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Annie J. Wild

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Beschreibung

Hat sich nicht schon jeder einmal gewünscht, gewisse Entscheidungen in seinem Leben noch einmal zu treffen, um damit dem Lauf der Dinge eine andere Wendung geben zu können? Julie sah keinen anderen Ausweg mehr, als mit allem abzuschließen. Doch anstatt dass ihr Leben endet, erwacht sie in der Vergangenheit. Kann sie ihre Zukunft tatsächlich ändern oder ist alles nur ein Traum?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Kaffee mit Küsschen

 

Von Annie J. Wild

 

 

 

Impressum

 

1. Auflage,

© Annie J. Wild – alle Rechte vorbehalten.

Jasmin Wildau

Mittelstr. 16

30974 Wennigsen

 

 

Danke mein Schatz für Deine Unterstützung. Auch diesen Roman hätte ich ohne Dich nicht fertiggestellt.

Ebenfalls ein großes Dankeschön an alle Anderen, die mir mit Rat und Kritik zur Seite standen.

- 1 -

»Ist das jetzt dein Ernst?« Michael war kurz davor, sich die perfekt sitzenden Haare zu raufen, die er gerade erst so sorgfältig gestylt hatte. »Jeden Moment fährt das Taxi vor, um mich für den bisher wichtigsten Abend in meinem Leben abzuholen, und du machst jetzt eine Szene?«

»Ich mache keine Szene. Nur weil ich dich gebeten habe, heute darauf zu achten, dass du nicht zu viel trinkst und dass du den Frauen nicht ständig so tief ins Dekolleté glotzen sollst? Himmel, ich will doch nur verhindern, dass du wieder für Gerede sorgst.«

»Natürlich werde ich heute Abend Stoff für Gerede liefern. Immerhin findet der Abend zu meinen Ehren statt. Alle, die heute anwesend sein werden, kommen nur wegen mir. Wegen etwas, das längst überfällig ist. Heute werde ich endlich in den Vorstand berufen. Vor drei Jahren haben sie sich ja dank dir noch im letzten Moment für Stevens entschieden. Zum Glück hat der jetzt dieses Angebot von EtaLog bekommen und ist dort in den Vorstand gegangen. Trotz der verlorenen drei Jahre werde ich damit das jüngste Vorstandsmitglied in der Geschichte des Unternehmens sein. Heute ist es soweit. Und du kannst mir die Tour nicht mehr vermiesen!«

»Was?«, japste Julie ungläubig? »Ich habe dir damals die Tour vermasselt? Oh, es tut mir ja so leid, dass ich eine Woche vor deiner geplanten Ernennung eine Fehlgeburt hatte und deine Vorgesetzten der Meinung waren, dass die Beförderung in der Situation zu viel für dich gewesen wäre. Immerhin war es ja auch dein Kind. Bitte entschuldige. Hätte ich gewusst, was für dich davon abhängt, hätte ich das natürlich anders geplant.« Julies Stimme troff vor Sarkasmus. Das war für sie die einzige Möglichkeit, mit Michaels Vorwürfen umzugehen, ohne wieder in das tiefe Loch der Trauer zu fallen.

»Na ja, das war ja nicht das Einzige, was mich beinahe die Karriere gekostet hätte. Danach hieß es von dir ja auch ständig ›Mach nicht immer Überstunden‹ und ›Arbeite nicht so viel. Denk an uns‹. Dass ich wegen dir und deinem ständigen Gejammer weniger Stunden gearbeitet habe, als sie von mir gewohnt waren, wurde mir natürlich als fehlender Einsatz ausgelegt. Überleg doch mal, wie viel Kohle wir in den letzten drei Jahren zusätzlich gehabt hätten, wenn das mit der Beförderung damals geklappt hätte.«

»Was interessiert mich die Kohle? Ich habe mein Kind verloren! Glaubst du wirklich, das war Absicht? Ich hätte das nur gemacht, um dir zu schaden? Was bist du bloß für ein kranker und egozentrischer Arsch? Und nach dem Verlust war ich umso mehr um deine Gesundheit besorgt. Dich wollte ich nicht auch noch verlieren. Aber wenn mir das jetzt negativ ausgelegt wird...« Sie brach ab und schüttelte den Kopf, während sie mit den Tränen kämpfte.

»Hey, jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um das alte Thema wieder aufzuwärmen.« Michael versuchte, die Wogen zu glätten, um sich die Stimmung nicht verderben zu lassen. »Die ganze Geschichte haben wir doch nun schon etliche Male durchgekaut. Du solltest jetzt zusehen, dass du endlich deine Schuhe anziehst und dir deine Handtasche schnappst. Gleich ist das Taxi da. Wenn ich mich verspäten sollte, nur weil du wieder ewig diskutieren musst und dadurch nicht fertig wirst, dann drehe ich durch.«

Julie starrte Michael an. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, einem Fremden gegenüber zu stehen. Wo war der warmherzige, humorvolle Mann, in den sie sich verliebt hatte? Sie hatte schon lange das Gefühl, er gab ihr die Schuld für seinen Karriereaufschub. Doch heute hatte er es ausgesprochen. Heute hatte er es ihr direkt ins Gesicht gesagt. Ihre Fehlgeburt war Schuld daran, dass er auf die Beförderung warten musste. Für ihn zählte nicht, dass sie ihr gemeinsames Kind verloren hatten, nein. Für ihn bestand die Tragödie darin, auf die Warteliste für Beförderungen im Unternehmen geschoben zu werden. Heute hatte sie dafür die Bestätigung bekommen.

»Weißt du was? Geh doch schon mal vor die Haustür, damit du dein Taxi nicht verpasst.«

»Du kommst aber sofort nach, ja?« Seine Stimme klang alarmiert. Immerhin konnte er sie nicht mehr zur Eile antreiben, wenn er erstmal vor der Tür stand.

»Nein. Schließlich wollen wir doch nicht, dass mir etwas Dummes passiert, was deiner Beförderung nicht guttut. Ich bleibe hier.«

»Auf keinen Fall! Wie sieht denn das aus? An einem solchen Abend gehörst du, als meine Frau, an meine Seite. Also sieh zu, dass du fertig wirst.«

»Vergiss es! Ich bleibe hier und damit ist das Thema durch. Nicht, dass ich dir noch einmal schade.«

»Jetzt reicht es mir! Ich habe gerade weder die Zeit noch die Nerven für dein Rumgezicke.« Er griff sich ihre Handtasche und die erstbesten Pumps, die er im Schrank finden konnte und drückte ihr alles in den Arm. »Hier. Schuhe anziehen und mitkommen. Das wäre ja noch schöner, wenn ausgerechnet du jetzt für Gerede sorgst.« Noch während er sprach, packte er sie am Oberarm und zog sie unsanft hinter sich her und zur Tür raus.

Alles ging so schnell, dass Julie keine Zeit zum Reagieren blieb. So stand sie barfuß, mit den Schuhen in der Hand, auf dem Gehweg. Sie kochte vor Wut und hätte ihm die Pumps am liebsten ins Gesicht geschleudert. Sie hatte gerade schon zum Wurf ausgeholt, als das Taxi um die Ecke bog und sie damit zur Vernunft brachte. Resigniert ließ sie den Schuh sinken. Sich so zu benehmen, war nicht ihre Art. Sie gab sich geschlagen und setzte sich wortlos in das Fahrzeug. »Das wird noch ein Nachspiel haben«, sagte sie sich.

- 2 -

Die Fahrt im Taxi verlief schweigsam. Michael ging in Gedanken noch einmal seine Rede durch und übte Gesichtsausdrücke. In einem Moment versuchte er, gerührt auszusehen, im nächsten überrascht. Dann wechselte seine Miene zu schelmisch-fröhlich, charmant und amüsiert, um zuletzt betroffen zu wirken.

Julie widerte das an. Dieses scheinheilige Verhalten, dass er einem praktisch auf Knopfdruck alles vorspielen konnte, was in der jeweiligen Situation angebracht war. Ob dieser Mensch überhaupt ehrliche Gefühle kannte? Sie war sich mittlerweile nicht mehr sicher, ihn überhaupt zu kennen.

Um ihm nicht noch länger zusehen zu müssen, schloss sie die Augen und gab sich ihren Gedanken hin.

Michaels Reaktion auf ihre ungeplante Schwangerschaft damals war für sie enttäuschend. Anstatt sich mit ihr zu freuen, machte er sich als erstes Sorgen um sein berufliches Fortkommen. ›Wie soll man sich denn auf den Job konzentrieren können, wenn die Frau neun Monate lang gesundheitlich angeschlagen durch die Gegend läuft und permanente Sonderbehandlung forderte. Dann verlangte sie sicherlich noch, dass er sie zu diversen Vorbereitungskursen begleitete, die - natürlich - mitten in der Arbeitszeit stattfanden. Von der Zeit danach, wenn das ›Blag‹ dann erstmal auf der Welt wäre und einen nächtelang wachhielt, erst gar nicht zu sprechen. Wie sollte er da noch Leistung auf der Arbeit erbringen können?‹. Seine Worte gingen ihr wieder und wieder durch den Kopf.

Wie sehr sie das verletzt hatte. Und das sollte erst der Anfang gewesen sein. Eines Morgens, Julie war allein zu Hause, erlitt sie die Fehlgeburt. Für sie brach eine Welt zusammen. Als sie ihn völlig aufgelöst auf der Arbeit anrief, klang er beinahe erleichtert. Sie hätte ihn in diesem Moment so sehr gebraucht. Doch anstatt auf ihre Bitte hin, nach Hause zu kommen, fertigte er sie am Telefon ab. Sie hatte noch genau seine Worte im Kopf: »Baby, sei mir nicht böse. Ich muss jetzt in die Besprechung. Du schaffst das schon. Wir sehen uns heute Abend. Koch uns doch etwas Leckeres. Bye.« Nach diesem Gespräch hatte sie das Telefon noch eine gefühlte Ewigkeit lang ungläubig angestarrt. Sie hatte gerade ihr ungeborenes Kind verloren und brauchte ihren Mann mehr denn je. Doch anstatt zu ihr zu kommen, oder sich zumindest danach zu erkundigen, wie es ihr ging, verlangte er von ihr, dass sie ihm ein Abendessen kochte. Er tat gerade so, als hätte sie ihm am Telefon lediglich erzählt, sie hätte einen Blumentopf zerbrochen.

Danach veränderte er sich weiter. Nach wie vor schien es ihn nicht zu interessieren, wie es in seiner Frau aussah. Über den ›Vorfall‹, wie er es nannte, sprachen sie nur, wenn Julie das Thema anschnitt und ihm so schnell nichts einfiel, um davon abzulenken. Auch ihr Liebesleben veränderte sich. Er, der vor ihrer Schwangerschaft mindestens drei Mal die Woche mit ihr schlafen wollte, ließ plötzlich seine Finger komplett von ihr. Hatte er Angst davor, sie könnte erneut schwanger werden?

Und dann seine Vorwürfe, sie hätte durch die Fehlgeburt seine Karriere sabotiert. Es wäre ihre Schuld, dass die Beförderung an ihm vorbeigegangen ist. Seit dem wurde alles, was sie tat oder sagte, nur noch negativ ausgelegt. Er wurde regelrecht paranoid. Ihr gesamtes Verhalten wurde nur noch dahingehend ausgelegt, wie es sich auf seine berufliche Zukunft oder sein Ansehen auswirkte. Sie hatte als Frau an seiner Seite zu funktionieren, gut auszusehen, ihm beizustehen und zu ihm aufzuschauen.

So in ihre Gedanken versunken wurde sie plötzlich unsanft an der Schulter gerüttelt. »Ey, bist du etwa eingepennt? Wir sind gleich da. Es wird gleich vor Fotografen nur so wimmeln. Also sieh zu, dass du glücklich und stolz auf mich aussiehst. Das Letzte was ich will, sind Fotos in der Presse, die dich mit diesem Gesichtsausdruck neben mir zeigen.«

- 3 -

Das Taxi fuhr vor. Als Julie aus dem Fenster schaute, konnte sie tatsächlich viele Reporter mit Fotoapparaten erkennen. Vor dem Firmengebäude war extra ein roter Teppich ausgelegt worden. Alles sah sehr offiziell und feierlich aus. Warum nur machte die Presse solch einen Aufstand um so ein popeliges Unternehmen? Da fiel ihr ein, dass Michael irgendwann erwähnt hatte, dass sein Unternehmen jetzt regelmäßig und ganz offiziell Aufträge von der Regierung bekommen würde. Trotzdem: CalLabs war in ihren Augen ein zu kleiner Fisch für einen solchen Aufwand.

Als der Wagen hielt, wurde auch gleich die hintere Tür aufgerissen. Michael stieg mit seinem besten Lächeln im Gesicht aus. Nicht ohne ihr jedoch vorher einen Knuff in die Rippen zu verpassen und mit unbeweglichen Lippen und unverändertem Grinsen zu zischen: »Los, lächeln!«

Kaum hatte Michael seinen Kopf aus der Autotür gesteckt, da ging das Blitzlichtgewitter richtig los. Bei dem Gedanken, sich jetzt ebenfalls der gierigen Meute zeigen zu müssen, zog sich Julie der Magen zusammen. Doch da sie keine andere Möglichkeit hatte, setzte sie ihr strahlendstes Lächeln auf. Sie wollte Michael nachher nicht wieder einen Grund geben, verbal über sie herzufallen.

Während sie ausstieg und ihr langes, schlankes Bein aus dem Auto schwang, nahm sie Michaels Hand, die er ihr galant hinhielt und blickte von unten zu ihm auf. Für Außenstehende musste dieser Blick wie Liebe, Stolz und Hochachtung aussehen - hoffte sie zumindest. Ihr Mann war der Meister im Falsche-Gefühle-Aufsetzen. Sie dagegen zeigte lieber ihr wahres Gesicht, auch wenn sie sich damit nicht immer Freunde machte.

»Mr. und Mrs. Bennett... Sehen sie hier rüber.«

»Bitte hier in die Kamera schauen.«

»Hier! Mr. Bennett, hier!«

Julie schwirrte der Kopf. Während Michael den ganzen Trubel zu genießen schien, merkte sie, wie sich ihr Gesichtsausdruck mehr und mehr verkrampfte. Doch sie achtete tapfer darauf, immer weiter zu lächeln.

Die Reporter und Fotografen mussten zum Glück hinter einer Absperrung bleiben. Es sollte später noch eine Pressekonferenz geben, wie Michael ihr erzählt hatte. Da er sich jetzt also keinen Fragen stellen musste, ging er mit Julie an der Hand langsam auf den Eingang zu. Ab und an winkte er in eine Kamera. Mit einem kräftigen Druck an Julies Hand signalisierte er ihr, ebenfalls zu winken und sich lockerer zu geben.

Kurz vor dem Eingang warteten zwei Mitarbeiter des Unternehmens auf sie. Die Angestellten nahmen sie in die Mitte und geleiteten sie auf diese Weise in das Gebäude. Das große Foyer, das Julie von früheren Besuchen her kannte, war komplett verwandelt. Überall standen Bistrotische herum, an denen sich champagnertrinkende Menschen unterhielten. Einige davon erkannte Julie als Mitarbeiter wieder. Dazwischen liefen schwarz-weiß gekleidete Kellner mit Tabletts herum, auf denen sich Champagnernachschub oder kleine Häppchen befanden. Sowohl bei den angebotenen Getränken als auch bei den Häppchen griffen die Leute ordentlich zu.

»Tja, wenn es mal etwas umsonst gibt, muss das ausgenutzt werden. Da sind doch alle gleich«, dachte Julie.

Als Julie sah, wie Michael sich ebenfalls an dem Champagner bediente, schickte sie ein kleines Stoßgebet zum Himmel. Sie hoffte, er würde es mit dem Alkohol heute nicht wieder so übertreiben. Allein bei dem Gedanken an sein Verhalten, wenn er sich betrank, fing sie bereits an, sich für ihn zu schämen. Er wurde laut, vulgär und in ihren Augen einfach nur peinlich. Wenn sie ihn darauf ansprach, stritt er alles ab und wurde wütend - auf sie.

»Julie!«

Julie drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Es war Daniel. Er und Michael hatten sich gleich am Anfang ihres Studiums angefreundet und mittlerweile war er Julies bester Freund.

»Daniel! Ich bin so froh, dich hier zu sehen. Der ganze Trubel hier macht mich fast wahnsinnig.«

»Das kann ich mir gut vorstellen. Michael scheint es aber nicht zu stören. Na ja, es ist ja auch sein großer Tag heute. Jetzt hat er es endlich geschafft. Ich freue mich für ihn.« Seine Worte klangen absolut aufrichtig. Er schien es dem Freund ehrlich zu gönnen.

»Kein bisschen Wehmut? Immerhin könntest du es sein, der heute hier steht und sich feiern lässt. Du hattest den besseren Abschluss und hast dich von Anfang an mehr engagiert.«

»Ach Julie, es ist nun mal so, wie es ist. Ich war im Studium besser, dafür hat sich Michael in der Realität besser geschlagen. Er kann eben besser mit Menschen und sich präsentieren.«

Julie nickte stumm. »Ja«, dachte sie bitter. »Man könnte auch sagen, er kann sich besser einschleimen und den Leuten etwas vormachen.«

»Und außerdem«, fuhr Daniel fort, »konnte ich noch immer nicht beweisen, dass ich mit dieser Veruntreuungsgeschichte damals nichts zu tun hatte. Dass ich hier immer noch arbeiten darf, habe ich allein Michael zu verdanken. Ohne ihn hätten die mich doch hochkant gefeuert. So hat es mich nur meinen Posten als Abteilungsleiter gekostet. Aber hey, ich habe immer noch einen Job!«

Julie erinnerte sich wieder. Das war vor einiger Zeit eine ganz große Sache in diesem Unternehmen. Irgendwer hatte Gelder abgezweigt und auf irgendwelche Konten verschoben. Die Buchungen waren, so erzählte ihr Michael, so geschickt vorgenommen worden und durch ihre Anzahl so undurchsichtig geworden, dass es zunächst niemanden aufgefallen war. Und als es aufflog, fiel der Verdacht als erstes auf Daniel, da er in der Buchhaltung eine leitende Position und damit Zugriff auf all diese Buchungsvorgänge hatte, für die ein kleiner Angestellter sich Genehmigungen einholen musste. Julie wusste, dass es Daniel nicht gewesen sein konnte. Dafür kannte sie ihn zu gut und wusste, dass er zu ehrlich dafür war. Und bei allem, was Michael ihr erzählt hatte, wie er es ihr erzählt hatte, ließ sie das Gefühl nicht los, dass er dabei seine Finger im Spiel hatte. Klar, Daniel hatte eine leitende Position in der Buchhaltung, aber Michaels Job war es, die Buchhaltung und andere Abteilungen zu überwachen. Er hätte damit ebenfalls die erforderlichen Berechtigungen und Zugriffe gehabt. Natürlich hatte sie niemandem von ihren Vermutungen erzählt. Immerhin konnte sie doch ihren eigenen Mann nicht verdächtigen oder sogar anschuldigen. Außerdem wollte sie gar nicht glauben, dass er damit etwas zu tun gehabt hatte. Doch ein komisches Gefühl bei der Sache blieb. Ob sie jetzt im Nachhinein mit Daniel über ihre Vermutung sprechen sollte?

Als jemand mit Besteck an ein Glas klopfte um damit die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Der offizielle Teil der Feier ging los. Schnell entschuldigte sie sich bei Daniel und suchte nach Michael, um sich an seine Seite stellen zu können. Sicherlich erwartete er das von ihr. Er stand ein paar Tische entfernt bei den Mitgliedern der Führungsetage. Julie bahnte sich einen Weg durch die Personen, die sich bereits alle in die Richtung des aufgebauten Rednerpults gewandt hatten.

Bei Michael angekommen, legte sie ihm eine Hand auf den Arm und lächelte ihn an, um ihm zu signalisieren, an seiner Seite zu sein. Er jedoch warf ihr einen bösen Blick zu. Julie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie nun schon wieder falsch gemacht hatte.

Der Abend nahm seinen Lauf. Nach der offiziellen Ernennung Michaels zum Vorstandsmitglied wurde er von Beglückwünschungen nur so überschüttet. Es fiel Julie schwer, an seiner Seite zu stehen, da sie immer wieder abgedrängt wurde. Doch seine drohenden Blicke und der Druck, den er zwischendurch warnend auf ihren Arm ausübte, taten ihr Übriges, um in seiner Nähe zu bleiben.

- 4 -

»Kannst du mir mal verraten, was der Scheiß heute Abend sollte?« Michael schrie sie mit lallender Stimme an, direkt nachdem die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

»Was meinst du?« Julie war sich keiner Schuld bewusst. Immerhin hatte sie die ganze Zeit darauf geachtet, brav seine stolze Ehefrau zu mimen.

»Was ich meine? Na das kann ich dir sagen.«. Während er sprach, ging er langsam auf Julie zu und spuckte dabei vor Wut kleine Speicheltropfen vor sich her. »Das war doch Absicht von dir, oder? Du wolltest mir diesen Abend doch von Anfang an vermiesen. Erst der Streit und dein Rumgezicke, dass du nicht mitkommen wolltest und dann dein Verhalten auf der Feier. Kaum waren wir angekommen, verpisst du dich zu Daniel, um ihm schöne Augen zu machen. Und ich stehe ohne meine Frau da. Was meinst du, wie das bei den anderen ausgesehen hat?«

»Aber... Ich habe Daniel doch nur begrüßt und ein paar Worte mit ihm gesprochen. Er ist immerhin ein Freund von uns beiden.«

»Ach hör doch auf! Wenn du Daniel siehst, bist du doch immer gleich hin und weg und würdest dich am liebsten auf der Stelle von ihm bespringen lassen. Genauso wie heute Abend. Als unser wichtigster Aktionär mich begrüßt hatte, wer war nicht da? Ja genau: du! Was meinst du, wie peinlich mir das war. Meine Frau hat am bisher wichtigsten Abend meines Lebens nichts Besseres zu tun, als mit anderen Kerlen zu flirten. Du dämliche Schlampe du!«

»Michael. Was soll das? Ich habe nicht mit Daniel...«

Er stand nun so dicht vor ihr, dass sie die Hitze seines Gesichts spüren und den Geruch des Alkohols in seinem Atem deutlich riechen konnte. Mittlerweile hatte er sich regelrecht in seine Wut hineingesteigert.

»Halt deine gottverdammte Schnauze! Wenn du das Maul aufmachst, lügst du mich doch sowieso nur an.« Während er sprach, packte er sie mit beiden Händen grob an den Schultern und schüttelte sie.

»AUA! Lass mich los, du tust mir weh!« Julie versuchte, sich aus seinem Griff herauszuwinden.

»Ich soll dich loslassen? Ja? Das kannst du haben!« Noch während er sprach, ließ er sie los und schubste sie dabei unsanft ein Stück von sich. Unmittelbar machte er jedoch einen Schritt auf sie zu und schlug ihr mit dem Handrücken voller Wucht ins Gesicht, so dass sie stürzte. »Ich habe dich so satt! Anstatt hinter mir zu stehen und sich für mich zu freuen, terrorisierst du mich. Du setzt alles daran, dass ich mich so mies wie möglich fühlen soll. Und dann dein ständiges Geheule ›Oooh, ich habe mein Baby verloren. Jammer, jammer, jammer.‹ Aber soll ich dir was sagen. Ich bin froh, dass dieses Blag das Klo runterging. Nicht auszudenken, wenn hier die ganze Zeit ein in-die-Hose-scheißendes, sabberndes Gör rumrennen und alles mit seinen klebrigen Fingern antatschen und versauen würde.«

Entsetzt starrte Julie ihn an. Sie konnte nicht glauben, dass diese Worte aus seinem Mund kamen. Und das, was er sagte, schmerzte sie noch viel mehr als der Schlag ins Gesicht. Er hatte sie gerade zum ersten Mal geschlagen. Schon lange hatte er gewalttätige Tendenzen durchscheinen lassen, hatte sich bislang aber immer so weit unter Kontrolle, dass nichts passiert war. Bis auf heute.

»Was glotzt du mich so an? Kannst du nicht glauben, dass ich einen heimlichen Freudentanz gemacht habe, als du mir von der Fehlgeburt erzählt hattest? Doch, das habe ich. Und was für einen. Gleich nachdem ich die Freudenzigarre geraucht hatte. Und eine Woche später hatte ich dann endlich einen Termin in der Klinik für eine Vasektomie. Das Risiko, dass du nochmal schwanger werden könntest, war mir zu hoch, nachdem ich zum Glück nochmal davon gekommen war.«

Je länger er sprach, desto blasser wurde Julie. Während ihr die Tränen über die Wangen liefen, schob sie sich sitzend Stück für Stück von ihm weg. Sie wollte das alles nicht mehr hören, doch er redete unbeirrt weiter: »Ich wollte nie eine Familie mit dir gründen. Heiraten? Klar. Das sieht immer besser und seriöser aus. Sowas kommt bei den Geschäftspartnern gut an. Als ich dich kennengelernt hatte, wusste ich, du bist dafür die ideale Kandidatin. Du siehst ganz gut aus, also kann man dich vorzeigen, ohne sich schämen zu müssen. Und so wirklich helle bist du auch nicht. Das heißt, du muckst nicht auf und machst alles brav, wie ich es von dir verlange.« Als wenn er sich über seine eigenen Worte amüsierte, lachte Michael auf. »Es war damals zwar etwas kritisch, als du dich in Daniel statt in mich verguckt hattest, aber das habe ich doch gut hinbekommen, oder? Immerhin bist du jetzt mit mir verheiratet statt mit ihm. Leider konnte ich damals noch nicht ahnen, dass du meine Karriere dermaßen ausbremsen würdest. Wenn ich überlege, wie viel schneller und müheloser ich die Karriereleiter raufgeklettert wäre, wenn du nicht gewesen wärst... Aber na gut. Es kann ja nicht alles so laufen, wie ich es mir ausgemalt hatte.« Er klang nicht mehr so wütend wie am Anfang. Nun war seine Stimme schneidend. Dessen war er sich bewusst und benutzte sie dazu, um Julie zu verletzen. Immer gemeinere Worte sprudelten aus ihm raus und schnitten Julie ins Herz.

- 5 -

Julie hatte sich im Bad eingeschlossen. Zusammengekauert saß sie auf dem Boden, mit dem Rücken an die Badewanne gelehnt. Die Kälte der Fliesen drang durch den dünnen Stoff ihres Abendkleides und ließ sie zittern. Das alles nahm sie nicht wahr. Sie schien wie betäubt, voll darauf konzentriert, eine Tablette nach der anderen aus der Packung zu drücken. Julie erschrak, als plötzlich ein dicker Tropfen Blut auf ihrer Hand landete. Die Platzwunde an der Lippe, die Michaels letzter Schlag verursacht hatte, hatte wieder angefangen zu bluten.

Als Michael seine Schimpftirade nach einer gefühlten Ewigkeit - sicher war es noch mindestens eine Stunde - auf sie beendet hatte, holte er noch einmal aus, um Julie ein weiteres Mal zu schlagen. Er schlug hart zu. Dann blickte er noch einmal kalt lächelnd und zufrieden auf die am Boden liegende Julie herab, drehte sich wortlos um und verließ den Raum.

Dieser letzte Blick von ihm hatte ihr den Rest gegeben. Bis dahin hatte sie noch geglaubt, es sei einer seiner Ausraster. Doch dieser Blick... Den würde sie nie wieder vergessen können. Aus ihm sprachen Geringschätzung, Verachtung, ja fast schon Hass.

Julie nahm die nächste Schachtel in die Hand. In ihrem Schoß hatte sie schon ein kleines Häufchen ihres Antidepressivums liegen, das sie nach der Fehlgeburt verschrieben bekommen hatte. Im Medizinschränkchen hatte sie außerdem noch starke Schmerzmittel gefunden, übrig geblieben von Michaels letzter Sportverletzung sowie ein Schlafmittel.

Neben ihr hatte sich ein Stapel leerer Medikamentenverpackungen gebildet, während die Pillen in ihrem Schoß mehr wurden. Nun schaute sie sich die Tabletten an, mischte sie mit den Fingern durch, spürte deren glatte Oberfläche. Noch einmal horchte sie in sich hinein. War es wirklich das, was sie wollte? Ja. Sie konnte nicht mehr, wollte nicht mehr. Michael war ihr Leben. Der Wunsch, mit ihm eine Familie zu gründen, bedeutete ihr alles. Nach all dem, was passiert war, hatte sie nicht mehr die Kraft, neu anzufangen. Sie wollte das alles hier und jetzt beenden. Sie wollte nicht mehr trauern, nicht mehr leiden.

Entschlossen gab sie sich einen Ruck und zog sich am Waschbecken hoch. Julie verzog das Gesicht, als sich durch die Tabletten ein bitterer Geschmack in ihrem Mund ausbreitete. Sie konnte nur mit Not ein Würgen unterdrücken und wünschte sich, sie hätte etwas Härteres als das Leitungswasser zum Herunterspülen gehabt. Doch der Alkohol befand sich da, wo jetzt auch Michael war. Also war das keine Option.

Viermal spülte sie einen Mund voll Tabletten herunter, bis sie sich erschöpft wieder auf den Boden sinken ließ. Dort rollte sie sich zusammen und wartete auf das, was geschehen würde.

Bereits nach wenigen Minuten spürte sie eine erste Benommenheit, ihre Hände und Füße wurden wie taub, dann wurde sie schläfrig. Während in ihren Gedanken die Gewissheit auftauchte, dass nun aller Schmerz vorbei war, schlich sich ein erleichtertes Lächeln auf ihre Lippen.

Julie seufzte noch einmal und schloss die Augen.

- 6 -

Schmerzen. Schmerzen, als durchbohrten weißglühende Nadeln ihren Kopf, ihren Körper. Und oh Gott, die Augen. Als würden sie immer und immer wieder von heißen Schaschlikspießen traktiert werden. Sie wollte schreien, brachte aber nur ein heiseres Krächzen heraus. War das hier die Hölle? Sah für sie so die Ewigkeit aus? Eigentlich glaubte sie an so etwas nicht. Aber was sonst war es, was sie gerade erlebte?

Julie schaffte es, sich auf die Seite zu rollen und krümmte sich wie ein Fötus zusammen. Ihre Wange berührte etwas Feuchtes, doch das war ihr im Moment egal.

Gleißend helles Licht drang durch ihre geschlossenen Lider, doch sie schaffte es nicht, die Augen mit ihrem Arm zu bedecken. Wieder versuchte sie, einen Laut von sich zu geben, um Hilfe zu rufen, doch ihre Stimmbänder schienen ihr nicht zu gehorchen.

Erschöpft von den Schmerzen und durch ihre Hilflosigkeit entmutigt, stellte sie jeglichen Versuch, sich bemerkbar zu machen, ein. Während sie dalag und die Schmerzen durch ihre Nerven brandeten, verlor sie das Bewusstsein.

- 7 -

Ihr war so unglaublich kalt. Helles Licht umströmte sie. Vorsichtig bewegte sie einen Arm, in der Erwartung von Schmerzen. Doch die blieben aus. Sie bewegte den anderen Arm, ihre Beine, drehte den Kopf ein wenig. Nichts. Hatte sie das mit den Schmerzen nur geträumt?

Langsam öffnete sie ein Auge. Helligkeit und verschwommene Umrisse. Mehr konnte sie nicht erkennen. Julie setzte sich vorsichtig auf. Noch immer war die Erinnerung an die Schmerzen so präsent, dass sie nichts riskieren wollte. Als sie aufrecht saß, tastete sie ihre Umgebung ab. Nackte, kalte Fliesen. Darauf hatte sie gelegen. Wie lange? So ausgekühlt, wie sie sich fühlte, tagelang. Jetzt erst öffnete sie das andere Auge. Das Ergebnis war das gleiche. Sie rieb sich die Augen, was ihr aber auch nicht weiterhalf.

»Wo ist meine Brille?«, dachte sie. Wie, als würde sie sich über ihre eigene Dummheit aufregen, schüttelte sie den Kopf. Sie hatte sich, bereits vor einigen Jahren, einer Laserbehandlung unterzogen, um ihre Kurzsichtigkeit loszuwerden. Die Behandlung war erfolgreich und seitdem wanderten Brille und Kontaktlinsen erst in eine Schublade, später, als sie sicher war, dass das Ergebnis von Dauer war, in den Müll. Julie streckte ihren Arm aus und sah einen verschwommenen, hautfarbenen Fleck an seinem Ende. Sie führte die Hand langsam auf das Gesicht zu. Je näher sie kam, desto deutlicher konnte sie sie erkennen. Wieder schüttelte sie den Kopf, dieses Mal ungläubig. Was war denn nun schon wieder los?

Sie erhob sich auf die Knie, tastete die Umgebung nach etwas ab, an dem sie sich festhalten konnte und fand das Waschbecken. Als sie sich daran hochzog, schwankte sie leicht. Das Schwindelgefühl ließ jedoch schnell nach und sie sah sich um. Auf dem Waschbecken sah sie etwas Dunkles, Längliches liegen. Wie aus Reflex griff sie zu und fühlte eine Brille in ihren Fingern.

»Ach was soll’s, noch weniger erkennen geht nicht.« Julie zuckte mit den Schultern und setzte die Brille auf.

Das Gefühl der Brille auf dem Nasenrücken, war fremd und doch irgendwie vertraut. Schlagartig wurde ihre Sicht klar und sie konnte ihre Umgebung erkennen. Das hier war ihr Badezimmer, eindeutig. Aber was war mit ihren Augen? Lag es an den Medikamenten? War das überhaupt alles passiert oder hatte sie geträumt? Und wem zum Teufel gehörte diese Brille?

Michael! Sie musste mit ihm reden.

»Michael?« Im Rufen drehte sie sich um und verließ das Bad. »Michael... Wo zum... Aua!«

Sie prallte gegen etwas und fiel der Länge nach auf den Boden.

»Verdammt! Was...« Mitten im Satz blieben ihr die Worte im Hals stecken, als sie das Hindernis erkannte. Sie war gegen einen Sessel gelaufen. Es war IHR geliebter Sessel, den sie sich damals in ihrem ersten Urlaub in England gekauft hatte. Was für ein Akt war es, ihn nach Hause zu bekommen... Aber er war so weich und bequem, dass sie ihn unbedingt haben wollte. Und mit diesem Blümchenmuster erinnerte er sie an die kleine B&B-Pension mit der netten Lady und die schöne Zeit, die sie dort verbracht hatte.

Doch das war unmöglich. Als Michael zu ihr zog, verbannte er den Sessel erst in den Keller, später mussten sie ihn nach einem Wasserschaden entsorgen. Es tat ihr in der Seele weh. Also wo kam jetzt dieser Sessel her?

Sie rappelte sich auf, strich liebevoll über den hellen Bezug des Sessels und ging weiter, Michael suchen.

Gleich nach dem nächsten Schritt blieb sie wieder ungläubig stehen. Ihr altes Sofa! Ein riesengroßes, dunkelgraues Ungetüm mit gefühlt tausend Kissen drauf. Herrlich zum drauf Rumlümmeln, aber völlig ungeeignet, um brav darauf zu sitzen.

Michael hatte darauf bestanden, dass sie sein spießiges Ledersofa behielten. Es würde sich besser machen, wenn sie Besuch bekämen. Ihres wurde kurzerhand per Kleinanzeige verschenkt. »Wer würde für dieses Mistding denn noch Geld bezahlen?«, war sein Kommentar dazu.

Auch der Verlust ihres Sofas hatte sie traurig gemacht. Wie viele kuschelige Filmabende hatte sie darauf verbracht? Wie viele Stunden zusammen mit ihrer Freundin und einem Glas Wein darauf gesessen und geredet? Alles vorbei nach Michaels Einzug.

»Genug jetzt mit dem Quatsch!«, schimpfte sie. »Was ist hier los und wer will mich verarschen? Michaeeeel??«

Aber es kam keine Antwort. Während sie die Wohnung nach ihm absuchte, fiel ihr immer mehr auf, dass sich hier einiges verändert hatte. Sie konnte wieder ihren, Julies, Stil erkennen – dafür keinerlei Anzeichen auf Michaels Existenz finden.

»Wenn irgendwo Sachen von ihm sind, dann im Bad!«, dachte sie und ging zurück. Doch als sie durch die Tür auf den Spiegelschrank zuging, erstarrte sie.

»Was...? Wie ist das...?« Mehr brachte sie nicht zustande.

Es war zwar ihr Spiegelbild, das ihr entgegenblickte – aber wie sah sie aus?

Ihre Haare: Sie hatte ihre lange, etwas wuschelige Lockenmähne geliebt. Nachdem Michael ihr monatelang in den Ohren gelegen hatte, hatte er sie irgendwann so weit, dass sie sich die Haare abschneiden ließ. »Du bist jetzt in einem Alter für vernünftige Frisuren«, war sein Lieblingsspruch.

Obwohl sie ihr gut stand, mochte sie ihre neue Frisur nie wirklich. Sie fühlte sich damit so brav, bieder und ... alt.

Aber Michael war ganz begeistert davon. Wie gut sie damit doch zu den Ehefrauen seiner Kollegen und Vorgesetzten passen würde. Anpassung – das war ihm wichtig.

Erneut musste sie sich zwingen, sich auf die aktuelle Situation zu konzentrieren und nicht in Gedanken an Michael abzuschweifen. Was jetzt zählte, war, erst einmal herauszufinden, was hier los war.

Sie wollte sich schon umdrehen und das Badezimmer verlassen, konnte aber nicht anders, als sich noch einmal vor den Spiegel zu stellen, ihre Haare zu betrachten und mit den Fingern hindurchzufahren. »Wirklich irre. Das glaubt mir doch niemand.«

Im Wohnzimmer ließ sie sich in den geblümten Sessel fallen, um in Ruhe überlegen zu können. Sie musste herausfinden, was passiert war.

Die Medikamente. Wahrscheinlich war sie noch immer weggetreten und träumte das alles. Kann man in einem Traum logische Überlegungen anstellen? Sie wusste es nicht. Aber, und das wusste sie bereits aus den Micky Maus-Comics aus ihrer Kindheit, man sollte sich kneifen. Wenn es wehtat, war man wach. Das kam darin ständig vor. Also kniff sie sich beherzt und mit einiger Kraft in den Oberarm. »Aua! Verdammt. Na gut, Möglichkeit eins, dass ich träume, kann ich wohl ausschließen.«

»Die Möglichkeit, dass du langsam irre wirst und schon Selbstgespräche führst, aber noch lange nicht«, dachte sie sarkastisch.

Ein Streich könnte es sein, fiel ihr als Nächstes ein. Aber wer sollte sich diese Mühe machen. Ihre alten Möbel zusammensuchen, beziehungsweise Möbel finden, die genau wie ihre alten aussahen, die Wohnung aus- und wieder einräumen. Und was war mit ihren Augen... Dann ihre Haare. Die konnte niemand mal so eben wachsen lassen. Und Spuren von Extensions hatte sie auch nicht entdeckt. Nein, das konnte sie wohl ausschließen. Außerdem genau zu dem Zeitpunkt, nachdem sie versucht hatte, sich die Lichter auszuknipsen. Das Wort »Selbstmord« versuchte sie in ihren Gedanken zu vermeiden. Auch bemühte sie sich, alles, was dazu geführt hatte, auszublenden. Moment mal. War DAS denn überhaupt passiert? Jetzt zwang sie sich doch dazu, darüber nachzudenken. Was ist, wenn sie DAS alles nur geträumt hatte? Ein sehr langer, intensiver Traum. Jahre des Zusammenlebens mit Michael, ihre Fehlgeburt, sein Verhaltenswechsel... War das möglich? Konnte man mehrere Jahre in nur einem Traum erleben? Es war alles so intensiv, so real. Sie musste mit Michael reden. Er musste hier irgendeine Rolle spielen, sonst wäre er in ihren Gedanken nicht so präsent.

Sie sprang auf, um ihr Smartphone zu holen. War er nicht hier, rief sie ihn eben an.

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Ungläubig starrte die das Ding in ihrer Hand an. Das war definitiv kein Smartphone! Auf ihrer Handfläche lag ein länglicher Klops mit Tasten und einer Miniantenne. Über einem quadratischen Minidisplay prangte der Name NOKIA.

Völlig verwirrt und irritiert setzte sie sich mit dem Telefon in der Hand wieder hin. Das war doch wohl wirklich ein schlechter Scherz. Wäre es nicht der unlogischste und abwegigste Gedanke überhaupt, würde sie vermuten, einen Zeitsprung gemacht zu haben.

»Ja klar, und zur Begrüßung in diesem Zeitstrahl kommt gleich Supermann um die Ecke und fliegt eine Runde mit dir um die Häuser.«

»Und wenn ich nicht bald aufhöre, mit mir selbst zu sprechen, werde ich ganz schnell eingeliefert«, dachte sie, nachdem ihr bewusst wurde, dass sie ihre Gedanken wieder laut ausgesprochen hatte.

Eigentlich mehr, um sich selbst zu beweisen, dass der jetzige Gedankengang in eine völlig falsche Richtung lief, als einen handfesten Nachweis zu bringen, sprang sie auf, griff sich ihre Handtasche vom Tischchen neben der Eingangstür und lief zum Zeitungskiosk um die Ecke. Ein aktuelles Datum erfuhr man am besten aus einer frisch gekauften Tageszeitung.

»Eine Daily News bitte«, sprach sie den Verkäufer an. Das war schon immer die günstigste Tageszeitung. Auch wenn sie sie vom Inhalt her nicht ausstehen konnte, warum sollte sie mehr Geld ausgeben, wenn es ihr nur um das Datum ging. Dabei sollte es wohl keine schriftstellerischen Freiheiten geben.

»Das macht 80 Cent.«

Wie ferngesteuert zählte sie das Geld ab, um es dem Verkäufer zu geben, der ihr bereits die Zeitung hinhielt.

Beim Umdrehen warf sie einen ersten Blick auf das Logo der Zeitung, wo sich auch das aktuelle Tagesdatum befand.

Augenblicklich wurde ihr schlecht, alles um sie herum fing an, sich zu drehen, sie hatte das Gefühl, ihr wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Um nicht umzukippen, hielt sie sich an einer Strebe des Zeitungskiosks fest.

»Hey, ist alles in Ordnung mit ihnen?« Der Verkäufer bemerkte ihren Zustand und kam einen Schritt auf sie zu.

»Ja, es geht schon wieder«, erwiderte sie hastig, um hier keine Szene zu machen. »Ist wohl nur der Kreislauf. Das Wetter, wissen sie?« Sie lächelte ihm verlegen zu und atmete ein paar Mal tief ein, um sich wieder zu fangen. Als sie bemerkte, wie der Schwindel nachließ, wandte sie sich zum Gehen um. Doch vorher warf sie doch noch einen Blick auf die anderen Zeitungen und Zeitschriften. Alle trugen dieselbe Jahreszahl: 2001.

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Julie stand noch immer unter Schock, als sie sich bereits wieder zu Hause und auf ihrem Sofa wiederfand.

2001! Das konnte einfach nicht stimmen. Doch auf dem Weg nach Hause ging sie noch im Supermarkt und beim Bäcker vorbei, wo auch immer Tageszeitungen auslagen. Die Jahreszahl auf den Zeitungen änderte sich nicht. Es war das Jahr 2001.

Wie war das möglich? War das überhaupt möglich? Auch wenn alles dafür sprach, dass sie tatsächlich in der Zeit zurückgereist war, wollte sie es nicht wahrhaben.

Verzweifelt wollte sie sich an ihre Theorie, das Leben zusammen mit Michael nur erträumt zu haben, klammern. Doch bei genauerer Betrachtung hielt die Theorie nicht stand. Es wäre unlogisch gewesen, zu denken, sie hätte etliche Jahre an einem Stück erträumt. Die ganzen Details, an die sie sich aus 2019 erinnern konnte, und dann die Erinnerungen an die Technologie, die sie bereits für selbstverständlich hielt: Smartphones, mit denen man Internetzugang hatte, wo auch immer man sich gerade befand, die sozialen Netzwerke... Nein, das zu erträumen, dafür hätte sie ein Genie sein müssen. Demnach blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als es als Tatsache zu nehmen, dass sie sich zurück in 2001 befand.

»Wenigstens bin ich auch im Körper von 2001: jung und knackig. Einen Vorteil muss es schließlich haben«, sagte sich Julie, während sie selbstironisch an sich herunterschaute.

Während sie gedankenversunken dasaß, piepte das Handy.

»Wow, wie retro!«

Das Display zeigte eine SMS von Michael an: »Hey Jules, nachher wie besprochen bei uns? 17:00 Uhr«

»Ach ja, SMS... Die Dinger, in denen man kaum etwas sagen konnte, aber jede davon Geld kostete. Wie unpraktisch. Es wird Zeit, das WhatsApp erfunden wird.« Julie musste lachen. Schade, dass sie von Technologie keine Ahnung hatte. Sonst könnte sie in ein paar Jahren Millionärin sein. Und warum hatte sie sich nie für Aktien oder Sport interessiert? Mit dem Wissen aus 2019 jetzt zu investieren oder Wetten zu platzieren, damit hätte sie ausgesorgt.

Michael schrieb: »Um 17:00 bei uns.« Julie musste zunächst überlegen, wer mit uns gemeint war. Aber dann waren die Erinnerungen wieder da. Michael war schon sehr früh, nachdem er sich gleich zum Anfang des Studiums mit Daniel angefreundet hatte, mit ihm zusammengezogen. Sie selbst hatte das Glück, dass ihrer Großmutter eine Wohnung in der Nähe der Uni gehörte, die sie ihr mietfrei überließ. So konnte sie sich voll und ganz auf ihr Studium konzentrieren, ohne stressige und zeitraubende Nebenjobs. Michael und Daniel lernte sie auf dem Campus kennen. Da die beiden alle Vorlesungen zusammen belegt hatten, traf man sie meistens auch zusammen an. Julie hatte zu Anfang sogar vermutet, die zwei seien ein Paar, doch als sie beide dann anfingen, Julie zu umschwärmen, wurde ihr klar, dass es sich bei den beiden einfach nur um eine sehr gute Männerfreundschaft handelte.

Für beide entwickelte sie schnell Gefühle, hatte sich damals allerdings für Michael entschieden. Er wusste wirklich, wie man Frauen umgarnen und sie um den Finger wickeln konnte. Daniel dagegen war zurückhaltender und zeigte seine Gefühle eher subtil. Damals verstand sie diese Art von Gefühlsbekundung noch nicht, war in dieser Hinsicht eher als ›grobmotorisch‹ anzusehen. Daher machte Michael das Rennen um sie.

»Was wäre wohl aus uns allen geworden, hätte ich mich anders entschieden?«, überlegte sie. Vielleicht war das hier die Chance für sie, ihr zukünftiges Leben zu überdenken und einiges anders zu entscheiden?

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»Jules! Toll, dass du es geschafft hast. Sag mal, hast du etwas mit deinen Haaren angestellt oder so? Du siehst irgendwie... verändert aus.« Michael redete auf sie ein, kaum dass sie einen Fuß über die Türschwelle gesetzt hatte.

»Hi, Michael.« Julie hielt sich ein wenig zurück. Sie musste erst einmal in Erfahrung bringen, wie genau sie zu den beiden zu diesem Zeitpunkt stand. War schon etwas zwischen ihr und Michael am Laufen? Sie konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wann genau es mit ihnen beiden angefangen hatte. Darüber hinaus war es auch irgendwie kompliziert gewesen. Man konnte das zwischen ihnen nicht von Anfang an als Beziehung bezeichnen. Michael hielt sich lange sehr bedeckt darüber, was er von dem Miteinander mit ihr hielt. Auch wenn sie ihn direkt darauf ansprach, wich er aus, wechselte das Thema oder drückte sich schwammig aus. Sie hatten zwar intime Momente, doch in manchen Situationen, gerade wenn andere Frauen in der Nähe waren, konnte er es wirken lassen, als wären sie bloß Kumpel. War ihr das damals eigentlich nicht aufgefallen? Sie war nur immer selig, wenn er in ihrer Nähe war und blendete unschöne Momente komplett aus. Wie dumm sie gewesen war!

»Daniel, hi!« In dem Moment, in dem sie Daniel im Raum entdeckte, fing sie an zu strahlen, ihr Herz machte einen Satz, der ihr lange nicht mehr bekannt war. »Wie geht es dir? Wir haben uns ewig nicht gesehen.«

»Äh... vorgestern erst. Na gut, man könnte es in einem anderen Universum auch als eine Ewigkeit ansehen«, lachte er.

Julie, die ihn, bis auf den Moment auf der Firmenfeier, tatsächlich seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, stutzte einen Moment. »Ja klar«, sagte sie schnell, »ich habe heute Nacht nur komisch geträumt. Im Traum hatten wir uns aus den Augen verloren und das ist irgendwie noch so präsent.«

»Macht doch nichts. Hauptsache, du freust dich, mich zu sehen.« Daniel lächelte sie an und ihr wurde ganz warm ums Herz. Wie hatte sie ihn vermisst.

Bei Michaels Kampf um den Karriereaufstieg hatte es so einige Opfer gegeben – von ihr mal ganz abgesehen. Nach dem Studium fingen Michael und Daniel im selben Unternehmen an. Zu Anfang arbeiteten sie in gleicher Position, an gleichen Projekten. Um schnell möglichst gut dazustehen, fing Michael an, Gerüchte über Daniel in die Welt zu setzen und kleine Intrigen zu spinnen. Seine letzte Aktion hätte Daniel beinahe den Job gekostet. Allein durch die Tatsache, dass ihm letztendlich nichts nachzuweisen war und alles auf Hörensagen zurückzuführen war, durfte er im Unternehmen bleiben. Jedoch wurden ihm jegliche Zugriffsrechte auf Firmenkonten und -strategien entzogen. Statt wie bisher, als Abteilungsleiter tätig zu sein, hatte man ihn in den Customer Service gesteckt, wo er sich seitdem mit unzufriedenen Kunden herumschlagen durfte.

Julie, die nicht alle Hintergründe kannte, hatte versucht, mit ihm zu sprechen, doch Daniel, der für die Vorkommnisse selber keine Erklärungen hatte, wollte darüber nicht mehr sprechen. Er war froh, noch einen Job zu haben, und wollte sich über Dinge, die er nicht ändern konnte, nicht mehr den Kopf zerbrechen.

»Und? Schon fleißig für die Zwischenprüfung gelernt?«, riss Daniel sie aus ihren Gedanken.

»Hm? Was? Ach so, ja klar. Ich habe gelernt wie eine Große. Hoffentlich auch das Richtige.«

»Das wird schon passen. Bisher hast du doch alle Prüfungen mit Bravour gemeistert. Ich bin nur froh, dass du einen anderen Studiengang belegst als ich. Gegen dich würde ich doch immer nur abstinken.«

»Ach was! Du wirst später eine fantastische Karriere hinlegen. Da bin ich mir sicher.« Sie zwinkerte Daniel zu und beschloss in diesem Moment, alles daran zu setzen, ihre Chance, ihr Leben neu zu leben, nicht nur für sich, sondern auch für Daniel zu nutzen.

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Ein paar Wochen vergingen und Julie lebte sich schnell wieder in ihrem alten Leben ein. Wie entspannend sie es doch auf einmal empfand, wieder studieren zu dürfen und ein Studentenleben zu führen.

Da sie nicht wusste, ob sie ihr Leben tatsächlich noch einmal vollständig durchleben würde, setzte sie alles daran, ihr Studium noch einmal mit Auszeichnung abzuschließen und sich auch sonst nichts zu Schulden kommen zu lassen.

Als alle Zwischenprüfungen hinter ihr lagen, war sie abends mit Michael und Daniel verabredet. Sie wollten es feiern, dass sie nun wieder ein wenig Verschnaufpause hatten, bevor der Lernstress aufs Neue begann.

Sie hatten geplant, am Abend gemeinsam die Bars rund um den Campus unsicher machen und mit ein paar Drinks auf sich selbst anzustoßen.

»Auf uns und auf die harte Arbeit, die hinter uns liegt.« Daniel hielt sein Glas in die Höhe und wartete darauf, dass die anderen mit ihm anstießen.

»Auf uns!«, antworteten Michael und Julie wie aus einem Mund.

Ein weiteres Tablett voller Shots war leer. Sie hatte bereits aufgehört, mitzuzählen, wie viele Drinks sie bereits intus hatte. Doch so lange sie sich gut fühlte, war es ihr egal. Klar, ein bisschen schwummerig war ihr schon, aber war das nicht das Ziel, wenn man Alkohol trank? Ihr junger Körper vertrug Alkohol wesentlich besser, als sie es aus den letzten Jahren kannte. Es war unglaublich toll, wieder jung zu sein.

Sie durchstreiften die Bars, trafen andere Kommilitonen, stießen mit ihnen an und alberten herum. Heute Abend wollten alle nur Spaß. Trotz des Alkohols bemerkte Julie, dass Michael scheinbar noch eine andere Art von Spaß im Sinn hatte. Immer öfter zog er sie in den Arm und hielt sie länger fest als gewöhnlich. Hier und da streifte er, wie durch Zufall, ihren Po oder ihren Busen. Auch suchten seine Blicke immer öfter die ihren. Kaum fing er ihren Blick auf, versuchte er, ihren festzuhalten und ihr gleichzeitig körperlich näher zu kommen. Dieses Spielchen verstand er wirklich gut, fiel ihr wieder auf. Kein Wunder, dass er damals ein so leichtes Spiel mit ihr gehabt hatte. Doch heute, so schwor sie sich, würde er auf Granit beißen. Mit keinem von beiden würde sie vor Abschluss des Studiums etwas anfangen.

Spät in der Nacht brachte Michael sie zu ihrer Haustür. Daniel hatte sich kurz vorher unter einem fadenscheinigen Vorwand bereits verabschiedet, was ihr ein wenig seltsam vorkam. Durch die Wirkung des Alkohols waren die Bedenken schnell wieder verschwunden. Es war schließlich nur Michael, der sie begleitete und kein stadtbekannter Triebtäter.

»So Jules, da wären wir.«

»Jepp. Und ich sollte schleunigst ins Bett. Ich habe wohl doch den einen oder anderen Drink zu viel gehabt.«

»Brauchst du vielleicht Hilfe dabei?«, säuselte Michael mit eindeutig zweideutiger Stimme?

»Ich glaube, das bekomme ich noch selber hin.« Julie versuchte, ihrer Stimme einen festen Ton zu geben.

»Bist du dir da auch sicher, Jules?« Michael raunte die Worte beinahe nur noch und kam dabei mit seinem Gesicht dem ihren immer näher.

Julie legte Michael eine Hand auf die Brust, um ihn sanft von sich zu schieben. »Ja, ich bin mir sicher. Lass uns nichts überstürzen und damit womöglich unsere Freundschaft aufs Spiel setzen.«

»Ach was. Von überstürzen kann doch gar keine Rede sein. Es ist ja nun nicht so, dass wir uns heute Abend erst kennengelernt hätten. Und ich begehre dich bereits vom ersten Tag an. Na komm schon Julie, lass mich mit reinkommen. Heute Nacht möchte ich in deiner Nähe sein. Lass mich heute Nacht nicht allein schlafen.«

Er hatte es wirklich voll drauf, musste sie anerkennen. Beinahe wäre sie schwach geworden – und das trotz ihres Hintergrundwissens. Aber sie musste stark bleiben. Sie hatte sich und insgeheim Daniel versprochen, ihrer beider Leben eine Wende zu geben. Machte sie die gleichen Fehler wie damals, war ihnen beiden nicht geholfen. Doch sie musste auch vorsichtig vorgehen. Stieß sie Michael zu heftig vor den Kopf, könnte es sein, dass ihre Freundschaft darunter litt, was dazu führen könnte, dass sich auch Daniel von ihr abwandte. Michael war sehr geschickt darin, andere von seiner Meinung zu überzeugen. Und wenn er nicht wollte, dass Daniel weiterhin Kontakt zu ihr hatte, so erreichte er das auch.

»Nein. Nein, Michael. Wir haben heute beide mehr als genug getrunken und sollten die Situation nicht ausnutzen. Bitte geh nach Hause.«

Sie hätte so einiges darauf gegeben, diesen Augenblick auf Video festhalten zu können. Sein Gesichtsausdruck: Zuerst hatte er noch diesen verführerischen Schlafzimmerblick aufgesetzt. Als Julie dann »nein« sagte, zeigte sich erst Erstaunen, dann Unglauben und zum Schluss purer Ärger in seinem Blick. Das in Zeitlupe abgespielt, hätte bestimmt amüsant sein können.

Schnell hatte er sich jedoch wieder unter Kontrolle und startete einen erneuten Versuch. »Der scheint es aber echt nötig zu haben«, dachte Julie fast schon belustigt. Sie fand es interessant, sich diese Situation praktisch aus der Perspektive einer dritten Person anzuschauen, die Angelegenheit rational betrachten zu können.

»Hey, ich verspreche auch, ganz lieb zu sein und auch nicht zu schnarchen.« Jetzt setzte er seine Klein-Jungen-Stimme ein. Eine Masche, die bisher immer bei ihr gezogen hatte. »Biiiitteeee.« Er zwinkerte ihr mit schief gelegtem Kopf zu.

Julie erinnerte sich an diesen Moment, als sie ihn das erste Mal erlebte. Damals hatte sie ihn reingelassen und sie hatten miteinander geschlafen. Der schlechteste Sex bisher in ihrem Leben. Michael war viel zu betrunken gewesen, hatte kaum einen hochbekommen und fummelte nur unkoordiniert an ihr herum. Nach nicht einmal zehn Minuten war alles vorbei und er lag, entgegen seinem Versprechen, laut schnarchend neben ihr. Nein, auf keinen Fall dürfte es wieder dazu kommen. Diese Nacht war sozusagen der Anfang vom Ende. Aber noch etwas war ihr in Erinnerung geblieben. Auch wenn Michael gerade alles daran setzte, nicht allzu betrunken auf sie zu wirken, war er trotzdem total blau. Das könnte sie zu ihrem Vorteil nutzen, überlegte Julie. Noch ein oder zwei Drinks, und er bekam sowieso nichts mehr mit und würde sich hinterher selbst die Schuld geben.

Sie versuchte, ihre harte Miene fallenzulassen und ein nachgiebiges Gesicht aufzusetzen. Dass das bei seinem Alkoholpegel noch einen Unterschied machte oder sie glaubwürdiger dastehen ließ, bezweifelte sie, doch besser Mühe geben, als zu scheitern.

»Na guuut. Dann komm mit hoch.« Sie lächelte ihn sanft an. »Aber wehe, wenn du doch schnarchst.« Drohend wedelte sie mit dem erhobenen Zeigefinger vor seiner Nase herum.

»Nein, ich bin ganz brav, Jules«, sagte er, während sein Kopf auf ihre Schulter sank und er die Nase an ihrem Hals rieb.

Eine halbe Stunde später war ihr Plan aufgegangen. Michael lag lang ausgestreckt auf ihrem Sofa. Sie hatte ihn noch zu einem Glas Wein überreden können. An ihrem hatte sie nur noch genippt, um den Schein zu wahren. Um auf Nummer Sicher zu gehen, hatte sie sein Glas vorher noch mit zwei großzügigen Schlucken Wodka angereichert.

Schnell warf sie noch eine Decke über ihn, bevor sie selbst ins Bett ging. Ihre Schlafzimmertür schloss sie sicherheitshalber ab.

Als sie am Morgen aufstand, war Michael bereits gegangen, was ihr nur recht war.

Noch einmal ließ sie den vergangenen Abend Revue passieren. Auch wenn es nicht gerade die feine Art gewesen war, ihn zusätzlich noch abzufüllen, war sie mit dem Ergebnis zufrieden.

Sie schickte eine Nachricht an Daniel, wie es ihm ging, erhielt aber eine für ihn untypische knappe Antwort.

»Der liegt sicher auch flach«, dachte sie, während sie zwei Aspirin einnahm und sich zurück ins Bett legte.

- 12 -

»Hallo, hübscher Mann.« Julie stellte ihr Tablett neben das von Daniel. Erst jetzt, zum Ende der Woche, hatte sie ihn das erste Mal seit vergangenem Wochenende wiedergesehen. Damit, dass sie ihn am Freitag in der Mensa antraf, hatte sie fest gerechnet. Freitags war in der Mensa Nudeltag und Daniel war ein Nudel-Junkie. Verschiedene Sorten mit diversen Saucen, alles zum selber kombinieren, zum kleinen Preis – sogar für Mensa-Verhältnisse.

Daniel schlang hastig die letzten Happen seines Essens in sich hinein. »Oh sorry, ich bin schon wieder auf dem Sprung, muss weg«, brabbelte er mit vollem Mund und sprang, noch kauend, von seinem Stuhl auf.

Julie schaute ihm verdutzt hinterher. Das sah ihm so gar nicht ähnlich. Falls sie vorher ein komisches Gefühl hatte, dass sie ihn so lange nicht zu Gesicht bekommen hatte, so war sie sich jetzt sicher, dass er ihr aus dem Weg ging.

Später am Nachmittag wollte sie der Sache auf den Grund gehen und stand unangemeldet vor Daniels und Michaels Wohnung.

»Michael ist nicht da!«, blaffte ihr Daniel entgegen, als er die Tür öffnete. Kaum war die Tür offen, machte er Anstalten, sie zu schließen.

»Schön für Michael«, schoss Julie zurück. »Das interessiert mich aber nicht.«

»Und warum bist du dann hier?«

»Wenn nicht Michael der Grund für meinen Besuch ist, wer könnte es denn sonst sein?«, erwiderte sie patzig. Langsam fing Julie an, sich zu ärgern. Irgendetwas musste Daniel gewaltig über die Leber gelaufen sein. Um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, sprach sie mit ruhiger Stimme weiter: »Ich wollte nur mal sehen, wie es dir geht.«

»Mir geht’s prima. Danke. Jetzt, wo du Bescheid weißt, hast du ja alles geklärt. Man sieht sich.«

Julie gelang es gerade noch, einen Fuß zwischen Tür und Türrahmen zu stellen, als Daniel sie ihr vor der Nase zuknallen wollte. Mit der Hand drückte sie sie wieder auf.

»Verdammt, was ist los mit dir?«, schimpfte sie. »Du gehst mir seit Tagen aus dem Weg und wenn ich dich vor mir habe, bist du praktisch auf der Flucht. Kannst du mir verraten, was das soll?«

»Kannst du dir das nicht selbst denken?« Daniel klang nun traurig und niedergeschlagen.

»Nein, ich habe keine Ahnung. Deshalb bin ich hier. Lass mich doch erstmal rein, damit wir in Ruhe reden können.«

Als sie sich auf dem Sofa gegenüber saßen, wollte keiner anfangen, zu reden. An diese Situation konnte sich Julie aus der Vergangenheit nicht erinnern. Eigentlich logisch. Nachdem sie damals mit Michael geschlafen hatte, war Daniel für sie in den Hintergrund gerückt. Sie blieben zwar weiterhin gute Freunde und er spielte nach wie vor eine große Rolle in ihrem Leben, aber als Mann, als potentiellen Partner sah sie ihn nie wieder an. Sie hatte damit, dass sie Michael abgewiesen hatte, die Geschichte verändert. Dieses Gespräch hatte es damals nicht gegeben. Jetzt war sie davon überzeugt, durch kleine Veränderungen viel bewirken zu können.

»Daniel, jetzt sag mir bitte, was mit dir los ist. Habe ich irgendetwas gesagt oder getan, was nicht richtig war? Ich bin mir keiner Schuld bewusst, also rede bitte mit mir.«

»Es geht um das letzte Wochenende«, rückte er endlich mit der Sprache raus.

»Was war da? Wir hatten jeden Grund zum Feiern und eine Menge Spaß dabei. Ging es dir zum Schluss nicht gut? Du warst auf einem Mal verschwunden.«

»Doch, mir ging es gut. Ich habe früh genug gemerkt, wann ich genug hatte. Deshalb habe ich mir auch nicht bis zum bitteren Ende die Kante gegeben.«

»Ja, das habe ich mitbekommen. Aber wohin bist du dann verschwunden?«

»Ich bin nach Hause gegangen. Michael hatte darauf bestanden, dich zu begleiten, da wollte ich nicht weiter stören.«

»Warum solltest du stören?« Julie begriff gerade gar nichts.

»Na, meinst du, ich wollte bei seiner Vorarbeit, dich flachzulegen, dabei sein? War’s denn wenigstens schön? Ach vergiss es. Das ist das Letzte, was ich wissen will.«

»Mich flachzulegen? Bitte was??? Da ist gar nichts passiert! Klar, es schien so, als ob er solche Absichten gehabt hätte. Aber es ist nichts passiert.«

»Nein, natürlich nicht.« Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Daniel, warum sollte ich dich anlügen? Zwischen Michael und mir ist nichts gelaufen. Ja, er ist mit in meine Wohnung gekommen, aber nach einem weiteren Drink ist er auf dem Sofa eingepennt, wo er die gesamte Nacht verbracht hat. Als ich aufgestanden bin, war er schon weg. Da ist nichts passiert und ich hatte es auch nicht vorgehabt.«

»Ooohhh, dieses miese Stück...! Den ganzen Abend lag er mir in den Ohren, dass du scharf auf ihn seist und ihm eindeutige Signale senden würdest. Später hat er mir dann gesagt, ich soll abhauen, damit ich nicht als fünftes Rad am Wagen stören würde. ›Einen Fünfziger, dass ich sie heute Nacht ins Bett kriege‹, hat er gesagt. Noch bevor ich ihm sagen konnte, wohin er sich seine Wette stecken kann, hat er sich umgedreht und dich hinter sich hergezogen. Am nächsten Morgen, als er nach Hause kam, hat er mich nur breit angegrinst und ›Kohle her‹ gesagt. Dann ist er erstmal wieder im Bett verschwunden. Ich habe aber auch nicht weiter nachgefragt, als er wieder ansprechbar war. Eigentlich wollte ich darüber gar nichts wissen. Er hätte das nicht mit dir machen dürfen. So verhält man sich nicht unter Freunden.«

Julie war nach diesem Geständnis zunächst sprachlos. Doch dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. »Sag mal, hat er das damals auch schon gemacht, mit der Wette über mich?« Die Worte waren schneller aus ihrem Mund gekommen, als sie denken konnte.

Daniel schaute sie an und man sah die Fragezeichen geradezu um seinen Kopf herum schwirren. »Was meinst du mit damals?«

»Ach, vergiss es. Ich habe da gerade etwas durcheinandergebracht.«

Noch immer sah Daniel verwirrt aus, schüttelte dann aber kurz den Kopf und zuckte mit den Schultern.

»Daniel, ich muss dich um etwas bitten. Auch wenn es jetzt so aussieht, als würde es daran liegen, was Michael gemacht hat und ich ihm damit eines auswischen wollte. Bitte glaube mir, dem ist nicht so.«

»Julie, so wie du das sagst, bekomme ich langsam Angst. Worum geht es? Na los, raus damit.«

»Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich und auch Michael sehr gerne habe. Ihr beide seid mir unheimlich wichtig. Und ich weiß auch, dass dir die Freundschaft zu Michael unheimlich viel bedeutet. Aber ich habe das Gefühl, dass er darüber etwas anders denkt. Das ist nur eine Ahnung von mir. Aber deshalb bitte ich dich, ein wenig vorsichtig zu sein. Behalte meine Ahnung im Hinterkopf, vertrau ihm nicht immer blind und hinterfrage die Dinge auch mal. Und nochmal: Das hat nichts mit letztem Wochenende zu tun.«

»Puh, das muss ich jetzt erstmal sacken lassen. Du stellst hier gerade Michaels Loyalität mir gegenüber in Frage. Das ist heftig. Macht es dir etwas aus, mich jetzt allein zu lassen? Ich glaube, ich muss in Ruhe nachdenken.«

Auf dem Weg nach Hause fing Julie an, sich Vorwürfe zu machen. Hatte sie mit ihrer Warnung die Freundschaft zu Daniel ruiniert? Würde er das, was sie gesagt hatte, falsch auffassen oder sich tatsächlich zu Herzen nehmen? Sie hoffte nur, keinen Fehler begangen zu haben.

- 13 -

Der Wecker klingelte. Julie schlug die Augen auf und räkelte sich ausgiebig im Bett, als ihr Blick an etwas hängen blieb. Am Kleiderschrank gegenüber hing eine Kleiderhülle mit etwas darin, dass wie ein Umhang aussah. Das hatte gestern noch nicht dort gehangen.

Plötzlich hellwach sprang sie aus dem Bett, um das Objekt näher zu betrachten. Es war ein Talar, wie sie ihn bei der Verleihung ihres Diploms tragen würde. Aber das würde noch mindestens zwei Jahre dauern.

Wieder mal verwirrt lief sie ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und zappte zum Nachrichtensender. Unten in einer Ecke war das aktuelle Datum eingeblendet: 08. Mai 2004. Also war es schon wieder passiert. Sie hatte im Schlaf mal eben drei Jahre übersprungen.

Wie für sie in dieser Situation bereitgelegt, sah sie auf dem Tisch vor sich einen Zettel liegen: »Einladung zur Graduierungsfeier 2004« prangte als Überschrift darauf. Kurz überflog Julie den Text, um gleich darauf in Hektik auszubrechen. Die Feier war heute. Sie musste sich zurechtmachen.

Auf dem Weg zum Unigelände rotierten ihre Gedanken. Sie hatte so viel Zeit übersprungen. Was war in der Zwischenzeit alles geschehen? Wie war ihr Verhältnis zu Daniel und Michael im Moment? Waren sie noch befreundet? Hatten sie überhaupt noch Kontakt? So viele Fragen, auf die sie die Antwort nicht kannte. Sie wusste noch, wie es damals auf ihrer Graduierungsfeier gewesen war. Sie und Michael waren ein Paar, Daniel der gute Freund. Aber jetzt? Jetzt müsste es anders sein, nachdem sie Michael an dem Abend ausgetrickst hatte. Und Daniel? Das letzte Gespräch, für sie war es erst gestern gewesen, war nicht sehr erfreulich verlaufen. Sie hatte ihn vor Michael gewarnt und Daniel hatte es nicht gerade positiv aufgefasst. Doch wie war es danach weitergegangen?

Langsam betrat sie den Bereich auf dem Unigelände, der jedes Jahr für die Feiern zurechtgemacht wurde. Ihr Blick glitt über die Reihen und Gruppen von Studenten, deren Freunden und Angehörigen, in der Hoffnung, einen der beiden Männer zu erblicken. Doch das Gedränge war zu dicht und in den feierlichen Talaren sahen sich alle so ähnlich, dass es sinnlos war, weiter zu suchen.