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Ein Fantasy-Abenteuer über intrigante Götter, Macht, unerwartete Freundschaften und dem Vertrauen in die eigene Kraft: Bist du bereit, dein Schicksal neu zu schreiben? Kairra lebt auf einer Wüstenwelt mit zwei Sonnen. Zusammen mit anderen Verdammten - angebliche Diebe und Mörder, Außenseiter und Mittellose - haust sie tagsüber in tiefen Tunneln im Sand außerhalb der Stadt, die durch einen Schild vor der Hitze geschützt wird. Als sie und ihr Bruder in die Fänge des despotischen Statthalters Zekoll geraten, erfährt Kairra, dass sie von Göttern abstammen soll. Von eben jenen, die die Sonnenwelt als Spielball ihrer Unterhaltung nutzen. Um ihren Bruder vor der Sklaverei zu schützen und ihre Welt wieder lebenswert zu machen, nimmt Kairra den Kampf auf - gegen den Statthalter und gegen die Götter selbst. Doch die Zeit drängt, denn ihre Welt steht vor dem Untergang. Unerwartete Verbündete findet sie in Zekolls Cousine, die eigene Pläne verfolgt; in einem Gefangenen, der angeblich ein Bote der Götter ist; und in einem charismatischen Rebellen, der mehr weiß, als er zugeben will… Doch wem kann Kairra wirklich vertrauen? Asta Müller erzählt die fesselnde Geschichte einer jungen Rebellin, die das Schicksal in die eigenen Hände nimmt, die Mut und Hoffnung schenkt, und in der auch eine Prise Humor nicht fehlt.
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Seitenzahl: 637
Veröffentlichungsjahr: 2023
Asta Müller
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
»Wir sind keine Opfer der Sonnen, wir sind die Kämpfer der Nacht.«
Kairras Welt wird von zwei Sonnen beherrscht. Zusammen mit anderen Verdammten muss sie tagsüber in Tunneln tief unter dem Wüstensand leben, denn nur die Stadt ist vor der Hitze geschützt. Als sie und ihr Bruder in die Fänge des despotischen Statthalters Zekoll geraten, erfährt Kairra, dass sie von Göttern abstammen soll. Von jenen Göttern, die die Sonnenwelt als Spielball ihrer Unterhaltung nutzen. Um ihren Bruder vor der Sklaverei zu schützen und ihre Welt wieder lebenswert zu machen, nimmt Kairra den Kampf auf - gegen den Statthalter und gegen die Götter selbst. Unerwartete Verbündete findet sie in Zekolls Cousine, einem angeblichen Götterboten und einem jungen Rebellen, der mehr weiß, als er zugeben will…
Widmung
Motto
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Epilog
Danksagung
Für die starken Frauen dieser Welt und für die, die es noch werden (wollen).
Mögen die Verdammten in ihren Höhlen
vor den Toren Decta-Verrasverrotten.
Mögen sie unter unserem Müll ersticken.
Mögen sie elendig vertrocknen und verhungern,
wenn die Sonnen sie nicht vorher verbrennen.
Wer nicht unter uns geboren wurde, ist es nicht würdig zu sein.
Unsere Stadt ist auserwählt.
Ehren wir unseren Statthalter,
den allwissenden Herrscher, Zekoll Dare!
Schmerzerfüllte Schreie drangen vom Platz der Qualenbis zu mir herüber. So schrill und so laut, dass sogar der Sand in der Luft im Takt mit zu vibrieren schien. Diese hohe Stimme hätte ich unter allen Verdammten erkannt. Es war also Elssa, die heute bestraft wurde.
»Macht mich los, verdammte Mörderbande, ich bin unschuldig!«, kreischte sie.
Elssa war ganz sicher nicht unschuldig, keiner von uns Ausgestoßenen war das. Um zu überleben, zwangen uns die Städter, gegen ihre Gesetze zu verstoßen. Aber deshalb musste man uns nicht gleich zu den Sonnen schicken. Doch wenn Elssa bis zum Abend auf dem Platz blieb, würden die Strahlen der zwei Sonnen, Hearre und Nemarre, ihren Rücken durchfressen und sie bei lebendigem Leib verbrennen.
Reglos verharrte ich in meinem Versteck hinter einem der vielen Schutthaufen und dachte nach. Solange ich hier hockte, war ich halbwegs gut verborgen. Doch an öffentlichen Plätzen wie diesen hatten die Wächter des Statthalters überall ihre Augen. Sollte ich versuchen, ihr zu helfen, könnte ich entdeckt werden. Dann würde ich mit Sicherheit selbst auf dem Bestrafungsstein landen und direkt neben Elssa um mein Leben betteln.
Danken würde mir Elssa ohnehin nicht. Die Frau würde mich an den nächsten Sklavenhändler verhökern, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn sie die Gelegenheit dazu bekäme. Das einzig Gute an Elssa war ihre Zuneigung zu Lorrin. Wenn es sich mit ihren eigenen Zielen vereinen ließ, schützte sie meinen kleinen Bruder, darauf konnte ich mich immer verlassen. Und das war mehr, als man sonst im Cahchtar erwarten konnte. Statt Freundschaft herrschte hier Rivalität. Für mich selbst gab es nur zwei Ausnahmen, den alten Paddin und Lorrin.
Bis auf Elssas Schreie war es still. Jeder, der es vorzog, nicht lebendig gegrillt zu werden, floh tagsüber in die unteren Ebenen des Cahchtars. Tief in den unterirdischen Gängen war die Hitze erträglicher. Hier oben schützte uns – wenn überhaupt – nur ein grobes Dach vor den schlimmsten Verbrennungen; ein Flickwerk, das aus Blechen, Stoffen, Lederresten und alten Möbelstücken bestand. Alles, was sie in Decta-Verra nicht gebrauchen konnten, entsorgten die Städter vor ihren Toren. Aber ohne ihren Abfall ginge es uns zweifellos noch schlechter.
Vorsichtig spähte ich weiter die nähere Umgebung aus. Der Platz lag eigentlich geschützt unter dem Flickdach. Doch direkt über Elssas Rücken befand sich eine Lücke, durch die die Sonnen ungehindert ihre Strafe verrichten konnten. In ihrem Fall betrug die Öffnung nicht mehr als eine Handfläche. Je nach Vergehen konnten die Löcher größer sein und das Brennen bis zum Tode führen. Der Verurteilte erfuhr vorher nie, wie lange er den Sonnen ausgesetzt wurde. Das wusste ich aus eigener Erfahrung, und diese Ungewissheit hatte ich als besonders grausam empfunden.
Elssas Stimme ging in eine höhere Tonlage über. Sie verfluchte, wen sie nur kannte, auch mein Name fiel.
Ich musste etwas tun, so langsam schwitzte ich mir die Schutzschicht vom Leib. Und dieser Schmierfilm aus Schmutz und Fett war das Einzige, was uns Ausgestoßene für kurze Zeit vor den tödlichen Strahlen der Sonnen schützte.
Damit mich niemand erkennen könnte, müsste ich mich wandeln – und da gab es nur zwei Möglichkeiten. Das kleine Mädchen kam nicht infrage, dafür war Elssa zu schwer.
Bevor ich es mir anders überlegen würde, konzentrierte ich mich auf das Bild der alten Frau. Ich ließ das Alter in meine Knochen kriechen und stellte mir ihre körperlichen Gebrechen vor. Stück für Stück wie ein neues Gewand, das ich mir überzog, veränderte ich mich. Die Feuchtigkeit wich aus meiner Haut, nahm Muskelkraft und Elastizität mit. Dicke bläuliche Adern überzogen meine Hände. Meine Brüste fielen in ihrem Schlangenledergeflecht zusammen und welkten runzlig wie vertrocknete Kakteenfrüchte. Das Einzige, das sich nicht verändern würde, war die kleine sternenförmige Brandnarbe auf meiner rechten Schulter. Die blieb jedes Mal gleich. Sie erinnerte mich immer daran, wie erbarmungslos die Städter selbst einen kleinen Diebstahl bestraften. Dabei hatte ich damals noch Glück gehabt und war den Sonnen nur kurze Zeit ausgesetzt worden.
Jetzt spürte ich die Last des Alters in meinen Knien, die sofort anfingen zu schmerzen. Meine Gelenke knirschten, als ich vorwärtskroch. Selbst meine Augen ließen mich im Stich. Warum musste das Wandeln nur so verflucht real sein? Da ich keinen anderen Wandler kannte, konnte ich niemanden fragen. Nur Paddin und Lorrin wussten von meiner Fähigkeit.
Noch einmal blickte ich mich um, doch ich konnte nichts Auffälliges entdecken. Wer war auch sonst so lebensmüde und robbte hier zu dieser Tageszeit herum? Ich steckte den Krummdolch in das knappe Oberteil. Sobald ich die Deckung verließ, musste es schnell gehen.
Um Elssa vorzuwarnen, ahmte ich den Pfiff einer Jaccula nach. Von diesen zähen, flinken Wüstenratten gab es Unmengen im Cahchtar.
Leider deutete nichts darauf hin, ob Elssa das Signal gehört hatte. Trotzdem kroch ich aus meinem Versteck. Die Mischung aus Sand, Steinen und Dreck scheuerte schon nach wenigen Augenblicken meine trockene Haut auf.
Inzwischen war ich nah genug an den etwa hüfthohen Stein herangekrochen. Mein Atem rasselte. Die heiße, staubige Luft bekam alten Leuten nicht gut. Ich pfiff noch einmal leise, wenigstens dafür war die nun vorhandene Zahnlücke nützlich.
Elssa schrie immer schriller, obwohl das kaum noch möglich war. Sie lag mit dem Bauch auf der flachen Steinfläche, ihre Hände waren über ihrem Kopf mit Seilen befestigt. Die Beine waren gestreckt und ebenfalls gefesselt. Der Rücken hatte sich mittlerweile in eine Blasenlandschaft verwandelt und sah richtig übel aus. Vor dem Brennen entfernten die Vollstrecker immer die Schutzölschicht vom Körper, so konnten die beiden Sonnen das ungeschützte Fleisch grillen.
Als ich ihren Kopf erreichte, verstummte Elssa. Vielleicht hatte sie den Pfiff gehört oder endlich die Besinnung verloren? Der beißende Geruch verbrannten Fleisches drang in meine Nase. Hektisch zückte ich den Dolch und säbelte an den Seilen herum.
Plötzlich bewegte sich ihr knallroter Haarschopf leicht zur Seite, und sie starrte mich aus verquollenen Augen an. In ihrem fiebrigen Blick flackerte ein Funke der Hoffnung auf, bevor sie kurz darauf wieder das Bewusstsein verlor.
Ich arbeitete schneller und befreite Elssas Füße, als ich eine leichte Berührung an meinem Rücken spürte.
»Pst«, zischte es leise hinter mir. Ich wagte nicht, mich umzusehen, sondern hielt nur den Atem an.
»Dachte mir doch, dass du dich nicht raushalten kannst.« Paddins vertraute Stimme war kaum lauter als ein Windhauch.
»Was machst du hier?«, flüsterte ich erleichtert und säbelte weiter an der letzten Fessel.
»Die schaffst du hier nie allein weg.« Er deutete mit seinem knochigen Finger auf Elssa.
»Das lass mal meine Sorge sein. Verschwinde lieber wieder. Dich könnten sie erkennen.«
»Wenn ich schon mal da bin, lass dir helfen …«
»Paddin, du bist zu alt für so was.«
Mein alter Freund kicherte und musterte mich mit seinem einzigen gesunden Auge. »Du etwa nicht, Kairra? Siehst doch selbst gerade so aus, als hättest du schon bessere Tage gesehen. Stell dich nicht so an, ich habe ein großes Tuch aufgetrieben. Da können wir sie drauflegen und einen Teil der Strecke ziehen.«
»Warum musst du dich nur einmischen? Wenn sie uns kriegen, hat Lorrin niemanden mehr.«
»Dann sollten wir schnell verschwinden. Du nimmst die Arme, ich die Beine.«
Ich seufzte und packte zu. Kaum hatten wir Elssas Körper auf das Stück Stoff gehievt, hörte ich ein leises Rascheln. Vor Schreck lockerte ich den Griff, und Elssa rutschte unsanft auf den Boden. Aber dann entdeckte ich eine fette Ratte, die sich trotz der größten Hitze auf die Oberfläche verirrt hatte. Ein Blick auf Elssa verriet mir, dass sie von dem Sturz nichts mitbekommen hatte.
Paddin schnalzte mit der Zunge und warf sein Messer. Selbst auf diese Entfernung traf er den kleinen Körper sicher. Sauber fuhr die Klinge in den Rücken der Jaccula. Die Ratte erzitterte und verreckte auf der Stelle.
»Abendbrot.« Er grinste, holte sich das Tier und warf es in seinen Beutel, dann kniete er neben Elssa nieder.
Ich nickte ihm zu und prüfte rasch, ob Elssa noch atmete. »Lass uns verschwinden. Sie ist noch bewusstlos.«
Wir beeilten uns und packten wieder die Enden des Tuchs, um Elssa vom Platz der Qualen zu schleifen. Ich betete zu Nadorr, dass das Material stabil genug war, um den spitzen Steinen am Boden standzuhalten.
Schweißgebadet erreichten wir den Eingang zu den Gängen und zerrten Elssa in den Untergrund. Als wir etwas weiter in die Tiefe vorgedrungen waren, wandelte ich mich zurück in meine normale Gestalt und atmete auf. Langsam beruhigten sich meine angespannten Nerven.
Die meisten Bewohner des Cahchtars verschliefen die heißesten Stunden des Tages in den tieferen Regionen. Erst wenn die Nacht hereinbrach und der kleine Mond Nadorr aufging, würden sie alle aus ihren Verstecken kriechen. Bis dahin mussten wir Elssa in unsere Höhle gebracht haben. Fast jeder der Ausgestoßenen würde uns für ein paar Tropfen Wasser an die Schergen des Statthalters verraten.
Die Gänge hier unten zählten allerdings zu den seltenen Beispielen für Zusammenarbeit im Cahchtar. Jeder sorgte dafür, dass die Wege zu den Behausungen stabil blieben, denn davon hing das Überleben aller ab. Die Wände bildeten ein Flickwerk aus verschiedensten Baustoffen. Alles war so dicht miteinander verwoben, dass nicht die kleinste Lücke zu sehen war, nur so konnte der feine Sand aufgehalten werden.
Manche der unteren Bereiche waren nur über Seile zu erreichen. Das bedeutete, dass wir Elssa über weite Teile abseilen mussten.
Als mir schwindelig von der Anstrengung wurde, gab ich Paddin ein Handzeichen. Obwohl er mindestens dreimal so alt war wie ich, war ihm nichts anzumerken. Er schien unverwüstlich zu sein. Trotzdem mussten wir eine kleine Pause einlegen. Wir zogen Elssa in eine Nische und hockten uns neben sie. Während Paddin der Bewusstlosen die letzten Tropfen Kaktuswasser aus seinem Trinkschlauch einträufelte, beobachtete ich ihn.
Paddin war wohl der Einzige im Cahchtar, der seine Haare pflegte. Sie waren weiß und fielen lang über seine sehnigen Schultern. Die Augenklappe, die er immer trug, verlieh ihm eine verwegene Note.
Vor vielen Jahren war Paddin als Gladiator bei den Spielen in Decta-Verra angetreten, da man nur als Sklave oder Gladiator in die Stadt hineinkam. Er wollte sich an dem Mann rächen, der seine Familie ermorden ließ. Dafür hatte er sogar die Scaparen verlassen, obwohl die Rebellen in Freiheit lebten.
Als Paddin endlich eine Gelegenheit für seine Rache erhielt, wurde er erwischt. Zur Strafe stach ihm der Vater des jetzigen Statthalters das linke Auge aus und ließ ihn anschließend auf dem Platz der Qualen brennen. Paddin war jedoch nicht so leicht umzubringen. Deshalb warfen sie ihn am Ende in die Wüste, die den Rest besorgen sollte, und da hatte ich ihn dann gefunden.
Obwohl ich damals selbst noch ein Kind war und mich um meinen Bruder, einen Säugling, kümmern musste, seit unsere Eltern in der Wüste verschollen waren, nahm ich den fast toten Mann auf und pflegte ihn. Seitdem gehörte er zu unserer kleinen Familie.
»Wir müssen weiter«, sagte Paddin und wickelte ein Seil um Elssas Füße. Kaum war er fertig, blickte er zu mir hoch. »Bereust es wohl, die falsche Schlange befreit zu haben, he?«
»Das werde ich sicher noch bereuen, dafür sorgt sie schon. Hast du mal nachgesehen, ob sie noch lebt?«
»Ihr Herz schlägt noch. Was machen wir mit ihr, Kairra? Willst du sie gesund pflegen?«
Ich blickte mich ratlos um. Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. »Wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Aber sowie sie sich wieder rühren kann, schmeiß ich sie raus.«
»Mich hast du auch nicht rausgeworfen …«
»Das war etwas ganz anderes.« Ich schluckte. Das Sprechen fiel mir schwer, inzwischen war mein Hals so trocken wie Wüstensand. Wir mussten unseren Verschlag erreichen und bald etwas trinken.
Cesszia eilte durch die Flure des Palasts. Sie fluchte. Wenn Zekoll sie um diese Tageszeit rufen ließ, bedeutete dies meist nichts Gutes. Ihr Cousin war unberechenbar und gefährlich. Dass sie noch lebte, verdankte sie nur ihrer Fähigkeit, in die Zukunft blicken zu können. Zekoll kannte kein Mitgefühl. Ihre Verwandtschaft zählte nichts, angeblich hatte er sogar seinen eigenen Vater töten lassen.
Sie verlangsamte ihr Tempo erst, als sie vor der großen Flügeltür seines Amtszimmers stand. Zittrig holte sie Luft und straffte die Schultern. Dann legte Cesszia die Hand auf eine Fläche, die den Mechanismus auslöste. Als einzige noch lebende Verwandte schien er ihr zu vertrauen. Das aber auch nur, weil ein paar ihrer Visionen sich für ihn als nützlich erwiesen hatten. Solange sie ihn nicht enttäuschte, gewährte ihr Zekoll freien Zutritt.
Die Tür glitt lautlos zur Seite und gab den Blick auf das Zentrum seiner Macht frei. Der Saal war so groß, dass man leicht tausend Leute unterbringen könnte, ohne dass es Gedrängel gab. Die transparente Kuppel brach das Licht der Sonnen in alle Farben des Spektrums und blendete jeden Besucher. Das Dach erinnerte an den Energie-Schild, der ganz Decta-Verra schützte. Zekoll, der Statthalter, demonstrierte damit seine Herrschaft über die Sonnen Hearre und Nemarre.
Nur langsam gewöhnten sich Cesszias Augen an das Licht. Sie fröstelte. Ihr Cousin war größenwahnsinnig. Zum Hohn der Leute, die außerhalb der Stadt im Cahchtar hausten und vor Hitze umkamen, hielt Zekoll hier die Luft so gekühlt, dass man immer ein wenig fror. Das Wort Cahchtar bedeutet Abfall, Abschaum, und nichts anderes waren dessen Bewohner für ihn.
Zekoll saß auf seinem Amtssessel, umgeben von Wächtern und Leibsklaven, von denen einige noch sehr jung waren. Er hatte sie auserwählt und vor dem sicheren Tod errettet. Denn die Lebensumstände im Cahchtar waren gnadenlos. Die mörderische Hitze, der Wassermangel und die Brutalität der Verdammten untereinander sorgten allein schon für ein kurzes Leben. Nur wenige Säuglinge überlebten, und kaum ein Kind erreichte das Alter eines Erwachsenen. Ein Großteil der Verdammten starb an kleinsten Verletzungen oder Krankheiten, da es keine medizinische Versorgung gab. Hier in Decta-Verra lebte es sich, zumindest äußerlich betrachtet, besser. Für die angebliche Rettung seiner Leibsklaven erwartete Zekoll allerdings mehr als Dankbarkeit; wer ihm nicht zu Willen war, landete bestenfalls in den Minen oder bei den tödlichen Festspielen, die er regelmäßig abhalten ließ.
Wie immer war Zekoll nach der neuesten Mode gekleidet, die maßgeschneiderte Jacke und Hose glänzten silbrig und betonten seine eher zarte Figur. Einzig beim Schmuck übertrieb er. Beinahe jedes Stück freie Haut war behängt oder beringt, dass es nur so funkelte. Sein zerbrechlich wirkendes Äußeres und sein freundlicher Gesichtsausdruck täuschten jeden. Wer ihn nicht kannte, hielt ihn oft für einfältig, doch das war nur eine Maske, auf die man besser nicht hereinfiel. Wie böse und berechnend er war, bemerkten die meisten viel zu spät.
Cesszias Herz schlug schneller, als sie Zekolls blutverschmierte Finger bemerkte. Er hielt einen Armreif in der Hand. Direkt vor ihm am Boden lag ein lebloser Körper. Zekoll lächelte ihr entgegen und stieß mit seinem spitzen Stiefel das Gesicht der Gestalt zu ihr herum. Cesszia kannte den Mann.
Ihre Beine wurden schwach. Vor Zekoll lag der Ahne, der seit Ewigkeiten sein wichtigster Gefangener gewesen war. Die sonst so wachen Augen wirkten leblos und leer. Ihr Cousin hatte versucht, ihm in all den Jahren Gefangenschaft die Würde zu nehmen. Dennoch glaubte Cesszia, in dem starren Gesichtsausdruck des Ahnen die flüchtige Spur des Triumphs zu entdecken.
»Cesszia, liebste Cousine, komm her!« Zekoll winkte mit dem Armreif. »Ich habe die Geduld verloren. Verzeih mir. Ich weiß, dir lag etwas an diesem Ahnen.« Er verzog sein Gesicht und schnalzte spöttisch. »Wer hat bloß behauptet, dass die Ahnen unsterblich sind? Wenn man sich genügend Mühe gibt, finden auch sie ihren Weg zu den Sonnen. Noch ist ein Funken Leben in ihm. Sollte er das hier überstehen, setze ich ihn bei den Spielen ein. Ich bin guter Hoffnung, dass die ihm den Rest geben.«
Ungläubig sah Cesszia den Ahnen an. Dann hob sie ihren Kopf und blickte Zekoll in die Augen.
»Warum?«, fragte sie. Sie durfte jetzt nicht falsch reagieren. Wenn Zekoll in dieser Stimmung war, konnte es leicht ein weiteres Opfer geben.
Zekoll lächelte milde. »Er wollte nicht mit uns zusammenarbeiten, wir haben alles versucht. Nadorr ist mein Zeuge. Dieser Ahne ist einfach störrisch. Wir müssen jemand anderen finden, der seinen Reif der Reisen bedienen kann. Deshalb habe ich auch nach dir rufen lassen.«
Cesszia spürte, wie die Kälte des Raumes in ihr Herz drang.
Ein verträumter Ausdruck trat in Zekolls Augen. »Bevor er sein Bewusstsein verlor, hat er mir jedoch endlich verraten, was er tatsächlich auf unserer Welt wollte.«
»Und was?«, wagte sie zu fragen und fürchtete sich gleichzeitig vor der Antwort.
Ihr Cousin stieß kurz seine Zungenspitze zwischen seinen schmalen Lippen hervor; eine Geste, die Cesszia kannte und fürchtete. »Stell dir vor. Auf unserer Welt soll es Bastarde der Götter geben. Die hat er gesucht, bevor wir ihn mithilfe deiner Vision erwischt haben. Anscheinend sind diese Abkömmlinge der Götter den Ahnen wichtig. Wenn mich nicht alles täuscht, könnten wir mit ihrer Hilfe unsere Macht ausdehnen. Wir könnten die Ahnen erpressen. Ach, was sag ich, die Götter selbst wären in unserer Hand.« Sein lautes Lachen hallte von den Wänden wider.
Benommen nickte sie ihm zu, konnte aber nicht mehr als ein schwaches »Oh« erwidern.
Zekoll wirkte noch selbstzufriedener, als er fortfuhr: »Schau, meine liebe Cousine. Wir haben den Armreif und sein Blut. Das wird dir helfen, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Ich darf dich dran erinnern, dass du es warst, die mich darauf hingewiesen hat, wie wichtig es für uns ist, über unsere Welt hinaus zu denken. Mit deiner Hilfe werden wir sicher hinter das Geheimnis dieser Götterkinder kommen.«
Cesszia war übel. Die Prozedur war grässlich. Um einen flüchtigen Blick in die Zukunft werfen zu können, musste sie sich in Trance begeben. Die Droge, die sie dazu benötigte, brachte sie körperlich und geistig an ihre Grenzen. Sie brauchte tagelang, um sich davon zu erholen. Jedes Mal verlor sie anschließend ihren Bezug zur Wirklichkeit; die sich fächerartig ausbreitenden Visionen überlasteten ihren Verstand. Im Wirrwarr der möglichen Zukünfte reagierte ihr Kopf wie ein Kessel, der kurz vor dem Explodieren stand. Oft war das, was sie dann sah, nicht das, wonach sie suchte. Obendrein bedeutete es nicht, dass diese Zukunft auch eintreffen würde. Das Blut des Ahnen und der Reif der Reisen würden ihre Visionen sicher schärfen, doch das Ergebnis barg ein gewisses Risiko. Wenn das, was sie sah, Zekoll enttäuschte, könnte er die Beherrschung verlieren und sie grausam bestrafen. Trotz der kühlen Luft brach Cesszia in Schweiß aus.
Sie atmete tief ein und erwiderte seinen Blick. »Ich werde es versuchen, aber …«
Ihr Cousin winkte ab. Er beugte sich zu einem der älteren Leibsklaven und flüsterte ihm einen Befehl zu, woraufhin der sofort durch die Hintertür verschwand. Dann erhob sich Zekoll und stieg über den Ahnen hinweg.
Als er sie erreicht hatte, legte er seine Hand auf ihre Schulter und plauderte munter: »Meine Liebe, habe ich schon erwähnt, dass du wieder einmal bezaubernd aussiehst? Ich bin glücklich, dich an meiner Seite zu wissen. Wem sonst könnte ich trauen? Komm, setze dich. Es wird sicher schnell gehen. Wie immer hast du hinterher einen Wunsch frei. Scheu dich nicht, für dich ist mir nichts zu kostbar.«
Mit tänzelnden Schritten begleitete Zekoll sie quer durch den Raum. Dabei drückten zwei seiner Finger unnachgiebig in ihren Rücken. Seine Vorfreude war deutlich zu spüren, verzweifelt suchte Cesszia nach einem Ausweg.
Alles in diesem Saal war hell und wirkte kühl. Zekolls weiße Sitzlandschaft, die er für vertrauliche Momente wie diesen nutzte, bildete da keine Ausnahme. Als sie sich hinsetzte, schauderte Cesszia. Im Innern eines Eiswürfels wäre es sicher ähnlich behaglich gewesen.
Zekoll gab den Befehl, den Saal zu räumen. Cesszia wusste, dass es ihm schon schwer genug fiel, ein paar Geheimnisse mit ihr teilen zu müssen. Mehr als einmal hatte er ihr gesagt, dass niemand sonst seine Pläne kennen dürfe. Eines seiner Ziele war, seinen Einflussbereich auszubauen, indem er das Wertvollste, was diese Welt bot, an sich riss: das Scapara-Erz. Decta-Verra war ihm längst schon zu klein geworden.
Dieses Erz war der Schlüssel zu seiner Macht. Es lieferte all die Energie, um Decta-Verra und den Sonnenschild aufrechtzuerhalten. Es schaffte die Grundlage für ihre Wissenschaft und ihren hohen technischen Standard. Ein winziges Stück Erz versorgte diesen Saal unbegrenzt mit Licht. Ein weiteres kühlte den Raum. Wieder andere erzeugten die Energie für die Gleitbänder. Scapara-Erz war unbezahlbar. Und offenbar gab es dieses Erz auf keiner anderen Welt, das behauptete zumindest der Ahne. Es könnte Zekoll zu Macht und Wohlstand im gesamten Universum verhelfen. Doch zu seinem Bedauern lag der größte Fundort des Erzes mitten im Gebiet der Rebellen.
Der Ahne hatte während seiner langen Gefangenschaft Cesszia davon erzählt, dass es weitere bewohnbare Welten gab. Er konnte, wie auch die anderen Ahnen, mit einem Reif der Reisen auf jede beliebige Welt gelangen. Dazu brauchte er nur das Zeichen der jeweiligen Welt und eine weitere Komponente, die er nicht verraten hatte. Denn die Ahnen waren die Hüter der bewohnten Welten, von den Göttern selbst beauftragt, und sie bewahrten ihre Geheimnisse.
Cesszia blickte zu dem reglosen Ahnen hinüber. Seit ihrer Kindheit hatte er sie fasziniert. Er hatte immer so fremdartig und auf seine Art vollkommen auf sie gewirkt. Sooft es ging, schlich sie sich als Kind in den Kerker und sprach mit ihm. Mit der Zeit begann er, ihr etwas von dem Leben auf der Alten Welt der Ahnen zu erzählen. Von ihm wusste sie, dass die Ahnen beinahe unsterblich waren, da sie über immense Heilkräfte verfügten. Wenn sie das Erwachsenenalter erreichten, alterten sie nicht mehr. Und nun hatte ihr Cousin einen von ihnen gebrochen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie ihn nie nach seinem richtigen Namen gefragt hatte. Für sie war er immer nur der Ahne gewesen.
Wenn sie jetzt einen Fehler machte, könnte das auch für sie üble Folgen haben. Sie erschauderte.
Der Leibsklave kam mit einem Tablett zurück. Er stellte die Kanne mit dem kochenden Wasser, einen Becher und das verschlossene Gefäß mit der Droge direkt vor ihr ab.
Cesszia sammelte all ihren Mut und suchte nach einem letzten Ausweg. »Zekoll, bei aller Liebe, das wird sicher nicht funktionieren. Der Ahne ist bald tot, er hat keine Zukunft mehr, die ich sehen könnte. Bei den Spielen werden ihn die Echsen in Stücke hacken. Ich glaube, du machst dir falsche Hoffnungen.«
Sie suchte seinen Blick und sprach erst weiter, als sie den Eindruck hatte, dass er ihrem Gedankengang folgte. »Ich kann nicht in die Vergangenheit blicken, meine Gabe funktionierte nur in eine Richtung. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.«
Zekoll drehte den Reif in seinen Händen, er schien nachzudenken. Es dauerte einen Moment, bevor Cesszia eine Antwort bekam.
»Möglicherweise geht es auch anders, meine Liebe. Ich glaube, ich habe eine Idee, wie wir so ein Götterkind finden könnten.«
Cesszia entspannte sich. Doch nur für einen winzigen Augenblick, denn bereits im nächsten Moment trat ein kalter Ausdruck in seine Augen. Als er weitersprach, klang seine Stimme boshaft und herrisch.
»Dann nimm mein Blut, Cesszia! Ich möchte endlich meine Zukunft sehen. Werden wir die Sonnenwelt verlassen können? Und vor allem: Werde ich dann noch mächtiger sein?«
Ihr Herz blieb beinahe stehen. Jetzt konnte sie nur noch verlieren. Es sei denn, sie prophezeite ihm, dass alle seine Pläne gelingen würden.
Als Nadorrs Horn erklang und die baldige Dämmerung ankündigte, weckte der tiefe durchdringende Ton mich so plötzlich auf, dass ich mit der Stirn gegen das Drahtgeflecht über Lorrins Schlafstätte stieß. Verdammt, ich hatte vollkommen vergessen, dass ich zu ihm ins Bett gekrochen war, nachdem wir die bewusstlose Elssa auf meinem Schlaflager abgelegt hatten.
Mein kleiner Bruder hatte sein Lager seit einiger Zeit vollständig mit Draht umspannt. Scheinbar fühlte er sich in so einem Käfig sicherer, obwohl er niemals zugeben würde, dass er überhaupt vor irgendetwas Angst hatte.
Ein widerlich süßlicher Geruch drang in meine Nase. Mir fiel ein, dass mein Bruder das Drahtgeflecht auch dafür nutzte, alle möglichen Fundstücke darin aufzubewahren. Hastig tastete ich nach der Leuchte und schaltete sie an. Es dauerte nicht lange, und ich fand die Ursache des Gestanks. Direkt neben meinem Kopf verweste das Fell einer Jaccula. Ich hielt mir die Nase zu.
Mein Bruder schien das nicht zu riechen, er reckte sich neben mir und murmelte im Schlaf. Zwei Armlängen von mir entfernt schnarchte Paddin in seiner Hängematte. Normalerweise reagierten wir alle schneller, wenn Nadorrs Horn zum ersten Mal erklang. Aber nach dieser anstrengenden Rettungsaktion waren wir zu fertig gewesen und hatten den Rest des Tages verschlafen.
Ich dachte an den Moment zurück, als wir endlich die Sicherheitsvorrichtung zu unserem Verschlag gelöst hatten. Es grenzte an ein Wunder, dass wir es, ohne aufzufallen, zurückgeschafft hatten. Und obwohl wir kaum noch Kraft zum Atmen fanden, reinigte ich Elssas Wunden notdürftig, während Paddin die erlegte Ratte nach oben zum bewachten Kochplatz brachte. Dort grillten die Sonnen das Fleisch, bis Nadorr aufging.
Jetzt dauerte es nicht mehr lange, und das Horn würde zum zweiten Mal ertönen. Doch zuvor mussten wir noch ein paar Dinge erledigen, damit wir an die Oberfläche konnten – in die kühle Nacht.
Ich beugte mich zu Lorrin herüber und kitzelte ihn hinter seinem Ohr. Wie nicht anders erwartet, schlug er reflexartig nach mir und blickte mich böse, aber hellwach an.
»Lass das!«
Ich zeigte auf die Reste der Ratte im Gitter über mir. »Musst du dieses stinkende Fell unbedingt hier aufbewahren? Davon wird mir übel.«
Lorrin lachte nur und krabbelte eilig über mich hinweg. »Ich hole den Braten, wenn du die Kakteen öffnest«, rief er und war im nächsten Moment schon aus der Höhle gekrochen.
Verdammt, er hatte es wieder geschafft. Wenn es darum ging, unliebsamen Aufgaben zu entgehen, konnte er ziemlich kreativ werden. Ich blickte ihm stolz hinterher. Seine Bastelleidenschaft beschränkte sich nicht nur auf das Bett. Lorrins Ideen und seinem handwerklichen Talent verdankten wir es, dass unsere kleine Behausung über einige nützliche Vorrichtungen verfügte. Wie die Sicherungsfalle am Eingang der Höhle.
Ich kroch aus dem Drahtgeflecht und richtete mich vorsichtig auf. Wenn ich den Kopf ein wenig einzog, war die Höhle gerade so hoch, dass ich in der Mitte aufrecht stehen konnte. Paddin hatte es da schlechter getroffen, er war mindestens zwei Köpfe größer als ich.
Vorsichtig befestigte ich die Scapara-Leuchte an dem Haken in der Mitte der Decke und stellte sie so ein, dass sie ein sanftes Licht in den engen Raum verteilte. Diese Leuchte war neben meinem Messer das einzig Wertvolle, das wir besaßen. Lorrin hatte sie einem der Städter abgeschwatzt. Erpresst wäre sicher die treffendere Bezeichnung. Dem Dummkopf war nichts anderes übrig geblieben, als sie Lorrin auszuhändigen. Sonst hätte mein Bruder ihm nicht mehr den Rückweg aus dem verzweigten Cahchtar gezeigt. Das war seine Masche. Wenige neugierige Städter wagten sich in den Cahchtar. Wenn sie dann auf meinen Bruder trafen, waren sie meist entzückt über den kleinen Jungen mit den langen, blonden Locken, der so freundlich lächeln konnte. Niemand traute ihm zu, dass er sie absichtlich in die Irre führte, und sie sich am Ende freikaufen mussten.
Ich robbte unter Paddins Hängematte hindurch und kniete mich neben Elssa. Sie lag bäuchlings mit zur Seite gedrehtem Kopf da, genauso, wie wir sie Stunden zuvor hingelegt hatten. Kaum sichtbar flatterte vor ihrem leicht geöffneten Mund eine rote Haarsträhne. Die tiefe Ohnmacht, die sie gefangen hielt, war mir aber lieber als das Gezeter, das sonst von Elssa zu hören gewesen wäre.
Hinter mir seufzte Paddin. »Und? Lebt sie noch?«
»Sieht so aus. Hast du gut geschlafen?«
»Kann mich nicht dran erinnern.«
Ich rutschte ein Stück weiter über den Boden, um an den Sack zu kommen, der die Bogarra-Ernte enthielt. Wenn man an das Fruchtwasser der Kakteen oder der Feigen gelangen wollte, musste man vorher an einer Stelle die Stacheln entfernen. Erst dann konnte man ein Loch hineinschneiden und das kostbare Wasser entnehmen. Das Fruchtfleisch selbst war sehr sättigend und sollte angeblich ein langes Leben in Gesundheit sichern. Allerdings war die Lebenserwartung im Cahchtar im Allgemeinen nicht so hoch, als dass dieses Gerücht jemals hätte bestätigt werden können.
Während ich mir ein Stück Leder um die Hände wickelte, kletterte Paddin aus seiner Hängematte. Er entriegelte den kleinen Luftschacht, um frischere Luft von der Oberfläche in die stickige Höhle zu lassen. Diesen Lüftungsmechanismus verdankten wir auch Lorrin, unserem kleinen Erfinder.
Kaum hatte Paddin für die Belüftung gesorgt, kniete er sich an meine Seite und warf einen Blick in den großen Sack. »Ah, der Kleine war fleißig. Das sind ja richtig viele. Lass mir die reiferen übrig. Dann kann ich diese Woche noch Bogetsh machen.«
Ich warf ihm ein Stück Leder zu. »Hier. Such dir welche aus. Wenn der wieder so gut wie dein letzter Wein wird, können wir damit Tauschgeschäfte machen.«
Paddin nickte. Kurz nach dem Aufwachen, war er meist noch wortkarger als ohnehin schon.
Nachdem er einige aussortiert hatte, half er mir beim Entstacheln. Das war nicht ganz ungefährlich, schon kleine Wunden konnten sich böse entzünden. Ich kannte mal einen Mann hier unten, der hatte auf diese Weise einen Arm verloren. Mit nur einem Arm konnte er nicht mehr für sich sorgen und sich verteidigen. Es hatte nicht lange gedauert, bis die Sonnen ihn holten.
Wir arbeiteten schnell und schweigsam, denn sobald Lorrin zurückkam, würden wir essen und trinken, um dann endlich an die Oberfläche zu können. Die kühlen Nächte waren zu kurz, um sie hier unten zu verschwenden. Wir mussten die Zeit, bis die Sonnen erneut aufgingen, nutzen, um zu jagen, zu sammeln, zu handeln und zu tauschen.
Die meisten Ausgestoßenen kletterten beim zweiten Signal nach oben, so schnell sie nur konnten. Ich fluchte, als mir jemand einen Ellenbogen in die Rippen stieß. So etwas passierte schnell im Gedrängel. Zwar gab es unzählige Wege nach oben, aber bei Weitem nicht genug, um alle Bewohner der Höhlen und Tunnel gleichzeitig rauszulassen.
Wir kamen gerade rechtzeitig. Hearre, die große Sonne, war untergegangen, und mit ihr wich die tödlichste Hitze. Die letzten Strahlen der kleineren Sonne, Nemarre, fielen bereits so schräg, dass sie keine Gefahr mehr darstellten.
Wie jeden Abend genoss ich den berauschenden Anblick, wenn das nun schwache Licht durch die Abdeckungen des Cahchtars schimmerte. Die vielen verschiedenen Flächen aus Metallen, Stoffen und Lederresten, die den Cahchtar vor den Sonnenstrahlen schützten, ließen das Licht je nach Beschaffenheit und Struktur unterschiedlich stark hindurch. Am meisten glitzerten die aus Metall, sie wirkten wie kostbare Kristalle.
Noch mehr liebte ich den Sternenhimmel und die Freiheit, für die er stand. Sich unter dem offenen Himmel zu bewegen, statt in den engen Höhlen des stickigen Cahchtars herumzukriechen, das war Nadorrs Geschenk für die Ausgestoßenen. Genau genommen lebte hier jeder für diesen Augenblick. Leider waren die Nächte viel kürzer als die Tage.
Ich quetschte mich an den verschwitzten Körpern der anderen Ausgestoßenen vorbei, um endlich aus der Menge herauszukommen. An den Ausgängen brauchten einige länger, um sich in alle Richtungen zu verstreuen und ihren Geschäften nachzugehen.
»Lorrin, warte«, schrie ich. Zwischen den vielen hochgewachsenen Körpern konnte ich gerade noch seinen strubbeligen Haarschopf erkennen. Er war zu klein; wenn er stolperte, würde die Meute einfach über ihn hinwegstampfen. Kranke und Kinder hatten es um diese Zeit besonders schwer. Paddin, mit seiner Seheinschränkung, wartete deshalb immer, bis sich der erste Ansturm gelegt hatte.
Ich kämpfte mich weiter nach vorn und erwischte Lorrin an seinem Ohr. »Verdammt, Lorrin, bleib bei mir!«
»Autsch, spinnst du? Mir passiert schon nichts.« Er schlug nach meinen Fingern, nahm aber im nächsten Moment doch meine Hand, als ein greller, lang gezogener Alarm aufheulte.
Ich erstarrte. Dieses Signal kannte ich. Die Verraner setzten es nur ein, wenn auf dem Platz vor dem größten Tor der Stadt eine Versammlung ausgerufen wurde. Es musste sich um etwas Wichtiges handeln. Ich konnte mich kaum noch erinnern, wann die Bewohner des Cahchtar zum letzten Mal zusammengerufen wurden. Damals wurde das öffentliche Brennen als Strafe für jedes kleinste Vergehen verkündet. Vorausgesetzt, es war einer der Städter das Opfer. Selbst einen lächerlichen Diebstahl bestraften sie seit jenem Tag mit dem Brennen. Und der Statthalter hatte überall seine Spione, selbst unter den Ausgestoßenen.
Lorrin zog mich mit, immer weiter nach vorn. Doch wir kamen nur schwer voran, da nach dem Signal viele einfach stehen blieben. Wäre mein Bruder nicht gewesen, hätte ich mich lieber weiter nach hinten verdrückt. Die Angst, aufzufallen und gebrannt zu werden, beherrschte die meisten von uns, fast jeder Ausgestoßene fürchtete die grausamen Launen des Statthalters.
Nur leider war mein kleiner Bruder dafür viel zu neugierig. Ehe die Versammlung anfing, standen wir beide nebeneinander in der ersten Reihe auf dem Platz des Rates.
Das Haupttor Decta-Verras lag unmittelbar vor uns. Ich konnte das Energiefeld vibrieren spüren, das nur eine Armlänge von uns entfernt den Platz schützte. Hinter uns drängten sich die Leute, vor uns breitete sich eine sandige, leere Fläche von mindestens zwanzig Schritten aus. Niemand konnte da hinein, ohne von dem Energiefeld getötet zu werden.
Noch war das gewaltige Metalltor geschlossen. Die kleine Sonne Nemarre tauchte die glitzernde Fläche des Tors in ein rötliches Licht.
»Was, glaubst du, wollen die?«, fragte Lorrin leise.
»Ich weiß nicht, aber es bedeutet sicher nichts Gutes.«
»Vielleicht ja doch? Stell dir vor, sie öffnen die Stadt und wir dürfen dort leben. Paddin sagt, dort gibt es sogar Schulen für die Kinder. Und auf einigen Wegen gleiten die Städter, ohne einen Fuß zu heben. Da wird man bewegt! Es gibt Wasser. Und man kann bei Tageslicht raus, ohne zu verbrennen.«
Ich seufzte. »Dort gibt es aber auch einen mordlüsternen Statthalter, dem alle gehorchen müssen.«
Aber Lorrin hielt an seinem hoffnungsvollen Gedanken fest. »Vielleicht stimmt das ja gar nicht. Und man erzählt uns das nur, damit wir nicht reinwollen …«
»Alle wollen rein, Lorrin«, unterbrach ich leise meinen Bruder, »obwohl das mit dem Statthalter stimmt. Denke an Elssa. Jemand, der so eine junge Frau auf dem Platz der Qualen verbrennen lässt, ist nicht nett. Diese Stadt wird uns niemals aufnehmen, weil sie nicht groß genug ist. Und weil der Statthalter glaubt, wir wären nicht gut genug.«
Als Lorrin schwieg, fügte ich hinzu: »Vergiss nie, was der letzte Statthalter Paddin angetan hat. Was der Jetzige uns allen antut, indem er uns aus der Stadt verbannt. Lorrin, der Mann ist gefährlich.«
Ich merkte meinem Bruder deutlich an, dass er sich verzweifelt wünschte, unserer ausweglosen Situation zu entkommen. Aber es war besser für ihn, wenn er die Stadt nicht als mögliche Rettung ansehen würde. Um unser Leben zu ändern, gab es nur einen Ausweg, wir mussten die Scaparen finden und uns den Rebellen anschließen. Doch dafür war Lorrin noch zu jung. Der lange Weg durch die Wüste war mörderisch.
Als eine Hand meinen Arm berührte, schreckte ich kurz zusammen. Doch dann hörte ich Paddins vertraute Stimme und entspannte mich wieder. Ich war jetzt schon nervös, dabei waren die Tore noch nicht einmal geöffnet.
»Seid ihr lebensmüde? Was sucht ihr denn hier vorn, kommt mit nach hinten. Ich hätte euch fast nicht gefunden.«
»Lorrin wollte das unbedingt sehen. Du kennst ihn ja, er lässt sich nicht aufhalten. Wenn es gefährlich wird, verschwinden wir.«
Paddin verzog missbilligend das Gesicht, wodurch die Schutzschicht bröselte und er noch faltiger wirkte.
Ich blickte mich um. Dicht aneinandergedrängt standen die Ausgestoßenen da, unkenntlich durch die dicke Sonnenschutzbemalung, die ihre beinah nackten, ausgezehrten Körper komplett bedeckte. Die Gesichter wirkten starr, aber dennoch grimmig. Neugier und Furcht hielten sich die Waage.
Ein dumpfer Schlag ließ den Sand auf dem Platz aufwirbeln. Alle Blicke richteten sich auf das Tor, das sich nun langsam und geräuschlos öffnete.
Ich legte meine Hand in Lorrins, gleichzeitig berührte Paddin meine Schulter. Auch wenn es sich nur um eine kleine Geste handelte, es beruhigte mich mehr als jedes Wort. Wir würden aufeinander aufpassen, egal, was kommen würde.
Solange der Schild über dem Platz Energie hatte, konnte niemand auf uns schießen, aber auch keiner von uns Ausgestoßenen konnte mit Steinen oder Messern den Abgesandten des Statthalters erreichen.
Das Tor war nun weit genug geöffnet, um eine Person hindurchzulassen.
Ich drückte Lorrins Hand fester und starrte auf die schmale Erscheinung, die zögerlich auf den Platz trat. Es war eine junge Frau, gekleidet, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Ein zartes Gewand umhüllte wie schillernde Schleier ihre schmale Gestalt. Tiefschwarze Locken fielen bis auf ihre Hüfte. Die für Städter übliche Gesichtsbemalung schimmerte metallisch. Kleine farbige Steinchen zierten ihre Haut. Es musste sich um eine ranghohe Frau handeln, denn alles an ihr wirkte kostbar. Direkt hinter ihr traten zwei massige Wächter aus dem Tor.
Lorrin flüsterte: »Sie ist schön.«
Ich verzog das Gesicht und blickte der Erscheinung argwöhnisch entgegen. Die Städter verfügten über Wasser und wuschen sich. Sie schützten ihre Gesichter nicht mit dreckigem Rattenfett, sondern schmückten sie mit schimmernden Metallfarben. Statt spärlich bekleidet durch die Gegend laufen zu müssen, verhüllten sich die Städter mit weichen Stoffen. Wir hier draußen hingegen benötigten alle Materialien, die wir finden konnten, um das Dach über den Cahchtar zu flicken. Das Leben war verdammt ungerecht. Es war keine Kunst, so auszusehen, wenn man die Mittel dazu besaß.
Die drückende Hitze, die außerhalb des Schutzschildes von Decta-Verra herrschte, nahm Cesszia kurz den Atem. Die Temperatur wurde hier, jenseits des Tores, kaum gekühlt. Dies war das erste Mal, dass sie sich körperlich im äußersten Ring befand. Nichts und niemand hatte sie auf den Anblick der Verdammten vorbereiten können.
Sie glichen wilden Tieren. Schmutzig, spärlich bekleidet, mit verfilzten Haaren, drängte sich die Masse um den Platz. Jeden Fleck nackter Haut hatten die Verdammten dick mit farbigem Rattenfett eingeschmiert. Der ranzige Geruch, gemischt mit Schweiß, drang in Cesszias Nase und verursachte ihr Übelkeit.
Es kostete sie alle Beherrschung, nicht einfach umzukehren und das Tor wieder von der anderen Seite zu verschließen. Aber das würde Zekoll erzürnen. Cesszia atmete vorsichtig durch den Mund und ignorierte den Schwindel, den der plötzliche Temperaturanstieg mit sich brachte.
Sie versuchte, keine Miene zu verziehen, während sie die ausgezehrte Meute betrachtete. Stumm dankte sie dem kleinen Mond Nadorr, dass sie auf der richtigen Seite des Tores geboren worden war. Dann besann sie sich auf ihre Aufgabe.
Cesszia sah in die Gesichter der Verdammten, während sie an das Gespräch mit ihrem Cousin zurückdachte. Der Blick in Zekolls Zukunft hatte ihr einiges offenbart, aber nicht alles davon hatte Cesszia ihrem Cousin verraten. Sie würde versuchen, ihre Trümpfe auszuspielen, da sie Zekolls Loyalität ihr gegenüber im Ernstfall anzweifelte. Wenn sie klug vorging, konnte sie gewinnen, und ihr eigenes Schicksal entscheidend zu ihren Gunsten verändern.
Ihre Augen blieben an einer jungen Frau hängen. Durch die dicke Schmutzkruste und die Schutzbemalung konnte Cesszia nicht eindeutig feststellen, ob es die Frau aus ihrer Vision war. Aber dass ein kleiner, blonder Junge neben ihr stand, erhöhte die Wahrscheinlichkeit. Kinder waren selten im Cahchtar, die meisten starben bald nach der Geburt, den Rest versklavte ihr Cousin. Doch die Sonnenwelt war groß, und von überall drängten immer neue Bewohner in den Cahchtar. Die Hoffnung, eines Tages in die Stadt zu gelangen, ließ sie ihre Heimat verlassen.
Cesszia konzentrierte sich wieder und lächelte milde. Mit etwas Glück würde sie nur einen einzigen Durchlauf benötigen, dann hätte sie, was sie suchte, und könnte zurückkehren.
Als einer ihrer Leibwächter mit einem Handzeichen die Verdammten zur Aufmerksamkeit ermahnte, sammelte sie sich und verkündete mit klarer Stimme: »Bewohner des Cahchtars, hört mich, die ich den Statthalter Zekoll Dare vertrete, an. Ich habe ein Geschenk für eine Auserwählte unter euch.«
Cesszia ließ sich von ihrem zweiten Wächter eine kleine Truhe reichen, öffnete sie behutsam und entnahm den Reif des Ahnen. Ganz langsam hob sie ihn hoch und beobachtete, wie sich Nemarres letzte Strahlen an ihm brachen. Nach einer kurzen Pause sprach sie weiter.
»Dieser Reif sucht eine neue Herrin. Einer unter euch wird er sich zu erkennen geben und derjenigen ein Leben innerhalb unserer geliebten Stadt erlauben.«
Ein aufgebrachtes Murmeln unterbrach ihren Redefluss. Sie hielt die Hand höher. Aus den Augenwinkeln entdeckte sie dabei, wie die Wächter ihre Schusswaffen aus den Gürteln nahmen. Die Verdammten waren zwar ebenso durch den Schild geschützt wie Cesszia selbst, aber allein diese Geste der Wächter sorgte für Ruhe.
»Hört mich an!«, befahl sie der Menge erneut. »Die Erwählte wird nie wieder Hunger oder Durst leiden, nie mehr muss sie sich vor den Sonnen fürchten. Außerdem wird es ihr gestattet sein, eine weitere Person mitzunehmen, aber nur eine.«
Sie schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach. »Ich werde ein paar Frauen unter euch auswählen und sie bitten, einzeln vorzutreten, um den Reif kurz in den Händen zu halten. Er gibt sich seiner neuen Herrin zu erkennen. Der Erwählten wird eine große Ehre zuteil.«
Cesszia konnte die Verzweiflung der Verdammten beinahe riechen. Wie würde sie reagieren, wenn sie unter ihnen wäre?
»Warum nur die Frauen?«, grölte ein Mann von weiter hinten.
»Ja, was ist mit uns?«, schrie ein weiterer.
Der Tumult wurde lauter. Das Gedränge und Geschiebe in den hinteren Reihen führte dazu, dass die erste Reihe gefährlich nahe an den unsichtbaren Schild gequetscht wurde.
Cesszias Lippen zitterten. Sie musste schnell handeln und sich etwas einfallen lassen, bevor die wertvolle Auserwählte den Tod fand.
»Bleibt stehen! Nur die Ruhe! Es gibt auch einen Reif für die Männer. Wir haben Zeit, und dies ist nicht das letzte Auswahlverfahren. Ich bitte um eure Geduld. Die Stadt braucht neue Bewohner, und auf diese Weise werden einige von euch ein Leben in Freiheit erhalten.«
Das war eine Lüge, aber wer wollte sie dafür bestrafen? Cesszia atmete auf, als die Menge sich wieder beruhigte.
»Wer sagt uns, dass das keine Falle ist? Wer sagt uns, ob ihr nicht nur neue Sklavinnen oder Kämpferinnen für eure Spiele sucht?«, rief ein weißhaariger Mann, der hinter der blonden jungen Frau stand.
»Niemand. Ich kann euch nur mein Wort geben. Ich, Cesszia, Cousine und Vertraute des Statthalters, schwöre bei meinem Leben, dass der Erwählten kein Leid geschieht.«
Cesszia wartete. Wenn die Verdammten sich ihr verweigerten, gab es andere Möglichkeiten. Aber sie wollte es zuerst auf die sanfte Art versuchen. Für Gewalt war ihr Cousin zuständig. Sie ließ ihren Blick über die wenigen Frauen streifen, die sich in der ersten Reihe befanden. Niemand sollte mitbekommen, dass sie die Auserwählte bereits zu kennen glaubte.
»Um es euch leichter zu machen, suche ich für heute zehn Frauen aus. Wenn die Auserwählte nicht unter ihnen ist, eröffnen wir in der nächsten Nacht eine weitere Runde. Bis dahin könnt ihr euch untereinander einigen, wer es dann versuchen darf.«
Die Menge entspannte sich sichtlich. Sie schien sie überzeugt zu haben. Cesszia atmete die heiße Luft ein und blickte ungeduldig über den Rand des Cahchtars zum Horizont. Nadorr war aufgegangen, es würde sich nun rasch abkühlen und erträglicher werden. Mit etwas Glück könnte sie diesen unseligen Ort bald verlassen.
Ich hatte der Frau aus der Stadt geduldig zugehört, aber jetzt wollte ich so schnell wie möglich weg von hier. Niemand aus Decta-Verra schenkte uns Ausgestoßenen etwas ohne Grund. Diese Frau tat das sicher nicht, weil sie ein gutes Herz hatte. Da steckte etwas anderes dahinter.
Ich packte Lorrin an der Hand und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf, mir zu folgen. Doch er sträubte sich.
»Warte! Ich könnte da zur Schule gehen.« Er zerrte an meinem Arm, als würde sein Leben davon abhängen. »Kairra, du musst hierbleiben, vielleicht wählt der Reif ja dich …«
Paddin unterbrach ihn leise: »Und was, wenn es eine Falle ist? Kairra, was ist, wenn sie dich dabei beobachtet haben, als du Elssa befreit hast? Ich habe kein gutes Gefühl, wir sollten schnell verschwinden. Wenn du erst im inneren Ring bist, kann dir niemand mehr helfen.«
Genau das befürchtete ich auch. Ich beugte mich zu Lorrin herunter und sah ihm fest in die Augen. »Lorrin, hör mir bitte zu! Für uns gibt es eine andere Aufgabe, das weißt du. Wenn du größer bist, gehen wir zu den Scaparen. Wir alle drei zusammen. Überlege doch mal. Selbst wenn kein Verrat dahintersteckt, so darf die Erwählte nur eine weitere Person mitnehmen. Und weder du noch ich könnten Paddin hier zurücklassen.«
Mein Herz tat weh, als ich die Hoffnungslosigkeit in seinen Augen sah. Wie gerne hätte ich ihm jeden Wunsch erfüllt.
Einen Moment lang blieb sein Gesichtsausdruck nachdenklich, dann zuckte er die Schultern: »Versprich mir, bei den Sonnen, dass wir bald zu den Rebellen gehen, Kairra. Ich bin groß genug.«
Er war in etwa halb so alt wie ich. Als ich in seinem Alter war, hatten wir gerade unsere Eltern verloren. Jetzt konnte ich mich nicht mal mehr daran erinnern, wie ich es geschafft hatte, dass aus dem winzigen Säugling von damals so ein toller Junge geworden war.
Ich hob den Kopf und blickte zu Paddin. Mein väterlicher Freund war nicht ohne Grund in Sorge. Es wurde Zeit, dass wir diesen öffentlichen Platz verließen. Doch als ich mich umsah, hatten sich die Ausgestoßenen noch enger zusammengeschoben, dicht hinter uns hatte sich eine undurchdringliche Wand aus Körpern gebildet. Es blieb uns nichts anderes übrig, als zu bleiben, wenn wir nicht auffallen wollten. Ich schickte ein Stoßgebet zu Nadorr, dass mich diese Frau nicht auswählen würde.
Diese Sorge teilte ich wohl mit Paddin. Denn er versuchte, sich vor mich zu stellen. Ich hielt ihn sofort zurück, von meiner Position konnte ich das gewaltige Energiefeld deutlich spüren, wenn Paddin nur einen Schritt vortrat, wäre das sein sicherer Tod. Vorsichtshalber umklammerte ich Lorrins Hand noch fester.
Die Frau aus der Stadt wartete nicht lange. Sie wies mit ihrem Zeigefinger auf eine Ausgestoßene, die nicht weit von uns entfernt stand. Einer der Wächter öffnete mit einem kleinen Gerät einen unsichtbaren Eingang im Schild. Kaum war er fertig, trat die erste Erwählte ihm freiwillig entgegen. Neben dem Wächter wirkte sie wie ein Kind. Wortlos führte er sie zur Cousine des Statthalters.
Alles ging sehr schnell. Die Frau berührte vorsichtig den Reif und wartete. Als nichts geschah, drehte sie ihn hin und her. Wieder passierte nichts. Sie hatte Tränen in den Augen, als der Wächter sie wieder zurückführte.
Gleich danach war die Nächste an der Reihe. Nadorr sei Dank, stand diese noch weiter als die erste von mir entfernt. Mit etwas Glück wendete sich die Frau aus der Stadt nicht wieder in unsere Richtung. Eines war sicher, ich würde hier morgen Abend bestimmt nicht freiwillig stehen.
Die zweite Ausgestoßene reagierte mit einem Wutausbruch darauf, dass sie ebenfalls nicht die Erwählte war. Ich konnte die Hoffnung der Frauen gut verstehen. Eine solche Gelegenheit, diesem elendigen Leben im Cahchtar zu entfliehen, bot sich höchstwahrscheinlich nur einmal im Leben. Im Gegensatz zu mir stand für diese Frauen jedoch nur ihr eigenes Schicksal auf dem Spiel – falls es eine Falle war.
Die Cousine des Statthalters blickte sich erneut unter den Ausgestoßenen der ersten Reihe um. Diesmal ließ sie sich viel mehr Zeit und prüfte jede einzelne Frau genau. Ich atmete erleichtert auf, als sie ein weiteres Mal über mich hinwegsah. Doch dann, nach einer ganzen Weile, drehte sie sich wieder um. Sie hielt in ihrer Bewegung inne und deutete mit ihrer zarten Hand in meine Richtung.
Ich kniff die Lippen zusammen und sah rasch zur Seite, um zu prüfen, ob nicht vielleicht doch eine andere gemeint war. Aber ich war nur von Männern umgeben.
Wie betäubt nahm ich wahr, dass der Wächter direkt vor mir den Schild öffnete und mich hindurchzog. Ich drehte mich noch einmal zu Lorrin um. Er strahlte über das ganze Gesicht. Dann waren wir getrennt, durch eine unsichtbare, aber tödliche Wand.
Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, Lorrin müsste das hören. Jetzt blieb mir nur noch die Hoffnung, dass der Reif nicht auf mich reagierte.
Kurz darauf stand ich vor der Cousine des Statthalters. Aus der Nähe betrachtet, wirkte sie noch beeindruckender. Durch die Schmuckbemalung erschien ihr Gesicht maskenhaft, aber es wirkte nicht unfreundlich. Die Frau sah nicht nur fremdartig aus, sie roch auch anders. Süß, wie junge Kakteenblüten.
Wortlos reichte sie mir den Armreif.
Ich griff nur zögernd zu. Während sich meine Finger so vorsichtig um den Reif schlossen, als wäre er aus glühendem Metall, ließ mich die Frau nicht aus den Augen. Meine Hände schwitzten, obwohl es hier, hinter dem ersten Schild, deutlich kühler war.
Einen Atemzug später räusperte ich mich und wollte ihr den Reif zurückreichen. »Es tut sich nichts. Ich bin nicht die Richtige.«
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über das metallgeschmückte Gesicht, als die Frau antwortete: »Warte noch. Du musst ihn länger halten.«
Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da stach etwas in meine Handfläche. Ich erschrak, nur mit Mühe unterdrückte ich einen Aufschrei. Stattdessen lächelte ich der Frau mit erhobenem Kopf entgegen, als wäre nichts geschehen.
»Nichts«, log ich. »Tut mir leid.« Ich musste diesen Reif so schnell wie möglich loswerden.
Aber die Frau aus Decta-Verra packte meine Hand und drehte sie um. »Und was ist das?«
Ich folgte ihrem Blick und entdeckte einen Blutstropfen. Mir wurde noch heißer. Nur gut, dass die Schutzölschicht die verräterische Röte in meinem Gesicht verbarg. Ich zog die Hand wieder zurück und schüttelte den Kopf.
»Eine kleine Verletzung, vermutlich ein Splitter.«
Die Frau verzog spöttisch den Mund und flüsterte so leise, dass selbst ich sie kaum verstehen konnte: »Warum leugnest du es? Das ist das Zeichen. Er hat dich erwählt.«
Sie nahm meinen Arm und rief für alle anderen laut vernehmbar: »Für heute haben wir eine Auserwählte. Ihr seht, ihr ist nichts passiert. Niemand muss sich fürchten!«
Die Menge hinter dem Schild johlte. Ich wusste, solange die Ausgestoßenen hofften, dass noch einer von ihnen mitgenommen werden könnte, würde es nicht zu gewaltsamen Ausschreitungen kommen. So lange waren Lorrin und Paddin sicher. Es half alles nichts. So, wie es aussah, blieb mir nur noch ein letzter Versuch. Ich wandte mich wieder der Frau aus der Stadt zu.
»Lass mich gehen. Ich will das nicht. Nimm eine andere.«
»Das geht nicht. Dieser Reif reagiert nur auf eine ganz bestimmte Frau, und das scheinst du zu sein. Beruhige dich. Dir wird es in Decta-Verra besser ergehen als hier. Wen willst du mitnehmen? Wähle, wir haben nicht viel Zeit.«
Mein Herz hämmerte, als sich die beiden Wächter an meine Seite stellten. Ich wandte mich um, blickte zu Paddin und Lorrin, die mich still beobachteten.
Paddin schüttelte unmerklich den Kopf, doch Lorrin freute sich offensichtlich über die Aussicht, in die Stadt zu kommen. Wenn ich wirklich gehen musste, gab es ohnehin nur eine Wahl.
Die Frau sprach leise weiter: »Wenn es dir nicht bei uns gefällt, kannst du wieder zurück. Das verspreche ich dir. Wähle jetzt!«
Ich suchte fieberhaft nach einem Ausweg. Eine Flucht kam nicht infrage. Die Wächter waren bewaffnet. Außerdem, wo sollte ich hin? Vor mir lag der äußere Schild, hinter mir das Tor zum inneren Schild. Ich saß in der Falle. Verdammt, Nadorr hatte heute kein Ohr für mich.
»Kann ich nicht zwei mitnehmen? Ich kann mich nicht entscheiden.«
Die Frau aus der Stadt beugte sich leicht vor. »Entscheide dich jetzt für einen, ich garantiere dir, einen Weg zu finden, den anderen nachzuholen.«
Ich hatte ein ganz flaues Gefühl im Magen. Konnte ich einer Frau aus der Stadt vertrauen? Es war unmöglich, hinter ihre Maske zu blicken. Sie wirkte undurchschaubar mit der dicken Schminke auf ihrem Gesicht, unter der sich ihre Züge fast vollständig verbargen. Trotzdem versuchte ich, mich zu beruhigen. Wenn es eine Lüge sein sollte, würde ich einen Weg finden, wieder aus der Stadt zu verschwinden. Niemals würde ich Paddin allein lassen. Hinein kam man nicht ohne Erlaubnis, aber hinaus ging es sicher leichter.
Tränen traten in meine Augen, als ich Paddin anblickte. Ich formte mit den Lippen, dass ich ihn nicht vergessen und ihn bald nachholen würde. Dann zeigte ich dem Wächter meinen Bruder.
Lorrin strahlte über sein ganzes Gesicht, umarmte Paddin nur flüchtig, dann raste er wie ein Sandsturm zur Öffnung im Schild. Sein größter Traum hatte sich erfüllt. Mir blieb nur die Hoffnung, dass ich ihn in Decta-Verra beschützen konnte.
Kurz darauf hielt ich meinen Bruder in den Armen. Über seinen Kopf hinweg nickte ich Paddin noch einmal zu. Inmitten der sich auflösenden Menge blieb er als Einziger stolz und aufrecht stehen. Er wirkte wie ein Licht in der Dunkelheit mit seinen langen, weißen Haaren, die für einen Ausgestoßenen so ungewöhnlich glatt und gepflegt waren.
Der Blick seines gesunden Auges ruhte auf uns. Das vernarbte, blinde hielt er, wie fast immer, unter einer Klappe aus Reptilienleder verborgen. Er war mein Lehrmeister, Freund und Ziehvater gewesen. Der Abschied nahm mir die Luft zum Atmen. Nur zögerlich hob ich meine Hand und winkte ihm ein letztes Mal zu. Ich schwor mir, alles daranzusetzen, zurückzukehren oder ihn nachzuholen.
Wir hatten bereits zwei weitere Tore durchschritten, und mit jedem wurde es spürbar kühler. Jedes Mal erwartete ich die Stadt Decta-Verra zu erblicken und wurde enttäuscht. Bisher befanden sich zwischen den Energiefeldern nur verlassene Flächen, die zwanzig bis vierzig Schritte breit waren. Die Städter besaßen mehr Sicherheitszonen, als ich erwartet hatte. So wie es aussah, würde es nicht leicht werden, die Stadt heimlich zu verlassen. Aber irgendwie musste man doch herauskommen, schließlich liefen manchmal abenteuerlustige Städter bei uns im Cahchtar herum.
Der Sand am Boden wich immer mehr einem glatten Felsuntergrund. Die Städter hatten es offenbar geschafft, nicht nur die unerträgliche Hitze, sondern auch die Wüste auszusperren. Seltsamerweise war es hier taghell, obwohl es längst dunkel sein müsste.
Während die Wächter voranschritten, ging Cesszia schweigend an meiner linken Seite. Rechts von mir klammerte sich Lorrin an meinen Arm. Für seine sonst so vorlaute Art war er erstaunlich still, vermutlich war er ebenso angespannt wie ich. Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommen würde. Ich spürte, dass er zitterte, entweder vor Aufregung oder vor Kälte. Mir ging es da nicht anders. Ich zog ihn enger an mich heran.
Vor dem dritten Durchgang wandte sich Cesszia uns zu. »Dahinter liegt Decta-Verra. Dort holt man uns ab.«
»Wieso ist es hier so kalt?«, wagte Lorrin nun doch zu fragen.
Cesszia blieb kurz stehen und sah ihn an. »Unsere Stadt wird mit Scapara-Erzen heruntergekühlt, und der Schutzschild hilft zusätzlich, die Hitze draußen zu halten. Ihr werdet euch sicher schnell daran gewöhnen. Es fühlt sich nur so kalt an, wenn man direkt aus dem Cahchtar kommt.«
In diesem Moment öffnete einer der Wächter das nächste Tor. Cesszia ging voran und bat uns, ihr zu folgen. »Habt keine Furcht. Euch wird nichts geschehen.«
Ich drückte Lorrins Hand. Gemeinsam schritten wir durch das riesige Metalltor. Kurz darauf kniff ich geblendet die Augen zu. Vor uns breitete sich ein Lichtermeer aus. Sogar der Himmel leuchtete. Es dauerte einen Moment, bis ich erkannte, dass das Licht aus unzähligen hohen Gebäuden schimmerte. Die Bauwerke reichten so hoch in den Himmel hinauf, dass ich die Dächer nicht mehr erkennen konnte.
Decta-Verra glitzerte verheißungsvoll, als wären alle Sterne vom Himmel gefallen und hätten sich in der Stadt verteilt. Die vielen unterschiedlichen Formen der Bauwerke, die ich in diesem Lichtermeer erkennen konnte, übertrafen mein Vorstellungsvermögen.
So groß und gewaltig hatte ich mir Decta-Verra nicht vorgestellt. Vom Cahchtar aus konnte niemand etwas erkennen, die Energiefelder verbargen alles; nur die Legenden nährten die Einbildungskraft von uns Ausgestoßenen.
Ich blickte zurück. Hinter den Toren lag eine vollkommen andere Welt. Wir hatten es alle geahnt, aber nicht einmal Paddin hatte uns davon berichtet. Vermutlich hatte er es verschwiegen, damit wir unser Schicksal im Cahchtar besser ertragen konnten. »Die Sehnsucht, in die Stadt zu gelangen, bezahlen viele der Ausgestoßenen mit ihrem Leben.« Das waren seine Worte.
Der Gedanke an Paddin schnürte mir die Kehle zu. Ich schluckte, als Cesszia mich mit der Fingerspitze antippte.
Eine Gruppe von weiß gekleideten Frauen trat uns entgegen. Die beiden Ersten hielten Karaffen in den Händen.
»Willkommen, Auserwählte! Willkommen, kleiner Freund! Trinkt zur Begrüßung unser Quellwasser. Wir begleiten euch gleich in den Palast und stellen euch den Statthalter, Zekoll Dare, vor.«
Etwas so Kostbares wie Wasser gereicht zu bekommen, verwirrte mich. Ich blickte Cesszia fragend an.
Sie lächelte mir aufmunternd zu. »Bitte trinkt, das ist unsere Art, euch willkommen zu heißen.«
Lorrin wartete ihre Antwort kaum ab und trank den Inhalt der ersten Karaffe in einem Rutsch leer. Ich wollte mich zwar beherrschen, aber Wasser, reines Quellwasser hatte ich noch nie getrunken, und meine Kehle war wie immer staubtrocken.
Dankbar nickte ich und nahm die andere Karaffe entgegen. Noch während ich die köstliche Flüssigkeit gierig schluckte, fiel mir aus dem Augenwinkel auf, wie Lorrin langsam zu Boden sackte. Nebelschleier legten sich über meinen Blick, und mir wurde schwindelig. Die noch halb volle Karaffe glitt aus meinen Händen und fiel zu Boden. Dann verschwamm Cesszia vor meinen Augen.
»Du verdammte Verräterin«, stieß ich kraftlos hervor, dann verlor ich die Besinnung.
Mein Schädel schien vor Schmerzen zu platzen, als ich langsam zu mir kam. Vor meinen geschlossenen Augen tobte ein Sturm aus Funken. Es kam mir vor, als würden Felsbrocken auf meinen Lidern liegen, denn ich konnte sie nicht öffnen. Als Nächstes spürte ich einen heftigen Stoß gegen meine Rippen, gefolgt von einer höhnischen Stimme.
»Bist du sicher, Cesszia? Ist das die Richtige?« Der Mann schnaufte verächtlich, bevor er weitersprach. »Nicht, dass ich diese verdreckten Verdammten irgendwie auseinanderhalten könnte.«
Ich rührte mich nicht, bis ein weiterer Tritt mich auf den Rücken beförderte. Das änderte meinen Plan, mich so lange bewusstlos zu stellen, bis mir etwas Besseres einfiel. Wütend öffnete ich die Augen und blickte in ein hochmütiges Gesicht. Ich wollte aufspringen und mich wehren, doch meine Hände und Füße waren gefesselt. Allmählich kehrte meine Erinnerung zurück. Cesszia hatte uns belogen.
»Wo ist mein Bruder?« Meine Stimme klang wie ein Krächzen.
Panisch versuchte ich, etwas zwischen den Beinen der Umstehenden zu erkennen. Lorrin musste hier irgendwo sein. Der Mann, der gesprochen hatte, verzog seinen Mund verächtlich und bewegte seine mit funkelnden Ringen besetzte Hand, als wollte er ein lästiges Insekt vertreiben.
»Schneidet ihr die Fußfesseln durch und bringt sie zu mir nach vorn. Aber haltet sie auf Abstand, dieser Gestank ist nicht zu ertragen.« Dann verschwand er aus meinem Sichtfeld.
An seiner Stelle beugte sich nun Cesszia zu mir und flüsterte: »Verhalte dich ruhig, dann ist dein Bruder in Sicherheit. Bisher geht es ihm gut. Was weiter mit ihm geschieht, hängt ganz allein von dir ab.«
