Just like fire - Suka Noitchi - E-Book

Just like fire E-Book

Suka Noitchi

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Beschreibung

Sicherheit oder Freiheit? Felix Klix ist Verwaltungsmitarbeiter – und das nicht gerade aus Leidenschaft. Sein Beruf ist mehr eine Notlösung, denn für seine Berufung fehlt ihm nach einer traumatischen Erfahrung der Mut. Doch dann tritt der gutaussehende, aber wenig charmante Jacob Grauen in sein erzwungen geradliniges Leben. Freitags! Kurz vor Feierabend! Aus einer anfänglich distanzierten Begegnung entwickelt sich eine tiefe Freundschaft – und mehr. Bis Jacob offenbart, womit er in den Sommermonaten sein Geld verdient und damit Felix' Erinnerungen an seine dunkelsten Dämonen weckt. Wird Felix es an Jacobs Seite wagen, sich diesen zu stellen und seiner heimlichen Sehnsucht eine Chance geben, um den Schritt back to the roots zu gehen?

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Back to the roots

- Just like fire -

Band I

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2017

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte

© stock Lite – shutterstock.com

© chuanpis – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-141-3

IBSN 978-3-96089-142-0 (epub)

Inhalt:

Sicherheit oder Freiheit?

Felix Klix ist Verwaltungsmitarbeiter – und das nicht gerade aus Leidenschaft. Sein Beruf ist mehr eine Notlösung, denn für seine Berufung fehlt ihm nach einer traumatischen Erfahrung der Mut.

Doch dann tritt der gutaussehende, aber wenig charmante Jacob Grauen in sein erzwungen geradliniges Leben. Freitags! Kurz vor Feierabend! Aus einer anfänglich distanzierten Begegnung entwickelt sich eine tiefe Freundschaft – und mehr.

Bis Jacob offenbart, womit er in den Sommermonaten sein Geld verdient und damit Felix’ Erinnerungen an seine dunkelsten Dämonen weckt. Wird Felix es an Jacobs Seite wagen, sich diesen zu stellen und seiner heimlichen Sehnsucht eine Chance geben, um den Schritt back to the roots zu gehen?

1.  Kapitel

Gott, war das ätzend langweilig! Felix lehnte sich in seinem unbequemen Schreibtischstuhl zurück, bis die Lehne kippte. Er gab sich einen kleinen Schubs und drehte sich zwei Mal um sich selbst, ehe er wieder in der Ausgangsposition ankam. Der Stuhl beschwerte sich quietschend über die Behandlung. Felix war es egal. Er holte erneut Schwung. Dieses Mal schaffte er schon zweieinhalb Umdrehungen. Nun konnte er aus dem Fenster starren. Mit ein bisschen Übung würde er bald drei oder vier schaffen. Vielleicht eine Idee für eine neue Sportart? Oder für ‘Wetten, dass …’ Gottschalk wäre begeistert gewesen. Felix legte den Kopf schräg. Er hatte schon lange kein Unterhaltungsfernsehen mehr gesehen. Ob er seine Füße wohl auf die Heizung bekam, ohne umzukippen oder sich etwas zu verrenken? Nachdenklich besah er sich den Heizkörper. Wahrscheinlich nicht. Wirkte auch nicht sehr professionell, wenn jetzt ein Kollege in sein Büro platzen würde. So wie er jetzt saß, konnte er wenigstens noch so tun, als wäre er am Arbeiten. Sein Blick schweifte über das Grün vor seinem Fenster. Das war zwar ein netterer Anblick als die IKEA-Möbel hinter ihm, doch wenn er bedachte, dass er an seinem Schreibtisch festsaß, während draußen noch satte 25°C die Ferienkinder und Urlauber am Auensee erfreute, sank seine Laune unter den Gefrierpunkt. Automatisch drehte er den Kopf nach rechts zu dem freien Arbeitsplatz, mit dem er sich die Fensterfront teilte. Da sollte eigentlich der dicke Hirschhelm sitzen. Das faule, versoffene Fressen, das er nun schon drei Jahre lang ertragen musste. Vier Wochen noch! Felix schloss die Augen und atmete den staubigen Papiergeruch ein. Irgendwie stank es nach Druckertoner. Vier Wochen musste er seinen Kollegen noch erdulden, dann würde der in den vorgezogenen Ruhestand mit vollen Bezügen gehen. Fragte sich, mit was der das verdient hatte. Karl Hirschhelm war so blöd wie fett, zu allem fähig und zu nichts zu gebrauchen! Wie der Mann einst stellvertretender Amtsleiter hatte sein können, war Felix genauso ein Rätsel, wie die knappen 46 Prozent der Wählerstimmen, durch die Hirschhelm fast Bürgermeister geworden wäre. Dieser Dorftrottel! Aber wahrscheinlich war er genau deshalb bis zur Stichwahl gekommen. Die anderen Kandidaten damals waren nicht von hier und Hirschhelm schon zu dem Zeitpunkt viele Jahre in der hiesigen Verwaltung tätig gewesen. Der wusste sicher, wie der Hase lief, mit den Vereinen und den Touristen und den Gewerbetreibenden. Der wusste, wie man hier die Dinge regelte. Und dazu kam: Er war in der Feuerwehr! Man durfte in diesem verdammten 12.000-Einwohnernest niemals die Macht der Feuerwehrleute unterschätzen. Nur Gott hatte noch mehr zu sagen! Einzig dem selbst initiierten Suffskandal hatten sie – die normal gebildeten Bürger dieses Fleckchens Erde – es zu verdanken, dass Hirschhelm nun nicht im Chefsessel saß. Der Vollpfosten hatte wirklich während einer Wahlveranstaltung das Wirtshaus im Alkoholrausch auseinandergenommen, weil die Wirtin ihm keinen Glückskuss hatte geben wollen. Die kleine, süße Molly mit ihren langen Löckchen, die im Alter von gerade einmal achtzehn Jahren die Dorfkneipe fest im Griff hatte. Dämlack! Dass Molly dem Hirschhelm für seine Aufdringlichkeiten nicht die Nase gebrochen hatte, verdankte der nur ihrem Verlobten. Polizeihauptkommissar Briesack. Nachdem der seine Holde wieder unter Kontrolle gebracht hatte, hatte er Hirschhelm in die Ausnüchterungszelle verfrachtet. Fortan fiel der Dicke im Freiflug. Erst aus der Wahl, dann von seinem Posten. Nur einem lichten Moment hatte er es zu verdanken, dass er noch immer in der Verwaltung arbeitete. Er war zum Arzt gegangen und hatte sich ein Attest geholt, das ihm eine Alkoholsucht bescheinigte. Eine furchtbare Krankheit, gegen die er hart kämpfen musste. Felix schnaubte und sah wieder aus dem Fenster. Man hatte Hirschhelm zwar fortan nicht mehr kündigen können, doch man hatte ihn zu Felix auf das kommunale Abstellgleis geschoben. Nun ging er ihm auf den Kranz. Seit drei Jahren! Zirka 792 Tage, in denen Hirschhelm seinen Flachmann in seinem abschließbaren Schreibtischtrolli versteckte!

Felix war es schnuppe. Sollte Hirschhelm doch während der Arbeit saufen. Solange sich die Bürger nicht über die Fahne beschwerten, würde sich auch nichts ändern. Auch ging Felix nicht davon aus, dass er seinen Kollegen in den nächsten vier Wochen noch einmal zu Gesicht bekommen würde. Heute war Freitag, ab Montag hatte er zwei Wochen Urlaub. Sein schon dreimal verschobener Jahresurlaub. Dreimal! Verschoben, weil Hirschhelm alle paar Wochen einen neuen Krankenschein brachte und bisher keine anderen Kollegen da gewesen waren, die für das Einwohnermeldeamt die Zugangsberechtigungen besaßen. Vor ein paar Tagen stand ihr Amtsleiter schon wieder in der Tür, doch dieses Mal war Felix hart geblieben. Er hatte das Recht und sogar die Pflicht, diesen Urlaub zu machen. Sollten die anderen zusehen, wie sie es hinbekamen. Er jedenfalls würde nicht noch einmal verschieben.

Zufrieden grinsend betrachtete er die großen Pappeln, die sich unter einem lauen Lüftchen bewegten. Hoffentlich hielt das Wetter. Sonne, Wärme, die Nachmittage am See, abends tanzen … Und nachts würde er nette Bekanntschaften schließen!

Ja, so hatte sein Plan eigentlich schon immer ausgesehen. Sein Lebensplan. Mitte der elften Klasse zerschmetterte er den Traum seiner Eltern, in ihre Fußstapfen treten zu wollen. Nein, er wollte kein Arzt werden! Weder in einem der hiesigen Krankenhäuser noch irgendwo in der Pampa. Er wollte die Verantwortung nicht. Und nein, er würde auch nicht Jura studieren und in der Kanzlei seines Onkels einsteigen, wie es seine Geschwister getan hatten. Auch diese Verantwortung wollte er nicht. „Was willst du denn dann mit deinem Leben anfangen?“, hatte seine Mutter verzweifelt gerufen und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Er hatte dieses Bild noch heute vor Augen und musste unwillkürlich leise lachen. Wie ein puderrotes Äffchen mit Stupsnase hatte sie ausgesehen. Wie ein sehr niedliches Äffchen. Sein Vater hingegen hatte den Eindruck eines bald explodierenden Walrosses gemacht. Dieser Bismarckschnauzer war einfach nur lächerlich und unterstrich die Leibesfülle des Mittfünfzigers nur noch mehr, die er eigentlich immer kaschieren wollte.

Zum Glück kommen Mika, Alex und ich nach Mama, dachte Felix und betrachtete sich mit schief gelegtem Kopf in dem dunklen Bildschirm seines Computers. Der war vor Langeweile auch schon eingeschlafen.

Schmales Gesicht, hohe Wangenknochen mit einem lässigen Chin Strap. Die Lippen etwas zu voll für einen Mann, doch dank seiner hellen Augen achtete da eh niemand groß drauf. Die roten Haare seiner Mutter hatten sich nur bei seiner Schwester Michaela durchgesetzt.

Sonst hätte ich astrein als Schotte durchgehen können.

Stattdessen trug er die struppigen Fransen seiner Großmutter väterlicherseits. Unwillig verzog er den Mund. Diesen Wildwuchs zu bändigen, hatte er schon in der fünften Klasse aufgegeben, nachdem er seine Mutter mühsam überzeugt hatte, dass er sich mit fast zwölf Jahren alleine anziehen konnte. Himmel noch mal, ja, er war das Nesthäkchen ihrer Kinder, aber musste sie ihn deshalb auch ständig so behandeln? Wahrscheinlich hatte er noch Glück gehabt, dass sie ihn nicht wegen Verdacht auf Unfähigkeit, sein Leben zu meistern mit siebzehn Jahren entmündigt hatte, als er seinen Eltern gesteckt hatte, dass er das Abitur und seinen Einserdurchschnitt ungenutzt lassen würde, um Straßenmusiker zu werden. Er wollte etwas von der Welt sehen, sein eigener Herr sein. Der Duft der Freiheit, Ungebundenheit, Action, Abenteuer!

Mann, wie naiv … Er war ziemlich schnell von seiner rosaroten Wolke herunter geschossen worden. Mit gebrochenen Flügeln kam das Vögelchen nach Hause gekrochen, fortan zu verängstigt, um den Zeh noch einmal weit aus dem Nest zu stecken. Er drehte sich mit seinem Stuhl wieder vernünftig um.

Felix schüttelte den Kopf. Scheißerinnerung. Die musste ihm nicht auch noch den Tag trüben, entschied er. Also weiter im Alltagstrott. Wo war er stehen geblieben? Sein Blick fiel auf den Datumsstempel auf seiner Schreibunterlage. Richtig, Post!

Er griff nach dem Schreibtischutensil, doch just in dem Moment klingelte sein Telefon. Türöffner stand auf dem Display. Verwundert sah Felix zur Uhr. 11:46 Uhr. Gut, noch nicht zwölf, aber trotzdem hatte die Verwaltung für die Öffentlichkeit heute eigentlich geschlossen. Und er konnte sich auch nicht erinnern, Termine vergeben zu haben. Kurz kramte er in seinem Kalender. Nein, nichts! Wieder klingelte es.

Totstellen – Rangehen – Totstellen – Rangehen?

Noch ein Klingeln, dann zweimal kurz hintereinander. Da wollte aber jemand dringend zu ihm. Felix knurrte frustriert und griff nach dem Hörer.

„Ja, bitte”, meldete er sich, kaum in der Lage, seinen Frust über die Unfähigkeit der Bürger, sich an Öffnungszeiten zu halten, aus der Stimme zu verbannen.

Eine tiefe Stimme mit deutlichem Akzent antwortete ihm: „Tag. Ich muss zum Einwohnermeldeamt.”

Felix rollte mit den Augen. Ach was? Das hätte er jetzt nicht gedacht. „Wir haben heute leider keine Sprechzeit. Haben Sie einen Termin?” Er wusste zwar, dass der Typ keinen hatte, aber es konnte ja nichts schaden, ihm diese Tatsache bewusst zu machen.

„Nein, das nicht, aber Sie sind doch da. Ist dann sicher kein Problem.”

Nur mühsam unterdrückte Felix ein Schnauben. Wieso dachten die Bürger eigentlich immer, dass die Verwaltungsmitarbeiter sich ’nen Blauen machten, wenn das Stadthaus für die Öffentlichkeit geschlossen war? Sie hatten auch noch anderes zu tun, als sich ständig mit den Einwohnern herumzuärgern. So ein reibungsloses Stadtleben schmiss sich nicht von alleine, erst recht nicht mit fünfzehn Ortsteilen auf die halbe Aue verteilt!

„Ich lasse Sie mal rein.” Vis-à-vis ließ es sich besser mit den Bürgern streiten, als über die Telefonanlage. Kurz stutzte Felix, als er den Shortcut für die Eingangstür eingab. Wann war er eigentlich zu diesem arbeitsscheuen Amtswiesel geworden? Die Antwort war ihm leider nur zu bewusst: Irgendwann während der dreijährigen Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten. In einer dorftrottel-orientierten Kommune wie Auenkrähn verlor man schnell den Sinn für Idealismus, den man in der Verwaltungsbranche brauchte. Zumindest er hätte den gebraucht, um auch nur ansatzweise glücklich zu werden …

Felix sah sich in seinem Büro um. Helle Holzschränke an den Wänden, immergrüne Topfpflanzen auf einem mausgrauen Teppich. Man versuchte, Offenheit und Freundlichkeit auszustrahlen, doch letztlich war es einfach nur ein Gefängnis. Er hatte sich in ein Leben einsperren lassen, das ihm die Sicherheit versprach, nicht noch einmal verletzt zu werden. Zumindest diese Erwartung war erfüllt worden.

Lediglich die drei riesigen Fenster hinter den techniküberladenen Schreibtischen fluteten das Zimmer mit Licht und Leben. Daher weigerte sich Felix auch beharrlich, die Thermorollos herunterzulassen. Bei den anhaltenden Temperaturen um die dreißig Grad in diesem Sommer brütete man zwar ab dem Nachmittag vor sich hin, doch lieber ertrug er die Hitze, als die hellgelbe Farbe, die die Rollos in den Raum warfen, wenn man sie herabließ. Das verbreitete immer den Anschein einer geschlossenen Bienenwabe und drückte ihn nur noch mehr in seine Funktion als hirnlose, allzeit stupide funktionierende Arbeiterbiene! Außerdem konnte man dann die Fenster nicht mehr öffnen. Jetzt hörte man das Lachen der Ferienhortkinder aus der Grundschule nebenan. Die Herbstferien waren gerade zur Hälfte um, doch der Sommer weigerte sich, zu enden. Vielleicht war es seine Art der Rache, dass die Sommerferien dieses Jahr so zeitig gewesen und damit voll in die Frühlingstemperaturen gefallen waren. Das war einfach schade, denn damit konnte niemand die wirklich heißen Temperaturen genießen. Felix hingegen konnte es nur Recht sein.

Noch zehn Minuten, dachte er. Vielleicht auch zwanzig, je nachdem, was der Typ will.

Und dann konnte er sich zwei ganze Wochen lang die Sonne auf den Pelz brennen lassen!

Er hörte das charakteristische Rumsen der Eingangstür, als diese ungebremst ins Schloss krachte. Schwere Schritte kamen rasch näher. Felix spitzte die Ohren. In den Jahren auf der Straße hatte er gelernt, menschliche Charaktere anhand des Gangs einzuschätzen. Dieser hier war energisch, federnd, zeugte von Jugend oder aber auf jeden Fall von einem hohen Fitnesslevel – dominant, offen, direkt, aber auch irgendwie erfahren, selbstbewusst.

Felix’ Blick huschte über seinen Schreibtisch, auf dem die Post des Vormittags ausgebreitet lag. Brief auf, Brief raus, Stempel drauf. Brief auf, Brief raus, Stempel drauf. Brief auf, Brief raus, Stempel drauf – damit hatte er bis jetzt die Zeit totgeschlagen. Acht Briefe von der Zentralen Bußgeldstelle, sieben von irgendwelchen Kommunen und drei vom Landkreis. Bis auf die letzten drei Briefe waren allesamt Anfragen zur Identität von Verkehrssündern. Der Landkreis wollte Melderegisterauskünfte – auch nicht gerade spannend. Und dann mischten sich noch die Ausdrucke der Meldedaten für die Ablage unter den Berg Papier. Gemächlich schob Felix den ganzen Kram zusammen, klopfte die Kanten gerade, damit es zumindest ein wenig ordentlich aussah, und zog die roten Haftnotizen heran. Er kritzelte ein paar Bearbeitungsvermerke auf die Oberste und klebte die dann einfach oben drauf. Den Stapel würde er Hirschhelm auf den Schreibtisch legen. Entweder war der am Montag wieder da oder die Vertretung zog den Zonk. Felix war beides recht.

Von der Tür kam unterdessen schon das dritte Räuspern – ein Geräusch, das mit jedem Mal lauter wurde und Felix veranlasste, sein Grinsen zwanghaft zu verbeißen. War scheinbar ein ganz ungeduldiger Bürger. Er räumte noch Stempelkissen und Datumsstempel beiseite, dann sah er betont langsam auf. Musternd glitt sein Blick von den schweren Motorradstiefeln, über die dicke Lederhose, eine breite Brust unter einem dunkelgrünen T-Shirt bis in das offene Gesicht, das von blonden Haaren eingerahmt wurde. Mit seiner Einschätzung hatte er mal wieder recht behalten. Der Mann war vielleicht Ende Zwanzig und durch und durch gut trainiert. Die Muskeln sprengten nahezu das T-Shirt und der Ärmelsaum empfand diesen beeindruckenden Bizeps, der sich durch das Verschränken der Arme noch mehr anspannte, bestimmt nicht als halb so heiß wie Felix. Sehr lecker der Kerl. Hatte ein bisschen was vom Hemsworth-Stammbaum. Halblange, verwuschelte Haare, blaue Augen, die Gesichtszüge maskulin, mit einem attraktiven Drei-Tage-Bart auf den scharf modellierten Wangen. Zwar war die Motorradhose aus sehr festem Leder, doch selbst das wurde vielversprechend an den richtigen Stellen ausgefüllt. Zum Niederknien! Eigentlich verbot Felix sich jeden Flirtversuch auf der Arbeit. Das konnte nur in Ärger enden. Aber hier würde er glatt mal eine Ausnahme machen. Er spürte ein bekanntes Kribbeln im Magen, das rasch tiefer rutschte. Sein Unterleib zog sich schon alleine von dem Anblick angenehm zusammen.

Das Räuspern war urplötzlich verstummt und Felix konnte sehen, wie der Adamsapfel unter einem schweren Schlucken zuckte. Die dunkelblauen Augen weiteten sich und die zunächst verärgerte Pose war zur Salzsäule gefroren. Der schöne Mund mit den schmalen Lippen klappte auf.

Oh weh. Gleich kommt’s!

„Ja?” Felix versuchte, dem perplexen Bürger über die sprichwörtliche Straße zu helfen. Allerdings gelang es ihm offensichtlich nicht. Zwar erwachte der Mann aus seiner Trance und fand auch nach zwei Anläufen seine Stimme wieder, sprach dann aber genau die dumme Bemerkung aus, die Felix befürchtet hatte: „Sie sind blind?”

Punkt. Ausrufezeichen. Felix stöhnte leise und auch wenn es unhöflich war, konnte er ein Augenrollen nicht unterlassen. So schnell konnte Erregung verpuffen! Der Kerl hatte ihm geschlagene zwei Minuten beim Sortieren von Unterlagen und beim Schreiben zugesehen! Wie kam man da nur auf diese blöde Feststellung, er wäre blind? Immer wieder passierte ihm das. Zumindest musste man dem Mann hier zugutehalten, dass er ihn darauf ansprach. Die meisten Menschen in Felix’ Umfeld reagierten versteckt. Mitleidige Blicke, die er ja eigentlich gar nicht sehen würde. Tür aufhalten – idiotisch, denn meistens hielt man die Tür auf, ohne ihn darauf hinzuweisen. Wäre er blind, würde er es gar nicht bemerken. Ungeniertes Fratzen ziehen. Versuchtes Beinstellen, was meistens für die Scherzkekse ziemlich blöd ausging, wenn er den Spieß umdrehte. Sich bei ihm ungefragt einhaken, um ihm über die Straße zu helfen. Die Krönung war eine Polizeistreife, die ihn anhielt und entsetzt ins Verhör nahm, wieso er hinter dem Steuer saß.

„Das wüsste ich aber”, schnappte er kühl und verengte die Augen. „Sie wünschen?”, knurrte er den Bürger an.

Dieser runzelte die Stirn, trat näher, ohne zu antworten und starrte ihn an. Innerlich zählte Felix die Schritte runter und als er bei eins angekommen war, stolperte der Mann über den Stuhl vor Felix’ Schreibtisch.

„Setzen Sie sich ruhig.” Nun konnte er ein Grinsen nicht mehr unterdrücken.

***

Jacob war sauer. Er hasste Behördengänge über alle Maßen und nun kam ihm dieser Aktendulli vom EMA übers Telefon auch noch blöd? So nicht. Der konnte sich einen anderen Tag für’s Eierschaukeln aussuchen. Jacob hatte wegen diesem Mist extra ein wichtiges Engagement absagen müssen, dabei wusste er nicht einmal, wann er seinen Personalausweis das letzte Mal gebraucht hatte. Jetzt war er drei Monate über dem Ablaufdatum und Jacob hätte es wohl auch die nächsten zehn Jahre nicht gemerkt, wenn nicht eine Bekannte nach alten Bildern für’s Klassentreffen angefragt hätte. Durch seine Harley nutzte er ohnehin niemals Flugzeuge oder andere Fortbewegungsmittel. Auf seine Zulassungen hatte er immer ein Auge und beantragte sie noch vor Ablauf neu, sodass er sich bei diesen Zuständigkeiten auch nie ausweisen musste und für den Rest seines Lebens genügte der Führerschein. Oft reichte auch einfach sein Name, da er durch seine Erfolge in seiner Branche weithin bekannt war.

Was hatte ihn noch einmal geritten, den Auftritt heute abzusagen, um hierher zu kommen? War ja nicht so, als könnte er das Geld nicht noch so kurz vor der Winterpause gebrauchen. Schnaubend stapfte er den langen Gang entlang, in dem seine Schritte in den Bikerboots richtig schön widerhallten und blieb dann frustriert in der offenen Tür mit der Aufschrift Bürgerservice stehen.

‚Service’, dass ich nicht lache!

Kurz sah Jacob sich um. Der Raum war so hoch, dass es vermutlich hallen würde, wenn die Wände nicht mit Aktenschränken voll stehen würden. Wenn man von draußen herein kam, war es durch die heruntergelassenen Rollos überall im Gang ziemlich finster. Doch selbst durch diese spürte man die 25°C der letzten Sommertage. Aber der Raum, in den er jetzt trat, war sonnenhell, es blendete fast! Hinter einem von zwei großen Schreibtischen, saß ein junger Mann und kramte in irgendwelchen Unterlagen. Jacob räusperte sich. Keine Reaktion.

Der Angestellte strafte ihn mit Nichtachtung und räumte in aller Seelenruhe seinen Papierkram von einem Schreibtischende an das andere. Jacob hob missmutig die Augenbrauen und räusperte sich noch zweimal, immer etwas lauter. Vielleicht hatte ihn das Eselsohr nur nicht gehört? Doch auch diese Male reagierte der Kerl nicht. Erst als alle Blätter fein säuberlich auf einem Haufen lagen – Ecke auf Ecke – wandte er sich ihm zu und sah auf.

Holy shit!

Sein Unmut blieb Jacob direkt im Hals stecken. Diese Augen … Was zur Hölle? Die waren weiß! Die Iris war weiß. Gab es das? Weiße Augen? Die Pupillen waren schwarz, wirkten wie zwei Löcher in die Unendlichkeit. Wo weiß und schwarz auf einander trafen, verwischten die Ränder ineinander. Wie finstere Strudel in einem Schneesturm … Jacob musste sich kurz schütteln, um sich diesem fixierenden Bann zu entziehen. Scheiße, Mann, seit wann dachte er denn solchen poetischen Müll?

„Sie sind blind?” Die Frage rutschte ihm heraus, ohne dass er es hätte verhindern können.

Eine der geschwungenen, dunklen Augenbrauen verzog sich ärgerlich, während sich die Wahnsinns-Augen verengten. Selbst von seiner Position an der Tür aus sah er, wie sich das Weiß minimal verdunkelte.

„Das wüsste ich aber”, knurrte der Mitarbeiter und faltete die Hände auf der freien Arbeitsplatte. „Sie wünschen?“

„Ah …” Jacob fühlte sich wie das sprichwörtliche Kaninchen – hypnotisiert. Er trat näher und stolperte prompt über einen der Besucherstühle. „Shit!”

Die Mundwinkel des Mannes zuckten. „Setzen Sie sich ruhig”, meinte er und es klang ein süffisanter Unterton in dem Angebot mit.

Jacob ließ sich auf den Stuhl fallen und legte sein Zeug neben sich. „Is’ ja echt gruselig!”

Uh … das Weiß wurde noch dunkler, glich nun eher einem aufziehenden Gewitter an einem schwülen Sommertag.

Also doch eher ein wahnsinnig helles Blau? Oder grau?

„Sie wünschen?”, wiederholte der Angestellte bissig und riss Jacob abermals aus seinen Gedanken.

„Äh …” Kurz war ihm tatsächlich entfallen, wieso er hier war. „Ich brauche einen neuen Ausweis”, brachte er so fest hervor, wie seine bebende Stimme es zuließ.

„Unsere Sprechzeiten sind Montag bis Mittwoch von 09.00 Uhr bis 12.00 Uhr, Montag von 13.00 Uhr bis 16.00 Uhr und Dienstag von 13.00 Uhr bis 18.00 Uhr”, ratterte der Mann herunter.

„Da arbeite ich aber. Ich habe mir nur heute freihalten können.” Mehr oder weniger …

Dass Jacob sich nach den Sprechzeiten nicht einmal erkundigt hatte, verschwieg er wohlweislich. Sonst ließ ihn die Tackernadel womöglich wieder abtreten. Zu seinem Glück seufzte der Mann nur und nickte dann, auch wenn er frustriert aussah. Schien dem hier auch keinen besonderen Spaß zu machen. Oder Jacob war nicht der Erste in Bezug auf die Nichteinhaltung von Öffnungszeiten.

„Passbild, Geburtsurkunde, alten Ausweis haben Sie dabei?”

Jacobs Schultern sackten herab. „Geburtsurkunde nicht.”

Der Mann kräuselte die Lippen. „Schlecht. Geben Sie mir mal Ihr Geburtsdatum.”

„31. Oktober 1981.”

Der Angestellte tippte sein Geburtsdatum in den Ziffernblock der Tastatur und starrte dann auf den Bildschirm, ehe er die Maus minimal bewegte und irgendetwas anklickte. „Jacob Grauen?”

Überrascht nickte Jacob. Der Schredderschnipsel hatte seinen Vornamen tatsächlich richtig ausgesprochen – englisch!

„Tut mir Leid, Herr Grauen. Als Sie zugezogen sind, haben Sie Ihre Geburtsurkunde nicht vorgelegt, also haben wir die noch nicht im System eingegeben. Ohne kommen wir nicht weiter.”

„Ich muss zur Wohnungsanmeldung meine Geburtsurkunde mitbringen? Ernsthaft?” Das hätte man ihm ja wohl auch sagen können. Wer nahm denn bitte seine Geburtsurkunde mit?

„Müssen Sie nicht, aber bei Neubeantragung eines Ausweises schon. Steht alles auf unserer Homepage. Da können wir jetzt nichts machen, die müssen Sie mir noch im Original vorlegen.”

„Ich bin aber in Edinburgh geboren. Großbritannien. Was, wenn ich die nicht mehr habe?”

„Dann lassen Sie sich beim Standesamt in Edinburgh, oder wer dort auch immer für Geburten zuständig ist, eine neue Urkunde ausstellen, lassen eine amtliche Übersetzung anfertigen und legen mir dann beides vor.”

Schlagartig war Jacobs Ärger wieder da. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie können wohl kein Englisch, was?”, meinte er schnaubend.

Sein Zorn schien an seinem Gegenüber abzuprallen. „Doch”, meinte der seelenruhig. „Aber wir sind hier in Deutschland und unsere Amtssprache ist nun mal Deutsch. So gut ich persönlich Englisch auch kann, wir nehmen keine fremdsprachigen Urkunden an. Sie bringen mir das Original und eine amtliche Übersetzung und dann machen wir Ihren neuen Personalausweis. Das Einzige, was ich für Sie jetzt tun kann und muss, ist Ihnen einen vorläufigen Personalausweis auszustellen. Der kostet zehn Euro und ist drei Monate gültig. Zeit genug, um eine Geburtsurkunde aus Großbritannien zu besorgen.”

„Und wenn ich den Vorläufigen nicht will? Ich brauche das Ding nicht, warum sollte ich dafür zehn Euro bezahlen?”

Wieder zuckten die Mundwinkel des Mitarbeiters. Na hoffentlich amüsierte sich der Kerl gut.

„Das ist keine Frage von Wollen, Herr Grauen”, stellte der Mann in einem Ton klar, als würde er mit einem Grundschüler sprechen. „Sie müssen ein gültiges Ausweisdokument vorzeigen, wenn Sie danach gefragt werden und das können Sie im Moment nicht. Oder haben Sie einen Pass, der hier nicht aufgeführt ist?”

„Nein, aber ich habe einen Führerschein. Sogar einen Deutschen!”

„Das ist zwar schön, der ist aber kein Ausweisdokument. Der berechtigt Sie nur zum Führen eines Fahrzeugs. Da sind weder biometrische Daten noch Angaben zum Wohnort drauf.”

„So eine Scheiße”, knurrte Jacob. „Und was machen Sie, wenn ich das Ding nicht bezahle?”

Der Angestellte sah kurz auf seinen Bildschirm, wo er wohl Jacobs behördliche Details aufgerufen hatte. „Sie sind jetzt drei Monate drüber. Mit etwas Augenzudrücken könnten Sie einigermaßen kostengünstig aus der Sache rauskommen. Wenn Sie aber meinen, Sie müssen mir das Leben jetzt schwer machen, dann gebe ich Ihre Unterlagen am Montag eine Tür weiter und Sie hören demnächst von unserer Bußgeldstelle. Das kann dann richtig teuer werden. Und wenn Sie noch dazu von der Polizei angehalten werden, bekommen Sie noch extra eins auf den Deckel.”

Jacob biss die Zähne zusammen. Verdammte Bürokratie. Er hasste nichts mehr, als von irgendwelchen Obrigkeiten in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt zu werden. Mal ehrlich: Wer gab ihm das Geld dafür? Er würde es ja irgendwo einsehen, wenn man vielleicht jeden in einer polizeilichen Datenbank erfassen würde, gerne auch mit Fingerabdruck, aber warum zum Teufel musste er jetzt hierfür bezahlen? Was brachte so eine dämliche Karte? Die konnte man fälschen! Einen Eintrag in einer landesweiten Datenbank nicht, denn da käme so schnell keiner ran! Wütend schüttelte er den Kopf. Bringen würde ihm seine Meinung im Moment ohnehin nur Ärger. Also musste er sich wohl beugen. Langsam löste er seine abweisende Haltung und sah den Aktendulli missmutig an. Der versuchte scheinbar, nicht zu siegessicher auszusehen, was ihm aber ziemlich schlecht gelang. Sicherlich war Jacob nicht der Erste, mit dem er diese Diskussion führte, also war er darin schon geübt. Und er saß ja ohnehin am längeren Hebel.

„Na schön, machen wir das eben”, brummte Jacob und lehnte sich nach hinten. Das Holz des Stuhls knarrte ächzend.

2.  Kapitel

Irgendwie war dieser Tag unerwartet lang geworden. Felix sah auf die Uhr und fuhr nebenbei seinen Computer herunter. Vierzehn Uhr, aber es kam ihm vor wie irgendwas um siebzehn Uhr herum. Nachdem er Jacob Grauen endlich losgeworden war – was an sich schon gedauert hatte, da der Mann auf die glorreiche Idee gekommen war, seine Geburtsurkunde könnte bei seinen Eltern sein und er würde sie fix holen fahren, damit sie den endgültigen Ausweis doch noch beantragen könnten –, hatte Felix sich ein Herz gefasst und zumindest die Ablage gemacht, sodass nun wenigstens die Ordner auf dem aktuellsten Stand waren, falls die Vertretung etwas suchte. Kassenabschluss konnte er aber am Montag machen – Montag in zwei Wochen!

Yip, Yip!

Zwei Wochen Urlaub, endlich. Nachdem er auf jede Mutter, jeden Familienvater, die Azubis des zweiten Quartals UND Hirschhelm Rücksicht genommen hatte, durfte er nun auch endlich in seinen wohlverdienten Jahresurlaub gehen. Montag begann die Jagdsaison! Wobei … Er sah an sich herab. Eigentlich konnte er auch heute schon mal sein Revier sichern. Oder er wilderte. Sacht neigte er den Kopf, während er seine Autoschlüssel aus der Hosentasche zog. Er checkte noch einmal kurz, ob alle Geräte aus waren, dann verließ er das Büro, schloss gewissenhaft ab und aktivierte die Alarmanlage. Nur mit Mühe konnte er sich ein fröhliches Pfeifen verkneifen, das sicher wunderbar gehallt hätte. Ja, heute würde er sein Revier abstecken. In einem der Stammclubs konnte er entspannen und seinen Urlaubanfang gebührend begießen. Man kannte ihn, er kannte die meisten – kein Stress! Und morgen würde er dann in einem der ihm fremden Clubs wildern. Es war immer wieder amüsant, wenn die starken Alphamännchen begannen, sich aufzuplustern, sobald sie einen unbekannten Eindringling witterten. Wie beim Hahnenkampf. Und weil Felix einfach nicht wie der typische Klischee-Top wirkte – kein Bodybuilderkreuz mit vorpubertärer Mädchentaille – stuften ihn die anderen Männer dieses Schemas immer zu spät als Bedrohung ein. Felix war zwar auch groß und trainiert, allerdings war sein Metier eher das Laufen als der Kraftsport. Anders als bei Jacob Grauen. Der Kerl hatte so gewirkt, als würde er locker sein eigenes Gewicht stemmen. Wobei … Seine Kraft wirkte natürlich und nicht initiiert. Nicht wie bei einigen der anderen Steroidbomben, die Felix bei seinen Streifzügen schon kennenlernen musste. Der blonde Hüne wurde sicher sofort als Konkurrenz eingestuft, wenn er einen Club betrat. Abrupt blieb Felix vor der Zeiterfassungsanlage stehen, den Schlüssel zum Ausstechen bereits erhoben. Wie kam er jetzt eigentlich auf Grauen? Er schüttelte den Kopf und vollendete seine Armbewegung. Mit einem leisen Piepsen registrierte das System seinen Feierabend. Schnell verdrängte er die Gedanken an den heißen Störenfried von vor zwei Stunden und trat dann aus der Kühle des Gebäudes in die brütende Nachmittagshitze. Kein Wölkchen am Himmel und selbst der Wind traute sich nicht, sich zu rühren. Langsam überquerte er den Mitarbeiterparkplatz und betätigte seine Autoschlüssel. Mit leuchtenden Scheinwerfern begrüßte ihn sein heiß geliebter Jeep Renegade. Zärtlich strich er mit zwei Fingern über den schwarzen Lack.

„Hey, Baby. Hast du mich vermisst?” Felix grinste. Es war ein totales Klischee, aber er liebte seinen Wagen eben. Eines der wenigen typisch-Mann-Dinge, die er sein eigen nennen konnte. Er stieg ein und ließ den Motor aufheulen. Er wohnte nicht weit entfernt, doch weit genug weg, dass er kein schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt haben musste, wenn er jeden Tag mit dem Auto fuhr. Und keiner seiner Kollegen kam auf die Idee, ihn am Wochenende anzurufen, damit er mal eben für irgendwen im Außendienst einspringen konnte. Schließlich hatte er eine dreiviertel Stunde Anfahrtsweg! Die Klimaautomatik sprang sofort an und hatte den Innenraum schon an der ersten Kreuzung soweit herunter gekühlt, dass es wirklich angenehm war. Das Radio war noch stumm gestellt und eigentlich hatte er auch gar keine Lust den Ton wieder aufzudrehen. Er musste es nicht haben, dass die halbstündlichen Nachrichten ihn informierten, wo sich eine Krisenlage schon wieder verschlimmert hatte oder noch ein Verdacht auf Terrorismus im europäischen Raum bestand oder was die Allgemeinheit von der hiesigen Flüchtlingspolitik hielt, indem Demonstrationen abgehalten und Wahlen aus Protest verfälscht wurden. Man konnte sich den Start ins Wochenende auch besser gestalten. Felix’ Blick blieb kurz an einem Supermarktschild hängen. Eigentlich könnte er sich noch etwas Obst holen. Bei der Hitze war eine kühle Melone immer sehr lecker, auch wenn man im Oktober aufpassen musste, was man für eine erwischte. Und wenn Amandla herüber kommen würde, könnte er mit ihr eine Flasche Sangria köpfen. Ja, das war ein guter Plan, befand er und bog auf den Parkplatz des Supermarktes ein.

Melone, Sangria, Zitronen, etwas Knabberzeug und zwei Tafeln Orangenschokolade wanderten in den kleinen Tragekorb. An der Kasse musste er einen Augenblick warten, da er nicht gerade der Einzige war, der nach dem Feierabend noch einkaufen gehen wollte. Als alles bezahlt war, flüchtete er wieder in seinen Wagen und fuhr nach Hause.

Das villenartige Mehrfamilienhaus, in dem seine Wohnung lag, war etwas ab vom Schuss. Es lag am hinteren Teil des Kurparks, der zu einer riesigen Hotelanlage mit separatem Spa-Bereich gehörte und durch ein 400 Meter langes Gradierwerk von der Stadt abgegrenzt wurde. Sein Balkon bot einen wunderschönen Ausblick auf die gepflegte Grünanlage mit den vielen Wasserspielen und säuberlich getrimmten Hecken. Im Sommer waren die Blumenpracht und der Blütenduft umwerfend – für jemanden mit Heuschnupfen wie ihn im wahrsten Sinne des Wortes. Aber jetzt, wo der Herbst begann, färbten sich die unzähligen Bäume wunderschön bunt. Manchmal fragte sich Felix, ob die Färbung natürlich war oder ob da nachgeholfen wurde, denn die Bäume im Rest der Stadt wurden maximal matschbraun und warfen dann die Blätter ab.

So sehr er die fünf Treppen in den dritten Stock auch verfluchte, der Ausblick auf den Park entschädigte ihn jedes Mal. Und die Ruhe. Idiotisch … Noch vor ein paar Jahren hätte er alles für reichlich Action getan, doch jetzt zog er sich privat soweit zurück, wie er konnte. Ja, nachts war er immer noch oft unterwegs, doch für ihn wurden die gängigen Clubregeln zum unumstößlichen Gesetz. Niemals zweimal den Gleichen, niemals mit nach Hause nehmen. Keine Gefühle, keine feste Bindung. Noch einmal ließ er sich nicht zerbrechen! Deshalb hatte er sich auch eine Wohnung im Rentnerviertel der Stadt gesucht. Weit genug weg vom Nachtleben, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen, aber dennoch nah genug, dass er im Fall der Fälle zu Fuß oder mit der Bahn leicht nach Hause kam.

Mit seinen Nachbarn hatte er ziemliches Glück. Mal ein Guten Tag oder Wie geht´s der Hüfte am Müllcontainer und das war’s. Mehr sah er nicht von seinen Nachbarn und sie nicht von ihm. Einzig den Kläffer von Hennings Schwiegertochter könnte Felix dreimal im Jahr erschießen. Nämlich dann, wenn die die Misttöle bei Oma und Opa Henning abluden, weil die junge Familie in den Urlaub fuhr. Felix war grundsätzlich kein Hundefeind, aber diese spanische Promenadenmischung würde er am liebsten an Asterix verfüttern. Nach seiner Ausbildung hatte Felix ein paar Jahre alleine gelebt, ehe es ihm zu langweilig geworden war und er sich zwei Kater zugelegt hatte. Main Coon Wurfgeschwister. Wunderschön, kuschelig und so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Was der rostbraune Asterix agil und dominant war, war sein bunt gescheckter Bruder Miraculix ausgeglichen. Der größere der beiden Main Coon hatte so eine richtig schöne Leck-mich-am-Arsch-Einstellung. Das war besonders nervig, wenn die beiden hohen Herren sich mal wieder in Felix’ Bett breit machten und er sie aus selbigem heraus schieben wollte. Asterix konnte man mit einer Hand unter der Bettdecke leicht aufscheuchen. Dann fauchte der kupferfarbene Macho einmal böse und trollte sich. Miraculix dagegen noch lange nicht. Selbst wenn Felix die Beine ganz demonstrativ auf den großen Körper des Katers ablegte, blieb der liegen, wo er war. Aber das kam zum Glück nicht allzu häufig vor. Im Großen und Ganzen akzeptierten ihn die beiden als Boss und schmusten ihn lieber in Grund und Boden. So wie jetzt auch wieder.

Schon als Felix den Schlüssel ins Schloss steckte, hörte er drinnen das tiefe Schnurren seiner beiden Mitbewohner. Kaum war die Tür geöffnet, hatte er Mühe, einen Schritt vor den anderen zu tun, denn die beiden Kater schlichen um seine Beine und rieben ihre Köpfe an seiner Jeans.

„Ruhig Blut, Jungs. Lasst mich rein, dann kuscheln wir. Muss ja nicht jeder sehen, was wir hier so treiben” Felix kicherte und drängte die Kater zurück in den Wohnungsflur. Er stellte die Einkaufstasche auf dem Schuhschrank ab und beugte sich dann herunter. Er musste nur die Hände ausstrecken und schon hatte er weiches, dickes Fell zwischen den Fingern. Sanft kraulte er durch Asterix’ Nackenfell und strich über Miraculix’ Kopf. Die Ohren des Katers zuckten, als er sie streifte.

„Na kommt, Kumpels. Ich ziehe die Schuhe aus und verstaue schnell die Einkäufe und dann bekommt ihr was zu fressen, abgemacht?” Er lächelte sanft und richtete sich wieder auf. Mann … er hörte sich schon an, wie eine alte Katzenoma. Widerwillig lösten sich die Kater von ihm und sprangen auf den riesigen Katzenbaum, der beinahe den gesamten Eingangsbereich und einen Großteil der Wand des offenen Wohnzimmers einnahm. Felix trat nachlässig seine Schuhe von sich und hievte die Einkaufstüte in die Küche. Durch die Melone war sie ganz schön schwer. Er zog sein Handy aus der Hosentasche und wählte Amandlas Nummer. Dann legte er das Gerät mit dem Freisprecher auf die amerikanische Durchreiche und begann das Obst in den Kühlschrank zu räumen.

„Hey, Schätzchen!” Ihre Stimme drang aus dem Hörer, kaum dass es zweimal geläutet hatte.

„Hey, Zwerg. Lust auf kühle Sangria zum Frühshoppen morgen?”, rief Felix aus den Tiefen des Kühlschranks hervor.

Amandla lachte. „Aber immer doch. Soll ich Brötchen mitbringen?”

„Wenn dir Melone, Zitrone und süßer Alkohol nicht reichen zu einem nahrhaften Start in den Tag, dann ja.”

Sofort kam die Gegenfrage: „Hast du was da, das man auf ein Brötchen legen könnte?”

Felix zog sich aus dem Kühlschrank zurück und besah sich den Inhalt kritisch. „Butter, Marmelade, Nutella, Ahornsirup … Und Teufli!” Sie kannte ihn verdammt gut!

Seine Freundin stöhnte. „Dass du nicht hundert Kilo wiegst, ist mir ein absolutes Rätsel. Das ist voll unfair. Alleine vom Zuhören habe ich gerade wieder ein Pfund zugelegt, während du alles in dich hinein stopfst und gar nichts ansetzt.”

„Gute Gene.”

Die Diskussion kannte Felix in- und auswendig. Da half nur: So früh wie möglich abwürgen! Andernfalls durfte er sich die nächsten zwei Stunden einen Vortrag über weibliche Wohlfühlpolster, Babyspeck und Cellulite anhören. Amandla hatte nichts von alledem und dennoch ging sie bei hundert Gramm mehr auf der Waage die Wände hoch. Eine unangenehme Angewohnheit aus ihrer Modellzeit. Sie hatte während des Studiums in Amerika einen Großteil ihrer Finanzen damit aufgestockt, dass sie für verschiedene Modezeitschriften posiert hatte, wie er wusste. Manchmal auch für das ein oder andere Männermagazin. Amandla war alles andere als prüde. Sie hatte die Fotografen der Sexy-Girls-Kalender wahrscheinlich ebenso glücklich gemacht, wie die Kunststudenten des vierten Semesters, die eine Aktmalerei als Semesterarbeit hatten abliefern müssen. Das war aber schon zehn Jahre und ein Kind her. Und dafür, dass sie vor drei Jahren beinahe Mutter geworden war, hatte sie nach wie vor eine Traumfigur. Zumindest nach Felix’ Einschätzung. Die Zeiten, in denen er Frauen auf die entsprechenden Körperregionen gestarrt hatte, um scharf zu werden, waren schon etwas länger vorbei, aber aus Stein war er deswegen ja nicht. Amandla hatte ihre üppigen Wölbungen zwar nicht für ihn an den richtigen Stellen, doch für viele Männer dafür umso mehr. Wenn sie gemeinsam loszogen und die Clubs unsicher machten, fiel immer etwas für sie beide ab.

„Also wenn du was anderes drauf haben willst, musst du es mitbringen.” Felix lenkte seine Gedanken zurück auf das eigentliche Thema. „Ansonsten habe ich Kaffee und Milch da. Und die Sangria ebenfalls.”

„Oki, supi. Dann komme ich morgen gegen zehn Uhr bei dir rein geschneit? Oder lebst du da noch nicht?” Er konnte das spitze Grinsen praktisch heraus hören.