Jungfrauen der Garnelen - Burkhard Schröder - E-Book

Jungfrauen der Garnelen E-Book

Burkhard Schröder

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Beschreibung

Ein idyllischer Neuanfang, ein Kampf um Gerechtigkeit und ein lebensgefährliches Geheimnis, das unter der Sonne Ecuadors brodelt. Der ehemalige Detektiv Jules van Dyck wagt mit seiner Partnerin Mila im Norden Ecuadors einen Neuanfang. Er unterstützt das Hilfsprojekt seines Freundes Karsten Fischler, sauberes Wasser und Wohlstand für das verarmte Küstendorf Bolívar, durch die nachhaltige Zucht von Bio-Garnelen. Doch die Hoffnung ist trügerisch. Schon bald gerät Jules in den Strudel eines gefährlichen Konflikts. Auf der einen Seite stehen die Jungfrauen der Garnelen, eine Gruppe entschlossener Frauen, die verzweifelt um den Erhalt ihrer Mangrovenwälder kämpfen und bei Karsten Arbeit finden. Auf der anderen Seite lauert eine brutale Übermacht, die ihre illegalen Drogengeschäfte mit allen Mitteln verteidigt. Als die Gewalt eskaliert und seine Tochter Leonie beinahe mit dem Leben bezahlt, muss Jules eine schicksalhafte Entscheidung treffen: Soll er um seine Familie kämpfen und fliehen, oder sich der Mafia stellen und für die Menschen in Bolívar alles riskieren? In den Mangrovenwäldern liegt die Wahrheit begraben und der Preis dafür ist Blut. Sind Jules und Mila bereit, für ein besseres Leben ihr eigenes aufs Spiel zu setzen?

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Seitenzahl: 321

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ähnliche


Für Vera

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

PROLOG

Mit leicht gebückter Haltung, den Rücken gepeinigt von den Jahren, betrat Antonio Diaz die intensiv nach Fisch riechende, stillgelegte Produktionshalle am Ende der Genossenschaft. Der 75-jährige war der Älteste unter den Mitgliedern, die sich heute zur Vorstands-Besprechung einfinden würden. Trotz seines hohen Alters, das ihm in den Knochen steckte, war er als Vorsitzender wie immer der Erste, der eintraf. Er wischte eine widerspenstige graue Strähne zurück in seinen Haarkranz, eine Geste der Eitelkeit inmitten seiner Gebrechlichkeit öffnete er die quietschende Metalltür. Der dahinterliegende Raum war ähnlich nüchtern, wie die übrige Halle. Dennoch war er mit ein paar neuwertigen Tischen und Stühlen zumindest etwas ansprechender. Antonio war ein alter Hase unter den Garnelenzüchtern im Norden Ecuadors. Er schaltete das Licht an und augenblicklich fingen die Neonröhren unter der hohen Betondecke an zu flackern, bis sie klackernd ihre volle Leuchtkraft erreichten. Antonio ging zum ersten Tisch im Raum und nahm keuchend auf einem der bequemen Stühle Platz. Alleine der kurze Weg von seinem Range Rover durch die Halle bis in diesen Raum verursachte wieder enorme Rückenschmerzen. Antonio musste erst etwas Luft holen und zur Ruhe kommen, bevor er wieder aufstand, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Keiner der Mitglieder sollte wissen, wie es um den ehemals agilen Mann bestellt war. Noch vor drei Jahren hatte er es sich nicht nehmen lassen, sein Kaminholz selber zu hacken und schritt stets mit aufrechtem Gang durch die Produktionshallen seiner Firma. Anfangs hatte es ihn geärgert, als er merkte, dass ihn sein Alter trotz seiner Bemühungen fit zu bleiben, doch noch einholte. Aber noch mehr ärgerte Antonio, dass Magdalena, seine um sieben Jahre jüngere Frau, kaum Alterserscheinungen zu haben schien. Als er noch jünger war, hatte es ihm gefallen, als sie ihn beinahe unterwürfig verwöhnte und ihm alles nachtrug. Heute wünschte er sich, dass er mit ihr mithalten könnte und noch ein paar kraftvolle Jahre mehr hätte. Ja, es störte ihn geradezu, wenn sie ihn bediente, obwohl es in ihrer Ehe nie anders gewesen war. Antonio hatte gedankenverloren ganz vergessen, dass er Kaffee machen wollte. Quietschend öffnete sich die Tür und weitere Mitglieder der Garnelenzüchter Genossenschaft traten ein. Allen voran kam Vincente Leon und ging gleich erhobenen Hauptes, stolz wie ein Hahn, auf Antonio zu. Ihm folgten noch der Kleinzüchter Jaime Lopez, der ihm wegen seiner Ungeduld schon länger ein Dorn im Auge war und Roberto Mendoza, der von allen die größte Garnelenfarm besaß.

»Noch kein Kaffee fertig?«, fragte Vincente und blickte ihn vorwurfsvoll an.

»Siehst du Kaffee?«, fragte ihn Antonio knapp. »Aber du kannst gerne welchen machen, bevor wir loslegen, Vincente«, forderte Antonio. Er wusste genau, dass sich der Gockel immer darum drückte und sich zu fein für derartige Arbeiten hielt. Ohne auch nur einen Ton zu sagen, befüllte Vincente mit mürrischer Miene den Automaten und nahm seitlich neben dem dicken Roberto Platz. Belustigt suchte er grinsend vor der Eröffnung Antonios Augenkontakt. Der alte Mann wusste, dass er ihn ebenso wenig leiden konnte, wie er.

»Können wir jetzt anfangen?«, fragte Vincente.

»Wir warten noch auf Fernando und Pedro!«, bestimmte Antonio und sah auf seine Uhr. »In genau vier Minuten ist Beginn und nicht vorher!«

In diesem Moment öffnete sich die Tür und die Versammlung der kleinen Genossenschaft war vollzählig. Antonio wartete bis alle am Tisch saßen und blieb, anders als sonst, bei der Begrüßung sitzen. »Ich begrüße euch zu unserer zwölften Sitzung in diesem Jahr«, begann er und wischte beiläufig eine Haarsträhne zurück. »Gemäß unserem zweiten Tagesordnungspunkt stelle ich fest, dass wir vollzählig und damit beschlussfähig sind. Ich bitte nun darum, das letzte Protokoll zu genehmigen. Gibt es dazu Einwände? Gut. Ich sehe, es gibt keine. Die Tagesordnung liegt euch allen vor. Gibt es weitere Anträge zur TO?«, fragte er und sah in die Runde. Jaime hob zuerst die Hand.

»Ich möchte, dass wir neue Wege für den Transport unserer Waren festlegen. Die Unruhen bei den Lieferungen nehmen bedrohliche Maße an!«, sagte er.

»Gibt es weitere Anträge?«, fragte Antonio.

»Wir müssen unbedingt auf die Lohnpolitik dieses Gringos reagieren. Ich finde kaum noch Arbeiter und möchte das auf der Tagesordnung haben«, beantragte Pedro.

»Weitere Anträge?«, hakte Antonio nach und seine Augen fixierten jeden einzelnen der Anwesenden. Stille. Niemand meldete sich. »Gut, dann lasst uns jetzt abstimmen, ob wir diese beiden Punkte auf die Tagesordnung setzen«, sagte er mit fester Stimme. Die Hände der Teilnehmer schnellten in die Höhe. »Ich stelle fest, dass beide Anträge bei einer Enthaltung angenommen wurden«, verkündete er, ohne eine Miene zu verziehen. »Dann beginnen wir mit dem Antrag von Pedro Mendoza!«

Pedro, mit seinen 34 Jahren ein unbeherrschter Wilder in dieser Runde, übernahm erst vor drei Jahren den Betrieb seines Vaters. Er war entschlossen, die Garnelenzüchter nach seinen Vorstellungen zu formen, was ihm im Vorstand der Genossenschaft nicht nur Freunde einbrachte.

»Findet noch einer von euch Arbeiter in Bolívar? Ich bin verzweifelt auf der Suche nach Mitarbeitern für die Verarbeitung der Garnelen und werde nur außerhalb fündig, weil dieser Gringo die Löhne verdreifacht hat!«, platzte Pedro heraus. Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Wut und Frustration.

»Das Thema hatten wir doch schon so oft. Aber mal ehrlich, geht es einem von uns wirklich schlechter deswegen? Wir verdienen doch immer noch genug mit dem weißen Gold«, entgegnete Antonio. Sein Blick auf Pedro war durchdringend. »Ich zahle halt etwas mehr Lohn und finde auch in Bolívar noch Personal.«

»Ach ja?«, warf Vincente mit seiner üblichen Arroganz ein. »Wie viele Arbeiter hast du denn noch in Bolívar?«

»Fast siebzig Prozent«, antwortete Antonio, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.

»Aber bevor dieser amerikanische Schnösel hier auftauchte, waren es bei allen hundert Prozent!«, konterte Pedro. Seine Stimme war kaum mehr als ein Knurren.

»Stopp!«, unterbrach ihn Lopez und fuhr sich über den Bauch. »Karsten Fischler ist kein Gringo, sondern Deutscher. Er lebt nur in Florida«, korrigierte er Pedro. »Und es sind nicht nur die höheren Löhne, welche die Indios an ihn binden. Er gewährt ihnen längere Pausen und veranstaltet immer wieder kleine Feste für sie.«

»Dieser Fischler hat sich auch bei den Hexen eingeschleimt!«, warf Pedro ein, ohne seinen Groll zu verbergen.

»Du meinst die Jungfrauen? Klar, er hat bereits sechszehn Becken am Ufer aufgekauft und will dort aufforsten. Dafür sind die Virgenes de camarón vorher bis Quito demonstrieren gegangen«, erklärte Vincente, sein Blick war spöttisch.

»Und dafür haben sie nicht selten Prügel bezogen«, fügte der dicke Roberto hinzu. Seine Stimme war schwer und langsam. »Aber die Zeiten sind leider vorbei. Wegen der Unruhen im Land wurde das Militär eingesetzt. Die Fuerzas Armadas haben keine Zeit mehr für die Jungfrauen der Garnelen oder rebellierende Bauern!«

»Ich weiß nicht, was ihr wollt. Fischler hat doch für Ruhe und Zufriedenheit in Bolívar gesorgt. Oder wollt ihr das abstreiten? So moderne Klärwerke gibt es kaum im Land und wir haben endlich wieder eine Krankenstation und eine Schule! Wird dein Sohn dort nicht auch unterrichtet, Vincente? Und du, Pedro, musstest du nicht bis Esmeraldas fahren, um deinen Fuß operieren zu lassen? Hört doch auf zu meckern! Ja, der Bursche hat uns vor sich hergetrieben und gezwungen, höhere Löhne zu zahlen. Na und? So dramatisch ist das nicht. Jedenfalls ist er bei den Einwohnern beliebt«, sagte Antonio. Seine Stimme war ruhig und überzeugend.

»Noch ist er das. Mal sehen, wie schnell er verschwindet, wenn sich die Bandenkriege bis Bolívar ausbreiten und er seine süße Frau nicht mehr beschützen kann. Sein europäischer Helfer, dieser van Dyck, hat eine Tochter, die in Esmeraldas zur Schule geht. Erst vor vier Tagen gab es in der Nähe eine Gefängnisrevolte und Ausbruchversuche. Das Militär hat es noch immer nicht geschafft, wieder für Ruhe zu sorgen. Es wird nicht lange dauern, und er wird mit seiner Tochter und der Lehrerin verschwinden!«, prophezeite Pedro.

»Dann sollten wir ihn unterstützen«, meldete sich erstmals Fernando zu Wort.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, empörte sich Vincente. »Diesem Schnösel sollen wir auch noch dabei helfen, das Erbe unserer Väter zu zertreten?«

»Das ist doch Unsinn, und das weißt du, Vincente. Wann hast du dich mal wieder in Bolívar umgesehen? Auf keinem Haus ist ein altes Dach, und fast alle haben einen Gasherd. Die meisten Einwohner müssen sich keine Gedanken über die täglichen Stromausfälle machen, weil mehr als die Hälfte Aggregate oder sogar Photovoltaik auf dem Dach haben, und im Moment werden Wasserleitungen verlegt«, sagte Fernando. »Wann hat jemals einer eurer Väter derartiges geleistet? Es tut mir leid, aber ich kann mich nicht daran erinnern!«

»Ach? Und deshalb müssen wir uns mit immer neuen Forderungen der Arbeiter herumschlagen und uns von diesen verrückten Jungfrauen die Behörden auf den Hals hetzen lassen? Ich sehe das anders, und ich sehe auch nicht ein, dass wir uns das alles bieten lassen sollen!«, ereiferte sich Vincente lauter als sonst.

Antonio hob beschwichtigend beide Arme. »Kommt wieder zur Ruhe, Männer, und bleibt sachlich!«, mahnte der alte Mann. Er wusste, dass die Mehrheit der Garnelenfarmer von den Drogenbanden profitierte. Die Kolumbianer bezahlten gut, wenn sie unter Kisten mit den Meeresfrüchten Kokain beförderten.

»Er ist nun einmal hier und möchte nur etwas Gutes bewirken. Dieser Fischler hat doch die Infrastruktur im Ort verbessert. Das kann keiner von uns bestreiten. Also lasst uns das Thema abhaken!«, schlug Antonio vor.

Heftiges Gemurmel machte sich unter dem Vorstand der Versammlung breit. Vincente und Pedro hielten ihre Köpfe zusammen und flüsterten miteinander.

»Also gut«, sagte Vincente zur Verblüffung der übrigen Mitglieder Vincente, »belassen wir es für heute dabei. Aber das Thema ist für mich damit noch nicht erledigt, damit du Bescheid weißt, Antonio!«

Antonios Rücken machte ihm schwer zu schaffen, und er wollte nur noch nach Hause.

»Dann beende ich diesen Tagesordnungspunkt«, sagte er und sah ihn scharf an.

1

»Entonces por favor escribe lo que quieras para Bolívar y tu futuro«, forderte Mila zu Beginn der Klassenarbeit von ihren Schülern. Wie Karsten wollte sie dazu beitragen, dass der Ort im Norden des Landes wieder zu Leben erweckt wird und sich die Bedingungen für die Bewohner stark verbessern. Deshalb hatte sie in dem Aufsatz ihrer Schüler verlangt, aufzuschreiben, was sie sich für ihre Zukunft in Bolívar wünschten. Nur wenn diese Wünsche in Zukunft berücksichtigt würden, könnte die Abwanderung junger Menschen verhindert werden. Eine bessere Infrastruktur, wie sie ihr Lebensgefährte Jules anstrebte und wofür er schon viel getan hatte, war wichtig, aber alleine reichte es nicht, um die Unzufriedenheit der Menschen zu mindern. Mila saß an ihrem Schreibtisch und ließ den Blick über die Köpfe ihrer Schüler schweifen. Sie sah den Erfolg von Karstens mutigen und gutgemeinten Projekts in Gefahr, denn der allgemeine Unmut war nicht nur in Bolívar, sondern im ganzen Land spürbar. Es reichte eben nicht, bessere Löhne bei der Garnelenzucht zu zahlen und mehr für die Umwelt zu tun, wenn Streiks das Land lahmlegten und es auch deshalb zu täglichen Stromausfällen kam. Zehn Monate war es her, dass sie mit Leonie und Jules in das südamerikanische Land ausgewandert war. Noch ging Leonie in Esmeraldas in die internationale Schule. Doch auch Jules wusste nicht, wie lange das noch gefahrlos möglich war. Die Bandenkriege der Drogenkartelle weiteten sich mitunter schon bis Esmeraldas aus. Das Militär des Landes, die Fuerzas Armadas del Ecuador, konnte Verbrechen schon lange nicht mehr kontrollieren und für Sicherheit sorgen. Yaku, der inzwischen die rechte Hand von Jules war, holte Leonie zwar immer mit dem Defender zu Beginn des Wochenendes ab, aber er berichtete auch von Straßensperren in der Stadt. Die Banden hatten sich erst vor einer Woche eine heftige Straßenschlacht mit dem Militär geliefert. Mila hatte Angst um das Kind, denn es war nur eine Frage der Zeit, bis Leonie und Yaku die Kugeln um die Ohren flogen.

Sie blickte auf ihre Uhr. Noch zehn Minuten, dann war die letzte Stunde am Freitag vorbei. Dann würde ihre neue Kollegin Theresa Gomez nach dem Mittagessen und der Pause ihre Klasse zur Hausaufgabenbetreuung übernehmen.

»Wer mit seiner Arbeit fertig ist, kann das Heft gerne schon abgeben«, sagte sie und blickte lächelnd in die Klasse. »Ihr habt noch acht Minuten, dann könnt ihr in die Pause gehen.«

Die Schule wurde nach ein paar Monaten ihrer Einrichtung besser aufgenommen, als sie es zu Beginn erwartet hatte. Die Schüler waren längst nicht mehr altersmäßig wild zusammengewürfelt, sondern entsprachen der landesüblichen Norm der Viertklässler. Mit den Kindern der Familien, die vor Bolívar lebten, waren schon seit drei Monaten alle drei Klassen voll besetzt. Karsten plante mit dem Architekten Breuer aus Fort Myers schon einen größeren Anbau, um mehr Schüler aufnehmen zu können. Doch angesichts der Unruhen in Ecuador wusste Mila nicht, ob sie noch lange in dem Land bleiben konnten.

»So Kinder, die Zeit ist um. Bitte gebt alle eure Hefte ab«, sagte sie. »Ich bin schon sehr auf eure Aufsätze gespannt und wünsche euch ein erholsames Wochenende. Am Montag sehen wir uns wieder.«

»Ich glaube, dass ich ein paar Rechtschreibfehler gemacht habe«, sagte der zwölfjährige Roberto, als er sein Heft auf ihren Tisch legte. Mila lächelte ihn milde an.

»Das ist nicht weiter schlimm. Ich bewerte nur den Inhalt eurer Arbeit. Im Laufe der nächsten Woche werdet ihr eure Hefte mit Noten zurückbekommen«, sagte Mila und verabschiedete sich von der Klasse.

2

Mit Lehm beschmiert stand Jules an der Baustelle und gab Anweisungen an die Arbeiter, die mit dem Verlegen der Wasser- und Abwasserrohre unter der Straße beschäftigt waren.

»¡Hombres! Empaque más arena alrededor de las tuberías para evitar que se dañen«, sagte Jules, als Mila plötzlich hinter ihm stand.

»Dein Spanisch hört sich gut an«, sagte sie. »Sie sollen mehr Sand um die Rohre schaufeln, damit sie nicht beschädigt werden können, hast du ihnen gesagt.« Mila umarmte Jules, bevor er sich umdrehen konnte.

»Das ist ja eine Überraschung. Was machst du denn hier? Hast du schon Feierabend?«, fragte Jules.

»Nicht ganz, mein Schatz. Ich bin auf dem Weg nach Hause und wollte dich nur kurz sehen.«

»Wie süß! Das freut mich«, antwortete Jules und gab ihr einen Kuss. »Die Arbeit in der Schule scheint dir gutzutun, Liebste. Du siehst blendend aus!«

Damit hatte Jules nicht Unrecht, denn Mila wirkte auf ihn schöner denn je.

»Charmeur. Wann kommst du nach Hause? Ich wollte uns heute einen typisch deutschen Rinderbraten machen«, sagte sie lächelnd.

»Keine Empanadas?«, fragte er lachend.

»Wenn dir die fettigen Dinger lieber sind. Später kommt deine Tochter nach Hause. Aber ich vermute mal, dass sie eine eigene Meinung dazu hat«, sagte Mila.

»Ich freue mich schon darauf. Übrigens ist Yaku heute schon früh los, um sie pünktlich an der Schule in Esmeraldas abzuholen.«

»Dann hoffe ich, dass sie diesmal ohne Straßensperren durchkommen. Darüber möchte ich nach dem Essen noch mit dir reden, wenn sie im Bett ist, Jules«, kündigte Mila an.

»Gibt es Neuigkeiten, von denen ich nichts weiß?«, fragte er mit krauser Stirn und strich über seinen Ankerbart.

»Nein. Ich habe mir nur vorhin ein paar Gedanken gemacht, über die ich mit dir reden möchte. Wann kommst du also?«

»In drei oder vier Stunden. Bis dahin sollten die Anschlüsse bis vor die letzten drei Häuser in der Straße verlegt sein. Später wollte noch Karsten kommen, um sich ein Bild über den Fortschritt zu machen«, erklärte ihr Jules.

»Also kein vorzeitiges Wochenende. Nicht schlimm. Wir sehen uns dann später, Schatz«, sagte Mila und küsste ihn zum Abschied.

Jules sah ihr nach, wie sie sich in ihren Wagen setzte und ihm zum Abschied winkte. Dann widmete er sich wieder den Arbeitern in der aufgerissenen Straße.

»¿Es eso algo bueno?«, fragte ihn der Mann mit der Schaufel und zeigte auf die im Sand liegenden Wasserleitungen.

»¡Perfecto!«, sagte Jules zufrieden.

Das Klärwerk war zwar schon seit letztem Jahr fertig, doch zuerst wurden Anschlüsse an die Garnelenbecken gelegt, um das Wasser vor dem Auswechseln und der Einleitung in den Fluss zu reinigen. Karsten konnte mit den Fortschritten in Bolívar zufrieden sein. Seit Jules sein Jobangebot angenommen hatte, hatte sich viel getan. Jedes Haus der indigenen Bevölkerung hatte inzwischen ein dichtes Dach und sie konnten am neuen Herd kochen, statt wie vorher im Freien an einer Feuerstelle ihr Essen zuzubereiten. Knapp die Hälfte der Einwohner hatte bereits über Aggregate oder Fotovoltaik eigenen Strom und musste nicht unter den Stromausfällen leiden, wie die Menschen in größeren Städten. Jules hätte vorher nicht gedacht, dass ihm diese Arbeit solche Freude macht. Im Grunde machte es ihm sogar mehr Spaß, als sein früherer Job als Detektiv in Antwerpen. Doch er machte sich auch Sorgen. Vor allen Dingen um Leonie. Seine Tochter wurde in wenigen Wochen 16 Jahre alt. Wenn er daran dachte, dass damit auch ihre Kindheit vorbei sein würde, machte es ihn traurig. Das Problem war, dass Leonie ihr Abitur in der internationalen Schule in Esmeraldas machen sollte. Doch die Straßenschlachten, die sich die Drogenbanden mit dem Militär lieferten, nahmen immer bedrohlichere Ausmaße an. Erst letzte Woche gab es in der Stadt nahe ihrer Schule eine Gefängnisrevolte mit Geiselnahmen und Ausbruchversuchen. Das machte ihm Angst.

Er sah auf seine Uhr. Yaku würde Leonie bald nach Hause bringen und Karsten war noch nicht an der Baustelle. Das letzte Stück in der Straße war verlegt und der kleine Bagger schaufelte weiter vorne den Aushub wieder in den Graben. 17:23 Uhr. Jules ging weiter zum Anfang der Straße, wo der einzige Klempner, den er finden konnte, die vorbereiteten Anschlüsse montierte. Er drehte sich um, als er Jules kommen sah.

»Wir geben alles, Herr van Dyck«, sagte er mit entschuldigender Geste. »Morgen haben wir den Rest der linken Seite fertig.«

»Schon gut. Ich bin froh, dass Sie auch am Samstag arbeiten«, antwortete Jules. Pablos Zuverlässigkeit war für südamerikanische Verhältnisse beispiellos. Der Mann hatte nur einen gut angelernten Helfer und auch er war fleißig bei seiner Arbeit. »Was meinen Sie? Schaffen Sie im Laufe der kommenden Woche die rechte Hälfte der Straße ans Wasser anzuschließen?«, fragte Jules.

Die Calle Fernando war eine der kürzesten Straßen in Bolívar und er hatte insgeheim gehofft, dass es hier schneller ging.

Pablo schüttelte den Kopf. »Wenn alle Leitungen bis an die Häuser verlegt sind, schaffe ich es frühestens in der Folgewoche«, antwortetet er, als sich Karsten mit seinem eisblauen BMW XM näherte und an den staubigen Straßenrand fuhr.

»Entschuldige, dass es später wurde, Jules. Meine Verabredung mit dem Architekten hat länger gedauert, als ich dachte«, sagte Karsten und reichte ihm die Hand.

»Gut, dass du jetzt da bist. Ich wollte dir Bericht erstatten«, sagte Jules.

Karsten warf einen prüfenden Blick auf die Arbeiten und sah, dass der Bagger wieder einen Teil der Straße mit dem Aushub füllte. »Mit den Wasseranschlüssen geht es weiter, wie ich sehe«, sagte Karsten.

Jules schüttelte den Kopf. Er wartete einen Moment und überlegte bevor er ihm antwortete. »Das ist nicht so einfach. Ich konnte zwar genug Materialien kaufen und es gibt genügend Arbeiter für den Tiefbau, um die Leitungen zu verlegen, aber wir haben nur Pablo als Klempner. Er arbeitet auch morgen und will bis übernächste Woche alle Häuser in der Straße angeschlossen haben.«

»Was ist mit den anderen? Es waren doch schon mehr Handwerker beschäftigt«, sagte Karsten.

»Die kommen von außerhalb und ihnen ist die Anreise nach Bolívar zu risikoreich«, sagte Jules. »Die Unruhen machen mir Sorgen. Es ist unmöglich, eine Firma für das Befestigen oder Teeren der Straßen zu finden. Noch schwerer ist es, weitere Aggregate oder Fotovoltaikanlagen zu kaufen, da die Firmen wegen der Stromausfälle kaum mit den Anfragen nachkommen und nichts lieferbar scheint«, berichtete er.

»Dann suchen wir halt andere Lieferanten.«

Jules schüttelte den Kopf. »Das habe ich längst probiert. Es gibt nur noch einen Lieferanten in Esmeraldas. Alle anderen haben ihre Geschäfte geschlossen und sind ins Ausland. Der einzige Fensterlieferant in Esmeraldas hat seine Pforten geschlossen. Gott sei Dank, habe ich für alle Häuser sämtliche Fenster und Türen gekauft. Sie lagern in der großen Halle unten am Fluss. An die Straßenbauarbeiten will ich gar nicht denken.«

»Hm. Wie viele Straßenlaternen haben wir?«

»Zwölf. Aber wir brauchen ungefähr siebzig und es gibt keine Handwerker, die sie montieren und anschließen können. In Bolívar gibt es nicht einen Elektriker und die, die es woanders gibt, wollen nicht kommen. Das Risiko sei ihnen zu groß, sagen sie. Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll, Karsten«, sagte Jules.

Karsten strich sich über seinen Drei-Tage-Bart. »Dann lass uns zusammen überlegen und nach Lösungen suchen«, schlug er vor. »Wann hast du für ein Gespräch Zeit?«

»Heute Abend bei mir gegen zehn?«, schlug Jules vor.

»Hm, ich bin da und bringe argentinischen Wein mit. Aber lasse uns jetzt noch zu den alten Hallen am Fluss fahren. Dann kannst du dir ein Bild von den Fortschritten der Aufforstung machen«, sagte Karsten.

Sie stiegen in Karstens BMW. Jules staunte über den Komfort, als sie losfuhren. Schnell erreichten sie das Ortsende und vor ihnen lagen bis zum Horizont die Wasserflächen mit unzähligen Garnelenbecken auf denen sich die Sonne spiegelte. Die Strecke war zwar wie gewohnt holperig, aber in dem SUV bequem zu bewältigen.

»Wie willst du mit den Problemen umgehen, Karsten?«, fragte Jules.

»Was meinst du genau?«, wollte Karsten wissen.

»Ich denke an die Bandenkriege, die Gefängnisrevolten, an das Militär und natürlich an die vielen Straßensperren und Demonstrationen.« Karsten überlegte einen Moment und sah Jules dann von der Seite an.

»Jules, ich sorge mich um den Erfolg meines Hilfsprojektes«, gestand der 29-Jährige. Karsten sah ihn mit ernstem Gesichtsausdruck an. »Aber noch ist alles das in Bolívar nicht angekommen.«

»Darüber sollten wir heute reden. Wusstest du, dass Yaku und Leonie vor einer Woche in Esmeralda in eine Straßensperre kamen und sie Schüsse hören konnten?«, fragte Jules.

»Nein«, antwortete Karsten. »Deine Tochter wird doch aber weiter auf die Schule gehen?«

»Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht, Karsten. Mir liegt viel an ihrem Abitur, aber mehr an ihrer Sicherheit«, antwortete Jules, als Karsten die alte Halle anfuhr.

»Verständlich. Aus dem Grunde möchte ich auch nicht, dass Lena mit unserem Kind nach Bolívar kommt«, sagte Karsten und fuhr bis zu der Halle, hinter der er die ersten Pflanzungen vermutete.

»Was ist denn hier los?«, fragte er nur eine Minute später, als er den Wagen parkte.

»Wieso, was meinst du?«

»Eigentlich wollte ich dich auch überraschen. Es sollte heute mit der Aufforstung begonnen werden. Schau!«, sagte er und zeigte auf mehrere Kisten mit zwei Meter großen Zöglingen aus der Baumschule. »Wo sind die alle?«

»Wer?«

»Sechs Frauen hatten sich dazu gemeldet. Sie gehören zu den Jungfrauen der Garnelen. Es ist einer ihrer Herzenswünsche, dass hier wieder aufgeforstet wird!«

»Dort hinten«, sagte Jules und zeigte zu einer etwa einen Kilometer entfernten Stelle hinter den zugeschütteten Garnelenbecken.

»Das könnten sie sein. Fahren wir mal rüber«, sagte Karsten sichtlich verblüfft.

Sie fuhren vorbei an Kisten mit den jungen Mangroven. Karsten war erstaunt darüber, dass die Virgenes de camarón nicht beim Auspflanzen der Bäume waren. Die Frauen hatten sie in der Baumschule zuvor regelrecht liebevoll großgezogen. Nun standen entlang des Weges unberührt hunderte Mangrovensetzlinge. »Ich bin neugierig, warum sie nicht bei der Arbeit sind«, sagte Karsten, als er nahe genug war, um sie zu erkennen.

»Da steht auch diese Jeiddy, die bei dir arbeitet«, sagte Jules.

»Ah ja. Jeiddy Fantini. Und da steht auch ihr Mann Guiliano.«

Jules erfasste sofort die Situation. Gelbe Bulldozer hatten eine breite Schneise in einen Mangrovenhain gerissen. Vor ihnen standen mehrere Männer mit Knüppeln bewaffnet Bauarbeitern gegenüber. Andere warfen Steine auf die Baumaschinen. In der letzten Reihe sah er die Frauen. Unter ihnen auch Jeiddy Fantini. Von ihr wusste er, dass sie die Jungfrauen der Garnelen anführte. Kaum bahnte er sich mit Karsten einen Weg nach vorne, kam ihnen wutschnaubend ein untersetzter Mann entgegen.

»Ihre Jungfrauen betreten mein Grundstück und zerstören mein Eigentum!«, schrie er Karsten an. »Dafür zeige ich Sie an«, sagte er und erhob drohend seine Fäuste.

»Moment mal, Señor Mendoza!«, reagierte Karsten gelassen. »Erstens sind es nicht meine Jungfrauen, und zweitens stehen die Frauen hier in zweiter Reihe. Was ist denn passiert?«, fragte er den Mann.

»Sehen Sie das nicht?«, sagte er wütend und deutete auf die zerschlagenen Scheiben der zwei Bulldozer. »Meine Arbeiter wurden von Ihren Leuten angegriffen!«

»Noch einmal, Señor Mendoza. Es sind nicht meine Frauen und auch nicht meine Leute. Was ich hier sehe, ist aber, dass Sie offenbar illegal Mangroven fällen. Oder haben Sie dafür eine Genehmigung? Dann zeigen Sie sie mir!«, forderte Karsten.

Jules hatte davon gehört, dass das Fällen der Mangroven ohne Erlaubnis unter Strafe stand. Die Behörden griffen aber nur in seltenen Fällen ein, da einige Beamte mutmaßlich bestochen wurden und gerne ein Auge zudrückten.

»Das ist mein Land und ich kann hier machen, was ich will!«, schrie Mendoza.

»Das stimmt aber nur, wenn Sie eine Genehmigung haben. Zeigen Sie sie mir!«, forderte Karsten erneut von dem Züchter und stemmte seine Fäuste in die Taille. Mendoza sah ihn erstaunt an. »Ich glaube, Sie haben gar keine. Aber als Mitglied der Genossenschaft sollten Sie wissen, dass Sie diese brauchen. Wenn Sie keine haben, rate ich Ihnen dringend, Ihre Maschinen und Arbeiter abzuziehen, sonst rufe ich sofort das Militär!«, drohte ihm Karsten mit festem Ton.

Roberto Mendoza galt als einer der Hardliner unter den Garnelenzüchtern. Schon alleine deshalb war es ein kleiner Sieg für die Jungfrauen der Garnelen. Sie brachen in freudigen Jubel aus, nachdem er zähneknirschend mit seinen Arbeitern abgezogen war.

»Gut, dass Sie gekommen sind, Señor Fischler«, sagte Jeiddy.

Karsten schüttelte den Kopf. »Ihr hättet mich anrufen sollen, Jeiddy. Ich war nur zufällig hier.«

»Aber hier gibt es keinen Empfang. Deshalb habe ich Alexandra geschickt, um Sie zu holen«, sagte die junge Frau.

»Sie hätte mich nicht finden können. Aber ihr habt das richtig gemacht.«

»Jedenfalls werden die nicht so schnell wiederkommen«, stellte Jeiddy fest.

»Auch das ist gut. Dann fangt eben morgen mit der Pflanzung an«, meinte Karsten. »Behaltet die Becken dennoch im Blick, ob er nicht doch wiedererscheint. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mendoza so einfach aufgibt.«

»Ein weiterer Erfolg«, sagte Jules, als sie zurück zu dem Lager fuhren.

»Nur ein kleiner Erfolg. Manchmal glaube ich, dass wir einen Schritt vor und zwei zurück machen«, sagte Karsten.

»Hm. Ich verstehe, was du meinst. Aber trotzdem hast du viel geschafft, Karsten. Den Menschen rund um Bolívar geht es besser als je zuvor«, sagte Jules.

Karsten nickte. »Nicht zuletzt dank deiner Hilfe, auf die ich nicht mehr verzichten möchte!«

Jules öffnete die Tür der alten Halle und schaltete das Licht an.

In dem vorderen Bereich der Halle warteten Holzkisten mit weiteren Mangroven-Setzlingen auf ihren Einsatz, während in dem hinteren Teil senkrecht stehend unzählige Fenster und Türen standen.

»Und die sind für alle Häuser in Bolívar?«

»Für 186 Häuser«, sagte Jules. »Fenster und Türen. Mit dem Einbau soll aber erst nach der Verlegung der Wasserleitungen und der Anschlüsse für die Straßenbeleuchtungen begonnen werden. So mein Plan.«

Karsten schüttelte den Kopf. »Zuerst muss die Schule vergrößert werden«, sagte Karsten. »Mit der Schule solltest du beginnen.«

»Ich glaube nicht, dass wir während der Unruhen nur einen Baustoffhändler finden, der das Material für die Erweiterung nach Bolívar bringt«, entgegnete Jules, als sein Handy klingelte.

»Wo bleibst du?«, fragte Mila.

»Ich bin noch mit Karsten unterwegs«, sagte Jules.

»Du musst sofort kommen! Yaku wird gleich mit Leonie da sein. Sie wurden beschossen und Yaku ist verletzt!«, sagte sie aufgeregt.

»Was? Wiederhole das bitte! Karsten steht gerade neben mir. Ich schalte den Lautsprecher ein.«

»Yaku ist mit Leonie auf dem Weg hierher. Sie sind in Esmeraldas beschossen worden und Yaku ist verletzt! Du kommst am besten gleich mit, Karsten!«, sagte sie.

»Wie geht es Leonie? Ist sie unverletzt?«, fragte Jules.

»Sie wurde nicht getroffen, wenn du das meinst. Aber wie es ihr geht, will ich mir gar nicht erst vorstellen«, sagte Mila.

3

Der zerschossene Defender kam halb im Vorgarten zum Stehen. Einschusslöcher in der Karosse und zerschossene Scheiben zeugten von einem grausamen Geschehen. Leonie sprang heraus und stürzte mit tränenüberströmtem Gesicht in Jules‘ Arme. »Paps!«, schrie sie schluchzend. »Yaku braucht Hilfe. Er blutet stark!«

Jules zog Leonie ins Haus, während Karsten direkt zu dem Geländewagen rannte. Ein Blick auf die fehlende Heckscheibe und die Einschusslöcher genügte, um zu verstehen, was geschehen war. »Mein Gott, Yaku!«, rief Karsten entsetzt und riss die Fahrertür auf. Der indigene Mann lächelte mit schmerzverzerrtem Gesicht. Blutverkrustete Haare und tropfendes Blut von Arm und Schulter boten einen schrecklichen Anblick. »Ich habe Leonie heil zurückgebracht«, keuchte er nur.

»Du musst sofort ins Krankenhaus«, sagte Karsten aufgeregt. Während Jules die Nummer der Ärztin wählte, warf er Mila einen stummen Blick zu: Kümmere dich um Leonie und rannte zu Karsten. Nachdem sie mit wenigen Handgriffen eine Decke auf der Rückbank ausgelegt hatten, legten die Männer Yaku in den BMW und rasten davon.

Mila sah ihnen nach und schloss mit klopfenden Herzen die Haustür. Leonie saß in ihrer Schuluniform zitternd auf dem Sofa, das Gesicht in ein Kissen vergraben. Mitfühlend setzte sich Mila neben sie und legte ihren Arm um sie. Zwei Minuten saßen sie schweigend nebeneinander, bis Leonie sich beruhigt hatte. »Magst du darüber reden?«, fragte Mila sanft.

»Ja«, sagte Leonie mit bebender Stimme und unterdrückten Schluchzern. »Es war so schrecklich! Yaku wartete vor der Schule auf mich. Ich freute mich auf das Wochenende und wollte mit einer Freundin in unserem Pool baden. Yaku begrüßte mich lachend und hielt mir sogar die Autotür auf.«

Leonie machte eine Pause, als müsste sie das Geschehene verarbeiten. »Wir fuhren los, und er erzählte von seinen Söhnen, die er nach einem Streit nicht mehr gesehen hatte. Seine Frau war darüber sehr traurig, und erst ein Gespräch mit Paps hatte ihn dazu gebracht, sich bei ihnen zu melden. Sie waren lange bevor Karsten kam, nach Kanada ausgewandert und wollten im Mai nach Bolívar zu Besuch kommen. Ich sah sein Lächeln im Spiegel, als er das erzählte.« Leonie schluckte und sah Mila ernst an, ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Dann erstarb plötzlich sein Lächeln, und er bremste scharf ab. Als ich wieder zur Straße blickte, sah ich sie auch. Weiter vorne standen bewaffnete Männer, die ihre Waffen auf uns richteten und Yaku aufforderten, näher zu kommen. Er flüsterte, ich solle mich sofort ducken, was ich auch tat.«

»Ich nehme an, dass Yaku nicht angehalten hat«, sagte Mila.

Leonie nickte, Tränen liefen ihr jetzt über die Wangen. »Er gab Vollgas und überraschte die Bande. Einer der Männer flog über das Dach des Autos. Dann trafen uns die ersten Kugeln. Als die Heckscheibe zerbarst, machte ich mich im Fußraum noch kleiner«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Yaku fuhr weiter und forderte mich auf, unten zu bleiben. Erst als wir Esmeraldas verlassen hatten, traute ich mich wieder hoch. Im Spiegel sah ich, dass Yakus Stirn schweißnass war. Er fragte, ob es mir gut ginge, und dann bemerkte ich, dass er selbst getroffen worden war. Ich forderte ihn auf, anzuhalten, aber er sagte, er müsse mich in Sicherheit bringen. Er fuhr so schnell, dass er fast jedes Auto überholte. Als er Schlangenlinien fuhr, versuchte ich, ihn wachzuhalten. Den Rest kennst du. Ich will nicht mehr zur Schule!«

Mila nickte mitfühlend. Tränen stiegen auch ihr in die Augen.

»Dein Erlebnis war traumatisch, Leonie. Du musst nicht mehr nach Esmeraldas. Ich werde dich auf dein Abitur so gut es geht in Bolívar vorbereiten«, sagte sie. »Wenn dein Vater und Karsten zurück sind, werden wir alles Weitere mit ihm besprechen.«

»Mila?«, fragte Leonie und sah sie ernst an. »Darf ich Mama zu dir sagen?«

Mila war überrascht und zutiefst gerührt. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ja«, antwortete sie mit erstickter Stimme. »Sag Mama zu mir!«

Leonie kuschelte sich an sie und flüsterte mit zitternder Stimme: »Mama, ich liebe dich!«

»Ich liebe dich auch«, sagte Mila und streichelte zärtlich ihren Kopf. Das Mädchen hatte viel durchgemacht. »Möchtest du jetzt zu Bett gehen?«

»Auf keinen Fall«, antwortete Leonie bestimmt. »Ich muss wissen, wie es Yaku geht, und ich möchte mitreden, wenn es um unsere Zukunft geht.«

Die Zukunft war auch das Thema des Aufsatzes, den sie ihrer Klasse aufgegeben hatte und den Mila noch fertig korrigieren musste.

»In Ordnung, dann warten wir zusammen auf die Männer«, sagte sie mit einem milden Lächeln. »Trinkst du mit mir einen Rompope?«

»Den habe ich schon heimlich probiert. Der schmeckt nach Eiern«, sagte Leonie und lachte endlich wieder.

»Stimmt, fast wie holländischer Eierlikör, nur besser mit Zimt und Vanille«, antwortete Mila. »Dann hole ich mal die Flasche.«

»Aber nicht Paps erzählen, Mama!«, warnte Leonie.

»Kein Wort! Das bleibt unser Geheimnis«, versprach Mila. Sie wusste, dass Jules seine Tochter so lange wie möglich von Alkohol fernhalten wollte. Sie teilte seine Meinung, aber ein wenig Zimt konnte in dieser Situation nicht schaden.

4

Mila hatte nicht gehört, als die Haustür geöffnet wurde. Sie war mit Leonie eingenickt, die sich unter der Kuscheldecke an sie klammerte. Jules war bei dem Anblick sichtlich gerührt, als er mit Karsten im Türrahmen stand.

»Ein schönes Bild, Jules«, flüsterte ihm Karsten zu. »Etwas Besseres wirst du für Leonie und dich nicht finden!«

Jules legte einen Arm über seine Schulter. »Rum?«

»Auf den Schreck mit Yaku nehme ich einen«, sagte Karsten.

Jules ging zu dem Schrank mit dem Alkohol und betrachtete Leonie und Mila. Seine Tochter schlief, aber Mila sah ihn lächelnd an.

»Du bist wach?«, fragte er erstaunt.

»Ich hatte nur die Augen geschlossen, weil ich neugierig war, worüber ihr redet.«

»Dann hast du alles mitbekommen? Über Yaku hatten wir aber noch gar nicht gesprochen«, sagte Karsten.

Mila zuckte mit den Schultern. »Aber über mich«, sagte sie grinsend.

Jules lachte und füllte die Gläser. »Ganz schön raffiniert. Was trinkst du?«

»Einen Rompope«, antwortete Mila und weckte Leonie. »Hallo Schatz. Sie sind zurück.« Sie streichelte ihre Wange und legte die Decke zusammen.

»Ich hole mir ein Glas Milch aus der Küche«, sagte Leonie und stand auf.

»Wie geht es dir?«, fragte Jules, der seine Tochter sorgenvoll ansah.

»Nicht so gut. Aber ich habe länger mit Mama gesprochen«, sagte sie auf dem Weg in die Küche.

»Mama?«, fragte Jules irritiert, und Karsten sah ihn fragend von der Seite an.

»Ja, Mama!«, sagte Mila lächelnd. »Leonie hat mich gefragt, ob sie das darf, und ich habe ja gesagt.«

Jules spürte einen Hauch von Eifersucht in sich aufsteigen. Aber im Grunde war es das, was er immer wollte.

»Das ist ja großartig!«, bestätigte Karsten.

»Wow! Ich freue mich. Jetzt sind wir eine richtige Familie. Das hatte ich nicht zu hoffen gewagt!«, sagte Jules, und Leonie setzte sich mit ihrer Milch gleich wieder zu Mila.

»Das Wichtigste zuerst«, sagte Leonie. »Wie geht es Yaku?«

»Er hat viel Blut verloren und hängt jetzt am Tropf. Die Ärztin bleibt mit einer Krankenschwester über Nacht in der Krankenstation«, sagte Karsten.

»Sie hat zwei Kugeln entfernen können. Er müsste eigentlich in ein richtiges Krankenhaus, sagte sie. Aber er ist nicht transportfähig«, ergänzte Jules.

»Frau Doktor Sanero ist nur Allgemeinmedizinerin, aber ich vertraue ihr. Seine Blutungen sind vorerst gestoppt, und sie hat Blutkonserven für Yaku bestellt, die in den nächsten zwei Tagen eintreffen müssten«, sagte Karsten.

»Ist Yaku bei Bewusstsein?«, fragte Leonie.

»Die Ärztin hat ihm ein Beruhigungsmittel gegeben, um ihn zu schonen, Leonie. Er schläft gerade, und das ist auch gut so«, antwortete Jules.

»Das nächste Krankenhaus wäre in Esmeraldas, nehme ich an«, begann Mila. »Ein Transport dorthin dürfte auch aus anderen Gründen nicht empfehlenswert sein.«

Jules nickte. »Die Sicherheitslage in Esmeraldas ist ein Problem. Das sieht sie auch so. Aber Quito ist noch weiter entfernt.«

»Wenn Yaku Fusionen bekommen hat, wird sich sein Zustand stabilisiert haben. Zumindest hoffe ich das«, sagte Karsten. »Dann organisiere ich einen Hubschrauber, der ihn nach Quito transportiert«, sagte Karsten.

»Yaku wollte mich nur nach Hause bringen und hat dabei sein Leben riskiert.«

Karsten nippte an seinem Rum und blickte in die Runde. Er wusste, dass an diesem Abend noch ein anderes Thema zur Sprache kommen würde. »Was bedeutet das jetzt für euch?«

»Zunächst werde ich Leonie weiter unterrichten und sie so gut wie möglich auf ihr Abi vorbereiten«, sagte Mila. »Vorläufig. Sie braucht das Abitur, Karsten.«

Jules seufzte schwer. »Wir wissen nicht, wie lange es in Bolívar ruhig bleibt. Ich denke, dass davon alle weiteren Entscheidungen für unsere Familie abhängen«, sagte Jules und richtete seinen Blick auf Karsten, der ihn fragend ansah. »Du siehst doch selbst, wie schwer es geworden ist. Beinahe täglich gibt es Stromausfälle und kaum noch sichere Transportwege im ganzen Land. Ich kämpfe täglich damit, das Nötigste zu beschaffen oder Handwerker zu beauftragen. Dein Engagement in Ehren, Karsten. Es ist auch toll, wie du die Erweiterung der Schule geplant hast, aber wie soll das unter diesen Umständen umgesetzt werden?«, fragte Jules mit besorgter Stimme.

»Ich weiß es nicht. Aber mir wird etwas einfallen«, sagte Karsten, obwohl auch in seiner Stimme Unsicherheit mitschwang.

Mila war nicht die Frau, die schnell aufgab. Hätte sie Karstens Hilfsprojekt nicht überzeugt, wäre sie gar nicht erst nach Südamerika ausgewandert. Aber jetzt hatte sie erhebliche Zweifel, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Die Ereignisse des Tages hatten ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

»Die Arbeit in der Schule bereitet mir viel Freude. Auch in diesem Haus fühle ich mich mit Jules und Leonie sehr wohl. Wir sind eine kleine Familie«, sagte sie. »Weißt du, ich muss am Wochenende die Aufsätze meiner Klasse durchsehen und benoten. Ich wollte von meinen Schülern wissen, wie sie sich die Zukunft in Bolívar vorstellen und welche Erwartungen sie haben, um hier zu bleiben. Jetzt bin ich umso mehr gespannt, was sie geschrieben haben, denn nach dem heutigen Vorfall mit Leonie und Yaku weiß ich selbst nicht, wie es weitergehen soll.« Ihre Stimme klang unsicher und besorgt.

»Ich vermisse Lena, die vor der Geburt des kleinen Felipe regelmäßig nach Bolívar kam«, sagte Leonie.