June - Babette Hünerwadel - E-Book

June E-Book

Babette Hünerwadel

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Beschreibung

Was passiert, wenn dein schlimmster Albtraum unerwartet in dein Leben platzt? Wenn du versuchst, ihn weiterhin von ganzem Herzen zu hassen und du kläglich daran scheiterst? Levin erfährt genau das auf seiner Reise quer durch Frankreich. "Eigentlich hätten es einfach ein paar ruhige, entspannende Ferientage im Haus meiner verstorbenen Tante Alice in der Bretagne werden sollen. Genau das, was ich zurzeit benötige! Aber wie so oft im Leben läuft alles anders, insbesondere wenn man überzeugt ist zu wissen, wie es denn laufen sollte. Mein Leben planen zu wollen, habe ich aufgegeben, denn meine Pläne haben sich regelmäßig in Luft aufgelöst und mein Leben scheint seine eigene Dynamik entwickelt zu haben. Lieber schnapp ich mir ein Bier, lehn mich zurück und lass mich überraschen. Wenn ich mir das Resultat so anschaue, muss ich meinem Leben vielleicht sogar recht geben. Ich hätte es schlimmer treffen können! Was jedoch diese Reise betrifft, bin ich mir noch nicht so sicher ... da muss mein Leben schon noch etwas Überzeugungsarbeit leisten."

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Babette Hünerwadel

JUNE

 

1. Auflage

 

 

JUNE

oder

 

Die Steine unter

meinem Teppich

 

 

Babette Hünerwadel

 

 

 

 

 

 

Impressum

Texte:             © Copyright by

Babette Hünerwadel

Umschlag:      © Copyright by

Babette Hünerwadel

Verlag:            FederviehCH-8400 [email protected]

www.hunerwadel.ch

Druck:            epubli - ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

 

 

Für all jene, deren Leben eine Reise ist

und die sich trotz der Turbulenzen

jeden Tag aufs Neue überraschen lassen.

Prolog

Eigentlich hätten es einfach ein paar ruhige, entspannende Ferientage im Haus meiner verstorbenen Tante Alice in der Bretagne werden sollen. Genau das, was ich zurzeit benötige!

 

Aber wie so oft im Leben läuft alles anders, insbesondere wenn man überzeugt ist zu wissen, wie es denn laufen sollte.

 

Mein Leben planen zu wollen, habe ich aufgegeben, denn meine Pläne haben sich regelmäßig in Luft aufgelöst und mein Leben scheint seine eigene Dynamik entwickelt zu haben.

 

Lieber schnapp ich mir ein Bier, lehn mich zurück und lass mich überraschen.

 

Wenn ich mir das Resultat so anschaue, muss ich meinem Leben vielleicht sogar recht geben. Ich hätte es schlimmer treffen können!

 

Was jedoch diese Reise betrifft, bin ich mir noch nicht so sicher ... da muss mein Leben schon noch etwas Überzeugungsarbeit leisten.

Kapitel 1

Die Reisetasche in meiner Hand, verlasse ich den TGV im Bahnhof von Paris. Das Fußvolk im Gare de Lyon schiebt und wälzt sich geschäftig, einem Ameisenhaufen gleich, durch das Gebäude. Wohl oder übel wälze ich mich mit, was bleibt mir anderes übrig? Ich war schon lange nicht mehr in Paris und an sich liebe ich diese Stadt, auch wenn das Französische mir noch immer öfter ein Bein stellt und ich über die Worte stolpere.

 

Die Verkäuferin am Imbissstand, die mir nach meiner holprigen Formulierung das gewünschte Bier in die Hand drückt, vermutet wohl nicht, dass Sprechen mein Job ist. Das ist es aber, nur definitiv nicht Französisch.

 

Zurzeit macht mich dieser Ameisenhaufen ganz wirr. Die Luft flimmert wie ein alter Fernseher nach Sendeschluss. War das immer so hier oder haben sie heute speziell die gesamte Pariser Bevölkerung an den Gare de Lyon beordert?

 

Die Sitzbank, die im hinteren Bereich der Bahnhofshalle steht, ist mein Lichtblick. Erschöpft lasse ich mich fallen, öffne eine Bierdose und nehme einen großen Schluck.

 

Manch einer wäre froh, wenn ihm Ferientage an den Kopf geworfen würden, doch in meinem Fall stehe ich dem Geschenk mit gemischten Gefühlen gegenüber. Mein Chef hat mich quasi gebeten, mich in den nächsten zwei Wochen nicht blicken zu lassen. Und das ist noch die schöne Version der Geschichte.

 

Nicht, dass ich in meinem Job nicht gut wäre. Sie wissen genau, dass ich einer der Besten bin. Aber die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben hat sich schmerzlich verschoben und irgendwann konnte man mein Privatleben nicht einmal mehr mit einer Lupe erkennen.

 

Na ja ... gegen ein paar freie Tage ist tatsächlich nichts einzuwenden. Ich muss nur ein- oder zweimal richtig ausschlafen, dann bin ich wieder auf dem Damm.

 

Die zwanzig Minuten, bis mein Zug fährt, sind schon bald Geschichte. Verpufft! Ich nehme die letzten paar Schlucke meines Biers und blicke mich nochmals in der alten Bahnhofshalle um. Ich habe eine Schwäche für die Architektur von Bahnhöfen. Allerdings hätte ich vielleicht in der Nacht reisen sollen, dann wäre ich auch vom menschlichen Ameisenhaufen verschont geblieben.

 

Ächzend landet meine Tasche wieder auf meinem Rücken und ich mache mich auf, den Bahnsteig ausfindig zu machen.

 

Im Zug lasse ich mich seufzend in einem freien 6er Abteil auf den Sitz am Fenster fallen. Nichts ist so beruhigend wie eine Zugfahrt durch die Weiten eines Landes. Der Schlaf überrollt mich schon bald wie die Räder des Zuges die Gleise.

 

Viel Zeit ist noch nicht vergangen, höchstens einige Minuten, als leises Fluchen und unruhiges Rumfummeln meinen so wohlverdienten Schlaf stören. Vorsichtig öffne ich mein linkes Auge, um nach dem Störenfried Ausschau zu halten. Nur nicht zu viel öffnen. Richtig wach zu werden, möchte ich auf jeden Fall vermeiden.

 

Zwischen meinen Wimpern kann ich eine ziemlich chaotisch wirkende Frau erkennen, die sich nervös an all ihren Gepäckstücken zu schaffen macht und leise Flüche über ihre Lippen stößt. So viel ich erkennen kann, sieht sie nicht mal so schlecht aus. Blonde, wilde Locken und eine heiße Figur. Sobald mein Verstand mit etwas Schlaf wieder auf Vordermann gebracht ist, werde ich sie mir mal genauer ansehen.

 

Die Geräusche meiner unruhigen Nachbarin vermischen sich mit dem Rattern des Zuges, verpacken mich in Watte und lassen mich in meine Traumwelt abdriften.

 

Ein kontinuierliches Klopfen durchdringt die Watte, in die ich mich so schön eingekuschelt habe. Langsam kehrt mein Bewusstsein zurück ins Zugabteil. Meine Augen bevorzugen es, noch ein wenig geschlossen zu bleiben, aber das Klopfen nervt gewaltig! Wohl oder übel muss mein linkes Auge wieder dran glauben und sich vom angenehmen Halbdunkel verabschieden.

 

Langsam blinzle ich und sehe eine Hand, die fortwährend nervös auf den Tisch klopft, während die andere ein Buch hält.

 

„Arrête ce bruit!" Ich gebe mir keine Mühe, es weder nett noch richtig klingen zu lassen.

 

Augenblicklich hört die Klopferei auf, dafür wird das Buch auf das Tischchen zwischen uns geknallt.

 

„Lern erstmal richtig Französisch! Und wenn du schon etwas möchtest, könntest du gerne etwas freundlicher sein!" Obwohl die Stimme einen keifenden Ton erwischt hat, schwingt da etwas mit, das mich aufhorchen lässt.

 

Nun öffne ich meine Augen ganz und erstarre. Das ist doch nicht ... kann doch nicht sein ...! Und trotzdem, die Stimme und das, was meine Augen erblicken, lassen keine Zweifel zu!

 

JUNE!

 

Das ist vollkommen unmöglich! Von allen Personen, mit denen ich eine Zugreise unternehmen möchte, käme June wohl an allerletzter Stelle! Und das seit damals, als wir 15 waren. Was zugegebenermaßen schon eine ganze Weile her ist. Trotzdem hat sich an meiner Abneigung nichts verändert. Im Gegenteil.

 

„June! Verdammt, was tust du hier?"

 

Auch ihr Groschen scheint nun seinen Weg gefunden zu haben. Man hört ihn deutlich klackern, als er auf den Grund ihres Hirns fällt.

 

„Levin? Du hier? Was zum Teufel ..." Ihre Stimme klingt so feindselig, wie ich sie in Erinnerung habe.

 

Ich versuche meine Vernunft zusammenzukratzen und hole tief Luft. „Weißt du was? Lass mich einfach in Ruhe und ich lasse dich in Ruhe. Sobald wir ankommen, wo auch immer wir ankommen wollen, können wir vergessen, dass wir uns hier über den Weg gelaufen sind!"

 

Für einen Moment schleicht sich ein leicht verletzter Ausdruck auf Junes Gesicht, welcher aber durch ein trotziges Schulterzucken und Beinahe-Nicken verdrängt wird. „Wie du meinst!"

 

Mein Blick wandert verstohlen zu der Person, die mir so viele schlaflose Nächte beschert hat. Zu meinem Leidwesen muss ich zugeben, dass sie noch immer hammermäßig aussieht. Verdammt!

 

Trotzdem ist es ja eigentlich kindisch. Wir sind doch mittlerweile zwei erwachsene, vernünftige Personen.

 

Ein Bier. Ich brauch jetzt ein Bier, um den Schrecken runterzuspülen! Zum Glück habe ich am Bahnhof vorgesorgt und mir einige besorgt. Ich packe meine Tasche und ziehe eins hervor. Und noch eins.

 

„Willst du eins?"

 

„Hast du keinen Weißwein??"

 

Ich bin sprachlos, oder beinahe wenigstens. Typisch June!

 

„Dein Ernst? Nimm‘s oder lass es bleiben!!"

 

June streckt wortlos ihre Hand aus und krallt sich mein Bier. Schweigend trinken wir unser Bier und versuchen uns nicht anzusehen.

 

Bis Junes Stimme das Schweigen bricht. Sofern es möglich ist, die Situation noch unangenehmer zu machen, gelingt ihr dies durch genau diese Worte.

 

„Levin ... ich brauch deine Hilfe. Ich hab meine Geldbörse verloren, mit allem Drum und Dran. Geld, Kreditkarten und Ausweise."

 

Mein Blick heftet sich fragend an sie. „Und das ist mein Problem, weil ...?"

 

Junes Augen verdrehen sich. So kenn ich sie! Zickig, wie sie schon immer war.

 

„Komm schon... wo soll ich denn hin ohne Geld und Ausweise? Ohne Ausweis kann ich mir ja nicht mal ein Hotelzimmer nehmen, selbst wenn ich Geld hätte! Du kennst mich lange genug, um zu wissen, dass ich dich niemals um Hilfe bitten würde, wenn ich nicht in dieser beschissenen Situation wäre."

 

Und schon zum zweiten Mal an diesem Tag bereue ich meine Entscheidung, nicht den Nachtzug genommen zu haben.

 

Kapitel 2

Weit sind wir nicht gekommen. Ein vergilbtes Ortsschild mit dem Namen „Authon du Perche" lässt uns ahnen, dass der Bahnhof vor Langem stillgelegt worden sein muss. Das Bahnhofsgebäude ist ebenso verschlossen wie die Bank und die Metzgerei gegenüber und gibt das Bild eines verschlafenen Dörfchens wieder.

 

Das Glück scheint mir hämisch ins Gesicht gelacht und sich von dannen gemacht zu haben. Was zum Teufel läuft hier schief? Erst treffe ich auf das Schreckgespenst meiner Vergangenheit, das zudem noch meine Hilfe benötigt, welche ich unter diesen Umständen nur schwer verweigern kann, und dann steht der Zug plötzlich still. Bewegt sich nicht mehr vom Fleck.

 

Von Glück könnten wir allenfalls reden, dass wir in einem Kaff und nicht mitten in der Einöde gestrandet sind. Vielleicht sollte man alles von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten, um dem Ganzen doch auch etwas Positives abgewinnen zu können.

 

Nachdem wir die Hoffnung an den Nagel gehängt haben, dass wir irgendeine brauchbare Information zur Sachlage erhalten würden, geschweige denn, dass sich der Zug innerhalb kürzerer Zeit wieder fortbewegen würde, stehen wir mitsamt unserem Gepäck ratlos auf dem stillgelegten Rangierbahnhof.

 

„Lass uns ein Hotel suchen, damit wir das Gepäck loswerden. Nur für eine Nacht, hörst du? Danach werden sich unsere Wege unwiderruflich trennen!"

 

Manche Dinge muss man einfach von vornherein klarstellen, damit keine falschen Vorstellungen aufkommen. Und ein teures Hotelzimmer werde ich auch nicht bezahlen. Das kann sie sich gleich abschminken.

 

Die Debatte über die Preise der Hotelzimmer, die sich in meinem Kopf abgespielt hat, war jedoch vollkommen überflüssig, denn es gibt, wie sich kurz darauf herausstellen würde, in diesem Kaff nur eine einzige kleine, heruntergekommene Pension.

 

Der Anblick der Pension, der sich uns nach einigem Herumirren schließlich bietet, lädt eher dazu ein, unseren Krempel zu packen und schleunigst auf den nächsten Zug zu springen. Leider steht diese Option, wie es aussieht, nicht zur Verfügung und so haben wir keine andere Wahl, als den abgegriffenen Türgriff zu betätigen und uns unserem Glück zu stellen.

 

Der kleine Raum, den wir betreten, ist rappelvoll. Für ein Städtchen, das beinah menschenleer wirkt, herrscht hier reger Betrieb. Vor uns stehen etwa sieben aufgebrachte Paare, die allesamt untergebracht werden wollen. Ich gehe davon aus, dass hier normalerweise nicht mal zu Silvester oder am 14. Juli solch ein Andrang herrscht. Da muss schon die Bahn unplanmäßig in diesem abgelegenen Ort stranden, dass dieser Flecken und vor allem diese Pension solch Hochkonjunktur erleben.

 

Der Raum ist erdrückend düster und das Stimmengewirr hat wohl die zulässige Dezibelgrenze längst überschritten. Junes Ellenbogen trifft schmerzhaft auf meine Rippe. „Komm schon ... wenn wir noch ein Zimmer wollen, müssen wir ran!"

 

„Du willst ein Zimmer? Na dann mal los!", antworte ich galant und mache eine einladende Handbewegung Richtung Tresen.

 

„Ich mein es ernst, Levin! Willst du auf der Straße übernachten?"

 

Ich lasse mich zwar nicht gerne rumkommandieren und schon gar nicht von June, aber vielleicht hat sie gar nicht so unrecht. Ich will gerade meine Ellenbogen zum Einsatz bringen, als mich June zurückzieht.

 

Das Zwinkern, das sie mir zuwirft, lässt mich Böses ahnen. Junes Gesicht beginnt sich zu verziehen, ihre Hände wandern zum Bauch. Ein lautes Stöhnen kommt über ihre Lippen, das sogar mich erschrecken lässt. Die gesamte Meute dreht sich nach uns um und starrt uns an. Das Ganze ist mir ziemlich unangenehm.

 

Wieder macht meine Rippe Bekanntschaft mit Junes Ellenbogen. So langsam kratz ich meine Hirnzellen zusammen und versuche, eine geeignete Reaktion an den Tag zu legen.

 

Ich räuspere mich. „Bitte entschuldigen Sie, meine Frau hat starke Schmerzen. Sie wissen schon ...", meine Stimme senkt sich zu einem Flüstern. „Ihre Tage. Nichts Dramatisches, aber manchmal wird sie sogar ohnmächtig, wenn sie sich nicht hinlegen kann!"

 

Welche Wirkung doch diese Worte haben können! Jede einzelne Person im Raum schaut entweder betreten zu Boden oder schielt mitleidig an uns vorbei. Wie von Zauberhand öffnet sich eine Schneise zwischen den Anwärtern auf die Zimmer, um uns zur Rezeption schreiten zu lassen, wo uns die bärtige Frau mit dem düsteren Blick und der wild geblümten Schürze schon einen Schlüssel in die Hand drückt.

 

„Die Formalitäten können wir später erledigen. Bringen Sie Ihre Frau erst mal nach oben, damit sie sich hinlegen kann! Zweite Etage, drittes Zimmer."

 

Meine Hand auf Junes Rücken, verlassen wir den Raum Richtung Treppenhaus. Kaum außer Sichtweite, höre ich ein Glucksen neben mir. June kann sich nur mit Mühe zusammenreißen, um nicht loszuprusten.

 

„Du bist unmöglich, June! Die armen Leute!" Obwohl ich es durchaus ernst meine, kann auch ich mich kaum halten. Das Terrain, auf dem ich mich bewege, ist gefährlich. Ich fühle mich schmerzlich in gute Zeiten zurückversetzt. Illusorische Zeiten. Was war ich dumm damals! Was bin ich heute dumm! Ich lache, obwohl ich weiß, dass es nicht gut ist. Dass ich es nicht zulassen sollte.

 

Ihr Lachen zieht mich mit, wie es das schon immer getan hat, ob ich nun will oder nicht. Langsam erholen wir uns, das Lachen verebbt und ich schaue die Frau an meiner Seite an. Sehe den Schalk in ihren Augen, den ich früher an ihr so liebte.

 

Das Lachen von eben steckt irgendwo in meinem Hals und alles scheint falsch. Falsch, an diesem Ort zu sein und vor allem falsch, mit June hier zu sein. Ich fühle mich um Jahre zurückversetzt. Vor mir steht nicht mehr die Frau, die mich mit ihrer Verrücktheit zum Lachen bringt, sondern die Person, die alles zertreten hat, was mir wichtig war.

 

Von den dunkelgrünen Wänden des Treppenhauses blättert die Farbe ab und durch das kleine Fenster am Ende des Korridors dringt kaum Licht ins Dunkel. Verdammt, worauf habe ich mich da nur eingelassen!

 

Der Schlüssel dreht sich ächzend im eingerosteten Schloss, die Tür öffnet sich quietschend. Vor uns liegt die Errungenschaft, die wir uns hart erkämpft oder besser erschwindelt haben. Eine winzige Kammer mit einem Bett von kaum einem Meter Breite, ein schmuddeliges Waschbecken in einer Ecke des Zimmers und ein kleines Fenster, das den grandiosen Ausblick zum Hof bietet.

 

Ich eile zum Fenster, reiße es auf und schließe die Augen. Eine Nacht! Eine Nacht, bis ich meinen Frieden wiederhabe und die Vergangenheit wieder in der Versenkung, wo sie so gut aufgehoben war, ruhen kann.

 

„Ich geh dann mal duschen, Levin."

 

Kein Wort verlässt meine Lippen, nur ein Nicken. Ich lege mich aufs Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starre an die Decke. Wie ein vernünftiger Mensch. Ich ... nein, wir müssen uns wie vernünftige Menschen benehmen. Das sollte doch möglich sein!

 

All die Dinge, die ich fein säuberlich im hintersten Winkel meines Unterbewusstseins verstaut habe, sollen gefälligst auch dort bleiben. Jetzt geht es mir gut. Ich bin erfolgreich im Job, habe haufenweise Freunde und führe ein tolles Leben. Oder?

 

Eine knappe Stunde später kehre auch ich frisch geduscht in unser Zimmer zurück. „Komm, lass uns was essen gehen. Ich brauch was zwischen die Zähne."

 

June sitzt im zerschlissenen Sessel, die Füße auf das Fensterbrett gestützt. Die wirren blonden Locken verleihen ihr sowohl etwas Wildes, Ungezähmtes als auch etwas Zartes, während sie mich mit ihren grünen Augen betrachtet. Meine Augen verfangen sich in ihr. Gewaltsam muss ich sie von ihr losreißen.

 

„Na los! Ich sterbe vor Hunger!" Ungeduldig dränge ich sie, endlich in die Gänge zu kommen.

 

„Okay okay! Gehen wir!"

 

Die blumengeschürzte Frau an der Rezeption begrüßt uns. „Geht es Ihnen besser? Ich hoffe doch! Ich weiß, das Zimmer ist nicht groß, aber wenigstens gemütlich!"

 

Na ja. Unter gemütlich verstehe ich etwas anderes. Ein prasselndes Kaminfeuer und Schaffelle sind gemütlich. Aber ich will nicht undankbar sein. Schließlich ist das Zimmer definitiv gemütlicher, als auf der Straße zu nächtigen.

 

Das Lächeln auf Junes Gesicht, als sie an den Tresen tritt, erinnert an einen Sommertag. Ob ich will oder nicht, auch ich denke an Sommertage.

 

„Ja, Madame. Danke, es geht mir viel besser! Können Sie uns vielleicht sagen, wo wir ein gutes Restaurant finden?"

 

„Das Etoile liegt rechts, zwei Straßen weiter. Ist wohl das Einzige, das geöffnet ist."

 

June dreht sich zu mir um. „Schatz! Das klingt doch zauberhaft!" Das strahlende Lächeln, das June mir zuwirft, drängt mich, den Laden so schnell wie möglich verlassen zu wollen. Nur nicht zu lange hinsehen!

 

Die frische Abendluft, die mir entgegenschlägt, lässt mich aufatmen. Den ersten Teil des Tages habe ich bereits hinter mich gebracht. Immerhin.

 

Kapitel 3

Im Gegensatz zum Zimmer macht das Etoile tatsächlich einen gastfreundlichen Eindruck. Wir lassen uns an einem der Tische draußen nieder. Als ob mich das Universum zuvor gehört hätte, so hat es uns also doch die vermisste Gemütlichkeit beschert. Die Schaffelle, die auf den Steinbänken unter der Weinlaube liegen, verfehlen ihre Wirkung nicht. Jetzt benötigen wir nur noch die Käseplatte und die Flasche Rotwein, um dem Klischee eines typisch französischen Lokals gerecht zu werden.

 

Dieses Klischee tue ich mir, gerade jetzt, sehr gerne an, wenn auch nicht zwingend mit einer Käseplatte. Meine vom düsteren Hotelzimmer geschundene Seele scheint förmlich nach etwas Harmonie und Gemütlichkeit zu schreien und dank der Wolldecken und Schaffelle brauchen wir uns nicht mal den Allerwertesten abzufrieren.

 

Die Jahreszeit kann nicht über die heute etwas kühleren Temperaturen hinwegtäuschen. Für Anfang September liegen wir wohl doch etwas im unteren Bereich der Thermometerskala.

 

Die Speisekarte besteht aus einfachen, aber lecker klingenden Gerichten und so entscheide ich mich für Kartoffelgratin mit Lamm und June bestellt das Steinpilzrisotto.

 

„Rotwein dazu?" Obwohl ich selten Rotwein trinke, gibt mir die Umgebung das Gefühl, dass dieser hier angebracht ist. June stimmt mir mit freudigem Gesicht zu, auch sie scheint nichts gegen den einen oder anderen Tropfen zu haben.