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In "Julie oder Die neue Heloise" entführt Jean Jacques Rousseau die Leser in die komplizierte Welt zwischen Leidenschaft, moralischen Dilemmas und gesellschaftlichen Konventionen des 18. Jahrhunderts. Dieses epistolare Werk zeichnet sich durch einen emotionalen und poetischen Stil aus, der das innere Empfinden der Protagonisten in den Mittelpunkt rückt. Es wird eine tiefgründige Reflexion über die Natur der Liebe präsentiert, die durch die Briefe zwischen Julie und Saint-Preux geprägt ist, und thematisiert den Konflikt zwischen individuellen Wünschen und den Erwartungen der Gesellschaft. Rousseaus Werk ist ein bedeutendes Beispiel der Romantik und verbindet philosophische Gedanken mit einer erzählerischen Tiefe, die den Leser sowohl anregt als auch berührt. Jean Jacques Rousseau, ein einflussreicher Denker der Aufklärung, hat mit diesem Buch seine persönlichen Erfahrungen und seine Philosophie über die menschliche Natur und die Rolle der Emotionen in unserem Leben verarbeitet. Seine eigenen tumultuösen Beziehungen und seine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft jener Zeit prägten die Themen und Charaktere in "Julie oder Die neue Heloise". Rousseaus Suche nach Authentizität und wahrer Emotion spiegelt sich in der komplexen Beziehung seiner Protagonisten wider. Dieses Werk ist eine Einladung an den Leser, sich mit den Fragen der Liebe, der Identität und der moralischen Verantwortung auseinanderzusetzen. "Julie oder Die neue Heloise" ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch eine wertvolle philosophische Reflexion, die auch heutzutage noch Relevanz und Inspiration bietet. Es ist ein unverzichtbares Buch für alle, die sich für die Entwicklung des romantischen Schreibens und die tiefen menschlichen Emotionen interessieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Liebe und Pflicht prallen unbarmherzig aufeinander. Jean-Jacques Rousseaus Briefroman entfaltet aus dieser Spannung eine Geschichte, die Intimität und Gesellschaft in ständiger Wechselwirkung zeigt. Zwischen der Glut persönlicher Empfindung und den strengen Erwartungen der Umwelt entsteht ein Raum, in dem Entscheidungen Gewicht bekommen und Worte zu Taten werden. Die Figuren richten ihr eigenes Gewissen aneinander aus, prüfen Gefühle wie Argumente und finden in der Natur einen Spiegel innerer Bewegungen. So setzt das Werk den Ton für eine Lektüre, die nicht nur erzählt, sondern prüft, ob Leidenschaft und Moral versöhnbar sind, ohne das Geheimnis zukünftiger Wendungen preiszugeben.
Julie oder Die neue Heloise erschien 1761 und stammt von Jean‑Jacques Rousseau, dem Genfer Philosophen und Schriftsteller, dessen Denken die europäische Aufklärung entscheidend mitprägte. Verfasst wurde der Roman in den späten 1750er Jahren; sein französischer Originaltitel Julie, ou la Nouvelle Héloïse verweist auf eine gelehrte Traditionslinie, die Liebesleidenschaft und Tugend in einen moralischen Dialog bringt. Rousseau wählte die Form des Briefromans, um Innerlichkeit, Selbstprüfung und die Wirkung von Sprache unmittelbar erfahrbar zu machen. Diese literarische Entscheidung gab ihm die Möglichkeit, Handlung als Austausch von Stimmen zu gestalten, statt als bloße Abfolge äußerer Ereignisse.
Das Werk gilt als Klassiker, weil es eine beispiellose Resonanz im 18. Jahrhundert auslöste und Maßstäbe für den europäischen Roman setzte. Zeitgenössische Leserinnen und Leser fanden darin ein Modell der Empfindsamkeit, das nicht bloß rührte, sondern zur Selbstreflexion anstiftete. Die enorme Verbreitung machte es zu einem der großen Bucherfolge der Epoche und prägte die Erwartung, dass Literatur seelische Wahrhaftigkeit und gesellschaftliche Fragen zugleich verhandeln könne. Sein Einfluss reicht von der Ausgestaltung des Briefromans bis zur Sensibilisierung für Naturdarstellungen, die in der Romantik weiterwirken. Wer später über Authentizität, Gefühl und soziale Ordnung schrieb, kam an Rousseaus Beispiel kaum vorbei.
Im Zentrum stehen Briefe, die zwischen Liebenden und ihrem Umfeld zirkulieren. Die Korresponpondenz entspinnt sich in einer kleinen Stadt am Fuß der Alpen, nahe eines Sees, dessen Landschaft zum Resonanzraum der Gefühle wird. Eine junge Frau aus angesehener Familie und ihr gesellschaftlich niedriger stehender Lehrer entdecken eine gegenseitige Neigung, die sie an Normen, Herkunft und Pflichten messen müssen. Familienautorität, Freundschaft und moralische Beratung treten als weitere Stimmen hinzu und weiten das Gespräch. Mehr braucht man zur Ausgangssituation nicht zu wissen: Wie sie sich behaupten oder beugen, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Rousseau verhandelt in diesem Roman grundlegende Themen: die Spannung zwischen persönlicher Freiheit und sozialer Bindung, die Erziehung des Herzens, die Idee von Tugend als gelebte Praxis und die Frage, wie Naturerfahrung ethische Einsichten formt. Gefühle erscheinen nicht als Gegenspieler der Vernunft, sondern als Prüfsteine, an denen sich moralische Urteile schärfen. Zugleich wird sichtbar, wie Klassenunterschiede Erwartungen erzeugen und Entscheidungen rahmen. Das Buch entwirft so ein Labor des Gewissens, in dem Leidenschaft, Sitte und Glaube einander Maß und Grenze sind, ohne ein fertiges Rezept zu verheißen.
Die epistolare Form ist mehr als ein erzählerisches Mittel; sie ist die Bühne, auf der Wahrheit und Selbsttäuschung einander belauern. Jede Stimme schreibt aus situierter Perspektive, jeder Brief ist Argument, Bekenntnis, Beobachtung und Versuchsanordnung zugleich. Die Abfolge der Schreiben simuliert Zeit und Distanz, erzeugt Pausen, Missverständnisse und Klarheiten, die man in erzählter Rede selten so dicht erfährt. Die Leserinnen und Leser werden zu Mitbeobachtenden eines moralischen Experiments, dessen Dokumente sie in Händen halten. Dadurch gewinnt das Buch eine Unmittelbarkeit, die seine Wirkung über Generationen hinweg begünstigte.
Sein Einfluss zeigt sich in der europäischen Empfindsamkeit, im Aufschwung des Briefromans und in der Hinwendung zur Natur als moralischem und ästhetischem Bezugspunkt. Spätere Strömungen wie Sturm und Drang und die Romantik knüpften an diese Aufwertung der Innerlichkeit an, sei es, indem sie sie bejahten oder kritisch befragten. Auch die Vorstellung, dass Literatur eine Schule des Einfühlens sein könne, erhält hier ein prägnantes Modell. Debatten über gesellschaftliche Reform, über Ehe, Bildung und Standesgrenzen fanden im Roman einen emotionalen Resonanzraum, der weit über die literarische Sphäre hinaus wahrgenommen wurde.
Die zeitgenössische Rezeption war von Bewunderung und Sorge zugleich geprägt. Bewunderung galt der Kraft, mit der das Buch Gefühle ernst nahm und sittliche Fragen in alltägliche Situationen einschrieb. Sorge richtete sich auf die Möglichkeit, dass starke Affekte Normen unterspülen könnten. Manche Leserinnen und Leser sahen in ihm ein moralisches Lehrstück, andere ein gefährliches Buch der Leidenschaft. Dass ein Roman eine europaweite Diskussion auslösen konnte, zeigt seine kulturelle Durchschlagskraft. Zugleich belegt die Vielzahl der Ausgaben und Antworten, wie begierig das Publikum nach Literatur war, die inneres Erleben mit gesellschaftlicher Reflexion verbindet.
Ästhetisch beeindruckt das Werk durch die Verbindung von Landschaft, Gefühl und Argument. Die Nähe zu Seen, Bergen und Gärten ist nicht bloße Kulisse; sie strukturiert Wahrnehmung, dämpft oder steigert Affekte und bietet Bilder, an denen Denken sich fasst. Rousseaus Sprache ist dabei reich an Nuancen: sie kann leise und prüfend sein, um dann plötzlich in klare, knappe Feststellungen zu münden. Diese Balance aus sinnlicher Anschaulichkeit und moralischer Prägnanz macht die Lektüre zu einem rhythmischen Wechsel zwischen Schauen und Urteilen, in dem das Eigene immer wieder neu justiert wird.
Heute liest man dieses Buch als Reflexion darüber, wie persönliche Beziehungen unter sozialen Erwartungen verhandelt werden. Fragen nach Autonomie, Zustimmung, Gleichheit der Chancen und der Rolle familiärer und kultureller Prägungen sind weiterhin aktuell. Zugleich hat der Briefroman eine überraschende Nähe zu digitalen Kommunikationsformen: fragmentierte, zeitversetzte Nachrichtenspur, Interpretationsspielräume, die Verantwortung der Schreibenden. Die Figuren ringen um Sprache, weil Worte Konsequenzen haben; das kennt jede Gegenwart. Wer den Text liest, kann prüfen, wie Gefühle verlässlich werden, ohne sich in bloße Spontaneität zu verlieren, und wie Gemeinsinn Freiheit nicht bloß begrenzt, sondern ermöglicht.
Der Roman bietet eine Schule des Lesens, in der man Ambivalenzen aushält. Er zeigt, dass moralische Klarheit selten ohne geduldige Selbstprüfung entsteht und dass gegensätzliche Güter einander nicht einfach aufheben. So wird die private Korrespondenz zum Forum, in dem Grenzen des Sagbaren, das Verhältnis von Öffentlichkeit und Intimität und die Kunst des Rats verhandelt werden. Wer sich auf die Briefe einlässt, entdeckt Modelle des Zuhörens, des Widersprechens, des Zweifelns. In diesem Sinn ist das Buch nicht nur Erzählung, sondern Übung: eine behutsame, dennoch fordernde Einladung, Verantwortung im Denken und Fühlen zu übernehmen.
Dass Julie oder Die neue Heloise ein Klassiker ist, liegt an seiner doppelten Bewährung: Es belebt die Tradition und erneuert die Wahrnehmung des Menschlichen. Zeitlos sind seine Qualitäten der Einfühlung, der formalen Konsequenz und der ernsthaften Prüfung von Werten. Wer heute liest, findet keine fertigen Lösungen, sondern Maßstäbe, die im Dialog entstehen. Das Buch bleibt relevant, weil es zeigt, wie Liebe, Natur, Sprache und Gesellschaft einander formen. Es lädt zu einer langsamen, aufmerksamen Lektüre ein, die das eigene Leben nicht ersetzt, sondern klärt, und die darin die Würde der Literatur behauptet.
Jean-Jacques Rousseaus Briefroman Julie oder Die neue Heloise, 1761 auf Französisch als Julie, ou la Nouvelle Héloïse erschienen, entfaltet sich als Korrespondenz mehrerer Stimmen. Vor allem Julie d’Étanges, ihr junger Hauslehrer Saint‑Preux, die Cousine Claire d’Orbe und später Monsieur de Wolmar gestalten das Geschehen. Die Briefe verknüpfen private Regungen mit moralischer Selbstprüfung und gesellschaftlichen Erwartungen. Schauplätze sind vornehmlich die Landschaften um den Genfersee sowie Orte, die die Figuren auf Reisen erreichen. Das Werk verbindet Empfindsamkeit mit Reflexion über Tugend, Erziehung, Standesgrenzen und die Rolle der Natur, wobei die innere Entwicklung der Briefschreiber die Handlung vorantreibt.
Zu Beginn schildern die Briefe die allmähliche Annäherung zwischen Julie und Saint‑Preux. Aus einer pädagogischen Beziehung entsteht ein starkes Gefühl, das beide zugleich erhebt und beunruhigt. Standesunterschiede, die Autorität der Familie und Konventionen begrenzen ihre Möglichkeiten. Claire dient als vertrauliche Mitwisserin und moralische Beraterin, während ein englischer Freund Saint‑Preux’ Tatkraft stärkt. Die Liebenden tasten sich zwischen Hoffnung und Vorsicht voran, schwanken zwischen heimlicher Nähe und der Einsicht, dass der soziale Rahmen ihre Zukunft unwahrscheinlich macht. Der Ton bleibt schwärmerisch und selbstanalytisch, getragen von der Überzeugung, dass Natur und Gefühl eine eigene Wahrheit besitzen.
Mit dem Wachsen der Leidenschaft verdichtet sich die Gefahr der Entdeckung. Die Korrespondenz zeigt, wie beide die Grenzen ihrer Lage prüfen: Wieviel darf man der Neigung zugestehen, ohne Pflicht und Ehre zu verlieren? Die Überwachung durch die Familie, Gerüchte und Missgunst erzwingen Entscheidungen. Rousseau lässt die Figuren innere Gelübde, Vorsätze und Rückzüge erproben, bis sich ein Wendepunkt abzeichnet: Julie wird auf einen Lebensweg hingelenkt, der die Erwartungen ihres Standes erfüllt. Statt romantischer Auflösung tritt die Frage in den Vordergrund, ob Tugend im Verzicht reift und wie aufrichtige Gefühle in eine akzeptierte Ordnung überführt werden können.
Nach der Trennung der Liebenden weitet sich der Blick. Saint‑Preux unternimmt Reisen, deren Briefe Erfahrungen mit Sitten, Landschaften und Gesellschaften bündeln. Er ringt mit Entmutigung, sucht aber Bildung, Maß und Selbstbeherrschung. Julie schreibt von Anpassung und innerer Arbeit: Sie ordnet den Alltag, prüft die Lauterkeit ihrer Absichten und sucht Wege, Gefühl ohne Übertretung zu bewahren. Allmählich tritt eine neue Konstellation hervor, die die frühere Leidenschaft nicht verleugnet, sie aber in ein strengeres moralisches Register überführt. Rousseau kontrastiert Schwärmerei und Disziplin, ohne eine der Seiten vollständig zu verabschieden.
Der Eintritt Monsieur de Wolmars in die Korrespondenz markiert einen weiteren Einschnitt. Er repräsentiert eine nüchtern-rationale Tugend, die auf Verlässlichkeit, Ordnung und durchschaubare Regeln setzt. Sein Haus in Clarens wird zum Schauplatz eines moralischen Experiments: Kann ein geregeltes, wohlgeordnetes Leben das unruhige Herz besänftigen, ohne es zu versteinern? Wolmar etabliert klare Grenzen, lädt aber zugleich zu aufrichtiger Freundschaft ein. Die Rückkehr Saint‑Preux’ in diesen Rahmen, unter wachsamer Zustimmung aller Beteiligten, stellt die Frage, ob sublimierte Zuneigung, Korrektheit und Vertrauen miteinander vereinbar sind, ohne alte Konflikte neu zu entfachen.
Die Clarens‑Briefe entfalten ein Ideal von Hauswirtschaft, Gastfreundschaft und kontrollierter Empfindsamkeit. Spaziergänge, Gartenarbeit und Betrachtungen der Natur sollen die Leidenschaften mildern und zugleich veredeln. Die Figuren üben sich in Selbstprüfung, schaffen Rituale und erproben Nähe, die nicht überschreitet. Claire wirkt als taktvoller Vermittler, während Wolmars System verlässliche Abläufe vorgibt. Rousseau zeigt die Anziehungskraft eines geregelten Glücks, das ohne Prunk auskommt. Zugleich verdichten Andeutungen, dass jedes Ideal fragil bleibt: Erinnerung, Zufall und die Wucht des Unvorhergesehenen können die mühsam gewonnene Balance jederzeit bedrohen.
Ein Schwerpunkt der mittleren Briefe liegt auf Erziehung und häuslicher Tugend. Julie entwickelt Grundsätze für die Bildung der Kinder, die Einfachheit, Natürlichkeit und Bescheidenheit betonen. Religion tritt als innerliche Haltung der Milde in Erscheinung, die mit Wolmars eher undogmatischer, utilitaristisch anmutender Moral koexistiert. Unterschiedliche Weltanschauungen werden nicht als Kampffeld, sondern als Anlass zur Toleranz behandelt. Das Haus bemüht sich, Pflichtgefühl, Zärtlichkeit und Selbstdisziplin auszubalancieren. Dadurch wird Clarens zur pädagogischen Werkstatt, in der persönliche Neigungen geformt und sozial verträglich gemacht werden, ohne den Anspruch auf Authentizität preiszugeben.
Parallel dazu weitet sich die Reflexion auf die Gesellschaft. Die Briefe vergleichen städtische Eitelkeit mit ländlicher Einfachheit, kritisieren oberflächlichen Glanz und Standesdünkel und suchen nach bürgerlicher Sittlichkeit jenseits leerer Konventionen. Freundschaft, Ehe und Gemeinsinn erscheinen als tragende Institutionen, wenn sie von innerer Wahrhaftigkeit gestützt sind. Clarens steht als erstrebtes Gegenbild zur korrupten Welt, doch die Figuren wissen um die Verletzlichkeit ihres Modells. Zwischen Ideal und Erfahrung zeigt sich: Ordnungen, die Gefühle nicht anerkennen, erstarren; Gefühle ohne Ordnung verirren sich. Dieses Spannungsfeld trägt die weitere Entwicklung.
Gegen Ende versammeln die Briefe die Erträge des Versuchs, Leidenschaft und Pflicht zu vermitteln. Ein gravierender Vorfall führt nochmals vor Augen, wie begrenzt menschliche Vorsicht ist und wie tief Gewissen und Zuneigung ineinandergreifen. Anstelle spektakulärer Enthüllung setzt Rousseau auf nachdenkliche Bilanz: Die Beteiligten prüfen Motive, trösten einander und halten an einer Idee von Würde fest, die weder Kälte noch Haltlosigkeit duldet. Als Vermächtnis bleibt die Frage, ob eine gelebte Tugend das Feuer des Herzens zu veredeln vermag. Darin liegt die nachhaltige Bedeutung des Romans für Empfindsamkeit und frühe Romantik.
Julie oder Die neue Heloise erscheint 1761 in einer europäischen Welt des Ancien Régime, geprägt von ständischen Hierarchien, konfessionellen Ordnungen und expandierenden Wissensnetzwerken. Zwischen der reformierten Stadtrepublik Genf, dem von Bern beherrschten Waadtland und der französischen Monarchie entfaltet sich ein Spannungsfeld aus städtischer Kultur, ländlicher Grundherrschaft und strenger Sittenaufsicht. Dominante Institutionen sind Kirche, Zünfte, Patriziat, königliche Administration und die Zensurbehörden. In diesem Umfeld gewinnen die Debatten der Aufklärung an Reichweite, während bürgerliche Lebensformen und ein neuer Kult der Empfindsamkeit entstehen. Rousseaus Roman spiegelt diese Konstellation, indem er individuelle Leidenschaft gegen soziale Normen und religiös-moralische Regulative stellt.
Jean-Jacques Rousseau, 1712 in Genf geboren, bewegt sich zwischen Schweizer Herkunft und französischen intellektuellen Netzwerken. In den späten 1750er Jahren lebt und schreibt er vor allem im Umland von Paris, unter anderem in Montmorency. Die Nouvelle Heloise erscheint 1761 bei Marc-Michel Rey in Amsterdam, einem wichtigen Knoten des frankophonen Buchhandels jenseits der französischen Zensur. Das Veröffentlichungsjahr fällt in eine Phase intensiver literarischer Produktion, in der Rousseau Themen wie Natur, Tugend, Gesellschaftskritik und Erziehung konzertiert bearbeitet. Die Wahl des ausländischen Verlags verweist auf die politischen und moralischen Brisanzzonen, in denen sich seine Texte bewegen.
Der Roman situiert seine Handlung am Genfersee, im waadtländischen Raum um Clarens, in einer von Bern regierten, reformierten Provinz. Diese Region ist durch eine Kombination aus städtischen Märkten (Vevey, Lausanne), Weinbau, kleinräumiger Grundherrschaft und obrigkeitlicher Aufsicht geprägt. Die bernische Verwaltung wirkt über Landvögte und lokale Eliten; soziale Mobilität bleibt begrenzt. Calvinistische Sittenzucht, Kirchgang und Gemeindezusammenhalt strukturieren den Alltag. Diese historisch konkrete Ordnung liefert die Folie für Rousseaus Darstellung einer Gesellschaft, in der familiäre Ehre, Standespflichten und kirchliche Normen das Individuum binden und seine Affekte politisch wie moralisch überprüfbar machen.
Die Briefromanform steht in enger Beziehung zur Kommunikationsrevolution des 18. Jahrhunderts. Verbesserte Postrouten, regelmäßige Kutschenverbindungen und ein wachsender Markt für Papier und Druck ermöglichen rasche, überregionale Korrespondenzen. Briefwechsel sind zugleich gesellschaftliche Übung und moralische Selbstprüfung: Schreiben dient der Selbsterziehung, der Affektregulierung und der geselligen Distinktion. In den Salons und gelehrten Zirkeln gilt die Kunst des empfindsamen Ausdrucks als Zeichen der Bildung. Rousseaus Wahl des Epistolaren gestaltet diese Praktiken literarisch aus und verschiebt sie von höfischer Konversation zu einer prüfenden Innerlichkeit, die soziale Konventionen sichtbar macht und infrage stellt.
Die Aufklärung entfaltet sich nicht nur als Vernunftprogramm, sondern auch als Kultur der Empfindsamkeit. Britische und schottische Moralphilosophie (Shaftesbury, Hume, Smith) setzt moralische Gefühle ins Zentrum; in Frankreich diskutieren Enzyklopädisten und Kritiker die Rolle des Herzens. Rousseau radikalisiert diese Strömung, indem er Gefühl als Wahrheitsressource gegen höfische Künstlichkeit und städtische Verstellung aufwertet. Die Nouvelle Heloise inszeniert diesen Konflikt: Nicht abstrakte Theorie, sondern gelebte Erfahrung, Natur und aufrichtige Affekte sollen zu Tugend führen. Damit reagiert der Roman auf die Zeitdiagnose, dass Luxus und urbaner Schein das Sittliche zersetzen.
Familien- und Heiratsrecht im 18. Jahrhundert privilegieren elterliche Autorität und strategische Allianzen. In Frankreich erfordert das Gesetz (etwa für Minderjährige) elterliche Zustimmung; in reformierten Territorien bestehen kirchliche und kommunale Kontrollen über Verlöbnisse, Eheführung und Scheidungstatbestände. Heirat dient sozialer Reproduktion, Sicherung von Besitz und Reputation. Diese Normen strukturieren die Erwartungen an junge Frauen und Männer, begrenzen freie Partnerwahl und verknüpfen Begehren mit Ehre. Der Roman spiegelt die daraus entstehenden Spannungen, ohne die Institution Ehe grundsätzlich zu desavouieren: Er prüft, wie persönliche Tugend und gesellschaftliche Ordnung überhaupt kompatibel gemacht werden können.
Geschlechterrollen werden von Höflichkeitsetikette, religiöser Moral und einer aufkommenden bürgerlichen Ideologie der Häuslichkeit geformt. Weibliche Tugend ist an Keuschheit, Bescheidenheit und häusliche Kompetenz gebunden; männliche Ehre an Stand, Vernunft und ökonomische Verantwortung. Lesekultur wird zugleich feminisiert: Romane, Briefe und moralische Wochenschriften zirkulieren in Salons und Familien. Rousseaus Werk greift diese Erwartungen auf, untersucht aber, inwieweit Sensibilität und weibliche Tugend nicht als Schwäche, sondern als moralische Ressource gelten können. So entsteht eine Kritik an höfischer Galanterie, die Empfindung als ernsthafte ethische Stimme reklamiert.
Die Wirtschaft des Waadtlands vereint Subsistenzformen mit marktorientiertem Weinbau und regionalem Handel. Landgüter dienen als Orte der Repräsentation, aber auch der Verwaltung von Arbeit, Pacht und Pflege des Bodens. Zeitgleich formulieren Physiokraten in Frankreich die Vorrangstellung der Landwirtschaft (Quesnays Tableau Économique 1758). Obwohl Rousseau keinem ökonomischen System verpflichtet ist, spiegelt sein Roman die Wertschätzung nützlicher Arbeit, schlichter Lebensführung und verantworteter Haushaltsführung. Die Gegenüberstellung von Luxus und ruraler Tugend, von städtischer Zerstreuung und konzentrierter Pflege des Landes, funktioniert als historisch plausibles Gegenbild zur konsumorientierten Elitekultur.
Die religiöse Matrix ist im Umfeld reformierter Kirchendisziplin verankert. In Genf und im Waadtland überwachen Konsistorien Sitten und Eheführung; Frömmigkeit wird als sozialer Kitt verstanden. Zugleich wachsen im 18. Jahrhundert Debatten über Toleranz und Gewissensfreiheit, genährt von gelehrter Theologie und philosophischer Kritik. Rousseaus Roman reflektiert diese Spannweite, indem er innerliche Frömmigkeit, moralische Verantwortung und Weltabgewandtheit gegeneinander abwägt. Er stellt das Verhältnis von Gnade, Pflicht und Gefühl neu zur Diskussion, ohne die Autorität religiöser Institutionen zu negieren. Damit bindet der Text persönliche Religiosität an eine breitere sozialethische Frage.
Die Genfer Politik ist von Oligarchie, Bürgerrechten und wiederkehrenden Konflikten zwischen Patriziat und breiterer Bürgerschaft geprägt. Republikanische Traditionen stützen ein Ideal der Einfachheit und Gemeinnützigkeit, das Rousseau rhetorisch überhöht. Zugleich spitzt der Pariser Enzyklopädismus die Kulturfrage zu: D’Alemberts Lob der Bühne für Genf provoziert 1758 Rousseaus Antwortschrift über die Schädlichkeit des Theaters. Diese Debatte markiert die Frontlinie zwischen öffentlicher Repräsentation und bürgerlicher Sittenpflege. Die Nouvelle Heloise übersetzt diese Auseinandersetzung in Lebensformen: Statt Spektakel und Ruhm setzt sie auf Zurückgezogenheit, Gewissen und die Erziehung des Gefühls.
Rousseaus frühere Diskurse gegen die Korrumpierung durch Wissenschaften und Künste (1750) und über Ungleichheit (1755) bereiten die Themen des Romans philosophisch vor. Kurz nach Julie folgen 1762 Emile und Der Gesellschaftsvertrag, die in Frankreich und Genf Verurteilungen und Verbote auslösen. Diese Konflikte zeigen, wie brisant die Verbindung aus Erziehungstheorie, Religionskritik und politischer Souveränität ist. Im Roman testet Rousseau ähnliche Ideen in erzählerischer Form: Er untersucht, ob eine moralische Gemeinschaft möglich ist, die nicht von Rang und Ruhm, sondern von innerer Gesetzgebung, gegenseitiger Achtung und tätiger Verantwortung getragen wird.
Die Zensurregime des 18. Jahrhunderts sind porös und zugleich wirkungsvoll. Druckorte wie Amsterdam, Genf oder Neuchâtel beliefern den frankophonen Markt; Nachdrucke und Schmuggel umgehen königliche Genehmigungen und kirchliche Vorbehalte. Die Nouvelle Heloise profitiert von dieser Infrastruktur: rasche Verbreitung, zahlreiche Auflagen, intensive Lektüre in Leihbibliotheken und privaten Zirkeln. Moralische Instanzen reagieren ambivalent: Einerseits gilt der Roman als gefährlich rührend, andererseits als sittlich ernst. Die Rezeptionsgeschichte belegt, dass Tränen als Ausweis moralischer Wahrhaftigkeit gelesen werden – ein markantes Symptom der Empfindsamkeitsepoche.
Innerhalb weniger Jahre wird das Werk in mehrere europäische Sprachen übertragen und erreicht den deutschsprachigen Raum, Italien und Britannien. Reiseberichte und Briefe an Rousseau dokumentieren eine Leserschaft, die den Roman als moralisches Ereignis erlebt. Viele Zeitgenossen beschreiben, wie die Lektüre häusliche Tugend, Freundschaftsideale und Natursehnsucht stärkt. Diese transnationale Wirkung ist Teil eines allgemeinen Medienwandels: Übersetzungen, Kritiken, Exzerpte und Nachdrucke erzeugen eine europaweite Öffentlichkeit, in der Romane als Labor sozialer Gefühle fungieren. So wird die Nouvelle Heloise zu einem Katalysator für die Diskussion über Empfindung und Norm.
Die Naturästhetik des 18. Jahrhunderts verschiebt die Wahrnehmung von Berglandschaften: Das Erhabene und das Pittoreske werden literarisch und bildkünstlerisch kultiviert. Der Genfersee und seine Ufer gewinnen als Schauplätze von Innerlichkeit symbolische Kraft. Schon bald suchen Reisende die benannten Orte auf; die reale Landschaft wird durch literarische Bedeutungen überblendet. Diese Wechselwirkung zwischen Text und Terrain stärkt regionale Identität, fördert frühen Tourismus und beeinflusst Gartenkunst wie Landschaftsgestaltung. Der Roman trägt so zur Herausbildung eines empfindsamen Blicks bei, der natürliche Umgebung als moralische Schule und als Gegenbild urbaner Zerstreuung liest.
Erziehung und Häuslichkeit stehen im Zentrum zeitgenössischer Reformdebatten. Parallel zu Emile entwirft die Nouvelle Heloise ein Ideal der Hausgemeinschaft, die Gefühle leitet, Arbeit ordnet und Tugend übt. Dieses Modell konkurriert mit Hofformen der Repräsentation und mit städtischer Salonkommunikation. Es fügt sich in philanthropische Tendenzen der Zeit, die Wohltätigkeit, Volksbildung und nützliche Kenntnisse befördern wollen. Indem der Roman die Mikroordnung eines Haushalts erprobt, reflektiert er die Möglichkeit, moralische Selbstregierung zu lernen – eine Idee, die später bürgerliche Vereine, Lesegesellschaften und Reformprojekte in verschiedenen Regionen Europas inspirieren wird.
Die Jahre um 1760 sind von europäischen Großkonflikten wie dem Siebenjährigen Krieg geprägt, die Handel, Finanzen und Mobilität beanspruchen. Gleichwohl bleiben Buchhandel und gelehrte Korrespondenzen erstaunlich transnational. Amsterdam, Paris, Genf, Neuchâtel und Leipzig bilden Knoten einer zirkulierenden Aufklärung, in der Texte trotz politischer Spannungen fließen. Der Roman erreicht seine Leser somit in einer Welt, die politisch umkämpft, kulturell aber hochgradig vernetzt ist. Diese Gleichzeitigkeit von Krieg und Kommunikationsboom verleiht der Literatur eine besondere Aufgabe: moralische Orientierung anzubieten, während traditionelle Autoritäten und internationale Machtbalancen ins Wanken geraten.
Vor diesem Hintergrund kommentiert Julie oder Die neue Heloise seine Zeit als Kritik an Luxus, Rangstolz und gesellschaftlicher Maskierung. Es verteidigt Gefühl als Erkenntnisquelle, bindet es jedoch an Pflicht, Arbeit und Religiosität. Der Roman plädiert für eine Reform des Alltags: weniger Spektakel, mehr Gewissen; weniger höfische Konvention, mehr natürliche Sitte. So verbindet er aufklärerische Selbstprüfung mit vorromantischer Naturverehrung. Seine Wirkung nach außen – in Lektürekulturen, Landschaftsbildern und Reformdiskursen – zeigt, wie ein literarischer Text zum Medium sozialer Selbstverständigung wird und die moralische Imagination einer Epoche nachhaltig prägt.
Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) war ein Genfer Schriftsteller, Komponist und politischer Denker der europäischen Aufklärung, dessen Werk zugleich die Moderne kritisch befragte und die Empfindsamkeit vorbereitete. Er prägte die Debatten über natürliche Freiheit, Volkssouveränität, Erziehung und Authentizität und beeinflusste Philosophie, Literatur und Pädagogik weit über seine Epoche hinaus. Mit Schriften wie Du contrat social und Émile verband er theoretische Analyse mit literarischer Gestaltung und stellte konventionelle Vorstellungen von Zivilisation, Kultur und Fortschritt infrage. Seine Ideen wirkten auf revolutionäre Diskurse, romantische Ästhetiken und Bildungsreformen und bleiben bis heute ein Referenzpunkt in politischen und kulturtheoretischen Kontroversen.
Rousseau wuchs in der republikanischen Stadtkultur Genfs auf, erhielt nur begrenzte formale Schulbildung und wurde früh zum Handwerk ausgebildet, bevor er sich autodidaktisch in Literatur, Geschichte und Musik vertiefte. Prägende Lektüren waren besonders Plutarchs Lebensbeschreibungen, deren republikanische Tugendlehre sein Denken dauerhaft beeinflusste. Eine wichtige Förderin und Mentorin war in den 1730er-Jahren Madame de Warens, die seine Bildung und musikalischen Ambitionen unterstützte. 1742 ging er nach Paris, um ein eigenes Notationssystem vorzustellen und Zugang zu gelehrten Kreisen zu finden. Dort suchte er als Sekretär, Musiker und Gelegenheitsautor intellektuellen Anschluss und experimentierte mit Formen zwischen Essay, Enzyklopädiebeitrag und Bühnenkunst.
Früh knüpfte Rousseau Verbindungen zu Aufklärern wie Denis Diderot und beteiligte sich als Autor an der Encyclopédie, insbesondere mit Artikeln zur Musiktheorie. Öffentliche Aufmerksamkeit gewann er 1750 mit dem Discours sur les sciences et les arts, einem Preisschrift-Erfolg in Dijon. Darin behauptete er, der Fortschritt der Künste und Wissenschaften habe die Sitten verdorben – eine steile, aber einflussreiche Paradoxie gegenüber herrschendem Optimismus. Parallel verfolgte er musikalische Projekte; sein Einakter Le Devin du village (1752) wurde an der Pariser Oper aufgeführt und populär. Rousseau verband ästhetische Praxis mit kulturkritischer Theorie und profilierte sich als eigenständige Stimme innerhalb der Aufklärung.
Mit dem Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (1755) radikalisierte Rousseau seine Genealogie sozialer Ordnung: Nicht die Natur, sondern historische Entwicklungen erzeugen ungleiche Abhängigkeiten. In der Lettre à d’Alembert sur les spectacles (1758) wandte er sich gegen ein staatlich gefördertes Theater in Genf und entwickelte eine Kritik an höfischer Repräsentationskultur, die ihn zunehmend von den philosophes entfernte. Als Romancier erzielte er mit Julie, ou la Nouvelle Héloïse (1761) einen europaweiten Bestseller, der Gefühl, Moral und Gesellschaft neu verhandelte. Rousseau erwies sich als Grenzgänger zwischen politischer Theorie, Kulturkritik und literarischer Moderne.
1762 erschienen Émile, ou De l’éducation und Du contrat social. Beide Schriften verbanden die Forderung nach Erziehung zur Freiheit mit einer Theorie der Volkssouveränität und der volonté générale. Die Werke wurden in Paris und Genf verurteilt; Verfolgung und Bücherverbrennungen zwangen Rousseau zur Flucht. Er fand zeitweilig Schutz im preußischen Neuenburg, lebte in Môtiers und auf der Île Saint-Pierre und nahm 1766 eine Einladung David Humes nach England an, bevor es zum Bruch kam. Nach seiner Rückkehr lebte er zurückgezogen in Frankreich, arbeitete als Notenschreiber und veröffentlichte 1767 sein Dictionnaire de musique, das seine musiktheoretischen Positionen bündelte.
In den späten 1760er- und 1770er-Jahren wandte sich Rousseau verstärkt der autobiografischen und kontemplativen Prosa zu. Les Confessions entstand in dieser Zeit und setzte Maßstäbe für Selbstreflexion und literarische Wahrheitssuche; das Werk erschien postum ab 1782. Die Rêveries du promeneur solitaire vertieften eine poetische Naturbeobachtung und existenzielle Selbstprüfung, ebenfalls postum veröffentlicht. Zugleich verfolgte er botanische Studien und brachte Lettres élémentaires sur la botanique heraus. Rousseau starb 1778 in Ermenonville. Bis zuletzt oszillierte sein Schreiben zwischen öffentlicher Rechtfertigung und stiller Selbstanalyse, wobei er Gattungsgrenzen überschritt und autobiografische Form als philosophisches Experiment verstand.
Rousseaus Vermächtnis ist vielgestaltig. In der politischen Theorie prägten seine Begriffe von Freiheit, Bürgerlichkeit und allgemeinem Willen spätere Debatten über Demokratie und Legitimität; revolutionäre Akteure und Kritiker beriefen sich gleichermaßen auf ihn. In der Philosophie beeindruckte er Denker wie Immanuel Kant; in der Literatur bereitete er Empfindsamkeit und Romantik vor und erneuerte mit Julie den Briefroman und mit den Confessions die Autobiografie. Pädagogisch wirkt Émile fort als Anstoß zu kindgemäßer Bildung und moralischer Selbstbildung. Gegenwärtig bleibt Rousseau ein umstrittener, produktiver Bezugspunkt, dessen Spannungen zwischen Natur, Kultur und Politik Forschung und Öffentlichkeit weiterhin beschäftigen.
Die großen Städte machen das Schauspiel nöthig, verderbte Sitten den Roman. Ich sah die Sitten meiner Zeit, da gab ich ihn heraus, diesen Briefwechsel; ach, warum habe ich nicht in einem Jahrhundert gelebt, welches mich gezwungen hätte, ihn in's Feuer zu werfen!
Ich bin hier zwar nur als Herausgeber aufgetreten, indessen ich will nicht leugnen, daß ich an dem Buche gearbeitet habe. Doch ob ich Alles gemacht habe, ob der ganze Briefwechsel erdichtet ist — wozu die Frage, ihr Leute von der Welt? Euch ist es gewiß eitel Dichtung.
Ein ehrlicher Mann muß sich zu den Büchern bekennen, welche er in die Welt sendet; daher nenne ich mich an der Spitze dieser Briefsammlung, nicht um sie mir beizulegen, sondern dafür einzustehen. Wenn etwas darin schlecht ist, daß man es mir zurechne! Nicht, wenn Gutes darin ist, daß ich es mir zur Ehre mache. Wenn das ganze Buch nichts taugt, so bin ich um so mehr schuldig, mich dazu zu bekennen; ich will nicht für besser gelten, als ich bin.
In Betreff der geschichtlichen Wahrheit erkläre ich, daß ich an dem Wohnort der beiden Liebenden und in der Gegend dort, wo ich öfters gewesen bin, von einem Baron von Étange und seiner Tochter, oder einem Herrn von Orbe, oder einem Milord Eduard Bomston, oder einem Herrn von Wolmar nie etwas gehört habe; auch muß ich bemerken, daß an mehreren Stellen die Ortsangaben sehr unrichtig sind, sei es, daß der Verfasser den Leser habe irreführen wollen oder daß er selbst nicht besser Bescheid gewußt. Das ist Alles, was ich sagen kann; denke nun Jeder, was ihm beliebt!
Dieses Buch ist nicht danach, daß man es sich aus den Händen reißen wird; es paßt nur für wenige Leser. Den Leuten von Geschmack wird sein Styl widerwärtig, den Sittenrichtern sein Inhalt anstößig sein; alle Empfindungen darin werden Denen unnatürlich dünken, die nicht an Tugend glauben. Es muß den Frommen, den Lebeleuten und den Philosophen mißfallen; die galanten Frauen muß es aufbringen und die ehrbaren ärgern. Wem wird es denn aber gefallen? Vielleicht nur mir allein. Aber nur so so gefallen wird es sicher Keinem.
Wer sich entschließen will diese Briefe zu lesen, der waffne sich mit Geduld gegen Fehler der Sprache, gegen Ueberladung und Flachheit des Styls, gegen Ueberschwänglichkeit im Ausdruck alltäglicher Gedanken; er gehe davon aus, daß meine Briefsteller keine Franzosen, keine Schöngeister, keine Akademisten, keine Philosophen sind, sondern Leute aus der Provinz, Ausländer, einsam Aufgezogene, junge Personen, halb noch Kinder, die, in dem Schwunge ihrer Phantasie, jeden ausschweifenden Einfall, der ihnen ungesucht kommt, für einen tiefen Gedanken halten.
Warum sollte ich nicht ungescheut sagen, was ich denke? Für Frauen paßt diese Versammlung mit ihrem altmodigen Tone besser als die philosophischen Werke; sie wird denen unter ihnen auch nützen können, die bei einem ungeregelten Leben doch noch einigen Sinn für Ehrbarkeit bewahrt haben. Mit jungen Mädchen ist es ein anderes Ding. Nie hat ein unverdorbenes Mädchen Romane gelesen, und den Titel des vorliegenden habe ich so deutlich gefaßt, daß man nur das Buch zu öffnen braucht, um zu wissen, was man daran hat. Diejenige, die, trotz dieses Titels, nur eine Seite davon zu lesen wagt, ist zu Grunde gerichtet; aber daß sie nur nicht das Buch dafür verantwortlich mache! Der Schade war schon zuvor gethan. Da sie angefangen hat, so lese sie nur zu Ende: sie hat nichts weiter zu befahren.
Wenn ein ernster Mann, der diese Sammlung durchblättert, sich durch die ersten Abteilungen entrüstet findet, das Buch mit Unwillen wegwirft und dem Herausgeber zürnt, so werde ich mich nicht beklagen, daß er mir Unrecht thue; ich an seiner Stelle würde es vielleicht ebenso gemacht haben. Wenn aber Jemand das Buch ganz gelesen hat und sich dann noch getraut, mir die Veröffentlichung desselben zum Vorwurf zu machen, der sage das, wenn er will, der ganzen Welt; nur mir nicht: ich fühle, daß ich diesen Mann in meinem Leben nicht achten könnte.
In den ersten Ausgaben habe ich der Sammlung der Briefe dieses vorgebliche Gespräch, seiner Form und Länge wegen, nur im Auszuge voranstellen können; ich theile es aber in dieser neuen Ausgabe ganz mit, indem ich hoffe, daß man darin einige nützliche Andeutungen über Schriften dieser Gattung finden wird. Es schien mir übrigens auch nöthig, die Wirkung des Buches abzuwarten, ehe ich mich über das, was schlimm und was gut daran ist, auslassen dürfte, denn ich wollte weder dem Buchhändler Schaden thun, noch die Nachsicht des Publikums erbetteln.
N. Ich bringe Ihnen Ihr Manuscript zurück; ich habe es ganz zu Ende gelesen.
R. Ganz zu Ende? Ich verstehe; Sie glauben, daß Wenige Ihnen das nachthun werden.
N. Vel duo, vel nemo. [„Zwei oder Keiner.“]
R. Turpe et miserabile[1][„O schändlich und Jämmerlich. Satyr. I, 3.“]. Aber ich wünsche ein bestimmtes Urtheil.
N. Ich wage nicht —.
R. Was wäre noch zu wagen, nachdem dies Wort heraus ist? Also sprechen Sie!
N. Mein Urtheil hängt von der Antwort ab, welche Sie mir jetzt geben werden. Ist dieser Briefwechsel wahr oder erdichtet?
R. Ich sehe nicht ein, was das zur Sache thut. Was nutzt es, um zu entscheiden, ob ein Buch gut oder schlecht sei, daß man wisse, wie es entstanden ist?
N. In diesem Falle nutzt es viel. Ein Porträt hat immer seinen Werth, wenn es gleicht, möge das Original noch so wunderlich sein. Aber in einem erfundenen Gemälde muß jede menschliche Gestalt die allgemeinen menschlichen Züge an sich tragen, sonst taugt das Gemälde nichts. Gesetzt, es sind beide Bilder gut, so ist noch der Unterschied, daß das Porträt für wenige Personen ein Interesse hat; nur das Gemälde kann Allen gefallen.
R. Ich merke, wohin Sie wollen. Wenn diese Briefe Porträts sind, so interessiren sie nicht; sollen sie Gemälde sein, so schildern sie schlecht. Nicht wahr?
N. Das ist es.
R. Sie wollen mich Ihre Antworten weghaschen lassen, ehe Sie sie mir geben. Gut, aber da ich nicht im Stande bin auf Ihre Frage zu antworten, so werden Sie schon davon absehen müssen, um die meinige zu entscheiden. Setzen Sie den schlimmsten Fall: meine Julie —
N. O, wenn sie eine wirkliche Person wäre!
R. Nun?
N. Aber es ist sicher bloße Dichtung.
R. Nehmen Sie es so an.
N. In diesem Falle kenne ich nichts Abgeschmackteres. Diese Briefe sind keine Briefe, dieser Roman ist kein Roman; die handelnden Personen sind Wesen aus jener Welt.
R. Es thut mir leid, um diese Welt.
N. Trösten Sie sich! Es fehlt ihr ganz und gar nicht an Narren; die Ihrigen sind aber unnatürlich.
R, Ich könnte Ihnen .... Nein! ich sehe, wie Ihre Neugier hinten herum kommt. Was berechtigt Sie zu diesem Urtheil? Wissen Sie denn, wie weit die Verschiedenheit der Menschen gehen kann? Wie weit die Charaktere aus einander liegen und wie mannichfaltig sich nach Zeit, Ort, Alter die Sitten gestalten können? Wer darf es wagen, der Natur unwandelbare Grenzen zu setzen und zu sprechen: Bis hierher und nicht weiter?
N. Mit dieser schönen Floskel könnten Sie das Ungeheuerste, Riesen, Pygmäen, kurz, jede Ausgeburt der Einbildungskraft in die Natur hereinschaffen und das Unterste zu oberst kehren; wir würden gar kein allgemeines Vorbild mehr haben. Ich wiederhole, in einem Menschengemälde muß man den Menschen erkennen.
R. Das gebe ich zu, vorausgesetzt, daß man Alles, was dem Wechsel unterworfen ist, von dem, was der Gattung wesentlich angehört, zu unterscheiden wisse. Was würden Sie dazu sagen, wenn Einer den Menschen nur im modernen Leibrock erkennen wollte?
N. Was würden Sie dazu sagen, wenn Einer einen Menschen malen wollte und malte eine Gestalt ohne Gesicht, ohne Körper, ganz und gar in einen weiten Schleier gehüllt? Würden Sie nicht mit Recht fragen, wo denn der Mensch sei?
R. Ohne Gesicht, ohne Körper! Sind Sie gescheit? Keine vollkommene Menschen; das ist das ganze Ungeheuere.
Ein junges Mädchen, welches von der Tugend weicht, obgleich es sie liebt und durch den Abscheu vor einem größeren Verbrechen zur Pflicht zurückgeführt wird; eine zu gefällige Freundin, die ihr eigenes Herz zuletzt für das Uebermaß ihrer Nachsicht straft; ein junger Mann, der gesittet und gefühlvoll ist, sehr schwach allerdings und von vielen Phrasen; ein alter Herr, der auf seinen Adel stolz ist und Alles der Meinung aufopfert; ein Engländer, brav, edelmüthig, immer vor lauter Weisheit in Leidenschaft und aus lauter gutem Bedacht unbedächtig ....
N. Ein seelensguter und so gastfreundlicher Ehemann, daß er nichts Eiligeres zu thun hat, als den ehemaligen Liebhaber seiner Frau in sein Haus einzuquartieren ....
R. Ich verweise Sie auf die Unterschrift des Kupferstichs [Des siebenten, welcher die Ankunft Saint Preur' auf Wolmar's Landgute vorstellt und die Unterschrift hat: „Wie schöne Seelen einander vertrauen" (La confiance des belles ames[2]). D. Ueb.].
N. „Schöne Seelen" — ein prächtiges Wort!
R. O Philosophie! wie viel Mühe du dir giebst, die Herzen enge, die Menschen klein zu machen!
N. Der romantische Geist macht sie groß und äfft sie. Aber wieder auf unseren Gegenstand zu kommen: die beiden Freundinnen? ... he, was meinen Sie? .... Ach, und die urplötzliche Bekehrung in der Kirche? .... Die Gnade Gottes, nicht wahr? ....
N. Aber ....
N. Eine Christin, eine Fromme, die ihre Kinder nicht den Katechismus lernen läßt, die in ihrer Todesstunde nicht beten will, deren Tod dessenungeachtet einen Pastor erbaut und einen Atheisten bekehrt .... Oh! ....
R. Aber ....
N. Und für wen soll man sich interessiren? Für Alle. Das ist so gut als für Keinen, Keine schlechte Handlung, kein schlechter Mensch, der Einem für die guten bange macht; Begebenheiten so natürlich, so einfach, daß es zu arg ist; nichts Unerwartetes, kein Theaterstreich: man sieht Alles lange voraus kommen, und Alles kommt gerade so, wie man es vorausgesehen hat. Lohnt es der Mühe, Dinge aufzuzeichnen, die Jeder alle Tage in seinem oder in seines Nachbars Hause sehen kann?
R. Das heißt: Sie verlangen gewöhnliche Menschen und ungemeine Begebenheiten: mir würde, glaube ich, das Gegentheil lieber sein. Uebrigens, Sie richten das, was Sie gelesen haben, als Roman. Jedoch es ist keiner: Sie sagten es ja selbst. Es ist eine Sammlung von Briefen.
N. Die keine sind, sagte ich auch, wie ich glaube. Schreibt man so Briefe? So geschraubt? Was für Ausrufungen! was für Umstände! was für Aufwand, um das Gewöhnlichste zu sagen! was für Phrasen für unbedeutende Gedanken! Wenig Menschenverstand, wenig treffendes Unheil! Nirgend Feinheit, Kraft, Tiefe! Eine Sprache, die beständig in den Wolken schwebt und Gedanken, die beständig auf der Erde kriechen. Wären auch Ihre Personen natürliche Menschen, so müssen Sie doch einräumen, daß ihr Styl nicht eben natürlich ist.
R. Ich räume ein, daß es Ihnen nach dem Gesichtspunkte, welchen Sie gewählt haben, so scheinen muß.
N. Glauben Sie, daß das Publikum mit anderem Auge sehen wird? Und dann, war es nicht mein Urtheil, welches Sie verlangten?
R. Ja, und um es noch ausführlicher zu vernehmen, mache ich meine Einwendungen. Ich sehe, daß Sie lieber Briefe haben möchten, die für den Druck geschrieben wären.
N. Dieser Wunsch scheint mir ziemlich wohl begründet in Bezug auf solche, die man in Druck giebt.
R. So soll man denn in den Büchern die Menschen nie anders sehen, als sie sich zeigen wollen?
N. Den Verfasser, so wie er sich zeigen will; diejenigen, welche er schildert, so wie sie sind. Aber auch diese gute Eigenschaft fehlt hier. Nicht Ein kräftig gezeichnetes Porträt, nicht Ein recht ausgeprägter Charakter, keine sichere Beobachtung, keine Weltkenntniß. Was lernt man in dem engen Kreise von zwei oder drei Liebenden, die immer nur mit sich beschäftigt sind?
R. Man lernt die Menschheit lieben. In den großen Gesellschaften lernt man nur die Menschen hassen.
Sie urtheilen streng; das Publikum wird noch strenger urtheilen. Ohne es der Ungerechtigkeit zu zeihen, will ich Ihnen meinerseits sagen, wie ich diese Briefe ansehe; weniger, um die Fehler, welche Sie denselben vorwerfen, zu entschuldigen, als um die Quelle dieser Fehler aufzudecken.
In der Zurückgezogenheit hat man eine andere Art zu sehen und zu empfinden als im Verkehre mit der Welt; Leidenschaften, anders geartet, schaffen sich auch eine andere Form des Ausdrucks; die Einbildungskraft, stets von denselben Gegenständen berührt, giebt sich diesen mit größerer Lebhaftigkeit hin. Dieselbe beschränkte Anzahl von Bildern drängt sich ihr immer wieder auf, mischt sich allen Gedanken bei und so entsteht der Anstrich von Eigenheit und Mangel an Abwechslung, den man an den Reden Derer, die einsam leben, bemerkt. Folgt hieraus, daß ihre Sprache besonders nachdrücklich sein müsse? Keinesweges; sie ist nur außergewöhnlich. Nur in der Welt lernt man mit Nachdruck sprechen. Erstlich, weil man sich immer anders und besser als die Andern ausdrücken muß; sodann, weil man genöthigt ist, jeden Augenblick Dinge zu behaupten, die man nicht glaubt, Gefühle kund zu geben, die man nicht hat, und deswegen bei Allem, was man sagt, durch einen überzeugenden Schein den Mangel an innerer Ueberzeugung zu überkleiden trachtet, Glauben Sie denn, daß Menschen in der wirklichen Leidenschaft so kurze, starke, lebhaft gefärbte Wendungen gebrauchen, wie jene, die ihr in eueren Theaterstücken und Romanen bewundert? Nein; die Leidenschaft, voll von sich selbst, drückt sich mehr mit Ueberfluß als mit Kraft aus; sie geht gar nicht darauf aus, zu überzeugen; es fällt ihr nicht von Weitem ein, daß man an ihr zweifeln könne. Wenn sie ihrem Gefühle Worte giebt, so geschieht das weniger, um es den Anderen zur Schau zu stellen, als um sich Lust zu machen. Man versteht es in den Palästen, die Liebe feuriger zu schildern: empfindet man sie deshalb dort mehr als in den Hütten?
N. Also zeugt eine schwache Sprache für die Stärke des Gefühls.
R. Wenigstens zuweilen für die Wahrheit desselben. Lesen Sie einen Liebesbrief, den ein Schriftsteller, ein Schöngeist, der glänzen will, in seinem Cabinet verfertigt hat, so wird, wenn der Mann nur Feuer besitzt, seine Feder, wie man zu sagen pflegt, in Flammenzügen schreiben; die Erwärmung wird aber nicht weiter reichen: Sie werden bezaubert sein, vielleicht bewegt; letzteres aber nicht nachhaltig und erquickend, Sie werden nichts davon zurückbehalten, als Worte. Ein Brief dagegen, den die Liebe wirklich eingegeben hat, ein Brief eines im Ernste leidenschaftlich Liebenden wird marklos, zerfahren, unordentlich, voller Weitschweifigkeiten und Wiederholungen sein. Sein Herz, das von Gefühlen überströmt, sagt immer wieder das Nämliche und kann nicht aufhören es zu wiederholen, wie eine lebendige Quelle, die ohne Ende sprudelt und sich nie erschöpft. Nichts, was überrascht, nichts, was des Merkens werth ist: man behält kein Wort, kein Bild, keine Wendung im Gedächtniß; man findet nichts zu bewundern und zu preisen. Aber man fühlt sich das Herz im Busen gerührt, man fühlt sich im Innersten bewegt und weiß nicht warum. Ohne uns durch seine Stärke zu überraschen, hat uns das Gefühl durch seine Wahrheit ergriffen; so weiß das Herz zum Herzen zu sprechen. Aber Die, welche kein Gefühl haben, welche nichts kennen als die künstlich aufgeputzte Sprache der Leidenschaft, haben keine Ahnung von Schönheiten dieser Art, die sie nur mit Verachtung ansehen.
N. Weiter!
R. Wohl! Wenn in Briefen der erwähnten Gattung die Gedanken immerhin gewöhnlich sind, ist doch die Sprache nicht die des gemeinen Lebens und kann es nicht sein. Das Wesen der Liebe ist Täuschung; sie schafft sich, sozusagen, eine andere Welt; sie zaubert Gegenstände um sich her, die nicht wirklich sind, denen nur sie allein Dasein giebt, und da sie alle ihre Empfindungen in Bilder faßt, ist ihre Sprache immer bildlich. Aber was sie bildert, ist unbestimmt und ohne Zusammenhang; sie ist gerade in ihrer Verwirrung beredt; sie beweist desto mehr, je weniger sie folgert. Der höchste Grad der Leidenschaft ist Schwärmerei. Wenn sie ihren Gipfel erreicht, so sieht sie in ihrem Gegenstand ein Bild der Vollkommenheit; sie macht ihn nun zu ihrem Abgott, hebt ihn in den Himmel; und wie die fromme Schwärmerei die Sprache der Liebe entlehnt, so entlehnt die Liebesschwärmerei die Sprache der frommen Andacht. Sie hat nichts mehr vor Augen als das Paradies, die Engel, die Tugenden der Heiligen, die Freuden des himmlischen Aufenthaltes. Kann sie in dieser Verzückung, in diesem Anschauen erhabener Bilder sich niederer Ausdrücke bedienen, um sich kund zu geben? Wird es ihr möglich sein, ihre hohen Gedanken durch alltägliche Redensarten herabzuwürdigen und zu entweihen? Wird sie nicht ihrer Sprache einen höheren Schwung, nicht Adel, nicht Würde geben? Was reden Sie von Briefen, von Briefstyl! Darum handelt es sich auch, wenn man an ein geliebtes Wesen schreibt! Nein, was man da schreibt, sind nicht Briefe, Hymnen sind es.
N. Bürger, lassen Sie mich Ihren Puls fühlen!
R. Nicht doch, sehen Sie den Winterschnee auf meinem Haupte! Es giebt Jahre der Erfahrung, Jahre der Erinnerung. Die Empfindung erlischt endlich einmal, aber eine gefühlvolle Seele bleibt ewig.
Ich komme auf unsere Briefe zurück. Wenn Sie sie als das Werk eines Schriftstellers lesen, der gefallen will oder sich mit seiner Schreibart zeigen, so sind sie abscheulich. Aber nehmen Sie sie als das, was sie sind, und beurtheilen Sie sie in ihrer Art! Zwei, drei einfache, aber gefühlvolle junge Leute unterhalten sich unter sich von ihren Herzensangelegenheiten; sie denken nicht daran, vor einander glänzen zu wollen. Sie kennen und lieben einander zu sehr, als daß die Eigenliebe unter ihnen noch Spielraum fände. Sie sind Ausländer: werden sie correct schreiben? Sie sind einsam aufgewachsen: werden sie die Welt und die Gesellschaft kennen? Erfüllt von dem einzigen Gefühle, welches sie in Anspruch nimmt, schwärmen sie und meinen zu Philosophiren. Fordern Sie von ihnen Beobachtung, Unheil, Ueberlegung? Lauter Dinge, auf die sie sich nicht verstehen. Sie verstehen sich darauf, lieb zu haben; sie bringen zu Allem ihre Leidenschaft mit. Ist die Wichtigkeit, welche sie allen ihren Kinderpossen beilegen, weniger ergötzlich als aller Geist, den sie etwa auskramen könnten? Sie plaudern über Alles, sie täuschen sich über Alles; man lernt durch sie nichts kennen als sie selbst; aber indem man sie kennen lernt, gewinnt man sie lieb; ihre Irrthümer sind mehr werth als alle Wissenschaft der Weisen; ihre redlichen Herzen halten in Allem, und in ihren Fehlern selbst, die Vorurtheile der Tugend fest, die ewig vertrauensvoll, ewig verrathen wird. Da ist Keines, das sie verstünde, das ihnen entgegenkäme; immer wieder müssen sie sich enttäuscht sehen. Sie verschließen sich vor den entmuthigenden Wahrheiten, und da sie nirgend ihr Gefühl befriedigt finden, ziehen sie sich in sich selbst zurück; sie lösen sich von der übrigen Welt los und indem sie sich unter sich eine kleine Welt verschieden von der unseren schaffen, stellen sie uns ein in der That neues Schauspiel dar.
N. Ich gebe zu, daß ein Mann von zwanzig Jahren und Mädchen von achtzehn, wenn auch wohl unterrichtet, nicht wie Philosophen sprechen müssen, selbst wenn sie sich einbilden, es zu sein; ich gebe auch zu (und diese Entwicklung der Sache ist mir nicht entgangen), daß diese Mädchen zu achtbaren Frauen und der Jüngling zu einem besseren Beobachter reifen. Ich will nicht den Anfang und das Ende des Werkes einander gleich stellen. Die Hingabe an das häusliche Leben macht die Jugendverirrungen wieder gut; die züchtige Gattin, die verständige Hausfrau, die würdige Mutter machen uns die strafbar Liebende vergessen. Aber eben dies giebt einen Anlaß zur Kritik: das Ende der Sammlung läßt den Anfang nur noch tadelnswerther erscheinen; man möchte sagen, es sind zwei verschiedene Bücher, die nicht von denselben Personen gelesen werden müssen. Sollen vernünftige Menschen gezeigt werden, warum treten sie auf, bevor sie es geworden sind? Die Kindereien, welche den Weisheitslehren vorangehen, machen, daß man gar nicht bis zu diesen gelangt; man muß sich an dem Schlechten ärgern, ehe man dazu kommen kann, sich an dem Guten zu erbauen; kurz, der Leser wird aufgebracht und wirft unwillig das Buch gerade da von sich, wo es nützlich zu werden anfängt.
R. Ich denke im Gegentheil, daß das Ende dieser Briefsammlung für diejenigen Leser überflüssig ist, welche der Anfang abgestoßen hat, und daß der Anfang gerade Denen angenehm sein muß, für die das Ende von Nutzen sein kann. So werden diejenigen, welche das Buch nicht auslesen, nichts verlieren, da es nicht für sie gemacht ist, und diejenigen, welche Nutzen davon ziehen können, würden es nicht gelesen haben, wenn es ernsthafter angefangen hätte. Wenn das, was man sagen will, nützlich werden soll, so muß man vor allen Dingen sich Eingang bei Denen verschaffen, welche den Nutzen ernten sollen.
Ich habe mit dem Mittel, nicht mit dem Gegenstande gewechselt. Als ich es versuchte, zu den Erwachsenen zu reden, hat man mich nicht hören wollen; vielleicht, wenn ich mich an die Kinder wende, finde ich mehr Gehör; die Kinder nehmen aber die nackte Wahrheit nicht besser ein als Arzueien, die man nicht gut versteckt hat.
Cosi all' egro fanciul porgiamo aspersiDi soave licor gli orli del vaso;Succhi amari ingannato in tanto ei beve,E dall inganno sua vita riceve.
[So reichen wir dem kranken Kind Arzueien,Des Bechers Rand mit süßem Saft bestrichen;Getäuscht den bittern Trank in raschem ZugeSchlürft es und dankt sein Leben dem Betruge.Tasso's Befreit. Jerus. I, 3[4]]
N. Ich besorge, daß Sie sich auch hierin täuschen; sie werden die Ränder des Gefäßes ablecken und den Trank nicht nehmen.
R. Wenn das geschieht, so ist es dann nicht meine Schuld; ich habe wenigstens gethan, was ich konnte, um ihn ihnen beizubringen.
Meine jungen Leute sind liebenswürdig; aber um sie im dreißigsten Jahre zu lieben, muß man sie im zwanzigsten gekannt haben. Man muß lange mit ihnen gelebt haben, um sich mit ihnen zu gefallen, und erst wenn man ihre Fehler beklagt hat, wird man an ihren Tugenden Freude finden. Ihre Briefe reizen nicht im ersten Augenblick, aber nach und nach fesseln sie, man kann nicht recht daran, aber auch nicht wieder davon kommen. Anmuth, gefälliger Styl ist nicht darin, auch nicht Verstand, Witz, Beredtsamkeit; nur Gefühl allein; es theilt sich unvermerkt dem Herzen mit und entschädigt zuletzt für alles Andere. Es ist eine lange Romanze, deren Verse einzeln genommen nichts Ergreifendes haben, aber ihr Zusammenhang bringt zuletzt ihre Wirkung hervor. Dies ist mein Gefühl beim Lesen der Briefe: sagen Sie mir, ob Sie in dem nämlichen Falle sind.
N. Nein! Jedoch begreife ich, daß es Ihnen so ergeht. Sind Sie der Verfasser, so ist die Sache ganz einfach; wo nicht, so begreife ich es dennoch. Ein Mann, der in der Welt lebt, kann sich an die ausschweifenden Gedanken, an das übertriebene Pathos, an das ewige Faseln Ihrer guten Leute nicht gewöhnen. Ein einsamer Mensch mag daran Geschmack finden: Sie haben den Grund selber gesagt. Aber bedenken Sie, bevor Sie dieses Manuscript bekannt machen, daß das Publicum nicht aus Einsiedlern besteht. Das Glücklichste, was Ihnen begegnen könnte, wäre noch, daß man ihr gutherziges Bürschchen für einen Seladon, Ihren Eduard für einen Don Quixote, Ihre Dämchen für ein Paar Astreen nähme und sich daran wie an einer wahren Narrengesellschaft belustigte. Indessen lange Possen sind nicht belustigend: man muß wie Cervantes schreiben, um sechs Bände Phantasterei genießbar zu machen.
R. Der Grund, aus welchem Sie dieses Werk unterdrücken würden, macht mir Muth, es herauszugeben.
N. Wie! Die Gewißheit, nicht gelesen zu werden?
R. Eine kleine Geduld, und Sie werden mich verstehen.
In moralischer Hinsicht giebt es, meiner Meinung nach, keine Lectüre, die Weltleuten nützen kann. Erstlich, weil die vielen neuen Bücher, welche sie durchlaufen und welche eines ums andere das Für und Wider sagen, gegenseitig sich die Wirkung zerstören und Alles so gut wie nicht geschehen machen. Auserwählte Bücher, welche man wiederliest, machen auch keine größere Wirkung: sind sie im Sinne des Weltlebens geschrieben, so sind sie überflüssig, widersprechen sie demselben, so sind sie unnütz. Sie finden ihre Leser an die Laster der Gesellschaft durch Bande gekettet, welche sie nicht zerbrechen können. Der Weltmann, der einen Augenblick lang Willens ist, in sich zu gehen und seine Seele in die sittliche Sphäre zu versetzen, stößt auf unüberwindlichen Widerstand von allen Seiten und sieht sich jedesmal gezwungen, seinen alten Standpunkt zu behalten oder wieder einzunehmen. Ich bin überzeugt, daß es wenige gutgeartete Menschen giebt, welche nicht diesen Versuch, wenigstens einmal in ihrem Leben gemacht haben. Aber bald entmuthigt durch die Erfolglosigkeit der Anstrengung, erneuert man ihn nicht und gewöhnt sich daran, die Büchermoral als müßiges Geschwätz zu betrachten. Je weiter man sich von den Geschäften, von großen Städten, von zahlreichen Gesellschaften entfernt, desto mehr vermindern sich die Hindernisse. Es giebt eine Grenze, wo diese Hindernisse nicht mehr unüberwindlich sind und alsdann können Bücher von einigem Nutzen sein. Wenn man zurückgezogen lebt, so hat man bei dem Lesen nicht den Zweck, mit Belesenheit Staat zu machen und man liest daher nicht Bücher in Massen und denkt mehr nach über das, was man liest; da nun die Bücher weniger Gegengewicht von außen finden, so machen sie auch innerlich mehr Eindruck. Die lange Weile, diese Pest der Einsamkeit wie der großen Welt, nöthiget, zu unterhaltenden Büchern Zuflucht zu nehmen, der einzigen Hülfsquelle Dessen, der still für sich lebt und keine in sich selbst findet. Man liest mehr Romane in den Provinzen als in Paris, mehr auf dem Lande als in Städten, und sie machen da lebhafteren Eindruck. Sie sehen, warum das nicht anders sein kann.
Die Bücher aber, welche dem Landbewohner, der nur unglücklich ist, weil er sich dafür hält, zu gleicher Zeit Unterhaltung und Belehrung gewähren könnten, scheinen im Gegentheile nur darauf berechnet, ihm sein Leben noch mehr zu verleiden, indem sie das Vorurtheil, das ihn mit Geringschätzung desselben erfüllt, nähren und befestigen; Schönheiten, Modedamen, Große, Militairpersonen, das sind die Helden aller euerer Romane. Das Raffinement des städtischen Geschmacks, Maximen des Hoflebens, Prachtliebe, Epikuräermoral — das ist es, was sie predigen und lehren. Das Gleißen ihrer geschminkten Tugenden verdunkelt den Glanz der wahren, die Schicklichkeiten der guten Lebensart setzen sie an die Stelle der ernsten Pflichten; schöne Reden werden höher gehalten als schöne Handlungen und die Einfalt guter Sitten gilt für bäuerisches Wesen.
Welchen Eindruck müssen nicht derartige Gemälde auf einen Herrn vom Lande machen, wenn er die Offenheit, mit welcher er seine Gäste empfängt, verspotten und die Lust, welche er in seinem Bereiche herrschend zu machen sucht, als pöbelhaftes Juchhei behandeln sieht? Oder auf seine Frau, wenn sie erfährt, daß die Erfüllung der häuslichen Pflichten unter der Würde einer Dame ihres Ranges ist? Oder auf seine Tochter, wenn die verrenkten Manieren und der Bombast der Stadt ihr Verachtung einflößen für den ehrlichen Nachbar, der freilich nur ein schlechter Landmann ist und sie geheiratet hätte? Sie wollen nun allesammt nicht mehr Krautjunker sein, ihr Dorf wird ihnen verhaßt, sie lassen ihr altes Schloß im Stiche, welches bald verfällt, und ziehen in die Hauptstadt, wo der Vater, mit seinem S. Louis-Kreuz[5] aus einem Herrn, was er war, ein Knecht oder ein Industrieritter wird; die Mutter etablirt ein Spielhaus; die Tochter lockt die Spieler heran und der gewöhnliche Fall ist, daß sie alle Dreie, nach einem schändlichen Leben, in Schmach und Elend sterben.
Die Herren Autoren, Literaten, Philosophen schreien unaufhörlich, daß man nicht seine Bürgerpflichten erfüllen, noch seinen Nebenmenschen dienen könne, wenn man nicht in der großen Stadt lebe. Wenn man Paris nicht mag, so haßt man, ihrer Meinung nach, das menschliche Geschlecht; das Volk vom Lande ist in ihren Augen nichts; nach ihren Reden sollte man wirklich meinen, daß es nur Menschen giebt, wo man Pensionen, Akademien und Diners hat.
Allgemach reißt derselbe Hang alle Stände hin. Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Alles stichelt auf die Provinz, macht die schlichten Sitten, wie sie auf dem Lande herrschen, lächerlich und predigt die Manieren und Vergnügungen der großen Welt: eine Schande, diese nicht zu kennen, ein Unglück, sie nicht zu genießen. Wer weiß, mit wie vielen Gaunern und öffentlichen Dirnen die Lockung dieser eingebildeten Freuden Paris tagtäglich bevölkert! So kommen dem Mißgriffe des politischen Systems Vorurtheile und die öffentliche Meinung zu Hülfe, um die Bewohner jedes Landes auf einigen Punkten des Gebietes zusammenzuschichten, daß alles Uebrige öde und menschenleer bleibt; so entvölkern sich die Länder, um die Hauptstädte glänzend zu machen, und dieser eitle Schimmer, der die Augen der Narren blendet, macht, daß Europa schnellen Schrittes seinem Untergange entgegengeht. Es ist zum Heile der Menschen dienlich, daß man diesen Strom vergifteter Maximen aufzuhalten suche. Es ist der Prediger Gewerbe, uns zuzurufen: Seid gut und vernünftig! ohne sich weiter um den Erfolg ihrer Ermahnung viel Sorge zu machen. Der Bürger, der sich Sorge darum macht, muß nicht so dumm sein und nur rufen: Seid gut! sondern uns den Stand lieb machen, in welchem wir es werden können.
N. Einen Augenblick — schöpfen Sie Athem! Ich mag das gern, was auf's Nützliche abzielt, und ich bin diesmal so sehr mit Ihren Gedanken gegangen, daß ich an Ihrer Stelle fortfahren kann.
Es ist, Ihrer Entwicklung nach klar, daß man den Werken der Einbildungskraft nicht anders eine nützliche Richtung geben kann, als indem man sich ein Ziel steckt, welches dem, das ihre Verfasser gewöhnlich vor Augen haben, entgegengesetzt ist: alles Bestehende fern halten, zur Natur zurücklenken, den Menschen Liebe zu einem gleichmäßigen und einfachen Leben einflößen, sie von den grillenhaften Vorurtheilen heilen, ihnen Geschmack an wahren Freuden beibringen, ihnen die Einsamkeit und den Frieden lieb machen, sie in einiger Entfernung von einander halten und anstatt sie in Städten zusammenzuschichten, sie dazu bewegen, daß sie sich gleichmäßig über das Land vertheilen, um es aller Orten zu beleben. Ich sehe auch, daß es sich nicht darum handelt, Daphnisse, Sylvandre, arkadische Schäfer, poetische Bauern, die mit eigener Hand ihr Land bauen und dabei über die Natur Philosophiren und sonst dergleichen romantische Wesen, die es nur in Büchern giebt, aus den Leuten zu machen, sondern Denen, die sich im Wohlstand befinden, zu zeigen, daß die Pflege des Bodens und das Landleben Freuden gewährt, von welchen sie keine Ahnung haben, daß diese Freuden nicht so ungenießbar und tölpisch sind, als sie denken, daß auch darin Geschmack, Sinn, Gefühl walten können, daß ein gebildeter Mann, der sich mit seiner Familie auf's Land zurückziehen und sein eigener Pächter werden wollte, sich dort ein ebenso angenehmes Leben bereiten könnte, als mitten in den Vergnügungen der Stadt, daß eine Landwirthin eine liebenswürdige Frau sein und ebenso viel Anmuth, ja eine weit lieblichere Anmuth entwickeln kann als die reizendsten Stadtschönen, daß endlich die sanftesten Gefühle des Herzens dort eine Gesellschaft angenehmer beleben können als die gekünstelte Sprache der Zirkel, in denen beißender Witz und Spottgelächter einen traurigen Ersatz bieten für den Frohsinn, der in ihnen etwas Unbekanntes ist. Ist es so?
