Junge. Macht. Blut. - Rai Huck - E-Book

Junge. Macht. Blut. E-Book

Rai Huck

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Beschreibung

"Erschreckend - Aufwühlend - Verletzend" -Readers Review- Alles fing an mit einer skurrilen Begegnung, die Tim ein Leben lang verfolgen sollte. Ein Blick in die Gedankenwelt eines Jungen, der in seiner Welt schnell mächtig werden musste, um zu überleben. Die letzten Jahre im Internat, irgendetwas zwischen Anerkennung und Zurückweisung einer Freundschaft, ein Selbstmord, der als Unfall verschleiert wird, jemand gibt vor, jemand zu sein, der er nicht ist. Während der Klassenfahrt auf Norderney bricht das Böse endgültig aus Tim heraus. Jahre später treffen sich Tim, Ben und Richard in Köln wieder. Irgendetwas über ein Geheimnis in der Vergangenheit. "Ich hatte keine Ahnung, wer Tim wirklich ist." - Ben, Mitschüler

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Geschichte ist durch reale Ereignisse inspiriert.

Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

Prolog

Es geschah an einem Samstagnachmittag. Der kleine Tim, sieben Jahre alt, ging nach dem Mittagessen in den benachbarten Wald.

Vor zwei Tagen hatte er am Waldeingang einen Jungvogel gefunden. Er schien aus dem Nest gefallen zu sein. Zwei Stunden lang hatte er ihn beobachtet, aber der Jungvogel blieb allein. Seine Eltern hatten ihn alleingelassen.

Tim rannte nach Hause und baute einen Karton mit Luftlöchern, in dem der Jungvogel Unterschlupf fand. Er sammelte Insekten, legte sie in den Karton hinein und brachte Wasser mit, damit der Vogel immer etwas zu trinken hatte.

Am dritten Tag saß Tim auf dem Waldboden und beobachtete den Vogel beim Essen, als plötzlich ein älterer Junge vor ihm auftauchte. Tim hatte ihn gar nicht kommen sehen und erschrak. Ohne etwas zu sagen, öffnete der ältere Junge den Karton. Vor Tims Augen nahm er den Kopf des Jungvogels zwischen Zeigefinger und Mittelfinger und zog einmal kräftig dran. Der Kopf des Jungvogels fiel auf den Boden. An den Händen des Jungen klebte frisches Blut.

»Na, Kleiner«, sagte der ältere Junge, »will`ste mal ablecken?«

Tim blieb sitzen, sagte kein Wort und zitterte. Der Junge verschwand genauso schnell, wie er gekommen war. Wind kam auf, und es begann heftig zu regnen. Tim wollte dem älteren Jungen nicht noch mal begegnen. Dann sah er zu, wie der tote Jungvogel vom Regen weggespült wurde.

EINS

Als ich im Internat war, stand ich jeden Morgen fünf Minuten vor dem Spiegel und verfiel in Gedanken. Mein Spiegelbild sagte mir immer die Wahrheit.

Ich fand mich charmant und schön.

Langsam bewegte ich mein Gesicht zum Spiegel hin, bis meine Nasenspitze die Glasscheibe berührte.

Ich erschrak.

Das Bild, das ich jetzt zu sehen bekam, machte mir Angst. Mein Gesicht hatte nur noch ein Auge. Es war riesig groß und befand sich mitten im Gesicht. Ich starrte mich an, verharrte wie in Trance. Meine Augenfarbe war verschwommen. Langsam bewegte ich mein Gesicht vom Spiegel weg und blieb auf Distanz. Ich wurde wieder klar und rein. Meine blauen Augen bekamen ihre volle Schönheit zurück.

Ich bin nicht so, wie sie alle denken.

Nein, so bin ich nicht.

Es war früh am Morgen, halb sieben. Mein Haar war völlig zerzaust. Es war eine unruhige Nacht. Ich hatte wieder schlecht geschlafen. Die ganze Nacht drehte ich mich von einer Seite auf die andere und wurde regelmäßig von komischen Träumen geweckt. Sie ließen mich schwitzend erwachen, aber ich fühlte mich wohl, war vielleicht erregt, keine Ahnung.

Irgendetwas befriedigte mich dabei, die Träume zu erleben, zu spüren, aber ich verstand sie noch nicht, wusste nicht, was in diesen Nächten mit meinem Körper passierte.

Die vier Gemeinschaftsbadezimmer auf unserem Flur waren sehr klein. Jedes Bad hatte eine Toilette, zwei Waschbecken mit Spiegel und eine Badewanne mit integrierter Dusche. Ich säuberte den Spiegel mit einem feuchten Tuch und wusch mir den letzten Nachtschweiß aus meinem Gesicht. Alles roch nach alter, schmieriger Seife.

Damit das Badezimmer beim Duschen nicht vollständig unter Wasser lief, gab es einen Duschvorhang, den man zuziehen konnte, aber viele nutzten ihn nicht. Oft stand der ganze Fußboden unter Wasser. Dann dauerte es nicht lange, bis es auf dem Flur laut wurde.

»Welches Arschloch hat hier zuletzt geduscht?«, »Du Wichser!«, »Du Drecksau!«, »Du Schlampe!«, hat es dann oft geheißen.

Das Warmwasser der Dusche ließ sich nur schwer regulieren. Die Kunst bestand darin, den Einhebelmischer-Wasserhahn in kurzer Zeit in die optimale Position zu bringen, ohne sich dabei zu verbrennen. Aber das gelang mir nur sehr selten. Entweder war das Duschwasser extrem heiß oder eiskalt.

Allzu schnell verbrannte ich mir die Kopfhaut und wurde aggressiv. Schon klopfte bereits der nächste Schüler an die Tür.

»Tim, beeil dich. Ich muss auch noch ins Badezimmer. Die Zeit drängt!«, rief Ben und schlug mehrmals gegen die abgeschlossene Badezimmertür.

Ich hatte ihm nicht geantwortet und ließ ihn warten. Wenn ich im Bad war, schloss ich die Tür immer ab. Ich konnte es nicht ertragen, wenn ich mich im Spiegel sah und neben mir ein Mensch stand. Schon gar nicht, wenn er auf die Idee kam, sich über mein Aussehen frühmorgens lustig zu machen, weil ich augenblicklich nicht perfekt zu sein schien. Und das Haar noch nicht gekämmt und mit feuchtem Gel geglättet war.

Ich war nicht arrogant, ich redete nur nicht mit jedem. Erst recht nicht, wenn ich noch müde war.

Ben war mein Mitschüler und sah ebenfalls sehr gut aus, aber objektiv betrachtet, ist er nicht so schön wie ich. Immerhin gab er sich Mühe. Vor kurzem hatte er sich eine Haircut-Maschine gekauft. Ein wahnsinniges Teil mit zwanzig einstellbaren Stufen und vier verschiedenen Aufsätzen. Jeden Tag schnitt Ben ein bisschen an seinen Haaren herum und schaute sich dabei die neuesten YouTube Videos an: »be your own self hair cutting machine«.

Wir beide waren siebzehn Jahre alt und sehr schlank. Wir konnten essen, was wir wollten, und nahmen nie zu. Trotzdem stellten wir uns nach Ende des Sportunterrichts regelmäßig auf die Waage. Aber wir wussten schon im Voraus, was sie uns anzeigen würde. Siebzig Kilo plus minus zwei.

Als ich die Badezimmertür aufschloss, war Ben auf dem Flur nicht mehr zu sehen. Ich ging wieder zurück in mein Zimmer. In dem Raum standen zwei Einzelbetten. Aber seit Beginn meiner Internatszeit war ich allein auf dem Zimmer. Das andere Bett blieb frei. Ob es jemals wieder belegt werden würde, das wollte mir die Internatsleitung nicht mitteilen.

Ich schlief in einem konventionellen Massivholzbett. Die Matratze roch irgendwie benutzt. Als ich das Bett zum ersten Mal frisch bezog, entdeckte ich einige vertrocknete Spermaspuren. Mein Vorgänger schien genauso viel zu wichsen wie mein Mitschüler aus dem Nachbarzimmer. Jeden Morgen, pünktlich um halb sieben, wenn die Schulklingel das erste Mal zum Wecken läutete, hörte ich kurze Zeit später ein verkrampftes Stöhnen von nebenan. Innerhalb von wenigen Sekunden folgten mehrere Aufschreie. Meist ein uh-ja oder oh-ja, so was in der Art. Vielleicht war es auch zuerst das oh-ja und dann das uh-ja. So genau konnte ich mir die Tonfolge nie merken. Manchmal hörte ich auch das Bett quietschen. Danach war erst mal Ruhe. Bis zum nächsten Morgen, als die Schulklingel wieder läutete. Und keine dreißig Sekunden später ging das Lustspiel von vorne los.

Ich machte mir Gedanken darüber, wie sich mein Mitschüler aus dem Nachbarzimmer wohl in zehn Jahren verhalten würde, wenn er erwachsen und alt ist. Vielleicht sitzt er dann als erfolgreicher Geschäftsmann in einem Intercityzug, ist müde und schläft ein, plötzlich klingelt hinter ihm ein Reisewecker. Was macht er dann? Knöpft er sich automatisch seine Hose auf, holt seinen Schwanz heraus und fängt an zu wichsen? Ich musste lachen, aber ganz abwegig fand ich meine Prognose nicht.

Ich öffnete meinen Kleiderschrank, der wuchtigste Gegenstand in meinem Zimmer. Es war ein schwerer, alter Holzschrank aus zerkratztem Holz.

Die Innenseite der Schranktür war vollgeschrieben, überall hatten sich meine Vorgänger mit Symbolen und Pseudonymen verewigt. Die vielen Zeichen und Schriften lasen sich teilweise wie verstummte Hilfeschreie, aber niemand hatte sich je die Mühe gemacht, sie zu entschlüsseln und zu hinterfragen. Ich auch nicht. Nur selten war etwas Humorvolles dabei.

Im Kleiderschrank befand sich meine Schuluniform. Hosen, Jackett, Hemden sowie die Krawatten. Jedes Einzelteil hing an einem separaten Kleiderbügel.

Bei meinem Einzug ins Internat hatte mein Vater mir verheimlicht, dass alle Internatsschüler verpflichtet waren, eine einheitliche Schuluniform zu tragen. Diese Lüge werde ich ihm nie verzeihen.

Ich nahm meine Schuluniform aus dem Schrank und legte sie auf den Schreibtisch, den ich vorher extra noch mal mit einem feuchten Tuch abgewischt hatte.

Obwohl die Uniform vom Personal frisch gewaschen und gebügelt war, reichte mir die vorgefundene Sauberkeit nie aus. Bevor ich die Schuluniform anzog, wischte ich sie mit beiden Händen nochmals fein säuberlich ab, bis die kleinsten Staubspuren, die sich über Nacht im Schrank gebildet hatten, beseitigt waren.

Als ich das Jackett anzog, fiel mir ein zusammengeknäultes Foto aus der Innentasche. Ich hatte es schon fast vergessen. Mein erstes Foto mit Schuluniform, neben mir mein Vater und der Internatsleiter.

Es war der Tag, an dem ich ins Internat gebracht wurde. Meine Mutter blieb zu Hause und hatte angeblich keine Zeit mitzukommen. Außerdem meinte sie, so eine Übergabe wäre reine Männersache. Vielleicht wollte sie auch gar nicht, dass ich aufs Internat ging. Darüber haben wir nie gesprochen.

Die Entscheidungen meines Vaters hat sie niemals angezweifelt.

Das Internat lag inmitten einer Gebirgslandschaft. Eine Idylle aus Mischwald und Getreidefeldern. Ein abgelegener Landstrich, einsam und ohne jegliche Anbindung an die Zivilisation. Die Zufahrtsstraße führte durch eine Wiesenlandschaft. Rechts und links standen grasende Kühe, die angeblich keinem gehörten, sagte man uns. An bestimmten Tagen liefen auch einzelne Pferde auf der Wiese herum. Pferde sind immer ehrlich, habe ich mal gehört.

Wir parkten mit unserem teuren Mercedes auf dem kleinen Besucherparkplatz neben dem Turm. Überall auf dem Internatsgelände standen Fichten, Tannen und andere Bäume. Sie wirkten uralt und waren unendlich hochgewachsen. Ein starker Wind fegte durch die Bäume und verursachte ein lautes Rauschen. Von allen Seiten fielen die Blätter herunter.

Auf den ersten Blick wirkt das Internatsgelände von außen völlig undurchsichtig. Insgesamt gibt es sechs große Gebäude auf dem Gelände, die sternförmig zusammenlaufen. Im Zentrum steht ein alter Turm. Keine Ahnung wie hoch der ist. Ganz oben im Turm befindet sich die Internatsleitung.

Ein Schüler aus der fünften Klasse holte uns vom Parkplatz ab. Er ging auf meinen Vater zu, verneigte sich, gab ihm die Hand und sagte: »Herzlich willkommen und einen wunderschönen Guten Morgen.« Dann kam der Junge zu mir, zog mich leicht nach unten und flüsterte mir ins Ohr: „Na, Neuankömmling, Scheißfahrt gehabt?«

Es schien ihm eine kleine Genugtuung gewesen zu sein, mich auf diese Art und Weise begrüßen zu dürfen.

In kleinen Schritten gingen wir zur Internatsleitung. Alle hintereinander im Gänsemarsch. Vorausgehend der Schüler, dann mein Vater und dahinter ich.

Als wir drinnen waren, blieb der Schuljunge stehen. Er fragte uns, ob wir gut zu Fuß wären, und mein Vater hat sofort »ja« gesagt.

Überrascht runzelte ich die Stirn.

Der Schüler fügte hinzu: »Wir müssen die Turmtreppen hinauflaufen. Hier gibt es keinen Aufzug.«

Mein Vater meinte, das wäre völlig okay, denn wir wären das Treppensteigen gewöhnt.

Ich schüttelte leicht den Kopf. Das stimmte nicht.

Zu Hause hatten wir sogar einen Aufzug, um in die zweite Etage zu kommen. Unsere zweistöckige Villa war mit einer Real-Smart-Home Steuerung ausgestattet. Das komplette Haus und der Garten waren mit Technik automatisiert worden.

Mein Vater hatte sich damals von der Werbung eines Herstellers beeindrucken und verführen lassen:

»Die automatische Haussteuerung denkt so wie Sie. Das System nimmt Ihnen Tausende Handgriffe ab!«

Wie viele Handgriffe mein Vater mittlerweile getätigt hatte, um die Technik richtig bedienen zu können, das weiß ich nicht. Aber ich schätze, es waren mehr als eintausend.

Als ich eines Tages nach Mitternacht von einer Party zurückkam und mit der Chipkarte die Haustür öffnen wollte, löste das System einen internen Alarm aus.

Die Haustür blieb verschlossen. Kurze Zeit später brummte mein Smartphone in der Hosentasche.

Ich zog es heraus und freute mich schon, weil ich fest davon ausging, dass es Tina war.

Ich dachte, sie hätte doch noch ihre Meinung geändert, und ich sollte vorbeikommen, um sie zu ficken.

Aber es war nicht Tina.

Auf dem Display erschien das Foto meines Vaters.

Die Real-Smart-Home Steuerung hatte sich automatisch in mein Smartphone eingewählt und forderte mich auf, »ok« zu drücken.

Das tat ich dann auch, denn schließlich kam ich ja nicht ins Haus. Als ich »ok« gedrückt hatte, wurde eine Liveübertragung zu meinem Vater hergestellt, der schon im Bett lag und mir zuwinkte.

An Tina konnte ich nun nicht mehr denken.

Mein Vater fragte mich, warum ich erst jetzt nach Hause gekommen wäre und warum ich mich nicht an die vereinbarte Zeit gehalten hätte.

Ich sagte, es wäre ja nicht viel später als halb zwölf geworden und blickte heimlich auf die Uhr. Mein Vater meinte, ich bräuchte gar nicht auf die Uhrzeit zu schauen. Ich sah hoch zur Videokamera, die über der Haustür befestigt war, und irgendwie vergessen hatte.

Es war mittlerweile kurz nach Mitternacht, genau zehn nach zwölf, also vierzig Minuten später als vereinbart.

Mein Vater hat gesagt, vierzig Minuten wären ein großer Unterschied, denn die Haussteuerung sei nach seinen Wünschen programmiert worden. Und ab sofort käme es auf jede Minute an, um ins Haus hineinzukommen.

Das hätte ich nicht gewusst, sagte ich.

Die voll elektronische Real-Smart-Home Steuerung war vom Hersteller wie ein menschliches Nervensystem programmiert worden.

Alle Bedürfnisse und Gewohnheiten meines Vaters wurden auf einer Festplatte gespeichert. Sie befand sich in einem kleinen grünen Miniserver, der im Keller stand und die Haussteuerung übernahm. Meine Mutter und ich hatten zu dem separaten Kellerraum keinen Zugang. Die Tür war immer abgeschlossen.

Ich stand weiterhin vor der verschlossenen Haustür und wartete, dass etwas passierte. Es dauerte ungefähr zehn Minuten, bis sich mein Vater via Liveschaltung noch mal meldete. Inzwischen war er sehr genervt.

Er sagte, er hätte den internen Alarm jetzt ausgeschaltet, und ich sollte die Chipkarte noch mal ans Lesegerät halten. Das tat ich dann auch. Mittlerweile war ich komplett durchgefroren. Aber ich hatte Glück. Das Schloss wurde elektronisch entriegelt und die Haustür sprang auf. Ich ging direkt auf mein Zimmer und legte mich schlafen.

Am nächsten Morgen, als wir alle gemeinsam frühstückten, meinte mein Vater, er hätte nach der gestrigen Aktion nicht mehr einschlafen können und fügte hinzu: »So kann das mit dir nicht weitergehen!«

Als wir die Turmtreppen hinaufstiegen, ließ ich meinen Vater nicht mehr aus den Augen. Sein Schnaufen wurde immer lauter. Anfangs hatte ich die Turmstufen noch gezählt, aber irgendwann hörte ich damit auf. Mein Vater und ich sind schweißgebadet oben angekommen. Nur der Schüler aus der fünften Klasse zeigte keinerlei Signale der Erschöpfung, was mich ärgerte. Er war schon vorgelaufen und wartete selbstzufrieden am Ende der Treppe. Als wir an ihm vorbeigingen, um die Aussicht aus dem Turmfenster zu genießen, hielt er mich kurz fest, zog mich leicht hinunter und flüsterte mir ins Ohr: »Na, Schlappschwanz! Auch endlich da!«

Leider hatte ich in diesem Moment keine Gelegenheit, ihm eins in seine dumme Fresse zu hauen. Das wusste er genau und hörte nicht auf zu grinsen.

Die Aussicht von hier oben auf das Internatsgelände war fantastisch. Auch der Blick auf das umliegende Waldgelände war beeindruckend.

Aber das half meinem Vater nicht weiter. Er hatte inzwischen Herzrasen bekommen und sagte, er bräuchte schnell einen Stuhl und müsste sich erholen und Ruhe finden.

Der Schüler führte uns in das Büro des Internatsleiters. Er bat meinen Vater, auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Das machte er dann auch, ließ sich erschöpft in den Besucherstuhl fallen und schnaufte tief durch. Ich setzte mich auf den Stuhl daneben.

Der Raum war riesig und hatte hohe Wände. Alles war in Weiß gestrichen. Rundherum standen Bücherregale. Jeder noch so kleine Platz in den Regalen war belegt. Überall steckte ein Buch drin. Ob der Internatsleiter die Bücher alle gelesen hat, das weiß ich nicht. Niemand von den Schülern hatte sich je getraut, ihn danach zu fragen.

Ein Großteil des Parkettbodens war mit alten, teuren Teppichen ausgelegt.

»Orientteppiche aus Afrika. Wahrscheinlich Kongo oder Simbabwe«, sagte mein Vater und zeigte mit seinem Zeigefinger auf einen kleinen roten Teppich.

Simbabwe? Kongo? Misstrauisch verzog ich die Stirn. Mein Vater war noch nie in Afrika gewesen.

Direkt vor uns stand ein großer, antiker Schreibtisch, dahinter befand sich ein Lederstuhl, hoch und mächtig. Die Kopflehne war so breit, da hätten auch zwei Köpfe nebeneinander Platz gehabt.

Die Tischlampe schien vergoldet zu sein, darunter lagen zwei Füllfederhalter. Mein Vater meinte, die wären sehr teuer und exklusiv, dann zeigte er auf den Lederstuhl und sagte: »Da sitzt gleich der Internatsleiter.«

»Ich weiß«, antwortete ich.

Es war kalt im Büro und mein Vater wickelte sich ständig in seine Jacke ein, schüttelte sich und schaute auf den Heizungskörper, in der Hoffnung, er würde bald angehen.

Wir warteten zwanzig Minuten, aber niemand kam. In dieser Zeit fiel kein Wort zwischen uns.

Auch der Schüler aus der fünften Klasse tauchte nicht mehr auf. Wahrscheinlich lief er wieder die Treppenstufen hinunter, um den nächsten Neuankömmling vom Parkplatz abzuholen. Ich glaube, das war seine einzige Aufgabe hier im Internat. Anders war seine gute, sportliche Kondition auch nicht zu erklären.

Im Hintergrund hörten wir die ganze Zeit über das Geräusch einer Uhr.

…tick-tack, tick-tack, tick-tack.

Während wir weiterhin auf den riesigen Schreibtisch starrten, der vor uns stand.

»Ich glaube, hinter uns hängt eine Kuckucksuhr«, sagte mein Vater.

»Ich weiß«, antwortete ich.

»Woher?«, fragte mein Vater.

»Ich habe die Uhr schon beim Hereinkommen entdeckt.«

»Ach so.«

Jetzt wurde auch mir kalt und zog meine Jacke an. Nun schauten wir beide auf den Heizungskörper, aber da passierte nichts.

»Die Kuckucksuhr wird traditionell vor allem im Schwarzwald gefertigt und ist weltweit bekannt«, sagte mein Vater.

»Ich weiß.«

Dann drehte sich mein Vater um und sagte: »Die hat ein mechanisches Pendel.«

Jetzt drehte auch ich mich um, denn normalerweise interessierte sich mein Vater nicht für Kuckucksuhren.

»Stimmt«, sagte ich.

…tick-tack, tick-tack, tick-tack.

Fünf Minuten lang.

Ich musste aufpassen, dass ich nicht in Hypnose fiel, als plötzlich mein Vater sagte:

»Ich bin gespannt, ob der kleine Kuckuck mal rauskommt. Ich würde mich sehr freuen, ihn mal zu sehen.«

Ich sagte, ich würde mich auch freuen, wenn der Kuckuck mal kurz »hallo« sagt. Wir warteten gemeinsam auf den Kuckuck. Den Internatsleiter hatte ich schon fast vergessen, als wir eine tiefe Stimme hörten und jemand »Guten Tag« sagte.

Wir drehten uns gleichzeitig um.

Plötzlich stand der Internatsleiter hinter uns, ohne dass wir bemerkt hatten, wie er hereingekommen war. Er schien über sechzig Jahre alt zu sein. Sein wahres Alter haben wir nie erfahren. Sein Körper war mäßig schlank. Er hatte eine hohe Stirn und trug einen kurz rasierten, kreideweißen Stoppelbart. Sein weißes Haar hing zerfranst bis zu seinen Schultern herunter und war zweifellos ungekämmt. Er hatte das Gesicht eines Stoikers. Er hatte eine biedere, altmodische Hose an, die er bis über seinem Bauchnabel hochgezogen und mit einem breiten braunen Ledergürtel festgezogen hatte. Es schien, als stünde er in einem Kartoffelsack.

Auf der Hinfahrt hatte mir mein Vater erzählt, im Internat sei alles »supermodern«. Ich schaute mir den Internatsleiter noch mal etwas genauer an und hatte jetzt so meine berechtigten Zweifel.

Mein Vater sprang auf und reichte dem Internatsleiter die Hand. Ich blieb sitzen.

Der Internatsleiter nahm die Hand meines Vaters, zog sie in seine Richtung und drückte so fest zu, bis mein Vater das Gesicht verzog.

»Mein Name ist Dr. Budnatz, seien Sie herzlich willkommen, Herr Tronberg. Bitte setzen Sie sich.«

Plötzlich hörten wir ein lautes Klicken, das von der Heizung kam. Beide starrten wir auf den Heizkörper und kurze Zeit später spürten wir, wie es im Raum warm wurde.

Irritiert sagte mein Vater: »Wir dachten, die Heizung wäre defekt. Die ganze Zeit war es hier drin fürchterlich kalt.«

»Oh«, sagte der Internatsleiter, »dann hat der Schüler aus der fünften Klasse wohl vergessen, sie vorher anzuschalten und hat es jetzt nachgeholt.«

Ich spürte das Grinsen des Schülers, obwohl er nicht im Raum anwesend war, und ballte meine rechte Hand zu einer Faust.

Die weitere Vorstellung verlief kühl und trocken.

Wir mussten unsere vollständigen Vor- und Nachnamen aufsagen und unsere Familienherkunft erklären. Anschließend stellte der Internatsleiter einige Fragen zu unserem Familienstammbaum und fragte, ob wir hier in der Gegend Verwandtschaft hätten. Wir beide haben mit Nein geantwortet. Dann beschrieb mein Vater, warum er so erfolgreich im Job ist, was er sich schon alles von dem ganzen Geld gekauft hatte. Am Ende seiner Ausführungen meinte er noch, wenn hier alles zu seiner Zufriedenheit verlaufen würde, wäre eine zukünftige Spende in besonderer Höhe ans Internat nicht auszuschließen. Der Internatsleiter nickte zufrieden. Die Stimmung lockerte sich. Nun begann mein Vater, von unserer Real-Smart-Home Steuerung zu erzählen. Warum er das gemacht hat, das weiß ich nicht.

Während mein Vater die automatische Gartenbewässerungsanlage erklärte und alle Pflanzenarten aufzählte, die sich in unserem Garten befanden, stand Dr. Budnatz auf und schaute aus dem Fenster. Er schnalzte mit der Zunge und bewegte seinen Kopf hin- und her. Er fiel meinem Vater ins Wort und meinte, dass das Wetter heute nicht so schön sei, bald werde es anfangen zu regnen. Der Internatsleiter hob beide Hände über seinen Kopf, bewegte alle seine zehn Finger und ließ beide Hände wieder nach unten gleiten. Ich glaube, er wollte damit Regen simulieren. Aber mein Vater hörte nicht auf zu erzählen, mittlerweile erklärte er die Alarmanlage.

»Der Wind wird heute noch deutlich zunehmen, es wird stürmisch!«, fügte der Internatsleiter hinzu.

Da der Internatsleiter mich nicht sehen konnte, pustete ich Luft aus meinem Mund und simulierte einen Sturm. Mein Vater stieß mir in die Seiten und schüttelte den Kopf. Dann sagte er: »Ja, selbstverständlich wird es heute stürmisch werden, Herr Dr. Budnatz.«

Ich schaute meinen Vater an und wunderte mich, denn als wir aus dem Auto ausgestiegen waren, meinte er noch zu mir »der Wind lässt gleich nach«.

Dr. Budnatz drehte sich wieder vom Fenster weg und fragte:

»Wie war denn Ihre Anreise?«

»Sehr gut«, antwortete mein Vater. »Die Fahrt hätte besser nicht sein können.« Was aber nicht stimmte. Auf der Hinfahrt hatten wir kein Wort miteinander geredet. Die Stimmung im Auto hätte mieser nicht sein können.

Dr. Budnatz setzte sich lässig und machtvoll in seinen Lederstuhl. Sein Gesichtsausdruck wurde zunehmend ernster. Er öffnete eine Schreibtischschublade, zog ein Dokument heraus und überreichte es mir, dann sagte er:

»Sorgfältig durchlesen und unterschreiben!«

Völlig überrascht nahm ich das Dokument entgegen und vermied jeglichen Augenkontakt mit ihm.

Es war kein schweres, dickes Dokument, was ich in den Händen hielt, aber immerhin hatte es siebzehn Seiten.

»Hausordnung« stand auf dem Deckblatt.

Mein erstes Interesse galt den Weckzeiten, denn normalerweise liebte ich es, lange zu schlafen. Ich hatte bereits eine komische Vorahnung, dass es hier im Internat anders laufen könnte.

Es dauerte nicht lange, bis ich das Kapitel »Weckzeiten« fand.

Wecken um halb sieben.

Frühstück um sieben.

Viel Zeit, um sich schönzumachen, blieb da nicht mehr.

Ich hatte nachgedacht, wer morgens durch eine Hausordnung gezwungen wird, früh aufzustehen, der wird mit Sicherheit auch gezwungen, früh schlafen zu gehen.

Also begann ich, nach dem Wort Bettruhe zu suchen. Es dauerte nicht lange, bis ich das Kapitel »Bettruhe« fand.

Zehn- bis Elfjährige mussten um neun Uhr im Bett sein. Klar, ist ganz vernünftig.

Zwölf- bis Dreizehnjährige um halb zehn. Logisch, kann ich nachvollziehen.

Vierzehn- bis Fünfzehnjährige um zehn Uhr. Ist okay.

Sechszehn- bis Siebzehnjährige, mein Alter, mussten um halb elf ins Bett. Nicht logisch! Konnte ich nicht nachvollziehen. Unverschämtheit!

Das ganze Internatsleben schien geregelt und bis auf die letzte Minute verplant zu sein.