Kafkas letzter Prozess - Benjamin Balint - E-Book

Kafkas letzter Prozess E-Book

Benjamin Balint

0,0

Beschreibung

Der berühmteste Koffer der Literaturgeschichte hätte es beinahe nicht geschafft. Max Brod hatte ihn bei sich, als er 1939 mit dem letzten Zug von Prag nach Palästina floh. Im Koffer: ­Manuskripte, Notate, Kritzeleien seines Freundes Franz Kafka. Jahrzehnte später entsponn sich darum ein Gerichtskrimi, der erst 2016 ein Ende fand. Vordergründig wurde über den Nachlass von Max Brod entschieden, doch standen noch ganz andere Fragen im Raum: War Kafka vor allem ein jüdischer Autor ? Wo ist sein Erbe richtig aufgehoben ? In Israel ? Oder in jenem Land, in dessen Namen Kafkas Familie einst ausgelöscht wurde ? Eine filmreife Geschichte, die nicht nur zeigt, weshalb die Frage, wem Kafka gehört, zum Glück nie entschieden werden kann. "Eine meisterliche Spurensuche." Cynthia Ozick "Dieses gut recherchierte, spannende Buch erhellt das komplexe Verhältnis zwischen Literatur, Religion, Kultur und Nationalität." Publishers Weekly

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Benjamin Balint

Kafkas letzter Prozess

Aus dem Englischen von Anne Emmert

Für Karina

1Das letzte Rechtsmittel

2»Fanatische Verehrung«: Der Erste, der Kafkas Faszination erlag

3Der erste Prozess

4Flirt mit dem Gelobten Land

5Erstes und zweites Urteil

6Letzter Sohn der Diaspora: Kafkas jüdisches Nachleben

7Die letzte Einsammlung: Kafka in Israel

8Kafkas letzter Wunsch, Brods erster Verrat

9Kafkas Schöpfer

10Der letzte Zug: Von Prag nach Palästina

11Der letzte Seiltänzer: Kafka in Deutschland

12Laurel und Hardy

13Brods letzte Liebe

14Die letzte Erbin: Ausverkauf Kafkas

15Das letzte Urteil

Epilog

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Danksagung

Über den Autor

1

Das letzte Rechtsmittel

Oberster Gerichtshof Israels, Schaarei-Mischpat-Straße 1, Jerusalem, 27. Juni 2016

Das Wort »sein« bedeutet im Deutschen beides: Da-sein und Ihm-gehören.

FRANZ KAFKA, »Zürauer Aphorismen«1

An einem Sommermorgen saß Eva Hoffe, 82, in der hohen Eingangshalle des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem auf einer blitzblank polierten geschwungenen Holzbank, die Hände im Schoß gefaltet. Eine der Freundinnen, die zu ihrer Unterstützung mitgekommen waren, vertrieb sich die Zeit bis zur mündlichen Verhandlung mit der Lektüre der Tageszeitung Ma’ariv. Evas Verhältnis zur Presse war eher distanziert; sie hasste die »Lügenmärchen« der Journalisten, die sie gern als exzentrische Katzenfrau und als Opportunistin darstellten und behaupteten, sie wolle mit wertvollen Kulturschätzen, die gar nicht in private Hände gehörten, schnelles Geld machen. Auf der Titelseite fiel Eva eine Schlagzeile in roten Großbuchstaben ins Auge. »Jetzt versteigern die sogar eine Haarlocke von David Bowie«, empörte sie sich. »Ja, als wäre es eine religiöse Reliquie«, erwiderte die Freundin.

An diesem Tag sollte über Kultgegenstände völlig anderer Art verhandelt werden. Drei Monate zuvor, am 30. März 2016, hatte Eva erfahren, dass das Oberste Gericht ihren Fall »aufgrund des großen öffentlichen Interesses« verhandeln wolle. Merkwürdigerweise fehlte die Sitzung auf der Liste der Gerichtstermine für diesen Tag. Auf der digitalen Anzeigentafel in der Eingangshalle stand nur »Anonym gegen Anonym«.

Eva war eine knappe Stunde zu früh gekommen; vielleicht hatte sie die Anzeigentafel gar nicht gesehen. Den Schutz der Anonymität mochte sie sich sogar wünschen, doch an diesem Tag blieb er ihr versagt. Ein bald neun Jahre währender Nachlassstreit näherte sich seinem Höhepunkt. Über die vorangegangenen Etappen des Prozesses, der mit juristischen, ethischen und politischen Problemen nur so gespickt war – die Verhandlungen vor dem Familiengericht Tel Aviv (September 2007 bis Oktober 2012) und vor dem Bezirksgericht Tel Aviv (November 2012 bis Juni 2015) –, hatte die israelische und internationale Presse ausgiebig berichtet. Von Anfang an war es in dem Disput um die Abwägung zwischen Eigentumsrechten und dem öffentlichen Interesse zweier Länder gegangen: Gehört der Nachlass des deutschsprachigen Prager Schriftstellers Max Brod Eva Hoffe oder der Israelischen Nationalbibliothek, oder wäre er am besten im Deutschen Literaturarchiv in Marbach untergebracht? Allerdings stand mehr auf dem Spiel als der Nachlass Max Brods, einer einstmals berühmten Gestalt der mitteleuropäischen Kultur. Denn Brod war Freund, Herausgeber und literarischer Nachlassverwalter eines anderen Prager Schriftstellers, dessen Name für die moderne Literatur schlechthin steht: Franz Kafka.

Brods Nachlass enthielt nicht nur seine eigenen Manuskripte, sondern auch Papiere Kafkas, einige empfindlich wie Herbstlaub. Dessen große Manuskripte, Briefe und Tagebücher waren zu diesem Zeitpunkt natürlich längst publiziert – laut Stefan Litt, dem Leiter des deutschsprachigen Archivs der Nationalbibliothek, gebe es »nichts von Kafka, das noch unveröffentlicht sei«. Doch waren noch nicht sämtliche Handschriften, Postkarten, Kritzeleien und ähnliche Originale in Archiven zugänglich. Das Besondere an diesen Papieren sei, so Litt, »die ›Aura‹ des Handschriftlichen«.2 Von Max Brods eigenen Aufzeichnungen allerdings – darunter seine frühen Tagebücher – versprachen sich Fachleute 92 Jahre nach Kafkas Tod neue Einblicke in die erstaunliche Welt des Schriftstellers, der einen unnachahmlichen, unverwechselbaren surreal-realistischen Stil entwickelt und für das 20. Jahrhundert prägende Texte über Orientierungslosigkeit, Absurdität und gesichtslose Tyrannei geschaffen hatte; der außergewöhnliche Fall eines Autors, aus dessen Namen ein Adjektiv abgeleitet wurde. Die unwahrscheinliche Geschichte, wie Kafkas Manuskripte in die Hände der Familie Hoffe gelangt waren, erzählt von einem noch unbekannten, aber genialen Schriftsteller, über dessen letzten Wunsch sich sein bester Freund hinwegsetzte; von dessen Flucht vor den nationalsozialistischen Besatzern, kurz bevor sich die Tore Europas schlossen; von der Liebe zweier Exilanten, die in Tel Aviv gestrandet waren; von zwei Ländern, deren wie besessen betriebene Vergangenheitsbewältigung an diesem Tag vor dem Obersten Gericht offen zutage trat. Der Prozess warf aber vor allem eine hochbrisante Frage auf: Wem gehört Kafka?

Eva, die sich nun also im Auge des Sturms wiederfand, war am 30. April 1934 in Prag zur Welt gekommen, ein Jahrzehnt nachdem Kafka auf dem Neuen Jüdischen Friedhof der Stadt beigesetzt worden war. Als sie mit ihren Eltern Ester (Ilse) und Otto Hoffe und ihrer älteren Schwester Ruth aus dem besetzten Prag floh, war sie fünf Jahre alt. Sie zeigte mir Fotografien ihrer Mutter als junger Schönheit in Prag mit ihrer Deutschen Dogge Tasso, benannt nach dem italienischen Dichter des 16. Jahrhunderts, der das berühmte Versepos La Gerusalemme liberata (Befreites Jerusalem) geschrieben hatte. »Eine meiner Katzen habe ich auch Tasso genannt«, sagte Eva Hoffe.

Nach ihrer Ankunft in Palästina besuchte Eva zunächst die Schule in Gan Schmuel, einem Kibbuz im Norden des Landes nahe der Stadt Chadera, und anschließend das landwirtschaftliche Internat im zentralisraelischen Jugenddorf Ben Schemen. Dort nahm ihre Lieblingslehrerin, die Künstlerin Naomi Smilansky, das Mädchen unter ihre Fittiche. Doch Evas Zeit in Ben Schemen war von Einsamkeit überschattet. »Ich litt unter schrecklichem Heimweh und weinte fast jede Nacht«, sagte sie. Als 1948 nach dem Ausbruch des Israelischen Unabhängigkeitskriegs Truppen der Arabischen Legion Ben Schemen belagerten, wurden die Schüler in gepanzerten Bussen evakuiert. Eva Hoffe schloss später ihre schulische Ausbildung in der progressiven Tel Aviver Eliteschule Tichon Hadasch ab. Dort förderte sie Rektor Toni Halle, ein gebürtiger Deutscher, der seit seiner Studienzeit mit Gershom Scholem befreundet war. Eva flüchtete sich damals gern in Bücher. Ihre Mutter schrieb im Juni 1950, als Eva sechzehn Jahre alt war, an Dora Diamant: »Sie liest in jeder freien Minute und wird sich gewiss in den Ferien hauptsächlich von Buchfutter ernähren.«3

Nach dem Krieg trat Eva Hoffe in eine Nachal-Truppe der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte ein. (Solche Einheiten unter dem Kommando des Bildungs- und Jugendcorps verbinden ehrenamtliches soziales Engagement, gemeinnützige oder landwirtschaftliche Arbeit und Militärdienst.) Anschließend nahm sie ein musikwissenschaftliches Studium in Zürich auf. Noch vor dem Abschluss kehrte sie jedoch 1966 nach Tel Aviv zurück, auch, um beruhigend auf ihren Vater Otto einzuwirken, den der Gedanke an mögliche Kampfhandlungen zwischen Israel und den benachbarten arabischen Staaten quälte. »Er litt unter schrecklicher Kriegsangst«, erzählte sie. »Er fürchtete, sie würden uns abschlachten.«

Im Sommer 1967 kam es zum Sechstagekrieg. An jedem dieser sechs Tage ging Eva ins Café Kassit in der Dizengoff-Straße, setzte sich an einen der winzigen Tische auf dem Gehweg und trank einen Espresso, über sich die sechs Wandbilder mit marionettenartigen Harlekinen und Musikern, die Jossel Bergner auf die Straßenfassade des Cafés gemalt hatte. Im Kassit tauschten langhaarige Künstler, ungepflegte Intellektuelle, Straßenhändler und hohe Militärs wie Mosche Dajan die neusten Gerüchte aus. (Major Ariel Scharon, der spätere Ministerpräsident, wies einmal einen Unteroffizier mit den Worten zurecht: »Ihr sitzt da im Kassit und quatscht mit Journalisten der Haolam Haseh über unsere Operationen.«) Alles, was Rang und Namen hatte, steckte in dem Café »die Köpfe zusammen; und schon Reibung allein erzeugt Inspiration«, erzählte später der Stammgast Uri Avnery, damals Herausgeber der Haolam Haseh. Jeden Tag brachte Eva aufgeschnappte Gesprächsfetzen, Neuigkeiten vom Kriegsverlauf, mit nach Hause. Ihr Vater quittierte ihre Berichte über israelische Siege mit Unglauben.4

Nach dem Sechstagekrieg gab Eva Erst- und Zweitklässlern Musikunterricht und fand große Freude an den Improvisationen der Kinder. Im folgenden Jahr jedoch erlitt sie einen doppelten Verlust: Innerhalb von fünf Monaten starben ihr Vater und der Schriftsteller Max Brod, Emigrant aus Prag und für sie eine Vaterfigur. Das Musizieren und der Unterricht machten ihr fortan keinen Spaß mehr.

Während Eva Hoffe noch trauerte, empfahl sie der israelische Dichter und Liedermacher Chaim Chefer, ebenfalls Stammgast im Café Kassit, für eine Anstellung bei der israelischen Fluggesellschaft El Al. Drei Jahrzehnte lang gehörte sie dem Bodenpersonal an. »Flugbegleiterin wollte ich nicht werden«, erzählte sie, »weil ich bei meiner Mutter sein wollte.« Stattdessen lauschte sie mit fast kindlicher Begeisterung dem Brüllen der Flugzeugtriebwerke und sah den Bodenlotsen mit ihren reflektierenden Sicherheitswesten, dem Gehörschutz und den Leuchtkellen beim Einweisen der Flugzeuge zu. 1999 trat sie mit 65 Jahren in den Ruhestand.

In all den Jahren bei der El Al verspürte Eva nie das Verlangen, nach Deutschland zu fliegen. »Ich konnte nicht vergeben«, sagte sie. Auch eine Heirat kam nicht infrage. »Als ich mitbekam, wie beleidigend Felix Weltsch [ein Freund Kafkas, der mit Max Brod von Prag nach Palästina geflohen war] über seine Frau Irma sprach, wusste ich, dass ich nicht heiraten wollte.« Lieber lebte sie in einer engen Wohnung in der Spinoza-Straße mit ihrer Mutter Ester und ihren Katzen in einer Art Symbiose.

Eva Hoffe bewegte sich zwar in den intellektuellen Kreisen von Tel Aviv, in denen auch ihre Freunde verkehrten, der in Berlin geborene hebräische Dichter Natan Sach und der Künstler Menashe Kadishman, sah sich aber nie als Intellektuelle. Mir gestand sie, dass sie nicht viele von Brods Büchern gelesen habe. Eva Hoffe hatte keine Kinder. Menschliche Nähe fand sie in einem Kreis ergebener Freundinnen, die sie vergötterten. Drei von ihnen leisteten ihr nun im Obersten Gerichtshof in einer Nische der Eingangshalle vor Beginn der Verhandlung Gesellschaft. »Egal, was passiert«, warnte sie die Freundin mit der Zeitung, »sag kein Wort; keine Ausbrüche.« Eva nickte und kleidete ihren Missmut in die Worte eines anderen. »Wenn Max Brod noch lebte, würde er vor Gericht treten und sagen: ›Jetzt Schluss damit!‹«, zitierte sie ihn auf Deutsch.

Eine israelische Romanautorin vertraute mir einmal an, für sie sei Eva Hoffe die »Witwe von Kafkas Gespenst«. Eva, verfolgt von der Angst vor Enterbung, hatte dessen Verzweiflung über die Undurchsichtigkeit der Justiz übernommen. In Kafkas unvollendetem Roman Der Prozess, nach seinem Tod von Max Brod bearbeitet und herausgegeben, sagt der Onkel zu Josef K.: »Wenn man dich ansieht möchte man fast dem Sprichwort glauben: ›Einen solchen Prozeß haben, heißt ihn schon verloren haben‹.«5 Ähnlich verzweifelt war Eva. »Wenn das ein Tauziehen wäre, hätte ich keine Chance«, sagte sie. »Ich kämpfe gegen ungeheuer mächtige Gegner, ungeheuer mächtig.« Sie meinte den Staat Israel, der geltend machte, die Dokumente, die ihre Mutter von Kafkas bestem Freund geerbt hatte, gehörten nicht ihr, sondern der Nationalbibliothek in Jerusalem. Und nicht nur um die eigentliche Erbschaft ging es hier. Noch zu Lebzeiten hatte Max Brod Ester Hoffe einige Kafka-Manuskripte geschenkt, die sie wiederum an ihre Töchter weitergegeben hatte. Jahrzehnte nach Brods Tod wurde nun über die Rechtmäßigkeit sowohl der Erbschaft als auch der Schenkung entschieden.

Die Stimmen der Beteiligten aus der vorangegangenen Verhandlung verhallten. Eva machte sich mit bleichem Gesicht, aber wachen Auges auf den Weg in den Gerichtssaal. »Wenn Sie mich fragen«, sagte sie, während sie die schwere Tür zum Saal aufdrückte, »sind die Wörter Gerechtigkeit und Anstand aus dem Wörterbuch gestrichen.«

In Der Prozess sind die Gerichtssäle nur schwach beleuchtet. Der Raum in Jerusalem dagegen erinnert an eine hohe Kapelle, deren schmucklose weiße Wände im Tageslicht erstrahlen. Glanz und Pomp sucht man hier vergebens. Das rechteckige Gebäude des Obersten Gerichtshofs, dessen Bau von der Londoner Philanthropin Dorothy de Rothschild beauftragt wurde, ist mit Jerusalem-Stein verkleidet. Auf dem Dach erhebt sich eine kupferverkleidete Pyramide, inspiriert vom vorzeitlichen Grab des Propheten Zacharias, das östlich von Jerusalem aus dem Felsgestein des Kidrontals gehauen wurde.

An einem halbrunden Tisch saßen neun Anwälte in schwarzer Robe. Sie sollten den drei nicht unbedingt gleich starken Parteien in diesem Rechtsstreit eine Stimme geben: der Israelischen Nationalbibliothek (die den Prozess ins Rollen gebracht hatte und nun die Interessen des Staates Israel vertrat – sozusagen mit Heimvorteil, weil das Verfahren auf israelischem Boden stattfand), dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach (das vor Gericht das Recht erwirken wollte, Eva Hoffe ein Kaufangebot für die Manuskripte zu unterbreiten, und das gegenüber den anderen beiden Parteien den Vorteil bedeutenderer finanzieller Mittel genoss) und Eva Hoffe (in deren physischem Besitz sich die von den anderen begehrten Güter zumindest vorläufig noch befanden). Jede der Parteien beteiligte sich mit rechtlichen Mitteln am Disput, und jede Partei (wie auch die Richter) wechselte zwischen zwei rhetorischen Ebenen hin und her: der rechtlichen und der symbolischen. Juristisch versprach das Verfahren, Fragen zu erhellen, die für Israel, Deutschland und das nach wie vor belastete Verhältnis zwischen beiden Ländern von anhaltender Bedeutung waren. Das Marbacher Archiv und die Nationalbibliothek brachten ihre jeweilige nationale Vergangenheit im Gerichtssaal zur Sprache (wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise); beide wollten mit Kafka als Trophäe diese Vergangenheit würdigen, gerade so, als lasse sich der Schriftsteller in den Dienst des Nationalprestiges stellen.

Die Anwälte saßen mit dem Rücken zu den Zuschauern den drei Richtern auf dem erhöhten Podium gegenüber: Joram Danziger (ehemals Spitzenanwalt für die Wirtschaft) saß links, Eljakim Rubinstein (ehemals Generalstaatsanwalt) in der Mitte und Zwi Zylbertal (ehemals Richter am Bezirksgericht Jerusalem) rechts. Diesen Männern fiel die Aufgabe zu, die Rechtmäßigkeit der jeweiligen Ansprüche gegen die Grenzen dieser Rechtmäßigkeit abzuwägen.

Eva Hoffe setzte sich allein in die erste Reihe. Monate zuvor war ich ihr zufällig in Tel Aviv in der Ibn-Gwirol-Straße unweit ihrer Wohnung begegnet; damals wirkte sie verloren, schien einsam umherzuirren. Heute lag ein Ausdruck ungeteilter Aufmerksamkeit und Klarheit auf dem Gesicht mit den vielen dunklen Pigmentflecken. Sie setzte sich hinter ihren Rechtsvertreter Eli Sohar, einen Staranwalt mit besten Verbindungen, der Wirtschaftsbosse, hochrangige israelische Armeeoffiziere, Spitzenkräfte der israelischen Militärindustrie und des Inlandsgeheimdienstes Schabak ebenso vertreten hatte wie, wenn auch weniger erfolgreich, den früheren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert. (Olmert, der 2012 wegen Untreue und 2014 wegen Korruption schuldig gesprochen worden war, musste im Februar 2016 eine neunzehnmonatige Gefängnisstrafe antreten.) Eva Hoffe hatte in den acht Jahren zuvor mehrmals den Anwalt gewechselt: Ehe sie sich auf Sohar verlegte, war sie von Jeschajahu Etgar, Oded Cohen und Uri Zfat vertreten worden. Sie erzählte mir, sie habe zu Sohars Gunsten eine Pfandverschreibung für ihre Wohnung unterzeichnet, damit der Anwalt, falls sie vor Abschluss des Verfahrens sterben sollte, auch sein Honorar erhielt.

Eli Sohar, das dünne Haar auf eine Seite gekämmt, die schwarze Robe lotrecht zum gebohnerten Parkett, räusperte sich und sprach mit distanzierter Höflichkeit und ohne viel Pomp. In seinem kraftvollen Bariton begann er mit der Feststellung, das Gericht habe gar keine Entscheidung zu fällen. Das Urteil sei faktisch schon vier Jahrzehnte zuvor gefallen. Als Franz Kafka 1924 einen Monat vor seinem 41. Geburtstag an Tuberkulose starb, habe sich sein enger Freund und Gefährte Max Brod – selbst ein produktiver und angesehener Autor – über Kafkas letzte Anweisung hinweggesetzt, die verbliebenen Manuskripte, Tagebücher und Briefe ungelesen zu verbrennen. Stattdessen habe Brod die Manuskripte gerettet und den Rest seines Lebens der Aufgabe gewidmet, Kafka als prophetischstem und verstörendstem Chronisten des 20. Jahrhunderts Eingang in den Literaturkanon zu verschaffen. Nachdem Brod 1968 in Tel Aviv gestorben sei, sei [die Verfügungsgewalt über] dieses Konvolut auf seine Sekretärin und Vertraute Ester Hoffe, Evas Mutter, übergegangen.

Fünf Jahre nach Brods Tod, 1973, fuhr Sohar fort, habe der Staat Israel Ester Hoffe wegen des Besitzes der Manuskripte verklagt. Den Fall habe Richter Jitzchak Schilo am Bezirksgericht Tel Aviv verhandelt. Im Januar 1974 habe Richter Schilo geurteilt, dass Brods Letzter Wille »Frau Hoffe erlaubt, zu Lebzeiten nach Belieben über den Nachlass zu verfügen«.

Mit Verweis auf dieses Präjudiz erklärte Sohar, das derzeitige Verfahren sei bei allem gebotenem Respekt unnötig. Es gebe keinen Anlass, einen Fall neu zu verhandeln, in dem Ester Hoffe das Anrecht auf die in ihrem Besitz befindlichen Papiere bereits zugesprochen worden sei.

Dieses Argument machte bei Richter Rubinstein wenig Eindruck. Schulmeisterlich und mit dem Anstrich der Allwissenheit fertigte er Sohar ab. »Der Herr Anwalt möge bitte auf den Punkt kommen. Wir können nicht allzu viel Zeit auf Richter Schilos Urteil verwenden, das wir gelesen haben. Der Herr Anwalt möge fortfahren.«

Unbeeindruckt versuchte es Sohar mit einem anderen Kurs: Warum, fragte er, sollten die Nachlässe von Kafka und Brod in die Israelische Nationalbibliothek überführt werden, eine Institution, der es doch offensichtlich an Fachleuten für deutsche Literatur mangele?

Es sei aber doch nicht so sehr die Frage, warf Richter Zylbertal von der rechten Seite der Empore ein, ob die Bibliothek Fachleute vorweisen könne, sondern ob sie das Material aufnehmen und Wissenschaftlern, die es konsultieren wollten, zugänglich machen könne.

Nun erhob sich Anwalt Jossi Aschkenasi, gerichtlich bestellter stellvertretender Verwalter des Brod-Nachlasses. Er war jünger als Sohar, trat nicht so geschmeidig auf und sprach auch weniger gedrechselt. Brod habe zwar Ester Hoffe die Entscheidung überlassen, wie und wem sie die Manuskripte übergebe, erklärte er, nicht aber das Recht, diese Entscheidung an ihre Erben weiterzugeben. Brod »wollte nicht, dass sich ihre Töchter darum kümmern«.

Eva Hoffe senkte die blauen Augen und schüttelte heftig den Kopf mit den halblangen Haaren. Doch sie unterließ jeden weiteren Ausdruck ihres Missmutes.

Nun rückte von rechts der kugelrunde Kahlkopf von Anwalt Meir Heller ins Blickfeld. Heller, der schon über die gesamten acht Jahre des Rechtsstreits die Israelische Nationalbibliothek vertreten hatte, hob schwungvoll zur Rede an. Er warf Ester Hoffe vor, die Manuskripte jahrzehntelang weggeschlossen und Wissenschaftlern die Einsicht verweigert zu haben, und empfahl dem Gericht, dieser unhaltbaren Situation ein Ende zu bereiten. Hunderte von Wissenschaftlern besuchten jedes Jahr die Nationalbibliothek, um in den tausend dort eingelagerten persönlichen Archiven jüdischer Schriftsteller zu forschen, so Heller, und man könne nur hoffen, dass auch die von Brod geretteten Papiere Kafkas bald ihren rechtmäßigen Platz dort finden würden. Der Unterton seiner Argumentation war unmissverständlich: Kafka, Verfasser jüdischer Literatur in einer nichtjüdischen Sprache, gehört in den jüdischen Staat.

»Kafka als jüdischen Schriftsteller darzustellen ist einfach lächerlich«, hatte Eva Hoffe einmal zu mir gesagt. »Er war nicht gern Jude. Er schrieb aus dem Herzen. Er stand nicht im Dialog mit Gott.« Aber selbst wer ihn als jüdischen Schriftsteller einordne, könne daraus nicht »die richtige Heimat« für seinen literarischen Nachlass ableiten. »Nathan Altermans Nachlass ist in London, Jehuda Amichais in New Haven«, sagte sie in Bezug auf zwei der beliebtesten Dichter Israels. »Welches Gesetz schreibt vor, dass das Archiv eines jüdischen Schriftstellers in Israel bleiben muss?«6

Amichai war in der luxuriösen Lage, noch zu Lebzeiten darüber zu entscheiden, wo seine Papiere hingehen sollten; Brod kann uns über seine Wünsche nichts mehr sagen. Der postume Umgang mit literarischen Nachlässen ist etwas völlig anderes als der Erwerb von Vorlässen, Materialien lebender Autoren. Doch für Eva Hoffes Argument gab es auch noch andere Beispiele. So konnte etwa der britische Romancier Kingsley Amis der Ansicht, dass Manuskripte britischer Autoren in Großbritannien bleiben sollten, nichts abgewinnen. Er habe keinerlei Gewissensbisse, seine Papiere ins Ausland zu geben:

Ich würde jedes meiner Manuskripte dem Meistbietenden verkaufen, vorausgesetzt, er hat einen ordentlichen Leumund; die Herkunft dieses Bieters ist mir völlig egal. Ich finde, es ist nicht unpassender, wenn die Tate Gallery, sagen wir, eine große Sammlung von Monets hat, als wenn die Buffalo University, sagen wir, eine Manuskriptsammlung von [dem englischen Dichter und Romancier] Robert Graves besitzt.7

Im Jahr 1969 verkaufte Amis eineinhalb Kartons mit Manuskripten an das Harry Ransom Humanities Center in Texas.8 Fünfzehn Jahre später veräußerte er die übrigen Materialien und die Rechte auf alle künftigen Papiere an die Huntington Library in San Marino, Kalifornien (die auch eine der weltweit exklusivsten Sammlungen früher Ausgaben eines anderen englischen Schriftstellers beherbergt: William Shakespeare).

Vier Tage vor der Verhandlung vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem stellte der Deutsche Bundestag in Berlin unter Beweis, mit welchem Nachdruck europäische Länder solche Verkäufe zu unterbinden versuchen. Am 23. Juni 2016 beschloss der Bundestag das umstrittene neue Kulturgutschutzgesetz. Es soll sicherstellen, dass Werke, die als »national wertvolles Kulturgut« gelten (und als »identitätsstiftend für die Kultur Deutschlands«, weshalb ihre »Abwanderung einen wesentlichen Verlust« darstellen würde), in Deutschland bleiben. »Die Kulturnation Deutschland«, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters, »muss weiterhin die Möglichkeit haben, national wertvolles Kulturgut mit einer herausragenden und identitätsstiftenden Bedeutung zu bewahren.« Grütters zerstreute allerdings Bedenken, über das Gesetz könnten deutsche Kunst und Kunstwerke, die sich in Privatbesitz befinden, verstaatlicht werden. »Schutz heißt in meinen Augen nicht Enteignung.«9

Im Jerusalemer Gerichtssaal machte die Anwaltsdebatte darüber, wo Schutz aufhört und Enteignung anfängt, deutlich, dass der Anspruch des jüdischen Staates auf Kafka nicht nur von dessen Bekenntnis zum Judentum abhing, sondern dass Israel ihn auch darüber definieren musste, was Kafka nicht sei, nämlich deutsches Kulturgut.

Meir Heller setzte sich, und Anwalt Sa’ar Plinner wandte sich in knappen Sätzen an das Gericht. Sein Klient, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach unter Ulrich Raulffs Leitung, wolle die Papiere Kafkas und Brods in ihre weltweit angesehene Sammlung literarischer Nachlässe berühmter Schriftsteller einreihen. Wie Plinner mir später erzählte, hatte er von Raulff klare Vorgaben, was er sagen durfte und was nicht, und konnte daher nur mit Einschränkungen für Eva Hoffes Recht auf einen Verkauf des Nachlasses nach Deutschland plädieren. Das Deutsche Literaturarchiv hatte stets durchblicken lassen, dass Kafka in Deutschland universell rezipiert werde (mit einem objektiven »Blick von nirgendwo«, sofern es einen solchen überhaupt geben könnte), wohingegen in Israel Kafka bisweilen auf sein Jüdischsein reduziert werde und die Rezeption daher enger und spezifischer ausfalle.

Im Bewusstsein, sich in früheren Stadien des Prozesses hier und da taktlos verhalten zu haben, wollte sich die Marbacher Leitung im entscheidenden Moment nun lieber zurückhalten und nicht zu offensiv auftreten. Daher erwähnte Plinner wie beauftragt lediglich, dass frühere Versuche, Max Brods Nachlass zu inventarisieren, wegen der Fülle des Materials unvollständig geblieben seien. »Im Moment bezweifle ich, dass jemand weiß, was eigentlich alles da ist«, sagte er.

Nach einer knappen Stunde schloss Richter Rubinstein die Verhandlung und zog sich mit seinen beiden Kollegen ins Richterzimmer zurück. Eva und ihre Freundinnen wanderten sorgenvoll in der Eingangshalle auf und ab. »Wann wohl das Urteil kommt?«, fragte eine. Ein Anwaltsgehilfe Eli Sohars antwortete mit Worten des mittelalterlichen jüdischen Bibelexegeten Raschi, einem Kommentar des Bibelverses »Und wenn dich morgen dein Sohn fragen wird …« (2. Mose, 13:14): »Es gibt ein Morgen, das gleich ist, und ein Morgen, das erst später ist.«10

Eva Hoffe, die nur selten ein Blatt vor den Mund nahm, beklagte sich, dass Eli Sohar offenbar an einer Sommergrippe leide. »Er war nicht gerade in Bestform«, sagte sie. Doch sie gab sich taff. Bevor sie sich auf den Weg zur Fußgängerbrücke machte, die den Gebäudekomplex des Obersten Gerichts mit dem protzigen Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite verband, sagte sie noch: »Ich verliere trotzdem nicht die Hoffnung. Ich heiße nicht umsonst Hoffe.«

Als ich ihr so hinterhersah, fiel mir Kafkas Umdeutung des alten lateinischen Mottos dum spiro spero ein, »Solange ich atme, hoffe ich«. In seiner Kafka-Biografie erzählt Max Brod von einem Gespräch, in dem Kafka die Meinung äußerte, die Menschen seien womöglich nur »nihilistische Gedanken, die in Gottes Kopf aufsteigen«. Ob es dann überhaupt Hoffnung gebe?, fragte Brod. »Viel Hoffnung – für Gott«, erwiderte Kafka, »unendlich viel Hoffnung –, nur nicht für uns.« Und als Eva Hoffes kleine Gestalt verschwand, überlegte ich, dass Kafka mit seiner »Passion der Selbstverkleinerung«, wie Elias Canetti es formulierte, die Besitzansprüche, die in diesem Prozess ans Licht kamen, bestimmt ein Graus gewesen wären. Sicher würde er uns in Erinnerung rufen, dass man sich berauschen kann an dem, was man besitzt, noch mehr aber an dem, was man nicht besitzt.11

2

»Fanatische Verehrung«: Der Erste, der Kafkas Faszination erlag

Karls-Universität Prag, 23. Oktober 1902

Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

FRANZ KAFKA, 19041

Hat man den Glauben nicht, dann zieht ja vielleicht alles kahl und kalt vorbei.

MAX BROD, 19202

Der achtzehnjährige Max Brod, Erstsemester an der juristischen Fakultät der Karls-Universität in Prag, hielt in der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in der Ferdinandstraße einen Vortrag über den Philosophen Arthur Schopenhauer, mit dem er seine Kommilitonen zu beeindrucken hoffte. Auf der Anrichte neben den schweren Vorhängen warteten neben den Tageszeitungen aus ganz Europa bereits Platten mit Butterbroten. Zwei Jahre lang hatte sich Brod intensiv mit Schopenhauers Werken auseinandergesetzt. Ganze Passagen konnte er auswendig. »War ich mit dem sechsten Band der Grisebachschen Schopenhauer-Edition in den hübschen, dunkelbraun gebundenen Reclam-Bändchen fertig«, schrieb er in seiner Autobiografie, »so begann ich gleich wieder mit dem ersten.«3

Hinter dem Pult wirkte Brods Kopf auf dem gedrungenen Oberkörper unverhältnismäßig groß. Man sah ihm nicht mehr an, dass ihn eine Rückgratverkrümmung (Kyphose), die im Alter von vier Jahren diagnostiziert worden war, jahrelang gezwungen hatte, Eisenkorsett und Halsstütze zu tragen.

Max Brod war 1884 als ältestes von drei Kindern in einer bürgerlichen jüdischen Familie zur Welt gekommen, deren Vorfahren seit dem 17. Jahrhundert in Prag lebten. Als Kleinkind erkrankte er an Masern und Scharlach und starb fast an Diphtherie. Max’ Vater Adolf, stellvertretender Direktor der Böhmischen Unionbank, war ein bedachter, umgänglicher und weltgewandter Mann, seine Mutter Fanny (geborene Rosenfeld) glich dagegen eher einem Vulkan aus unbändigen Gefühlen. In seiner weitschweifigen Autobiografie Streitbares Leben schreibt Brod: »Zwei ganz verschieden geartete Familien waren in meinen Eltern zusammengetroffen; man könnte sagen: feindlich geartete Familien.«4

Brods Geselligkeit stand nur scheinbar im Widerspruch zu seiner kleinen Statur, und wer sich mit ihm unterhielt, achtete bald nicht mehr auf seine Körperproportionen. Stefan Zweig schreibt über seinen Freund Max Brod als Student: »Noch sehe ich ihn, wie ich ihn das erste Mal sah, einen Zwanzigjährigen, klein, schmächtig und von unendlicher Bescheidenheit. […] So war er damals, dieser junge Dichter, vollkommen hingegeben an alles, was ihm groß schien, an das Fremde, Erhabene und Wunderbare in jeder Form und Gestalt«.5

Nach dem Vortrag löste sich das Publikum langsam auf, und ein schlaksiger, adrett gekleideter Student näherte sich mit ausgreifenden Schritten dem Rednerpult. Er war ein Jahr älter als Brod, 1,82 Meter groß, leicht abstehende Ohren, die Krawatte akkurat gebunden. Brod hatte ihn noch nie gesehen. Er stellte sich als Franz Kafka vor und erbot sich, Brod nach Hause zu begleiten. »[S]ogar seine eleganten, meist dunkelblauen Anzüge waren unauffällig und zurückhaltend wie er«, schrieb Brod später in seiner Kafka-Biografie. »Damals aber scheint ihn etwas an mir angezogen zu haben, er war aufgeschlossener als sonst, allerdings fing das endlose Heim-Begleitgespräch mit starkem Widerspruch gegen meine allzu groben Formulierungen an.«6 Als sie vor dem Haus in der Schallengasse 1 ankamen, in der Brod mit seinen Eltern lebte, war die Unterhaltung noch immer in vollem Gange. So gingen sie weiter zur Zeltnergasse, wo Kafka mit Eltern und Schwestern wohnte, und dann wieder zurück; Brod hatte Mühe, mit Kafka Schritt zu halten. Unterwegs sprachen die beiden Studenten über Nietzsches Angriffe gegen Schopenhauer, Schopenhauers Ideal der Selbstentsagung und seine Definition des Genies. Genialität, so der Philosoph, sei »die Fähigkeit, sich rein anschauend zu verhalten […] d. h. sein Interesse, sein Wollen, seine Zwecke, ganz aus den Augen zu lassen, sonach seiner Persönlichkeit sich auf eine Zeit völlig zu entäußern, um als rein erkennendes Subjekt, klares Weltauge, übrig zu bleiben«. (Brod fielen Kafkas Augen auf, »kühn, blitzendgrau«.) Da Kafka jedoch für abstraktes Philosophieren weder geeignet noch empfänglich war, nahm die Unterhaltung bald eine literarische Wendung. Mit entwaffnender Geradlinigkeit brachte Kafka die Rede auf den österreichischen Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, der zehn Jahre älter war als die beiden. (Eines der ersten Geschenke Kafkas an Brod war eine Sonderausgabe von Hofmannsthals Das Kleine Welttheater (1897) mit goldgeprägtem Pergamenteinband.)7

Die beiden trafen sich einmal, manchmal zweimal am Tag. Brod gefiel Kafkas sanfter Gleichmut. Eine »süße Sicherheit«, »etwas ganz ungewöhnlich Starkes« sei von ihm ausgegangen, so Brod, auf den Kafka gleichermaßen klug und kindlich wirkte. In seiner Autobiografie sprach Brod später von einem »Zusammenprall der beiden Seelen«, als sie gemeinsam Platos Protagoras auf Griechisch und Flauberts Erziehung des Herzens (1869) und Die Versuchung des Heiligen Antonius (1874) auf Französisch lasen. (Kafka schenkte Brod unter anderem ein Buch von René Dumesnil über Flaubert.) »Das Schöne und Einzigartige der gegenseitigen Beziehung lag darin«, schrieb Brod, »daß wir einander ergänzten und einander […] viel zu geben hatten«. Die Unterstützung reichte bis in die mündlichen Jura-Prüfungen. »Nur die Zettelchen haben mich gerettet«, dankte Kafka anschließend seinem Freund.8

Die jungen Männer verbrachten auch den einen oder anderen Abend im Kino oder im Kabarett Chat Noir. Ihre Gespräche führten sie auf Deutsch, amüsierten sich aber über tschechische Wendungen wie člobrdo (»Du armes, klappriges, verdammtes Menschlein«). Sie begeisterten sich für die neuen stereoskopischen Bildfolgen, sogenannte Kaiserpanoramen, die damals in Mode waren. Sonntags gingen sie oft wandern oder unternahmen Tagesausflüge zur Burg Karlštejn, einer gotischen Höhenburg südwestlich von Prag, in der einst die tschechischen Reichskleinodien, eine Reliquiensammlung und wertvolle Dokumente des Staatsarchivs gelagert hatten. Oder sie spazierten, vertieft in eine Diskussion über die Unterschiede zwischen Roman und Drama, zwischen lustwandelnden Paaren durch die Alleen des Baumgartens, der als »Prater von Prag« bekannt war. Kafka unterhielt Brod, indem er andere Flaneure mit ihren Spazierstöcken nachahmte. Sie badeten in der Moldau oder faulenzten nach dem Schwimmen im Prager Freibad unter Kastanienbäumen. »Kafka und ich lebten damals des seltsamen Glaubens, daß man von einer Landschaft nicht Besitz ergriffen habe, solange nicht durch Baden in ihren lebendig strömenden Gewässern die Verbindung geradezu physisch vollzogen worden sei«, schrieb Brod später.9

Auch ihren Urlaub am Lago Maggiore begannen sie mit einem Bad im See, und als sie im Wasser standen, umarmten sie einander – »ein Anblick, der allein schon wegen des Größenunterschieds recht befremdlich gewesen sein muss«, kommentiert der Kafka-Biograf Reiner Stach. Die beiden reisten nach Riva am Gardasee, besuchten das Goethe-Haus in Weimar und stiegen im Hotel Belvédère am Luganersee ab. 1909 besuchten sie die Flugschau von Brescia-Montichiari in Norditalien. Sie tauschten ihre Reisetagebücher aus. Zweimal fuhren sie zusammen nach Paris: im Oktober 1910 und erneut am Ende einer ausgedehnten Reise im Sommer 1911. In diesem Urlaub ersannen Kafka und Brod auch einen neuen Typ von Reiseführer. »Er sollte ›Billig‹ heißen«, so Brod. »Franz war unermüdlich und hatte eine kindische Freude daran, die Prinzipien dieses Typs, der uns zu Millionären machen und vor allem der scheußlichen Amtsarbeit entreißen sollte, bis in alle Feinheiten auszubauen.« Das Motto für die neue Reihe: Nur Mut.10

Brod war überaus fürsorglich, litt aber auch unter »Kafkas Hoffnungslosigkeit«. »Es ist mir ziemlich klar, daß […] Kafka an Zwangsneurose leidet«, schrieb er am 18. Juni 1911 in sein Tagebuch. Solche Vorbehalte taten Brods wachsender Bewunderung indes keinen Abbruch. »Nie im Leben bin ich je wieder so ausgeglichen heiter gewesen«, schrieb er, »wie in den mit Kafka verbrachten Reisewochen. Alle Sorgen, alle Verdrießlichkeiten blieben in Prag zurück. Wir wurden zu fröhlichen Kindern, wir kamen auf die absonderlichsten hübschesten Witze, – es war ein großes Glück, in Kafkas Nähe zu leben und seine lebhaft hervorsprudelnden Gedanken (selbst seine Hypochondrie noch war einfallsreich und unterhaltend) aus erster Hand zu genießen.«11

Sogar wenn sie getrennt waren, wusste Brod »genau, was er in dieser oder jener Situation gesagt […] hätte«. Verreiste Brod ohne seinen Freund, schrieb er ihm Postkarten. So schickte er ihm aus Venedig einmal eine Karte mit Bellinis Liebesgöttin Venus. Kurzzeitig, so Stach, dachte Kafka »sogar daran, ein neues privates Heft anzulegen, das er ausschließlich der Beziehung zu Brod widmen wollte«.12

Dennoch waren die Gegensätze zwischen den beiden jungen Männern unübersehbar: der eine quirlig und extrovertiert, der andere in sich gekehrt. Brod strahlte mit seinem Temperament und seiner unbändigen Energie eine Verve, Vitalität und Lebenszugewandtheit aus, die Kafka fremd waren. Da Brod ein sonniges Gemüt hatte und nicht so streng mit sich ins Gericht ging, wurde er nicht von Selbstzweifeln gequält, die bei Kafka mit erbarmungsloser Selbstkritik einhergingen. Während Kafka an weltlichem Erfolg nicht viel lag, war Brod nach Arthur Schnitzlers gnadenlosem Urteil ein »ehrgeizverzehrter, sich, da es sich eben so traf, als Enthusiast aufspielender, bei allen Aussichten und Fähigkeiten doch hoffnungsloser Kumpan«.13

Kafka richtete seine Energie eher nach innen. Völlig auf das Schreiben fixiert, neigte er, anders als Brod, zur Askese: »Als es in meinem Organismus klar geworden war, daß das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und ließ alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechtes, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens der Musik zu allererst richteten«, schrieb er 1912 in sein Tagebuch und beklagte später: »Der Sinn für die Darstellung meines traumhaften innern Lebens hat alles andere ins Nebensächliche gerückt und es ist in einer schrecklichen Weise verkümmert und hört nicht auf zu verkümmern.« An seine Verlobte Felice Bauer schrieb er: »Ich habe kein litterarisches Interesse, sondern bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.«14

Die beiden waren auch in anderen Punkten sehr unterschiedlich. Brod, ein versierter Komponist und Pianist, verfügte in Fragen der Musik über eine fundierte Urteilskraft und einen feinen Geschmack. Er vertonte Texte von Heine, Schiller, Flaubert und Goethe. (Brod hatte bei Adolf Schreiber, einem Schüler Antonín Dvořáks, Komposition studiert und war stolz auf seine entfernte Verwandtschaft mit dem berühmten französischen Oboisten Henri Brod.) »Seine schmalen mädchenhaften Hände, sie gehen weich über ein Klavier«, erinnerte sich Stefan Zweig später. Im Jahr 1912, als Albert Einstein an der Universität Prag lehrte, spielte der Physiker eines Abends eine Violinsonate, begleitet von Max Brod am Klavier. Leon Botstein, amerikanischer Dirigent und Präsident des Bard College, mutmaßte, dass für Brod »die Musik möglich machte, was in der Politik unmöglich schien: die Herstellung einer Kommunikation zwischen dem Tschechischen und dem Deutschen«.15

Kafka dagegen konnte »Musik nicht zusammenhängend genießen«, hatte für Oper oder klassische Konzerte nicht viel übrig.16 Brod gegenüber räumte er ein, er könne eine Operette Franz Lehárs nicht von einer Oper Richard Wagners unterscheiden. (Brod bewunderte die Musik Wagners, dessen antisemitische Tiraden er, wie er bekundete, nie gelesen habe.)

Dabei spielt Musik in Kafkas Werken durchaus eine Rolle. In seiner Erzählung »Die Verwandlung« etwa folgt Gregor Samsa in seiner Gestalt als abstoßendes Ungeziefer dem Violinspiel seiner Schwester Grete. »War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff? Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung. Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen, denn niemand lohnte hier das Spiel so, wie er es lohnen wollte.«17 In seinem ersten Roman Der Verschollene packt Karl sein Heimweh in ein stümperhaft intoniertes Soldatenlied aus der alten Heimat. In der Erzählung »Forschungen eines Hundes« widmet der Hundeerzähler sein Leben einer wissenschaftlichen Studie über das Rätsel sieben tanzender »Musikerhunde«, deren Melodien ihn tief beeindrucken und am Ende in die Hundegesellschaft zurückführen.

Doch Gustav Janouch zufolge bekannte der Schöpfer Gregor Samsas in einem Gespräch: »Wenn ich daran denke, daß ich von der Liebe meiner besten Freunde, von der Musik nichts verstehe, so ergreift mich immer eine Art leiser, bittersüßer Trauer.« Ein andermal habe er gesagt: »Die Musik ist für mich so etwas wie das Meer. […] Ich bin überwältigt, hingerissen zur Bewunderung, begeistert und doch so ängstlich, so schrecklich ängstlich vor der Unendlichkeit. Ich bin eben ein schlechter Seemann. Max Brod ist ganz anders. Der stürzt sich kopfüber in die tönende Flut. Das ist ein Preisschwimmer.«18

Auch die erotischen Leidenschaften, denen Brod im Leben und in der Literatur gleichermaßen frönte, blieben Kafka eher fremd. Die beiden besuchten Bordelle in Prag, Mailand, Leipzig und Paris. Brod, der regelmäßig in gehobenen Etablissements wie dem Salon Goldschmied in Prag verkehrte, konnte sich »im Tagebuch an den aufrechten Brüsten einer jungen Dirne berauschen«, so Reiner Stach. Ganz anders Kafka, der nach dem Besuch eines der 35 Prager Bordelle notierte, er habe »dringend jemanden suchen [müssen], der mich nur freundlich berührt«. Brod, der sich als Charmeur und glühender Verehrer des anderen Geschlechts verstand, bekannte seinem Freund seine »auf die Frau eingestellte, ihr völlig verfallene Naturanlage«. Gern ging er ins Café Arco und schwelgte in den erotischen Illustrationen Aubrey Beardsleys, und er las »mit großer Begeisterung« Casanovas Liebesabenteuer (die Kafka laut Brod »langweilig« fand). »Die Welt bedeutet mir nur durch das Medium einer Frau irgendetwas«, schrieb er an Kafka. Kafka mochte an Brod gedacht haben, als er einmal anmerkte, dass »sich die Rettung-Suchenden immer auf die Frauen werfen«.19

Für Brod war die Sexualität – und die rettende Macht der Frauen – allerdings eine durchaus ernsthafte Angelegenheit. »Von allen Boten Gottes«, schrieb er, »spricht Eros am eindringlichsten.« Im Gegensatz zum Christentum, das allem Fleischlichen abgeneigt sei, mache sich das Judentum seine Macht zu Nutze. »Es ist die ungeheure, die Jahrtausende durchstrahlende Tat des Judentums, in der Liebe, und zwar nicht in irgendeiner ihrer spiritualen Verdünnungen, sondern im direkten erotischen Ergriffensein von Mann und Frau das Diesseitswunder, die reinste Form dieser Gottesgnade, ›Die Flamme Gottes‹, erkannt zu haben«, schreibt Brod in seiner fast 700 Seiten starken zweibändigen Abhandlung Heidentum, Christentum, Judentum (1921).20

Auch in Brods überfrachteter Prosa dreht sich oft alles um den Eros. Sein Roman Ein tschechisches Dienstmädchen (1909) handelt von dem gebürtigen Wiener William Schurhaft, einer »symbolischen Figur des jüdischen Intellektuellen aus der Prager Bourgeoisie«, so der in Prag geborene Linguist Pavel Eisner. William verliebt sich in eine verheiratete tschechische Frau vom Land, die als Dienstmädchen in seinem Hotel arbeitet und ihm existenzielles Glück vermittelt. In Brods Autobiografie ist nachzulesen, dass der Literaturkritiker Leo Hermann, damals Vorsitzender des Prager Bar-Kochba-Vereins, über das Buch schrieb: »Der junge Autor scheint zu glauben, daß nationale Fragen im Bett entschieden werden können.« (Brod »fuhr entrüstet auf«, als er diese Worte las). Der Wiener Autor Leopold Lieger warf Brod 1913 vor, seine Liebesgedichte im Bett zu verfassen.21

In Brods Roman Die Frau, nach der man sich sehnt (1927) klingt die tragische Beziehung zwischen Kafka und Milena Jesenská an, seiner verheirateten tschechischen Übersetzerin und Geliebten, die geprägt war von ihrer Treue zu Kafkas Prosa und der Untreue ihres Mannes zu ihr. Brods Erzähler findet in Stascha die ersehnte Erfüllung, doch wie Milena kann und will Stascha ihren Ehemann trotz seiner Affären nicht verlassen. (Brod kannte Milenas Mann Ernst Pollack aus der Prager Literaturszene. Den Namen seiner Figur könnte er einer von Milenas besten Freundinnen entlehnt haben, der Übersetzerin Staša Jílovská.) Der Roman diente 1929 als Vorlage für einen Stummfilm mit Marlene Dietrich als Stascha.

Ganz anders als Brod fragte sich Kafka 1922 in seinem Tagebuch: »Was hast Du mit dem Geschenk des Geschlechtes getan? Es ist mißlungen, wird man schließlich sagen, das wird alles sein.« Viele der von ihm besonders bewunderten literarischen Vorbilder – Kleist, Kierkegaard, Flaubert – seien ihr Leben lang Junggesellen gewesen, so Kafka. »[D]u weichst den Frauen aus«, warf Brod ihm vor. »Du versuchst, ganz ohne sie zu leben. Und das geht nicht.« (Dieselbe Kritik übte er an einigen von Kafkas fiktionalen Schöpfungen. So beschuldigte er Josef K. in Der Prozess der Lieblosigkeit.)22

Trotzdem holte Brod häufig Kafkas Rat ein, wenn er unter den Wechselfällen junger Liebe litt. Im Jahr 1913 verlobte er sich mit Elsa Taussig, die später aus dem Russischen und Tschechischen ins Deutsche übersetzte. Kafka schrieb an Felice Bauer, er habe »zu Maxens Verlobung sehr und vielleicht ein wenig mitentscheidend geraten«. Doch unmittelbar nach dem Fest hatte er noch geklagt: »Schließlich wird er mir doch wegverlobt.«23

Das war nicht nur eine Freundschaft, sondern die literarische Verstrickung zweier sehr unterschiedlicher Charaktere: eines genialen Schriftstellers und eines geschmackvollen Schriftstellers, der das Genie erkannte, ihm aber nicht das Wasser reichen konnte. Diese Verstrickung warf eine Reihe von Fragen auf: Welche Rolle spielte Kafka in Brods Prosa? Und war Brod nur zufällig ein Weggefährte des schreibenden Kafka, oder war er tiefer in sein Schaffen verwoben?

Max Brod betrachtete sich in mehrfacher Hinsicht als »Zwischenmensch«, zwischen der deutschen, tschechischen und jüdischen Kultur schwankend und somit auf alle drei eingestimmt. In Prag standen, so Brod, »drei Nationen im Kampf gegeneinander«, eine Situation, der Brods junge Generation mit einem »altklugen Realismus« begegnete. Zu einer Zeit, in der, wie Anthony Grafton es formulierte, Prag die europäische »Hauptstadt kosmopolitischer Träume« war, sicherte sich Brod einen Platz als littérateur in der als Prager Kreis bekannten kulturellen Enklave. (In Prag kämen, so der dort geborene Kulturkritiker Emil Faktor, »auf zehn Deutsche zwölf literarische Talente«.)24 Das Wunderkind Brod, das schon als Teenager seine ersten Veröffentlichungen hatte, erwarb sich früh den Ruf eines wandlungsfähigen Dichters, Romanciers und Kritikers – von seiner Tätigkeit als geschäftstüchtiger Netzwerker einmal zu schweigen – und galt als erfolgreichster Prager Schriftsteller seiner Generation. Mit 25 Jahren korrespondierte Brod mit Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke und anderen renommierten Literaten der Zeit. Der Prager Journalist Egon Erwin Kisch besuchte 1912 ein Café im Londoner East End, in dem jiddische Muttersprachler verkehrten:

Ein neunzehnjähriger Junge ist durchgebrannt vom Lodzer Seminar – er will nicht Bocher [rabbinischer Schüler] sein und nicht Rabbiner werden, er will dichten, die Welt erobern, Bücher schreiben, »ein zweiter Max Brod werden«.25

Anders als Kafka schuf Brod ein umfangreiches Werk (man kann schon fast von Schreibsucht sprechen). Veröffentlicht wurden fast neunzig Titel: zwanzig Romane, Gedichtsammlungen, religiöse Abhandlungen, polemische Einblattdrucke (Brod bezeichnete sich als »Polemiker wider Willen«), Dramen (unter anderem über biblische Gestalten wie Königin Ester und König Saul), Aufsätze, Übersetzungen, Libretti, Klavierkompositionen und Biografien.26

Brod, der dazu neigte, in anderen Größe zu suchen, erlag als Erster der Faszination von Kafkas eigenwilliger Prosa, erkannte als Erster die große Bandbreite und Vielfalt seines Schaffens. Als Kafka ihm aus seinen frühen Erzählungen »Beschreibung eines Kampfes« und »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande« vorlas, hatte er »sofort den Eindruck, daß hier keine gewöhnliche Begabung, sondern ein Genie sprach«. (Voll Ehrfurcht las er auch seiner künftigen Frau Elsa einen Entwurf der »Hochzeitsvorbereitungen« vor.) Im April 1915 trug ihm Kafka den Entwurf zweier Kapitel seines in Arbeit befindlichen Romans Der Prozess vor; Brod notierte begeistert in seinem Tagebuch: »Er ist der größte Dichter unserer Zeit.« Bei der Lektüre von Kafkas Entwürfen hatte Brod nicht etwa das Gefühl, einer völlig neuen Literatur zu begegnen, sondern sie gewissermaßen schon immer gekannt zu haben. Er imitierte Kafkas Werke nicht, doch sie veränderten ihn. Von nun an brachte Brod Kafka eine, wie er selbst einräumte, »fanatische Verehrung« entgegen. Darüber hinaus sei ihm Kafka sein »Gewissensrat«, ein Freund, »der immer in allen schwierigen Lebensfragen maßgebend war und hilfreich zur Seite trat«.27

Kafka war auch Brods erstes Publikum und fand oft in seinen Werken Trost. Im Jahr 1908 las er Brods erstes umfangreiches Werk, den Avantgarde-Roman Schloss Nornepygge. »[N]ur Dein Buch, das ich jetzt endlich geradenwegs lese, tut mir gut«, schrieb der niedergeschlagene Kafka seinem Freund.28 Ein paar Jahre später gab Brod Kafka einen Entwurf seiner Gedichte zur Prüfung, die 1910 unter dem Titel Tagebuch in Versen erschienen. Kafka empfahl, etwa sechzig Gedichte zu streichen.

Kafkas Bewunderung für Brods Tatkraft und Unternehmungsgeist wuchs im gleichen Maße wie die Unzufriedenheit mit sich selbst. Nehmen wir den Tagebucheintrag, den Kafka, damals 27 Jahre alt, am 17. Januar 1911 verfasste:

Max hat mir den ersten Akt des »Abschiedes von der Jugend« vorgelesen. Wie kann ich so, wie ich heute bin, diesem beikommen; ein Jahr müßte ich suchen, ehe ich ein wahres Gefühl in mir fände […].29

In jenem Herbst begannen Kafka und Brod mit der Arbeit an einem gemeinsamen Roman, der den Titel Richard und Samuel erhalten sollte.30 Sie veröffentlichten das erste Kapitel in der von ihrem Freund Willy Haas herausgegebenen Prager Zeitschrift Herder-Blätter, gaben das Projekt dann aber auf. »Ich und Max müssen doch grundverschieden sein«, notierte Kafka in seinem Tagebuch. »So sehr ich seine Schriften bewundere […], so ist doch jeder Satz, den er für Richard und Samuel schreibt, mit einer widerwilligen Koncession von meiner Seite verbunden, die ich schmerzlich bis in meine Tiefe spüre.« Drei Jahre später beklagte er: »Ich bin Max unklar und wo ich ihm klar bin, irrt er sich.«31

Wünschte sich Brod, wenn er einen von Kafkas Entwürfen las, der Autor zu sein? Ungeachtet seines umfangreichen Schaffens wusste Brod wohl insgeheim, dass ihm zwar Geschmack und Urteilsvermögen gegeben waren, nicht aber das Talent, ein wahrhaft originelles Kunstwerk zu erschaffen. Als Beobachter von Kafkas Genialität musste er sich auf etwas verlassen, das außerhalb seiner selbst lag.32

Menschen, die keine Künstler sind, mögen versuchen, Kunstwerke, die sie nicht wirklich ihr Eigen nennen können, zumindest materiell in ihren Besitz zu bekommen. Brod sammelte, wie wir noch sehen werden, geradezu zwanghaft alles, an das Kafka Hand gelegt hatte. Kafka wiederum hatte den Impuls, alles abzustoßen. »[E]r war kein Sammler, viel Raum beanspruchte er nicht«, so Reiner Stach.33

Bald schon begann Brod, seine Freundschaft mit Kafka literarisch zu verarbeiten. Die Hauptfigur seines Romans Arnold Beer aus dem Jahr 1912 ist ein Dilettant, der seine Freunde in demselben Ton zum Schreiben drängt, den Brod auch Kafka gegenüber anschlug. »Arnold verlangte einfach, daß rings um ihn geleistet wurde; als hätte er selbst das dunkle Gefühl, daß er für seine Person mit seiner Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen würde, suchte er seine Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch wirken zu lassen.« Nach der Lektüre des Romans schrieb Kafka an Brod: »Ich habe eine solche Freude von Deinem Buch gehabt« und verabschiedete sich mit den Worten: »Ich küsse dich.«34

In seinem bekanntesten Roman Tycho Brahes Weg zu Gott (erschienen 1915 bei Kurt Wolff und jahrelang ein Bestseller) beleuchtet Brod das Verhältnis zwischen dem großen dänischen Astronomen Tycho Brahe und dem ihm intellektuell überlegenen deutschen Astronomen Johannes Kepler. Kepler, der die Gesetze der Planetenbewegungen erforscht, weigert sich, irgendwelche Erkenntnisse öffentlich zu machen, solange sie nicht perfekt sind. Der fiktive Tycho beschreibt Kepler als rätselhaften Menschen, der beharrlich »makellose Reinheit« anstrebt. Der wendigere Brahe, der im Prager Exil lebt, kann mit Keplers Selbstzweifeln und seiner Abneigung gegen das Publizieren ebenso wenig anfangen wie mit dessen Beteuerung: »Nein, ich bin nicht glücklich und bin nie glücklich gewesen […]. Und ich will auch gar nicht glücklich sein.« Keplers Entdeckungen machen Brahes Erkenntnisse überflüssig. Trotzdem überwindet Brahe selbstlos seine Eitelkeit und stellt seine Arbeit hintan. Brod widmete das Buch Kafka, der ihm im Vorwege dazu schrieb: »Weißt Du was eine solche Widmung bedeutet? Daß ich […] hinaufgezogen und dem ›Tycho‹, der um so viel lebendiger ist als ich, beigefügt werde. Wie klein werde ich diese Geschichte umlaufen! Aber wie werde ich sie als mein scheinbares Eigentum lieb haben! Du tust mir unverdient Gutes, Max, wie immer.«35

Da Brod wusste, dass Kafka des Selbstlobs völlig unfähig war, nutzte er seine guten Beziehungen und wurde zum Fürsprecher, Vertreter und Literaturagenten seines Freundes. »[Ich] wollte ihm beweisen, daß seine literarischen Unfruchtbarkeits-Befürchtungen keinen Grund hätten«, schrieb Brod in seiner Kafka-Biografie.36 So erwähnte er Kafka wohlwollend in der Berliner Wochenzeitung Die Gegenwart, ehe diese auch nur eine einzige Zeile von ihm veröffentlicht hatte.

Kafkas Minderwertigkeitskomplexe machten Brod schwer zu schaffen. »Ich kann nicht schreiben«, gestand Kafka seinem Freund 1910, »ich habe keine Zeile gemacht, die ich anerkenne, dagegen habe ich alles weggestrichen, was ich nach Paris – und das war nicht viel – geschrieben habe. Mein ganzer Körper warnt mich vor jedem Wort; jedes Wort, ehe es sich von mir niederschreiben läßt, schaut sich zuerst nach allen Seiten um; die Sätze zerbrechen mir förmlich, ich sehe ihr Inneres und muß dann rasch aufhören.«37

In einem Brief an Oskar Baum sprach Kafka von der »Angst, die Götter auf mich aufmerksam zu machen«. Unverdrossen und völlig frei von Neid legte Brod bei Lektoren und Verlegern ein Wort für Kafka ein. Er vermittelte zwischen Kafka und der von Franz Blei herausgegebenen Zeitschrift Hyperion, in der Kafkas erster Text erschien. Im Jahr 1916 schrieb Brod an Martin Buber: »Ach kennten Sie doch seine umfangreichen, leider unvollendeten Romane, die er mir manchmal, in seltenen Stunden vorliest. Was würde ich nicht tun, um ihn mobiler zu machen!«38

Im Sommer 1912 fuhr Brod mit Kafka nach Leipzig, damals ein Zentrum der deutschen Verlagslandschaft, und stellte ihn dem jungen Verleger Kurt Wolff vor. »[Ich] habe im ersten Augenblick den nie auslöschbaren Eindruck gehabt: der Impresario präsentiert den von ihm entdeckten Star.« Ende desselben Jahres kümmerten sich Brod und Wolff um die Veröffentlichung von Kafkas erstem Buch im Rowohlt Verlag mit einer Auflage von achthundert Exemplaren. Das 93 Seiten starke Bändchen mit dem Titel Betrachtung versammelte achtzehn Prosaminiaturen. In einer Anzeige hieß es, Kafkas »Eigenart, die ihn dichterische Arbeiten immer und immer durchzufeilen zwingt, hielt ihn bisher von der Herausgabe von Büchern ab«.39 Kafka widmete das Buch Brod, der sich mit einer überschwänglichen Rezension in der Münchner Zeitschrift März revanchierte:

Ich könnte mir sehr gut einen denken, dem dieses Buch in die Hand fällt […] und der von Stund an sein ganzes Leben ändert, ein neuer Mensch wird. Eine solche Unbedingtheit und süße Kraft dringt aus diesen wenigen kurzen Prosastücken. […] Es ist die Liebe zum Göttlichen, zum Absoluten, die aus jeder Zeile spricht. Und mit einer solchen Selbstverständlichkeit, daß an diese grundlegende Moral gar kein Wort mehr verschwendet wird […].40

Kafka war beschämt. »Heute mittag hätte ich ein Loch gebraucht, um mich darin zu verstecken«, schrieb er seiner Verlobten Felice Bauer und fuhr fort:

Weil eben die Freundschaft die er für mich fühlt im Menschlichsten, noch weit unter dem Beginn der Litteratur, ihre Wurzel hat und daher schon mächtig ist, ehe die Litteratur nur zu Athem kommt, überschätzt er mich in einer solchen Weise, die mich beschämt und eitel und hochmütig macht […]. Wenn ich selbst arbeiten würde, im Fluß der Arbeit wäre und von ihr getragen, ich müßte mir über die Besprechung keine Gedanken machen, ich könnte Max in Gedanken für seine Liebe küssen und die Besprechung selbst würde mich gar nicht berühren. So aber –41

»Die Verwandlung«, die Kafka zum Durchbruch verhalf, veröffentlichte Brod 1913 in seiner Anthologie Arkadia.42 (Kafka hatte nach eigener Aussage in der »Felice B.« gewidmeten Erzählung Motive aus Brods Roman Arnold Beer aus dem Jahr 1912 verarbeitet.) Und 1921 lobte Brod seinen Freund in seinem langen Aufsatz »Der Dichter Franz Kafka«, der in Die neue Rundschau erschien, in den Himmel.43

Alle Kafka-Texte, die Brod veröffentlichte, habe er seinem Freund mit gutem Zureden, List und Tücke abtrotzen müssen, so Brod später.

Manchmal war ich wie eine Zuchtrute über ihm, trieb und drängte, natürlich nicht direkt, sondern immer wieder durch neue Mittel und auf Schleichwegen […]. Es gab Zeiten, in denen er mir dafür dankte. Oft aber war ich ihm mit meinem Anfeuern auch lästig, er wünschte es zum Teufel, sein Tagebuch gibt Kunde davon. Ich spürte das auch, es lag mir aber nichts daran. Mir ging es um die Sache, um einen Hilfsdienst, allenfalls auch gegen den Willen des Freundes.44

3

Der erste Prozess

Tel Aviv, Familiengericht, Ben-Gurion-Boulevard 38, Ramat Gan, September 2007

Was tätig zerstört werden soll, muß vorher ganz fest gehalten worden sein […].

FRANZ KAFKA, »Zürauer Aphorismen«1

Nachdem Eva Hoffe und ihre Schwester im September 2007 mit dem Testament ihrer Mutter einen Erbschein beantragt hatten, wurden sie unsanft aus ihrer Trauer gerissen.

Nach Ester Hoffes Tod suchte Evas Schwester Ruth die nötigen Unterlagen zusammen und brachte sie persönlich zum Nachlassgericht in der Ha’Arbaa-Straße in Tel Aviv. Eva Hoffe bezweifelte, dass die Sache reibungslos über die Bühne gehen würde, denn das Testament ihrer Mutter gleiche einem »Buschfeuer in einer Dornenhecke«. Doch sie fügte sich ihrer älteren Schwester.

Nach dem israelischen Erbschaftsgesetz von 1965 kann ein Testament nur vollstreckt werden, wenn das israelische Nachlassgericht dessen Gültigkeit bestätigt. Für den entsprechenden Antrag muss eine vom Antragsteller unterzeichnete, notariell beglaubigte eidesstattliche Erklärung eingereicht werden, außerdem die Sterbeurkunde, das Originaltestament und Angaben zu anderen Erben oder Nutznießern. (Israel erhebt keine Erbschaftsteuer.) Damit Widerspruch gegen das Testament möglich ist, wird der Antrag veröffentlicht, meist in Form einer Zeitungsanzeige. Das Amt reicht den Antrag in Kopie an das Justizministerium weiter, das nach eigenem Ermessen einschreiten kann, sofern ein öffentliches Interesse vorliegt. Die offizielle Bestätigung des Testaments ist rechtlich bindend wie ein Gerichtsurteil.

»Mein [Kanzlei-]Partner ging eines Tages zufällig durch die Bibliothek, als ihm ein älterer Herr einen Stoß Unterlagen in die Hand drückte«, sagte Meir Heller, der Anwalt der Nationalbibliothek, gegenüber der Sunday Times. »Und in diesem Stoß befand sich Max Brods Testament. Wie mir beim Lesen gleich klar wurde, sollte Ester Hoffe die Papiere nach Brods Willen zu seinen Lebzeiten verwahren. Nach seinem Tod sollten sie an ein öffentliches Archiv gehen. Im Internet sah ich, dass die Gerichtsanhörung über die Bestätigung von Ester Hoffes Testament zwei Tage später stattfinden sollte.« Weniger als 48 Stunden darauf hatte Heller seinen dramatischen Auftritt. »Ich stürmte in das Gericht und rief: ›Halt! Es gibt noch ein anderes Testament – das Testament von Max Brod!‹«

Das Familiengericht belegt mehrere Stockwerke eines grauen Bürogebäudes an der Hauptstraße der Stadt Ramat Gan in der Nähe von Tel Aviv. Der zurückgesetzte Eingang ist von rot gefliesten Säulen gerahmt. Rechts daneben saßen vor einem Kiosk Anwälte und ihre Klienten auf orangefarbenen Plastikstühlen bei Sandwich, Falafel oder Schakschuka. Eva Hoffe und ihre Schwester Ruth kamen an jenem Morgen im September 2007 allein; Ruth war davon ausgegangen, dass es keinen Anlass zur Sorge gebe und kein Anwalt nötig sei. Als Heller auftauchte, war das ein Schock für die beiden, plötzlich standen sie der eisernen Maschinerie des staatlichen Rechtsapparates gegenüber. »Das war ein Hinterhalt«, sagte Eva Hoffe. »Man hatte uns getäuscht.«

Hellers Intervention führte dazu, dass der Staat Israel – vor dem Familiengericht vertreten durch den staatlichen Treuhänder (apotropos