Julia Extra Band 583 - Millie Adams - E-Book

Julia Extra Band 583 E-Book

Millie Adams

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Beschreibung

HEIRATE NIEMALS DEINEN BOSS von MILLIE ADAMS

Fassungslos liest Verity die Schlagzeilen: Sie soll mit Alexios Economides verlobt sein? Ihr Boss hat das Gerücht selbst gestreut, um vor der Athener High Society nicht als gefühlloser Unternehmer zu gelten. Aber darf Verity eine Scheinehe mit dem Mann wagen, den sie insgeheim begehrt?

NUR EINE NACHT– ODER DOCH FÜR IMMER? von BELLA MASON

Stehen gelassen vor dem Altar, sucht Jasmine in einem exklusiven New Yorker Club Vergessen – und erwacht in den Armen eines geheimnisvollen Fremden. Wochen später entdeckt sie schockiert, dass sie schwanger ist. Von Finanzmagnat Emilio De Luca! Er fordert Unmögliches …


GESTRANDET AUF DER INSEL DER LIEBE von LYNNE GRAHAM

Bunny kann den arroganten Milliardär Sebastian Pagonis nicht ausstehen, der ihren Katamaran vor Bali chartert. Bis er bei einem Unfall sein Gedächtnis verliert. Als sie auf einer einsamen Insel im türkisblauen Meer stranden, ist er so charmant, dass Bunny sich ungewollt verliebt …

PRICKELNDES SPIEL DER HERZEN von KATE HARDY

Liebe? Nichts für Jenny! Die Tierärztin aus Yorkshire pflegt ihre Mutter, für Romantik bleibt da keine Zeit. Doch dann bittet ihr neuer Kollege James sie um ein Date – nur zur Übung für den Single-Dad, bevor er ernsthaft datet. Aber aus dem prickelnden Spiel wird bald mehr …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 710

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Millie Adams, Bella Mason, Lynne Graham, Kate Hardy

JULIA EXTRA BAND 583

IMPRESSUM

JULIA EXTRA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Julia Fischer (v. i. S. d. P.)Grafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion)

Deutsche Erstausgabe 2025 in der Reihe JULIA EXTRA, Band 583

© 2025 by Millie Adams Originaltitel: „Promoted to Boss’s Wife“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Julia Lambrecht

© 2025 by Bella Mason Originaltitel: „Pregnant Before I Do“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Rita Koppers

© 2025 by Lynne Graham Originaltitel: „Shock Greek Heir“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Susanne Hartmann

© 2024 by Pamela Brooks Originaltitel: „Sparks Fly with the Single Dad“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MEDICAL ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Kristin Knight

Abbildungen: Harlequin Books S.A., sborisov / Getty Images , alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 03/2025 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751541435

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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Millie Adams

Heirate niemals deinen Boss

1. KAPITEL

Verity Carmichael runzelte die Stirn und schaute ihren Boss missbilligend an. „Sie essen Ihren Salat gar nicht.“

„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich keinen Salat mag.“

Alexios Economides war einer der gefürchtetsten und angesehensten Männer in der Tech-Branche, ein dunkler, einschüchternder Sturm von einem Mann, der mit seinen eins neunzig alle um sich herum überragte. Sein glänzendes schwarzes Haar trug er aus der Stirn gekämmt und schien es durch pure Willenskraft an Ort und Stelle zu halten, ohne ein Anzeichen dafür, dass er Gel verwendete. Seine Augen waren dunkelbraun. In der Iris des rechten befand sich ein winziger roter Punkt. Das war ihr erst nach ein paar Wochen aufgefallen.

Alex war unnahbar, stur und herrisch, hatte ein übles Temperament und sah so fantastisch aus, als hätte man ihn aus Obsidian gemeißelt.

Er versetzte alle in Angst und Schrecken.

Alle außer Verity.

Sie war nicht dazu da, um sich vor ihm zu fürchten. Sie war seine Assistentin. Aber vor allem hatte er sie eingestellt, um sein Gewissen zu sein.

Seine Cricket, wie sie einmal in einer Anspielung auf den alten Disney-Cartoon über Pinocchio gesagt hatte. Prompt hatte er sich den Spitznamen für sie zu eigen gemacht. Insgeheim gefiel ihr das.

„Sie haben mir gesagt, Sie wollten versuchen, mehr Gemüse zu essen.“

„Habe ich Sie als Ernährungsberaterin angeheuert?“

„Nein, aber um mit Ihnen zu reden und Ihnen zuzuhören … und ich habe Ihnen zugehört … und mich daran gehalten.“

„Geschickt, Cricket“, sagte er.

Sie lächelte. „Essen Sie Ihren Salat.“

Er schien nicht zu wissen, was er mit den Salatblättern tun sollte, die er auf die Gabel gespießt hatte. „Ich wünschte, ich hätte ein Steak.“

„Ich sehe gerade keinen Stern, bei dessen Anblick Sie sich etwas wünschen könnten, Alex.“

Seit zwei Jahren arbeitete Verity jetzt für ihn, und es war der seltsamste und zugleich der beste Job, den sie je gehabt hatte. Nicht nur, weil sie Tausende Meilen von ihren Eltern, ihren Geschwistern und dem gesamten Familiendrama entfernt in der Ägäis lebte. Wobei das noch zu ihrer Zufriedenheit beitrug.

Sie mochte den Job, weil er eine Herausforderung war. Economic Tech war ein führender Entwickler von Hard- und Software, der einen technischen Durchbruch nach dem anderen erzielte. Es machte Spaß, für ein so dynamisches Unternehmen tätig zu sein. Das ganze Gebäude summte und lebte – es sei denn, Alex ging durch die Flure. Dann wurde es sofort still.

Ein Teil von ihr genoss es, die Alex-Flüsterin zu sein. So wurde sie von ihren Kollegen tatsächlich manchmal genannt. Dass sie ihr Kindheitstrauma auf diese Weise sinnvoll nutzen konnte, war ein weiterer Bonus.

Verity wusste, wie man beschwichtigte … wie man in einer heiklen Situation die Kuh vom Eis schaffte … wie man die eigenen Gefühle in sich verschloss und nach außen hin nichts als Ruhe und heitere Gelassenheit ausstrahlte.

Sie demonstrierte diese Fähigkeit, indem sie mit großer Geste eine Gabel von ihrem eigenen Salat nahm, was Alex nur noch mehr zu erzürnen schien.

Wie seltsam, dass das jetzt ihr Leben war. Und alles nur, weil eine alte Collegefreundin eine App für Spitzenjobs entwickelt hatte, in der die Bewerber eine strenge Vorauswahl durchliefen. Zu ihrer Überraschung hatte Verity den Auswahlprozess überstanden, selbst ohne große Erfahrung, und hatte nun Zugang zu der Sorte von Job, von der die meisten Menschen nur träumen konnten.

Als sie die Anzeige gesehen hatte, hatte sie diese seltsam gefunden. Alex hatte nicht nur nach einer Assistentin gesucht, sondern nach einer Vertrauten. Nach jemandem, mit dem er auch über persönliche Themen sprechen konnte. Anfangs war sie ein bisschen nervös gewesen. Zum Teil, weil er so einschüchternd war, zum Teil, weil das Angebot ihr einfach zu gut vorkam, um wahr sein zu können.

Ein Umzug nach Griechenland? Gute Bezahlung? Geregelte Arbeitszeiten? Attraktiver Chef?

Obwohl die App eigentlich sehr seriös war, hatte Verity insgeheim befürchtet, diese Anzeige wäre eher ein Code dafür, dass dieser Mann etwas wollte, das über die Pflichten einer Assistentin hinausging. Vielleicht hatte er einen Dinosaurier-Fetisch und wollte, dass sie im Godzilla-Kostüm durch das Büro stampfte.

Irgendwann, etwa sechs Monate nach ihrem Einstieg, hatte Verity ihm das gebeichtet.

„Godzilla ist kein Dinosaurier“, hatte Alex lediglich erwidert.

Danach hatten sie darüber gesprochen, welche Dinosaurier am coolsten waren.

Genau das war ihr Job.

Er wollte nichts Unangemessenes oder Anrüchiges von ihr. Nur … Unterhaltung.

Am Anfang hatte er ihr eine Liste von Tabuthemen gegeben. Sie hatte sich daran gehalten, weil der Job gut bezahlt wurde und weil sie Alex aufrichtig mochte.

Das bedeutete allerdings nicht, dass sie sich nicht fragte, was der Grund für die seltsame Stellenbeschreibung war.

Sie verbrachte fünf Tage die Woche mit ihm. Und wenn sie nicht auf der Arbeit war, dachte sie oft trotzdem darüber nach, über welche Themen sie mit ihm sprechen konnte. In rein beruflichem Kontext natürlich.

Es war nicht so, als wäre sie in ihn verliebt.

Sicher, er sah fantastisch aus. Aber er war unglaublich anspruchsvoll. Während der Arbeitszeit konnte sie damit umgehen, aber in ihrem Privatleben wäre es ihr viel zu anstrengend.

Sie mochte nette Männer, die viel lächelten. Jedenfalls in der Theorie. Obwohl sie vierundzwanzig war, hatte sie noch nie einen Freund gehabt. Allmählich nervte sie das. Es war ein Problem.

Glücklicherweise war sie gut darin, Probleme zu lösen.

Sie hatte stur, mit einem Lächeln im Gesicht und heiterer Gelassenheit jedes Hindernis aus dem Weg geräumt, um es aus Oregon herauszuschaffen, weg von ihrer Familie. Sie war zum College gegangen, hatte nebenbei gearbeitet und sich auf ihre Karriere konzentriert.

Zum Daten hatte sie keine Zeit gefunden.

Aber jetzt hatte sie diese, und sie hatte einen wunderbaren Kollegen namens Stavros, der alles war, was sie nur wollen konnte. Er war etwa in ihrem Alter. Seine dunkelblauen Anzüge ließen ihn nicht annähernd so streng und unnahbar wirken wie Alex, der eine Vorliebe für Schwarz hatte.

Sie nahm noch eine Gabel von ihrem Salat. „Ich glaube, ich werde Stavros fragen, ob er mit mir ausgehen will.“

Mit Alex’ Gesicht ging etwas Kompliziertes vor sich. Ein Wechsel zwischen Verwirrung, Irritation und etwas anderem, das sie nicht deuten konnte.

Dann wirkte es einen Moment so, als würde er im Kopf eine komplizierte mathematische Gleichung lösen. „Stavros aus der Buchhaltung, der seit sechs Monaten hier ist?“

„Genau der.“ Verity nahm eine weitere Gabel von ihrem Blattsalat.

„Er ist Ihr Vorgesetzter.“

„Wir arbeiten in unterschiedlichen Abteilungen. Für das Unternehmen sind solche Beziehungen kein Problem, solange sich beide Seiten an den Verhaltenskodex halten.“

„Das ist mir bewusst. Trotzdem arbeitet er als leitender Angestellter in einer höheren Position, Cricket. Das ist problematisch.“

Seltsam, dass Alex das sagte. Normalerweise war er so distanziert. Als hätte er im Kopf eine Software statt der Gefühle, die in normalen Menschen tobten.

Es gab einen Grund, warum er sie eingestellt hatte. Sie war seine Mensch-Maschinen-Schnittstelle. Bei all seinem Reichtum und seinem Talent für das Geschäft hatte er ein Problem: In einer Welt, in der Milliardäre Gegenstand von Neid und übler Nachrede waren und in der Anleger gern in Unternehmen mit einem guten Ruf investierten, war er denkbar unpopulär.

Das Internet war sich einig, dass Alexios Economides gefährlich attraktiv war. Aber darüber hinaus hielt man ihn für einen gefühllosen, eiskalten Geschäftsmann.

In Wirklichkeit hatte Alex ein ausgeprägtes ethisches Empfinden. Er spendete viel für gute Zwecke und achtete auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Doch er strahlte Kälte aus, und die Öffentlichkeit war jederzeit bereit, ihn für den Teufel in Person zu halten.

„Wollen Sie sagen, ich kann das nicht selbst entscheiden?“ Sie leckte ein bisschen Dressing von ihrem Daumen.

„Wie bitte?“

„Ich bin eine erwachsene Frau, und ich mag ihn. Ich möchte mich mit ihm verabreden. Ja, er bekleidet eine höhere Position im Unternehmen als ich, aber ich bin ja diejenige, die ihn fragen will. Wollen Sie behaupten, meine Entscheidungsfreiheit zählt nicht mehr, sobald wir uns in Unternehmensstrukturen bewegen?“

„Das sage ich gar nicht.“

„Irgendwie schon! Sie meinen doch, es sei problematisch.“

„Männer nutzen Machtpositionen oft aus, um Frauen zu manipulieren.“

„Danke, Alex, das habe ich gar nicht gewusst, bevor ein Mann in einer Machtposition es mir mitgeteilt hat.“ Sie sah ihn unschuldig an und lächelte.

Er verzog das Gesicht, finster und kein bisschen amüsiert. „Keiner wagt es, je so mit mir zu reden.“ Wütend stach er mit der Gabel in seinen Salat.

„Sie haben mich eingestellt, damit ich mit Ihnen von Mensch zu Mensch rede und Ihnen zeige, wie soziale Interaktion funktioniert. Und ich muss Ihnen sagen: Wenn Sie einfach auf irgendwelche Regeln beharren, ohne die konkrete Situation zu berücksichtigen, wirken Sie eher wie ein Roboter.“

Verity fühlte sich schuldig, sobald sie das ausgesprochen hatte. Dass er sie als sein ausgelagertes Gewissen eingestellt hatte, hatte einen Grund. Vermutlich den, dass es ihm selbst nicht gefiel, eher als KI als als Mensch wahrgenommen zu werden.

Sie wollte nicht, dass er sich schlecht fühlte.

Was vielleicht ein bisschen albern war, denn die meiste Zeit über kümmerte es Alex selbst nämlich nicht, ob sich andere Leute schlecht fühlten. Oder vielmehr fiel es ihm nicht auf. Theoretisch war es ihre Aufgabe, seine soziale Kompetenz zu stärken. Sie fragte sich oft, ob ihr das wirklich gelang.

Aber er war anders als alle anderen Menschen, die sie kannte, und sie hatte viel über Technologie und Wirtschaft von ihm gelernt. Sie … sie respektierte ihn.

Sie mochte ihn.

Selbst, wenn er sich lächerlich aufführte.

„Ich habe am Freitag eine Vorstandssitzung“, sagte er.

Der abrupte Themenwechsel machte sie kirre. „Worum geht es?“

„Darum, neue Investoren zu gewinnen, bevor das nächste Produkt an den Start geht.“

„Es ist wirklich eine kleine Sensation. Ein KI-Assistent, der weniger Energie verbraucht und darauf achtet, nur Daten zu verwenden, die ihm dafür zur Verfügung gestellt worden sind, ist etwas vollkommen Neues, und er funktioniert fantastisch.“

„Sie denken, die normalen Nutzer interessieren sich für die Ethik dahinter?“

„Ja.“

„Nein, sie tun so, als wäre es ihnen wichtig, aber dann greifen sie zum Smartphone und es ist ihnen egal, wie viel Strom es verbraucht.“

„Denken Sie, die ganze Menschheit ist so verlogen?“

„Ich denke, für die meisten zählt der praktische Nutzen mehr als das Gewissen. Trotzdem kann das Produkt punkten. Es geht mir eher darum, dass wir weniger Investoren haben, seit dieses Video von mir letztes Jahr viral gegangen ist.“

„Als Sie das Telefon dieses Jungen kaputtgemacht haben, das er Ihnen ins Gesicht gehalten hat?“

„Er war kein Junge mehr, und außerdem habe ich es nicht kaputtgemacht, sonst hätte er das Video schließlich nicht hochladen können.“

„Dieses Video hat Ihrem Ansehen wirklich nicht gutgetan. Aber immerhin hat man Sie hinterher Terminator genannt und nicht mehr Data, nach dem Androiden aus Raumschiff Enterprise.“

Es war ein ungewöhnlicher Temperamentsausbruch gewesen. Dabei hatte Alex nicht gebrüllt oder war tätlich geworden. Er hatte dem jungen Mann nur das Telefon abgenommen und es auf den Boden geworfen.

„Mir ist egal, was andere von mir halten, aber für die Investoren ist es ein Problem, und das macht mich wütend.“

Das sagte er in einem so sachlichen Tonfall, dass Verity ein Lachen unterdrücken musste. „Das sehe ich. Sie kochen ja förmlich vor Wut.“

In seinen Augen war allerdings eine finstere Glut zu entdecken.

Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass sie vorsichtig sein musste.

Bisher hatte sie noch nie einen echten Temperamentsausbruch bei ihm erlebt, aber ihr war klar, dass es unter der Oberfläche in ihm brodelte. Und sie war eine Expertin darin, mit so etwas umzugehen; solche Ausbrüche zu vermeiden.

„Zumindest macht das Video deutlich, dass Sie keine KI sind.“ Das war kein hilfreicher Hinweis, so viel war ihr klar.

Der irritierte Blick, den Alex ihr zuwarf, bestätigte das. „Dieses Gerücht ging niemals ernstlich um.“

„Doch, tat es.“

„Ach so, es ist also glaubwürdiger, dass man mich in einer Denkfabrik ausgebrütet hat, als dass ich ein reicher Mann bin, der lieber allein bleibt und gesellschaftliche Anlässe meidet?“

„Na ja, eigentlich will ich Ihrem Ego nicht schmeicheln, aber die Sache ist die, Sie sind jung – oder jedenfalls relativ – und sehen extrem gut aus. Die Leute erwarten daher von Ihnen, dass Sie mit Ihrem Geld auf teuren Luxusjachten ausschweifende Partys feiern … mit Frauen im Bikini … oder Männern in Badeshorts. Je nachdem, was Ihr Ding ist.“ Sie schaute ihn an, aber er ließ sich nicht anmerken, was er von den vorgeschlagenen Szenarien hielt.

Das war das Seltsame an Alex. In einer Welt der Smartphones und sozialen Netzwerke achtete er auf seine Privatsphäre und blieb ein Mysterium. Das hatte auch Nachteile, wie die kürzliche Begegnung mit seinem dreisten Fan gezeigt hatte.

„Was meinen Sie mit, ‚relativ‘ jung?“

„Na ja, Sie sind in den Dreißigern.“

Es war nicht ganz ein Stirnrunzeln, kam dem aber recht nahe. „Sie müssen zu der Vorstandssitzung mitkommen.“

„Natürlich. Das ist immerhin mein Job.“

„Ja“, sagte er fest, mit solcher Gewissheit und Endgültigkeit, dass es sich ein bisschen so anfühlte, als ob er sie als sein Eigentum sah.

Als ob zwischen ihnen mehr bestand als eine berufliche Beziehung.

Was nicht der Fall war.

„Ich helfe immer gern“, sagte Verity. „Ich wette, Sie fühlen sich schon besser, weil Sie einen Salat gegessen haben.“

„Es wird mir noch besser gehen, wenn ich als zweiten Gang ein Steak bekomme.“

„Sie sind lächerlich. Sie brauchen zu Mittag nicht jeden Tag Fleisch.“

Alex hob eine dunkle Augenbraue, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und gewährte ihr so einen Blick auf seinen muskulösen Oberkörper. Das weiße Hemd, das er trug, betonte, wie breit sein Brustkorb war.

Sie rümpfte die Nase. „Versuchen Sie, mir irgendwas zu sagen?“

„Wenn, dann vermute ich, habe ich es bereits klargestellt.“

„Wenn diese Pose mir beweisen soll, dass Sie eine Topfigur haben und deshalb nicht darauf achten müssen, was Sie essen, haben Sie ein paar wichtige Lektionen zum Thema Ernährung verpasst.“

„Noch ein Beweis, dass ich keine KI bin.“

„Warum?“

„Man hätte mich unter Einbezug aller wissenschaftlichen Erkenntnisse programmiert.“ Er lächelte jetzt tatsächlich. Es war kein breites Lächeln. Aber trotzdem war dieses subtile Zucken seiner Mundwinkel, der Schwung seiner Lippen, ein kostbares Geschenk.

Einmal mehr musste Verity sich daran erinnern, dass er ihr Chef war, nicht ihr Freund. Sie trafen sich nicht privat. Sie passten auch gar nicht zueinander.

Sie versuchte, es sich vorzustellen … dachte daran, mit ihm etwas zu unternehmen. Irgendwo einen Coffee-to-go mit ihm zu trinken und mit ihm einkaufen zu gehen. Der Gedanke brachte sie fast zum Lachen, aber sie riss sich zusammen. Sie wollte nicht erklären müssen, woran sie gerade gedacht hatte.

„Sie wollen sich also mit Stavros verabreden.“

Schon wieder so ein abrupter Themenwechsel. Sie konnte Alex nicht immer folgen – er dachte so ganz anders als alle anderen Menschen. „Ja.“

„Wann?“

„Ich weiß es noch nicht. Aber bald.“

„Wollen Sie nicht abwarten, ob er zuerst Interesse an Ihnen zeigt?“

„Nein.“ Sie verzog das Gesicht. „Das ist so altmodisch. Ich mag ihn. Warum sollte ich Spielchen spielen?“

„Das sehe ich genauso. Es ist nur so, dass mir ständig gesagt wird, solche Spiele gehörten zur Romantik dazu.“

„Spielen Sie häufig Spielchen, wenn es um Beziehungen geht?“ Sie näherte sich den Tabuthemen. Nicht, dass dieses hier auf der Liste stand, es hatte sich nur immer wie eins angefühlt. Bis jetzt war es auch nie zur Sprache gekommen.

Etwas flackerte in seinen Augen auf. „Nein, das tue ich nicht. Für Spielchen habe ich keine Zeit. Wenn ich Sex will, kann ich den auch ohne Romantik haben.“

Ihr Gesicht fühlte sich auf einmal sehr heiß an. Sie wünschte sich, sie hätte ihn das nie sagen hören. Aber es war ihre Schuld: Sie hatte das Thema aufgebracht.

„Gesprochen wie ein wahrer Android“, murmelte sie, stand auf und begann, das Geschirr abzuräumen. Er reichte ihr seine Schüssel.

„Danke für den Salat“, sagte er.

Das war so überraschend, dass Verity wie angewurzelt stehen blieb. Eine seltsame Wärme erfüllte sie. „Gern geschehen.“

„Verity“, sagte er, bevor sie die Teller wegbringen konnte. Dass er ihren Vornamen verwendete, statt sie Cricket zu nennen, überraschte sie auch.

„Ja?“

„Die Vorstandssitzung ist in London. Ich habe Geld auf das Spesenkonto überwiesen, das für neue Kleidung gedacht ist. Warum verbringen Sie nicht den Rest des Tages mit den Vorbereitungen?“

Während sie eigentlich den Rest des Tages darüber hätte nachdenken wollen, wie sie Stavros am besten um ein Date bat, tourte sie stattdessen durch die Athener Boutiquen, das Echo von Alex’ unerwartetem „Danke“ noch im Ohr.

2. KAPITEL

Alex beobachtete seine persönliche Assistentin, der es nie gelang, ihre Faszination für sein Privatflugzeug zu verstecken, ganz gleich, wie sehr sie sich anstrengte. Sie wanderte immer herum, öffnete eingebaute Schubladen und schaute in die Bar – und das, obwohl sie selten etwas Stärkeres trank als einen Shirley Temple.

Verity war ihm ein Rätsel. Das war der Grund, warum er sie eingestellt hatte, obwohl es ihr an Erfahrung gefehlt hatte.

Er hatte sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen, weil er einen persönlichen Assistenten brauchte – und mehr als das. Denn er hatte begriffen, dass seine soziale Isolation zu einer Belastung wurde.

Wie lächerlich.

Er war reich und mächtig, und musste sich trotzdem nach den Launen anderer richten.

Denen falsche Vorstellungen zugrunde lagen, was ihn anging.

Er würde nicht behaupten, dass er ein guter Mann war, der nur aus Nächstenliebe handelte, aber er tat niemandem etwas. Sein Leben bestand aus Arbeit. Was der Grund war, weshalb er schon früh im Leben Erfolg gehabt hatte. Er hatte sich in einer unbedeutenden Softwarefirma an die Spitze hochgearbeitet, das Geschäft übernommen, expandiert und es unter einem anderen Namen zu etwas ganz Neuem gemacht, einem globalen Konzern.

Vor fünf Jahren war er an die Börse gegangen. Und seitdem spielte es leider eine Rolle, was die Anteilseigner wollten. Es reichte nicht mehr, dass er brillante Arbeit leistete und innovative Produkte auf den Markt brachte. Die öffentliche Meinung beeinflusste die Börsenkurse. Investoren war es wichtig, welchen Ruf ein Unternehmen hatte. Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zählten.

Das hieß, Alex, der das nie für nötig gehalten hatte, musste auf einmal sein Image pflegen, wenn er nicht wollte, dass sein Unternehmen wieder schrumpfte.

Deswegen hatte er Verity eingestellt. Eins seiner Vorstandsmitglieder hatte ihm vorgeschlagen, jemanden einzustellen, der ihm helfen konnte, Freundschaften und Beziehungen zu knüpfen.

Es war nicht einmal so, dass er etwas dagegen hatte. Aber er hatte diese Art sozialer Kontakte nie gehabt, und er verstand nicht, wie man sie pflegte. Er war in staatlicher Obhut aufgewachsen. Warum, wusste er nicht. Hatte seine Mutter ihn verlassen oder hatte man ihn ihr weggenommen?

Von Geburt an hatte er nie länger als ein halbes Jahr im selben Haushalt verbracht und nie die Stabilität gekannt, die für andere Kinder selbstverständlich war.

Niemand hatte ihn geliebt, und er hatte niemals jemanden lieben können.

Dafür hatte er jede Menge anderer Fähigkeiten entwickelt, die ihm zum Erfolg verholfen hatten.

Was für eine Ironie, dass seine Kindheit ihn nun wieder einholte.

Aber es war ein Hindernis, das er aus dem Weg schaffen konnte. Dank Verity, die jetzt schon die Seele seines Unternehmens war.

Verity, die ihn dazu brachte, Salat zu essen und gerade in seinem Flugzeug herumstöberte wie eine Wühlmaus auf der Suche nach einem Schlupfloch.

„Setzen Sie sich, Cricket“, sagte er. „Mir wird ganz schwindlig.“

„Es ist eher ein Haus als ein Flugzeug!“

„Nein, ein Flugzeug.“

„Sie wissen schon, was ich meine. Meine Wohnung ist kleiner als dieser Jet.“

„Warum das?“

Sie schaute ihn an. In ihren Augen lag ein Lachen. Sie fand ihn erheiternd. Eine ungewohnte Erfahrung. „Haben Sie sich je mit den Mieten in Athen befasst? Sie sind enorm.“

„Ihr Gehalt ist überdurchschnittlich.“

„Ja, aber ich bilde gern Rücklagen und unternehme Ausflüge. Ich fahre fast jedes Wochenende an den Strand.“

„Wirklich?“ Alex hatte nie darüber nachgedacht, was Verity in ihrer Freizeit tat. Oder wo sie lebte. Der Gedanke, dass sie ein Privatleben hatte, wenn sie nicht im Büro war, war irgendwie beunruhigend. Er konnte nicht genau sagen, wieso.

Allerdings, als sie erwähnt hatte, sie wollte sich mit Stavros verabreden, hatte er darüber nachdenken müssen. Der Gedanke hatte ihm nicht gefallen. Normalerweise kümmerten ihn andere Menschen nicht besonders. Ihre Kleider, ihre Vorlieben und Abneigungen, ihre Stimmung. Er hatte Verity dafür angeheuert, damit sie ihm half, das alles besser zu begreifen. Seit sie sein Bewusstsein dafür geschärft hatte, fielen ihm diese Dinge vor allem an ihr immer wieder auf.

Würde sie mit Stavros essen gehen? So wie mit ihm?

Das kam ihm nicht richtig vor.

„Ja“, sagte sie.

Sie wandte sich von der Bar ab. Ihr grauer Rock flatterte ein wenig, gewährte ihm einen Blick auf ihre Schenkel. Er wollte ihre Beine nicht ansehen, und wenn er etwas nicht wollte, dann tat er das normalerweise auch nicht, aber …

Verity faszinierte ihn. Obwohl er das nie laut sagen würde. Aber sie war so anders. Sie stammte aus einer anderen Welt, einem anderen Leben. Sie sprachen nicht oft über ihre Familien – oder seine einsame Kindheit –, aber sie hatte ihm irgendwann erzählt, dass sie ihre gesamte Kindheit in demselben Haus verbracht hatte.

Dieser Gedanke fühlte sich fremd an. Wie wäre es gewesen, mit dieser Art von Stabilität aufzuwachsen? Statt alle paar Monate seine Sachen zu packen, eine oder zwei große Reisetaschen, ein einzelnes Paar Schuhe an den Füßen, die ihm zu eng wurden und begannen, sich aufzulösen, bevor jemandem auffiel, dass er neue brauchte?

In seinem Haus hatte er jetzt ein komplettes Zimmer nur für seine Schuhe. Er konnte jeden Tag ein neues Paar anziehen.

Das war ein Luxus, der ihm mehr bedeutete, als andere ahnten. Das und die Tatsache, dass er selbst entscheiden konnte, wo er schlief. Er hatte mehrere Häuser. Wenn er sich an einem Ort nicht wohlfühlte, zog er zum nächsten weiter. Oft genug fühlte er ein seltsames Brennen in der Brust, wenn er zu lange am selben Ort blieb.

Er besaß ein Penthouse über dem Firmengebäude, ein Haus in den Hügeln außerhalb der Stadt und ein Haus am Strand. Vielleicht konnte er Verity anbieten, dort zu wohnen.

Und das waren nur die Häuser hier in der Nähe Athens. Es gab noch andere.

Es fühlte sich gut an, kleine Teile der Welt zu besitzen, nachdem er so lange gar nichts gehabt hatte.

Trotzdem saß er jetzt hier und musste über Stöckchen springen, die andere hochhielten.

Der Preis des Erfolgs.

Verity setzte sich auf den Doppelsitz ihm gegenüber. Neugierig schaute sie ihn an. „Worum geht es bei dem Treffen?“

„Um die Markteinführung des KI-Assistenten.“

„Das verstehe ich schon. Aber worum genau? Und worüber machen Sie sich Sorgen?“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich mir Sorgen mache.“

„Nein, haben Sie nicht.“

Er starrte sie an. „Aber?“

„Ich merke, dass Sie sich Sorgen machen.“

Wie seltsam. „Wie Sie wissen, ist mein Mangel an Beliebtheit ein wunder Punkt. Möglicherweise wirkt sich das negativ auf die Markteinführung aus. Und wenn wir in der Startphase nicht Nummer eins sind, verlieren wir an Boden. Das geht nicht.“

„Okay.“ Sie lehnte sich zurück. Blonde Locken fielen auf das Polster des Sitzes. Ihr Haar war eins der ersten Dinge, die ihm an ihr aufgefallen waren. Es war wild, und sie machte sich nie die Mühe, es zu zähmen. Es lenkte ihn ab, auf eine Weise, die er nicht beschreiben konnte.

„Ich frage mich, wann es genug ist. Wie oft müssen Sie Nummer eins sein? Erfolg auf diesem Level kann sicher nicht ewig anhalten. Jeder erreicht irgendwann den Gipfel.“

„Das mag auf eine kleinere Organisation als meine zutreffen.“

Ihre Lippen zuckten. „Eine Organisation?“

Alex verengte die Augen. „Sie wissen, was ich meine. Ich kann den Markt dominieren, und das will ich auch.“

„Warum?“

Wie sollte er das erklären? Den Drang, sich in dieser Welt, in der man ihn herumgereicht hatte wie einen Gegenstand vom Flohmarkt, einen Platz zu schaffen, den ihm niemand nehmen konnte? Geschichte zu schreiben, die auch sein Tod nicht auslöschen würde?

Er hatte keine Familie und würde wahrscheinlich auch nie eine haben.

Der Gedanke an Liebe und Ehe, Heim und Herd war … schlicht unvorstellbar für ihn. Er konnte sich nicht ausmalen, wie das aussehen sollte.

In den Familien, bei denen es ihm am besten gefallen hatte, hatte er manchmal einen flüchtigen Blick darauf erhascht. Oder im Fernsehen. Aber im Endeffekt hatte er nirgendwo einen Platz gefunden.

Und er würde nie wieder dem Traum nachhängen, wie das sein würde.

Das musste er Verity nicht erklären. Sie musste es nicht verstehen.

Aber das sagte er ihr ganz bewusst nicht. Er wollte, dass sie zu der Vorstandssitzung ging und dort so süß und rosig und unbeschwert wirkte wie gerade eben.

„Weil ich ein ehrgeiziger Mann bin“, sagte er. „Und ein Ehrgeiz, dem man nicht stattgibt, bringt nur Frustration.“

„Und Frustration mögen wir nicht.“ Sie beugte sich vor.

Ihr Outfit für London gefiel ihm. Graue Wolle und ein Karomuster, das ihr gut stand. Sie war wirklich hübsch, und das auf eine natürliche Weise, als ob es sie keine Mühe kostete. Sie nahm Menschen ihre Scheu. Auch ihm. Als hätte sie eine magische Fähigkeit, ihn zu beschwichtigen wie ein wildes Tier.

In dem Moment, als sie damals zum Vorstellungsgespräch sein Büro betreten hatte, hatte er gewusst, dass sie die Richtige für den Job war.

Verity vereinte alle Tugenden, die ein Mensch haben konnte. Das hatte Alex noch nie über einen Menschen gedacht.

Stavros hatte sie nicht verdient.

Das sagte Alex lieber auch nicht laut. Stattdessen vertiefte er sich in seine Arbeit, bis sie in London landeten.

„Hier würde ich zu gern mal Urlaub machen“, sagte Verity sehnsüchtig, während die Limousine sie durch die Straßen fuhr.

„Dann werden Sie das auch irgendwann“, sagte er.

Er würde ihr einen Bonus geben.

Eins hatte er in seiner Karriere gelernt: Wenn man Leute gut genug bezahlte, blieben sie loyal. Solange seine Mitarbeiter ein gutes Gehalt bezogen, war ihnen seine Persönlichkeit egal.

Er konnte Menschen dafür bezahlen, dass sie bei ihm blieben.

Der Gedanke war nicht ganz angenehm, und er zog es vor, ihn nicht näher zu analysieren.

Als sie aus dem Auto stiegen, blieb Verity am Eingang des Coffeeshops stehen, der sich direkt neben seinem Firmensitz befand.

„Was tun Sie da?“, fragte er.

„Ich denke, wir sollten ein bisschen Gebäck mitbringen.“

Bevor er fragen konnte, warum, stürmte sie schon los und fuhr durch den Laden wie ein frischer Wind. An der Backtheke ließ sie ein bisschen von allem einpacken – Kuchen, Kekse, Scones – und plauderte dabei mit den Verkäuferinnen, die sichtlich von ihr eingenommen waren.

Eine von ihnen lächelte auch Alex an. Er lächelte zurück. Prompt verblasste ihr Lächeln. Er wünschte sich, er wüsste, wieso. Er hatte freundlich wirken wollen.

Am Ende hielt er Verity die Tür auf, die mit zwei Pappschachteln voller Gebäck den Laden verließ. „Aber was soll das?“

„Eine kleine Bestechung, die hoffentlich für gute Laune sorgt. Kuchen ist immer gut.“

Sie betraten das Firmengebäude, in dem man ihn auf Anhieb erkannte und auf dem direkten Weg zum Fahrstuhl nicht aufhielt.

„Wir wissen noch nicht einmal, ob sie Hunger haben“, sagte er.

„Natürlich nicht. Aber ein Stück Kuchen geht fast immer.“ Das stimmte. „Es ist wie bei jedem Geschenk. Die Geste zählt.“

Als sich die Fahrstuhltür öffnete, ging Verity beschwingt los. Alex sah ihr zu, wie sie in die falsche Richtung abbog.

„Verity“, sagte er. „Hier lang.“

Sie blieb stehen und drehte sich um. Ihre Wangen röteten sich. Sie eilte zu ihm zurück, und er ging vorweg, wie es sich gehörte.

„Guten Morgen“, sagte er, als er den Konferenzraum betrat.

„Guten Morgen“, sagte Verity. Von ihren Lippen klang der Gruß ganz anders, heiter und warm. „Ich habe ein bisschen was Süßes mitgebracht, falls es länger dauert. Lassen Sie mich schnell ein paar Teller fertigmachen, während Alex – Mr. Economides, meine ich – das Meeting eröffnet.“

Sie stellte die Schachteln auf den Tisch und verschwand. Während er sprach, kam sie wieder, teilte Teller und Servietten aus und nahm Kaffeebestellungen entgegen. Sie verwandelte seinen nüchternen Besprechungsraum in ein Café. Alex fand das ein wenig irritierend. Es lenkte ihn ab.

Doch die Vorstandsmitglieder störte es nicht. Im Gegenteil, es sorgte eindeutig für bessere Laune. Sie waren viel aufgeschlossener für seine Vorschläge.

Vielleicht war es der Kuchen.

Vielleicht war es Verity.

Sie holte gerade zum zweiten Mal Kaffee, als ihn jemand am Unterarm berührte und sich vorbeugte. „Sie ist ein Schatz.“

Ja, das war sie.

Alex glaubte nicht an gute Feen. Aber Verity hatte einen Zauber an sich.

Und dieser färbte auf ihn ab, wegen der unausgesprochenen Annahme, dass eine so nette Frau sich niemals freiwillig mit einem schrecklichen Mann abgeben würde.

Er konnte es sehen. Und fragte sich, wie er diesen Effekt für sich gebrauchen konnte. Wie konnte er das, was Verity mitbrachte, in der Öffentlichkeit nutzen?

Oh. Er hatte eine Idee, und sie würde funktionieren. Er musste nur alles in Bewegung setzen. Das war ein Kinderspiel. Es würde mit der Markteinführung zusammenfallen …

Er hatte Verity als persönliche Assistentin eingestellt. Aber er hatte endlich begriffen, für welche Rolle er sie wirklich brauchte.

3. KAPITEL

Der Abstecher nach London war leider nur kurz gewesen, aber Verity entschied sich, ihre Aufmerksamkeit jetzt Stavros zu schenken – und dem Ziel einer Verabredung.

Sie musste immer wieder daran denken, dass Alex ihr im Anschluss an die Konferenz ein Kompliment gemacht hatte. Er hatte ihr gesagt, sie hätte ihren Job fantastisch erledigt. Das erfüllte sie mit Wärme und Stolz. Ihn zufriedenzustellen, war eins der besten Dinge an ihrem Beruf. Nicht, weil er wichtiger war als andere Menschen, sondern weil er für gewöhnlich so schweigsam und zurückhaltend war, dass es sich wie eine Auszeichnung anfühlte, wenn er sie lobte.

Verity war es gewohnt, auf Eierschalen zu gehen. So war sie aufgewachsen. In einem Haus mit unberechenbaren Erwachsenen, deren wechselhaften Stimmungen alle anderen ausgeliefert waren. Ihre Geschwister hatten gelernt diese Launenhaftigkeit ebenfalls als Waffe zu verwenden. Verity hatte immer nur versucht, sich nicht mit hineinziehen zu lassen; sich von ihnen fernzuhalten.

Mit Alex war das nicht so. Ja, auch er war ein schwieriger Charakter. Sie konnte verstehen, warum andere Leute Angst vor ihm hatten. Aber es kostete sie keine Mühe, mit ihm fertigzuwerden, und sie hatte keine Angst vor ihm. Deshalb konnte sie seine Anerkennung auch genießen.

Seine seltenen Komplimente waren wie kleine Juwelen, die sie in ihrer Tasche trug.

Jetzt gerade wollte sie nicht an Alex denken, denn heute hatte sie ihr Outfit speziell dazu ausgewählt, Stavros zum Essen einzuladen. Normalerweise zog sie sich nicht besonders sexy an. Aber das dunkelrote Kleid hatte sie heute Morgen mit Bedacht gewählt, weil es ihre Figur so gut zur Geltung brachte.

Ihre Locken waren so ungebändigt wie immer. Sie hatte schon vor langer Zeit aufgegeben, dagegen anzukämpfen, und war seitdem viel glücklicher.

Alex hatte ihr eine Nachricht geschickt, dass er später kommen würde. Sie würde ihn erst zum Mittagessen sehen. Das gab ihr Zeit für einen Abstecher.

Ihr Herz schlug schneller, als sie auf Stavros’ Büro zuging. Sie hatte noch nie zuvor einen Mann um eine Verabredung gebeten.

Vor der Tür blieb sie stehen und klopfte.

„Herein!“

Sie öffnete die Tür und lächelte, als sie ihn an seinem Schreibtisch sitzen sah, in seinem dunkelblauen Anzug, jungenhaft und einnehmend.

„Verity.“ Zu ihrer Überraschung war sein Lächeln ein wenig schief.

„Guten Morgen. Hast du einen Moment Zeit für mich?“ Sie waren seit der letzten Betriebsfeier beim Du.

„Klar.“

„Ich … ich habe mich gefragt, ob du … ob du vielleicht irgendwann gern mit mir zu Abend essen würdest. Vielleicht dieses Wochenende?“

„Soll das ein Witz sein?“

„Äh … nein?“ Von allen Reaktionen, mit denen sie gerechnet hatte, war das keine.

„Ich habe gerade das hier gesehen.“ Er drehte seinen Bildschirm so, dass sie darauf schauen konnte.

Purer Schock flutete sie. Es war ein Foto von ihr und Alex auf einer Straße in London. Er schaute auf sie herab und lächelte nachsichtig.

Sie konnte sich noch nicht einmal freuen, dass man ihn endlich einmal auf einem Foto lächeln sah, weil ihr Blick gerade auf die Überschrift fiel.

Tech-Mogul Alexios Economides heiratet seine Assistentin

Verity blinzelte.

„Stimmt es?“, fragte Stavros.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Hatte Alex das schon gesehen? Woher stammte dieses Gerücht? Sie sollte einfach Nein sagen. Es gab keinen Grund, Stavros in die Irre zu führen … den Mann, mit dem sie auf ein Date gehen wollte … den sie gerade zum Abendessen eingeladen hatte.

Aber wenn sie Nein sagte, und sich herausstellte, dass es einen Grund für diese Meldung gab? Wenn sie ihren Job in Gefahr brachte oder Alex verärgerte, indem sie es einfach abstritt? Sie stand da und versuchte, irgendwie einen Ausweg zu finden. Es musste ein Fehler sein, aber sie konnte nicht einfach so mit der Wahrheit herausplatzen.

Die Meldung, fiel ihr auf, stammte nicht aus der Klatschpresse, sondern aus einer renommierten Zeitschrift.

Sie mussten sich geirrt haben. Trotzdem musste sie erst mit Alex sprechen. Sie zog ihr Telefon aus der Tasche und begann zu tippen.

„Stimmt es?“, fragte Stavros erneut. Sie hatte ihn einen Moment lang komplett ausgeblendet. Als sie ihn anschaute, fiel ihr auf, wie betreten er aussah.

Vielleicht mochte er sie ja auch?

Sie musste das in Ordnung bringen. Irgendwie. „Bitte entschuldige mich einen Moment. Es tut mir wirklich leid. Das hier … ich muss nur … ich muss kurz telefonieren.“

Sie verließ sein Büro, hörte auf zu tippen und rief Alex direkt an. Er ging nicht dran. Auch beim nächsten und übernächsten Mal nicht.

Als sie den Kurznachrichtendienst öffnete, musste sie geschockt feststellen, dass sein Name trendete … zusammen mit ihrem.

Es gab bereits unzählige Posts dazu.

Wer ist Verity Carmichael? Insider berichten …

Exklusiv: Die Amerikanerin Verity Carmichael, die seit zwei Jahren als persönliche Assistentin für Economides arbeitet, ist vierundzwanzig Jahre alt und stammt aus Bend, Oregon …

Wie konnten Insider über etwas berichten, das gar nicht existierte?

Bestimmt war es ihre Schuld. Sie konnte schon vor sich sehen, wie Alex wütend ins Büro gestürmt kam. Stavros war jetzt schon enttäuscht von ihr. Vielleicht sollte ihr das egal sein, doch stattdessen war ihr übel.

Der Job bedeutete ihr viel. Alex zufriedenzustellen, bedeutete ihr viel.

Sie stolperte auf wackligen Beinen in sein Büro.

Wo war er?

Sie rief ihn noch zwei Mal an, aber er ging nicht dran. Ja, er hatte gesagt, er würde später kommen, aber es war seltsam, dass er telefonisch nicht zu erreichen war.

Hatte er die Schlagzeilen tatsächlich noch nicht gesehen?

Ihre Handflächen wurden feucht.

Dann schaute sie auf und sah ihn durch die Glaswand auf das Büro zukommen. Sie stand auf und ging zur Tür, öffnete sie für ihn und suchte dann verzweifelt nach Worten.

„Ich …“ Sie verzog das Gesicht. „Irgendwoher haben die Medien falsche Informationen bekommen. Sie glauben, wir beide wären verlobt! Und das gerade heute, wo ich Stavros um ein Date bitten wollte!“

Alex schaute sie an. Er war weder überrascht noch aufgebracht.

Sie hatte Angst gehabt, er würde wütend sein. Dass er so gelassen wirkte, war verdächtig. „Aha?“

„Es muss ein Fehler sein“, sagte sie.

„Muss es das?“ Noch immer keine Spur von Aufregung.

„Ja, weil wir nicht verlobt sind!“

„Das stimmt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Pressemeldung schon so schnell herausgehen würde.“

Verity blinzelte und blinzelte wieder. „Wie bitte?“

„Ich habe den Medien die Informationen gegeben.“

Oh. Also deshalb war er so ruhig. Er hatte hinter ihrem Rücken etwas so Abwegiges getan, dass sie im Leben nicht darauf gekommen wäre.

Wer, um alles in der Welt …?

Dein verrückter Chef.

„Sie haben den Medien die Information gegeben? Aber wir beide sind nicht … Wir haben nicht … Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich an Stavros interessiert bin!“

Sie wusste nicht genau, warum sie sich gerade an dieser Einzelheit aufhing.

„Ja, ich weiß.“ Alex sprach schnell weiter, als sie den Mund öffnete. „Das ist eine bedauerliche Nebenwirkung. Aber ich habe während der Vorstandssitzung in London darüber nachgedacht, und entschieden, dass es die beste Lösung für mein Imageproblem wäre, wenn wir beide heiraten würden.“

„Wenn wir … das … Wer würde so etwas für die beste Lösung halten?“

„Ein Ehepartner beeinflusst entscheidend die öffentliche Wahrnehmung, Cricket. Und alle lieben Sie.“

„Ich … Sie …“ Verity wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie stand in seinem Büro und öffnete und schloss den Mund, ohne dass etwas herauskam.

„Es ergibt vollkommen Sinn. Ich muss meinen Ruf verbessern, und diese Strategie wird ganz bestimmt funktionieren.“

„Aber Sie … Sie haben mich nicht einmal gefragt.“ Ärger stieg in ihr auf. Das war ungewöhnlich und es gefiel ihr nicht. Sie wurde sonst niemals ärgerlich und verlor niemals die Kontrolle. Sie hatte sich und ihre Gefühle jederzeit im Griff.

Irgendwie musste sie sich beruhigen. Sie versuchte, tief Atem zu holen. Sie hatte so etwas von Alex nicht erwartet, aber sie würde ihm zuhören; seiner rationalen Erklärung folgen. Er war schließlich immer noch ihr Chef.

Sie musste außerdem irgendwie eine einvernehmliche, friedliche Lösung finden. Wenn sie nicht kompromissbereit war, würde sie ihren Job verlieren und nicht länger in Griechenland bleiben können. Die Meldung war schon heraus, das hieß, die Presse würde sie auf absehbare Zeit nicht in Ruhe lassen. Sie galt jetzt offiziell als seine Verlobte.

Außerdem war sie nicht wie ihre Eltern. Sie geriet nicht bei der kleinsten Provokation in Wut.

„Ich muss zugeben, daran habe ich gar nicht gedacht. Es ist so ein logischer Schritt.“

„Ein logischer Schritt“, wiederholte sie tonlos.

„Ja, Sie werden mich menschlicher erscheinen lassen. Dazu habe ich Sie eingestellt.“

„Sie haben mich als Assistentin eingestellt und um Ihnen beizubringen, Small Talk zu betreiben.“

„Aber es wäre sehr viel effektiver, Ihre Talente in diesem Bereich für die Öffentlichkeitsarbeit zu nutzen.“

„Aber … Sie begreifen schon, dass Sie damit massiv in mein Privatleben eingreifen, oder? Das hier ist keine Büroarbeit. Ich soll so tun, als wäre ich verlobt mit Ihnen.“

„Nein, sollen Sie nicht.“

„Jetzt bin ich verwirrt.“

„Ich spreche von einer Ehe.“

Verity biss die Zähne zusammen, um sich davon abzuhalten, ihn mit seiner eigenen Krawatte zu erwürgen. „Sie müssen Witze machen.“

Alex schaute sie so eindringlich an, als wollte er in ihre Seele blicken. „Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor, Verity? Sie arbeiten seit zwei Jahren für mich. Ich weiß, was Sie hier im Büro tun, welches Essen Sie mögen, was Sie gern kochen, welche Filme und Serien Sie schauen. Wir haben uns über alle möglichen Themen unterhalten. Aber ich weiß dennoch nicht, was Sie vom Leben wollen.“

Sie wusste nicht, wieso, aber die Frage und sein direkter Blick brachten ihre Zähne zum Klappern. Sie konnte weder richtig atmen noch denken. „Ich möchte unabhängig sein und genug Geld haben, um einigermaßen über die Runden zu kommen … genug Freizeit, um vom Leben etwas zu haben … jemanden kennenlernen, neue Freunde finden und Spaß haben. Was die meisten Menschen in ihren Zwanzigern wollen.“

„Das ist oberflächlich.“ Mit einer Geste wischte er das beiseite. „Das wollen alle Menschen.“

„Ich möchte genug Geld haben, damit ich nie wieder gezwungen bin, dorthin zurückzukehren, woher ich gekommen bin.“ Sie fühlte sich entblößt; fühlte sich dazu genötigt, diese Tatsache zu enthüllen.

„Genau das kann ich Ihnen anbieten. Wenn Sie mich heiraten, mindestens sechs Monate lang mit mir zusammenbleiben und es den gewünschten Effekt hat, erreichen wir beide unser Ziel. Am Ende zahle ich Ihnen dann eine großzügige Abfindung.“

„Was meinen Sie damit, am Ende?“

„Wenn diese Hochzeit und die Ehe glaubhaft wirken sollen und wir uns dann trennen, würde es sehr ungewöhnlich aussehen, wenn wir hinterher weiter zusammenarbeiten würden.“

In Veritys Kopf drehte sich alles. Er schlug also eine Scheinehe vor, an deren Ende ihre Kündigung stehen würde?

Natürlich hatte sie nie geglaubt, dass sie für immer für ihn arbeiten würde. Sie sollte eher überrascht sein, dass es schon zwei Jahre waren. Aber sie war zwiegespalten. So ganz hatte sie das alles noch immer nicht begriffen. Er wollte, dass sie ihn heiratete, und dann aus seinem Leben verschwand.

Aber er bot ihr auch …

Unabhängigkeit.

„Ich möchte nicht heiraten“, sagte sie.

Danach hatte er nicht gefragt, und es spielte wahrscheinlich auch keine Rolle.

„Ich dachte, Sie mögen Stavros?“, sagte er.

„Das tue ich, und ich möchte mit ihm ausgehen. Vielleicht …“ Ihr Hals war ein bisschen eng. „Aber ich sehe eine Ehe nicht als romantisch an.“ Wie könnte sie auch? Ihr Elternhaus war eher ein Kriegsschauplatz gewesen. Wahrscheinlich sollte sie dankbar sein, dass ihre Eltern weder einander noch ihre Kinder mit Fäusten misshandelt hatten. Aber ein Krieg mit Worten konnte fast genauso grausam sein. Es hatte lange gedauert, hinterher einen Hauch von Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Die Notwendigkeit, irgendwie Frieden stiften zu müssen, war eine enorme Belastung gewesen. Verity hatte all ihre eigenen Gefühle in sich verschließen müssen, um ihre Eltern zu beschwichtigen. Und dabei gelernt, dass sie keine Rolle spielten. Dass alle anderen wichtiger waren als sie.

Es fühlte sich so an, als ob sie sich erst nach dem College aus ihrem Kokon gewagt hatte. Die ersten Jahre hatte sie immer noch das Gefühl gehabt, sie könnte jederzeit alles verlieren, weil sie nicht klug oder gut genug war. Sie hatte sich selbst geschworen, dass sie lieber auf der Straße leben würde, als in ihr Elternhaus zurückzukehren.

Es hatte lange gedauert, an den Punkt zu gelangen, an dem sie ihr Leben genießen konnte.

Und jetzt wollte Alex, dass sie ihn heiratete.

Allerdings …

Sie presste die Finger auf ihre Schläfen. „Warten Sie. Wenn wir uns dann so schnell wieder scheiden lassen, wird es den beabsichtigten Effekt nicht sofort wieder zunichtemachen?“

Verity war immer noch nicht überzeugt davon, dass diese Ehe überhaupt den gewünschten Effekt erzielen würde. Obwohl sie Alex’ Logik folgen konnte. Er würde endlich aussehen wie ein Mann, der ein Privatleben hatte, der liebte und geliebt wurde.

Dieser Gedanke rief aus irgendeinem Grund einen seltsamen Schmerz in ihr hervor.

Einen Schmerz, der bestehen blieb.

„Ich denke nicht, dass es alles zunichtemacht. Besonders, wenn wir bekannt geben, dass die Trennung einvernehmlich war.“

„Es wird so aussehen, als hätte ich eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterzeichnet.“

„Genau das werden Sie auch tun.“

„Das habe ich doch schon.“

„Ja, aber es wird eine zweite geben, die mein Privatleben abdeckt.“

Veritys Herz schlug schneller. Sie sollte sich nicht darauf einlassen. „Sie haben gewusst, dass ich mit Stavros ausgehen wollte.“

„Ja, doch jetzt weiß ich, dass er nicht die Liebe Ihres Lebens ist.“

Verdammt. „Aber ich mag ihn. Ich wollte …“

„Sie werden nicht mit anderen Männern schlafen, während wir verheiratet sind.“

Sie werden nicht mit anderen Männern schlafen.

Bei diesen Worten überlief sie ein Schauer, heiß und kalt zugleich. Hieß das, er erwartete …?

Verity starrte ihn an.

Alex war zehn Jahre älter als sie. Ein Milliardär. Hart und ehrgeizig und befehlsgewohnt. Der Typ Mann, den sie ihr Leben lang gemieden hatte.

Wie hatte sie sich bloß in diese Lage gebracht?

„Ja?“, fragte er.

„Sie meinen doch nicht, dass wir …?“

„Die Ehe wird nur auf dem Papier bestehen. Das legen wir vorher schriftlich fest. Sie werden die Hochzeit planen. Ich stehe für alle nötigen Termine zur Verfügung. Wir werden jeden Schritt nach außen hin kommunizieren, sodass die Öffentlichkeit mit uns mitfiebert.“

Alex schaute sie an. In seinen dunklen Augen brannte die Überzeugung. Auf einmal verstand Verity genau, wie Schneewittchen sich gefühlt haben musste, als ihr die Hexe den vergifteten Apfel gereicht hatte. Der Apfel, den er ihr hinhielt, war vergiftet, das wusste sie. Trotzdem verlockte er sie.

„Sie sind etwas Besonderes, Verity. Das wird die ganze Welt bald sehen. Was Sie in der Besprechung geschafft haben, werden Sie auch auf großer Bühne bewirken.“

Ein kleiner, wütender Teil von ihr, der verwundet in ihrem Inneren schlief, geriet in Versuchung. Ihr Name war überall im Internet zu lesen. Ihre Familie würde es sehen. Sie würden wissen, dass sie etwas aus sich gemacht hatte. Dass sie, obwohl sie ihr die Flügel gestutzt hatten, doch das Fliegen gelernt hatte.

Wenn sie Alex heiratete, wäre sie die Frau einer der berühmtesten, reichsten Männer auf der Welt. Sie konnte ihm helfen, noch größeren Erfolg zu haben. Es erschreckte sie, wie sehr sie das wollte … die Verantwortung … das Gefühl, wichtig zu sein. In ihrem Elternhaus hatte sie immer die Vermittlerin spielen müssen. Das war ungesund und schädlich für sie gewesen. Sie hatte aus der Not eine Tugend gemacht, aber ein Teil von ihr glaubte immer noch, sich beweisen zu müssen.

Es war ihre Gelegenheit zu zeigen, was sie konnte.

Ja, es würde sie die Verabredung mit Stavros kosten. Doch Alex hatte recht: Sie wartete nicht auf die große Liebe wie die meisten Menschen. Es wäre nett, einen Partner zu haben. Aber der Gedanke an ein Leben mit dem berühmten weißen Gartenzaun weckte beinahe ein Ekelgefühl in ihr. Sie war in diesem vermeintlichen Idyll gefangen gewesen und wollte sich nie wieder in so eine Falle begeben. „Wir müssen über die genauen Bedingungen sprechen.“

Alex nickte. „Ich habe einen Entwurf aufsetzen lassen.“ Aus seiner Jackentasche zog er einen gefalteten Stapel Papiere, den er ihr reichte.

Sie nahm ihn entgegen. „Können Sie die Einzelheiten für mich zusammenfassen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Eine Ehe nur dem Namen nach. Natürlich würde ich Sie niemals zu irgendwelchen Intimitäten nötigen. Es ist rein geschäftlich. Wir werden sechs Monate lang verheiratet bleiben. Mit der Option, noch einmal um sechs Monate zu verlängern, falls die Lage kritisch ist. Sie werden während dieser Zeit eine Kompensation erhalten, die Ihrem dreifachen Gehalt entspricht, und eine Abfindung, wenn wir bekannt geben, dass wir uns friedlich trennen und Freunde bleiben. Dazu arbeiten wir eine Geschichte aus, an die wir uns halten werden. Niemand wird je erfahren, dass die Ehe nicht echt war. Auch kein zukünftiger Partner.“

Sie hatte ohnehin nicht vor zu heiraten, und sie hatte keine engen Freunde, die sie belügen musste. Zu ihrer Familie hatte sie ohnehin keinen Kontakt mehr. Sicher, wenn sie später enge Freundschaften schloss oder Beziehungen einging, würde sie es vielleicht bedauern, dass sie nicht die Wahrheit sagen konnte.

Aber war das nicht ein geringer Preis?

„Wie hoch ist die Abfindung?“

Er tippte auf den Papierstapel.

Als sie die Summe sah, keuchte sie auf. Es waren mehrere Millionen. Genug, dass sie den Rest ihres Lebens finanziell unabhängig sein würde. Sie konnte tun, was immer sie wollte. Alle Türen würden auf einmal für sie offen stehen.

Viele Träume waren immer außer Reichweite gewesen.

Aber dieses Geld würde ihr den Raum geben, diese Träume verwirklichen zu können.

Sie konnte ihre Vergangenheit endgültig hinter sich lassen. Alles wäre möglich … fast alles.

Und sie konnte sich mit fast allem arrangieren. Eine Weile jedenfalls. Sechs Monate oder ein Jahr mit jemandem, den sie schon kannte – und den sie mochte. Alex forderte keinen Sex. Er forderte überhaupt nicht viel.

„Was soll ich tun, während wir verheiratet sind?“

„Mich unterstützen, auf die gleiche Weise wie jetzt.“

Also würde sie einfach weiterhin ihren Job machen. Das war eine Erleichterung.

„Dann …“ Es gab keinen Grund, Nein zu sagen. Im Gegenteil, es wäre lächerlich. „Dann sage ich Ja, Alex.“ Sie räusperte sich. „Ich werde dich heiraten.“

4. KAPITEL

Er hatte gehofft, dass Verity es so sehen würde wie er. Es war ein Triumph. So schwer war es gar nicht gewesen, sie zu überzeugen. Er hatte sich auf einen härteren Kampf eingestellt. Aber andererseits war es wirklich eine gute Idee, und die finanzielle Kompensation war äußerst großzügig.

Er entschied, dass es günstig wäre, in einem Monat zu heiraten, und schickte Verity eine entsprechende Nachricht.

Keine fünf Minuten später stürmte sie in sein Büro.

„Ja, Cricket?“

Wenn sie eine Katze wäre, würde sie gerade mit gesträubtem Fell und angelegten Ohren vor ihm stehen. „In einem Monat?“

„Ja. Ich sehe keinen Grund, es hinauszuzögern.“

„Du erwartest von mir, in einem Monat eine Hochzeit zu planen?“

„Ich bin Milliardär, Cricket. Wenn du etwas brauchst, kauf es.“

„Du weißt, wie es mit Veranstaltungsorten und dem Catering ist …“

„Wir müssen die Dynamik nutzen. Hast du gesehen, wie viele Artikel in den letzten Tagen erschienen sind?“

Sie stapfte zu seinem Schreibtisch herüber. „Natürlich. Sie sind nicht zu übersehen. Die ganze Welt ist fasziniert davon, dass du verliebt bist. So viel Publicity hast du noch nie bekommen. Es ist überwältigend.“

„Für dich vielleicht. Mir war es nie wichtig, was die Leute über mich sagen.“

Sie blinzelte, dann schnaubte sie. „Warum tust du das alles dann?“

„Mir ist es egal, aber dem Vorstand nicht und den Anlegern auch nicht. Das ist mein Problem. Persönlich ist es mir nicht wichtig.“

„Was ist dir persönlich denn wichtig?“

Warum fühlten sich diese Fragen so heikel an? „Ich esse gern mit dir zusammen zu Mittag“, sagte er, weil er das Gefühl hatte, darauf wollte sie vielleicht hinaus.

„Aber du siehst mich nicht als gleichwertige Person. Wenn du eine echte Partnerin hättest, würdest du nicht einfach eure Verlobung verkünden, ohne es vorher abgesprochen zu haben.“

„Warum denkst du das?“

„Weil Menschen sich nicht so verhalten.“

„Ich schon“, sagte er. „Ich verhalte mich immer gleich, ganz egal, mit wem ich es zu tun habe.“

Einen Moment lang blieb sie still. Dann setzte sie sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Eine blonde Locke fiel ihr ins Gesicht, und Alex verspürte den Drang, sie ihr aus der Stirn zu streichen. Doch das würde er nicht tun. Diese Grenze überschritt er nicht. Nie.

Allerdings würde es nötig werden, wenn sie sich zusammen in der Öffentlichkeit zeigten.

Der Gedanke allein rief eine seltsame, unwillkommene Hitze in seinem Magen wach. Das Gefühl, dass er jemandem ausgeliefert war, und das war unerträglich.

Er ignorierte es.

„Das stimmt nicht ganz“, sagte Verity. „Zu mir bist du immer erstaunlich nett gewesen. Ich schätze, deshalb habe ich geglaubt, du würdest mich anders behandeln als die Übrigen.“

„Wie behandle ich die Übrigen denn?“

„Wie Bauern auf einem Schachbrett. Wie Umstände, die gelegen oder ungelegen kommen, aber nicht wie Menschen. Ich dachte immer, es wäre mehr an dir, Alex, wirklich. Nach zwei Jahren, in denen wir jeden Tag zusammen zu Mittag gegessen und uns über alles Mögliche unterhalten haben, dachte ich wohl, wir wären so etwas wie Freunde geworden.“

Das Wort senkte sich auf ihn herab, schwer wie ein Backstein. Er begriff nicht so recht, wieso. Er hatte nie angenommen, sie wären Freunde. Er hatte keine Freunde. Aber vielleicht hatte sie recht: Die Art, wie sie miteinander umgingen, war freundschaftlich gewesen. Obwohl er immer das Gefühl hatte, dass eine Barriere zwischen ihnen bestand, so wie bei allen anderen Menschen auch.

Diese Barriere war ein Schutzmechanismus, der seit seiner Kindheit bestand.

„Ich habe keine Freunde“, sagte er.

Schon in dem Moment, als er es aussprach, bedauerte er es. Ein niedergeschlagener Ausdruck trat in Veritys Gesicht. Als hätte er sie geschlagen, statt einfach die Wahrheit zu sagen. „Es ist nichts Persönliches“, sagte er. „Ich weiß einfach nicht, wie man Freundschaften knüpft. Ich habe keine Familie. Ich nehme an, du weißt, dass ich als Pflegekind aufgewachsen bin, oder? Das steht auch im Internet.“

Sie nickte langsam. „Das weiß ich. Aber es stand auf der Liste der Themen, die ich nicht ansprechen sollte.“

„Dann sage ich es dir jetzt ganz offen“, meinte er. „Ich habe nie länger als ein halbes Jahr im gleichen Zuhause gelebt. Ich habe nie gelernt, was es heißt, eine dauerhafte Bindung zu jemandem einzugehen. Stabilität ist ein Fremdwort für mich. Ich weiß nicht, wer meine Eltern waren oder was mit ihnen passiert ist. Meine Vergangenheit ist, was sie ist. Ich kann sie nicht ändern. Es macht mich auch nicht traurig. Aber es ist der Grund, warum wir zusammen essen.“

„Ich dachte, ich sollte dich unterstützen …?“

„Es war eher, um einen besseren Eindruck davon zu gewinnen, wie es wäre. Und um mir zu erlauben, mich anzupassen. Der Erfolg des Unternehmens hängt daran.“

„Also ging es gar nicht um dich? Es war kein Versuch, für dich etwas zu ändern?“

„Das Ganze ist nicht zu ändern. Aber ich leide nicht darunter. Man vermisst nicht, was man nie hatte, Cricket. Ich vermisse meine Eltern nicht, weil ich sie nie gekannt habe. Was meinem Leben einen Sinn gibt, ist dieses Unternehmen. Die eine Sache auf dieser Welt, die mir wirklich etwas bedeutet. Ich werde daher tun, was ich tun muss, um ihm zum langfristigen Erfolg zu verhelfen.“

Verity wirkte verblüfft.

Alex hatte niemals zuvor jemandem davon erzählt. Warum auch? Es ging schließlich niemanden etwas an, und er mochte es nicht, bemitleidet zu werden. Er war erfolgreich. Ein Mann, der Hindernisse überwunden hatte. Der über sich und seine tragischen Umstände hinausgewachsen war. Aber Verity schaute ihn an, als wäre er ein verwundetes Tier.

Sie sagte nichts. Das ärgerte ihn, weil sie sonst immer etwas zu sagen hatte. Anscheinend traute sie sich nicht. „Sieh mich nicht so an“, sagte er barsch. „Ich bin immer noch dein Chef.“

„Und ich bin deine Verlobte“, sagte sie leise.

„Eine Angestellte, die meine Verlobte spielt“, erklärte er. „Und ich bin dein Chef.“

„Aber nicht mein Freund.“

„Es tut mir leid, wenn dir das wehgetan hat. Es hat nichts mit dir zu tun.“

„Natürlich nicht. Warum auch? Es ist nichts Persönliches, oder?“ Sie starrte die Wand hinter ihm an. Ihr Gesichtsausdruck verriet einen Ärger, den er bei ihr noch nie gesehen hatte. „Warum hast du gerade mich ausgewählt?“

Das hatte Gründe. Aber es war schwer, Worte dafür zu finden. „Du warst die erste Person, die sich vorgestellt hat.“

Das würde zu dem passen, was sie schon wusste: dass er ungeduldig war und nicht gern zauderte.

Seine Worte ließen sie in sich zusammensinken.

Das war vielleicht nicht schlecht. Alex musste Grenzen setzen. Sie hatte seinem Plan zwar zugestimmt, aber trotzdem würde es sie vielleicht vor Schwierigkeiten stellen, innerlich unbeteiligt zu bleiben. Ihm hingegen bedeutete eine Ehe nichts. Sie war reine Theorie. Eine dieser seltsamen Formen von menschlicher Beziehung, von denen er ausgenommen war.

Verity behauptete, sie würde nicht heiraten wollen, aber sie war vierundzwanzig, und er glaubte ihr nicht so recht. Die meisten Leute, die er kannte, heirateten am Ende doch, weil sie einsam waren und einen Sinn im Leben brauchten.

„Ich schätze, das beantwortet die Frage.“ Etwas in ihr wandelte sich. Sie wirkte einen Moment lang distanzierter. „Wenn wir nur einen Monat haben, müssen wir einen Zeitplan aufstellen. Ich denke, man sollte uns zusammen in der Öffentlichkeit sehen. Wir müssen der Presse Fotos liefern und uns um alles kümmern, was sonst noch dazugehört. Einen Ring, ein Kleid, verschiedene Accessoires. Eine Location, Blumen, Musik, eine Gästeliste.“

„Normalerweise würde ich das dir überlassen, aber du hast recht. Wir müssen uns auf die Öffentlichkeitsarbeit konzentrieren. Ich stelle daher jemanden aus der Verwaltungsabteilung dafür ab, sich um die Organisation zu kümmern.“

„Okay, und ich werde die besten Läden suchen, damit wir beide einkaufen gehen können. Ich entschlacke außerdem deinen Terminkalender.“

„Tust du das?“

Sie nickte. „Ja. Die Hochzeit muss jetzt Priorität haben. Nur so wird es funktionieren.“

„Du bist auf einmal sehr bestimmend.“

Verity stand auf und warf ihm einen Blick aus schmalen Augen zu. „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Darüber würde ich an deiner Stelle mal nachdenken.“

Dann rauschte sie aus seinem Büro, ohne noch einmal zurückzuschauen.

Alex würde es nie zugeben, aber er dachte tatsächlich darüber nach.

5. KAPITEL

Verity hatte sich Sorgen gemacht, dass sie sich in Alex’ Büro zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte, aber er hatte sich danach nicht so verhalten, als hätte sie ihn gekränkt.

So sehr sie es auch hasste, es zuzugeben, aber er hatte ihre Gefühle verletzt.

Darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Er war immerhin ihr Chef.

Ihr Chef, den sie zum Schein heiraten würde.

Als er sie aus seinen dunklen Augen angesehen und ihr gesagt hatte, er hätte sie nur deshalb eingestellt, weil sie die erste Bewerberin gewesen war, hatte sich das wie ein Dolchstich ins Herz angefühlt.

Genau wie die Dinge, die er über seine Kindheit erzählt hatte.

Niemand hatte ihn länger als sechs Monate behalten. Sein ganzes Leben lang nicht. Wie eine Kugel im Pinball-Automaten, die nirgendwo zur Ruhe kam. Wahrscheinlich war er mit achtzehn Jahren dann vollends auf sich gestellt gewesen. Der Gedanke, dass er recht hatte und niemals in der Lage sein würde, feste Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, bedrückte sie.

Verity hatte darüber gelesen. Feste Bindungen waren für Kinder unglaublich wichtig, ansonsten trugen sie irreparable Schäden davon.

Das war nicht fair. Alex hatte keine Chance gehabt …

Ein bisschen milderte es den Ärger, den sie gerade empfand.

Aber nur ein bisschen.

Dann war da noch die Sache mit Stavros.

Sie verzog das Gesicht. In zwanzig Minuten sollte sie sich mit Alex treffen. Sie wollten einen Ring kaufen gehen. Aber ihr war aufgefallen, dass sie Stavros in der Woche davor einfach hatte stehen lassen. Sie hatte das Gefühl, ihm eine Erklärung schuldig zu sein, aber nun würde sie lügen müssen.

Seufzend machte sie sich auf den Weg zu seinem Büro. Die Tür stand einen Spalt weit offen. Sie klopfte an und steckte den Kopf herein. „Hi.“

Stavros schaute von seinem Schreibtisch auf. Aus irgendeinem Grund empfand sie nicht mehr dasselbe erwartungsvolle Kitzeln wie zuvor, als sich ihre Blicke trafen.

„Ich habe nicht damit gerechnet, dich zu sehen“, sagte er.

„Es tut mir leid. Aber ich habe das Gefühl, ich sollte mich entschuldigen! Ich glaube, ich habe für ein Missverständnis gesorgt. Ich lebe noch nicht so lange in Griechenland, jedenfalls im Vergleich gesehen, und ich unterhalte mich gern mit dir. Ich dachte, wir könnten Freunde werden. Aber dann ist mir klar geworden, dass ich vielleicht den falschen Eindruck erweckt habe. Und das Timing war ein bisschen ungünstig.“

Er runzelte die Stirn. „Ich verstehe.“

„Es tut mir leid. Ich schätze, Frauen wollen normalerweise nicht einfach nur mit dir befreundet sein?“ Sie lächelte ihn an.

Er lachte und lehnte sich zurück. „Das klingt so, als sei ich ein echter Mistkerl.“

„Oh nein, es ist nur …“ Verity fühlte sich wie eine Kröte. Auch wenn sie versuchte, es auf eine nette Weise zu tun, sie führte ihn bewusst in die Irre. „Im Nachhinein begreife ich, wie es für dich ausgesehen hat. Alex ist Diskretion sehr wichtig, weil er mein Chef ist. Ihm ist bewusst, dass sich schnell Kritik an unserer Beziehung regen könnte.“

„Tatsächlich bist du in einer Position, die es ihm leicht machen würde, dich auszunutzen. Du bist noch nicht lange in Griechenland, arbeitest für ihn und du bist deutlich jünger als er.“

„Ich kann das selbst entscheiden“, sagte sie. Das gleiche Argument hatte sie auch Alex gegenüber verwendet.

„Ich wollte auch nicht andeuten, dass es nicht so wäre. Aber eure Beziehung könnte vielleicht zu hochgezogenen Augenbrauen führen.“