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Getsuhon - das Reich des Mondes. Offiziell regiert von seiner Kaiserin, doch die eigentliche Herrschaft liegt in den Händen der Samurai. Seit Jahrhunderten sorgen sie mit ihren Feuerklingen für Recht und Ordnung. Ehre, Tapferkeit und uneingeschränkte Loyalität sind ihre Gebote, doch auch sie sind nicht frei von der Gier nach Macht. Finstere Intrigen und grausame Fehden flammen immer wieder zwischen den großen Häusern auf. Als letzte Überlebende des ausgelöschten Hauses Akahane soll Kotori mit dem jungen Krieger Shigeru vermählt werden. Obwohl sie einer sicheren Zukunft entgegenblickt, kann sie mit ihrer Vergangenheit nicht abschließen. Warum musste ihre Familie sterben und wer ist dafür verantwortlich?Und wer ist der geheimnisvolle Ronin, der sich in den Wäldern verbirgt? Ist er ein Feind oder hat er vielleicht die gesuchten Antworten? Und was hat es mit der Dämonenkatze auf sich, die ihm auf Schritt und Tritt folgt?
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Meinem Dad – dem ersten Menschen, der mir Geschichten erzählt hat.
Gonzo und Eddy – die ersten, mit denen ich sie als Abenteuer erleben durfte.
Und meiner Mom, die immer auf uns gewartet hat, wenn wir in die Realität zurückgekehrt sind.
Kaentô spielt in einer Fantasy-Welt, die an das feudale Japan angelehnt ist, eine Welt, in der Kampf und Tod allgegenwärtig sind. Deshalb konfrontiert dich diese Geschichte mit einigen Themen, die für dich vielleicht unangenehm sein könnten. Aufgrund dieser Themen würde ich dieses Buch nicht für Kinder & Jugendliche unter 14 Jahren empfehlen.
Um nichts von der Handlung vorweg zu nehmen, findest du genauere Angaben zu den betreffenden Themen am Ende des Buches, direkt hinter dem Glossar für japanische Begriffe.
Prolog
Wurzeln und Flügel
Libelle auf dem Schilfhalm
Nacht des Feuers
Genpuku
Flammenkatze
Fädchen am Seidenkokon
Brandstifter
Kawagami
Ronin
Hauptmann Kaenbyô
Zeichen und Wege
Flammenfluch
Schuldig unschuldig
Wut und Furcht
Verlorene Schlüssel
Ki des Feuers
Hinter dem Schleier
Getrennte Pfade
Epilog
Shigenaga wagte kaum zu atmen, selbst wenn er wusste, dass das Scharren und Schnauben der Pferde lauter war als jedes Geräusch, das sein Schleichen hier drin verursachte. Um ihn herum war es stockdunkel, doch er wollte nicht riskieren, eine Lampe zu entzünden. Bei so viel trockenem Stroh konnte offenes Feuer eine Katastrophe auslösen. Der Stall selbst war zwar aus Stein errichtet worden, so wie nur wenige Gebäude des Anwesens, doch die Innenverkleidung und die Trennwände zwischen den einzelnen Verschlägen der Pferde waren aus Holz gefertigt und jetzt im Sommer so ausgedörrt, dass sie leise ächzten, wenn man sie berührte. Er versuchte, es zu vermeiden und nur seine Schritte zu zählen, um im Dunkeln nicht die Orientierung zu verlieren.
Feuerwolke wieherte leise, als er an ihrem Platz vorbei schlich. Das Seil, mit welchem sie angebunden war, erlaubte ihr nicht, sich komplett umzudrehen, doch sie musste den Kopf nach ihm gereckt haben, denn er nahm ihre Bewegung als Schatten wahr.
Schnell fischte er einige Stücke Kiefernrinde aus der Tasche seines Kimonos, während er seitlich an ihr vorbei schlüpfte, den Rücken gegen die Holzwand gepresst. Kiefernrinde liebte sie über alles. Normalerweise belohnte er sie damit, wenn sie sich beim Reiten gut anstellte und nicht zu kapriziös war. Feuerwolke konnte sehr temperamentvoll sein und als Vater sie ihm vor vier Jahren geschenkt hatte, hatte Shigenaga so seine Schwierigkeiten mit ihr gehabt.
Ihre weichen Lippen nahmen ihm die Kiefernrinde zielsicher aus der Hand. Er lächelte vor sich hin. Damals war er aber auch erst zwölf gewesen und hatte sich noch vor großen Pferden gefürchtet.
Ein plötzliches Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Sein Herz begann heftig zu klopfen und wohl zum hundertsten Mal in dieser Nacht fragte er sich, warum er sich bloß auf diesen Unsinn eingelassen hatte. „Bist du hier?“, flüsterte er in die Dunkelheit.
Schweigen. Vielleicht sollte er einfach so schnell wie möglich verschwinden und die ganze Sache vergessen.
Er entfernte sich ein paar vorsichtige Schritte von Feuerwolke und den anderen Pferden und tastete sich weiter voran. Hier, im hinteren Teil des Stalls wurde das Stroh gelagert. Daneben an der Wand hingen die Satteldecken, die aus Hanfseilen geknüpften Halfter und die ledernen, kunstvoll gefertigten Reitsättel.
Er strich mit den Fingern über das Leder, spürte die Unebenheiten darin. Selbst die Sättel waren mit dem Familienwappen der Hibana verziert. Auch wenn man es gar nicht mehr sehen konnte, sobald ein Reiter darauf saß. Im nächsten Moment legte sich von hinten eine Hand auf seinen Mund.
Instinktiv fuhren seine Hände zum Obi, doch bevor er auch nur daran denken konnte, sein Katana zu ziehen, schlang sich ein Arm um seinen Körper und eine zweite Hand umfasste sein Handgelenk. Ein Bein schob sich zwischen seine Schenkel, raubte ihm das Gleichgewicht und er wurde von den Füßen gerissen.
Unsanft landete er zwischen den Strohballen, Halme kratzten ihn im Nacken und ein weicher, schwerer Körper drückte ihn zu Boden. Heißer Atem wanderte über sein Gesicht und die Seite seines Halses entlang. Die Hand, die eben noch auf seinem Mund gelegen hatte, ließ los, um stattdessen in sein Haar zu fassen. Geschickte Finger lösten den sorgfältig gebundenen Samurai-Knoten und vergruben sich besitzergreifend in der schwarzen Flut. „Beim Wächter des Südhimmels, dieses Haar. Man könnte Gedichte darüber schreiben.“
„Hidetori! Bist du vollkommen verrückt geworden?“, zischte Shigenaga, während sein Atem unter den ungewohnten Berührungen immer heftiger wurde. „Was fällt dir ein, mich so zu erschrecken?“
Der Angesprochene hob den Kopf und zuckte nur mit den Schultern, während er ihn ein wenig nach oben zog, um seinen Obi aufzubinden. „Was hast du denn erwartet? Dass wir Tee trinken und Kirschblüten bewundern?“ Er schob den Kimono auseinander und liebkoste Shigenagas Brust mit den Fingerspitzen.
„Ich… ich meinte…“, stammelte Shigenaga verwirrt und wütend auf sich selbst, weil sein Körper verrückt spielte und er keinen einzigen klaren Gedanken fassen konnte. Wieder einmal verfluchte er sich dafür, dass er sich überhaupt auf dieses Treffen eingelassen hatte. Hidetori würde ihn sicher verspotten, wenn er herausfand, dass er es hier mit einem völlig Unerfahrenen zu tun hatte. Und was, wenn er anderen davon erzählte? Würde es Gerede geben?
„Gut.“ Hidetoris Finger glitten weiter nach unten, begannen die Bänder von Shigenagas Hakama zu lösen. „Du musst wissen, ich hege nur ein sehr geringes Interesse an Kirschblüten.“ Er lehnte sich nach vorne und wisperte ihm ins Ohr: „Chrysanthemen sind nämlich viel reizvoller.“
Seine letzte Bemerkung trieb Shigenaga die Schamröte ins Gesicht. Angespannt blickte er zur Seite. Aus Sorge sich zu blamieren, wagte er es nicht, irgendetwas zu tun, auch wenn alles in ihm danach schrie, Hidetori zu berühren. Er wollte sich an ihm festkrallen, ihn näher zu sich heranziehen, seinen Geruch in sich aufsaugen. Wollte sich durch die Schichten an Baumwolle und Seide wühlen, um endlich nackte Haut unter den Fingern zu spüren.
Ein Feuerschein flammte auf, brannte sich so grell seinen Weg durch die Finsternis, dass Shigenaga im ersten Moment geblendet die Augen schließen musste. Hidetori hatte bereits in seinen Zärtlichkeiten innegehalten und einen Herzschlag später war sein Gewicht auf Shigenagas Körper verschwunden. Er musste mit einem Satz hochgesprungen sein, denn Shigenaga hörte das Rascheln seines Kimonos und das leise Scharren seiner Sandalen auf dem Boden.
Doch offenbar machte er keinen Versuch zu fliehen oder seine Schwerter zu ziehen. Als Shigenagas Sicht wieder klar wurde, stand Hidetori reglos neben ihm, in eine tiefe Verbeugung gesunken. „Moushiwake gozaimasen deshita, Hibana-dono.“
„Und warum sollte ich einem Eindringling verzeihen, der sich wie ein Dieb des Nachts in mein Heim schleicht?“ Mit kalten undurchdringlichen Augen blickte Lord Hibana den Fremden an. Äußerlich mochte Shigenagas Vater gefasst wirken, doch die lodernden Flammen, die in wildem Tanz um seine beiden gezogenen Klingen herumwirbelten, verrieten deutlich seine Wut.
Im vorderen Teil des Stalls wieherte ein junges Pferd, unruhig weil es die Gegenwart des Feuers spürte und noch nicht daran gewöhnt war. Doch Lord Hibana schien es nicht weiter zu kümmern. Er starrte immer noch geradeaus, ohne zu blinzeln oder eine Miene zu verziehen, während der Feuerschein seine Schwerter in der Dunkelheit aufblitzen ließ wie zwei tödliche Schlangen.
Die Macht des Feuers war stark in ihm, stark genug, um alles um ihn herum niederzubrennen, wenn er es wünschte. Doch er beherrschte sie mit eisernem Griff. Kein einziger Funke würde ausbrechen, wenn er es nicht zuließ.
„Weil er weder ein Dieb noch ein Eindringling ist, sondern nur ein Besucher zu einer unpassenden Stunde.“ Hidetori verbeugte sich ein weiteres Mal, bevor er sich aufrichtete. „Mein Name ist Akahane Hidetori, Sohn des Akahane Hideyoshi vom Haus Akahane vom Clan Suzaku. Ihr seht, unsere Familien sind enge Verbündete in den Diensten des Daimyo. Somit würde es mir niemals einfallen, mich Euch in feindlicher Absicht zu nähern, Hibana-dono.“
Wie in aller Welt konnte Hidetori nur so gelassen bleiben? Shigenaga verstand es nicht. Dieser Narr hätte doch fliehen oder sich verstecken müssen, dabei stand er nun hier wie die Ruhe selbst und verriet sogar seinen Namen und seine Herkunft. Und seine Stimme zitterte nicht einmal beim Sprechen. War ihm überhaupt nicht klar, in welcher Gefahr er gerade schwebte?
Lord Hibana schwieg einen Augenblick lang und musterte den unerwarteten Besucher abschätzend. Sein Gesicht war eine kühle Maske, die einzige Regung war das Spiel von Licht und Schatten, welches vom Zucken der Flammen ausging. Shigenaga kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, was dahinter brodelte. Er hatte sich nur noch nicht entschieden, ob er Hidetori sofort töten oder ihn aus Rücksicht auf seinen Rang zum Duell fordern würde.
Was letztendlich auf dasselbe hinauslief. Vater war ein erfahrener Kämpfer, er hatte während seiner Kriegerwallfahrt über sechzig Duelle ausgefochten und war nur ein einziges Mal besiegt worden. Außerdem war er während des großen Krieges im Jahr des Hahns in den Kampf gegen die feindlichen Seiryû-Clans gezogen. Hidetori dagegen war erst vor einem Monat von der Samurai-Schule in Edo zurückgekehrt und hatte seine Kriegerwallfahrt noch überhaupt nicht angetreten.
Hastig raffte Shigenaga seinen Kimono zusammen und versuchte, die verschiedenen Lagen an Kleidung zu ordnen, um zumindest halbwegs präsentabel auszusehen, wenn er hier schon wie angewurzelt herumstand. Es musste doch irgendetwas geben, was er tun konnte, um die Situation zu entschärfen. Aber wenn er jetzt die Aufmerksamkeit seines Vaters auf sich zog, dann ebenso dessen Zorn.
„Akahane Hidetori.“ Lord Hibanas Stimme blieb so kühl wie seine Gesichtszüge, doch die Farbe des Feuers wurde um einige Nuancen heller und die Flammen schlossen sich zu einem Ring zusammen, obwohl die Schwerter selbst einander nicht berührten. „Ihr habt widerrechtlich mein Anwesen betreten und dass ich Euch heute für diese Tat nicht zur Rechenschaft ziehe, verdankt Ihr nur Eurer Jugend und meiner Voraussicht, nicht die Kampfkraft unseres ehrenwerten Lord Daimyo zu schwächen. Ihr könnt Euch jedoch sicher sein, dass Euer Vater von Eurem ungebührlichen Verhalten erfahren wird. Möge er darüber entscheiden, wie Ihr in dieser Angelegenheit zu bestrafen seid.“
„Mein Vater wird jeden Boten von Euch mit dem gebührenden Respekt empfangen.“ Hidetori verbeugte sich. „Ich werde ihm jedoch auch persönlich von meinem Fehltritt berichten, denn ich hege nicht die Absicht, mich der Verantwortung für meine Fehler zu entziehen.“
„Hiranobu, eskortiert Akahane-san aus meinem Anwesen hinaus“, befahl Lord Hibana. „Ich bin mir sicher, den Weg nach Hause wird er allein finden.“
„Hai, Hibana-sama!“ Ein Wachmann öffnete das hintere Tor des Stalls, vor welchen er offenbar in den letzten Minuten gestanden haben musste und nahm den Befehl seines Herrn mit einer militärisch knappen, aber tiefen Verbeugung entgegen. „Bitte folgt mir, Akahane-sama.“
Hidetori ließ sich noch einen Augenblick Zeit, um seine Kleidung zu richten und zog dabei wie zufällig seinen Fächer aus dem Ärmel seines Kimonos. Er öffnete ihn und fuhr behutsam mit zwei Fingern über den Stoff, beinahe wie eine Liebkosung. Dabei warf er über den Rand des Fächers einen kurzen Blick zu Shigenaga hinüber.
„Strapaziert meine Geduld nicht“.
Es war lediglich der Hauch eines gereizten Untertons, der nun Lord Hibanas Stimme umwölkte, doch es genügte. Hidetori steckte den Fächer weg, nahm die Aufforderung des Wächters mit einem Kopfnicken zur Kenntnis und verbeugte sich ein letztes Mal vor Lord Hibana, bevor er Hiranobu in die Dunkelheit folgte. Kurze Zeit später hörte Shigenaga, wie die kleine Pforte im Tor geöffnet wurde.
„Mutiges Bürschchen, dieser Junge.“ Vater blickte dem Besucher noch einige Augenblicke nach. „Manieren hat er auch. Respektvoll, aber nicht unterwürfig, wie es sich für einen echten Bushi gehört.“ Sein Gesicht hatte einen nachdenklichen Ausdruck angenommen. „Mit anderen Worten...“
Er wandte sich Shigenaga zu, der immer noch an seinem Obi herum nestelte, während er sich mit der anderen Hand den auseinander klaffenden Kimono zusammenhielt. „Er ist all das, was du nicht bist.“
„Verzeiht, Chichi-ue.“ Shigenaga erhob sich, nachdem er seine Kleidung notdürftig gerichtet hatte. „Ich werde mir Mühe geben, mich zu bessern.“ Er wagte es nicht, seinen Vater anzusehen, weniger aus Furcht, sondern eher aus Sorge, dessen Zorn noch weiter anzufachen.
„Bleibt nur noch eine Frage zu klären.“ Die Flammen verloschen, eine nach der anderen, als Lord Hibana erst das kürzere Wakizashi, dann das Katana zurück in die Saya in seinem Obi gleiten ließ. „Wie ist er hier hereingekommen?“
„Ich weiß es nicht. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass es ihm tatsächlich gelingt.“ Das einzige Licht kam nun von der geöffneten Stalltür und Shigenaga war dankbar über die Dunkelheit. Ihm war bewusst, dass ihm der Schmerz über die demütigenden Worte seines Vaters noch immer ins Gesicht geschrieben stand und er wollte um jeden Preis verhindern, dass Vater dies sah und noch schlechter von ihm dachte, als er es ohnehin schon tat. „Vielleicht ist er…“
„Einfach durchs Tor spaziert? Oder wie ein Shinobi über die Dächer gehüpft?“ Lord Hibana presste die Worte hervor und dieses Mal machte er sich nicht die Mühe, die Wut in seiner Stimme zu unterdrücken. „Was hast du getan, Shigenaga? Du hast einem Fremden unseren geheimen Zugang gezeigt! Willst du uns unseren Feinden auf einem Silbertablett präsentieren?“
„Bitte, was meint Ihr damit?“ Zitternd trat Shigenaga einen Schritt zurück und wäre beinahe gestolpert, als ihm sein Katana gegen das Knie schlug. Hastig schob er seinen Obi in die richtige Position zurück. „Die Akahane sind doch unsere Verbündeten. Selbst wenn Hidetori den Zugang kennt, würde er sein Wissen niemals gegen uns einsetzen. Das wäre Verrat an unserem Daimyo. Ihr habt doch selbst gesagt, dass er ein ehrenhafter Bushi ist.“
Der Schlag kam so plötzlich, dass Shigenaga ihn erst realisierte, als Lord Hibana seine Hand bereits wieder zurückgezogen hatte. Ungläubig und mit zitternden Lippen fühlte er das Blut an seinem Mundwinkel entlang laufen. „Chichi-ue…“
Doch sein Vater hatte sich bereits abgewandt. „Du hast jedes Recht verwirkt, mich so zu nennen. Ich verschwende meine Zeit weder mit Feiglingen, noch mit Verrätern, und am allerwenigsten mit Narren. Und du hast mir heute Nacht eindrucksvoll bewiesen, dass alle drei Dinge auf dich zutreffen.“
Schweigen. Shigenaga suchte nach Worten, doch er fand sie nicht. Jeder Versuch einer Rechtfertigung, jede Bitte um Verzeihung blieb ihm im Halse stecken.
Der einzige Laut, der die Stille durchbrach, war ein kaum merkliches Schnauben von Feuerwolke. Als könne die Stute ganz genau spüren, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.
„Auch dieses Geschenk steht dir nicht zu.“ Lord Hibana warf einen kurzen Blick in ihre Richtung, bevor er durch die geöffnete Stalltür in die Nacht hinaustrat. „Du wirst mich erst wieder ansprechen, wenn du mir bewiesen hast, dass du es wert bist, den Namen Hibana zu tragen. Wer nicht bereit ist, für diese Familie einzustehen und Opfer für sie zu bringen, hat auch keinen Anspruch darauf, zu ihr zu gehören.“
Er stieß die Stalltür auf und brüllte lauthals nach einem Wachmann: „Yakamura! Du hältst bis zum Tagesanbruch Wache an den Hibiskusbüschen und beim ersten Morgengrauen reitest du zum Schrein und holst den Priester. Sag‘ ihm, er soll zum Hibana-Anwesen kommen und alle Vorbereitungen für einen Schutz treffen.“
Die Stimmen verklangen. Shigenaga stand wie eingefroren und starrte auf die Stelle, wo sein Vater verschwunden war. Nur seine Lippen zitterten noch immer. Ebenso wie seine Hände. Er blickte unverwandt auf sie hinunter, sie waren wie zappelnde kleine Tiere, die nicht zu ihm gehörten.
Wie von selbst setzten sich seine Füße in Bewegung. Sie trugen ihn durch den Stall zurück in Richtung des Haupthauses.
Vor Feuerwolkes Verschlag blieb er stehen. Sie hob neugierig den Kopf.
Seine Hände zitterten noch immer. Er verdiente kein Geschenk. Er war ein Versager, und er hatte seine Familie verraten, als er Hidetori von dem Zugang erzählt hatte. Und gelogen hatte er außerdem. Er verdiente nichts.
Als er auf die Stute zutrat, waren ihre Ohren immer noch nach vorne gerichtet und sie blickte ihm neugierig entgegen.
Selbst als er sein Katana zog, zeigte sie keine Angst.
Erst als die ersten Flammen um seine Klinge züngelten, brach sie in ein dünnes Wiehern aus.
Shigeru schlug die Augen auf und blickte zur Decke hoch. Im ersten Moment hätte er nicht sagen können, was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Alles schien wie immer, dennoch verspürte er wieder dieses nagende Gefühl im Bauch, das ihm keine Ruhe ließ. Irgendetwas war nicht in Ordnung.
Ein Geräusch konnte nicht die Ursache für sein plötzliches Erwachen gewesen sein. Hier im Hauptgebäude des Anwesens herrschte nahezu Stille. Es war spät, vermutlich die Stunde der Ratte, vielleicht aber auch schon die des Stiers. Niemand außer ihm schien wach zu sein. Im Zimmer waren lediglich die Atemzüge seines Bruders Yori zu hören, der auf dem Futon neben ihm schlief.
Auch die Atemgeräusche, die er hinter den Papierwänden vernehmen konnte, waren ruhig und gleichmäßig. Sein Vater schnarchte leicht. Chogi, seine Gefährtin, schien tief und fest zu schlafen, ebenso wie die beiden Bediensteten im Vorzimmer. Kotori und ihre Zofe …
Er biss sich auf die Lippe. Etwas war falsch, da war ein Atemgeräusch zu wenig. Das der Zofe hörte er deutlich, Kotoris jedoch nicht.
Sie war nicht in ihrem Zimmer.
Es war das Fehlen eines Geräuschs gewesen, das ihn geweckt hatte.
Leise, um Yori nicht zu erschrecken, erhob sich Shigeru von seinem Futon, ordnete den leichten Schlafkimono, den er trug und schlich nach draußen. Seine Tabi waren nahezu geräuschlos auf den Tatami-Matten. Die Bediensteten erwachten nicht, als er vorsichtig die Tür zur Hälfte aufschob, um hindurch zu schlüpfen, und sie regten sich auch nicht, als er mit behutsamen Schritten das Vorzimmer durchquerte. Der einen Diele im Gang, welche immer knarzte, war er gekonnt ausgewichen.
Er hatte richtig vermutet. Draußen auf dem hölzernen Steg, der das Hauptgebäude umgab, saß Kotori mit der Reglosigkeit einer Statue und blickte in den Garten hinaus. Ihr Rücken war kerzengerade, nur der Kopf leicht gesenkt, die Hände ordentlich im Schoß übereinandergelegt. Alles in allem zeigte sie eine perfekte Seiza-Haltung, so als säße sie nicht nachts alleine auf einer Veranda, sondern mitten unter Erwachsenen, denen sie ihre Wohlerzogenheit demonstrieren wollte. Man musste sie schon sehr gut kennen, um zu wissen, dass etwas nicht in Ordnung war.Shigeru kannte sie gut und er wusste es. Noch bevor er die Möglichkeit hatte, in ihr Gesicht zu blicken und die Angst in ihren Augen zu sehen.
Sie hatte wieder geträumt.
„Störe ich?“ Seine Worte waren nicht mehr als ein Flüstern, beinahe unhörbar, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Papierwände waren dünn und nicht gut darin, Worte zu bewahren.
Auf ihr leises Kopfschütteln hin entspannte er sich ein wenig und ließ sich neben ihr auf die Fersen sinken. Sollte er sie nach ihrem Traum fragen? Oder lieber abwarten, bis sie von sich aus zu erzählen begann?
Shigeru entschied sich fürs Schweigen. Es wäre unhöflich gewesen, sie jetzt mit Fragen zu löchern. Ihr war sicher bewusst, dass er sich um sie sorgte, also würde sie mit ihm sprechen, wenn sie soweit war.
Dass sie es jetzt nicht tat, bedeutete, dass sie noch Zeit brauchte.
In den nächsten Minuten saßen sie nebeneinander und blickten schweigend in den Garten hinaus, der in den späten Monaten des Frühlings in vollem Grün stand. Die Zeit der Kirschblüte war vorüber, doch die blühenden Holunderbüsche verbreiteten ihren schweren süßlichen Duft. Tagsüber war es ein wunderschöner Ort, doch jetzt bei Nacht schien alles nur Grau in Grau und die gezackten Felsformationen warfen lange Schatten über den Teich.
Da die Steinlaternen bereits verloschen waren, kam das einzige Licht von der Sichel des Wächters über ihnen. Sie war noch so fein wie die Schneide eines Katanas, denn die Nacht des schwindenden Schleiers war gerade erst vorüber.
Aus dem Augenwinkel heraus riskierte er einen Blick zu Kotori. Es war seltsam, sich vorzustellen, dass sie schon in wenigen Monaten heiraten würden, wo sie doch fast wie Geschwister zusammen aufgewachsen waren. Aber er verbot sich diesen Gedanken sofort. Er konnte sich glücklich schätzen und musste dankbar für diese Verbindung sein. Die meisten Samurai lernten ihre zukünftigen Gatten oder Gattinnen erst bei der Verlobung oder sogar erst bei der Hochzeit kennen.
Er dagegen würde ein Mädchen heiraten, das er schon fast sein ganzes Leben lang kannte. Das war ein Geschenk.
Wie lange eigentlich genau? Zehn Jahre mussten es bestimmt sein, vielleicht sogar noch mehr. Sie war während des Sommers hergekommen, als er das schlimme Fieber gehabt hatte. Ja, jetzt erinnerte er sich. So benommen war er vom Fieber gewesen, dass er sich nicht sicher war, ob dieses fremde Mädchen real war oder nur in seiner Einbildung existierte.
Damals hatte er noch nicht viel mit ihr anfangen können, dem ängstlichen kleinen Wesen, das so viel geweint hatte und sich am liebsten irgendwo verkroch. Damals hatte sie nahezu jede Nacht geträumt, aber er hatte noch nicht verstanden, warum, und sie hatte nicht darüber sprechen wollen. Sie hatte niemandem vertraut.
„Es ist jetzt zwölf Jahre her.“
Sie hatte so leise gesprochen, dass er einige Herzschläge gebraucht hatte, um zu begreifen, dass dies nicht seine Gedanken, sondern tatsächlich ihre Worte gewesen waren. Doch er erinnerte sich, es war das Jahr des Pferdes gewesen, als Kotori zu ihnen gekommen war.
Und erst vor wenigen Monaten hatte das Jahr des Pferdes erneut begonnen. Ein ganzer Sternenkreis war vergangen. Kein Wunder, dass ihre Träume zurückkehrten.
„Ich war wieder in unserer Burg“, begann sie. Sie hielt den Kopf noch weiter gesenkt, so dass ihr das lange schwarze Haar ins Gesicht fiel, es teilweise verbarg. „Schon seltsam. Wenn ich wach bin, dann erinnere ich mich an so vieles nicht mehr. Ich könnte beispielsweise gar nicht mehr sagen, ob sich mein Schlafzimmer auf der rechten oder der linken Seite befand oder welches Bild der Wandbehang in unserem Empfangsraum gezeigt hat. Aber im Traum ist alles so klar. So, als wäre ich nie weg gewesen.“
„Was ist passiert?“, fragte Shigeru. Er senkte die Stimme, denn er wollte ihr nicht das Gefühl geben, dass er aus Neugierde oder Sensationslust fragte. „Du kannst es mir erzählen, wenn du möchtest, aber fühl dich nicht gezwungen.“
„Den Feuervogel.“ Sie schien seine Frage nicht gehört zu haben. „Der Wandbehang in unserem Empfangsraum. Er zeigte den Feuervogel. Ich weiß nicht, warum ich mich ausgerechnet jetzt daran erinnere.“
„Den Wächter des südlichen Himmels?“ Shigeru blickte sie fragend an. „Ich möchte deine Worte nicht in Zweifel ziehen, aber der Wandbehang in unserem Eingangsbereich zeigt doch auch diesen Vogel. Wir kommen jeden Tag daran vorbei, wenn wir das Haus betreten oder verlassen.“
Er hoffte inständig, dass sie seine nächsten Worte nicht missverstand und sich dadurch nicht ernst genommen fühlte. „Kann es vielleicht sein, dass sich die Bilder in deinen Gedanken irgendwie überlagert haben?“
„Ich bin mir sicher.“ Als sie sich ihm zuwandte, schienen Trauer und Lethargie ihren Geist verlassen zu haben, denn ihre Haltung hatte sich gestrafft und ihr Blick wirkte entschlossen. „Der Wandbehang in unserer Burg zeigt genau denselben Vogel wie hier im Haus, nur in einer etwas anderen Pose. Hier blickt er zur Seite und hält den Kopf leicht gesenkt.“ Sie strich hastig den Ärmel ihres Kimonos zurück und hob ihren Arm, um es ihm zu demonstrieren. „Der Vogel in unserem Empfangsraum blickt direkt nach vorn und hat einen langgestreckten Hals. Hatte…“, verbesserte sie sich und schien gegen den Schmerz anzukämpfen, der sich offenbar zurück in ihr Bewusstsein gedrängt hatte. Shigeru konnte nur erahnen, wie sie sich gerade fühlen musste.
Doch wie es schien, hatte Kotori den Kampf gewonnen, denn ihre Stimme hatte nichts von ihrer Entschlossenheit eingebüßt. „In meinem Traum war ich aber zuerst in dem Zimmer, in dem meine Brüder und ich als Kinder geschlafen haben und bin dann erst in den Empfangsraum gegangen. Doch ich weiß nicht mehr, warum ich das getan habe. Vielleicht konnte ich nicht schlafen oder irgendwas hat mich beunruhigt. Ich hatte ein ganz seltsames Gefühl…“
Sie brach ab, als hinter ihnen ein leises Scharren zu hören war. Eine der Schiebetüren zum Haus glitt auf und gab den Blick auf eine große dunkle Gestalt frei, die im Eingang stand.
Shigeru erkannte seinen Vater bereits an der Silhouette, noch bevor er zu sprechen ansetzte. „Toriko“, begann er, „in unserem Haus wurde immer sehr viel Verständnis für deine Situation gezeigt. Haben wir nicht alles getan, damit du dich bei uns wohlfühlst?“
Kotori senkte den Blick. “Natürlich, Hibana-dono.“
„Kind.“ Vater trat einen Schritt näher, so dass seine Gestalt wie ein drohender Schatten vor ihnen aufragte. Shigeru und Kotori wandten sich ihm zu, um sich angemessen zu verneigen. „Wenn wir unter uns sind, habe ich dir doch gestattet, mich mit ‚Vater‘ anzusprechen.“
„Es tut mir leid, Chichi-ue-san. Ich wollte nicht undankbar erscheinen.“
„Gewiss nicht. Doch ich hoffe, du verstehst, dass es diese Familie traurig stimmt, wenn du immer wieder von der Vergangenheit anfängst. Wir haben dich bei uns aufgenommen und dir ein Zuhause gegeben. Eine Erziehung, wie es deinem Stand entspricht. Du sitzt an unserem Tisch, isst von unseren Speisen, trägst unsere Kleidung und noch bevor das Jahr vergangen ist, wirst du die Braut meines ältesten Sohnes sein.“
Er verschränkte die Hände und wandte sich ihr zu. „Ist dies alles etwa nicht genug für dich? Was kannst du dir mehr wünschen?“
„Diese Ehre verdiene ich nicht“, entgegnete Kotori. Ihre Stimme war wieder zu einem Flüstern geworden.
Undankbarkeit? Wieso Undankbarkeit? Shigeru konnte sich Vaters Reaktion nicht erklären. Vielleicht hatte er die Situation missverstanden, auch wenn es sicher nicht angemessen gewesen wäre, ihn darauf hinzuweisen. Dass Kotori sich mit der Vergangenheit beschäftigte, war gewiss keine Zurückweisung seiner Familie gegenüber oder etwa doch? Träume kamen und gingen ungebeten, sie waren keine bewussten Entscheidungen.
„Verzeiht, Chichi-ue, die Schuld liegt bei mir, nicht bei ihr.“ Er erhob sich aus seiner sitzenden Haltung. „Ich war derjenige, der Toriko nach ihrem Traum gefragt hat. Sie hätte gar nicht darüber gesprochen, wenn ich sie nicht gedrängt hätte.“
Vater antwortete nicht sofort, sondern blickte ihn nachdenklich an, doch sein Gesicht verriet nichts über seine Gedanken. Auch Kotori hatte sich mittlerweile erhoben.
„Geh schlafen, Toriko-chan. Shigeru, hol deine Sandalen, wir machen noch einen Spaziergang.“
„Hai, Chichi-ue-san.“ Zwar hielt Kotori die Lider gesenkt, aber Shigeru war sich sicher, dass sie darunter noch einen Blick in seine Richtung geworfen hatte, bevor sie sich abwandte, um ins Haus zu gehen.
Was dieser Blick zu bedeuten hatte, vermochte er allerdings nicht zu sagen.
Kotori benötigte kein Licht, um die nächstliegende Schiebetür zu öffnen, die ewig knarzende Diele im Gang zielsicher zu umgehen und in ihr Zimmer zurückzukehren. Im Gegenteil, sie war erleichtert über die Dunkelheit, die sie umfing, denn diese verbarg die Schamröte in ihrem Gesicht.
War sie wirklich undankbar gewesen? Hatte sie Lord Hibanas Großzügigkeit geschmäht, indem sie über die Ereignisse von damals gesprochen hatte? Indem sie zuließ, dass die Grübeleien über die Vergangenheit sie von ihrer Zukunft ablenkten? Machte sie das zu einer schlechten Tochter?
Ein Bild stieg vor ihrem dritten Auge auf, eine kurze Momentaufnahme, die zwischen zwei Gedanken hervorblitzte. Statt in einem dunklen Gang zwischen Papierwänden, stand sie in einem sonnendurchfluteten Hof. Falsch, sie stand nicht, sie rannte. Rannte ihren großen Brüdern hinterher, obwohl die eigenen tapsigen Beinchen sie kaum zu tragen vermochten. Spielte irgendein Spiel, dessen Worte sie nicht verstand.
Sie hörte die Stimmen ihrer Brüder, hörte ihr eigenes glucksendes Lachen, frei und unbeschwert, aber da war der Moment auch schon vorüber. Wie eine Kerze, die im Wind erlosch.
Und sie stand wieder im Dunkeln.
Diese Zeit war vergangen. Sie kehrte nicht zurück.
Lord Hibana hatte Recht. Sie hatte ihre Gefühle nicht unter Kontrolle gehabt und das ziemte sich nicht für eine Samurai. Sie sollte ihren Schmerz nicht so offen zur Schau tragen.
Sie sollte sich besser beherrschen können.
Zitternd umklammerte sie eine Hand mit der anderen, so fest, dass sich ihre Fingernägel in die Haut gruben. Warum mussten die Träume ausgerechnet jetzt zurückkehren? Sie waren doch immer seltener geworden und in den letzten Jahren sogar ganz verschwunden. Insgeheim hatte sie schon darauf gehofft, dass sie in Zukunft davon verschont bliebe.
Doch vor wenigen Wochen erst waren sie mit ihrer ganzen bedrohlichen Kraft zurückgekehrt. Und sie durfte nicht zulassen, dass sie ihr alles ruinierten.
Alpträume und düstere Gedanken brachten ihr ihre Familie nicht zurück. Sie würden nur dafür sorgen, dass sie sich ihrer Tochter und Schwester schämen mussten.
„Toriko-sama.“ Miwa, ihre Zofe, lag nicht schlafend auf ihrem Futon, sondern kniete neben der Schiebetür, als Kotori das Zimmer betrat. Vermutlich war sie von der Unterhaltung draußen wach geworden. Vielleicht hatte sie auch zugehört.
„Es ist alles gut, Miwa.“ Kotori war selbst überrascht, wie ruhig ihre Stimme klang. Sie sprach nicht übermäßig laut, doch sie ging davon aus, dass ihre Worte von draußen zu hören waren. „Wir werden jetzt schlafen, denn morgen haben wir einen langen Tag vor uns. Ich werde Lord Hibana bitten, dass wir ins Dorf auf den Markt gehen dürfen.“
Sie wandte sich zu Miwa um, welche die Tür hinter ihr schloss. „Wie du weißt, heirate ich bald und es gibt noch vieles vorzubereiten.“
„Eine ausgezeichnete Idee.“
Vater war stehen geblieben und betrachtete einen besonders schön gezackten Stein am Rande des Teichs. „Ich werde ihr morgen früh die Erlaubnis geben, den Markt zu besuchen. Wenn sie ihre Aufmerksamkeit den wichtigen Dingen widmet, wird das diese sinnlosen Grübeleien sicher bald vertreiben.“
Shigeru nickte. Vielleicht war Ablenkung genau das, was Kotori jetzt brauchte, und die Hochzeitsvorbereitungen würden sie auf andere Gedanken bringen. Ganz dunkel konnte er sich an die Hochzeit seines Vaters mit der Dame Ito erinnern, damals hatte es Musik und süße Reiskuchen gegeben. Das war sogar noch vor Kotoris Ankunft gewesen. Die Zeit danach aber hatte er als nicht besonders angenehm in Erinnerung. Die Dame Ito war ihm gegenüber sehr streng gewesen. Auch wenn er wusste, dass dies ihrer Aufgabe als Hausherrin entsprach, so hatte es doch manchmal den Anschein gehabt, als hege sie eine persönliche Abneigung gegen ihn, die er sich nicht erklären konnte.
Doch er ermahnte sich, dass es Unglück brachte, den Toten schlechte Gedanken zu widmen. Es konnte sie erzürnen und das Letzte, was er so kurz vor seiner Hochzeit brauchte, war eine wütende Stiefmutter. Besonders dann nicht, wenn sie ein Geist war.
„Uns stehen große Veränderungen bevor, mein Sohn.“ Lord Hibana wandte sich Shigeru zu und musterte ihn abschätzend, als sei er sich nicht sicher, ob Shigeru den Aufgaben gewachsen sein würde, die seiner harrten. „Zum Ende dieses Mondes werden wir sehr hohen Besuch bekommen und dann werden sich die Dinge entscheiden.“ „Hai, Chichi-ue.“ Innerlich brannte er darauf, mehr zu erfahren, doch Ungeduld würde seinem Vater kein einziges Wort entlocken, sondern ihn nur an seiner Disziplin und seinem guten Benehmen zweifeln lassen. Und Vater sollte nicht an ihm zweifeln. Er würde dem Namen der Familie Hibana Ehre machen.
„Der Herr des Feuers wird uns zum nächsten Neumond höchstpersönlich die Ehre seines Besuchs erweisen.“
Shigeru konnte einen leisen Ausruf der Überraschung nun doch nicht unterdrücken. „Der Oberste Daimyo kommt hierher? Ist es wegen der Hochzeit?“
„Sei nicht anmaßend, Shigeru.“ Vater stieß hörbar die Luft aus. „Der Daimyo hat Besseres zu tun, als sich um die Hochzeiten seiner Diener zu kümmern. Er befindet sich auf einer wichtigen Reise zum kaiserlichen Hof und wird nur ein paar Tage in unserem bescheidenen Heim verbringen, um sich auszuruhen und vorzubereiten. Er wird von Ihrer Majestät, der Tochter des Mondes, persönlich erwartet und möchte Kyoto erreichen, bevor die Regenzeit einsetzt.“ Der Anflug eines Lächelns erwachte an seinem Mundwinkel. „Allerdings wird mir dies die Gelegenheit geben, mit ihm persönlich über Torikos Situation zu sprechen. Wie ich dir bereits mitgeteilt hatte, hat der Daimyo Nachforschungen bezüglich Torikos Familie angeordnet, allerdings ohne Erfolg. Der letzte angebliche Verwandte hat sich wie erwartet als Hochstapler erwiesen. Die Akahane existieren nicht mehr, jedenfalls nicht in der männlichen Linie. Toriko ist die letzte.“
Diese Worte versetzten Shigeru einen Stich. Es war eine entsetzliche Vorstellung, keine Familie mehr zu haben, keinen Ort, zu dem man gehörte. Wie ein Koi ohne Wasser oder ein gebrochener Zweig ohne Baum und Wurzel.
Ein unerwartetes Bild drängte sich in seinen Geist, eine kleine Hand, die einen solchen Zweig in eine Vase mit Wasser stellte. Er brauchte einen Moment lang, um die Erinnerung einzuordnen. Doch dann fiel ihm der Ikebana-Unterricht wieder ein, den Kotori als Kind erhalten hatte. Da sie Jungen waren, hatten sein Bruder und er nicht daran teilgenommen.
War es geglückt? Hatte der gebrochene Zweig neue Wurzeln geschlagen?
„Diese Situation gestattet es dem Daimyo, das Gebiet der Akahane neu zu vergeben“, setzte Lord Hibana seine Ausführungen fort. „Die Burg selbst ist ziemlich zerstört und wurde seit damals nicht wieder vollständig aufgebaut, doch die Ländereien werden weiterhin bewirtschaftet und werfen jährliche Erträge von mindestens siebenhundert Koku Reis ab.“
„Verzeiht, Chichi-ue, aber würden diese Erträge nicht eigentlich Toriko zustehen?“
Vater runzelte die Stirn. „Sei nicht albern, Shigeru. Toriko ist nur ein junges Mädchen. Die Erträge stehen natürlich dem Daimyo zu, bis er eine Entscheidung getroffen hat, was mit den Ländereien geschehen und wer sie künftig verwalten soll.“
Lord Hibana schritt an ihm vorbei und trat auf einen der hölzernen Stege, die auf den Teich hinaus führten. Von dort aus hatte man sogar im Dunkeln einen guten Blick auf das geschwungene Tor zum Teehaus gegenüber. Das Haus selbst lag jedoch hinter weiteren Büschen verborgen, denn der Pfad zu einem Teehaus war nie gerade. Er war ebenso verschlungen wie die Pfade des Lebens.
„Es gibt allerdings auch kein Gesetz, das es Frauen verbietet zu erben.“ Vaters Gesicht lag im Schatten, aber Shigeru war sich sicher, dass er lächelte. „Sollte der Daimyo also sein Einverständnis dazu geben, könnte Toriko ihr Erbe antreten.“
Die darauffolgende Stille wurde nur durch das Gluckern eines Koi gestört, der die Wasseroberfläche durchbrach.
Shigeru faltete die Hände in den Ärmeln seines Kimonos. Seine Finger spielten mit dem Perlenarmband an seinem Handgelenk. Plötzlich ergab so vieles einen Sinn. Vater wollte also den Daimyo davon überzeugen, Kotori die Ländereien ihrer Familie zurückzugeben, und er schien zuversichtlich, dass es ihm gelingen würde.
Mit der Unterstützung und dem Schutz der Familie Hibana an ihrer Seite musste sich Kotori in einer guten Verhandlungsposition befinden. Und vermutlich wurde diese Position durch die Ehe mit ihm, Shigeru, zusätzlich gestärkt.
Dann war es vielleicht doch kein Zufall, dass der Daimyo seinen Besuch ausgerechnet jetzt ankündigte, nachdem die Hochzeit offiziell war. Gut möglich, dass es alles zusammenhing. Und Vater hatte mit seinem taktischen Weitblick sowohl für seinen Sohn als auch für seine Schwiegertochter eine sichere Zukunft vorausgeplant. Alles hing nur noch von der Zustimmung des Daimyo ab.
„Dir ist hoffentlich bewusst, wie entscheidend euer Betragen in dieser Angelegenheit ist“, mahnte Lord Hibana. „Dies betrifft sowohl dich als auch Toriko. Wenn sie einen schlechten Eindruck macht, wenn sie dem Daimyo als das weinende verstörte Mädchen von heute Abend entgegentritt, wird der Herr des Feuers sich mit Sicherheit dagegen entscheiden, ihr das Erbe anzuvertrauen. Er hat genug fähige und loyale Bushi, die sich über eine solche Belohnung freuen würden.“
Shigeru nickte und nahm sich vor, noch einmal mit Kotori zu sprechen. Sie würde verstehen, wie wichtig die Sache war, und würde sich zusammenreißen. Kotori war ein kluges Mädchen mit viel Selbstbeherrschung.
„Würden die Erträge aus den Ländereien ausreichen, um die Burg wieder aufzubauen?“, fragte Shigeru. Siebenhundert Koku klangen nach einem gewaltigen Einkommen, aber solche Mengen waren jenseits seiner Vorstellungskraft. Alles, was mit Geld und wirtschaftlichen Tätigkeiten zu tun hatte, gehörte in den Aufgabenbereich der Frauen. Es würde in Kotoris Verantwortung liegen, das Vermögen zu verwalten.
Lord Hibana quittierte die Frage mit einem Kopfnicken. „Nicht nur das.“ Er wandte sich vom Wasser ab und blickte Shigeru an. „Sobald die Burg wieder instandgesetzt wurde, wird sie euer neues Heim. Du wirst dort mit Toriko leben und die Ländereien verwalten.“
Im ersten Moment war Shigeru zu geschockt, um darauf eine Antwort zu geben. Er, ein Burgherr? Und damit vielleicht sogar ein künftiger Daimyo?
Schon für eine Hochzeit war er ziemlich jung. Von jungen Männern wurde erwartet, dass sie sich in der Kampfkunst übten, in der kaiserlichen Armee oder der Wache eines Daimyo dienten, oder auf Kriegerwallfahrten gingen, um sich mit anderen Bushi zu messen. Die wenigsten von ihnen gründeten ihren eigenen Hausstand, bevor sie ihr zweites Lebensjahrzehnt vollendet hatten, manche sogar erst später. Und nun sollte er mit gerade einmal sechzehn Jahren eine Burg übernehmen?
„Ich bin dieser Ehre nicht würdig“, brachte er schließlich heraus, erleichtert, dass es ihm wenigstens ansatzweise gelungen war, die Form zu wahren. Vater sollte keinesfalls sehen, dass in ihm die blanke Panik hochstieg. Schon eine Weile hatte Shigeru geahnt, dass seine Kindheit kurz vor ihrem Erlöschen stand, aber mit einer solchen Aufgabe hatte er nicht gerechnet.
„Du bist noch unerfahren“, stimmte Lord Hibana zu und entfaltete seinen Fächer, „aber ich werde dir einen kompetenten Verwalter mitgeben, der dich unterstützen und an deine Aufgaben heranführen wird. Ich bin überzeugt davon, dass du dich würdig erweisen und unserer Familie Ehre machen wirst.“
Shigeru wandte sich zur Seite und hoffte, dass der Schatten die Röte in seinem Gesicht verbergen würde. Er konnte sich nicht erinnern, wann Vater ihm zuletzt ein solches Vertrauen ausgesprochen hatte. Mit Komplimenten war Vater sparsam, wie es sich für einen guten Vater und Hausherrn geziemte. „Wenn Ihr es wünscht, dann soll es so geschehen, Chichi-ue. Auch wenn es mir nicht angemessen erscheint, dass ich als Sohn ein größeres Anwesen erhalten sollte als mein Vater.“
„Es ist durchaus angemessen.“ Vater steckte seinen Fächer weg, wandte den Blick von Shigeru ab und wieder dem Wasser zu. „Wir sind Samurai. Nichts von dem, was wir tun, tun wir für uns selbst. Alle unsere Taten geschehen zur Ehre unseres Herrn und unserer Familie.“
Shigeru nickte langsam und spürte wie die Bewunderung sein Herz erfüllte. Nur wenige Menschen hatten die Tugenden des Bushidô so sehr verinnerlicht wie sein Vater. Er mochte streng sein, er mochte manchmal sogar kalt und fast gleichgültig wirken, aber die Disziplin, die er von anderen verlangte, brachte er auch stets bei sich selbst auf. Kotori würde es verstehen. Sie würde die Vergangenheit ruhen lassen und sich auf die Zukunft besinnen.
Hoffentlich. Er dachte an die Angst und den Schmerz in ihren Augen, als sie von ihrem Traum gesprochen hatte. Und an all die ungeklärten Geheimnisse.
„Chichi-ue?“, gestattete er sich eine letzte Frage. „Der Wandbehang in unserem Eingangsbereich, der den Feuervogel zeigt. Ist er nicht auch ein Geschenk des Daimyo?“
„Das ist richtig, mein Sohn. Dieser Wandbehang ist Teil einer ganzen Serie von Bildern. Sie zeigen wie sich der südliche Wächter zum Abflug bereit macht. Auf dem ersten Bild liegt der Feuervogel noch in tiefem Schlaf, auf dem letzten hat er sich bereits in die Luft erhoben. Als der Herr des Feuers damals den Sitz seines Vaters übernahm, lud er die Vertreter der ältesten Familien ein, die aus dem Clan Suzaku hervorgegangen sind. Und den zwölf treuesten unter ihnen schenkte er jeweils einen der Wandbehänge. Den dreizehnten und letzten behielt er selbst.“
Kotori hatte also Recht behalten. Sowohl mit dem Feuervogel selbst als auch mit den verschiedenen Posen, die er zeigte.
Ihr Geist mochte vom Traum verwirrt gewesen sein. Aber ihre Erinnerung hatte sie nicht getrogen.
Mit einem raschen Schritt zur Seite wich Shigeru der heranzischenden Klinge aus und nutzte den Schwung der Bewegung, um seinerseits anzugreifen. Seine Attacke kam jedoch zu hoch. Yori sank tiefer in die Knie, so dass das Shinai über seinen Kopf hinweg sauste und brachte sein eigenes Schwert wieder in Angriffsposition. Er stach zu, doch Shigeru wehrte rechtzeitig ab. Bambus prallte auf Bambus. Beide Jungen traten einen Schritt zurück, um die Pattsituation aufzulösen.
Yori war schneller. Dem nächsten Angriff konnte Shigeru nicht ausweichen und das Shinai erwischte seinen Schwertarm.
Die Wucht des Treffers wühlte sein Ki auf und jagte ein Zittern durch seine Muskeln. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihm, sein Gleichgewicht auf dem schmalen Steg zu halten, und so ersparte er sich den peinlichen Plumps ins Wasser.
„Ich bin besser geworden, Ani-ue.“ Ein Grinsen überzog Yoris Gesicht, während er sich verbeugte. Die Runde war beendet, denn bei einem Kampf mit einem echten Katana hätte dieser Treffer mit ziemlicher Sicherheit das Ende dieses Kampfes bedeutet.
„Du irrst dich.“ Shigeru runzelte die Stirn, als er die Verbeugung erwiderte. Yori redete Unsinn. Ein paar Zufallstreffer bedeuteten längst nicht, dass man sein Können tatsächlich verbessert hatte. Zudem war es gefährlich, die eigenen Fähigkeiten im Kampf zu überschätzen. „Außerdem hast du immer noch eine völlig falsche Haltung und du verkrampfst den Arm viel zu sehr.“ Shigeru fasste nach Yoris Handgelenk, um den Griff zu korrigieren, doch dieser wich ihm trotzig aus. „Du bist nicht mein Lehrer.“
„Richtig, aber wäre er hier, so würde er dasselbe sagen.“ Shigeru atmete tief durch, um sich zu beruhigen und sein Ki wieder zu sammeln. Yoris starrköpfige Haltung zeigte deutlich, dass sein Bruder noch ein Kind war und seine Gefühle nicht unter Kontrolle hatte.
Vielleicht war es voreilig gewesen, ihn so harsch zu kritisieren. Aber auch ein Kind konnte in eine gefährliche Situation geraten und die meisten Gegner würden sich nicht von der Prahlerei eines Dreizehnjährigen beeindrucken lassen.
War Kotoris ältester Bruder nicht in Yoris Alter gewesen als er starb? Sie hatte doch früher von ihren Brüdern gesprochen.
Brüder, die jetzt nicht mehr am Leben waren…
Allein die Vorstellung, dass jemand seinen kleinen Bruder verletzen könne, versetzte Shigeru einen scharfen Stich und er fühlte eine gleißende Wut in sich aufsteigen. Yori war so unbedarft. Er sollte das Training nicht so auf die leichte Schulter nehmen. Stattdessen sollte er pflichtbewusster werden und sich mehr Mühe geben.
Sie standen sich auf einem der schmalen Stege gegenüber, die auf den Teich hinaus führten. Zwar besaß das Anwesen ein Dojo, doch das Kampftraining mit der Waffe wurde fast immer auf dem Wasser ausgeführt, in sicherem Abstand zu den Gebäuden. Das war die erste Lektion gewesen, die Shigeru als Kind gelernt hatte. Du ziehst nie eine Klinge in einem Gebäude. Ein einziger unkontrollierter Funke reicht aus, um alles niederzubrennen.
Diese Gefahr bestand bei einem Shinai natürlich nicht, es war ja nur aus Bambus.
„Na schön, wenn ich nicht besser geworden bin, dann bist du eingerostet.“ Blitzschnell deutete Yori einen Angriff von links an. Er hechtete an Shigeru vorbei, um gleichzeitig nach seinem Bein zu schlagen. Shigeru stolperte und wäre mit dem nächsten Angriff wohl zu Boden gegangen, hätte Yori in diesem Augenblick nachgesetzt. Doch dieser blieb wie angewurzelt stehen und verharrte mitten in der Bewegung.
Kotori schritt den Hauptweg entlang auf das Tor zu, in Begleitung ihrer Zofe, des Schwertmeisters und einiger weiterer Wachmänner. Sie führte die kleine Prozession an. In ihrem eleganten lindgrünen Kimono mit den weiten fließenden Ärmeln sah sie wie eine richtige Dame aus und sie bewegte sich auch so. Trotz der hohen Geta an ihren Füßen setzte sie ihre Schritte mit völliger Sicherheit, als sei sie nichts anderes gewohnt. Dabei trug sie normalerweise dieselben einfachen Holzsandalen wie alle anderen in der Familie.
Auch ihr kunstvoll aufgestecktes Haar und ihr sorgfältig zurechtgemachtes Gesicht wirkten so fremdartig, als habe sie sich plötzlich über Nacht in eine komplett andere Person verwandelt. Shigeru wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Einerseits war er sehr erleichtert darüber, dass sie nicht mehr so niedergeschlagen wirkte, und ihre gestrige Traurigkeit überwunden schien. Andererseits glich diese neue Kotori kaum dem Mädchen, das er seit seiner Kindheit kannte.
Aber worum machte er sich Sorgen? Es war doch ein gutes Zeichen, dass sie sich darum bemühte, ihrer künftigen Rolle als Ehefrau und Burgherrin gerecht zu werden.
Yori dagegen starrte sie immer noch an, als sei sie eine göttliche Erscheinung. Als Kotori seinen Blick bemerkte und ihm höflich aus der Ferne zunickte, sank er in eine tiefe Verbeugung ohne die Augen von ihr abzuwenden. Selbst als die Wachen das Tor geöffnet hatten, und sie aus seinem Blickfeld verschwunden war, verharrte sein Blick immer noch auf der Stelle, an der sie zuletzt gestanden hatte.
„Was ist?“, fragte Shigeru, der langsam ungeduldig wurde. „Wollen wir weiter trainieren oder willst du den ganzen Tag hier herumstehen und gaffen? Mach wenigstens den Mund zu, das sieht albern aus.“
„Und du bist unhöflich.“ Yori riss sich von dem Anblick los und hob sein Schwert. „Ich weiß echt nicht, warum Ane-ue jemanden wie dich heiraten...“
Jemanden wie mich? Shigeru wartete das Ende des Satzes gar nicht erst ab, er schnellte nach vorne und zielte auf Yoris ungeschützte linke Seite. Wut brannte in seinem Inneren, brachte das Ki zum Lodern. Sollte der Kleine ruhig glauben, dass er ihn mit Beleidigungen aus dem Konzept bringen konnte, aber im Kampf würde ihm das nicht weiterhelfen. Nur ein Anfänger fiel auf solch simple Kriegstaktiken herein.
Hart schlug das Shinai gegen Yoris Schulter. „Was soll das?“, schrie er empört und schlug seinerseits nach Shigeru, der den Angriff mühelos abwehrte und Yori mit Kirikaeshi weiter zurücktrieb. „Du hast doch genau gesehen, dass ich nicht bereit war!“
