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Frans Eemil Sillanpää (1888–1964) hat mit "Jung entschlafen" seiner großen finnischen Erzählung einen weiteren Baustein zugefügt. Der Schwindsuchttod des 22-jährigen schönen Landmädchens Silja steht am Anfang des Romans und auch am Ende. Sein Untertitel lautete "Eines Stammbaums letzter Trieb", und der Roman beginnt mit dem Unglück der Eltern, einfacher Bauern, die ihren Hof verlieren und nacheinander sterben. Silja, die einzige Tochter, muss sich nun als Dienstmädchen auf fremden Höfen durchschlagen, bis sie in den Haushalt eines freundlichen alleinstehenden Professors kommt. Dort erlebt sie zu Mittsommer ihre erste Liebe mit dem Studenten Armas, der zur Sommerfrische aufs Land gekommen ist. Armas zieht aber am Ende des Sommers in den Krieg und wird verwundet. Auch an Silja geht das Kriegsjahr 1917 nicht spurlos vorüber, sie gerät zwischen die Fronten, weil sie ihrer inneren Stimme der Menschlichkeit folgt und sich von keiner Partei vereinnahmen lässt. Auch Sillanpää schlägt sich auf keine Seite, sondern bleibt ganz nah bei seiner Protagonistin Silja, deren Schicksal wir Leser dadurch hautnah miterleben. Er lässt mit seiner unnachahmlichen Sensibilität für die Figuren aber auch für die Beschreibungen der Emotionen die Aufregung der ersten Liebe, die widersprüchlichen Gefühle in der Mittsommernacht und die Traurigkeit über das Scheitern so greifbar vor uns Lesern entstehen, dass wir uns mitten hineinversetzt sehen. Reetta Karjalainen hat erstmals die vollständige Fassung ins Deutsche gebracht, die uns Sillanpääs ganze Kunst der Einfühlung und der Zuneigung den Menschen gegenüber vor Augen führt.
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Frans Eemil Sillanpää
Eines alten Stammbaumsletzter Trieb
Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen
Mit einem Nachwort vonSebastian Guggolz
Mit Anmerkungen vonReetta Karjalainen und Sebastian Guggolz
JUNG ENTSCHLAFEN
I DER VATER
II DIE TOCHTER
ANHANG
ANMERKUNGEN
NACHWORT: ALLES HÄNGT MIT ALLEM ZUSAMMEN
BIOGRAFIEN
Silja, das junge schöne Landmädchen, verstarb ungefähr eine Woche nach Johanni, als der Sommer noch jung war. In Anbetracht ihrer Stellung bekam sie einen vergleichsweise angemessenen Tod. Obwohl sie eine vater- und mutterlose Dienstmagd war, die auch keine Hilfe von sonstigen Verwandten erwarten durfte, und obwohl sie einige Zeit von anderen gepflegt werden musste, war sie immerhin nicht auch noch auf Armenhilfe angewiesen. So blieb ihr Leben auch von diesem recht unschuldigen Anflug von Hässlichkeit verschont. Auf dem Kierikkahof, auf dem sie zu jener Zeit diente, gab es eine Saunaumkleide. Die durfte sie beziehen, und dorthin brachte man ihr die Essensrationen, deren Knappheit ganz und gar begründet war, weil sie nicht einmal diese je zu Ende aß. Diese humane Behandlung rührte keineswegs von einer besonderen Menschenliebe der Hofbesitzer her, sondern eher von einer Art Lethargie; der Hof war auch sonst in einem etwas verwahrlosten Zustand. Möglicherweise erinnerte man sich auch an Siljas Ersparnisse. Zumindest besaß sie eine gute Garderobe, und die würde selbstverständlich den Pflegenden zufallen. Die Frau des Hofbesitzers hatte schon früher hin und wieder dazu geneigt, Kleidungsstücke von Silja auszuleihen.
Silja war wie ihr Vater äußerst ordnungsliebend; sie richtete die armselige Rumpelkammer richtig hübsch her. Von dort war ihr schwaches Hüsteln dann durch das undichte Fenster hindurch bis auf den grasbewachsenen Hofplatz zu hören, auf dem sich die trübgesichtigen Kierikka-Kinder aufhielten und irgendetwas bauten. Das war so ein winziges Detail, das in jenem Sommer als Beigabe nebst Gräsern und Blümchen zum Leben auf dem Kierikkahof dazugehörte.
Dort durfte das Mädchen während ihrer letzten Tage auch die unvergleichliche Süße der Einsamkeit erleben. Da ihr Gemütszustand nach Art der Lungenkranken bis zuletzt recht heiter blieb, war diese frühsommerliche Einsamkeit eine ausgezeichnete Medizin für ihr etwas fiebriges Liebesempfinden. Einsam war sie nur in Bezug auf Menschen; mitfühlende Gesellschaft, zwar sprachlose, aber umso andächtigere, hatte sie nämlich. Die verhältnismäßig sonnige Kammer und das Gezwitscher der im Saunavorraum nistenden Schwalben ergaben ausgezeichnete Zutaten für die edelsten Sinne, um heitere und glückliche Fantasien zu entwerfen. Die schaurigen Todesbilder blieben bis zuletzt fern, sie nahm kaum wahr, dass es sich um den im Leben oft erwähnten Tod handelte, der jetzt auch sie ereilte. Der Zeitpunkt des Todes selbst fiel zufällig auf einen Moment, in dem die wortlosen Reize ihrer Umgebung gerade am zartesten und kraftvollsten waren. Es geschah am Morgen, als die Uhr auf fünf zuging, zur Hochzeit der Sonne und der Schwalben. Zudem war der anbrechende Tag ein Sonntag, und nicht die geringste Einzelheit in der Umgegend hätte das zu dieser Stunde verderben können.
Die Lebenszeit eines Menschen erscheint vom Moment des Todes aus betrachtet wie ein kurzer auf der Stelle erstarrter Anblick, sie ist eine Art Sehnsucht erweckendes Bild. So lebte diese junge Frau zweiundzwanzig Jahre; sie wurde ungefähr drei Dutzend Kilometer nördlich von diesem Hof geboren und war im Laufe ihres Lebens nach und nach zielstrebig hierher in Richtung Süden gerückt. Von dem immateriellen Bild, das der eingetretene Tod stets da in der Nähe gleichsam in die Luft zaubert, von diesem Bild fallen stets alle unwesentlichen Einzelheiten herab, sodass man fast sagen kann, dass alle menschlichen Schicksalsbilder im Lichte dieses Augenblicks ziemlich gleichwertig sind. An dem Bild dieser jungen Frau – das allerdings niemand in diesem frühen Sonntagmorgen-Moment wahrnehmen konnte –, an diesem Bild gab es nicht viel, was hätte herabrieseln können. Vom verheimlichten zeitlosen Anbeginn an war ihr ganzes Wesen im Verlauf ihrer Lebenstage schön an seinem Platz entstanden. Reine, heile Haut hüllte es elastisch in ihr Halbdunkel ein, aus dem das Pochen ihres Herzens in das ihr zuneigende Ohr ihres Liebsten gedrungen und der Widerschein ihres Blickes in sein suchendes Auge gefallen war. Das Mädchen hatte in ihrem Leben kaum Zeit gehabt, mehr zu sein als ein Mensch, der lächelnd sein Schicksal erfüllte. Alles, was die jetzt in der Saunaumkleide des Kierikkahofes in den Tod entschlafene Silja betrifft, ist zum größten Teil ganz unbedeutend.
Allerdings schimmern aus der fernen Zeit der Geburt dieses Mädchens Ereignisketten herüber, bei denen das naturgegebene Schicksal mit entschlosseneren Handgriffen vorgeht, weil es das Lebensglück dieses erlöschenden Familienzweiges für dessen letzte Lebensphase auf eine neue Grundlage stellen muss. Silja war nämlich die Letzte ihrer Familie. Das Erlöschen von so unwichtigen Familien wird zwar niemand bemerken, aber darin wiederholen sich dennoch die gleichen eher traurigen Merkmale, wie sie auch in den vornehmeren Fällen zu finden sind.
Der sommermorgendliche Tod des sich selbst überlassenen einsamen Silja-Mädchens bildete also eigentlich den Schlusspunkt einer längeren Angelegenheit, deren Beginn man vor dreißig Jahren ansetzen kann, als Siljas Vater Kustaa den Erbhof Salmelus übernahm. Es war kein großer Hof, aber seit Menschengedenken hatte ihn ein und dieselbe Familie betrieben, zumindest seit dem Jahr 1749, aus dem die ältesten Kirchenbücher stammten; das wusste man. Der Ruf der frühesten Hofbesitzer war gewiss in Vergessenheit geraten, aber sie waren im Allgemeinen wohl kaum die besten Männer ihrer unbedeutenden Ortschaft gewesen. Die Kraft der Familie erreichte unter Kustaas Vater ihren Höhepunkt. Sie wuchs ganz natürlich; man hätte bei beiläufigen Gesprächen nicht auf irgendwelche besonderen Taten, weder gute noch schlechte, verweisen können, aber aus den Giebelfenstern des Salmelushauses sprach damals der Ausdruck immer stolzerer Ehrwürdigkeit in das Bewusstsein der niedrigeren Schuftenden. Auch hatte es etwas seltsam Ehrwürdiges an sich, dass in das Haus damals nur ein einziger Erbe geboren wurde, der sich jedoch offenbar gut entwickelte. Seine ganze Jugend lang durfte er vor sich hin leben, wie er wollte. Den ganzen Hof betrachtete er als einen einzigen großen Spielplatz, auf dem er summend und strahlend umherstreifte, bis er ein großer Junge geworden war. »Der junge Hausherr des Salmelushofes« und zahlreiche andere Namen, mit denen man ihn ansprach, schmeichelten seinem Ohr und seinem Sinn, aber über ihren Inhalt grübelte er nicht lange nach. Die beständige Ehrwürdigkeit seiner Eltern erzog ihn, ohne dass man es mitbekommen hätte; es hatte wohl kaum jemand jemals gehört, dass ihn der Hofbesitzer oder seine Frau auch nur zurechtwiesen oder gar bestraften. So wuchs er zu einem stattlichen, lächelnden jungen Mann heran, der von seinem Vater ein bisschen etwas von einer Hakennase und von seiner Mutter den Ausdruck und die Farbe der Augen und der Haare geerbt hatte.
Vermutlich hegten seine Eltern etliche unausgesprochene Wünsche hinsichtlich ihres Sohnes, aber so etwas konnte man doch ihm selbst gegenüber nicht erwähnen. Die Mutter war manchmal bestrebt, wenn die Rede auf Ereignisse sonst wo in der Welt kam, ihrem Sohn ein wenig ihre eigenen Anschauungen darzulegen, aber diese Versuche endeten in beiderseitigem leichten Gezänk und Spaß, was gewissermaßen die starken Bande der natürlichen Liebe aufblitzen ließ. Das hinterließ bei der Mutter das Gefühl, dass der Junge war, was sie auch war, und den Vater wärmte es insgeheim, wenn er das sah. In der Gedankenwelt des Jungen bildeten sich zwei Fixpunkte, um die herum sich seine Persönlichkeit entwickelte: einerseits eine Art unbewusste Anständigkeit, eine Ehrlichkeit, deren Erwähnung er in Gesprächen nicht zu hören gewohnt war, und andererseits das unerschütterliche Gefühl, dass der Salmelushof etwas ewig Beständiges und von den Menschen Unabhängiges war, auf dem sämtliche Ereignisse des Lebens so natürlich wie das Atmen waren; dass der Hof die Menschen führte und nicht umgekehrt sie ihn.
So aufgewachsen musste der junge Kustaa zuerst die Beerdigung seiner Mutter und sehr bald darauf auch die seines Vaters miterleben. Die Mutter starb im Frühjahr zur Zeit der Eisschmelze und der Hofbesitzer im Herbst desselben Jahres.
Gleich nachdem die Mutter gestorben war, begriff Kustaa, dass das Leben am Salmelushof sich nun erstmals, seit er am Leben war, drastisch verändert hatte, dass es eine Richtung eingeschlagen hatte, aus der es wohl kaum würde zurückkehren können. Und man konnte nicht sagen, ob es einen Auf- oder einen Abstieg bedeutete; des Frühlings erwachende Blüte vermengte sich mit dem Ernst des Todes und der ungeahnten Veränderung des Lebens. Man konnte bloß spüren, dass mehr geschehen war, als dass nur ein Einzelner fortgegangen war; auch die Hiergebliebenen waren nicht einmal mehr in schönem Sonnenschein dieselben wie zuvor … Das war ein eigenartiger Sommer. Kustaa kehrte gerade von der Koppelweide zurück, wo er die Pferde hingebracht hatte. Inmitten des vertrauten Sommerabendglanzes überkam ihn ein unangenehmer Schauer; er hatte beim beiläufigen Betrachten des Hauses vergessen, dass Vater lebte, er lebte noch. Als wäre ihm seine eigene Einsamkeit an der Pforte zur Koppel entgegengekommen … Hilma, das junge Küchenmädchen, saß auf dem Verandageländer und blickte verträumt zum Horizont. Daran war nichts Ungewöhnliches; das Gesinde aß in der Küche, und das Mädchen wartete da, bereit zum Nachbringen, falls etwas am Tisch ausging. Hunderte helle Sommerabende gleichen einander oberflächlich besehen wie die Tombolalose in der Trommel. Aber eines der Lose birgt den großen Gewinn; feierlich spannend wie ein drohendes Gewitter im Moment des Zubettgehens … Nachdem er den Hof überquert hatte, musste Kustaa direkt auf das sitzende Mädchen zugehen. Das Mädchen hätte ohne weiteres auch aufstehen können und langsam, ganz selbstverständlich ins Haus gehen können. Aber das tat sie nicht. Sie blieb sitzen und ließ ihr Gesicht ganz gelassen ihre schöne eher traurige Stimmung widerspiegeln; mit ihrem matten Blick forderte sie den jungen Mann gewissermaßen dazu auf, diese Stimmung wahrzunehmen. Auf diesen, der seine Mutter verloren hatte, wirkten die Gemütsverfassung und der Blick des Mädchens sehr ansprechend. Er musste das Zaumzeug, das er mit sich trug, auf demselben Verandageländer ablegen, auf dem das Mädchen saß. Er hob es über die Schulter des Mädchens hinweg … Da waren an jenem Sommerabend Hilma und Kustaa, zukünftige Schicksalsgefährten und Eltern ihrer gemeinsamen Kinder. Diesen Abend wurde man nicht einfach wieder los, indem man ihn vorübergehen ließ.
Im Gegenteil reichten die Folgen dieses Augenblicks recht weit und gleich von Anfang an auch in verschiedene Richtungen. Es dauerte nicht lange, bis der alte Hofbesitzer die Sache mitbekam. Er gab sein Bestes, es nicht zu bemerken, aber so eine junge Liebe, die noch nicht zu irgendwelchen Taten geführt hat, erfüllt das ganze Haus mit ihrem eigenartigen Flimmern. Es geht von jeder Bewegung und jedem Laut der Verliebten aus – und sogar von ihrem Schweigen. Ein kleiner und ansonsten ganz harmloser Anflug eines Summens wirkt in diesem Zusammenhang wie ein mächtiges Getöse. Aber dem Salmelus-Hofherrn war es unmöglich, solche Angelegenheiten klar und einfach zu denken, die seiner Natur widerstrebten. Und so machte er sich auch jetzt in erster Linie Gedanken darüber, wie sehr der Tod seiner Frau das Leben und Sein auf dem Hof verändert hatte, wie viel Verlorenes gezwungenermaßen unersetzt blieb oder dazu neigte, auf ungewöhnliche Weise ersetzt zu werden … Der Salmelus-Hofherr schüttelte sich unbehaglich, als er merkte, dass seine Gedanken bei der widerlichsten aller widerlichen Nebensächlichkeiten stehen geblieben waren: dass das Mädchen eine arme Hausangestellte war. »Nein, das nicht. So meine ich das doch gar nicht …« – und er hatte mit einem Mal das Gefühl, als hätte dieser Umstand dem Mädchen im Gegenteil gerade irgendeinen fremdartigen, vornehmen Zug verliehen. Aber der Greis witterte in diesen winzigen sich verdichtenden Ereignissen etwas anderes: das erste Grinsen nahenden Spottes. Ohne es zu merken, war man von dem alten, vertrauten Weg abgekommen, der Boden bot nun eindeutig keinen Halt mehr. Und wenn es so weitergeht, bricht die Nacht herein, bevor man den Weg findet – wenn man ihn überhaupt jemals wiederfindet.
Dem alten Hofherrn wurde gewissermaßen schlagartig bewusst, dass auf dem Hof nach dem Tod seiner Frau noch nichts geordnet worden war. Wie hatte man bloß so zurechtkommen können? Das wirkte ja geradezu so, als wäre es Zeit für diejenige gewesen fortzugehen, die im Frühjahr von ihnen gegangen war. Der Hofbesitzer grübelte in seiner Kammer und fühlte zugleich, was er nicht hätte fühlen wollen: wie auch in diesem Augenblick da irgendwo eine alberne Naturkraft zwei Herzen höherschlagen ließ, die eigentlich beide unschuldig waren. Dieses aufkeimende Schicksal war umso härter, weil sie doch beide so unschuldig waren. Der Hofherr dachte nach und ließ seinen Blick über die dunklen Espenwäldchen und die spätsommerlichen Gerstenfelder schweifen. »Ich muss Martta hierher einladen. Vielleicht lässt sich diese Veränderung mit einer weiteren Veränderung ein wenig korrigieren.«
Er schrieb seiner Schwester einen Brief und fuhr noch am selben Abend los, um ihn aufzugeben. Bei der Post wurde ihm ein eben eingetroffener Brief ausgehändigt, in dem sich die Einladung zu einer Hochzeit befand, in einem weit entfernten Dorf. Er kam bei Anbruch der Dunkelheit nach Hause und sagte zu Kustaa: »Du musst dann wohl zu dieser Hochzeit hingehen, ich glaube, ich schaffe das einfach nicht.«
Kustaa willigte ein, eigentlich mit Vergnügen. Es fiel ihm jetzt ganz leicht, so eine fröhliche Reise anzutreten. Bei der Abfahrt tauschten sie mit ihren Blicken gegenseitig innige Beteuerungen aus, und bei der Ankunft war der Salmelus-Kustaa ein heiterer und ansehnlicher Hochzeitsgast.
Er spürte auch selbst, dass ihn die Hochzeit aufgemuntert hatte. Das durch die Abwesenheit noch gesteigerte Glück war erhalten geblieben, es strömte nun in Kustaas Bewusstsein, und auf dem Schlussabschnitt des Heimweges schwelgte er in den lieblichsten Stimmungen. Das Glück ebnete immer weiter seinen Weg, auch vor ihm schien nichts Beschwerliches zu liegen. Und das Glück war ihm auch tatsächlich geneigt, denn an einer Stelle des Weges kam eine Frau ganz ungezwungen aus ihrem Häuschen an den Zaun am Wegrand und fing noch ungezwungener eine Plauderei mit Kustaa an. Ungefragt bekam Kustaa von ihr dieses und jenes zu hören, eilig hatte er es ja nicht in jenem ruhigen Moment des frühen Abends auf dem Rückweg von einer Hochzeitsfeier. Die Schwester des Hofbesitzers war in der Zwischenzeit in Salmelus angekommen, um dort den Haushalt zu leiten, und sie hatte gleich gesagt, dass man nicht zwei Frauenzimmer im Haus bräuchte, wenn sie sich schon mal entschlossen habe, dort zu wohnen; und sie hatte gleich am ersten Tag einen Streit mit Hilma angezettelt, woraufhin der Hofbesitzer Hilma freundlich aufgefordert hatte, sich eine neue Stelle zu suchen. Folglich war Hilma jetzt also in ihrem Zuhause im Wald. »Ach so – na, dann auf Wiedersehn.« »Wiedersehn, Wiedersehn.«
Kustaa dachte gar nicht an das Gehörte, bis er außer Sichtweite des Häuschens war. Allerdings sah er sich auch nicht um und bemerkte deshalb auch nicht, wie das kleine Mädchen des Häuschens hinter ihm hergeschlichen war und, nachdem sie ihn in den Waldweg hatte abbiegen sehen, eilig zurückwetzte. Erst dort auf dem Waldweg – der zu Hilmas heimatlicher Kate führte – setzte er sich kurz an den Wegrand, um sich auszuruhen und seine Stimmung zu genießen, die sich in den letzten Tagen immer weiter gelöst hatte und nun so richtig heiter zu werden schien. Er konnte von dort aus nur den Wald mit den Bäumen sehen, und nichts lag ihm in diesem Moment ferner als irgendwelche Hofherrschaften, jetzige wie künftige. Zu der Müdigkeit nach der Reise zur Hochzeit gesellte sich die heitere und leichte Stimmung seiner Kindheit, die aus seinen Gedanken eigentlich nie verschwunden gewesen war. Er kannte Hilma schließlich von Kindesbeinen an – er war eigentlich auf dem Heimweg von viel weiter her als von dieser Hochzeit. Das windstille und warme Wetter verlieh dem bereits angebrochenen Nachmittag einen satten und gemächlichen Charakter. Es war noch ganz lange hin, bis er dann irgendwann in der Nacht zum Salmelushof zurückkehren würde, in seine eigene Kammer. Wie für ein Kindergemüt fühlten sich die vor ihm liegenden Stunden lang und wundervoll an. Die Kammer eines jungen Mannes ist ihm deswegen lieb, weil sie immer so gerne auf ihn wartet.
Die Überfülle des Lebens war fast erdrückend, als eine gewisse Kate in Sicht kam. Es war schließlich ein Werktag im Sommer, und in letzter Zeit war allerhand passiert. Es war ja nicht üblich, dass der einzige Sohn des Salmelushofes so in Festkleidung dort herumspazierte. Der Weg und alles drum herum schienen sich über den herannahenden Gast zu wundern, aber das Gesicht der Katen-Hausherrin verriet eine unerwartete Freude: Darin lag der gleiche Glanz wie zuvor in den Augen der Frau an der Landstraße. Hilma war zum Glück nicht im Haus.
»Eben auf dem Rückweg habe ich gehört, dass Hilma unseren Hof verlassen hat, und da hab ich gedacht, ich schau mal vorbei.«
»Das ist doch klar, dass nicht zwei Hausherrinnen in ein und dasselbe Haus passen.« Hilmas Mutter bereitete dem Gast, im Stillen Intrigen schmiedend, ihren Getreidekaffee zu.
»Hilma ist wohl gar nicht zu Hause?«
»Ja, da war der Weg hierher wohl ganz umsonst?«
»Die ist drüben in der Backstube«, entschlüpfte es der jüngeren Schwester. Kustaa hatte das Gefühl, zwischendurch einen Abstecher zu einem missgünstigen Nachbarn gemacht zu haben, als er mit einem Lächeln in den Augen die Stufen zur Kate wieder hinunterstieg und mit ruhigen Schritten über den Hof zur Backstube ging.
Bei dieser handelte es sich um einen winzigen alten Raum, und durch die Fenster sah man nichts als Hopfenstauden und zwischen diesen hindurch Feld und See, keine Spur von dem Leben in der übrigen Behausung. Da fand er seine Hilma, im grün schimmernden Halbdunkel dieses niedrigen Gebäudes. Es war dasselbe Wesen wie auf dem Verandageländer des Salmelushofes – und auch wieder nicht. Das Mädchen war hier in ihrer ureigenen Umgebung, ihr Herz pochte unbedrängt von Angst, der Anflug erforderlicher Schüchternheit wirkte in dieser Umgebung überaus reizend. Ihre Liebe, die bisher weder Wort noch Tat erlebt hatte, erlebte in dieser Nacht beides … Mit einem Lächeln in seinen Augen wandelte Kustaa Salmelus – der später Siljas Vater werden sollte – auf sämtlichen Pfaden seines Lebens.
Seither sind Jahrzehnte vergangen, eine ausreichend lange Zeit, um solche Tatsachen zu vergessen – insbesondere da im Falle des Salmelushofes diejenigen Ereignisse erst viel später stattfanden, die in dieser und auch anderer Hinsicht immerhin die Hauptsache waren, den Hof und den sonstigen Besitz betreffend … Aber in jenem Herbst erregte auch diese Angelegenheit durchaus die Gemüter der einfachen Menschen, die in ihren hintersten Winkeln und auf ihren verwinkelten Pfaden dem Alltäglichen sehr zugetan waren. Und dieser Fall wurde doch auch nur durch die Hintergründe zu etwas Außergewöhnlichem, durch den Hof und das Anwesen. Die Frauen in ihren Häuschen bedrückte es fast, weil man über so etwas nichts zu sagen wusste. Das war eine scheußliche Störung, die nichts Gutes verhieß und unwillkürlich an ihren unbewussten Lebensgrundlagen rüttelte. Wenn ein ausgelassener Hausbesitzersohn es nächtens darauf angelegt und es auch geschafft hätte, neben einer Kätnertochter zu landen, dann wäre das ein erfrischendes Ereignis im Leben des Katenviertels gewesen. So eine hat es schließlich immer gut, die von einem Hausbesitzer Kindesunterhalt einfordern kann. Im besten Fall zahlen die freiwillig rechte Unsummen, damit die Sache nicht allzu sehr breitgetreten wird. Aber so etwas passte nicht zum Salmelus-Kustaa, das sagte den Weibern ihr Instinkt ganz deutlich. Aber diese Entwicklung in der Angelegenheit ist schon lange vergessen. Die geschwätzigen Weiber wurden schon vor langer Zeit außerordentlich schweigsam eine nach der anderen vom Dorfrand ins Kirchdorf geführt und sind dort in den grasbewachsenen Reihen der schlichten Einzelgräber vollkommen in Vergessenheit geraten. Jemand wird sich noch daran erinnern und berichten können, dass die verstorbene Frau des verstorbenen Salmelushofbesitzers, der seinen Hof verlor, eine Tochter aus jener Kate war, aber einen richtigen strahlenden Unterhaltungswert hat diese Geschichte nicht mehr.
Der alte Salmelus-Hofherr blieb in dieser Nacht wach, bis Kustaa kam. Das geschah gegen Morgen um zwei Uhr. Der Junge kam fröhlichen Schrittes, und der Vater musste gar nichts mehr weiter sehen oder hören, als er schon alles wusste.
Der junge Mann, der dort bei Mondschein in dieses alte Haus kam, dachte in diesem Moment bestimmt nicht an die bemerkenswerten Dinge, die sein Vater und seine Tante hier vollbracht hatten. Der alte Hofbesitzer verstand das sehr gut. Er verstand, dass der Junge, wenn er auch nur ein bisschen über so ferne Dinge nachgedacht hätte, den beiden Alten bestimmt dankbar gewesen wäre. Den Geräuschen nach zu urteilen, machte sich Kustaa oben in seiner Kammer gerade bettfertig; obwohl seine Bewegungen nur schwach zu vernehmen waren, meinte man daraus dennoch die glückliche Gemütslage des Herumgehenden heraushören zu können. Nachdem die Geräusche verstummt waren, fühlte der alte Hausherr sich endgültig alleingelassen und sah die erbärmliche Hilflosigkeit seiner letzten Vorkehrungen. Obwohl er auch sich selbst gegenüber nicht eingestand, sie in dem Sinn überhaupt nur in Angriff genommen zu haben.
Wenn ein alter Mann bis in die Morgenstunden wacht und dabei über so etwas nachgrübelt, verheißt das für ihn nichts Gutes, insbesondere dann nicht, wenn es nicht zu einer eindeutigen, klaren und radikalen Entscheidung kommt, einer Befreiung. Der Griff des Lebens lässt nach, und im selben Ausmaß beginnt man, den Griff des Todes zu spüren. Der Besitzer des Salmelushofes gedachte da in der Stille der frühen Morgenstunden in ganz besonders ernsthafter Weise seiner verstorbenen Frau. Bis jetzt hatte er instinktiv das Gefühl gehabt, dass sie ihrer ja zu zweit gedenken, und deswegen hatte sich alles leichter, lieber angefühlt. Jetzt stellte sich die Sache mit einem Mal anders da. In seiner Brust links machte es einen abscheulichen Satz, dass ihm die Pfeife beinahe aus der Hand fiel. Er legte sie rasch weg und begann, sich hastig auszuziehen, um es noch in sein Bett zu schaffen, falls ihm so etwas wie – ein langer Schlaf bevorstünde.
Das Leben war eine Einheit von dreien gewesen; als eines wegfiel, zerstreuten sich die anderen auch im Nichts. Es bestand keine Möglichkeit des Fortbestehens mehr, selbst der Hof wirkte unerheblich angesichts der Ahnung des nahen Todes. Was jetzt bloß noch existierte, waren das Bild seiner verstorbenen Ehefrau und die Erinnerung an sie mit all jenen ernsthaften Wesenszügen, die in jedem Fall einem Mann und seiner Frau gemeinsam sind und auch bleiben und die man nur in sehr ernsten Momenten erkennt. Es war unwichtig, ob er den kommenden Tag erleben würde. In einem tieferen Sinn würde ihm ohnehin kein Morgen mehr grauen. Die Niederlage war vollkommen, obwohl es so gut wie keinen Kampf gegeben hatte.
Nach dieser Nacht war der alte Hofbesitzer noch eherner als zuvor und sehr verschlossen. Er ging zwar herum wie zuvor, aber er sprach so wenig, dass es seinen Männern manchmal schwerfiel, ihre Aufgaben zu erraten, weil auch Kustaa oft dazu neigte, einsilbig zu sein. Man wusste sehr wohl, worum es ging, aber seltsam war, dass selbst die nächsten Beobachter kaum etwas darüber zu sagen hatten. Man wusste auch über Kustaas Ausflüge Bescheid, aber keiner war in der Lage, ihn deswegen zu necken.
Einmal kam es vor, dass irgendein Häuschenbewohner dem Hofherrn sein Anliegen vorbrachte, als Kustaa und auch einige andere Männer gerade in der Nähe waren. Der alte Hofherr sagte kaum etwas dazu, lächelte nur sehr schwach und sah Kustaa an. »Was denkst du denn darüber?« Kustaa errötete und lächelte ebenfalls, aber zugleich huschte ein Ausdruck hilfloser Qual über sein Gesicht. »Was soll ich schon dazu sagen …« Er ging weg und weinte fast.
Spät am selben Abend in Hilmas Kammer erregten seine leidenschaftlichen Liebkosungen und seine Wortlosigkeit die Aufmerksamkeit des Mädchens. »Was hast du denn?«, fragte sie. Er schaute bloß vor sich hin, und sein Kinn erbebte. »Sag es, dann wird es leichter«, beharrte sie. »Weil es Vater auch schon so schlecht geht.« Das waren Kustaas Worte, und das Mädchen wusste darauf nicht anders zu antworten als mit Schweigen, und indem sie in belanglosen Gedanken verharrte. Kustaa legte seinen Kopf an die Brust des Mädchens, wie ein müdes Kind sich an seiner Mutter anlehnt. Da blieb er gerne liegen, in diesem Zustand und an dieser Stelle, an der die Entspannung des Kindes und das Vergessen des Mannes am tiefsten sind.
Auf dem Salmelushof war die Kammer des Hofherrn, und in der Kate war Hilmas Kammer. Das waren die beiden Extreme in Kustaas Leben, zwischen denen er sich nun mit einem unbestimmten düsteren Gefühl der Erwartung bewegte. Wenn er zum einen kam, vergaß er die Existenz des anderen. Zu Hause bemerkte er manchmal, dass er seine verstorbene Mutter vermisste. Eine sanfte Wehmut ließ das Gemüt des jungen Mannes dann in den geschützten Zustand der Kindheit versinken.
So gingen die schönen Tage des Nachsommers zu Ende. Die Luft wurde diesig, die Darren wurden geheizt. Eines Morgens sah man den Salmelus-Hofbesitzer in die Darre gehen wie gewöhnlich. Er nahm einige Holzscheite vom Stapel, warf sie über die Darrenschwelle, und nachdem er kurz stehen geblieben war, schob er sich selbst auch hinein. Martta, seine Schwester, hatte das zufällig gesehen, und da sie schon mal so beiläufig mitverfolgt hatte, wie Viktor die Darre betrat, schaute sie – ohne weiter darüber nachzudenken – auch noch länger in diese Richtung. Der Morgen war farblos und nasskalt; so ein zufälliger Moment im Leben, in dem auch ein zupackender betagter Mensch plötzlich zusammenfahren und die fürchterliche Last der Zeit wahrnehmen kann. So erging es nun Martta, die zugleich merkte, dass sie bereits seit Ewigkeiten angestrengt zur Darre hinübergestarrt hatte. Aber aus der Darre stieg kein Rauch auf, und Viktor war auch nicht wieder herausgekommen. Auf dem ganzen Hof war nicht das leiseste Geräusch zu hören. Martta stand auf und sah sich um, die Uhrzeit auf der Wanduhr befremdete sie. Wo waren bloß alle?
Sie trat hinaus und blieb kurz auf den Küchenstufen stehen. Die Türöffnung der Darre schaute schwarz und regungslos zu ihr herüber, als wollte sie diesen seltsamen Moment in der Zeit in die Länge ziehen. Was in aller Welt war da los? Es war widersinnig, in Richtung Darre loszugehen, aber sie machte sich dennoch auf den Weg. »Ich bin gekommen, um nachzusehen, was du hier so lange herumtrödelst«, das hatte sie vor, Viktor zu sagen. Aber aus der Darre war nichts zu hören, nicht einmal aus der Nähe. Und als sie über die Schwelle lugte, sah sie Viktor, den ihr am nächsten stehenden Bruder, rücklings auf dem Boden liegen, die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt.
So begann dieser Tag am Morgen und trübte sich gegen Abend gewissermaßen immer weiter ein. Oftmals ist mit dem Tod eines alten Menschen ein Gefühl der Befreiung verbunden, aber so war es in diesem Fall nicht. Kustaa hatte mit seinem Vater nicht richtig gesprochen, seit er ein Kind gewesen war – und diese Kindheit hatte bis zum Tod seiner Mutter angedauert. Jetzt war sein Vater lautlos gegangen und hatte unterlassen zu sagen, was er einem Mann vielleicht zu sagen gehabt hätte. Und derjenige, der so schweigend davongeht, geht als Gewinner.
An diesem Abend brach Kustaa ziemlich früh zum Wald auf. »Was für ein Mann bist du eigentlich? Dein Vater ist noch warm, und du jagst schon Frauen hinterher. Weißt du denn nicht, Junge, woran dein Vater gestorben ist?«
»Ich finde, Hilma muss man auch Bescheid sagen«, antwortete Kustaa seiner Tante.
»Du willst die Person wohl herbringen, jetzt da –«
»Ich weiß nicht, Ihr habt sie doch von hier fortgejagt.«
»Ich hab sie nicht fortgejagt, aber ich bin ganz bestimmt der Meinung, dass sie nicht herkommen sollte, solange derjenige nicht unter der Erde ist, der sie fortgejagt hat.«
Kustaa wusste ganz genau, wie die Sache sich wirklich zugetragen hatte, aber dennoch machte dieses Gespräch einen scheußlichen Eindruck auf ihn. Wenn das Schweigen seines Vaters schon wirkungsvoll gewesen war, so blieben auch die Worte von dessen Schwester nicht ohne Wirkung. Kustaa fehlte eine Fertigkeit: Er konnte nicht skrupellos im Bösen sein. Darin lag der Schlüssel seines Schicksals, auch später, als die eigentlichen handfesten Prüfungen auf ihn zukamen. Er war empfänglich für Gift …
Hilma war ihm immerhin, was sie war, unwiderruflich, wie eine Ehefrau, ob nun eine gute oder schlechte, es einem Mann ist, aber trotzdem zeitigten die Worte der alten unverheirateten Frau die beabsichtigte Wirkung … Hilma konnte doch nichts dafür, dass sie bei diesen gerade aktuellen Dingen nicht mehr in der Lage war, auf ihren Verlobten einzugehen; dass sie im Schweigen und in gekünstelter Nachdenklichkeit verharren musste. Und damit konnte sie natürlich nichts ausrichten. Sie war zwar jetzt Kustaas Verlobte, aber ansonsten war sie nur Hilma, ein junges und kindisches Katenmädchen, das auf dem Salmelushof gedient hatte – und auf ihrem Gebiet mehr gekonnt hatte als irgendjemand sonst. Sie hatte an jenem fernen Sommerabend ihrem zukünftigen Mann in die Augen blicken können und war nicht zurückgewichen, als dieser die Zügel hinter ihr abgelegt hatte. Mit dieser Tat war sie damals an Kustaas Seite gelangt und blieb dort auch. Sie hatte ihre Tat noch mit der Art bekräftigt, mit der sie Kustaa empfing, als dieser von seinem Ausflug zu jener Hochzeit in ihrer Backstube ankam. An diesem langen Abend und in dieser Nacht damals war nichts anderes geschehen als eine ewig währende Steigerung und Bekräftigung dessen, was bereits begonnen hatte.
Das töten, was damals aufkeimte, das konnte demnach kein Gift mehr.
Hilma kam nicht auf den Salmelushof, solange der alte Hofherr nicht unter der Erde war. Erst am dritten Tag nach der Beerdigung, als auch die letzten Gäste den Hof verlassen hatten, kam sie, etwas schüchtern, aber dennoch ihrer Sache ganz sicher, und ohne auch nur ein bisschen vor der alten Martta zurückzuschrecken. Die junge Frau, die doch heimlich bereits die Ehefrau war – als solche sah Kustaa sie jetzt hier in seinem alten Erbhof, der von diesem Augenblick an durch die Ausstrahlung der starken und erfüllten Liebe wiederbelebt wurde. Kustaa hatte Hilma nicht hier herbestellt, sie war von ihrem eigenen sicheren Instinkt hierhergeführt worden. Und das war wertvoller als die wertvollsten Beteuerungen.
Martta stand stumm in der Küche, als Kustaa eintrat, und sie antwortete nicht, als er sich nach etwas erkundigte, das er seinem Gast anbieten könnte. Kustaa machte sich selbst daran, etwas zuzubereiten, aber da im selben Moment Anna, das Hirtenmädchen, hereinkam, bat er diese weiterzumachen. Da brach Martta in wütendes Schluchzen aus, mitten bei irgendeiner ihrer kleinen Erledigungen. Anna rührte sich nicht, blickte nur starr, ebenfalls wütend. Kustaa bat sie lächelnd aber mit Nachdruck: »Erledigst du das, Anna?« Ohne etwas zu antworten, machte das Mädchen sich mürrisch an die Arbeit.
Kustaa zwang Hilma, über Nacht im Haus zu bleiben. Er selbst richtete das Bett in der Gästekammer her. Hilma lächelte ihr ruhiges Lächeln und war ein bisschen verlegen wegen der vertrauten Räume und auch angesichts Kustaas, der Herrscher über all das hier war und der ihr somit zwangsläufig irgendwie fremd erschien.
Weit zurück lag Hilmas sommerlicher Abreisetag, eine hübsche Erinnerung mit ihren reizenden Aufregungen. Jetzt war es ein später Herbstabend, als Hilma ein bisschen unbeholfen auf der Schwelle der altehrwürdigen Gästekammer Kustaa eine gute Nacht wünschte. Sie hatte Verständnis dafür, dass Kustaa nicht mit ihr hineinkam. Schlaf bekam sie kaum ab, aber gut und friedlich war es, in der dunklen Stille zu sein, die sehr sachlich, wie zu sich selbst, die Ereignisse dieses Hauses zu wiederholen schien, die ihr vollkommen fremd waren, aber so als nächtliche Bilder dennoch hübsch anzusehen. Ein wenig hoffte sie um Mitternacht herum darauf, dass Kustaa käme, aber obwohl sie bis zum Morgen allein blieb, war sie nicht enttäuscht.
Am Morgen trödelte Hilma in den Wohnräumen herum, während in der Küche die alte Martta geschäftig herumhantierte und mürrisch ihre Abreise vorbereite. Als Kustaa die verweinten Augen seiner Tante sah, empfand er wider Willen Mitleid mit ihr. Es war, als wäre diese betagte und bösartige Frau nicht allein gewesen, an ihrer Seite schien etwas Unsichtbares, Altes, Ödes zu stehen, gegen das man sich gerne auflehnen wollte, obwohl der Instinkt einem sagte, dass es sich auf die Grundfesten von Generationen stützte.
Kustaa erkundigte sich so vorsichtig, wie er nur konnte, wie es um Marttas Lohn stand.
»Ich war in meinem Leben noch nie eine Lohnmagd und bin es auch jetzt nicht!«
Nach diesem leichten Stich fühlte sich Kustaa als Sieger, als er in die hintere Kammer ging, in der Hilma in ihren Sonntagskleidern saß und lächelte. Er hatte über Martta gesiegt, aber dennoch war dieser Tag eine merkwürdige Mischung aus Feier- und Werktag, aus Glück und irgendetwas anderem. Man hätte sich doch vorstellen können, dass Hilma jetzt bald hier herzieht und hier die – Hausherrin wird. Er sollte diese kindliche, süße junge Frau, der alle bedrückenden Gedanken fremd sind wie einem Engel die Sünde, ganz für sich bekommen; hier in diesen Räumen sollte er sie bekommen, ohne sich genieren zu müssen, ohne Martta, ohne irgendjemanden … Er war in der Nacht nicht zu Hilma gegangen … All das war irgendwie zu angenehm, in seiner Sanftheit geradezu deprimierend.
Der Stallknecht kam und fragte, ob er Tante Martta bringen dürfe, weil die ihn darum gebeten habe und abfahrtbereit wartete. Der Mann wirkte ebenfalls mürrisch und niedergeschlagen, als hätte auch er einige böse Worte parat gehabt, wenn er sie nur hätte aussprechen dürfen. Als der Wagen dann kurz darauf durch die Pforte hinausfuhr, während Kustaa und Hilma ihm aus dem Salonfenster hinterherschauten, fühlte Kustaa, dass dieser Moment etwas Unverschämtes an sich hatte, bei dem er auf diese Weise mit dabei sein musste, und dieses Katenmädchen erst. Das Haus war endgültig von etwas entleert worden, das immer darin gewesen war, aber wohl kaum mehr wiederkehren würde. Von diesem Etwas war die wegfahrende Tante Martta nur ein schwacher, unangenehmer Rest gewesen. Damit war es jetzt vorbei, aber in den Wänden des Hauses blieb der Geist beharrlicher Leere zurück. Kustaa spürte deutlich, dass die so gefärbte Stimmung dieses Nachmittags nun andauern würde. Da war er mit dieser Hilma hingeraten, die von alledem hier nichts verstand; die ihm bloß wie irgendein treuseliges Naturgeschöpf folgte, wohin er auch ging, auf ein Zeichen von ihm wartend, um ihm stets alles zu geben, was sie als seine Frau zu geben hatte. In diesem Moment – wenn überhaupt jemals – hätte Kustaa seinen Kopf gerne in tiefstem Vergessen an Hilmas Brust sinken lassen. Aber das hätte in der kleinen dunklen Backstube bei Hilma zu Hause geschehen müssen, ohne auch nur das Geringste von diesem leeren Haus zu wissen – das jedoch hier war, ebenfalls wie irgendein hilfloses Wesen, das selbst ein Fremder an diesem Ort nicht sich selbst überlassen konnte.
Kustaa war vielleicht geboren worden, um genau das zu tun, aber er konnte es nicht. Er hatte die Weggabelung kaum bemerkt: dass dort ein Pfad von der breiten und flachen Spur in tiefe, ruhige, heimatliche Gefilde abgebogen wäre. Er war auf dem breiten Weg weitergegangen, mit einer Schwächeren an seiner Seite.
Jetzt kam das Hirtenmädchen und fragte, was man zum Abendessen machen sollte – und wer sich darum kümmern würde. Sie habe jedenfalls keine Zeit.
Diese Abendessensfrage machte die ersten Schritte auf dem neuen Weg trügerisch verführerisch. Hilma durfte in die Küche gehen, wo sie auch früher gearbeitet hatte, aber in einer neuen Stimmung. Wieder strahlte das Mädchen ihr schönstes Strahlen. Sie genoss es ungeheuer, nach den vertrauten Dingen zu greifen. Hier und da war etwas verändert worden, seit sie den Hof im Sommer verlassen hatte; umso reizender war es jetzt, so eine fremde Besonderheit aus dem einen und dem anderen Regal zu vertreiben. Das Abendessen wurde fertig, die Männer kamen essen. Ein besonders lustiger Kätner löste die Anspannung, indem er einige ungenierte Sprüche über die neue Hofherrin losließ, die er auch schon vermisst hatte.
Unter dem sonstigen Gesinde, insbesondere unter den Mädchen, herrschten jedoch auch andere Stimmungen vor. Da gab es trübe Blicke und unentwegten Missmut. Und als derselbe Kätner, nachdem er im Anschluss an das Abendbrot einen Moment dagesessen hatte, seinen Proviantkorb nahm und sagte: »Dann sollte ich wohl auch meine eigene Hausherrin vernaschen gehen«, erwiderte darauf niemand mehr etwas.
Hilma nahm diese Stimmungen um sie herum gar nicht wahr. Ihre Weiblichkeit pulsierte gerade am kraftvollsten. Es war wunderbar, dass sie nun aus so einem besonders guten Grund auch diese Nacht hierbleiben würde – sie war ja bereits gestern Mittag hier hergekommen. Und sie war sich sicherer als sicher, dass ihr verehrter, geliebter Mann sie heute nicht die ganze Nacht allein lassen würde.
Sie ging jetzt aus eigenem Antrieb ihre Schlafstatt herrichten, wieder dort in der Gästekammer. Es war ja bereits Abend …
Als Kustaa am Morgen, als Hilma noch schlief, in die Küche ging, saß dort Hilmas Mutter. Zuckersüß erkundigte sie sich nach ihrer Tochter, ob die alte Tante sie womöglich verspeist habe, weil sie nicht mehr nach Hause gekommen sei. Und nachdem sie erfahren hatte, dass Hilma noch schlief – was sie selbstverständlich auch schon von den Dienstmädchen erfahren hatte –, begann sie, keck zu schwatzen, dass die Hofherrin morgens nicht so im Bett herumlungern sollte, da ginge ja der Hof vor die Hunde. Die Dienstmädchen hätten schon etwas in der Richtung gemunkelt.
»Ich komme nicht heraus, bevor die weg ist. Was will die hier?«, sagte Hilma aus ihrem Bett zu Kustaa.
Immerhin stand sie dann doch auf und ging in die Küche, aber Kustaa ließ sich bei Hilmas Mutter nicht mehr blicken.
Gegen Abend sagte Hilma: »Ich muss wohl ein paar von meinen Anziehsachen von dort holen. Kommst du mit?« »Vielleicht ist es besser, wenn du allein hingehst. Der Junge soll dich mit dem Pferdewagen fahren.«
Erst in der Abenddämmerung kehrte Hilma zurück und stellte einige ihrer kleinen Besitztümer in der Gästekammer auf. Mit ihrer unbewussten weiblichen Unverfrorenheit nahm sie den Raum dauerhaft in Besitz. Dort durfte Kustaa sie besuchen kommen, wie früher in der heimatlichen Backstube. Und daraufhin verließ sie den Salmelushof erst acht Jahre später, dann mit ihrem einzigen am Leben gebliebenen Kind Silja auf dem Arm. Aber davor sollte noch viel passieren.
Alles geschah allerdings sachte und in kleinen Schritten. Die große Wanduhr schreitet langsam und stetig durch alle Momente des Lebens hindurch, Minute für Minute, durch Fest- und Alltag, durch Windstille und Wind. Von der Uhr aus betrachtet scheinen diese Momente alle ziemlich gleich zu sein, aber wenn du von der Uhr weggehst und sie zu leben beginnst, merkst du, dass sie noch andere Eigenschaften als bloß ihr Maß haben. Jeder, der am Leben ist, muss sie ja doch alle selbst erleben, und über jede Minute muss zumindest insofern Rechenschaft abgelegt werden, dass nach ihr eine weitere beginnt. Sie beginnt nicht aus dem Nichts, und man kann sie ferner auch nicht auf eine beliebige angenehme vergangene Minute folgen lassen.
Auch das junge Paar am Salmelushof lebte sein Leben. Nachdem man sich daran gewöhnt hatte, was nun einmal begonnen hatte, wurde es – während die Uhr weiter ihren Gang ging – nach und nach zur Grundfarbe ihres Lebens. Es gab am Anfang gar keinen Grund, sich den weiteren Verlauf der Jahre vorzustellen, diese Ahnung hatten sie in diesem Sommer und Herbst der Wunder gegen den Glanz des Augenblicks eingetauscht.
Die Hochzeit wurde im Stillen gefeiert. Hilmas Mutter besuchte freilich sogar zweimal den Salmelushof, um das junge Paar zu überreden, in Plihtari, im Elternhaus der Braut, zu feiern, wie es Brauch war. Aber Kustaa ließ sich bei keinem der beiden Male auf Diskussionen mit ihr ein, und Hilma für ihren Teil sagte, dass Kustaa es so wolle.
»Die Leute werden noch glauben, die Hochzeitsfeier hätte vor der Trauung stattgefunden«, beschwerte sich Tilta, Hilmas Mutter.
»Hat sie doch auch«, entgegnete Hilma mit einem herausfordernden Lächeln.
»Na, dann ist es egal, wo so ein Paar getraut wird, oder ob es überhaupt irgendwo getraut wird – vielleicht wird es ja überhaupt nicht getraut.«
Der Besuch der Schwiegermutter nahm ein knochentrockenes Ende; sogar der Kaffee blieb dem Weib im Hals stecken, und die Verabschiedung erfolgte mit einem sonderbaren Ächzer. Aber seit dem Aufgebot waren bereits drei Wochen vergangen, man musste das doch irgendwie zu Ende bringen. Am nächsten Morgen ergriff Hilma noch im Bett liegend Kustaas Hand und sagte:
»Hör mal, wir sollten doch vor einen Pfarrer treten. Meine Kleider werden mir schon eng.«
»Dann machen wir das halt«, sagte Kustaa und riss seine Hand im Spaß gewaltsam los.
Kurz darauf kam er wieder in die Gästekammer zurück und fragte: »Bist du denn noch nicht bereit – das Pferd wartet.«
Hilma war erst beim Haarekämmen, aber sie war sehr erfreut über diesen lustigen Morgenstreich. Zuerst hielt der Kamm inne, aber schon bald strich er umso emsiger weiter.
»Werde ich also heute getraut?«
»Ja, und ich wohl auch«, sagte Kustaa scherzend.
Allem zum Trotz bedeutete dieser Tag für Hilma einen ungeheuer triumphalen Aufstieg. Obwohl ihre Verlobung schon verlautbart worden war, war es Hilma noch nicht möglich gewesen, sich selbst als etwas anderes zu sehen als ein Mädchen, dem passiert war, was eben passiert war, aber deren Leben dennoch nett und geborgen war, unter dem Schutz dieses wortkargen, gerne lächelnden Mannes. Jetzt würde sie eine Ehefrau werden. Eine Ehefrau – Hilma dachte dieses Wort, als hätte sie es zum ersten Mal gehört.
Mit schwarzem Pferd und läutenden Schellen fuhren sie zum Pfarrhaus. Als sie gegen Mittag zurückkehrten, bekam der Hofherr ziemlich bald die Gelegenheit, dem Dienstmädchen zu sagen: »Frag die Hausherrin.« Das Abendmahl war reichhaltiger als sonst. Auf dem Tisch lag eine weiße Tischdecke, und zur Mahlzeit gab es einige Schnapsrunden, wie es auch während der Herrschaft des alten Hausherrn bei Feierlichkeiten üblich gewesen war. Wenn dann in der darauffolgenden Zeit die Frauen der Kätner und Knechte dem Hof ihren Besuch abstatteten, wurden sie feierlicher als sonst empfangen, bis sie alle bewirtet worden waren. Die Kätnerfrauen kehrten eine nach der anderen auf eigenen Wegen in ihre Behausungen zurück und dachten dabei an das neue und etwas befremdliche Leben auf dem Salmelushof.
So verlief der Vorwinter ruhig und friedlich; niemand störte das junge Paar, weil nicht einmal eine Aufteilung des Erbes infrage kam. Die junge Hofherrin ging bei ihren Verrichtungen auf den winterlichen Gartenwegen herum. Irgendein Hinterwäldler kam gerade die Straße entlang am Hof vorbei. Als er die Hofherrin erblickte, blieb er stehen, kniff die Augen und seinen schmutzigen Mund zusammen und setzte seinen Weg dann fort, um daheim zu erzählen, was er alles auf seiner Runde beobachtet hatte. Die gesegneten Umstände der Salmelus-Hofherrin konnte man bereits von der Straße aus erkennen. »Tja, so ist das wohl, die Tochter hat’s wirklich geschafft – da hat das Plihtari-Volk jetzt gut lärmen –, das kann die Tilta ja besonders gut. Das ist doch wirklich außerordentlich, was manche für ein Glück haben …«
Kustaa bekam manchmal mit, wie ein solcher unhöflicher Kerl stehen blieb, und ahnte sofort, was vor sich ging. Er bekam auch Worte zu hören. Als sich eines Abends herausstellte, dass die Häckseltröge der Pferde abgenutzt waren, sagte der Hofherr gutmütig und ohne weiter darüber nachzudenken:
»Wir müssen den alten Plihtari fragen, ob er das richten kann.« Er hatte das Gefühl, dass er vor den Ohren dieser Männer etwas Gutes über seine Frau gesagt hätte. Aber ein älterer Kätner brauste auf, als würde er seiner heimlichen Wut freien Lauf lassen:
»Da brauchen wir zum Teufel noch mal keinen Meister aus Plihtari dafür!« – Und als er den Trog in die Krippe hob, schnauzte er auch noch das Pferd an.
»Ist der Vuorenmaa irgendwie sauer auf den Plihtari?«, fragte Kustaa die anderen Männer.
»Auf so einen Hosenscheißer lohnt es sich nicht mal sauer zu sein«, schnaubte Vuorenmaa, der die Frage gehört hatte.
Kustaa klopfte etwas zu lautstark mit dem Häckselstab an den Wasserwannenrand, sagte aber nichts mehr. Die Männer erledigten ihre Arbeit und beeilten sich davonzukommen. Vuorenmaa blieb als Letzter übrig und wollte unbemerkt die Laterne löschen.
»Ich bleib noch da«, sagte Kustaa und schlug besonders fest gegen den Wannenrand.
»Bleib verdammt noch mal von mir aus bis an dein Lebensende da«, zischte der Kerl und wirbelte raus aus dem Stall. Kustaa löschte dann die Laterne und ging auch.
In der Küche waren die Männer schon beim Abendessen, und auch Hilma hielt sich dort auf – in Kustaas Augen wirkte sie ein bisschen so wie früher während ihrer Dienstzeit. Das derzeitige Küchenmädchen Loviisa, Vuorenmaas Tochter, hatte sich an den Tisch neben ihren Vater gesetzt, die Hausherrin stand allein am Herd.
»Was stehst du denn da rum – die Tischbedienung kann doch wohl Loviisa übernehmen«, sagte Kustaa in seltsamem Ton und ging an ihr vorbei in die Wohnräume.
Soweit man hören konnte, aß das Gesinde, ohne ein Wort zu sagen, weiter, und auch Hilma blieb, wo sie war. Eine äußerst betrübte Stimmung erfüllte an diesem Feierabend das Haus, ohne dass jemand gewusst hätte, von wo sie denn hereinsickerte.
Als die Männer vom Essen aufgestanden und gegangen waren, die Kätner nach Hause und die Knechte in ihre Stube hinüber, ging Kustaa wieder in die Küche, wo Hilma noch immer herumtrödelte, jetzt allein mit Loviisa. Das Mädchen räumte den Tisch ab, und die Hofherrin schien auf eine Antwort von ihr zu warten.
»Der alte Vuorenmaa war richtig sauer – was ist dem denn über die Leber gelaufen?«, fragte Hilma Kustaa, während Loviisa immer weiter geschäftig herumhantierte. Kustaas Blick wanderte vom Rücken des Mädchens zu Hilmas Augen.
»Ich weiß von nichts – der Kerl hat mich auch angefahren. Vielleicht weiß Loviisa mehr?«
Kustaa ging hinaus, spazierte einmal um das Haus herum und kehrte wieder in die Küche zurück.
»Angeblich steht es schlecht um die Eeva-Tochter, das liegt Vuorenmaa wohl auf dem Herzen«, sagte Hilma.
»Ja, und der Plihtari-Iivari ist schuld daran«, sagte Loviisa und zerrte dabei unnötig heftig an irgendeinem Gegenstand.
Hilmas und Kustaas Eheleben ging immer weiter voran. Ihr heutiges abendliches Gespräch, nachdem sie sich endlich in die Gästekammer zurückgezogen hatten, bestand aus ernsten Sätzen und langem Schweigen. Der Plihtari-Truppe, Hilmas Familie, kam von Tag zu Tag mehr Bedeutung zu. Kustaa hatte das Gefühl, gar nicht mehr mit Hilma allein zu sein, nicht einmal in diesen späten teuren Momenten. Nun gab es den Hof mit seinem Gesinde, die Kätner mit ihren Töchtern, Plihtari – und Hilma, Plihtaris Tochter. In manchen Momenten erschrak Kustaa bei einem solchen Gedankengang; war er ganz allein inmitten von alledem? Und seit wann? Vielleicht seit jenem Abend in der Plihtari-Backstube, als Hilma ihm nichts zu sagen wusste … Gab es also nur jene beiden Abendmomente: den einen da an der Schwelle der Backstube und den anderen dort, auf dem Heimweg von der Hochzeit?
Doch, es gab noch etwas anderes. In den Bewegungen dieser Frau war nichts mehr von der Schüchternheit des zartgliedrigen Katenmädchens – aber das musste es auch nicht. Dieser aufgeblähte Leib enthielt etwas, das von diesen Dingen unberührt blieb. Kustaa schaute und schaute, als hätte er den Zustand seiner Frau erst in diesem Moment bemerkt; eine vorher noch nie erlebte warme Leidenschaft erfüllte sein Blut und seinen Geist. Dass auf dem Salmelushof alles Alte verschwunden war, das bedeutete bloß eine Leere, deren Gewicht an diesem Abend wieder besonders deutlich zu spüren gewesen war … Aber nach diesem Winter wird der Frühling kommen und dann der Sommer – das Leben bleibt nicht stehen, man muss es bloß bewahren. Dieser Moment glich beinahe jenem damals im Sommer auf den Stufen. Hilmas leises Schluchzen war verklungen, ihre letzten Worte bereits vergessen. Von seiner erwachten starken Lust angetrieben näherte sich Kustaa seiner Frau und streichelte sie. Hilmas Augen glänzten noch vor Feuchtigkeit, als sie lächelnd sagte: »Nicht so heftig – dass du dem Jungen nicht wehtust …«
In einem solchen Moment waren sie bloß von den Wänden des kleinen Zimmers und den vertrauten Gegenständen umgeben, die zum Teil aus Hilmas Kammer in Plihtari stammten. Sie schliefen wie unwissende Kinder, aber als sie am Morgen erwachten, waren der Hof mit seinen Knechten, die Kätner mit ihren Töchtern und auch die Plihtaris wieder da.
In der Küche konnte die Plihtari-Tilta sitzen, die Kustaa, wenn er vorbeiging, merkwürdig schüchtern und unterwürfig ansah. Es stellte sich dann auch heraus, dass sie daheim Geld gebraucht hätten – das sagte Hilma. Und als am selben Tag gegen Abend jemand nach seinem Lohn fragen kam, hatte der Hofherr nicht den vollen Betrag beisammen – nicht auf der Hand, denn Geld hatte er zwar, aber es war verliehen, noch aus der Zeit des alten Hofherrn …
Es schien, als wären da die Spuren der Plihtari-Tilta, die morgens dagewesen war, im Haus noch spürbar gewesen. Kustaas Äußeres veränderte sich, als er mit dem Mann sprach, der seinen Lohn einforderte; mit geröteten Wangen blickte er zu Hilma hinüber, die alles hätte wissen und verstehen sollen. Aber auf Hilmas Gesicht lag dieser besondere abwesende Ausdruck, den Kustaa bereits irgendwann zuvor einmal gesehen hatte. Jetzt sah er ihn zum ersten Mal so, dass sie nicht unter sich waren.
»Das Geld, ja – wie wird es nun bezüglich des Geldes weitergehen. Man muss wohl einige Schulden eintreiben.« Kustaa sprach wie zu sich selbst, aber sowohl der Gast als auch Hilma bekamen es mit. Und es dauerte auch nicht lange, bis ein Schuldner von sich aus erschien, um seine Schulden zu begleichen.
»Ich habe gehört, dass der Hofherr meinen Kredit aufkündigen will – da bin ich schnell selbst hergekommen.«
»Über euch hatte ich doch gar nichts gesagt.«
»Der Kivisoja-Ville hat aber erzählt, dass der Hofherr damit gedroht hat, den Kredit vom Korkeenmäki aufzukündigen, weil er ihm den Lohn für das Holzhacken nicht bezahlen konnte. Aber der ist ja auch so ein Schwätzer, dass man nicht wissen kann, ob das auch stimmt, was er sagt.«
Auch dieser Vorfall hatte für das Ehepaar ein Abendgespräch zur Folge. Jetzt war immerhin etwas Geld in der Geldschublade, und das wurde von dort auch nirgendwo mehr hinverliehen. Man kann es auch nicht als Kredit bezeichnen, als der Plihtari-Iivari kurz vor Weihnachten fünfhundert Mark bekam. Der Salmelus-Hofherr dachte nicht einmal daran, es irgendwann einmal zurückzubekommen. Aber ansonsten war diese Angelegenheit allerdings höchst unangenehm.
Es kam nun immer öfter vor, dass, wenn einer von beiden, Hilma oder Kustaa, auch nur zufällig auf eine Angelegenheit mit den Plihtaris zu sprechen kam, das in der Folge zu kleineren Reibereien führte. Kustaa zeigte immer deutlicher, dass er die Besuche der Schwiegermutter nicht duldete; wenn diese mit ihrem Gehabe in der Küche saß und mit offensichtlichem Vergnügen im Beisein des Gesindes ihren Schwiegersohn ansprach, dann sagte Kustaa wie als Antwort etwas zu dem Hirtenmädchen, das sich im Hintergrund hielt und ihren Kaffee schlürfte. Und Kustaa nahm in dieser Frage auch auf Hilma keine besondere Rücksicht. Jeder konnte sehen, dass sich in dem Mann dann etwas furchteinflößend zusammenbraute, und das junge Hirtenmädchen war durch die grundlose Gunstbezeigung des Hofherrn eingeschüchtert. Es war, als ob sie – und diese zufällige Küchengesellschaft, zu der offenbar auch die Hofherrin in diesem Moment gehörte –, ohne es zu wollen, mit ihrer bloßen Anwesenheit jemanden geärgert hätte, den man lieber nicht hätte ärgern sollen.
Manchmal kam es vor, dass Kustaa die Männer bei der Arbeit erwischte, wie sie irgendeine derbe Geschichte erzählten, die sie, sobald er dazukam, mit ein paar vagen Kommentaren beendeten, wie um ihn zu ärgern.
»Wer hat das gesagt – oder getan?«, fragte der Hofherr dann geradeheraus, um auch zu erfahren, was die Leute dachten.
»Ach, bloß so ein Mädchen« – wurde ihm dann geantwortet; oder: »Das war doch bloß so ein Bursche, als er vom Markt zurückkam.« Und auch hinterher wurde es nicht weiter erklärt, bis der Hofherr den alten Kätner zur Seite nahm, und dieser ihm gegenüber dann in Andeutungen anvertraute, dass es eben um die Angelegenheiten des Plihtari-Iivari gegangen war.
Nach solchen Vorkommnissen sprach Kustaa abends kein Wort, wenn er sich neben seine Frau ins Bett legte. Seine Frau griff nach seiner Hand und drückte sie, doch es gab keine Erwiderung, da waren nur die unbelebten Zellen seiner schwieligen Handfläche und Finger. Das dunkle Schweigen verdichtete sich, und unter der gemeinsamen Decke versuchten beide, auch ihren Atem zu drosseln, damit er nicht zu hören war. Für die Frau war das schwieriger; ihr Zustand machte die Atemzüge kurz, und bei Gemütsbewegung begann sie, leicht zu schnaufen. Wenn sie sich umdrehte, gab sie ein bebendes Seufzen von sich und krallte sich zugleich plötzlich am Oberarm des Mannes fest, und zwischen heftigem Schluchzen waren geflüsterte Sätze zu vernehmen, die mit Gewalt zu einem deutlichen Laut ausbrechen wollten.
»Was bist du denn immer so böse auf mich – du hast doch gewusst, wo ich herkomme, als du mich zur Frau genommen hast. Und du musst meine Leute hier nicht sehen, wenn du das nicht willst – ich hab Mutter nicht herbestellt –, und ich werde ihr ganz sicher sagen, dass sie nicht mehr herkommen soll – und die anderen haben uns ja nicht besucht.«
»Sie haben uns nicht besucht, aber ihr Ruf«, erwiderte Kustaa schroff.
Hilma schien diese Bemerkung gar nicht gehört zu haben. Das Schluchzen ging weiter, und die Schluchzende drängte sich immer stürmischer neben ihren Mann. Da konnte Kustaa nicht mehr anders, als zu versuchen, sie mit der freien Hand tröstend zu streicheln. Aber davon brach die schluchzende Ehefrau vollends in Wehklagen aus:
»Oh, ich Unglückliche, wo bin ich da nur hineingeraten. Warum bestraft mich das Leben für etwas, das ich selbst nie getan habe oder gewesen bin.«
Der Körper der Ehefrau fühlte sich irgendwie wärmer an als zuvor und ein wenig unbeholfener, als sie sich da wohlig in die Arme ihres Mannes kuschelte. Diese Erkenntnis bezwang den Mann wie schon manches Mal zuvor. Auch ließ ihn der letzte Satz seiner Frau aufhorchen: Er wäre niemals auch nur auf die Idee gekommen, dass diese Hilma, Plihtaris Tochter, irgendwelche Affären hätte gehabt haben können, bevor sie auf den Salmelushof kam. Jetzt begriff er aufgrund von Hilmas letztem Nebensatz, dass zumindest das sicher war. Hilma kam in diesem Zusammenhang offenbar gar nicht auf den Gedanken, dass etwas zwischen ihnen vorgefallen sein könnte – und das war die sicherste aller Beteuerungen. Rührung überkam den Mann, und er liebkoste die Ehefrau wie früher das Mädchen …
Es folgten ruhige und liebevolle Stunden der Erholung, aber am Morgen wachten sie früher als sonst auf. Zuerst blickten sie einander an, wie um sich gegenseitig etwas in Erinnerung zu rufen – und dann begannen sie, mit leiser Stimme miteinander zu sprechen.
Hilma sprach nun eigentlich zum ersten Mal mit ihrem Mann über ihren Bruder Iivari, über dessen Angelegenheiten sie offenbar auf dem neuesten Stand war. Die Vuorenmaa-Eeva hatte wohl schon entbunden, und das Kind war wohl von Iivari, daran kam man nicht vorbei. Was man so hörte, hatten die Vuorenmaas jedoch wissen lassen, dass es, wenn Iivari ein für alle Mal einwillige und Eeva fünfhundert Mark bezahle, keine Vorladung geben würde. Aber dass das bis Weihnachten geschehen müsse, sonst käme die Vorladung als Weihnachtsgeschenk. Doch Iivari hat gar nicht so viel Geld – außer wenn er es irgendwo ausleihen und es dann nach und nach abarbeiten könnte.
Kustaa nahm die Sache ganz so, als hätte Hilma direkt eine Frage oder eine Bitte an ihn gerichtet.
»Du solltest eigentlich heute selbst hinfahren und alles genau klären«, sagte Kustaa, während er sich ankleidete, und gab mit der Milde in seiner Stimme zu verstehen, dass er Hilma durchaus eingestand, noch ein bisschen liegen zu bleiben. Und Hilma blieb liegen – gewärmt einzig von dieser Aufmerksamkeit, obwohl sie eigentlich gar keine Ruhe gebraucht hätte. Da konnte sie jedoch über ihre verbleibenden Wochen bis zur Geburt und die Vorbereitungen nachdenken, die getätigten und die noch zu tätigenden.
Der Boden war reifbedeckt, aber Winterschnee war noch nicht gefallen. Der Weg vom Salmelushof nach Plihtari war auch für diejenige, die schlechter zu Fuß war, hervorragend zu bewältigen, weswegen Kustaa kaum etwas dagegen einzuwenden hatte, dass Hilma sich zu Fuß auf den Weg machte. Es war nett, seine Frau auf der Straße gehen zu sehen, vom Hof fort, unterwegs, um etwas Bestimmtes zu erledigen. Hilma ging ein wenig schwerfällig, aber noch geschmeidig genug, dass der Anblick das Gemüt ihres Lebensgefährten wärmte. Auch Hilma selbst bereitete dieser Weg große, vorher nicht gekannte Freude; jetzt erst fühlte sie, dass sie sich als eine selbstsichere Hofherrin ihrer ehemaligen Heimatkate näherte.
Als sie die Haustür öffnete, kam ihr die entgegenströmende Luft auch zum ersten Mal ein wenig fremd vor, und es überkam sie für einen Moment das Gefühl, dass sie sich auf einen unnützen und unbedachten Weg gemacht hatte. Ihre Mutter war seltsamerweise mitten in der Stube stehen geblieben und sah ihre Tochter wie irgendeinen anrüchigen Ankömmling an, unverfroren direkt und lange blickte sie auf deren füllige Gestalt und sagte, während sie so schaute:
»Hat dir wieder irgendeine Tante den Laufpass gegeben?«
»Wie kommt Ihr denn darauf?« – der Tochter fiel nichts anderes ein, was sie hätte entgegnen können.
»Ich hab nur gedacht, dass die Hausherrin eines so großen Hofes in diesem Zustand bestimmt nicht zu Fuß so weite Wege wandern muss.«
»Und ich hab mir gedacht, dass der trockene Weg bequem für mich zu gehen ist, wenn ich es schon nicht eilig habe. Und die Tonttila-Oma hat auch zu mir gesagt, dass ein bisschen Spazierengehen nur guttut.«
»Ach, jetzt lebst du also nach den Ratschlägen der Tonttila-Alten; na ja, die hat auch die Ihrigen gut beraten, wenn da schon zwei von den bloßen Ratschlägen ein Balg an der Backe haben.«
»Das haben hier doch bald auch zwei von Euch Beratene geschafft. Das Balg der einen brüllt angeblich schon, und lange dauert es bei der anderen auch nicht mehr, wie Ihr sehen könnt.«
Es entsprach ja durchaus Tiltas Art, so zu reden, aber dieses Mal fühlte es sich ebenso wie die Luft in der Stube unangenehmer an als zuvor. Zumindest konnte Hilma so gleich ganz ungezwungen auf die Angelegenheit zu sprechen kommen, derentwegen sie hergekommen war. Iivari selbst war nicht zu Hause, der jagte wohl wieder mit seinem Gewehr hinter den Eichhörnchen her.
»Nein, der ist in Kyntöhuhta, um zu erfahren, wann die zum Marktplatz fahren, damit er das Eichhörnchenfell mitschicken kann«, sagte die jüngere Schwester gewohnt griesgrämig.
»Ja, wahrscheinlich, damit es für die Vuorenmaa-Tochter auch was zu holen gibt«, fuhr die Mutter mit ihrem Gemotze jetzt gegen ihren Sohn fort.
Erst als auch der Plihtari-Alte, der Vater, dort auftauchte, seine Axt in der Tasche, seine Fäustlinge auf den Dachbalken verstaut und das Gespräch unter die erforderliche Kontrolle gebracht hatte, begann sich die Unterhaltung, ein wenig zu mäßigen. Der Vuorenmaa-Alte habe ihm selbst gesagt, dass sie sich auf fünfhundert geeinigt hätten; er, Plihtari, habe das zwar für übertrieben gehalten, aber da habe der Vuorenmaa begonnen, reiche Schwager und sonst noch was aus dem Ärmel zu zaubern.
Die hohe Stirn in tiefe Falten gelegt hörte die noch nicht volljährige Schwester zu, wie man sich in der Angelegenheit schließlich einig wurde.
»Kustaa kann es ihm schon leihen«, sagte Hilma mit verhaltener Erwachsenenstimme, und so, dass alle auch ja hörten, wie sie ihn beim Vornamen nannte. »Aber Iivari muss es dann auch zurückzahlen.«
»Geschenkt würde er es bestimmt gar nicht nehmen – wer weiß schon, ob er es überhaupt geliehen haben will«, sagte der Vater gönnerhaft.
Hilma verhielt sich wirklich ganz erwachsen, wie sie da mit knappen Worten verhandelte. Die Mutter sprach schon wohlwollender, und als der alte Plihtari dann richtig mit Pferd und polterndem Wagen losfuhr, um seine Tochter zum Salmelushof zu bringen, herrschte beim Abschied in der Katenbehausung ein besonderer Familiengeist vor, so ein äußerst seltener, aber dennoch allen vertraut vorkommender, warmer und gewissermaßen einträglicher Lufthauch. Er klang auch weiterhin bei der Mutter und bei der Schwester in der Katenluft nach, und er begleitete die verheiratete Tochter, als sie an der Seite ihres Vaters auf dem Wagen mit dem vorgespannten vertrauten, kleingewachsenen Pferd saß. Erst als der Salmelushof in Sicht kam, geriet Hilma wieder aus der Fassung. Die Giebelfenster des Salmelushauses waren wie Augen – und Hilma war, als säße sie auf irgendeine Art dort, hinter diesen Fenstern, und wäre gar nie weggewesen, obwohl sie jetzt da neben ihrem Vater saß. Es war jetzt für sie beinahe ebenso, das Salmelushaus zu betreten, wie am Vormittag die Plihtari-Kate. Die gerade eben erlebte Glückseligkeit fühlte sich nun seltsam befremdlich an. Plihtaris kleine Stute, von dem alten Mann angetrieben, zog ihre Last mitleiderregend beschwerlich aus der Speichersenke hinauf vor die Küchentreppe.
Der Hofherr und die Hofherrin unterhielten sich diesmal mit dem alten Plihtari in den Wohnräumen. Das Gesinde sollte darüber denken und auch reden, was immer es wollte. Und geredet wurde dann auch – einer von ihnen ließ ziemlich direkte Vermutungen auch dem alten Vuorenmaa gegenüber verlauten. Dass die Eeva jetzt wohl bestimmt bald für ihr Kleines bekomme, was sich gehöre, weil sich an der Hinterseite von Plihtaris alter Stute ein so großer Haufen Pferdeäpfel angesammelt habe, während sie neben dem Schlagbaum gewartet hat.
»Teufel auch«, sagte der alte Vuorenmaa und spuckte zornig auf den Boden.
Kustaa wusste sehr wohl, dass es am einfachsten und sichersten wäre, das Geld selbst direkt Vuorenmaa zu geben; und wäre da der Vorfall kürzlich im Stall nicht gewesen, hätte er das womöglich auch getan. Doch jetzt war das unmöglich. Er gab die Scheine seinem geröteten und Versprechungen daherplappernden Schwiegervater und wusste schon, als dieser ging, dass er das Geld für immer weggab – und er hatte auch sonst Bedenken, wie sich die ganze Sache weiter entwickeln würde.
