch organisierten Gruppe, in der ein skrupelloser "Führer" ein autoritäres Kommando führt. Die beiden wollen fliehen. Die Art und Weise, wie Hertha Pauli in diesem Roman die psychologischen Trennlinien zwischen den verschiedenen Motivationen und Standorten der jugendlichen und erwachsenen Akteure setzt, ist ein finaler Kommentar zum Umgang mit der NS-Vergangenheit, vorgelegt im Jahr 1959. Damals wurde es wurde mit Heinrich Bölls "Haus ohne Hüter" verglichen.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Hertha Pauli
Roman
Mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
ICH MÖCHTE SCHREIEN. Aber das tut man nicht in Amerika, wie ich in der kurzen Zeit meines Hierseins bereits gelernt habe. Hier lächelt man – Keep smiling – und auf die Frage, wie es geht, antwortet man noch im Sterben: »Danke, fein.«
Mir kann freilich nichts passieren, denn ich war schon tot. Also lächle ich zu allem, was das Leben noch bietet, und sage ohne weiteres: »Fein.«
So werde ich hier geduldet.
Ich befinde mich nämlich bei einer Art von Verwandten, die nichts Rechtes mit mir anzufangen wissen. Sie haben mich aber herübergeholt und gleich bei der Ankunft gefragt: »How do you like America?« Ich dankte.
Jetzt belästigen sie mich nicht mehr mit Fragen. Das halte ich gar nicht mehr aus. Sie sollen von mir wissen. Ich muss erfahren, was dann geschieht. Ich kann die Ruhe nicht ertragen. Deshalb möchte ich schreien. Aber ich will zeigen, was ich gelernt habe: leise sprechen – und wenn schon nicht lächeln, ein unbewegtes Gesicht aufsetzen, was bei ernsten Anlässen üblich ist.
Erwartet wird von mir, dass ich mich nützlich mache. Mit Hausarbeit, weil ich sonst nichts aufweisen kann. Der Frühstückstisch vor uns biegt sich unter den Köstlichkeiten. Ich übe mich darin, den Überfluss für selbstverständlich zu nehmen. Ich muss mich eben eingewöhnen. Nachher werde ich das Geschirr abwaschen.
Vielleicht könnte ich mich noch anders nützlich machen als nur im Haus. Mir gegenüber sitzt meine Cousine dritten oder vierten Grades. Sie liest Zeitung und beachtet mich nicht.
Ich möchte, dass sie mich beachtet. Ich möchte sie aus der Fassung bringen und sehen, was dann herauskommt. Wahrscheinlich wirft sie mich hinaus. Gut, dass sie keine Ahnung hat, denke ich in mich hinein; sie lebt nicht, sie will nur schreiben. Jeden Sonntag studiert sie die Bestsellerliste, in Fiction und Non-Fiction eingeteilt. Manchmal versucht sie, mir den Unterschied zu erklären, und dass sie nicht weiß, was ihr lieber ist. »Fein«, sage ich.
Es gibt hier viel zu verwundern. Auch die jetzige Jahreszeit gibt es bei uns nicht; sie heißt Indianersommer. Der Kastanienbaum vor unserem Fenster sieht aus, als wäre er über und über in Blut getaucht. Aber freundlich.
Die Küche, in der wir frühstücken, blinkt weiß wie der große Kühlschrank darin und die Geschirrwaschmaschine, mit der ich noch nicht gut umgehen kann. Um mich nützlich zu machen, muss ich weiter lernen.
Gesund bin ich jetzt schon. Ich darf mich nur der Sonne nicht zu sehr aussetzen und im nahen Sund nicht schwimmen gehen, sonst kommen die alten Male wieder zum Vorschein – nur noch umrisshaft auf dem rechten Arm, wie bläuliche Schatten. Aber ich passe schon auf.
Im Augenblick rücke ich lieber beiseite, weil mich die Sonnenstrahlen durchs offene Fenster treffen. Doch schau ich gerne hinaus. Das Nachbarhaus – auch aus Holz – sieht dem unseren zum Verwechseln ähnlich, wie ein Ei dem anderen gleichen sich die Häuser in unserer Siedlung, mit den eingebauten Garagen. Wie Pilze schießen sie aus dem Boden und mehren sich. Friedliche kleine Grasflecke füllen die Zwischenräume aus, und an der Einfahrt hängt ein großes, rotbeschriftetes Schild: »Estates«.
Kolonnenweise drängen sich hier morgens die Wagen hinaus. Die Männer fahren zur Arbeit in die Stadt, die Kinder werden zur Schule gebracht, die Frauen bleiben daheim. Meine Cousine hat keine Kinder. Wir sind allein. Ich will gar nicht mehr reden. Wie von selber formen meine Lippen den Satz, an dem ich ersticke: »Ich muss dir ein Geständnis machen –«
Sie blickt nicht auf. Es war zu leise, anscheinend unhörbar. Aber meine Kehle brennt. Ich starre hinaus in die Sonne. Was ist geschehen? Der Sessel, auf dem ich sitze, ist kalt und aus Stahl. Der Blutbaum schüttelt den Kopf. Ein Hund bellt. Ich will zusammenzucken, kann mich aber weder rühren noch um Hilfe rufen. Die Kehle ist trocken, die Glieder sind starr, statt der Häuser sehe ich Holzbaracken ringsum in Reih und Glied, hinter Stacheldraht; an Flucht ist nicht zu denken … Nur zum Tod kommst du hinaus. Es raschelt. Ich bin an der Reihe.
Hab ich doch geschrien?
Ein Zeitungsblatt senkt sich, dahinter taucht ein Kupferhelm auf – ich ducke mich, starre in ein unbewegtes Gesicht. Es kommt mir langsam bekannt vor und der Helm verwandelt sich in hochgekämmtes goldgetünchtes Haar, während eine vertraute Stimme freundlich-erstaunt fragt: »Was hast du denn schon zu gestehen, Irene?«
Mein Name weckt mich. Sind nur Sekunden vergangen, keine endlose Agonie? Hat sie mich vorhin gehört? Ich möchte sie aufschrecken, herausschreien, was mich quält: Ich – ich hab ihn umgebracht –
Sie lächelt. Das beruhigt mich.
Mir kann nichts passieren, denke ich. Du darfst ruhig weitererzählen, was ich dir sagen will! Du darfst es sogar schreiben. Ich werde dir meine Zeitungsausschnitte geben und du kannst feststellen, ob es Fiction oder Non-Fiction ist. Ich hab ihn umgebracht, aber mir kann nichts passieren. Denn ich war schon tot.
Die Wärme war es, die mich wieder zum Leben erweckte, kein Zweifel. Ich schlug die Augen auf und sah einen weißen Raum, so weiß wie diese Küche und ebenso sauber.
Da saß auch eine Frau neben mir, sie trug eine weiße Haube und eine Rote-Kreuz-Binde um den Arm. Das erschreckte mich. Ich begann mich zu erinnern: Das rote Kreuz hatte ich zuletzt auf einem Arm neben dem Hakenkreuz gesehen – so trugen es die SS-Sanitäter, die mit der Giftspritze zu uns ins Lager kamen. Es war ganz dumm, sich zu fürchten, denn so eine Spritze war das Beste, was du kriegen konntest. Man spürt den Stich kaum und dann schläft man eben ein. Die anderen, wie meine Eltern auch, waren ins Gas gekommen, das muss viel schlimmer sein. Da möchte man sich vielleicht gar noch wehren.
So müde, wie ich war – so müde, dass ich Hunger und Kälte schon gar nicht mehr spürte –, wollte ich ihnen gerne nach, ohne aufzustehen. Wie durch einen Nebel hörte ich noch eine Stimme: »Das ist ja bloß ein Kind …« Dann wusste ich nichts mehr. Es war ganz ruhig.
Wie war ich bloß in den weißen Raum gekommen? Die Frau neben mir musste eine Rote-Kreuz-Schwester sein, sie sagte etwas, aber ich konnte es nicht verstehen. Dann fingen die Schmerzen an, auf der ganzen rechten Seite. Sie mochten von der Spritze oder von der Kälte kommen. Das rechte Bein war von oben bis unten blau angelaufen. Bewegen konnte ich mich kaum. Ich konnte auch nichts zu mir nehmen, sondern döste so vor mich hin, in einer Art Halbschlaf. Wie lange das gedauert hat, weiß ich nicht.
Bald konnte ich die Roten-Kreuz-Schwestern neben meinem Bett unterscheiden. Eine sprach sogar deutsch und ich hörte von ihr, dass ich in einem amerikanischen Lazarett war, als einzig Überlebender aus dem Lager. Es wunderte mich sehr, denn die Spritzen waren uns verabreicht worden, damit wir das Eintreffen der Amerikaner nicht mehr erleben sollten. Der Sanitäter musste sich in der Dosis geirrt haben, in der Eile oder auch deshalb, weil ich bloß ein Kind war.
Jetzt kam ich mir sehr erwachsen vor, besonders als ich eines Tages aufstehen und bald darauf an einem Stock in den Gang hinaushumpeln konnte. Da stand ich richtig aufrecht – und musste lachen!
An diese Möglichkeit hätte ich nie gedacht. Es war ein ganz neues Gefühl, eine Art Kitzel, der aus dem Magen kam und hungrig machte. Ein nagender, rasender Hunger war das, der alles auffressen wollte. Ich bog mich vor Lachen und spürte mit einem Mal, dass ich wirklich am Leben war.
Der Junge vor mir lachte auch. Er hatte zu lachen angefangen, wie ich angehumpelt kam. Ich nahm es ihm aber nicht übel, denn ich spürte gleich, dass der da mich nicht auslachte – nein, der lachte mich nur an, weil wir zwei Krüppel so gut zusammenpassten. Dabei streckte er mir seine linke Hand entgegen, weil er keine rechte besaß.
»Na, wo hat’s denn dich erwischt?«, rief er und blinzelte mir vertraulich mit dem rechten Auge zu. Über dem linken trug er eine schwarze Binde.
Mir verging das Lachen. Nicht wegen der Binde über seinem Auge oder wegen des leeren Ärmels, der von seiner Schulter baumelte, sondern weil seine selbstverständliche Frage eine Kluft zwischen uns aufriss. Natürlich war der von einer Bombe verletzt worden wie die anderen Patienten hier, wie das normal und ehrenvoll war. Natürlich war er früher in der Hitlerjugend gewesen, wie sich das gehört. Nie durfte ich zugeben, dass ich aus einem Lager kam.
Lügen hatte ich gelernt. Also nahm ich mich zusammen, brachte zwar keinen ordentlichen Satz heraus, warf aber mit einem Achselzucken hin: »Draußen halt – die Kälte –«
Das gefiel ihm. »Wenn’s sonst nichts ist«, meinte er tröstlich, »das geht vorüber. Solang sie dir nichts abgeschossen haben, bist du fein raus.«
Ich nickte ihm zu. Da kam er näher und flüsterte mit gewissem Stolz: »Bei mir sind’s gar nicht die Amerikaner gewesen, verstehst – nicht bei mir!«
Er schien auf eine Frage zu warten, aber ich traute mich erst nicht. Der verächtliche Ton, in dem er das Wort »Amerikaner« ausgesprochen hatte, machte mich vorsichtig. Er fixierte mich mit seinem einen Auge und wartete ab. Vor Neugierde brachte ich schließlich doch zwei Worte heraus: »Wer denn?«
Er schwoll richtig auf. »Ich selber.«
Zuerst verstand ich gar nicht, wie das möglich war. Es klang sehr stolz, wie er die Geschichte von sich gab; dabei flüsterte er, als dürfe es ja keiner hören. »In den Trümmern hab ich sie gefunden, beim Flak-Spielen. Hast du einmal eine Handgranate in der Hand gehabt? Großartig, sag ich dir. Dabei sieht’s nach gar nichts Besonderem aus. Ganz gewöhnliches rundes Ding. Ich wollt’s einpacken und mitnehmen, für die Zeit, wo unsereiner wieder so Zeug gebrauchen kann. Wenn wir wieder am Schmeißen sind, mein ich. Aber das Ding hat nicht so lang warten wollen. Kaum heb ich’s auf, hat’s gekracht. Bumm – und weg war ich.«
Er war sichtlich begeistert von dem Gedanken, dass er eine Explosion zustande gebracht hatte. In meiner Verlegenheit murmelte ich was von Angst vor Handgranaten. Da musste er laut lachen.
»Bist halt ein Mädel«, stellte er fest, so verachtungsvoll, wie er vorher von den Amerikanern gesprochen hatte. Die Kluft lag wieder zwischen uns. Ich wollte rasch von ihm weghumpeln, es war nicht leicht, aber er rief mir doch voller Neid nach: »Du hast ja all deine Glieder!«
Da tat er mir leid – und damit hat alles begonnen.
Auf einmal war er dicht bei mir und ließ sich meinen Stock zeigen. Ich musste mich an ihm anhalten, weil ich ohne Stock noch gar nicht stehen konnte. Er versuchte, den Stock in seinen leeren Ärmel zu stecken; das sah unheimlich aus, schien ihm aber zu gefallen, denn er sagte: »Wenn du ihn nicht mehr brauchst, kannst ihn mir schenken …«
Ich musste es ihm versprechen und fügte nur hinzu: »Wenn wir herauskommen.« Das Fenster vor uns war vergittert. Man konnte aber gut durchsehen, besonders auf die Schutthaufen und Mauerreste rechts unten. Nun wollte er wissen, was es links gab. Natürlich waren da auch Trümmer, und ich tröstete ihn, dass er nichts versäume. Jetzt lachten wir wieder alle zwei.
»Wird alles wieder aufgebaut«, versicherte er mir und setzte hinzu: »Ich muss mir nur noch den richtigen Arm dafür suchen.«
Er machte mich immer wieder neugierig. Ich wollte wissen, wo er hingehen würde, wenn er herauskäme. Er zuckte nur die Achseln, was ihn noch schiefer erscheinen ließ – besonders im Rücken, doch zog es sich bis ins Gesicht hinauf. Allerdings konnte das auch am fehlenden Auge liegen. So sah der Kerl aus – und dazu erklärte er sehr von oben herab: »Mir steht die ganze Welt offen.«
Er war unbeschreiblich. Ich starrte ihn nur an. Irgendwer musste ihm einen angerauchten Zigarettenstummel geschenkt haben, den steckte er hie und da in den Mund und sog ohne Feuer daran wie ein Großer. Es interessierte mich, warum gerade ihm die ganze Welt offenstand.
Nach etwa drei Zügen geruhte er zu antworten. »Meine Freunde«, sagte er, nichts weiter. Dabei fuhr er mit der gesunden Hand durch die Luft, als wolle er jemanden vorstellen.
Der Hunger stieg wieder nagend in mir auf. Mein Leben lang hatte ich nie zu einer Gruppe gehören dürfen. Wer waren die Freunde?
Er wich meinem Blick aus, ließ die Hand sinken und schrumpfte in sich zusammen. »Ich bin ja doch nur ein Krüppel«, bemerkte er trocken und gab mir den Stock zurück.
Unsere Hände berührten sich. Seine war kalt und ich zog die meine zurück, als ich ihn bat, mehr von seinen Freunden zu erzählen. Meine Neugier gab ihm wieder die Oberhand. Er grinste und meinte: »Wenn wir uns erst besser kennen –«
Also versprach ich, ihn morgen wieder hier im Gang zu treffen.
Um seine Freude zu verbergen, schaute er weg und sagte nur: »Ich seh nicht von links.«
Und ihm zu Gefallen ging ich auf seine rechte Seite hinüber. Es lag keine Kluft mehr zwischen uns.
Der Krüppel hieß Michael. Ich traf ihn dann jeden Tag; wir saßen zusammen im Gang, durchs Fenstergitter schauend und Pläne schmiedend. Seine Freunde kannte ich auch bald mit Namen. Da war der Wolf, von dem pflegte mit einer Art Scheu gesprochen zu werden. Ich sah ihn förmlich vor mir: groß, breitschultrig, der Älteste im Bunde. Michael kannte ihn noch aus der Volksschule. Er schnalzte mit der Zunge: »Ein Musterschüler, der Wolf.« Das kam heraus, als spräche er von einem unerreichbaren Leckerbissen.
Michael gab zu, Musterschüler im Allgemeinen nicht leiden zu können. Mit dem Wolf war es freilich anders. Der arbeitete ein System aus, wonach die ganze Klasse von ihm abschrieb, ohne dass die Trottel von Lehrern je draufkamen. Und was der Wolf alles gelesen hatte! Von den Klassikern bis herunter zum Neuesten, was es so gab. Bis zu den Detektivgeschichten – aber daraus, meinte er, sei nichts zu lernen. Auch im Rechnen war er der Beste. »Das geht bei dem wie geschmiert«, behauptete Michael und wandte sich an mich: »Hast schon mal was von unserem Mathematiker Leibniz gehört?«
Ich hatte keine Ahnung, und er weidete sich wieder an meiner Verlegenheit, bevor er mich aufklärte: »Muss ein ganz großer Kopf gewesen sein. Auch ein Philosoph, wie der Nietzsche.« Das hatte der Wolf ihm eingeprägt – denn der Wolf liebte die Philosophie, wenn er sich auch in der Hitlerjugend bald mehr den Fragen des praktischen Lebens zugewandt hatte. »Vor allem muss man es zu was bringen«, zitierte ihn Michael und wies, vertraulich über mich gebeugt, auf seine restliche Hand hin. »Der Wolf«, flüsterte er, »der schießt mit der linken Hand wie kein anderer mit der rechten.« Seine Augen glänzten. »Wenn ich das bloß von ihm lernen könnt!«
Ich nickte zerstreut, meine Gedanken waren bei Wolf geblieben. »Hast du denn eine Ahnung, wo er ist?«, wollte ich wissen.
Michaels Nicken war voller Zuversicht. »Wir haben einen Verbindungsmann, auf den Verlass ist. Hermann heißt er. Der weiß immer, wo der Wolf für uns erreichbar ist.«
Für uns, wiederholte ich in Gedanken. Einmal dabei sein, dazugehören … Ich musste den Wolf kennenlernen, so viel stand fest. Aber ich hatte nicht den Mut, direkt zu fragen. »Wie alt ist er denn?«, warf ich ein.
Michael rechnete nach. »Muss schon sechzehn sein«, stellte er dann fest. Auch das machte mir Eindruck. Michael war nur so alt wie ich, knapp fünfzehn. Freilich kam er mir viel erwachsener vor als ich. Was hatte ich denn schon gesehen? Seit ich denken konnte, war ich im Versteck oder im Lager gewesen. Was übrigens das betraf, so hatte ich mir eine großartige Lügengeschichte zurechtgelegt. Michael glaubte fest, dass ich wie alle anderen der Luftangriffe wegen in ein Kinderlandverschickungslager gekommen war, und wenn er Näheres hören wollte, so lenkte ich geschickt ab und brachte das Gespräch wieder auf seine Freunde.
Er hatte wohl begriffen, dass die Freunde das waren, was mich an ihm am meisten interessierte. Ich konnte und wollte das auch gar nicht verbergen. Er erzählte herrlich. Immer wieder erweckten seine Geschichten in mir den Hunger, der weit über Milch und Brot hinausging.
Übrigens war ich kein Gerippe mehr. Ich hatte zwanzig Pfund zugenommen, und die Vorstellung, dass meine Brust nicht mehr so flach war wie die eines Jungen, machte mir Mut. »Habt ihr Mädels in der Gruppe?«, fragte ich geradeheraus.
Der Kerl machte wieder eine verächtliche Bewegung. »Gewöhnlich nicht«, gab er zurück, über sein ganzes schiefes Gesicht grinsend. »Was halt so fallweise kommt. Der Hermann hat ein paar Schwestern. Aber der Wolf mag kein Weibergetratsch.«
Wenn der wüsste, wie ich schweigen und sogar lügen kann, dachte ich. Es ärgerte mich, dass ich nicht einmal das zugeben konnte. Vielleicht war es besser, auf seinen Ton einzugehen? »Halt’s Maul!«, schrie ich ihn an – und er duckte sich wie ein geprügelter Hund. Jetzt war ich einmal überlegen. Die Hunde, die mir bisher begegnet waren, hatte man dressiert, uns zu bewachen; sie duckten sich nur vor den SS-Leuten im KZ. Dem verkrüppelten Hund vor mir hatte ich nichts mehr zu sagen.
Am nächsten Tag ließ ich ihn warten. Am übernächsten tauchte ich doch wieder auf, um ihm vorzuführen, dass ich den Stock nicht mehr brauchte. Ich konnte jetzt beide Beine ganz normal bewegen und spürte nur bei Aufregungen oder schlechtem Wetter noch einen stechenden Schmerz in der rechten Seite. Dann kamen auch die bläulichen Male wieder, aber nur in blassen Kreisen, die nicht weiter auffielen. Für den Michael waren sie jedenfalls nicht sichtbar.
Ich tänzelte vor ihn hin, den Stock in der Luft. Der Kerl tat, als merke er’s nicht, sagte auch kein Sterbenswort darüber, wie lange er gestern vergebens gewartet hatte. Wie selbstverständlich griff er nach dem Stock, steckte ihn wieder in den Ärmel und meinte leichthin: »Den behalt ich.«
Bevor ich widersprechen konnte, überraschte er mich damit, dass er dieser Tage die Anstalt verlassen werde. Ich spielte gleichgültig und versuchte, ihn zu übertrumpfen. »Na«, sagte ich, »dass ich gesund bin, siehst du ja.«
Er wurde lebhaft. »Wo gehst du hin, Irene?«
Das wusste ich nun wirklich nicht genau. All meine Verwandten waren tot. Es gab nur noch eine alte Freundin von Mama und deren Mann, die ich »Tante« und »Onkel« zu nennen pflegte, die hatten keine Kinder, dafür eine Familienpension etwas außerhalb der Stadt. Ich hatte ihnen geschrieben, war aber noch ohne Antwort. Und bevor ich die Adresse preisgab, wollte ich ein Versprechen von Michael. »Du musst mir deine Freunde zeigen«, verlangte ich.
Er suchte nach einer Ausrede und fand sie. »Du fürchtest dich doch bloß –«
»So?« Jetzt war ich es, die lachte. Ich saß so nah bei ihm, dass sein gesunder Arm den meinen streifte. »Dann wirst du mich eben beschützen, Michael.«
Bei der Berührung schnellte er hoch und wurde beinahe gerade. Das eine Auge musterte mich und glänzte. »Der Wolf«, meinte er, »der möchte schauen, wenn ich so wen bring …«
»Also.« Ich rückte von ihm ab. »Versprichst es?«
Er zögerte noch. »Ich kann den Hermann fragen.«
Zwischen uns stand der Stock, den ich am einen Ende festhielt. »Mich siehst du nicht mehr«, drohte ich, »wenn du Angst hast.«
Es gab ihm einen Riss. »Ich? Ich hab noch nie Angst gehabt – nicht einmal vor dem Zeug, das mir dann in die Luft gegangen ist. Ich war immer der Nächste zum Wolf, verstehst du, bis nachher der Toni dazugekommen ist, das Babyface –«
Das Wort war mir unbekannt. Der Wolf, erfuhr ich, hatte es von den Amerikanern gehört und auf den Toni angewendet, weil der so hübsch engelhaft aussah. Michael kicherte in sich hinein. »Und der fürchtet sich auch wirklich – nicht ich. Vielleicht tät so ein Angsthase dir besser passen?«
»Bist du eifersüchtig?« Ich lachte ihn aus und schwang den Stock in der Luft. Er duckte sich wieder – und weil ich ihn dazu gebracht hatte, überließ ich ihm den Stock. »Da hast du ihn«, sagte ich großzügig.
Er krampfte die ihm verbliebene Hand um den Stock, als müsse er ein Pfand festhalten. »Wir sehen uns wieder«, sagte er nur und sah mir nach.
Fragebogen haben mir immer Schwierigkeiten bereitet. Meine Mutter hatte mich aus der Schule genommen, als ich den ersten nach Hause brachte, in dem die Abstammung der Eltern auszufüllen war. Seitdem konnte ich Formulare nicht ausstehen und fürchtete mich vor Fragen aller Art. Auch im Büro des amerikanischen Spitals wusste ich nicht recht, was ich angeben sollte, als es um meine Entlassung ging. Es half nicht einmal, dass man versuchte, deutsch mit mir zu reden.
Die Sache kam erst in Schwung, als Tante Liese selbst kam, um nach dem Rechten zu sehen. Ich hätte sie kaum erkannt. Vier Jahre lang hatte ich das sogenannte »Tantchen« meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Sie schien mir nun viel kleiner – wahrscheinlich nur deshalb, weil ich selber gewachsen war. Dafür war sie dicker geworden. »Vom Kartoffel- und Rübenfressen«, erklärte sie mit einem kurzatmigen Seufzer. Dann nahm sie energisch in die Hand, was für mich zu erledigen war.
Wenn ich gesund sei, hörte ich, und traute meinen Ohren kaum, müsse ich natürlich sofort zu ihr ziehen. Ein Zimmer sei frei, zu essen gäbe es ja nun genug, wenn man seine Beziehungen hätte, ich könne ihr helfen, und sie hätte sich immer schon eine Tochter im Haus gewünscht. »Klar, nicht?«
Ich war sprachlos. Es klang alles viel netter, als ich das Tantchen in Erinnerung hatte. Sie entschuldigte sich sogar, mich nicht früher besucht zu haben: Es hatte so viele Laufereien gegeben, und zwar wegen ihrer Entnazifizierung. »Verdanke ich alles dem Hugo«, setzte sie ein wenig verbittert hinzu. Onkel Hugo sei, natürlich nur der Not gehorchend, früher auch einmal in der Partei gewesen. War aber nun wieder ganz in Ordnung – schon deshalb, weil er meinem Vater behilflich gewesen war, versicherte Tante Liese.
Sie schnaufte aus und wartete. Sollte ich mich bedanken? Ich schwieg. Das schien sie zu freuen. »Hast recht, Kind«, fuhr sie fort, »darüber wollen wir gar nicht mehr reden. Ich kann alles verstehen, weißt du. War zum Schluss selber eingesperrt, weil ich vor allen Leuten gesagt habe, dieser Schwarzhandel sei einfach ein Skandal. Und das war er auch.« Da kam gerade meine amerikanische Schwester vorbei, und Tante Liese verstand es, ihr ein paar englische Worte zu sagen. »Muss man heute können«, flüsterte sie mir nachher stolz zu, »besonders in einem Betrieb wie dem unseren.«
Dann begann sie eingehend von ihrer Pension zu erzählen. Sie ging gut, aber es war eine Plage mit den Hausgehilfinnen. Erst bekam man sie nicht und dann liefen sie gleich wieder weg, meist mit einem von der Besatzung, der womöglich auch noch schwarz war. Mit einer war kürzlich der Rest des Familienschmucks verschwunden.
Mir ging ein Licht auf: Also daher pfiff das Mitleid. Ich sollte wohl nicht so sehr Haustochter wie Hausmädchen werden. Auch gut. Nur hier heraus. Über meine zukünftigen Pflichten wurde noch nicht geredet. Etwas anderes, worüber auch nicht geredet werden sollte, war meine Lagervergangenheit, und vor allem deren Grund.
»Dass dein Vater nicht arisch war, schadet ja heute nichts mehr – im Gegenteil«, meinte das Tantchen. »Man soll’s bloß den Leuten nicht auf die Nase binden. KZ und so, das hört doch keiner gerne. Also Schwamm drüber. Klar, nicht?«
Ich nickte und dachte an die Geschichte von meinem Kinderlandverschickungslager, die ich Michael erzählt hatte. Auch die Adresse der Pension Bauernfeind hatte er von mir …
Das Familienheim lag in einem Vorort. Zum Abschied beschrieb mir Tante Liese genau den Weg, den ich nehmen musste, und ich schrieb mir die Straßennamen sorgfältig auf. Trotzdem konnte ich mich im Freien erst kaum zurechtfinden. Mir zitterten die Knie, als es so weit war und ich die Anstalt verließ; ich hatte es verlernt, mich außerhalb von Gittern zu bewegen. Die Kleider, die mir ein Hilfskomitee gespendet hatte, saßen fremd und ungewohnt auf mir. Das Täschchen – auch vom Komitee – mit dem neuen Waschzeug und den verschiedenen Papieren, die man mir gegeben hatte, wog so schwer, als sei es mit Blei gefüllt. An der ersten Ecke musste ich mich an der Hauswand festhalten, um nicht umzufallen.
Wenn Vorübergehende sich nach mir umblickten, erschrak ich und drehte den Kopf weg. Es fiel mir schwer, die Straße zu überqueren, denn den Verkehr war ich schon gar nicht gewöhnt. Aufatmend landete ich drüben an der angegebenen Haltestelle der Straßenbahn, das Fahrgeld, das mir Tante Liese abgezählt vorgestreckt hatte, krampfhaft in der Hand.
Der Straßenbahnwagen war fast leer. Beim Fahren wagte ich, aus dem Fenster zu sehen, obwohl es nicht vergittert war. Das Stadtbild war verwirrend, voll sonderbarer Durchblicke, wo früher dichte Häuserreihen standen. Bevor man daranging, den Schutt wegzuräumen, hatte man ihn erst einmal zu Bergen aufgetürmt, wie um ihn noch handgreiflicher zu machen. Ich hatte gar nicht gewusst, wie viel zerbombt worden war, und versuchte vergebens, mir einen Luftangriff vorzustellen. Es war ein ganz sonderbarer Gedanke, dass auch außerhalb des Lagers Menschen massenhaft getötet worden waren.
Der Schaffner rief die Station aus, die ich mir notiert hatte. In der Vorstadt kannte ich mich gar nicht mehr aus. Ich traute mich lange nicht, nach dem Weg zu fragen, und erhielt auch nicht immer die richtige Auskunft. Vielleicht waren die anderen Leute auch etwas durcheinander.
Es dauerte stundenlang, bis ich zu dem unverändert friedlichen Gärtchen kam, wo ich als Kind so oft gespielt hatte. Ich zog die Hausglocke. Nichts rührte sich. Erst nach wiederholtem Läuten öffnete mir Onkel Hugo Bauernfeind selber. »Da bist du ja«, stellte er fest, ließ mich ein und sperrte die schwere Tür bedächtig wieder zu. Im ersten Augenblick glaubte ich, wieder gefangen zu sein.
»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, erklärte der Onkel. »Besonders heutzutage. Immer gleich wieder zusperren, das ist die Hauptsache.«
Ich versprach es.
»Na ja«, meinte er. »Die Redlichkeit hat natürlich gelitten.«
Auch er schien gealtert und machte einen recht verdrossenen Eindruck, als er vor mir zwei Treppen hinaufstieg und wiederholt stehen blieb, um Atem zu schöpfen. Eine Art schwerer Müdigkeit lag über ihm, so als trage er dauernd ein unsichtbares Gewicht mit sich herum. Oben angelangt, trat er durch eine Tapetentür in eine Kammer und ließ sich vorsichtig auf einen Stuhl nieder. Dann zog er eine Pfeife aus der Tasche, stopfte sie und paffte. Dichter Qualm füllte die Kammer und strömte einen beißenden Geruch aus.
Onkel Hugo blickte sich in seiner Rauchwolke um. »Das ist dein Zimmer, Irene.«
Jetzt erst wagte ich, mich umzusehen. Umdrehen konnte ich mich kaum; das Eisenbett, die Kommode mit dem Waschbecken und der Stuhl, auf dem der Onkel saß, füllten den Raum so, dass ich eben noch bei der Tür Platz hatte. Die Decke war schräg und über dem Bett so niedrig, dass man nur gebückt darauf sitzen konnte. Aber mir schien alles herrlich. Ich hatte noch nie ein eigenes Zimmer gehabt.
Bei genauerem Hinsehen fiel mir noch etwas auf. In allen Ecken hockten riesige Zeitungsstöße, die der Pfeifenqualm zuerst verschleiert hatte. Onkel Hugo folgte meinem Blick. »Dass du mir die ja nicht wegwirfst!«, gebot er.
Ich sah, dass die Ränder der alten Blätter vergilbt und eingekrümmt waren. Ein brauner Käfer kroch über eine hervorstehende Schlagzeile: »Sieg bei Stalingrad« stand da in fetten roten Buchstaben. Diesen Sieg hatte man im KZ durch Lautsprecher bekanntgegeben, es war schon lange her. Der Braune verschwand zwischen den verwelkten Siegesnachrichten. Er lebte wohl darin und nährte sich davon mit seiner lieben Familie.
»Dies ist meine Welt«, verkündete der Onkel feierlich. Er wies auf die Haufen vergilbten Papiers. »Da hab ich das Reich in seiner Größe, und hier« – das war ein Stoß bei der Tür, der noch recht neu aussah –, »hier liegt sein tragischer Fall. Daran rührst du nicht, verstanden? Und sonst hältst du überall Ordnung, wie sich das in einem deutschen Familienheim gehört.«
Im Einzelnen erfuhr ich meine Pflichten von Tante Liese. Ihre Küche blitzte: Die Kupferpfannen, die noch von ihrer seligen Großmutter stammten, rieb sie täglich selber spiegelblank. Das übrige Geschirr blieb mir überlassen. Das Spülwasser musste auf dem Gasofen gewärmt werden. Ein warmes Bad kostete im Haus Bauernfeind drei Mark und wurde meist nur verlangt, wenn sich ein Ausländer zu uns verirrte. Das kam selten vor, und bei Tisch wurde dann von anderen Dingen gesprochen.
»Liese hat dir wohl gesagt, dass sie gesessen hat«, bemerkte der Onkel zu mir in einer vertraulichen Stunde. Er räusperte sich und fuhr fort: »Erst zum Schluss, versteht sich, wie es schon mehr Ehrensache war – nicht zur Rückversicherung, wie all die anderen. Das hatte deine Tante nicht nötig. Ob du’s glaubst oder nicht, ich weiß von alten Parteigenossen, die sich damals gegenseitig einsperrten, als das dicke Ende da war. Ist ja auch keinem übelzunehmen, wenn er mit einem blauen Auge davonkommen will.«
Ich dachte an die blauen Male, mit denen ich davongekommen war. Dann wiederholte ich mir, was Mama so oft gesagt hatte, bis sie es selber vergaß und losschrie und weggebracht wurde. »Immer daran denken«, hatte sie gesagt, »nie davon sprechen …«
Ich sprach also nichts und Onkel Hugo warf mir über die Pfeife einen misstrauischen Blick zu, als habe er meine Gedanken erraten. »Deine Tante hat Köpfchen«, stellte er dann befriedigt fest. »Steht auch gut mit den Amerikanern. Sie sagt immer: Der Führer war falsch für uns, sonst hätte er den Krieg nicht verloren. Da hat sie natürlich recht. So was darf einem nicht passieren. Das weiß ja jedes Kind.«
Dabei blieb es: Es gab Dinge, die nicht passieren durften, obwohl jedes Kind sie wusste, und solche, von denen man nicht wissen durfte, obwohl sie passiert waren … Ich war heilfroh, dass der Onkel nie lange philosophieren konnte, ehe ein Ruf der Tante ihn unterbrach. Waren die Betten schon gemacht, so musste der Tisch gedeckt werden. Er war lang gezogen und stand im Speisezimmer, das sonst recht leer aussah. Das schöne Silber, das einstmals Kredenz und Simse geziert hatte, war Stück für Stück versetzt worden. Anständige Menschen hätten nach dem Zusammenbruch nicht recht mithalten können, hörte ich oft. »Wir haben viel durchgemacht«, pflegten die Gäste nicht ohne Stolz einander mitzuteilen.
Mich fragten sie zum Glück nie.
Es hieß aber allgemein, dass es nun schon wieder aufwärts ginge. Unser Haus war überfüllt, die Wohnungsnot hatte eben auch ihre guten Seiten. Für uns wenigstens. Gelegentlich musste sogar im Wohnzimmer ein Notlager aufgeschlagen werden. Das hatte Tante Liese nicht gern: Sie bevorzugte ständige Gäste. Am meisten hatte sie sich mit einer Kriegerwitwe angefreundet, die mit zwei Kindern schon lange im Vorderzimmer des ersten Stockes wohnte. Die Damen plauderten miteinander über das Unglück des verlorenen Krieges, und die Kinder zahlten halbe Preise.
Dafür machten sie doppelten Schmutz, wie ich beim Aufräumen feststellen konnte. Die Arbeit machte mich doch noch arg müde. Ab und zu tröstete mich das Tantchen mit dem Versprechen, dass sie ein zweites Mädchen anstellen wolle, aber leider kam es nie dazu. Ich erhielt nur die Erlaubnis, am Sonntagnachmittag auszugehen, wenn ich die Woche über fleißig gewesen war. »Komm mir nur nicht spät zurück«, warnte die Tante jedes Mal beim Abschied.
Die Mahnung war überflüssig. Was sollte ich mit meiner Freizeit anfangen? Ich kannte niemanden. Als Kind war ich manchmal mit Mama im Kino gewesen, aber das nächste Kino lag drei Viertelstunden entfernt und kostete auch zu viel. Bei Onkel und Tante wohnte und aß ich umsonst und sollte eigentlich Trinkgeld von den Gästen bekommen, aber die gaben meist nichts, weil sie mich für ein Familienmitglied hielten. Die Kriegerwitwe, die auch recht mager war, überließ mir hie und da ein Kleid und zeigte mir, wie ich es ganz leicht für meine Figur passend ändern könne. Es fiel mir aber nicht so leicht, auch hatte ich zu wenig Zeit oder war zu müde. Die Arbeitsschürzen, die ich tagsüber trug, bekam ich von Tante Lieschen.
Die Tage krochen so mühselig dahin wie Onkel Hugo. Ich versuchte, Michael zu vergessen, der sein Versprechen also nicht hielt. Zwar funktionierte unser Telefon noch nicht und er scheute sich wohl, persönlich aufzutauchen, aber er hätte doch schreiben können. Wochenlang lief ich zweimal am Tag dem Briefträger entgegen, dann gab ich es auf.
Als alle Hoffnung begraben war, kam das Lebenszeichen. Es kam nicht mit der Post, sondern war einfach von jemandem in den Kasten gesteckt worden: ein Briefumschlag ohne Marke und Absender, nur mit meinem Namen. Tante Liese hielt ihn mir entgegen, als ich gerade beim Auskehren unter dem Kleiderschrank war. Ich versuchte, gelassen aufzustehen, und stellte den Besen beiseite, ehe ich nach dem Brief griff. Die Tante blickte abwechselnd auf ihn und mich. Ich ließ den Umschlag ungeöffnet in meine Schürzentasche gleiten und kniete rasch wieder nieder, um den Staub unter dem Schrank auf die kleine Schaufel zu fegen.
Diesmal schien mein Eifer der Tante nicht recht. »Bist du nicht neugierig?«, wollte sie wissen.
Ich bückte mich so tief, dass meine Haare beinahe mitfegten, und sagte nichts. Aber sie musste es bemerkt haben, wie mir das Blut in die Wangen schoss. »Hast du Sonntag jemand kennengelernt?«, forschte sie weiter.
Ich verneinte wahrheitsgemäß und entschieden. Das Tantchen seufzte, schielte nach meiner Schürzentasche und stellte nach einem weiteren Blick auf die Standuhr fest, dass die Pflicht rief. Es war höchste Zeit für sie, den Kaffee zu kochen, den Onkel Hugo, wenn kein Gast in Hörweite war, ein Gesöff zu nennen pflegte, das auch nur so hieß, weil es in Kaffeetassen auf den Tisch kam.
Was mich betraf, so hatte ich vor der Kaffeestunde Gelegenheit, mich ein paar Minuten lang zurückzuziehen und zu waschen. Kaum hatte ich die Tür der Dachstube hinter mir geschlossen, als ich den Briefumschlag so heftig aufriss, dass der kleine Zettel darin entzweiging. Es war aber leicht, ihn wieder zusammenzufügen und die eine Zeile zu lesen, die er enthielt:
»Picknick am Sonntag. Triff mich um drei an der Endstation.«
An Stelle der Unterschrift stand ein unbeholfen gezeichnetes Männchen mit einem Arm und einem Auge. Michael …
Es waren noch drei Tage bis zum Sonntag, drei lange Tage. Der Zettel gab keine Adresse an, eine Absage wäre sowieso ausgeschlossen gewesen. Aber Sonntag war ja mein freier Tag. Es muss gehen, dachte ich mit klopfendem Herzen, es muss gehen, ohne dass ich Erklärungen abgebe.
Da allerdings befand ich mich in einem Irrtum. Tante Lieschen, durch mein Schweigen tief beleidigt, fragte zwar nicht mehr nach dem Brief, bemerkte aber so ganz nebenhin, dass ich diesen Sonntag nicht fort könne. Es käme Teebesuch.
Ich widersprach zum ersten Mal, seit ich ins Haus gekommen war. »Diesen Sonntag muss ich ausgehen.«
Sie zischte auf. »Ein Rendezvous?«
Etwas unsicher suchte ich nach dem rechten Ausdruck – wie hatte Michael geschrieben? Das Wort war mir fremd, aber ich konnte es längst auswendig. »Ein Picknick.«
»Hast also doch wen kennengelernt«, warf sie hin, schien aber sehr beeindruckt.
Ich zuckte die Achseln. »Den kenn ich schon lang.« Und als sie sich damit nicht zufrieden gab, sondern immer wieder auf die eine oder andere Weise auf den Unbekannten zu sprechen kam, fügte ich schließlich hinzu: »Halt ein Kriegsverletzter.« Denn dass Kriegsverletzte überall bevorzugt wurden, hatte ich schon bemerkt.
Das Tantchen gab ein nachdenklich-einlenkendes »Hm« von sich. »Da kriegt ihr wohl ordentlich zu essen?«, vermutete sie dann, nicht ohne Achtung.
Davon wusste ich freilich nichts, doch war ich vorher schon fest entschlossen gewesen, nötigenfalls auch ohne Erlaubnis zu gehen. Von innen ließ sich die Haustür ohne weiteres öffnen. Um wieder hereinzukommen, musste man allerdings läuten, darüber zerbrach ich mir aber vorläufig nicht den Kopf. Noch am selben Abend, so müde ich auch war, begann ich das beste Kleid, das die Kriegerwitwe mir geschenkt hatte, entsprechend einzunähen. Es war ein geblümtes mit Rüschen, in dem ich etwas voller wirkte, als ich war; ich musste es kürzen und enger machen, denn ich hatte wieder ziemlich abgenommen. Es wurde Samstagabend, ehe das Kleid einigermaßen saß, nachdem ich es dreimal wieder aufgetrennt hatte. Ich war eben doch recht ungeschickt im Schneidern.
Am Sonntag, als ich mich um dreiviertel drei verabschieden wollte, musterte mich das Tantchen von Kopf bis Fuß und nickte. »Wirst ihm schon gefallen.« Ich war froh. »Wie alt ist er denn?«, fragte sie harmlos – und ich hätte mich fast verschnappt, begann aber rechtzeitig zu rechnen. Ein Kriegsverletzter musste mindestens einundzwanzig sein.
»Einundzwanzig«, log ich.
»Und was fehlt ihm?«
Ich erwähnte den Arm. Tante Liese wurde gerührt. »Kinder, Kinder!« Sie schien den abwesenden Kriegsverletzten gleich mit anzusprechen: »Ihr erinnert mich an meine Jugend – im ersten Krieg, da war ich so alt wie du jetzt, Irene – wie doch die Zeit vergeht, von einem Krieg zum anderen! Tja, was ich sagen wollte: Damals hatte mich einer ausgeführt, der hatte nur ein Bein – aber ich ließ ihn abfahren, weil er doch nicht tanzen konnte. Tja.«
Sie versank in Erinnerungen. Auf einmal fing sie an vor sich hinzusingen: »Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht – wo an der nächsten Ecke schon ein anderer steht …«
Es musste ein Schlager aus ihrer Jugend sein. Sie brach ab, legte wahrhaftig die Arme um meinen Hals und drückte mir einen Kuss auf die Stirne. Ich stand verlegen da. »Amüsier dich man gut«, flüsterte sie mir wie eine Heimlichkeit zu.
»Danke schön.« Ich wandte mich zum Gehen.
»Und komm mir ja nicht zu spät heim!«, rief sie fast angstvoll hinter mir her. Ich war schon draußen. Auf der Straße sah ich mich noch einmal um: Sie hing aus dem Fenster und reckte sich den Hals aus, um womöglich zu sehen, wen ich wirklich traf. Aber die Endstation lag um die Ecke.
Zuerst erkannte ich den Stock, dann den Michael. Er sah mich nicht gleich, ich blieb stehen, um erst einmal Atem zu schöpfen, da kam er auch schon auf mich zu. Er war recht ordentlich angezogen. Er gab mir die linke Hand und es war, als hätten wir uns gestern erst gesehen. »Komm mit«, sagte er, und dann: »Ich halt meine Versprechen.«
Wir gingen nebeneinander. »Wohin führst mich denn?«, wollte ich wissen.
»Wirst schon sehen.« Das ärgerte mich. Er bemerkte es und fügte rasch hinzu: »Es ist nicht weit.«
Ich schwieg und er sah mich von der Seite an. »Du hinkst ja gar nicht mehr. Wir können’s zu Fuß schaffen. Die anderen kommen aus der Stadt, mit dem Rad.«
Die anderen – das war es, was ich hatte hören wollen. »Wer denn?«, fragte ich so, als ob ich mir nicht wochenlang die Namen immer wieder vorgesagt hätte. Da war der Wolf, der alles konnte, und der Hermann, der sein Verbindungsmann war, und der mit dem Spitznamen, den der Wolf von den Amerikanern aufgeschnappt hatte – komisch, im Augenblick konnte ich mich auf den dritten nicht besinnen. Nur sein Spitzname fiel mir noch ein: Babyface …
»Wer kommt?«, wiederholte ich.
»Wirst schon sehen.« Michael tat geheimnisvoll. »Heute sind’s sogar zwei Gruppen. Mit Mädels.«
Ich hatte mir schon gedacht, dass ich nicht die einzige sein würde. Es wirkte beruhigend und ich schritt rascher aus, vor Neugierde und in der Vorfreude, endlich einmal bei einer Gruppe zu sein. Michael hielt sich neben mir wie ein Hund, der bei Fuß geht. Seine prüfenden Seitenblicke verwirrten mich, ich kam mir plötzlich wie ein Schaustück vor, das man vor der Ausstellung noch einmal mustert. Fast bereute ich, die Einladung angenommen zu haben, aber zurück konnte ich ja nicht mehr. So trottete ich still neben ihm weiter wie ein folgsames Kind neben dem Hund, der es bewacht.
»Hast dich fein rausgeputzt«, stellte er schließlich fest und ich fühlte mich besser, obwohl es ein schwüler Augusttag war und der Weg sich zu dehnen begann.
Wir gingen flussaufwärts, aus dem Ort heraus. Vor uns lag das flache Hochland, dahinter die Kette der Berge. Michael bog in einen Flussweg ein, der die steile Böschung hinab in die Auen führte. Unten ging es kreuz und quer durch Gestrüpp auf steinigem Boden, wo nur Eingeweihte sich zurechtfinden konnten. Manchmal stolperten wir über Liebespaare. Michael freute es sichtlich, die zu erschrecken, er kicherte jedes Mal, und ich schaute weg.
»Ist’s noch weit?«, fragte ich.
Weit und breit war niemand zu sehen. Michael ging auf ein dichtes Gebüsch zu und beugte sich vor, um die Zweige mit dem Stock beiseitezuschieben. Er fing es wohl ungeschickt an, denn eben als ich mich bücken wollte, schnellten die Zweige zurück auf meine bloßen Arme, die ich erschrocken vor die Augen hielt. Ein paar Blutstropfen quollen aus meinem Ellenbogen.
Mit einem Sprung war Michael bei mir. Er streckte die Zunge heraus, als wolle er mir das Blut vom Arm lecken – wie ein Hund, dachte ich wieder, und es lief mir kalt über den Rücken. Ich stieß ihn fort. Er duckte sich und verschwand.
»Michael!«, schrie ich hinterdrein. Da stand ich nun und wäre gerne nach Hause gelaufen, aber ich wusste den Weg nicht mehr. »Michael –«
»Michael!«, schallte es aus den Büschen zurück, wie ein Echo mit veränderter Stimme. Dann klangen mehrere Stimmen durcheinander: »He, ist da noch wer? Spioniert jemand? Was ist da los, Michael?«
Ich erstarrte. Im Gebüsch erschienen auf einmal viele Gesichter und glotzten mich an, Michaels in der Mitte. »Nur hereinspaziert«, rief er mir zu und erklärte den anderen: »Mein Mädel.«
