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Der 16-jährige July Brighton soll mal wieder etwas anderes in den Kopf bekommen als die Verbrecherjagd. Ein Airbrush-Kurs für Vampir-Fans soll für Ablenkung sorgen. Doch bereits bei der Anmeldung in der Herberge nimmt das Wochenende einen unerwarteten Verlauf.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
July Brighton - Cocktails mit Vampiren 1. Auflage 2022 Autor: Sascha Bruns (Fuchsweg 12, 42899 Remscheid) - www.team-sbcc.de Lektorat: Katrin Adam - www.textmamsell.de ISBN: 978-3-754689-28-8
Ich stöhne auf, innerlich, für andere unhörbar. Das hier könnte schlimmer werden, als ich befürchtet hatte. Warum habe ich mich bloß überreden lassen? Ein Vampir-Airbrush-Kurs, damit ich anderes in meinen Kopf bekomme, als Verbrecher zu jagen, hieß es. Ein Airbrush-Kurs – okay, das klang verlockend. Aber der Vampir-Teil? Langsam gehe ich an Schwarzgekleideten vorbei auf das Backsteinhaus zu. Vermutlich falle ich mit meiner dunkelblauen Jeans auf wie ein bunter Pudel. Ich hätte nein sagen sollen! Von wegen »Vampir-Airbrush-Kurs«, weil man dort lernt, Vampir-Porträts zu sprayen. Allein das Wort »Vampir« hätte mich stutzig machen sollen – zu spät! Jetzt bin ich hier und muss da durch. Inklusive Nachtwanderungen auf Friedhöfen und einer Kostümparty.
Die Eingangstür ist schwer; glücklicherweise quietscht sie nicht auch noch wie in einem zweitklassigen Horrorfilm. Im Empfangsraum der Herberge gibt es weder Fledermäuse noch Spinnweben, was mich vorerst nicht beruhigt. Dafür stehen in der Schlange an der Rezeption zwei »Vampire« vor mir. Der erste bekommt seinen Zimmerschlüssel und ist fertig mit Einchecken, trägt Rüschenhemd, schneeweiß, schwarze Hose und einen schwarzen Mantel, beides aus Seide. Haare: unerbittlich nach hinten gegelt und schwarz – offensichtlich gefärbt. Der zweite, er meldet sich mit Heinrich von Holken-Henkendorp an, trägt auch schwarz, aber bloß Jeans und eine Wachsjacke mit dunkelrotem Innenkragen. Haare: kurz, wuschelig und dunkelblond. Er scherzt und lacht auf eine ansteckende Art und Weise. Ein leicht betörender Duft steigt in meine Nase und, verzögert, in mein Bewusstsein: Moschus – und eine andere Note, die ich nicht benennen kann.
Heinrich ist nun auch fertig mit Einchecken, dreht sich um. Sein Gesicht ist blass und steht im Kontrast zu seinen königsblauen Augen, die mich anfunkeln wie … »Entschuldigung – dürfte ich bitte kurz durch?« »Äh, ’tschuldigung, ja, klar«, stottere ich verlegen. Ich habe ihn peinlich lange angestarrt und im Weg gestanden. Er geht an mir vorbei in Richtung Treppe, zögert und bleibt schließlich stehen. Von oben herab kommt ein anderer Jugendlicher gepoltert. Seine Schritte dröhnen durchs ganze Haus. »Hey, Chef«, ruft er dem Rezeptionisten deutlich zu laut zu, »das Zimmer ist klasse, aber jetzt schaue ich mir den Laden von außen an!« Der »Poltergeist« ist nicht allein. Sein Begleiter, ich schätze beide sind in meinem Alter, ist eher unscheinbar. Er bleibt vor der Treppe stehen und verwickelt Heinrich in ein Gespräch, von dem ich nichts mitbekomme, weil ich an der Reihe bin. Der Rezeptionist fragt nach meinem Namen. »Julius Brigthon …«, stelle ich mich vor und werde durch einen lauten Knall unterbrochen. Sekundenbruchteile später schießt draußen eine Flamme am Fenster hoch. Ich höre einen schrillen Schrei hinter mir. Der Rezeptionist reagiert als Erster. Er öffnet die Terrassentür, läuft hinaus, greift einen Gartenschlauch, spritzt Wasser auf das Feuer. Heinrich läuft ebenfalls hinaus. Ich hinterher, die 112 wählend.
Während ich den Notruf absetze, stoße ich mit meinem Schuh gegen einen kleinen Gegenstand. Klirrend rollt er über den Boden – der abgebrochene Rest eines Flaschenhalses, an dem ein angesengter Bindfaden hängt. Mir wird bewusst, dass ich hier möglicherweise Spuren zerstöre. Daher gehe ich ins Haus zurück.
Der Feuerwehr bleibt nichts zu löschen übrig. Kurze Kontrolle, den beiden Polizistinnen berichten und weg ist sie. Die Beamtinnen nehmen Spuren auf, fotografieren und befragen: den Rezeptionisten Herrn Berger, der auch der Eigentümer der Herberge ist, Heinrich, ein Mädchen namens Lina Falker – sie war es, die vorhin schrill geschrien hat – sowie Rolf Deitler-Klaver, den Freund des »Poltergeistes«. Der wiederum heißt John Ossenberg und wird nicht befragt, da er zur Tatzeit vor dem Gebäude war. Ich werde auch befragt, kann aber nicht viel aussagen. Die Glasscherben haben die Polizistinnen bereits selbst gefunden und den Werfer des Molotow-Cocktails konnte ich aus meiner Perspektive nicht sehen. Von ihm kann allein Rolf berichten. Seine Beschreibung des Täters ist, freundlich ausgedrückt, vage.
Na toll! Ein Brandanschlag! Und ich bin hier, weil ich anderes im Kopf haben soll als die Verbrecherjagd.
Nachdem sich die Aufregung gelegt hat und ich auch eingecheckt habe, gehe ich auf mein Zweibettzimmer. Ich bin gespannt, wer mein Zimmernachbar für dieses verlängerte Wochenende sein wird. Mit einem Trommelwirbel im Kopf öffne ich die Tür und – tada! Heinrich mit den königsblauen Augen sitzt auf dem Bett und kramt in seinem Rucksack. »Hi!« Heinrich schaut auf, lächelt und grüßt zurück »Hi! Du bist mein Zimmergenosse? Freut mich! Heinrich von Holken-Henkendorp mein Name – aber nenn mich bitte Hinnerk!« »Julius Brighton – July. Von Holken-Henkendorp? Klingt adelig …« »Ach«, wehrt Hinnerk ab, »einfacher Landadel, ohne Lob und Tadel. Brighton?« Er schaut mich nachdenklich an. »Brighton! July! Freut mich, freut mich ganz außerordentlich!« Wir führen, während wir auspacken, ein angenehmes Gespräch über dies und das, weder zu oberflächlich noch zu persönlich. Smalltalk kann er – und gute Laune verbreiten.
Nach dem Auspacken bleibt uns eine übersichtliche Anzahl an Momenten, bis wir zum gemeinschaftlichen Abendessen losgehen müssen. Wir sind die Ersten im Speiseraum und Hinnerk setzt sich mir gegenüber. Nach und nach kommen andere hinzu, ein paar habe ich vorhin gesehen, einige nicht, wie zum Beispiel ein Mädchen, das sich zuerst wegdreht, um dann Hinnerk von hinten die Augen zuzuhalten. »Wer bin ich?«, brummt sie mit tiefer verstellter Stimme. »Dennenesch?« Hinnerk nimmt ihre Hände aus seinem Gesicht, dreht sich um. »Dennenesch! Du bist auch dabei? Das ist klasse! Darf ich dir July vorstellen? July, das ist Dennenesch!« Ich reiche ihr die Hand. »Dennenesch? Wie die Schauspielerin Dennenesch Zoudé?« »Ja, die kennst du?« »Ja – nee, also aus dem Fernsehen, nicht persönlich. Schöner Name!« »Danke!« Dennenesch winkt eine andere Kursteilnehmerin herbei und stellt sie mir als Sara vor, ihre Zimmernachbarin. Mit den beiden ist unser Tisch voll besetzt. Angenehm besetzt, wie ich bald feststelle.
Sara ist, zumindest optisch, das Gegenteil von Dennenesch: platinblonde glatte Haare und eine blasse Hautfarbe, von der ich für ihre Gesundheit hoffe, dass sie nicht natürlich ist. Dennenesch erinnert mich an Momo oder präziser, an Radost Bokel in ihrer Rolle als Momo.
Mit einem stöhnend in die Länge gezogenen »Nein« zieht Hinnerk unsere Aufmerksamkeit auf sich. Er duckt sich weg. »Was?«, fragt Dennenesch und dreht sich suchend um. »Nicht umdrehen!«, fleht Hinnerk. »Bitte lass das nicht wahr sein!« »Was?«, wollte Dennenesch wiederholen, doch das halbe Wort bleibt ihr im Hals stecken. »Fuck! Joelle Barlage – das hätte hier so schön werden können!« Sekunden später steht Joelle an unserem Tisch und schreibt ein neues Kapitel in meinem Buch über Menschen, wobei sie mir das »Mensch« vermutlich übel nehmen würde. Keiner der anderen Kursteilnehmer ist so sehr Vampir wie Joelle, zumindest was das Aussehen angeht. »Dennenesch, Hinnerk – oh, ihr habt schon euer Abendmahl!« Dabei deutet sie auf Sara und mich. Was mich mehr schockiert, sind ihre Zähne: Sie trägt ein täuschend echt aussehendes Gebiss mit spitzen Beißern. Davon abgesehen ist sie nervend und aufdringlich. Mit einem Fauchen zwischen gefletschten Zähnen und hochgerissenen Armen verabschiedet sie sich, sucht einen Tisch, findet einen – glücklicherweise am anderen Ende des Raums. Was mir bleibt, ist der Anblick ihrer Zähne und die Frage, ob sie künstliche Zähne trägt. Hinnerk scheint meine Gedanken lesen zu können. »Nein, das ist kein künstliches Gebiss – Joelle hat sich ihre eigenen Zähne spitz gefeilt.« Ich schaue ihn ungläubig an und Sara ist einen Ton blasser geworden, pflichtet ihm aber bei: »Davon habe ich gelesen. Ich bekomme Zahnschmerzen, wenn ich bloß daran denke.« »Das muss doch weh tun – gehen davon die Zähne nicht kaputt?« Ich spüre einen ziehenden Schmerz durch meine Kiefer wandern bei dem Gedanken. »Falls du damit andeuten willst, dass Joelle komplett bescheuert ist«, sagt Dennenesch jetzt deutlich abgeklärter als eben, »dann liegst du damit vollkommen richtig!«
Mit dem Essen kommt auch Dolores rein und stellt sich vor. Sie ist die Kursleiterin und »todsicher«, uns allen in den nächsten Tagen beibringen zu können, wie (Vampir-)Porträts mit der Airbrush angefertigt werden.
Bevor wir uns über die »Venen und Arterien in Blutsoße« – allgemein eher als Röhrennudeln mit Tomatensoße bekannt – hermachen dürfen, sollen wir uns selbst kurz vorstellen. Wir sind zwölf im Kurs, mit Dolores dreizehn. Die meisten sind, wie Sara, 17 Jahre alt; ich bin also der jüngste mit 16. Hinnerk ist knapp 19 – ihn hätte ich auf 17 geschätzt. Joelle ist auch über 18 – und natürlich Dolores. Sie hätte ich jünger geschätzt, als sie ist, was ihr vermutlich gefallen würde.
Nach dem Essen folgt das erste Highlight des Wochenendes: die Nachtwanderung mit Besichtigung der Vampir-Sehenswürdigkeiten, beginnend in der Burgruine, deren sagenhaftes Gespenst sich an diesem Abend nicht blicken lässt. Stattdessen sehen wir auf dem Weg zum Friedhof zwei Fledermäuse auf der Jagd nach Insekten. Mittig auf dem Friedhof befindet sich der Höhepunkt unserer Tour: die erhaltene Krypta einer abgebrannten Kirche. Der Sage nach hat ein Blitz den Kirchturm getroffen, nachdem die Gemeinde nicht energisch genug gegen einen Wiederkehrer angekämpft haben soll. Um die Krypta besichtigen zu können, muss ein mit einem Zahlenschloss gesichertes Tor geöffnet werden – zumindest nachts. Herr Berger hat uns nichts weiter verraten, als dass der Zahlencode die Summe der Jahreszahlen eines bestimmten Grabsteins ist. Wir teilen uns in drei Gruppen auf und suchen nach der letzten Ruhestätte eines gewissen »Jimmy Hoffa«. Hinnerk, Dennenesch, Sara und ich suchen den linken der drei Wege ab und Sara wird tatsächlich fündig. Ungewöhnlicherweise sind drei Jahreszahlen in den Grabstein gemeißelt, ihre Summe, 5870, öffnet mit einem Klacken das Zahlenschloss. Im Licht flackernder Wachsfackeln besichtigen wir die vorletzten Ruhestätten vergangener Lokalprominenz – die Sarkophage sind nämlich leer! Geplündert oder geschändet in einem längst vergessenen Krieg. Ich muss zugeben, dass die nächtliche Besichtigungsrunde tatsächlich für eine Art »Vampirstimmung« gesorgt hat. Zumindest bei mir. Kurz vor der Herberge sorgt John Ossenberg bei mir dann allerdings für eine ganz andere Stimmung. Er rempelt die vor mir gehende Dennenesch leicht an und macht dabei einen Affenlaut. Hinnerk macht einen Satz auf John zu, wird aber von Dennenesch zurückgehalten. »Nicht jetzt«, ermahnt sie ihn. »Alles zu seiner Zeit!« »Das können wir dem Arschloch doch nicht durchgehen lassen!«, protestiere ich, jetzt neben Dennenesch laufend. Die wiederum hält ihren Arm wie eine Schranke vor mich. »Alltag – scheiß drauf!«, sagt sie und zuckt mit den Achseln. Ihre Worte überzeugen mich nicht, dafür aber ihr Blick – und ihr Lächeln.
In der Herberge kommen die beiden Mädchen noch kurz zum Quasseln mit auf unser Zimmer. Wenig später, als die beiden sich in ihr Zimmer begeben haben, machen Hinnerk und ich uns bettfertig. In Boxershorts geht er in unser kleines Bad und ich überlege, wie viel Zeit er mit Trainieren verbringt, um solch einen Körper zu haben.
Er kommt aus dem Bad, als ich mir mein T-Shirt ausziehe, sieht meinen Federanhänger, nimmt ihn in die Hand und schaut abwechselnd auf den Anhänger und mir in die Augen. »Hübsch!«, sagt er und lächelt hintergründig. Im Bad vor dem Spiegel nehme ich meinen Anhänger in die Hand, verstehe Hinnerks Reaktion nicht, bin irritiert. Die Haut über meinem Schlüsselbein, auf der Höhe, wo vor wenigen Sekunden noch die Feder hing, fühlt sich heiß an. Vermutlich schlägt mir das ganze Vampir-Gedöns viel mehr aufs Gemüt, als ich es vermuten würde. Ich beschließe, die nächsten Stunden frei von Gedanken an Vampire und andere Wesen der Nacht unter meiner dicken Daunendecke zu verbringen.
Kurz bevor mein Wecker klingelt, bin ich wach – und munter. Ich spüre Energie in mir, die ich in den letzten beiden Wochen vermisst habe. Trotz des Betts, das genau so ist, wie Betten in solchen Herbergen halt sind, habe ich ausgezeichnet geschlafen. Hinnerk wird von seinem Wecker aus dem Reich der Träume geholt und ist in Sekundenschnelle so gut drauf wie gestern. Gemeinsam gehen wir zum Frühstück. Von Sara ist noch nichts zu sehen, aber Dennenesch versucht bereits ihre Müdigkeit in einem Kaffee zu ertränken. Ein unheilvolles Stimmenwirrwarr durchzieht den Raum, verbreitet Unruhe. »Guten Morgen!«, lacht Hinnerk. »Mahlzeit!«, entgegnet Dennenesch, »aber ohne gut – vermute ich …« »Was ist passiert?« Ich deute diffus auf die anderen im Raum. »Heute Nacht wurden die Gefrierschränke in der Küche ausgeschaltet und geöffnet – und die Heizung aufgedreht. Wie es aussieht, sind alle Vorräte mindestens angetaut. Das meiste wird im Müll landen, aber fürs Frühstück reichte es noch. Und für heute Mittag auch. Herr Berger ist stinksauer. Kann ich gut verstehen. Wird ihn viel Geld kosten.« »Gestern das Feuer, heute die Vorräte – merkwürdig!« Dennenesch schüttelt den Kopf. »Nein, ich denke nicht. Das waren nicht die ersten Vorfälle dieser Art. Es soll ›zufällig‹ jemanden geben, der die Herberge kaufen und abreißen will – für Luxuswohnungen. Heißt es. Ich glaube bei solchen Umständen nicht an Zufälle!« Hinnerk nickt zustimmend. »Wer will die Herberge kaufen?« »Keine Ahnung. Den Namen habe ich nicht gehört. Soll aber gute Alibis haben – und gute Anwälte. Herr Berger hat schon eine Anzeige wegen übler Nachrede am Hals.« »Das ist hart!«, empört sich Hinnerk. »Nein«, widerspricht Dennenesch, »es gibt auch noch andere Gerüchte. Zum Beispiel, dass Herr Berger eine gute Versicherung hat und viel Geld im Brandfall bekäme und dass das Dach saniert werden muss und dass ihm quasi nichts Besseres passieren könnte als ein Brand, der das Dach beschädigt.« »Das sind aber Gerüchte?!«, stelle ich halb fragend und halb aussagend in den Raum. Dennenesch zuckt mit ihren Schultern. »Das Feuer gestern: nein. Die Gefrierschränke heute Nacht: nein. Die Luxuswohnungen: nein.« Sie schiebt mir eine Lokalzeitung hin, auf der eine Illustration für die zukünftigen Wohnungen wirbt, und fährt fort: »Die Strafanzeige: nein – ich habe selbst gehört, wie Herr Berger mit der Polizei darüber sprach. Der Rest: vermutlich ja! Wenn ihr mehr erfahren wollt, fragt Joelle, die scheint gern darüber zu plaudern.«
Sara kommt rein und fragt uns gleich, ob wir »es« gehört haben. Haben wir! Sie hat es mitbekommen, als John es Hanna erzählt hat. »Und John hat es von Joelle«, sagt Sara.
Während wir vier an »unserem« Tisch sitzen, haben sich ein paar aus dem Kurs anders gesetzt als gestern. John beispielsweise sitzt jetzt in unserer Hörweite, was bei seiner Lautstärke allerdings nicht ganz so schwer ist. Im Grunde wiederholt er während des gesamten Frühstücks ausführlich die von Dennenesch zusammengefassten Gerüchte. Ein für mich interessantes Detail fügt er jedoch hinzu: Der Täter der letzten Nacht muss einen Zentralschlüssel gehabt haben. Die Tür zur Küche lässt sich vom Gang aus nicht ohne Schlüssel öffnen und sie schließt automatisch. Das grenzt den Kreis der Verdächtigen auf alle ein, die Zugang zu einem Zentralschlüssel haben. John spricht meinen Gedanken laut aus: »Es muss also einer vom Personal oder Herr Berger selbst gewesen sein. Oder jemand, der weiß, wie man einen Schlüssel klaut!« Beim letzten Satz schaut er auffällig zu Dennenesch. Dennenesch schaut zu mir und zu Hinnerk. Unmerklich schüttelt sie den Kopf. Ich verstehe nicht, warum sie sich das ständig gefallen lässt. Zu Rolf und den anderen gewandt sagt John dann noch, dass er als Täter nicht in Frage kommt. Schließlich sei er gestern, beim Brandanschlag, auf der anderen Gebäudeseite gewesen und einen Schlüssel für die Küche hätte er auch nicht.
Nach dem Frühstück steht theoretischer Unterricht auf dem Plan, doch vor den Seminarräumen gibt es die nächste böse Überraschung. Dolores stellt zwei schwere Koffer mit ihren Unterrichtsmaterialien vor der Tür ab, fischt einen Schlüsselbund umständlich aus ihrer Jackentasche und sucht, bereits über Airbrush dozierend, nach einem Schlüssel. Der Bund ist nicht klein, trotzdem findet sie ihn recht schnell und versucht, die Tür aufzuschließen – vergebens. Auch die anderen Schlüssel passen nicht ins Schloss, passen auch nicht in das des zweiten Seminarraums. Kurze Zeit später ist Herr Berger bei uns und probiert ebenfalls den Schlüssel – Dolores hatte zuerst den richtigen und auch der Seminarraum war korrekt. Doch keiner der Schlüssel passt, weder im Schloss des einen noch in dem des anderen Raums. Auch der Zentralschlüssel von Herrn Berger lässt sich weder in das eine noch in das andere stecken. Eine genauere Betrachtung ergibt, dass die Schlösser mit Sekundenkleber oder Ähnlichem verstopft wurden. Während Herr Berger fluchend in sein Büro geht, um den Schlüsseldienst anzurufen, verlegt Dolores den Unterricht kurzerhand in den Garten.
Dennenesch lässt sich mitten auf der Wiese nieder, so dass ihr die Sonne ins Gesicht scheint.
