Junglaub - Detlev van Heest - E-Book

Junglaub E-Book

Detlev van Heest

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Beschreibung

Japan zur Jahrtausendwende. Ein niederländisch-deutsches Ehepaar lebt seit Jahren in Chōfu, in einer Siedlung genannt Junglaub, einer kleinen Stadt etwa zwanzig Kilometer vom Zentrum Tokios entfernt. Er, Detlev van Heest, die Japaner nennen ihn Heesto-san, arbeitet als Auslandskorrespondent für niederländische Zeitungen, seine Frau Annelotte in einer japanischen Importfirma für holländische Blumen. Heestos Produktivität als Journalist ist versiegt, stattdessen schreibt er über seine Nachbarn, wie die zunehmend vergessliche, liebenswerte Frau Suzuki, einen krebskranken Friseur Herrn Bohrinsel, das bitterarme Musikerehepaar Herrn und Frau Siebenseen, den Koch Kenzo, der es an keiner seiner zahlreichen Arbeitsstellen lange aushält oder den steinalten Herrn van Tricht, bei dem nicht ganz klar ist, ob er während des Zweiten Weltkriegs als japanischer Soldat in Südostasien an Kriegsverbrechen beteiligt war … Im großen Roman "Junglaub" leben die Menschen ihr Leben, meist nebeneinanderher und manchmal auch ein bisschen miteinander. Sie kämpfen mit ihren kleinen und großen Alltagssorgen, klatschen, trinken grünen Tee, grübeln, werden krank, sterben. Und alle reden sie mit Herrn Heesto. Der wiederum diese Gespräche festhält und sie in seinem Buch präsentiert – und damit dem Leser einen neuen, anderen Blick auf Japan ermöglicht. "Junglaub" zeichnet den allmählichen Zerfall einer vergreisenden Gesellschaft am Beispiel seiner zahlreichen Protagonisten. Sein Autor Detlev van Heest schildert in seinem Debütroman den Mikrokosmos des heutigen Japan.

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Seitenzahl: 757

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis
Cover
Haupttitel
Junglaub lesen...
Impressum und Copyright

Detlev van Heest

JUNGLAUB

JAHRE IN JAPAN

Aus dem Niederländischen von Gerd Busse und Ulrich Faure

Für Han

Zum Geleit

Im Westen Tokios liegt das malerische Vorstadtviertel Junglaub. Die Häuschen in Junglaub stehen dicht gedrängt. Man kann es als Wunder ansehen, dass dazwischen noch Platz für ein paar Bäume, Teiche und Bäche ist. Die Gassen sind nicht viel mehr als asphaltierte Wege, schmal und mäandernd und ungeeignet für Autos. Junglaub hat sogar einen kleinen Park, den ehemaligen Garten eines zu seiner Zeit bekannten Schriftstellers. Dort, neben dem Park, am Fuße eines steilen, wenn auch nicht sehr hohen Hügels, wurden die folgenden Porträts aufgezeichnet.

Frau Suzuki

2000

Frau Suzuki wohnte uns in der Gasse gegenüber. Im Schirmständer, draußen neben der Haustür, stand ein Stock, ein abgeschälter Ast mit einer natürlichen Krümmung, auf den sich Herr Suzuki gestützt hatte, als es ihm nicht mehr so gut ging. Seine Witwe ließ den Stock dort stehen, wie sie auch seinen Namen an der Tür nicht durch den ihrigen ersetzte.

Über ihre Gesundheit klagte sie nicht, obwohl sie regelmäßig ins Krankenhaus musste, um ihre Leiden erträglich zu halten. Dann kam sie munter mit einem Plastikbeutel voller Tabletten nach Hause zurück. »Die Hälfte dieser Tabletten geben sie mir gegen die Nebenwirkungen der anderen Hälfte. Die Tabletten machen den Magen kaputt. Meine Söhne legen mir immer ans Herz, sie alle zu nehmen. Das mache ich dann auch. Im Moment wollen sie sogar, dass ich Joghurt esse. Für meine Knochen. Ich kriege nur wenig davon runter. Früher gab es das nicht. Joghurt!«

Für eine Japanerin ihres Alters war sie ziemlich groß. »Früher war ich eins siebenundfünfzig. In der Schule stand ich immer ganz vorn, denn wir wurden der Größe nach aufgestellt. Weil ich so lang war, habe ich Leichtathletik gemacht. Ich konnte gut laufen. Ja, lange ist’s her. Ich habe auch an den nationalen Leichtathletikmeisterschaften teilgenommen. Das war das erste Mal, dass ich von zu Hause weg war.« Frau Suzuki kam vom Land, aus einer der nördlichen Provinzen. Den summenden Dialekt ihrer Gegend sprach sie noch immer. »Die Jungs aus meinem Dorf fanden mich ganz hübsch, glaube ich, aber auch nur, weil sie nicht wussten, wie die jungen Frauen in der Stadt aussahen.«

»Na, Sie können sich nicht beklagen.«

»Ach was. Ich bin eine längst verwelkte Blume. Einst habe ich einen kurzen Tag geblüht, wie es so schön heißt.«

˜

Frau Schattenberg spazierte jeden Tag zweimal mit ihrem Hündchen den Hügel hinab zu Frau Suzuki. Frau Schattenberg war zwar alt, aber noch nicht so alt wie ihre Freundin, und deshalb, im Gegensatz zu Frau Suzuki, in der Lage, meinen Namen zu behalten. »Herr Heesto!« Und dann kamen die Fragen. »Wo arbeitet Ihre Frau?« Und: »Warum fährt sie mit dem Fahrrad ins Büro?« Oder: »Warum haben Sie keine Kinder, Herr Heesto?«

Eines Morgens war sie wieder mit dem Hund unterwegs zu ihrer Freundin. »Oh, Herr Heesto! Sie sind wieder da! Herr Heesto ist wieder da!«, rief sie nun auch Chibi, dem Hündchen, zu. Sie öffnete Frau Suzukis Gartenpforte, ging zur Haustür und drehte ihren Kopf in meine Richtung. »Waren Sie in Ihrem Land?«

»Nein, ich war nicht in Holland.« Ich schüttelte meine Bettdecke über der Balustrade der Veranda aus. Kootjes Haare rieselten auf die Gasse.

»Waren Sie verreist?«

»Ja, ich war verreist.«

»Wir haben uns alle Sorgen um Sie gemacht. Alle hier in der Nachbarschaft. Es war ständig dunkel bei Ihnen. Im Haus hat sich nichts gerührt.« Frau Schattenberg drückte auf die Klingel und sagte »Bingbong!« zu dem Hündchen. »Wohin ging denn die Reise?«

»Nach Australien.«

»Oh, Australien. Herr Heesto war in Australien.« Sie öffnete die Tür. Im Flur hielten die zwei Freundinnen ein Schwätzchen. Das Hündchen bekam ein Leckerli von Frau Suzuki.

Nachmittags holte ich die Wäsche von der Veranda herein. Der Zeitungsbote vonDie Botschaft, um die vierzig, bockte sein Moped auf den Ständer und ließ den Motor laufen. Er kam durch die Pforte und öffnete die Haustür. »Frau Suzuki! Das Zeitungsgeld!«

Frau Suzuki freute sich über jeden Besucher. Auch die Zeugen Jehovas, die in unserer Gegend oft paarweise vor der Tür erschienen, durften bei ihr mit einer Tasse grünem Tee rechnen. Da sie jedoch nicht zu bekehren war und die Besuche bei ihr als allzu zeitraubend galten, begannen die Zeugen des Unaussprechlichen, sie zu meiden.

Der Zeitungsmann kam wieder nach draußen, stellte den Motor ab, steckte sich eine Zigarette an und ging wieder hinein. Er kam noch einmalheraus,tipptedieAschevonseinerZigaretteundgingwiederhinein.

˜

Frau Suzuki kam mir auf der Gasse entgegen. »Das ist ja lange her! Kein Bettzeug über der Balustrade. Kein Licht mehr abends bei Ihnen. Ich dachte, dass Sie vielleicht klammheimlich umgezogen wären. Schön, dass Sie wieder da sind.«

»Wir waren verreist.«

»Ja, das habe ich von Frau Schattenberg gehört.«

˜

Beim Hinaustragen der Müllsäcke begegnete ich Frau Baumdorf. Ich wünschte ihr einen guten Morgen und stellte meinen Müllsack achtlos ab. Frau Baumdorf brachte einige Minuten damit zu, die gesammelten Müllsäcke zu ordnen.

Frau Schattenberg kam mit Chibi in die Gasse. »Was ist das doch für eine schöne Clematis.«

»Gibt es auch ein japanisches Wort für Clematis?«, fragte ich.

»Jeder sagt Clematis«, sagte sie nach einigem Grübeln. »Wie geht es Ihrer Katze?«

»Kootje geht es gut. Sie schläft. Auf der Veranda. Sie ist gerade vorhin von einer anstrengenden Nacht zurückgekommen.«

»Ich habe Ihre Frau schon eine Weile nicht gesehen. Ist sie auf Geschäftsreise?«

»Nein, sie ist im Büro.«

Frau Baumdorf trippelte in einem kleinen Bogen um mich herum. Sie wurde langsamer, zeigte nach oben: »Darf Ihre Clematis eigentlich an den elektrischen Leitungen entlangklettern?«

»Die Leitung ist alt. Da fließt nichts mehr durch«, antwortete ich verärgert.

»Oh, wie gut Sie doch Japanisch sprechen«, sagte Frau Baumdorf, eine Formulierung, die für Ausländer bestimmt war, die im Ringen mit der Sprache den Kürzeren zogen.

Hinter mir hörte ich Frau Schattenberg »Bingbong!« zu ihrem Hündchen sagen.

˜

»Ist Ihre Frau schon zurück?«, fragte Frau Suzuki. An ihrem Gartenwasserhahn füllte sie eine blaue Gießkanne.

»Ja, sie ist wieder da.«

»Aber ich sehe sie nur noch selten.«

»Sie kommt oft spät von der Arbeit zurück.«

»Wann denn?«

»Gegen acht.«

»Und morgens? Wann verlässt sie das Haus?«

»Nicht so früh. Meist gegen neun.«

»Das ist ganz schön spät, ja. Wäre es nicht besser, wenn sie etwas früher losginge und früher nach Hause käme? So sitzen Sie den ganzen Tag allein da.«

»Ach, das hat auch seine Vorteile.«

Frau Suzuki nickte. »Sie können die Betten lüften und das Haus aufräumen, wenn Sie allein sind«, vermutete sie.

»So ist es.«

»Ist die nun schon verblüht?«, fragte sie und zeigte auf die Blüten der Zifferblattpflanze.

»Nein, die fängt gerade erst an zu blühen. Sie ist voller Knospen.«

»Und die Blumen da? Die sehen ja aus, als ob sie aus der Mauer wachsen. Sind die dort von selbst hingekommen?«

»Nein, die haben wir in die Fugen gepflanzt. Das ist Goldlack.«

»In die Fugen gepflanzt?«

»Ja, die haben wir dort letztes Jahr gepflanzt.«

»In eine Mauer? Das ist bestimmt nicht einfach.«

»Wie steht es um Ihre Gesundheit? Die Wärme ist doch bestimmt gut für Sie?«

»In meinem Alter geht es einem natürlich nicht mehr so gut, aber die Wärme ist tatsächlich wohltuend. Aber durch die Wärme schießt auch überall das Unkraut in die Höhe. Ich muss mich viel bücken, um es zu zupfen. Davon kriege ich es am Rücken.«

˜

Eines Abends sahen wir Kootje auf Frau Suzukis Dach springen. Jede kleine Bewegung auf dem Blechdach erzeugte Lärm. Frau Suzuki kam heraus und sah nach oben. Im Dunkeln konnte sie die Katze nicht sehen.

Am nächsten Morgen stand sie in ihrem Garten.

»Äh, ich schäme mich ein bisschen«, stammelte ich, »aber, äh, unsere Katze ist gestern Abend auf Ihr Dach gesprungen. Sie ist lieb, aber manchmal auch ungezogen. Haben Sie sie gehört?«

»Nein, ich höre nie etwas, aber das kommt daher, weil mein Fernseher immer so laut ist, nicht wahr? Möchten Sie eine Tasse Tee?«

»Ja, sehr gern.«

»Oh, da ist ja mein Ältester.«

Ihr Sohn kam durch den Park. Wir verbeugten uns voreinander, nannten unsere Namen. Ich entschuldigte mich bei ihm für mein unrasiertes Gesicht.

Drinnen zündete er sofort eine Kerze auf dem kleinen buddhistischen Hausaltar an und murmelte ein Gebet. Über dem Altar hing ein großes Foto des alten Herrn Suzuki.

»Ja, das ist ein Foto meines Mannes, als er noch jung war. Er war damals dreiundsiebzig. Wir mussten doch ein schönes Foto von ihm aufhängen, oder?«

Der Sohn von Frau Suzuki war Nachtwächter bei der Telefongesellschaft, bei der er gearbeitet hatte, bis er vor sechs Jahren in Rente gegangen war. »Ein komisches Land, oder? Dass man nach der Pensionierung weiterarbeiten muss, weil man vom Staat keine Unterstützung bekommt.«

»Sind Sie neulich zur Wahl gegangen?«, fragte ich sie.

»Ja, natürlich. Aber es hat an dem Tag so geregnet. Ich bin den ganzen Weg zum Wahllokal gelaufen, und als ich dort ankam, hatte ich vergessen, wen ich nun gleich wieder wählen sollte. Da bin nach Hause zurückgegangen, um meine Söhne anzurufen und zu fragen, wen ich eigentlich wählen soll. Das habe ich aufgeschrieben und bin danach noch einmal zum Wahllokal gegangen. Haben Sie auch gewählt?«

»Nein, als Ausländer dürfen wir nur Steuern zahlen.«

»Ist das in Ihrem Land auch so, dass Ausländer nicht wählen dürfen?«, fragte sie.

»Bei uns dürfen sie auch nur Steuern zahlen.«

»Sie wohnen hier doch schon sehr lange?«, fragte der Sohn nicht besonders interessiert.

»Acht Jahre, meine Frau neun Jahre.«

»Und können Sie dann nicht die japanische Staatsbürgerschaft annehmen?«

»Daran haben wir noch nicht gedacht. Aber wir müssen nicht unbedingt Japaner werden. Meine Frau kann nächstes Jahr ein Dauervisum bekommen.«

˜

Ich schob mein Fahrrad den Hügel hinauf. Auf halber Strecke traf ich Frau Suzuki, die auf dem Heimweg war. »Wo gehen Sie hin?«

»Zu meiner Japanischstunde.«

»Geben Sie Unterricht?«, fragte sie erstaunt.

»Ich nehme Unterricht.«

»Ach, Sie nehmen Unterricht«, sagte sie mit einem Lächeln über den alternden Mann in seiner kurzen Hose, der noch immer zur Schule ging.

˜

Frau Suzuki brachte ihren Müll in die Gasse. Es regnete.

»Heute ist Seniorentag, nicht wahr?«, fragte ich.

Sie hielt ihren Schirm auch ein bisschen über mich. »Ja, heute ist Seniorentag. Ich habe gestern von der Stadt Geld für etwas Feines zu essen bekommen. Das ist einer der wenigen Vorteile des Alters. Dass sie einem nur mal so Geld bringen.« Sie lachte darüber. »Waren Sie wieder weg?«

»Nur ein paar Tage.«

»Es ist immer dunkel bei Ihnen. Ich sehe Sie so selten.«

˜

»Ich bin im Krankenhaus gewesen. Meine Medikamente waren alle.« Sie zeigte mir den Beutel mit den neuen Medikamenten. Über ihren Kopf hielt sie einen Sonnenschirm.

»Die reichen wohl eine Weile.«

»Es ist warm heute. Ich muss diese Woche noch zum Grab meines Mannes. Aber da zieht es mich nicht unbedingt hin, wenn es so heiß ist.«

»Ist das Grab weit weg?«

»Außerhalb der Stadt, bei Hochschweif.«

»Dort ist doch auch das Grab des Shōwa-Kaisers?« Shōwa-Kaiser: der postume Name Hirohitos.

»Sind Sie da schon einmal gewesen?«

»Ein paarmal. Es ist schön da.«

»Früher bin ich immer ohne die Jungs zum Grab meines Mannes gefahren. Mit der Bahn und das letzte Stück im Taxi. Dieses Jahr gehe ich zusammen mit den Jungs. Vielleicht können wir ein Großraumtaxi nehmen. Haben Sie in Ihrem Land auch Totengedenktage?«

»Nicht wie hier.«

»Aber Sie haben doch auch Gräber?«

»Ja, die haben wir auch.«

»Und müssen Sie dann nie dorthin?«

»Äh, ja schon, aber nicht an festen Tagen.« Ich fühlte mich ertappt. Wie viele Jahre war ich schon nicht mehr am Grab meiner Mutter gewesen?

»Werden die Toten in Ihrem Land auch verbrannt?«

»Verbrannt oder begraben. Beides ist möglich.«

2001

Ich nahm die Wäsche ab. Frau Suzuki war hinten in ihrem Garten bei der Komposttonne. Sie zog tote Zweige aus den Sträuchern. Um Kopf und Hals hatte sie ein Handtuch geschlungen. Einer der Zweige wollte nicht, wie sie wollte. Mit aller Kraft zerrte sie daran. Plötzlich verschwand sie aus meinem Blickfeld. Vom äußersten Ende der Veranda konnte ich sie sehen. Da lag sie, die Beine in der Luft.

»Frau Suzuki, Frau Suzuki!«

Verwirrt schaute sie sich um. Sie versuchte aufzustehen. An einem Bäumchen zog sie sich hoch. Ich rannte hinunter, schlüpfte in meine Holzpantinen. Bei ihrer Gartenpforte rief ich sie wieder. Sie hielt sich noch immer an dem Bäumchen fest. Mit dem rechten Fuß stand sie auf einem Blech. »Ach, Sie sind es. Ich bin hingefallen.«

»Ich habe gesehen, wie es passiert ist. Haben Sie sich verletzt?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.«

»Der Boden ist hier nicht so hart.«

Sie klopfte ihre Hose ab. »Ich glaube, es geht schon. Ich war im Garten beschäftigt. Das Laub musste mal weggeräumt werden. Es sieht ja nicht aus, all dieses Laub. Da bin ich gefallen.«

»Ich habe es zufällig gesehen.«

»Diese blöden Blätter aber auch.«

»Lassen Sie das Laub ruhig liegen. Es ist Nahrung für die Bäume.«

»Ja, das stimmt schon. Ich lasse es für heute mal so. Haben Sie Lust auf eine Tasse Tee?«

»Gern, aber ich muss erst den Rest Wäsche abnehmen. Ich komme in einer halben Stunde. Ist Ihnen das recht?«

»Sie sind immer willkommen.«

»Bis in einer halben Stunde also.«

»Können Sie mir noch helfen, meinen Schuh zu suchen? Ich kann ihn nirgends finden.«

Der Schuh, ein Pantoffel mit einer Holzsohle, lag umgedreht im Laub. Ich stellte ihn vor sie hin. Sie zog ihre Socke aus, stieg vom Blech in den Holzpantoffel.

»Ich werde den Sack Laub mitnehmen. Wo soll er hin?«

»Dahin, zu den Gartensachen.«

»Ich glaube nicht, dass ich mich verletzt habe«, sagte sie drinnen.

»Wo darf ich mich hinsetzen?«

»Überall. Es gibt keine reservierten Plätze.«

»Aber das ist doch Ihr Platz?«

»Nein. Setzen Sie sich nur. Es ist nett von Ihnen, dass Sie gekommen sind. So wird es dank meines Sturzes ein schöner Nachmittag.« Sie schenkte grünen Tee ein und reichte mir Gebäck und gezuckerte Bohnen, die noch von Neujahr übrig waren. An einer halb zugezogenen Übergardine hingen zwei gewaschene Socken und ein Kleiderbügel mit einem Unterhemd.

Der Hausaltar war umgestellt worden. Er stand ein wenig höher als im vorigen Jahr. Der Fernseher stand auch anders,auffälliger. An allen Wänden türmte sich Krempel auf. Sortierte Reklameblätter, Lumpen, Beutel, Audiokassetten. Auf einem kleinen, runden Tisch standen sieben Teedosen, auf der Bodenmatte eine große elektrische Thermoskanne und ein Toaster.

»Und was machen Sie so zu Ihrem Vergnügen?«, fragte sie.

»Ich lese gern und spiele Tennis mit meiner Frau.«

»Und was lesen Sie?«

»Bücher.«

»Bücher aus Ihrem Land?«

»Auch.«

»Ich singe zu meinem Vergnügen. Früher habe ich auch viel gelesen, den Kindern vorgelesen. Geschichten, wissen Sie? Aber als sie etwas älter wurden, habe ich angefangen, für sie zu singen. Mögen Sie Musik?«

»Ja, sicher.«

»Nehmen Sie noch etwas von den Keksen.« Sie schob mir zwei Schälchen mit Leckereien hin.

»Danke.« Ich nahm noch einen Keks.

»Möchten Sie mein Lieblingslied hören?« UnterStofflappenund Nähzeug verborgen stand ein Kassettenrecorder. Aus einer Einkaufstasche nahm sie eine Kassette. »Hier haben Sie den Text.« Ein Mann fing an zu singen. Sie schloss die Augen und sang leise mit. Als es zu Ende war, goss sie heißes Wasser aus der Thermoskanne ins Teekännchen. »Schön, nicht wahr?«

»Wunderschön.«

Frau Suzuki nahm sich den Text, setzte ihre Brille auf und wieder ab. »Es geht um einen Verbrecher.« Sie sang es noch einmal, diesmal ohne Begleitung. Ihre Stimme kratzte wie eine alte Platte. »Möchten Sie sich die Kassette einmal ausleihen? Ich gebe Ihnen auch den Text mit. Dann können Sie es üben.«

»Gern.«

Sie erzählte von zu Hause, Fukushima, im Norden Japans, von ihrem Mann und den Kindern. »Mein Mann ist schon so lange tot. Und ich lebe immer noch. Ich glaube, dass dies vielleicht mein letztes Jahr sein wird.«

»Japanische Frauen können sehr alt werden. Sie haben die höchste Lebenserwartung auf der ganzen Welt«, schwafelte ich.

»Ach, ich erwarte nicht mehr so viel Lebenszeit. Mein Jüngster ist bereits achtundvierzig. Eine meiner beiden Töchter ist schon gestorben. Sie ist nur einundfünfzig geworden. Die beiden ältesten Jungs sind auch schon in Rente.«

»Waren Ihre Kinder zu Neujahr hier?«

»Am 2. Januar. Alle. Ich habe Sushi kommen lassen. Drei solche Schalen. So viel, dass wir es nicht aufessen konnten. Eine Schande bei diesen herrlichen Sachen, aber man kann sie nicht aufheben. Früher habe ich selbst gekocht, aber dafür bin ich zu alt. Der Mann meiner verstorbenen Tochter war übrigens auch da. Sie ist so jung gestorben. An Krebs. Der Krebs hatte in alle Organe gestreut. Sie war so krank. Kurz vor ihrem Tod haben sie sie noch hierhergefahren, mit dem Krankenwagen. Sie wollte, dass ich noch einmal für sie singe. Ach, meine Tochter konnte viel besser singen als ich. Sie war verrückt nach Musik. Sie hörte gar nicht auf, sich bei mir zu bedanken. Ich habe gesagt: ›Du sollst mir nicht danken! Du sollst gesund werden!‹ Aber sie konnte natürlich nicht gesund werden. Hier, hier hatten sie sie hingelegt. Sie schien so froh zu sein. Ja, ich habe für sie gesungen. Damals hatte ich ja noch eine bessere Stimme. Sie wollte nicht, dass ich aufhörte mit Singen.« Sie wühlte wieder in ihrer Einkaufstasche, fand eine Kassette. Frau Suzukis eigene Stimme. Lieder über die Liebe, die Natur und das Glück. Leise sang sie mit sich selbst mit, die Augen geschlossen, den Kopf mit ihren runden, festen Pausbacken etwas schief gelegt.

Die Frau und ihr wehmütiger Gesang machten mich für einen Moment sehr glücklich.

Sie gab mir eine Handvoll Kekse mit nach Hause (»für Ihre Frau«).

˜

»Mutter ist nicht da«, sagte die älteste Schwiegertochter, die einmal in der Woche kam, um bei Frau Suzuki ein wenig zu putzen.

»Das ist für Ihre Schwiegermutter. Aus dem Bioladen. Sie sehen zwar nicht schön aus, sind aber sehr lecker.«

»Oh, bio? Herzlichen Dank«, sagte sie pflichtschuldig. Sie nahm den Beutel Mandarinen.

Ein paar Stunden später kam Frau Suzuki in die Gasse. Sie winkte mir zu. »Danke für die herrlichen Mandarinen.«

»Sie schmecken gut, nicht wahr?«

»Möchten Sie eine Tasse Tee?«

»Äh, ja, gern. Aber ich bleibe nur kurz. Meine Frau hat gerade angerufen. Sie kommt heute früher nach Hause.«

»Arbeitet sie denn auch samstags?«, fragte sie verwundert.

»Auch samstags.«

»Kommen Sie doch rein. Das Licht im Flur ist kaputt, und der Fernseher geht auch nicht.« Im Flur knipste sie eine Taschenlampe an. Es war kalt im Haus. »Mögen Sie Mochi?« Mochi: gedämpfter und gestampfter Reis.

»Ja, die mag ich.«

Sie legte drei Mochi in einen kleinen, rostigen Ofen.

»Soll ich mal in den Sicherungskasten schauen? Vielleicht ist ja nur eine Sicherung herausgesprungen?«

»Wenn Sie das tun wollen. Der Sicherungskasten ist in der Küche.«

Ich überquerte den Flur, stieg über Zeitungen und Kartons, um in die Küche zu gelangen, wo sich Geschirr in einem großen Berg auf dem Linoleum stapelte.

»Dort über Ihnen. Da sind die Sicherungen.«

Ich öffnete den Kasten. Vierzig oder fünfzig Jahre alte Sicherungen. Jede war mit einem kurzen Draht und einer gestempelten Plombe versiegelt. »Ich glaube, hier darf ich nichts anfassen.«

»Ich rufe Montag einen Elektriker an. Elektriker müssen auch leben.«

»Soll ich den Fernseher in eine andere Steckdose stecken?«

»Nein, lassen Sie mal. Es ist schön ruhig so.«

Im Wohnzimmer erzählte sie vom Karaokeunterricht. Zweimal im Monat ginge sie mit einer Gruppe von dreizehn Senioren zu einer Gesangslehrerin. Mit ihren zweiundsiebzig Jahren wäre die Dame noch jung.

»Das war heute Nachmittag in meinemBriefkasten. Keine Ahnung, von wem ich das bekommen habe.« Sie stellte einen Essensbehälter aus Plastik auf den Tisch.

»Oh, ich habe gesehen, wer es war. Die Frau, die hier öfter vorbeikommt. Mit einem Motorroller. Sie hat einen rosafarbenen Helm.«

»Ah, Frau Himmelszelt. Möchten Sie auch ein bisschen davon? Sie kann gut kochen.«

»Das sieht man ihr auch an.«

»Ja, sie ist schon ein bisschen mollig.«

»Essen Sie das doch selbst auf. Ihr Abendessen.«

»Nein, das ist viel zu viel. Das schaffe ich nicht allein.«

Sie schaufelte die Hälfte aus dem Behälter in ein Schälchen. Das schob sie mir zu. »Tun Sie sich keinen Zwang an.«

»Und was singen Sie in der Karaokestunde?«, fragte ich und nahm einen Bissen.

»Oh, das ist egal. Alles Mögliche. Ich singe da auch mal eigene Lieder.«

»Sie singen eigene Lieder? Aber dann ist es kein Karaoke mehr. Karaoke ist doch, wenn man bei Liedern von anderen mitsingt?«

»In unserer Gruppe wollen sie immer, dass ich meine eigenen Lieder singe. Sie wissen, dass ich selbst Lieder geschrieben habe. So an die vierzig.«

»Ja?«

»Die meisten Lieder habe ich nach dem Tod meines Mannes gemacht. Auch die Texte habe ich selbst geschrieben. Ich war damals so traurig. Auf diese Weise konnte ich den Kummer ein bisschen zum Ausdruck bringen.«

»Und die Lieder von neulich, die haben Sie auch selbst gemacht?«

»Aber nein. Ich hätte sie Ihnen nie vorgesungen, wenn es meine gewesen wären. Meine sind nicht so gut.«

Die Mochi waren inzwischen fertig geworden. Mit Vollrohrzucker und Sojasauce rührte sie einen dicken, nach Lakritz schmeckenden Brei an, in den sie die Mochi legte.

»Ist das alles für mich?«

»Für Sie. Ich habe schon so viel gegessen.« Sie gab mir zudem ein Schälchen mit eingelegtem Gemüse.

»Sie haben keine Schmerzen mehr von dem Sturz?«, fragte ich mit vollem Mund.

»Ich spüre es noch, aber es ist ja gut gegangen. Wenn ich im Garten bin, passe ich jetzt noch besser auf.«

In unserem Haus war das Licht angegangen. »Ich glaube, meine Frau ist nach Hause gekommen. Es war alles sehr lecker!« Schnell trank ich eine Schale süßer Bohnensuppe, die ebenfalls für mich bereitstand, aus.

Annelotte fand, dass ich nicht mehr so oft zu Frau Suzuki gehen sollte. »Du kannst ihr nicht alles wegessen.«

»Aber es wäre beleidigend, es auszuschlagen.«

»Deshalb musst du sagen, dass du zu tun hast oder dass du schon ­gegessen hast.«

»Das sage ich auch, aber dann kriege ich trotzdem eine komplette Mahlzeit vorgesetzt. Weißt du, dass sie selbst Lieder geschrieben hat?«

»Frau Suzuki?«

»Nach dem Tod ihres Mannes. Sie hatte großen Kummer, und in den Liedern konnte sie diesen Kummer ausdrücken.«

»Hat sie dir wieder etwas vorgesungen?«

»Nein, leider nicht.«

˜

»Kommen Sie auf eine Tasse Tee?«

»Ja, gut, aber ich muss noch schnell meine Einkäufe reinbringen.«

»Geht das Licht wieder?«

»Ja, der Elektriker war hier. In zehn Minuten war er fertig. Es hat aber dreizehntausend Yen gekostet!« Gut zweihundert Gulden. »Er hat einen neuen Schalter eingebaut und den Kasten hinter Ihnen ersetzt. Er sagte, dass die alten Kabel sehr gefährlich waren. Es hätte brennen können bei mir.« Sie schaltete das Licht an und aus. »Alles funktioniert wieder. Setzen Sie sich doch auf Ihren Platz.« Sie zeigte auf das Kissen vor dem Hausaltar.

»Sehen Sie mal, das habe ich Ihnen mitgebracht. Heute Morgen von meiner Frau gebacken.«

»Was ist da drin?«

»Aprikosengebäck.«

»Es ist doch keine Aprikosenzeit?«

»Sie hat getrocknete Aprikosen genommen, eingeweichte Aprikosen.«

»Ihre Frau kann ja sehr viel, nicht wahr?« Sie schenkte Tee ein und stellte mir Reisbällchen, eine Schüssel eingelegtes Gemüse und eine Schüssel Gemüsesuppe hin.

»Und Sie?«

»Ich habe noch mehr als genug zu essen übrig. Haben Sie das Lied schon auswendig gelernt?«

»Äh, nein, das heißt, ich habe es mir angehört. Es ist wirklich sehr schön.«

»Ja, man kann es gar nicht oft genug hören. Sie müssen aber alles aufessen.«

Frau Suzuki erzählte von früher, über die erste Zeit in Junglaub. Mit ihrem Mann und den Kindern war sie in den Fünfzigerjahren aus dem Norden Japans nach Tokio gezogen. Sie waren arm. Ihr Mann wollte nicht mieten. Mieten wäre Geldverschwendung. Lieber kaufte er ein Stück Land, um darauf ein kleines Haus zu bauen. Sie suchten lange nach einem geeigneten und billigen Grundstück. Als sie das erste Mal hierherkamen, war da noch ein Zypressenwald. Der Boden gehörte der reichen Familie Binneneiland, die auf dem Hügel wohnte.

»Dem Gartenarchitekten Binneneiland?«

»Ja, ihm gehörte alles. Von ihm haben wir das Grundstück hier gekauft. Kannten Sie ihn?«

»Ich sehe ihn oft spazieren gehen.«

»Wissen Sie das noch nicht? Herr Binneneiland ist gestorben.«

»Der Gartenarchitekt?«

»Im November.«

»Das wusste ich nicht.«

»Neulich war in der Stadt ein großer Gedenkgottesdienst für ihn. Ich bin da auch hingegangen. Hunderte von Leuten in einem riesigen Saal. Er war sehr berühmt.«

»Dass er berühmt war, war mir schon klar.«

Ich erzählte, dass wir den ganzen Februar verreist sein würden.

»In Ihr Land?«

»Nein, nach Neuseeland.«

»Eine Geschäftsreise?«

»Um Ferien zu machen. Die Familie Siebenseen kümmert sich in der Zeit um unsere Katze.«

»Wer ist das?«

»Herr und Frau Siebenseen.«

»Wer?«

»Das sind Leute, die schon dreißig Jahre in Junglaub wohnen. Sie sind Mieter von Herrn van Tricht.«

»Nein. Vielleicht habe ich den Namen schon mal gehört, aber ich habe keine Gesichter vor mir.«

»Sie kümmern sich immer um unsere Katze, wenn wir nicht da sind. Es sind nette Leute.«

»Woher kennen Sie sie denn?«

»Sie haben sich mal bei uns vorgestellt. Weil ihr Sohn in Holland an einem Konservatorium studiert.«

»Ihr Sohn? An einem Konservatorium? Nein, das sagt mir nichts. Und warum reisen Sie in dieses Land da?«

»Wir wollen wegen der Natur nach Neuseeland. Es soll da sehr schön sein. Meer, Berge, Wälder.«

»Wissen Sie, dass ich noch nie verreist war? Nicht einmal eine Hochzeitsreise, haha. Für Reisen war kein Geld da. Erst als mein Mann gerade pensioniert war, hat uns jemand einen Tag mit nach Kyōto genommen. Kyōto, weil es da so schön ist. An einem Tag hin und zurück. Und später sind wir noch mal in Nikkō gewesen, an einem Tag hin und zurück. Weiter nicht. Ich würde gern einmal nach Hokkaidō. Um leckere Königskrabben zu essen. Die Königskrabben von Hokkaidō sind die besten, sagt man.«

»Mit dem Flugzeug?«

»Ja. Aber ich war natürlich noch nie in einem Flugzeug. Ich habe sogar noch nie ein Flugzeug gesehen.«

»Außer als Punkt am Himmel.«

»Nur als einen Punkt am Himmel. Wenn man so darüber nachdenkt, sollte man besser daheim bleiben und sich die teuersten Hummer ins Haus liefern lassen.«

Ich war aufgestanden. »Ich danke Ihnen für all die Leckerbissen.«

»Soll ich Ihnen einen Schirm leihen?«

»Ach nein, es sind nur zehn Schritte.« Ich fegte den Schnee vor ihrer Haustür weg.

»Das brauchen Sie doch nicht zu tun.«

»Das ist schnell gemacht.«

Sie hielt mir einen Schirm über den Kopf.

˜

In der Abendzeitung lag ein Reklamezettel. Eine Konzertankündigung des Volkssängers Schwachstrom. Das war etwas für Frau Suzuki. »Soll ich zwei Karten bestellen? Für Frau Suzuki und mich?«, fragte ich Annelotte.

»Mach nur. Aber dann musst du es geschickt anstellen. Sie wird die Eintrittskarte nur annehmen, wenn du sagst, dass du zwei Karten hast und sich herausgestellt hat, dass deine Frau nicht kann.«

»Ich werde sagen, dass du Schwachstrom nicht magst.«

»Nein, du musst sagen, dass ich nicht kann und du eine Karte übrig hast.«

˜

Ich klopfte an, doch sie hörte mich nicht. Ich ging hinein und rief ihren Namen.

Sie saß im Wohnzimmer beim Mittagessen. »Ach, Sie sind es«, sagte sie ohne das geringste Erstaunen.

»Verzeihung, dass ich einfach so hereinschneie.«

»Setzen Sie sich.« Sie legte die Essstäbchen hin und stellte ihr Nudelschälchen auf den Boden. Mühsam zog sie ihre Beine unter dem niedrigen Tischchen hervor.

»Bleiben Sie doch sitzen. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich für das Konzert, ein Konzert des Sängers Schwachstrom, zwei Karten bekommen habe. Und weil meine Frau an dem Tag nicht kann, dachte ich, dass Sie vielleicht mitkommen könnten?«

»Der Sänger Schwachstrom? Takashi Schwachstrom? Der kann ungeheuer gut singen. Und Sie haben zwei Karten? Für ein Konzert?«

»Das Konzert ist am 29.«

»Möchten Sie eine Tasse Tee? Herr Schwachstrom ist sehr, sehr gut. Es ist bestimmt sehr schwer, dafür Karten zu bekommen. Setzen Sie sich nur. Nein, dorthin.«

»Ich habe hier zwei Karten für das Konzert.«

»Na, da würde ich schon gern hingehen. Am 29.?«

»Sie können das hier gern haben.« Ich legte den Reklamezettel für das Konzert auf den Tisch.

Sie las den Text. »Na, darauf freue ich mich. Er ist ein sehr, sehr guter Sänger.« Sie schenkte mir eine Tasse Tee ein und legte zwei Kekse für mich hin. »Sie mögen doch Süßes?«

»Lecker.« Ich schob einen der Kekse auf Frau Suzukis Seite des Tisches und nahm einen Schluck Tee.

»Und wie war es auf der Reise?«

»Schön.«

»Was fanden Sie am schönsten?«

»Den südlichsten Teil Neuseelands. Da gibt es gar nichts. Nur Natur.«

»War das nicht sehr, sehr teuer? So lange auf Reisen zu sein?«

»Es ging. Dort ist alles viel billiger als in Japan.«

»Ja, wenn man hier verreist, ist man schon nach einer Hotelübernachtung pleite, haha.« Sie pulte eine große Mandarine, legte mir die eine Hälfte hin und aß die andere Hälfte selbst. »Mein Mann hat Äpfel geliebt. Ich gebe ihm immer noch Äpfel.« Auf dem Altar lag ein roter Apfel.

»Essen Sie sie hinterher selbst auf?«

»Nein, das mache ich nicht. Sie sind für ihn. Es ist ja eigentlich schade um das Obst, aber ich werde es ihm nicht wegnehmen. In ein paar Tagen gehe ich an sein Grab. Ach, er ist jetzt schon so lange tot. Meinem Mann hat nie etwas gefehlt. Aber eines Nachts war was. Ich habe sofort den Krankenwagen gerufen. Im Krankenhaus haben sie eine Röntgenaufnahme von seiner Lunge gemacht. Lungenentzündung. Obwohl er nie etwas an der Lunge gehabt hatte. Er hat nicht mal geraucht. Lungenentzündung. Er wusste, dass es nicht gut aussah. Er sagte, dass er zu Hause sterben wollte. Aber das war ausgeschlossen. Er musste gesund werden. Ganz furchtbar war das. ›Ich will nach Hause. Zu Hause sterben. Bitte, lasst mich zu Hause sterben!‹ Aber das war unmöglich. Sie haben ihn dabehalten. Einen Monat, nachdem sie ihn aufgenommen haben, ist er gestorben. Die Kirschbäume blühten. Jeden Tag denke ich an ihn. Jeden Tag spreche ich mit ihm. Das ist für Sie sicher schwer zu verstehen.«

˜

Hinter dem Häuschen des dicken Herrn Lüttgrube trat ich in die Gasse, wo ich auf Frau Suzuki stieß. »Sie machen Fotos?«, fragte sie und sah auf meine Kamera.

»Ja, es ist so schönes Wetter heute, und überall blühen die Blumen.«

»Einer von meinen Jungs fotografiert auch. Er hat zwar keine besondere Kamera, aber er macht schöne Fotos. Er kann das gut. Er hat Talent.«

»Darf ich vielleicht ein Foto von Ihnen machen? Ein Erinnerungsfoto?«

»Haha. Doch bestimmt für nach meinem Tod?«

»Nein, nein«, stammelte ich.

»Wo soll ich mich hinstellen?«

»Das ist egal.«

»Ist es so gut?« Die Sonne stand ihr im Rücken.

»Ja, prima.« Ich drückte schnell ab. »Ich mache noch eins.«

»Danke schön«, sagte sie.

»Also bis Donnerstag?«

»Ja, Donnerstag, das Konzert. Darauf freue ich mich. Ich weiß nur nicht, wo es ist. Ich bin da noch nie gewesen.«

»Ich hole Sie ab. Wir gehen zusammen hin.«

»Gut. Dann bis Donnerstag.«

Ich machte noch ein Foto von ihr, von hinten.

˜

Am Tag des Konzerts regnete es. Ich las die Morgenzeitung, hörte das Schlurfen von Frau Suzuki. Kurz darauf klingelte es.

»Können Sie mir nachher Bescheid sagen? Ich würde es allein nicht finden.« Ihr Haar saß tadellos. Sie war beim Friseur gewesen.

»Natürlich gehen wir zusammen los. Soll ich Sie Viertel nach zwölf abholen?«

»Wann, ist mir egal.«

»Viertel nach zwölf also. Dann sind wir sicher rechtzeitig da. Bis nachher.«

»Ja, bis nachher.«

Um fünf nach zwölf klopfte ich an ihre Haustür.

»Ja!« Sie saß im Flur auf dem Holzpodest. Ihre guten Schuhe hatte sie bereits an. »Ich dachte mir schon, dass Sie etwas früher kommen würden.«

»Haben Sie gegessen?«

»Nein, dafür war keine Zeit. Aber ich habe ja spät gefrühstückt.«

Auf dem Weg zum Bahnhof Azaleenhügel, jeder unter seinem eigenen Regenschirm, erzählte sie von ihrer Freundin. »Frau Schattenberg war in derselben Schule wie ich. Ja, aber nicht in derselben Klasse. Ich bin viel älter als sie. Ich kenne sie schon so lange. Sie wohnte ein Dorf weiter. Lustig, oder? Seit sie in unserem Viertel wohnt, das sind jetzt sicher auch schon fünfundvierzig Jahre, sind wir befreundet. Es ist doch schön, Leute aus der eigenen Gegend um sich zu haben.« Eine Freundschaft von fast einem halben Jahrhundert, aber sie siezten sich noch immer.

»Wollen wir den Bummelzug nehmen? Wir haben Zeit genug.«

»Machen wir das. Dann können wir sitzen.«

Im strömenden Regen kamen wir bei der Traumhalle in Fuchū an, einem weiß glänzenden Volkspalast. Wir waren gut eine Stunde zu früh. Im Foyer lehnte sich Frau Suzuki mit ihrem Rücken an den Granitsockel einer mit Blattgold überzogenen Harfenistin.

»Wir sind jedenfalls pünktlich«, bemerkte ich und betrachtete die Senioren, die das Foyer allmählich füllten.

»Im Fernsehen habe ich gesehen, dass die Mutter von Sänger Schwachstrom gestorben ist. Er war sehr traurig.«

»Wer?«

»Seine Mutter ist gestorben«, wiederholte sie. »Im Fernsehen hat er gesagt: ›Mutter, danke, dass Sie mich geboren haben.‹ Er hat sehr weinen müssen.«

Der Saal des Volkspalastes war groß und beinahe voll. Frau Suzuki saß links neben mir, mit ihrer Handtasche auf dem Schoß. »Haben wir nicht schöne Plätze? So nahe dran.«

Die Digitaluhr im Saal zeigte zwei Minuten nach zwei. Das Konzert sollte um zwei Uhr beginnen. Frau Suzuki stand abrupt auf und drückte mir ihre Tasche in die Hand. »Ich muss zur Toilette. Könnten Sie die so lange nehmen?«

Die Frau rechts von mir: »Kennen Sie die Dame?«

»Wen?«

»Die Dame, die gerade aufgestanden ist.«

»Das ist meine Nachbarin.«

»Sie wohnen neben ihr?«

»Ja.«

»Und wo?«, fragte sie argwöhnisch.

»Nicht weit von hier.«

Das Saallicht erlosch. Ein Lichtstrahl fiel auf die Bühne vor dem Vorhang. Ein Mann in einem schwarz glänzenden Anzug stellte sich in den Lichtkegel. »Wie Sie sicher alle wissen, ist vor sechs Tagen die Mutter des Sängers Schwachstrom gestorben. Er ist, das werden Sie verstehen, noch völlig mitgenommen. Ich hoffe, dass Sie ihm während dieses Konzerts über die schwierigen Momente hinweghelfen werden! Und jetzt kommt hiiiiier Ihr Gastgeberrrr des Nachmittags! Takashi Schwachstrooom!« Der Vorhang ging auf. Ein Orchester mit zehn Bläsern rechts und zwei Schlagzeugern links. Anschwellende Musik. Schwachstrom schritt von rechts auf die Bühne, in einem gleißend weißen Kostüm. Das Lied, das er anstimmte, wurde vom Orchester weggeblasen. Mit seinem hohen Stimmchen kam er nicht dagegen an. Ab dem dritten Lied sang er so laut, dass die Band etwas leiser zu blasen begann.

Wo blieb Frau Suzuki? Ich stand auf und verließ den Saal mit ihrer Tasche in der Hand. Draußen vor den Saaltüren standen zwei kräftige Burschen, die Arme verschränkt.

»Haben Sie eine ältere Dame gesehen? Sie ist zur Toilette gegangen und nicht wiedergekommen.«

»Nein.«

Im Keller sah ich bei den Damentoiletten nach. Keine Bewegung, kein Geräusch. »Frau Suzuki? Frau Suzuki?!« Keine Reaktion. »Frau Suzuki?!« Ich ging wieder nach oben. Durch einen Lautsprecher im Gang ertönte die Stimme von Schwachstrom. Das vierte Lied. Im Saal war ihr Stuhl noch immer leer. Ich setzte mich wieder.

»Ist sie verschwunden?«, flüsterte die Frau rechts.

Ich nickte.

»Haben Sie auf der Toilette nachgesehen?«

Ich nickte wieder.

»Und da war sie nicht? Wo könnte sie dann sein?«

Ich stand wieder auf. Sie lag natürlich in einer der Toilettenkabinen, mit einer Hirnblutung oder einem Herzinfarkt. Wie sollte ich das ihren Söhnen beibringen?

In den Toiletten waren jetzt Putzfrauen und arbeiteten. »Würden Sie einmal nachsehen, ob da jemand ist? Ich suche eine ältere Dame. Frau Suzuki. Vor zwanzig Minuten ist sie zur Toilette gegangen und nicht wieder zurückgekommen.«

»Eine japanische Dame?«

»Ja, eine Japanerin.«

Eine der Putzfrauen machte alle Türen auf. »Nein, hier ist niemand. Niemand.«

»Gibt es noch andere Toiletten im Gebäude?«

»Nur die Herrentoiletten nebenan.«

»Und oben?«

»Oben gibt es keine Toiletten.«

Im Männerklo öffnete ich jede Tür. War sie nach draußen in den Regen gegangen, um Luft zu schnappen? Ich kehrte wieder in den Saal zurück.

»Ist sie nicht da?«, fragte die Frau rechts.

»Nein.«

»Sie müssen sie suchen.«

»Ja.«

»Es könnte etwas passiert sein.«

»Ja.« Ich stand auf und verließ den Saal wieder. Im Foyer stand ein dicker Mann. »Ich suche jemanden«, sagte ich. »Sie ist kurz vor Konzertbeginn zur Toilette gegangen. Und sie ist nicht zurückgekommen. Ist jemand nach draußen gegangen?« Ich zeigte in den Regen.

»Niemand. Die Außentüren sind verriegelt.«

»Es handelt sich um eine alte Dame.«

»Haben Sie schon in den Toiletten nachgesehen?«

»Ja. Dort ist sie nicht.«

»Ihre Großmutter?«

»Nein, eine japanische Dame. Suzuki heißt sie, Frau Suzuki.«

»Was hatte sie an? Welche Farben?«

»Hm, ja. Grün, glaube ich, oder Braun, aber es kann auch eine andere Farbe sein.«

»Gehen Sie ruhig wieder auf Ihren Platz. Wir werden sie suchen. Wo sitzen Sie?«

»Im Saal, Reihe zweiundzwanzig, Platz, äh, zehn.« Ich sah auf meiner Karte nach. »Ja, Platz zehn. Und Frau Suzuki saß auf Platz neun.«

»Gut. Wir werden sie suchen. Ich sage Ihnen sofort Bescheid, wenn wir sie gefunden haben.«

Ich ging wieder hinein.

»Ist sie weg?«

Ich nickte. »Sie suchen sie.«

»Was kann da passiert sein?«, fragte die Frau.

»Vielleicht ist sie nach Hause gegangen.«

»Nach Hause?«

»Oder sie sitzt auf einem anderen Platz im Saal. Weil sie vielleicht im Dunkeln ihren Platz nicht wiedergefunden hat«, sagte ich todunglücklich.

Schwachstrom verschwand von der Bühne und kam in einem anderen, nochauffälligerenTraueranzug zurück: Er war ganz und gar als Paradiesvogel verkleidet. Er sang mit falschem Pathos, das Ergebnis eines sechsundzwanzigjährigen Bühnenlebens. Da konnte keine tote Mutter mehr was dran ändern.

»Müssen Sie nicht etwas unternehmen?«

»Es wird nach ihr gesucht«, wiederholte ich ärgerlich.

»Ach ja. Und wenn wir nun zusammen den Saal absuchen?«

»Das geht nicht.« Ich blickte starr vor mich hin.

»Sie können doch nicht sitzen bleiben?«

»Nein.« Wieder stand ich auf. Ich musterte das Publikum in der Nähe der anderen Eingänge. Ich verließ den Saal und stieg niedergeschlagen die Treppen zum Rang hinauf.

Da saß sie, im Rang, die Ellbogen auf den Knien, den Kopf in die Hände gestützt. Sie wirkte wie in Trance. Ich hockte mich zu ihr, sagte nichts, hielt nur ihre Tasche hoch.

Sie nahm sie. »Ist was?«

»Ich habe Sie gesucht.«

»Sitze ich denn falsch?«

»Sie sitzen im Rang.«

»Oh, sitze ich im Rang?«

»Sehen Sie auch gut von hier?«

»Ja, sicher. Und es geht doch um die Musik!«

»Na, dann lasse ich Sie hier mal sitzen. Warten Sie nachher auf mich, wenn es vorbei ist.«

Das Ende des Konzerts war der toten Mutter gewidmet. Schwachstrom sang und weinte, wandte sich von seinem Publikum ab. »Meihein Heimatdohohorf, wie sehn’ ich mich nach dir zurück!«

Aus dem Saal Schreie: »Kopf hoch, Herr Schwachstrom!« Bei der nächsten Nummer wusste er sich zu beherrschen. Ein Profi, geboren von keiner Geringeren als seiner Mutter.

˜

»Hast du letzte Woche auch Fotos von der Magnolie gemacht?«, fragte Annelotte.

»Ein paar.«

»Ein paar?«

»Ich habe vierundzwanzig Fotos gemacht.«

»Von der Magnolie?!«

»Ich habe auch andere Fotos hier in der Gegend gemacht.«

»Zum Beispiel?«

»Von unserem Haus.«

»Vom Haus. Das isteins.«

»Ich habe zwei vom Haus gemacht. Und vom Tulpenbaum.«

»Das sind also drei. Und der Rest?«

»Drei oder vier vom Tulpenbaum.«

»Wenn ich dich bitte, ein Foto zu machen, dann meine icheinFoto. Nicht drei oder vier. Und weiter?«

Ich lachte über den Ernst, mit dem sie ihre Inquisition fortsetzte. »Äh, ja.«

»Ich warte. Weiter? Also?«

»Äh, von Frau Suzuki.«

»Das sind dann sieben oder acht.«

»Ich habe drei von ihr gemacht.«

»Drei!«

»Ja, drei. Ich bin ihr an der Ecke bei Lüttgrubes begegnet und habe sie um ein Erinnerungsfoto gebeten.«

»Nein, oder? Das hast du nicht wirklich gesagt?«, sagte sie entsetzt. »Ein Erinnerungsfoto?!«

»Ja. Mir ist zu spät eingefallen, dass man so was nicht sagen darf.«

»Nein, nicht zu einer so alten Frau.«

»Und weißt du, was siemirgeantwortet hat? ›Bestimmt zur Erinnerung, wenn ich tot bin.‹ Ich habe mich in Grund und Boden geschämt.«

»Herr im Himmel! Man kann dich auch nie um etwas bitten. Das läuft immer aus dem Ruder. Und die anderen Fotos? Denn wir sind noch nicht mal bei der Hälfte!«

»Von der Buddhastatue beim Jindai-Tempel.«

»Du willst mir doch nicht erzählen, dass du davon mehr als ein Dutzend gemacht hast? Ich habe mich in Neuseeland zurückgehalten. Und du verschießt hier in ein paar Tagen einen ganzen Film!«

»Wir waren drei Wochen in Neuseeland – nicht einmal ein Tausendstel unseres Lebens. Hier wohnen wir schon ein Viertel unseres ­Lebens. Darf ich davon keine Fotos haben?«

»Es geht darum, dass du da einfach wilddrauflosknipst. Ich denke darüber nach, was ich fotografiere.«

˜

»Vielen Dank für neulich«, rief Frau Suzuki.

»Keine Ursache. Gehen Sie heute zum Grab?« Es war der Todestag ihres Mannes. In einem Eimer vor dem Haus stand ein Strauß Chrysanthemen bereit.

»Ich wollte hingehen. Aber nun soll es Schauer geben, haben sie gesagt. Also werde ich es lieber morgen machen. Ich habe heute Morgen kein Bettzeug bei Ihnen hängen sehen und gedacht, dass Sie vielleicht unterwegs sind.«

»Nein, ich bin immer da.«

»Ist Ihre Frau noch nicht zurück?«

»Nächste Woche.«

»Ziemlich lange, nicht?«

»Zwei Wochen.«

»Und wie machen Sie das mit dem Kochen?«

»Ich koche. Ich koche auch, wenn sie hier ist.«

»Und was kochen Sie dann?«

»Oh, alles Mögliche. Japanisch.«

»Sie können ja allerhand.«

»Aber ich kann es nicht gut. Ich bin nur Amateur.«

»Passen Sie bitte gut auf sich auf.«

»Das werde ich bestimmt tun.«

Eine halbe Stunde später klingelte sie, zwei Schüsseln voll Essen in den Händen. »Haben Sie schon gegessen?«

»Nein, noch nicht.«

»Zum Glück. Ich habe gedacht: Wenn ich jetzt schnell genug bin, hat er noch nicht gegessen.«

»Nein, das habe ich noch nicht.«

»Es ist noch warm.«

»Es sieht appetitlich aus.«

»Und das hier ist eingelegtes Gemüse.«

»Ich werde es gleich essen. Vielen Dank.«

Sie schlurfte davon, während sie sich die Hände an ihrer Schürze abwischte.

˜

Ich traf Frau Suzuki auf dem Hügel. »Sie kommen von Frau Schattenberg?«

»Haha, wie haben Sie das erraten? Ist Ihre Frau wieder zurück?«

»Übermorgen.«

»Ich habe heute zwei Futons bei Ihnen hängen sehen und dachte, dass sie wohl wieder da sein würde.«

»Ich schlafe auf zwei Futons.«

»Ein König schläft auf zwei Futons! Frieren Sie nicht?« Sie machte eine knappe, undeutliche Bewegung.

Ich kapierte, dass sie meine kurze Hose meinte. »Nein. Es ist warm. Ich gehe nur kurz einkaufen.«

˜

Frau Suzuki kam nach Hause. Sie suchte lange in ihrem Beutel nach dem Haustürschlüssel. »Ist Ihre Frau wieder da?«

»Sie ist wieder da.«

»Es ist schönes Wetter für das Bettzeug.«

»Herrliches Wetter für das Bettzeug!«

˜

AmBahnüberganginAzaleenhügelstandeinoffenerMüllwagen.AufderPritschelageingroßesHolzmodelleinesTempels.IchstiegvomFahrradundbetrachtetedenTempel.EinZugrauschtevorbei,dieSchrankengingenhoch.DerLastersetztesichinBewegung.Ichstiegwiederauf.

»Guten Morgen«, sagte Frau Suzuki auf der anderen Seite des Übergangs. Sie trug eine volle Einkaufstasche.

»Guten Morgen.«

»Wollen Sie nach Hause?«

»Nein, ins Geschäft. Hühnerfleisch für die Katze kaufen. Sie sind schon dort gewesen, sehe ich.«

»Und ich war beim Doktor.«

»Wie geht es Ihrem Rücken?«

»Nicht so gut. Der Doktor sagt, dass ich Bewegung brauche, sonst würde mein Rücken steif. Deswegen lässt er mich wahrscheinlich so oft kommen.«

»Ein guter Doktor. Ich gehe mal schnell in den Laden. Bevor es anfängt zu regnen.«

»Ich habe einen Knirps in meiner Tasche.«

˜

»Guten Tag.«

»Guten Tag, Frau Suzuki.«

»Wo gehen Sie hin?«

»Ich bin gerade nach Hause gekommen. Ich schaue mir unsere Ziffer­blattpflanze an.«

»Sie sind gerade nach Hause gekommen? Wo waren Sie?«

»In Ikebukuro.«

»Das ist weit weg. Ich bin auch gerade nach Hause gekommen. Ich war heute beim Augenarzt in Azaleenhügel.« Sie holte die Zeitung und einen Brief aus demBriefkasten. »Hey, von meiner Schulfreundin. Sie schreibt regelmäßig. Wir sind zusammen in der Schule gewesen. Ich habe sie fast siebzig Jahre nicht mehr gesehen, aber sie schreibt noch immer.«

»Schreiben Sie ihr auch?«

»Nein, ich rufe an. Bei meinen schlechten Augen geht es mit dem Schreiben nicht mehr. Lesen geht gerade noch. Aber Schreiben ist zu anstrengend. Ich bin aus der Übung und habe vergessen, wie es geht. Ein Wörterbuch kann ich nicht mehr benutzen. Die Schriftzeichen sind zu klein. Telefonieren ist für mich die einzige Art und Weise, um den Kontakt zu halten.«

»Unsere Zifferblattpflanze blüht wieder.«

»Das kann ich von hier nicht erkennen.«

»Hier und hier und hier.« Ich zeigte auf die Blüten.

»Nein, die sehe ich nicht.« Sie kam aus der Tür und betrachtete die Blüten aus der Nähe. »O ja, jetzt sehe ich sie. Sie sind ein bisschen blass. Wenn sie jetzt rot wären, könnte ich sie besser sehen.« Sie beugte sich vornüber, betrachtete eine kleine Pflanze, die im Erdstreifen längs des Asphalts herausgekommen war. »So eine habe ich auch. Die ist da auf einmal gewachsen. Was könnte das sein?«

»Spanischer Pfeffer, glaube ich.«

»Aber die Früchte sind doch grün?«

»Die werden rot. Letztes Jahr habe ich Pfeffer bei uns im Garten gesät. Davon ist nichts aufgegangen, aber jetzt wächst er in der Gasse.«

»Scharfer Pfeffer?«

»Peperoni.«

»Dann müssen Sie sie für mich probieren.«

»Ich glaube, dass Frau Himmelszelt vorhin an Ihrer Tür war. Ich habe sie wegfahren sehen.«

»Wen?«

»Frau Himmelszelt. Mit dem rosafarbenen Helm und dem kleinen, runden Kopf.«

»Oh! Frau Himmelszelt! Haha. Sie kennen auch jeden hier in der Gegend!« In diesem Augenblick knatterte Frau Himmelszelt wieder in die Gasse hinein. »Wir haben gerade über Sie gesprochen! Mein Nachbar von gegenüber sagte, dass Sie eben schon da gewesen sind. Er kennt sogar Ihren Namen!«

Sie stellte den Motorroller auf den Ständer, nahm ihren Integralhelm ab und nickte verlegen, halb in meine Richtung. »Ich wollte Ihnen etwas bringen, Frau Suzuki.« Aus einer Plastikdose hinter dem Sattel holte sie eine Schale mit dampfendem Essen.

Der nächste Tag.

»Sind da wieder Blüten?« Sie schlurfte aus ihrer Gartenpforte in die Gasse.

»Ja, da sind wieder Blüten, jeden Tag neue. Das geht so bis November. Hier blüht auch was.«

»Ich sehe es. Die meisten blühen auf. In der Sonne.«

»So ist es.«

»Kommen Sie eine Tasse Tee trinken?«

»Äh, ja, das wäre sehr schön. Aber ich muss noch eben die Blüten zählen, ich zähle sie jeden Tag. Und dann muss ich auch noch schnell das Bettzeug hereinholen. In zehn Minuten komme ich. Ist das in Ordnung?«

»Ja, das ist in Ordnung.«

»Oh, Nelken. Sicher zum Muttertag?« Vor dem Hausaltar stand ein Strauß Nelken, auf dem Altar ein Strauß verwelkter Wiesenblumen.

»Von einem der Jungs zum Muttertag. Haben Sie Ihrer Mutter auch Nelken geschickt?«

»Meine Mutter lebt nicht mehr.«

»O ja, das hatte ich vergessen. Es ist schon schlimm für die Kinder, wenn ihre Mutter tot ist.« Summend ging sie in die Küche, um Wasser aufzusetzen. »Es ist so heiß, nicht wahr? Die Blumen machen es nicht lange«, sagte sie, als sie zurückkam. In dem ungelüfteten Zimmer zog sie die Vorhänge etwas weiter auf. »Nehmen Sie sich schon mal ein Stückchen Schokolade.«

»Ich nehme eins.«

»Gestern musste ich bei einer Freundin zu Mittag essen. Sie hatte gefragt, ob ich ihr etwas vorsingen könnte. Na ja, Sie wissen ja, wie nervös ich da immer bin. Deshalb mache ich das lieber nicht. Aber ich habe den Kassettenrecorder mitgenommen und ein paar von meinen Kassetten. So habe ich doch noch was von mir hören lassen. Vor Leuten zu singen, traue ich mich nicht.«

»Sie können gut singen.«

»Ach was!«

»Singen ist ein schöner Zeitvertreib.«

»Singen ist ein schöner Zeitvertreib, sicher. Etwas anderes kann ich auch nicht mehr. Früher habe ich Leichtathletik gemacht, aber das geht nicht mehr in meinem Alter.«

»Nein, das ist schon schwierig.«

»Und Spazierengehen ist auch nicht mehr gut. Bis vor drei Jahren bin ich noch zum Jindai-Tempel und zurück gelaufen. Das mache ich jetzt nicht mehr. Meine Augen sind zu schlecht geworden.«

»Das ist weit zum Jindai-Tempel.«

»Es geht schon. Meine Beine würden es vielleicht noch schaffen, aber ich mache es nicht mehr.«

»Das Dach des Haupttempels von Jindai wird erneuert. Ich bin neulich dort gewesen.«

»Oh?«

»Dadurch ist da nicht viel vom Tempel zu sehen. Sie haben einen Metallkäfig drumherum gebaut.«

»Ja, so ein Dach muss schon mal neu gemacht werden. Letztens bin ich mit meinem Ältesten in der Stadt gewesen. Wir waren in Neuenhausen, bei den blühenden Azaleen. Kennen Sie den Azaleenpark in Neuenhausen?«

»Den kenne ich.«

»Man muss Eintritt bezahlen, außer man ist alt und kann einen Seniorenpass vorzeigen. Also durfte ich da umsonst hinein. Aber mein Sohn hatte seinen Seniorenpass vergessen. Also musste er doch zahlen. Mein Sohn meinte, dass ich zu schnell laufen und die Blumen nicht genug bewundern würde. Aber ich mache so etwas immer sehr schnell, und dann will ich wieder nach Hause. Danach wollte er noch in einKaufhaus. ›Mutter‹, sagte er, ›für Sie war es früher doch erst dann ein richtiger Ausflug, wenn Sie sich in einemKaufhausumgesehen haben, nicht wahr?‹ Das stimmte. Das machte man früher. In einemKaufhausherumlaufen und nichts kaufen. Dann war es, als ob man im Ausland wäre. Wir gingen also in einKaufhaus.Ich dachte: Heute kaufe ich mal etwas. Ich fragte einen Verkäufer, wo die Krawattenabteilung sei, denn ich wollte einen Schlips für meinen Ältesten kaufen. Sie hatten nicht einmal eine Krawattenabteilung! Dafür hätten wir in eine andere Filiale desKaufhausesgemusst. Wir sind dann lieber gegangen. Es war nicht mehr wie früher.« Mit ihren verkrümmten Fingern schälte sie eine Apfelsine. Sie gab sie mir.

»Wollen wir sie nicht teilen?«

»Nein, ich habe noch genug.«

˜

»Ich habe die Blüten gezählt. Hundertsechzig!«

»Von welcher?«, fragte Frau Suzuki, die in ihrem Garten rumorte.

»Von der Zifferblattpflanze. Hundertsechzig Blüten.«

»O ja? Ich kann sie so schlecht erkennen. Könnten Sie mir mal helfen? Sie sind größer als ich. Ich komme da so schlecht heran.«

»Was soll ich tun?«

»Diesen Gartenräuber stutzen, wenn Sie wollen. Er ist so groß, und die oberen Blätter sind nicht gesund. Ich hole schnell eine Gartenschere.«

Ich knipste die oberen Blätter ab und warf sie in einen Sack, den sie für mich aufhielt. Die Blätter waren voller Läuse.

˜

Eines Abends nahm ich Brandgeruch wahr. Wegen des Nebels war nicht zu sehen, ob Rauch in der Gasse hing. Ich ging durch Frau Suzukis Gartenpforte, klingelte, klopfte und betrat, ohne auf Antwort zu warten, ihren dunklen Flur. »Frau Suzuki! Frau Suzuki!«

»Ja?« Sie schob die Zimmertür auf. Drinnen saß ihr jüngster Sohn.

»Ich bin es. Haben Sie etwas auf dem Herd? Es riecht nach Brand.«

»Ich habe doch nichts auf dem Herd, oder?«

»Nein«, antwortete der Sohn – ein Mann mit einem Kranz langer, schwarzer Haare, die von seinem linken bis zum rechten Ohr reichten, und einem ausdruckslosen Gesicht.

»Nehmen Sie es mir nicht übel. Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Danke für Ihre Aufmerksamkeit«, sagte sie.

Am nächsten Morgen traf ich sie draußen.

»Noch mal danke für gestern Abend. Es ist schon schön, dass Sie ein Auge auf mich haben. Mein Sohn fand das auch sehr nett.«

»Aber es war falscher Alarm.« Ich sammelte abgefallene Blüten auf und zeigte ihr die pappige Masse. »Verwelkte Blüten von der Zifferblattpflanze«, erklärte ich.

»Was machen Sie jetzt damit?«

»Die streue ich über den Boden, als, als … Medizin für die Pflanze.« Das japanische Wort für Dünger fiel mir nicht ein.

»Medizin?«

»Äh, sie verfaulen schnell und dann, dann ist es gut für die Pflanze. Medizin für die Pflanze«, wiederholte ich.

»Für die Samen?«

»Nein, nicht für die Samen. Die Blüten verfaulen. Das ist gute Nahrung für die Pflanze.«

»Aber kommen da Pflänzchen heraus?«

»Nein, da kommen keine Pflänzchen heraus. Es ist für den Boden, für die Wurzeln der Zifferblattpflanze.«

»Oh.« Sie verstand kein Wort. »Und wie geht es dem Wein?«

»Dem Wein geht es gut. Vor allem der an der Veranda gedeiht prächtig. Schon viele Trauben.«

»Wie viele Rebstöcke haben Sie?«

»Drei. Einen alten, der bis nach oben reicht.« Ich zeigte auf die Veranda. »Und zwei junge: bei der Holzterrasse und am Regenrohr.«

»Es ist schön, Pflanzen zu haben, die Früchte tragen, oder? Das fand mein Mann auch so schön.«

»Ja, das ist sehr schön.«

˜

»Was ist das eigentlich für eine Pflanze?«, fragte Frau Suzuki.

»Das ist einSchlafbaum.«

»Riechen die Blüten?«

»Nach Sonnenuntergang kann man, wenn es geregnet hat, die Blüten riechen.«

»Darf ich mal schnuppern?« Sie nahm einen Zweig, schnüffelte an einer Blüte, roch aber nichts. Sie zog einen Zweig der Zifferblattpflanze zu sich heran. »Die hier riechen schon. Was ist das für eine?«

»Das ist eine Zifferblattpflanze.« Ich hatte es ihr schon oft erklärt, doch in ihrem steinalten Kopf war nur noch Platz für Gefühle, nicht mehr für Namen.

»Wie heißt sie genau?«

»Zif-fer-blatt-pflan-ze.«

»Und die hier?«

»Schlaf-baum.«

»Vonschlafen?«

»Von müde sein. Die Blätter schließen sich abends. Dann schläft er.«

»Sehr schön. Mit so einer schönen Pflanze machen Sie die Menschen glücklich.«

˜

»Ist er verblüht?«, fragte Frau Suzuki und zeigte auf denSchlafbaum. Sie stand bei ihrem Gartenwasserhahn.

»Nein, er fängt gerade erst an.«

Witwe Baugrube kam vorbei. »Guten Morgen! Ich habe eben den Müllabstellplatz gereinigt!« Sie hob einen kleinen Besen in die Höhe.

»Danke«, sagte ich.

»Was ist das für eine Pflanze?«, fragte Frau Baugrube.

»Eine Zifferblattpflanze.«

»Was Sie alles wissen.«

»Wenn man so eine Pflanze hat, weiß man auch den Namen.«

»Eine große Pflanze.«

»Ja, sie wächst bis zur Veranda hoch.«

»Das kann ich nicht sehen. Ich habe genauso schlechte Augen wie Frau Suzuki.«

»Sie tragen keine Brille?«

»Eine Brille würde nicht helfen. Wir haben –«, sie nannte den Namen einer Augenkrankheit.

Frau Suzuki, die Hände auf dem Rücken, nickte schweigend.

»Ist das nicht Weitsichtigkeit?«, fragte ich.

»Nein. Ich hatte Blutungen im Augapfel und kann fast nichts mehr sehen. Ihr Gesicht kann ich zum Beispiel nur sehen, wenn ich es von ganz nah betrachte.« Witwe Baugrube streckte ihren Kopf plötzlich vor und erschrak vor meinem unrasierten Kinn. »Oh, pardon.«

»Meine Schwiegermutter hat das auch gehabt«, erzählte ich, »so eine Augenblutung. AufeinemAuge sieht sie fast nichts mehr. Dagegen ist nichts zu machen.«

»Nein, dagegen ist nichts zu machen.«

˜

Frau Suzuki und ihre älteste Schwiegertochter standen in der Gasse. »Ist die Pflanze jetzt verblüht?«, fragte Frau Suzuki und zeigte auf denSchlafbaum.

»Nein, er fängt wieder an. Er blüht bis Ende August.«

»Mutter, da sind Knospen dran.«

»Das ist einSchlafbaumaus Fukushima«, erklärte ich.

»Hey, er kommt aus Fukushima? Haben Sie das gehört, Mutter? Das Bäumchen kommt aus Ihrer Provinz. Ich werde mal wieder nach Hause gehen. Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft, Mutter.« Sie verbeugte sich vor ihrer Schwiegermutter und mir. Sie lief durch den Park zum Bahnhof.

»Haben Sie viel zu tun heute?«

»Ich muss zu meinem Unterricht. Ich zähle nur noch schnell die Blüten.«

»Zum Unterricht?«

»Japanischunterricht.«

»Warum?«

»Um besser Japanisch zu lernen.«

»Sie können doch aber schon eine ganze Menge, oder? Ich kann überhaupt nichts.«

»Sie können singen.«

»Ach was, das kann ich nicht.«

»Doch, Sie singen gut. Ich kann nicht singen.«

»Und wo geben Sie die Stunden?«

»Ich nehme Stunden.«

»Sie nehmen Japanischstunden?«, fragte sie verwundert. Ihre Reaktionen waren immer dieselben. Eine ausgeglichene Frau.

»Ja, ich nehme Stunden.«

»Und wie lange machen Sie das schon?«

»Neun Jahre.«

»Sie studieren bis zum Ende!« Sie lächelte.

»Ja, lebenslang.«

»Und was machen Sie in so einer Stunde? Konversation?«

»Auch, aber auch lesen.«

»Und schreiben?«

»Das ist zu schwer. Ich bin froh, wenn ich anständig lesen kann.«

»Und wo finden die Stunden statt?«

»In Yōga.«

»Tatsächlich in Yōga. Das ist ein ganzes Stück weg.«

»Mit dem Fahrrad ist es nicht so weit. Vierzig Minuten.«

»Mit dem Fahrrad?«, fragte sie entsetzt.

»Mit dem Zug wäre ich mehr als eine Stunde unterwegs. Mit dem Rad bin ich wie ein Vogel. Ich fliege meiner Bestimmung auf direktem Wege entgegen.«

»Ein Fahrrad ist schon bequem«, sah sie ein.

»Ich will nur noch die Blüten zählen, und dann muss ich los.«

»Sonst kommen Sie zu spät.«

»Sonst komme ich zu spät.«

˜

»Ich habe Sie lange nicht gesehen! Meinen direkten Nachbarn sehe ich am wenigsten! Waren Sie in Ihrem Land?« Wie man sehen konnte, kam Frau Suzuki gerade vom Friseur.

»Nein. Ich war die ganze Zeit hier, zu Hause.«

»Sie gehen nie wieder zurück?«

»Wenn es sein muss, gehe ich wieder nach Holland.«

»Sie sind lieber hier.«

»Ich fahre im Herbst hin.«

»Weil Sie müssen?«

»Weil ich zum Zahnarzt muss.«

»Können Sie nicht hier zum Zahnarzt?«

»Ich bin an meinen holländischen Zahnarzt gewöhnt.«

»Und wie oft gehen Sie zu ihm?«

»So oft ich in Holland bin. Vor zwei, fast drei Jahren zum letzten Mal.«

»Komisch, dass ich Sie so selten sehe. Wissen Sie, dass ich neulich wieder hingefallen bin? Diesmal drinnen, gegen den Tisch.«

»Haben Sie sich verletzt?«

»Meinen Brustkorb.« Sie zeigte auf die Stelle. »Es tat ordentlich weh. Der Doktor hat Röntgenaufnahmen gemacht, aber es war nichts gebrochen. Nur ein großer Bluterguss.«

»Sie müssen jeden Tag Joghurt essen. Joghurt enthält Kalzium. Kalzium ist gut für Ihre Knochen.«

»Den esse ich schon, aber ich vergesse es oft. Ich werde alt, nicht wahr?«

˜

Auf Japanisch träumte ich vom jüngsten Sohn Frau Suzukis. In der Gasse, ein Stück weiter, verbot er mir, einen Bleistift zu benutzen. Der Bleistift hing an einem Bindfaden. Ich füllte damit das Formular für die Volkszählung aus. Seine Bemerkung machte mich wütend. Der Bleistift war schließlich dafür da! Ich zahlte doch Steuern?! Dann hatte ich auch das Recht, den Bleistift zu benutzen! Ich schrie ihn an. Wie konnte er es wagen, mir den Bleistift zu verweigern?! Ich schloss mit einem Kraftausdruck. Betreten schaute er mich an. Mit meinem Japanisch war ich in diesem Traum zufrieden. Ich hatte nur einen einzigen kleinen Fehler gemacht.

˜

Am 15. September, dem Tag der Achtung vor dem Alter, klingelte Frau Übertopf, die Vorsitzende des Nachbarschaftsvereins, bei Frau Suzuki. »Ich bringe Ihnen Geld.«

Sie wehrte ab. »Ich habe gestern schon von der Stadt Geld bekommen. Sie müssen mir kein Geld geben.«

»Aber es ist nicht von mir persönlich. Nehmen Sie es ruhig. Es ist nur ein bescheidener Betrag des Nachbarschaftsvereins. Jeder, der fünfundsechzig Jahre oder älter ist, bekommt es.«

»Oh, es ist vom Nachbarschaftsverein?«

Gerührt sah ich von der Veranda aus zu.

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Ich machte Fotos von unseren Spinnennetzen. Frau Suzuki kam aus der Haustür. Sie sah adrett aus. Sie schloss die Tür ab, grüßte mich. »Sie sind derjenige, der am nächsten bei mir wohnt, und ich sehe Sie am wenigsten!«

»Ich war aber da. Ich bin immer da.«

»Sie haben sicherlich viel zu tun?«

»Ich habe nichts zu tun. Die ganze Welt ist beschäftigt mit Amerika und Afghanistan. Keiner will etwas über Japan lesen.«

»Also hat niemand Interesse an uns?«

»Niemand. Wie geht es Ihnen? Sie sehen gut aus.«

»Mir geht es gut. Ich bin gesund. Darum gehe ich jetzt mal wieder zum Doktor nach Azaleenhügel, haha.«

»So bleibt Ihr Doktor gesund.«

»Ein Doktor ohne Patienten, das geht nicht.«

»Auch eine Armee ist nichts ohne Krieg.«

»Das ist schon etwas anderes«, fand sie.

»Jede Armee macht ihren eigenen Krieg.« Ich meinte eigentlich: »schafft sich ihren eigenen Krieg« in Analogie zu dem dummen Ökonomiegesetz »jedes Angebot schafft sich seine eigene Nachfrage«. Auf Japanisch konnte ich das nicht erklären.

Deshalb verstand sie mich auch nicht. »Ich gehe dann mal wieder.«

2002

Sie war mit ihrem Müllbeutel nach draußen gekommen.

»Wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte ich, ebenfalls mit einem Müllsack in den Händen.

»Ich habe mir schon Sorgen um Sie gemacht. Geht es Ihnen beiden auch gut?«

»Uns geht es sehr gut. Und Ihnen?«

»Bei mir ist es immer das Gleiche. Ich dachte, dass Sie vielleicht krank im Bett liegen würden. Fast wäre ich mal vorbeigekommen, um zu schauen, ob Sie etwas brauchen.«

»Uns geht es gut.«

»Ich habe die ganze Zeit gedacht: Was könnte da bloß los sein? Ob sie vielleicht krank sind?«

»Es geht uns gut. Wir müssen demnächst mal wieder zusammen Tee trinken.«

»Sie sind also nicht krank?«

»Wir sind nicht krank. Wir waren ein Weilchen weg, aber jetzt sind wir schon wieder eine ganze Zeit zurück.«

»Ich sehe Ihre Futons nie mehr draußen hängen.«

»Aber ich hänge sie fast jeden Tag raus.«

»Ich habe sie nicht mehr gesehen. Deshalb habe ich gedacht: Sollte da etwas passiert sein? Sie wohnen so nah, und ich sehe Sie nie.«

»Ich komme mal wieder bei Ihnen auf einen Tee vorbei.«

»Ja, kommen Sie bald zum Tee. Oder haben Sie viel zu tun?«

»Nein, es gibt nicht viel zu tun.«

»Denn wenn Sie viel zu tun haben, möchte ich Ihre Zeit nicht beanspruchen.«