Julianas Litanei - Reinhilde Feichter - E-Book

Julianas Litanei E-Book

Reinhilde Feichter

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Beschreibung

Ein kleines Mädchen hält in seiner Naivität einem versteinerten Weltbild den Spiegel vor. Ein entlegenes Bergtal, wo Suchard Schokolade, Hausierer, die Schneiderin, der heilige Antonius, ausgeschämte deutsche Touristen, eine Ansichtskarte vom Meer und gelegentliche Besuche von Patres zu Highlights werden, die Abwechslung in die Abgeschiedenheit bringen. Die vierjährige Juliana findet alles spannend und genießt dieses Leben, seine Geräusche, Farben, Klänge. Nachdem der Herr Pfarrer die Bildfläche betritt, bewegt sich das Geschehen in eine andere Richtung. Das Mädchen lernt die Hölle kennen, lässliche Sünden, Hauptsünden, Todsünden, Gebote, deren wichtigstes das sechste zu sein scheint. Der Vierzehnjährigen gelingt es aber schließlich doch, sich davon zu befreien.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Reinhilde Feichter

Julianas Litanei

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Glossar

Impressum neobooks

Kapitel 1

Sie hatte nur àund hàgerufen, wie beim Testen eines Mikrophons, als man sie mit zwei Jahren das erste Mal in eine Kirche mitgenommen hatte. Ausschließlich der Schall hatte sie beschäftigt.

Nun saß ich aber zum ersten Mal bewusst und selbständig zwischen dunklen Gestalten und konnte wohl das Gewölbe und den heiligen Sebastian, nicht aber den Pfarrer oder den Altar sehen. Dieser Rosenkranz war das Fadeste, was ich in meinem vierjährigen Dasein erlebt hatte. Als aber die Marienlitanei gebetet wurde, eröffnete sich mir eine andere Welt.

Ob ich vom Kerzengeruch ein bisschen betäubt wurde, von dem der nassgekämmten Frauenzöpfe rings um mich oder vom resignierten Ton der Betenden, aus dem ich gleichzeitig ein Aufbegehren hörte – ich weiß es nicht. Allmählich verschwanden die Dinge um mich, und ich hörte nur mehr:

Du Zuflucht der Sünder

Bitt für uns

Du Heil der Kranken

Bitt für uns

Du Morgenstern

Bitt für uns

Es klang wie eine geheimnisvolle dunkle Melodie. Das„Bitt für uns“verwandelte sich langsam in einBitt für ons,je mehr ich es herauszuhören versuchte und schließlich inBipfrons.

Das s am Schluss schwirrte noch lange durch den Raum, verwandelte sich in z und vibrierte immer weiter zwischen den Statuen der Empore, während der Pfarrer bereits die nächste Fürbitte las. Nie sprachen alle ganz gleichzeitig:

Bipfrons,s,s,s

Du Bundeslade

Bipfrons,s,s,s.

Einige s verirrten sich, flogen noch eine Zeitlang durchs Kirchenschiff, purzelten zwischen dem Jochbein des seitlich geneigten Kopfes von Sebastian und dessen linker Schulter in seine Hand hinab und schwebten von dort sachte in den Weihwasserbrunnen – den ich leider nicht sehen konnte –, in dem sie dann erlöst ertranken.

Bipfrons,s,s,s

Du Trösterin der Betrübten

Bipfrons,s,s,s

Die letzten und langsamsten s waren die meiner Nachbarin, eines, dessen Herkunft ich in der linken hinteren Ecke vermutete, und eines, das von der Empore herunterschoss. Ich versuchte nun das allerletzte s zu wispern, und es gelang mir.

Darauf verwandelte sich dasBittfürunswieder. Ich hörte nunBlitzfronzheraus und stellte mir darunter einen betrunkenen Mann vor, der mit einem Schweißgerät Funken sprühen lässt. DasBlitzfronzgefiel mir noch besser, denn die Funken sprühten wie in Franzens Werkstätte. Laut und deutlich sagte ichBlitzfronz, immer lauter rief ich das Wort.

Ich war aufgeregt und neugierig, ob es sich in demBitt für unswohl gut genug verstecken ließe. Erregt leierte ich es noch lauter, als ich merkte, dass es mir niemand nehmen konnte. Es ging unter, obwohl es da sein durfte, niemand entdeckte es, niemand schimpfte.

Ich wurde fast übermütig, aber ich wusste, dass man in der Kirche nichts durfte, und ich hielt mich in Grenzen. In den Grenzen des Klanges. Dort tobte ich wild umher. Mein Mut wuchs zusehends. Ich traute mich nun an andere Variationen heran:

Pizziponz

Du ehrwürdiges Gefäß

I bitt di Hons

Du goldene Rose

Brigitte Kunz

Du elfenbeinener Turm

Titti Gons

Du vortreffliches Gefäß der Andacht

Brittl Luns

Du Mutter der Weisheit

Hittn Frons

Du Mutter des guten Rates

Biffi konn´s

Ich wurde überwältigt von einem nie zuvor empfundenen Gefühl von Freiheit. Hier regierten nicht die Erwachsenen, sondern die Klänge, in die sich meine Worte einfügten, die doch ganz anders waren als die der übrigen Menschen, die die Kirche füllten.

Juliana liebte die Litaneien. Sie ahnte nicht, wie bedeutsam diese in einigen Jahren für sie sein würden. Besonders die s, die bis zum Gewölbe hochschossen. Sie hatte Respekt vor denen, den mutigsten Lauten, die sie kannte.

Im Italienischen vernahm sie besonders vieles. Deshalb liebte sie die Sprache, die sie bei Feriengästen oft hörte. Sie roch nach Sommer und schmeckte nach dem größten Leckerbissen ihrer Kindheit, nach einer mit Eis gefüllten Orange, die Tante Burgi an einem Sonntag der Familie spendierte und die sie in winzigen Löffelbissen verspeisten.

Obwohl die Italiener viel dunkler als Juliana waren, klang ihre Sprache heller und bewegter als ihre. Vielleicht mochte das an der hellen Sommerkleidung liegen. Die Wörter aus ihrem Mund, vor allem dies, flatterten wie Schmetterlinge und wurden von Händen und Armen liebkost, die rege Wellen und Kreise beschrieben, sich öffneten und schlossen, auf der Brust einen fingen und einen anderen mit dem Zeigefinger hoch in die Luft tippten.

Siundnokannte sie, die übrigen Wörter erfand sie selbst.Solla cosa santare, si dosso si, santo dillo…Sie merkte, dass sie damit auch Italiener zum Lachen bringen konnte.

Da es Juliana aber um die Sprache ging, fragte sie die Eltern um die Übersetzung einiger Wörter.ERheißtlui,WAScosa, MUTTER mamma, TAG giorno.Es waren an die zehn Wörter, und nun stellte sie ihre Theorie auf, an der sie, wie es vorauszusehen war, bald scheiterte. Sie nahm Silben her und übersetzte sie: WAShießCOSA undERlui,also mussteWass-er COSALUIheißen.NEINhießnoundZEHNdieci, also mussteNEINZEHN nodieciheißen. TAGhießgiorno,also würde TA ohne G wohlgiornheißen. Je mehr richtige Wörter sie aber lernte, desto mehr verkomplizierte sich alles. Als sie merkte, dass es für ein und dieselbe Silbe mehrere Übersetzungen gab, verlor sie den Überblick und gab die Sache auf. Leider. Ei-der. Eiheißtuovo, derheißtil. Uovo-il. Luovoil.

Später, in der Schule, lehrte uns dann Frau Luna Italienisch. Sie schrie, indem sie sich in die Haare fuhr, sehr schrill:I capelli sono neri!(Die Haare sind schwarz) Dann stellte sie sich vor den schwarzen Karton, auf dem das Buchstabenhaus aufgezeichnet war und brüllte: La carta e´nera, stupidi!(Das Papier ist schwarz, ihr Dummen). Estai zitto, Hans!(Und du, Hans, sei still!) Auch wenn ich etwas wusste, traute ich mich nicht, die Hand aufzuhalten, denn ihre Stimme schnitt wie ein starres Gerstengras in meinen Ohren. Manchmal wünschte ich, sie solle in die Wiere fallen, in den Bach, den ich auf dem Heimweg von der Schule immer überquerte. Sie ist nie hineingefallen, weil sie einen ganz anderen Schulweg hatte. Luovoil.

Doch noch ging sie nicht zur Schule. Und sie besaß ja noch ihre Litaneien, in die sie ab und zu ein italienisch klingendesBittfürunseinfügte.Zitto-FronzoderBirra blu(ns),deren Rhythmus ihr aber nicht ganz passend erschien. Der Dialekt eignete sich am besten dafür. Auch dieherrische,wie man in ihrer Umgebung die Hochsprache nannte, hüpfte manchmal über den Reim hinaus.

Juliana beschäftigte sich nun eingehender mit den verschiedenartigen Rhythmen.Bittfürunshatte denselben Takt wie die WörterFelsenwandoderWeizenfeld, lachend und hüpfend. So versuchte sie es einmal anders: Sie hielt dasfüüürlange an und ließ den Rest kurz, so als ob sieLawiiiinespräche oderBeweeegung.Bittfüüüruns, ein eigenartiger Rhythmus! Sie fand, dass er der Litanei einen reizvollen Beiklang gab, fast wie ein Musikinstrument, dessen Namen sie nicht kannte. Nur nicht zu laut werden, dachte sie. Sie spürte, dass sich ihre Fürbitten allzu deutlich von den anderen abhoben.

Während sie bei den Maiandachten so experimentierte und an den Litaneien herumbastelte, entdeckte sie eines Tages die wohlklingenden Laute, diesaftigwaren, denen dietrockenengegenüberstanden.Batt far ansoderBett fer ensklang viel schöner alsButt fur unsoderBott for ons. Butt und Bott, wie hartes Schwarzbrot, das im Hals stecken bleibt.

Juliana ließ Laute durch ihren Kopf schwirren, hörte ihnen zu, sang sie leise vor sich hin und sah sie vor sich fliegen wie kleine, farbige Lichttropfen.Sa sasalee,am bestenselee.

Diese Etappe fiel in die Namenssuche für ihren Bruder, der noch nicht geboren war. Zwischen Gartenzaun und Gladiolen teilte es ihr Mutter mit, und Juliana erkundigte sich, ob er schon nicht aus Plastik wäre. Er müsste elebendig sein.Lebendig!meinte Mutter, doch für Juliana drückte nurelebendigetwas wirklich Lebendiges aus. Dem Kind müssen wir einen saftigen Namen geben, sagte sie. Niemand verstand, was sie meinte. Die saftigsten Namen waren Sebastian und Sabine. Erst später, als sie die Buchstaben lernte, konnte sie sich verständlich machen.

Ich sah sie nämlich alle farbig, und hellblaue oder weiße waren für mich saftige Laute, während u, ü, t, v, trocken, schwarz oder braun waren. So wurde mein Bruder dann auch Sebastian genannt.

S war so nass, dass es nasser nicht ging. Folgte ihm ein A, so schäumte das Wort und strahlte weiß wie der Häufler Wasserfall. Kam das S nach dem A, so spritzte es durchsichtig und klar. In jedem Fall aber plätscherten und tropften diese Wörter.

E war himmelblau, die Farbe zwischen Rötspitze und Moosberg an kühlen Herbstmorgen, unendlich blau. A verschwamm vom Hellblauen ins Weiße und war in Verbindung mit G klar wie Glas, mit B zusammen jedoch schwebend und nebelig wie eine helle Wolke. B und D waren wellig und äußerst beweglich.

Kam zum S aber ein U dazu, so wurde das Wort versaut. Es klang dann wie kohlschwarzes Dreckwasser. Arme Susis oder Ruths, sie taten mir leid! Doch leider gefiel mir auch mein eigener Name nicht, der sich so trocken anhörte. Hätte ich selbst einen aussuchen dürfen, wäre es natürlich Sabine gewesen oder einer, den es nicht gab, Saela oder Sabella. Aber wenigstens Sebastian habe ich zu einem saftigen Namen verholfen.

Himmelblau ist noch für lange Zeit Julianas Lieblingsfarbe geblieben. Herbstbäume mit hellblauen Blättern, wie sie sie malte, fanden bei niemandem Anklang, doch weil sie sich mehr mit ihrem saftigen Blau verbunden fühlte als mit dem Rest, störte sie das nicht weiter.

Grasbichl 1960, im Dunst einer Zeit stehengeblieben, die dem vergangenen Jahrhundert näher lag als diesem, zwischen zwei Bergrücken gesichert.

Der Kirchturm verlieh dem Dorf das eigentlich Liebliche, das oft in der Verkleinerungsform Besungene: Ein Kirchlein, ein Dörfchen mit einem Bächlein mittendurch.…Ein Anblick, der Urlaubern einAch, wie idyllisch! Ma che paese stupendo!(welch wunderbare Gegend!) entlockte. Jedes Hausdach schien mit den übrigen durch unsichtbare Fäden verbunden zu sein, die sich auf der Kirchturmspitze trafen. Und aus den kleinen Kaminen stieg Rauch zu ihr hoch. Die Urlauber erfreuten sich an der ausgewogenen Optik. Vielleicht hätten sie noch anderes entdeckt, was unter dieser Ebenmäßigkeit schlummerte. Doch sie hatten nicht bezahlt, um dahinter zu schauen. Denn wer sich etwas länger in irgendein Gesicht versenkte, dem flogen aus einem angespannten Lächeln oder einer verkniffenen Nasenwurzel Sehnsüchte und Ängste entgegen, Verzichte und nicht gelebtes Leben. Zehn und hundert Gebote dazu, deren oberste zwei, Anständigkeit und Ordnung, halfen, das Dasein zu fristen. Wirklich leben würden die Grasbichler dann im Jenseits, wohin die Kirchturmspitze zeigte. Einigen dienten die vorgegebenen Regeln als Korsett, das ihnen sicheren Halt gab. Doch was manchem eine Stütze war, wurde manchem eine Last. Eine Enge, die den einen oder anderen ausbrechen ließ, ja sogar auswandern, oder eine Ausweglosigkeit, die den einen oder anderen an irgendeinem Baum hängen ließ.

Aber davon wusste Juliana noch nichts. Noch besaß sie Narrenfreiheit und durfte von Herzen leben. Dann würden andere Gesetze gelten. Noch führte ihr Weg durch einen wahren Garten an Klängen, Farben und Genüssen.

Die Suchard Schokolade, damals schon lila verpackt, lag in der zweiten Schublade der Stubenkredenz, neben den weißen Stoffservietten, die Frau Gander für einen ganz besonderen Anlass aufbewahrte. Er traf nur einmal ein, nämlich dann, als ein Bischof auf Besuch kam. Damals gab es hellgrüne Trauben, und der Tisch war so festlich gedeckt, dass sich Juliana nicht zu reden traute. Sie durfte den Bischofsring küssen. Es war ein Anlass, wie er besonderer nicht sein konnte.

Auch die Schokoladetafel lag in der Schublade der besonderen Anlässe. Deshalb hatten wir an so einer Tafel ein Jahr lang. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass sie anderswo gelegen wäre, schon des Klanges wegen: Schob man die Lade auf, so war dieSchokoin derLade.Lade ist lade. Für sie galt nicht der Bischofsbesuch als besonderer, nein, man konnte die Anlässe für sie nie voraus berechnen. An irgendeinem gewöhnlichen Wochentag, kein Bischofs- oder Pfarrersbesuch, – es konnte sein, dass Mutter gerade erst Wäsche aufgehängt hatte – hörte man plötzlich das Silberpapier rascheln. Wir liefen sofort hin und sahen zu, wie sie es öffnete, von den vierundzwanzig Rippen feierlich einige herunterbrach und austeilte.

Juliana eilte mit ihrem Stückchen meistens hinters Haus. Dort ließ sie es langsam leckend zwischen Lippen und Zunge zergehen, hielt es aber noch mit Zeigefinger und Daumen fest, bis es auch dort zu schmelzen begann. Sie wollte möglichst lange Gutes haben.

Einmal öffnete sie die Schublade, die tabu für sie war, aus Versehen. Das lila Papier stach ihr in die Augen, und die Gelüste nach dem braunglänzenden Genuss wurden wach.Nein!hieß es. Mutter hatte heute nicht ihren Schokoladentag. So faltete Juliana das Papier sehr schnell auseinander, leckte den Zeigefinger ab und tippte damit ein heruntergebrochenes Schokoladebrösel an, ein ganz kleines. Sie ließ es im Mund zergehen, packte das Papier wieder zu und sah Mutter dabei genauso feierlich an, wie sie es bei ihr gesehen hatte. Sie nahm sich ein solches Maß an Freiheit heraus, dass sie gerade noch das Gefühl hatte, sich durchgesetzt zu haben, und dass die anderen gezwungen waren, ein Auge zuzudrücken.

In der Stube hatte einmal eine gespannte Stimmung geherrscht. Vater war noch nicht zu Hause, und Oma sagte, der Adlerwirt gehöre in die Luft gesprengt. Alle waren gereizt. Wir Kinder mussten ins Bett. Ich konnte nicht einschlafen. Die Männchen des Vorhangmusters wurden lebendig, und ich sah Oma mit ihnen und mit einer Bombe unterm Arm, zum Adlerwirt hinken. Diese sah aus wie die Gasflasche unserer Nachbarn, schmutzigblau, aus Eisen und halb so groß wie Oma. Sie öffnete die Wirtshaustür, schrie: Alle Männernach Hause!und warf sie wutentbrannt mitten in die Gaststube. Das Wirtshaus explodierte, genauso wie die Pfeife von Lehrer Lämpel im Max und Moritz-Buch. Männer, Spielkarten, das Täfelchen mit der Kreide, auf das sie nach jedem Spiel Ziffern schrieben, Weingläser und die Kellnerin Traudl stoben durch die Luft. Alle hatten schwarz verschrumpelte Gesichter und Stümpfe als Finger. Die Schell-As, meine Lieblingskarte, tänzelte mit ihrem Schweinchen in langsamen Kreisen auf meinen Vater herab, der da lag, verrußt und verstümmelt wie die anderen. Ein Bein war ihm sogar angeschmort. Das durfte nicht wahr sein!

Juliana schwitzte und spürte ein Stechen in der Brust. Die Nachttischlampe, die erst ausgeschaltet wurde, wenn die Eltern ins Bett gingen, brannte noch. Also stand sie auf und ging die Treppe hinab in die Stube.

Die Atmosphäre dort fühlte sich inzwischen ganz anders an. Alle schienen gelöst und friedlich geworden. Oma hielt den Rosenkranz zwischen den zerklüfteten Fingern, und Vater, der eng neben Mutter auf der Ofenbank saß, war weder verrußt noch angeschmort und grinste schelmisch.

Julianas schwere Träume waren wie weggeblasen und sie berichtete nur mehr von ihrem Stechen in der Brust. Mutter meinte, das müsse das Herz sein. Julianas Blick fiel auf das rote Keramikherz an der Holzwand, das als Hängevase für einen Geranienableger diente. So eines hatte sie also in ihrer Brust. Mutter nahm sie in den Arm und schenkte ihr – sie konnte es kaum glauben – eine Schokoladerippe! Das Herzstechen war augenblicklich vorbei.

In den nächsten Tagen reckte sich Juliana oft zum Keramikherzen hoch und streichelte es. Als es dabei von der Wand fiel, tröstete sie es in ihrem Arm, schlich zur Schublade, stahl eine Schokoladerippe heraus und steckte sie zwischen Blätter und Stängel mitten ins Herz.

Herz Jesu, zerschlagen wegen unserer Missetaten.

Bittfüruns!

Herz Jesu, mit Schmach gesättigt

Bittfürons!

Herz Jesu, Schlachtopfer für die Sünder

Bipfrons!

Herz Jesu, mit der Lanze durchbohrt

Blitzronz!

Herz Jesu, bis zum Tode gehorsam

Brittipunz!

Herz Jesu, Wonne aller Heiligen

Tizziluns!

Herz Jesu, brennender Feuerofen der der Liebe

Knittlkunz!

Herz Jesu, dich preist mein Glaube, dich mein einzig höchstes Gut. Edler Weinstock, süße Traubehatten sie in der Kirche gesungen… Juliana dachte an die Trauben beim Bischofsbesuch. Es war ihr, als höre sie den Chor der Singenden. Und wie eine Melodie fügte sie ihre Bittfüruns ein, die sie diesmal dem roten Keramikherzen widmete.

Juliana liebte den Geruch des Friedhofs. Dort gab es nämlich zedernartige Sträucher mit bläulich grünen Nadeln, von denen jede einzelne fünfmal geknickt schien. Diese feinen Federn verströmten einen lupinenähnlichen Geruch, dessentwegen allein sie schon gerne auf den Friedhof ging. Manchmal hielt sie sich ein Zweiglein vor die Nase und lief damit hinter ihrer Mutter her, die in der Blechgießkanne Wasser holte.

Bevor wir dieses geheimnisvolle Feld mit den gusseisernen Kreuzen und Grabgärtchen verließen, spritzte ich noch einmal ausgiebig geweihtes Wasser auf die Erde, indem ich dem toten Opa den Duft in den Himmel hinauf wünschte.

Auch den Egger-Konrad roch ich gern. Wenn ich in der Kirche bei den Litaneien vor ihm saß, durfte ich ihn ganz aus der Nähe genießen. Da war der Geruch aus seiner Bauernstube wahrzunehmen, in der er die selbstgeschnitzte Krippe aufgestellt hatte. Es roch nach Harz, saurer Milch, nach Kühen und nach Holz.

Von Tante Burgi erhielten wir auch duftende Dinge, einen Dominostein mit einer süßen Geruchsmischung aus Erdbeeren, Traubenzucker und rosaroter Kälte und die erste in Plastik eingeschweißte Portionen-Marmelade, die ich gesehen habe, einen bauklotzgroßen dunkelroten Würfel. Diese Marmelade stand von allein. Mutters selbstgekochte konnte nicht alleine stehen. Wir strichen das klebrige Würfelchen aufs Brot, und ich hab sie lange beschnuppert, bevor ich sie aß. Der Geruch war viel bedeutender als der Geschmack.

Gerüche, die flüchtigsten aller Empfindungen, haben in Juliana einen tiefen Eindruck hinterlassen. Noch durfte sie riechen, genießen, ihre Bittfüruns beten und alles war gut. Noch war nichts Sünde. Nichts s s! S sssssss. Wie mutig diese Laute umherschwebten! So bunt. Juliana lebte ein Leben, wie es beschwingter nicht sein konnte.

Im Dachboden der Nachbarn überkam sie ein äußerst reizvolles Gefühl. Ähnlich wie bei einem Traum, der durch das Augenöffnen verblasst, ist es bei diesem Geschehen.

Jemand hatte an diesem Nachmittag die Jalousien geschlossen, so dass es in dem getäfelten Raum dämmerig war. Zwischen den Rollo-Brettern war irgendwo ein Schlitz, und von dorther fiel ein gedämpfter Lichtstrahl auf die Kommode, auf der eine kleine Glashalbkugel stand. Sie war mit einer durchsichtigen Flüssigkeit und weißen Flocken gefüllt, die auf eine winzige Muttergottes mit knallrotem Mantel herabsickerten. Juliana schüttelte sie immer wieder, sobald die Flocken den Mantel ganz bedeckten. Die Luft roch geheimnisvoll in dieser staubigen Kammer, zu der nur der feuerrote Mantel der Muttergottes einen Kontrast abgab. Es war heiß und wir zogen uns die Leibchen aus, meine Nachbarskinder und ich. Alle drei standen wir halbnackt in der Dunkelheit und schüttelten abwechselnd die Muttergottes im Glas auf. Irgendwo stand ein blauer Kinderwagen aus Plastik. Alles war elektrisch geladen, und die Flocken im Glas wirbelten und drehten sich. Juliana spürte ein angenehmes Prickeln auf der Haut. Ein wunderschönes Gefühl blieb in ihr zurück.

Doch ihr Weg war keine Startbahn, von der sie in die Lüfte abheben würde, um über blühende Ebenen dahinzufliegen. Er könnte eher einem Irr-Pfad durchs Dickicht ähneln.

Und schon stand er da, der erste Zaun, mitten im Weg! Breit und sperrig verstellte er ihn. Und so erfuhr Juliana bei ihrem nächsten Erlebnis dieser Art, dass es nicht ein Paradies war, das sie hier durchwanderte, und dass es ausgerechnet schöne Dinge waren, die nicht sein durften.

Es warMusterungs-Tag. Die Männer, die Hüte mit bunten Schleifen auf den Köpfen trugen, johlten, sangen und schrieben mit weißer Ölfarbe ihr Geburtsjahr auf die Straße und auf die Holztür einer verfallenen Hütte. Juliana hörte, dass sie tauglich waren, von der Musterung kamen und sich freuten, zum Wehrdienst zu gehen. Wenngleich sie die Zusammenhänge nicht verstand, faszinierte sie dieses Geschehen.

Onkel Hans war auch einmal beim Militär gewesen und hatte am Wochenende seinen beigebraunen Hut mit der Feder auf den Nagel der Holzwand gehängt, genau über der Nähmaschine. Den Hut durften wir nie berühren, und Oma sagte oft:Dem Hans geht´s gut beim Militär, er ist dicker geworden.Der meinte nur:Das Essen ist gut.

Militär oder Wehrdienst bedeutete also gutes Essen, dicker werden und Hüte. Auch die Burschen freuten sich über ihre Hüte, und ich sah ihnen gerne zu, wie sie umher torkelten, eine Flasche in der Hand hielten und jodelten.

Werner, der wie ich vier Jahre alt war, hielt mich an der Hand, und wir hüpften begeistert hinter den Männern her. Plötzlich flüsterte er mir ins Ohr:Komm mit mir in den Hühnerstall, dann zeig ich dir mein Pimmelchen.Ich konnte mich nicht gleich entscheiden, denn der Musterungs-Tag kam, so wie Weihnachten, nur einmal im Jahr.

Ich entschied mich für das, was mein Freund zu zeigen hatte und sah sein Stäbchen. Ich vernahm, dass die Musterungs-Männer, dem Klang ihrer Stimmen nach, jetzt drüben beim Erlenweg hinunter gehen mussten. Werner schaute auch unter mein Höschen. Das fühlte sich lustig an.Was siehst du da unten? Bei mir ist viel mehr,antwortete er. Das konnte ich sehen. So etwas hatte ich ja schon bei meinem kleinen Bruder gesehen, als sie ihn nach der Geburt nackt ins Körbchen gelegt hatten. Damals hatte ich gefragt, warum das Kleine da vorne so ein Männchen dran hätte, und sie hatten mir nur mit Gelächter geantwortet. Nun sah ich eben Werners Männchen.

In diesem Moment riss Werners Großmutter die Sprossentür auf und rief:Ihr Sauschweine, ihr ausgeschämten, ihr!