Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse - Ralph Schock - E-Book

Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse E-Book

Ralph Schock

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Beschreibung

Ralph Schock beschreibt eine Kindheit in den 1950er Jahren. Es geht um Murmeln, Fieber, Hausschlachtungen, Medizinschränke, Kindertaschentücher, Gulaschkanonen, Radios und die Abstimmung von 1955 über die Wiedereingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik. Der Kern dieser Geschichten ist so präsent und zugleich so fern und fremd wie ein Insekt in einem Stück Bernstein: Erinnerungsbruchstücke, die eingeschlossen, aber noch sichtbar sind. Sandkörner, um die sich, wie in einer Muschel, allmählich Material anlagert, sie kapseln sich ein, wachsen zu.

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Seitenzahl: 74

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis
Lieblingshöhle
Das andere Versteck
Pfauen
Haarsträhne
Badeschwamm
Foto
Umzug
Oparation
Kanonenfutter
Kameraden
Sprichwort
Schlachten
Deputatschwein
Klicker
Badezimmer
Nicht gehört
Wintereis
Das Mädchen
Streichhölzer
Graf Koks
Fast erwachsen
Inflation
ABC
Schienbein
Liebe
Markknochen
Steckdosenmaus
So oder so
Abortgrube
Halbgehenkt
Kurven
Kriechspielen
Fieber
Ehre
Gott
Feigling
Zaun
Vaters Leiter
Schnee
Einundalles
Hansi
Gagnes
Klopapier
Kohlen
Patengeschenk
Gastarbeiter
Neugier
Unerreichbar
Das schwarze Loch
M.
Prüfung
Dankbar
Hans
Hammelführer
Pferde
Frühling
Boskoop
Bonbons
Seitengewehr
Flintenweiber
Partisanen
Soldaten
Blasen
Preußens Gloria
Fastnacht
Gut Pfad
Eins, zwei, drei, vier
Wichse
Taschenlampe
Nestelknappe
Schmuggel
Krüppel
Hellseher
Der Tankwart
Plumpsklo
Märklineisenbahn
Bücher
Liegestütze
Durst
Teppichhändler
Die Kiste
Tag X
Straßenbahn
Nachtfahrt
Traum
Haushaltswaren
Taschentücher
Lieblingsschüler
Französisch
Hausmusik
Tierpräparator
Frisör
Hering
Freude
Wunder
Lesen
Urlaub
Hilfe
Waschmaschine
Frag sie, sag ihm
Werbung
Initialen
Geographie
Unsere Kolonien
Moskau
Erziehung
Angst
Seenot
Henrystutzen
08
Ameisengott
Lederstrumpf
Kranzkuchen
Nitroglyzerin
Rauschen
Laub
Blind schreiben
Schwimmbad
Dreimeterbrett
Leiche
Konfirmation
Kegeljunge
Ralph Schock
Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse
Eine Kindheit in den 50ern
Ralph Schock beschreibt eine Kindheit in den 1950er Jahren. Es geht um Murmeln, Fieber, Hausschlachtungen, Medizinschränke, Kindertaschentücher, Gulaschkanonen, Radios und die Abstimmung von 1955 über die Wiedereingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik. Der Kern dieser Geschichten ist so präsent und zugleich so fern und fremd wie ein Insekt in einem Stück Bernstein: Erinnerungsbruchstücke, die eingeschlossen, aber noch sichtbar sind. Sandkörner, um die sich, wie in einer Muschel, allmählich Material anlagert, sie kapseln sich ein, wachsen zu.
Ralph Schock, geboren 1952 in Ottweiler (Saar), ist Autor, Herausgeber und Literaturredakteur. Er lebt und arbeitet in Saarbrücken. Bis Sommer 2017 leitete er die Literaturredaktion des Saarländischen Rundfunks. »Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse« ist seine erste literarische Veröffentlichung.
»Er wirft das Netz Erinnerung aus, wirft es über sich und zieht sich selbst, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle, die Ortsschwelle, um zu sehen, wer er war und wer er geworden war.«
Ingeborg Bachmann
»Eigenartigerweise weiß ich nicht, […] ob ich damals unglücklich oder glücklich oder was ich überhaupt gewesen bin.«
W. G. Sebald
»… daß Erinnern in gewissem Sinne Erfinden ist.«
Pascal Mercier
»… aber wer ist gerecht, wenn es um seine Kindheit geht?«
Irène Némirowsky

Lieblingshöhle

Meine Lieblingshöhle war ein Verschlag unter der Flurtreppe. Sogar ich musste mich bücken, um hineinzukommen. Mit zwei Magneten an der Sperrholztür und am Rahmen war sie zu verschließen. Nur direkt hinter der Tür konnte ich stehen, meist saß ich auf einer winzigen Fußbank. Es roch nach Bohnerwachs, Terpentin und Staub. Meine Spielsachen lagen auf einem von Vater zusammengenagelten kleinen Regal. Licht gab eine Glühbirne, ich konnte sie mit einem dicken braunen Bakelitschalter an- und ausdrehen. Manchmal zog ich die Tür von innen zu, löschte das Licht und rührte mich nicht. Ging jemand die Treppe hinauf oder herab, versuchte ich am Knarren zu erkennen, wer es war.

Das andere Versteck

Das andere Versteck war unter Omas Nähmaschine. Kroch ich auf den hinteren Teil des breiten Fußpedals, so senkte es sich nach unten. Auf der linken Seite schützte mich das Schwungrad mit dem runden Treibriemen aus Leder, rechts der gusseiserne Rahmen. Und hinter der Nähmaschine waren die Holzstäbe des Treppengeländers.

Pfauen

Vor dem Einschlafen fiel mein Blick aus dem Gitterbett im Schlafzimmer der Eltern zum Fenster. Davor hing eine weiße Tüllgardine mit zwei Rad schlagenden Pfauen. Strich der Wind hinein, bewegten sie ihre Schwanzfedern. Obwohl ich es nicht durfte, kletterte ich auf die Querstange am Fußende des Gitterbetts und warf mich auf die Bettdecke. Manchmal krachten Rost und Matratze herunter, dann schraubte Vater am nächsten Tag den Rahmen wieder an. Einmal blieb ich mit der Zehe im Rad eines Pfaus hängen und zerriss den Vorhang. Mutter nähte das Loch zu, doch im Rad war nun eine Delle.

Haarsträhne

Mit dem rechten Zeigefinger drehte ich beim Einschlafen meine Haare zu einem Büschel zusammen, unablässig und auf der immer gleichen Stelle des Kopfes. Das Kreisen erzeugte ein mahlendes Geräusch im Schädel, auf dem Weg nach unten hörte es sich dumpf an, nach oben hell. Eines Morgens war die Strähne so zusammengezwirbelt, dass weder mit Kamm noch Bürste durchzukommen war. Da nahm Mutter ihre große Stoffschere und schnitt sie ab.

Badeschwamm

Es gefiel mir nicht, das Spielen unterbrechen zu müssen, um zu pinkeln. Deshalb ging ich vorher aufs Klo. Und um möglichst alles loszuwerden, drückte ich auf den Hoden herum wie samstags in der Wanne auf dem Badeschwamm.

Foto

Als Vater ein Foto von mir aufnehmen wollte, nahm er mich bei der Hand und stellte mich auf die Straße. Mutter und eine Nachbarin schauten zu. Vater entfernte sich ein paar Schritte, blickte in eine schwarze Box, die er vor die Brust hielt, ging in die Hocke, schirmte mit der Hand die Augen ab, schwenkte den Apparat hin und her und winkte mich etwas zur Seite. Ich begann zu weinen. Die Nachbarin kam, streichelte mir über die Haare und versuchte, meinen Kopf in die Kamera zu drehen. Ich wollte nicht und drückte mein Gesicht in ihre Kittelschürze. Als meine Wangen den kühlen Stoff berührten, fühlte ich mich sicher.

Umzug

Eines Tages sagte Vater, ich hätte nun lange genug bei ihnen gewohnt, und stopfte einen Waschlappen, ein Handtuch und ein Stück Seife in meinen kleinen roten Koffer. Ab jetzt würde ich drei Häuser weiter bei Familie R. leben. Er nahm mich an der Hand und öffnete die Küchentür. Zur Not wäre ich überall hingegangen, aber niemals zur Familie R. Der alte Mann lag den ganzen Tag im Unterhemd am Fenster und schrie seiner Frau hinterher. Diese hatte am Kinn eine Warze, aus der schwarze Haare wuchsen. Am meisten fürchtete ich mich vor ihrem Hund, einem weißen Spitz, der mich ankläffte, wenn ich vorbeiging. Wir standen noch in der Küchentür, ich hielt den Koffer in der Hand, als Vater plötzlich loslachte. Mitsamt Koffer hob er mich hoch und drückte mich an sich.

Oparation

Opa war im Ersten Weltkrieg Koch gewesen. Er habe, erzählte er, die ganze Zeit an der Gulaschkanone gestanden. Nach dem Krieg war er Schießmeister auf der Grube in K. Am Wochenende machte er mit Kollegen in einer Wirtschaft Tanzmusik. Er spielte Akkordeon und Schlagzeug. Nach seiner Pensionierung stand er jeden Tag um sechs Uhr auf und begann das Mittagessen zu kochen, nur sonntags war Oma an der Reihe. Kam ich morgens zu ihm in die Küche, brannte schon lange das Feuer. Den ganzen Vormittag über stand er am Herd und rührte in seinen Töpfen, bis Schlag zwölf gegessen wurde. Einmal hörte ich, daß Tante F. opariert werden müsse. Vor dem Einschlafen stellte ich mir vor, wie sie auf dem Küchentisch lag, Opa breitbeinig neben ihr stand und mit seinem dicken Kartoffelstößel in ihrem Bauch herumrührte.

Kanonenfutter

Immer wenn Opa erzählte, dass er im Ersten Weltkrieg Küchenbulle an der Gulaschkanone gewesen war, sah ich ihn dicke Fleischstücke in das Kanonenrohr stopfen, kochendes Wasser nachschütten und die Lunte anzünden. Und stellte mir vor, wie die geballte Ladung in die feindlichen Reihen krachte.

Kameraden

Mein größter Wunsch war es, Spielkameraden zu haben, sei es in einem Heim oder in einer anderen Familie. Doch in Heime kamen nur arme Waisen. So malte ich mir immer neue Unglücke oder Schicksalsschläge aus: Autounfälle, schlimme Krankheiten oder Überfälle auf die Geldtransporte der Post, die Vater mit einer Pistole 08 begleiten musste. Oder einen herabstürzenden Schornstein. Wie jener, der bei einem Gewitter vom Dach des Nachbarhauses auf das Trottoir gekracht war und den eisernen Ascheneimer plattgedrückt hatte. In der neuen Familie sollten Kinder in meinem Alter sein. Aber wenn ich auch dort das einzige Kind wäre?

Sprichwort

Weil ich mir unter einem Sprichwort nichts vorstellen konnte, bat ich Oma, mir eins zu sagen. Sie überlegte eine Weile, während sie nasse Geschirrtücher an der Stange des Kohleherds aufhängte. Dann sagte sie: Ach, es gibt so viele. Zum Beispiel: Steht der Tropfen, heult der Stein.

Schlachten

Der Metzger im Schweinestall hatte eine weiße Gummischürze um den Bauch gebunden, in der Rechten hielt er einen Bolzenschussapparat. Drei Helfer standen dabei und betrachteten das Schwein. Einer drehte sich um und sagte, ich sei schon groß und müsse ihnen helfen. Als die Männer das Tier packten, quiekte es laut. Einer rief, ich solle jetzt das Schwänzchen packen und festhalten. Kaum hatte ich das kratzige Ding in der Hand, presste der Metzger den Apparat an die Stirn des Schweins und drückte ab. Es knallte und ich spürte einen heftigen Schlag in der Hand. Erschrocken ließ ich los, das Schwein stürzte zu Boden und zuckte am ganzen Körper. Zwei Läufe zitterten in der Luft, die anderen kratzten wie rasend durch das Stroh am Boden.

Deputatschwein