Kaleidoskop des Schweigens - Ursula Sinemus - E-Book

Kaleidoskop des Schweigens E-Book

Ursula Sinemus

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Lina kommt aus den USA für ein Studienjahr nach Deutschland, wo sie zum ersten Mal ihrer Oma Lotte begegnet. Die beiden Frauen beginnen, die Familiengeschichte zu schreiben. Lotte hat viel verschwiegen in ihrem Leben, eine Forke spielt eine Rolle, ein Schweinestall und eine quiekende männliche Sau. Auch ihre Tochter Eva schweigt: über ihre Rolle im Terrorismus und in der Familie. Und Linas Mutter hat sich in die USA abgesetzt. Wird es Lina gelingen, das Knäuel zu entwirren? Wird sie die Frauen zusammenbringen? Schließlich geht es mit Riesenschritten auf Linas 90. Geburtstag zu... Ein Roman über vier Frauen, vier Generationen und ein Jahrhundert, von 1947 bis 2013.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Personen und Orte

Eva | Weihenberg | Sommer 2009

Lina und Lotte | Geiringen | September 2009

E-Mail von Lotte an Lina | 30. September 2009

E-Mail von Lina an Lotte | 1. Oktober 2009

E-Mail von Lotte an Lina | 1. Oktober 2009

Eva | Weihenberg | Sommer 1947

Lotte | Weihenberg | Sommer 1947

E-Mail von Lina an Lotte | 15. Oktober 2009

E-Mail von Lotte an Lina | 16. Oktober 2009

Lotte | Weihenberg 1947

E-Mail von Lotte an Lina | 15. November 2009

E-Mail von Lina an Lotte | 16. November 2009

Lotte | Aufbruch nach Geiringen | 1947

Lotte auf dem Weg nach Geiringen | 1947

E-Mail von Lina an Lotte | 30. Dezember 2009

E-Mail von Lotte an Lina | 31. Dezember 2009

Lotte | Geiringen | 1947

Lina | Hamburg | Januar 2010

Lotte | Abschied vom Theater | Geiringen | 1948

E-Mail von Lina an Lotte | 2. Februar 2010

E-Mail von Lotte an Lina | 3. Februar 2010

E-Mail von Lina an Lotte | 3. Februar 2010

Eva | Geiringen | 1958

E-Mail von Lina an Lotte | 19. Februar 2010

E-Mail von Lotte an Lina | 20. Februar 2010

E-Mail von Lina an Lotte | 20. Februar 2010

E-Mail von Lotte an Lina | 21. Februar 2010

Lina und Eva | Haus am Deich | 10. März 2010

E-Mail von Lina an Lotte | 20. März 2010

Lina bei Eva | Haus am Deich | April 2010

Lina | Hamburg | April 2010

E-Mail Lina an Lotte | 4. April 2010

E-Mail Lotte an Lina | 5. April 2010

E-Mail von Lina an Lotte aus St. Anton | 10. April

Lina | Hamburg | April 2010

Judith und Alice | Bloomsburg | 1992

E-Mail von Lina an Lotte | 10. Mai 2010

E-Mail von Lotte an Lina | postwendend

Lina und Judith | Hamburg | Fahrt nach Geiringen | Juni 2010

Lina | Hamburg | Juni 2010

Lotte, Eva, Judith und Lina | Weihenberg | Juni 2010 Lottes 90. Geburtstag

Eva und Lotte | Geiringen | 1947

Lotte, Alice und Judith | Geiringen | Oktober 1959

Judith | Geiringen | 1973

Lina | Hamburg | Juni 2010

Lotte | September 2010

Nachruf auf Lotte | 2012

Erster Todestag von Lotte | 2013

Vorwort

Ursula Sinemus hat diesen Roman im Jahr 2015 begonnen und bis 2018 daran gearbeitet. Die Autorin erkrankte im Herbst 2017 und starb am 2. Mai 2019. Sie hat mich gebeten, das Buch zu beenden. Am 27. April 2019 schrieb sie mir in ihrer letzten Mail:

Du hast freie Hand, und ich möchte unbedingt, dass du als Mit-Autorin erscheinst. Du besitzt alle Rechte an dem Buch … Die letzten Tage waren hier nicht gut, aber jetzt geht's wieder – an Schreiben ist jedoch nicht zu denken. Drum bin ich ja so glücklich, dass du es übernommen hast!

Alles Liebe, Ursula

Einen Monat zuvor hatte ich sie besucht, schon da teilte sie mir ihren Wunsch mit und stellte mir das Material zur Verfügung. Man kann sich denken, dass das kein einfach zu erfüllender letzter Wille ist. Abgesehen davon, dass eine nicht mehr im Leben weilende Autorin mit ihrem Manuskript über derjenigen, die es zu vollenden versprochen hat, schwebt, unterscheidet sich unser Schreibstil voneinander. Das wird die geneigte Leserin, der geneigte Leser sicher an einigen Stellen bemerken.

Die Handlung stammt weitgehend von Ursula, auch die Passagen aus dem Jahr 1947. Stärker eingreifen musste ich bei den aktuelleren Passagen der Erzählung. So sind die E-Mails von Lotte und Lina nur zu einem geringen Teil von Ursula, auch habe ich meine Fantasie vor allem bei Eva und Judith spielen lassen. Ich hoffe, dass sie mit dem Ergebnis zufrieden wäre.

Sehr herzlich bedanke ich mich bei den Erstleserinnen Gudrun Bartel, Petra Huber, Gertrud Landbeck, Elke Niemann und Marion Schönig für die wertvollen Hinweise.

Hanne Landbeck

Chania, im Dezember 2020

Personen und Orte

Tilde Wedemeyer

1890–1954, Oma Tilde

Lotte Wedemeyer

1920–2012, Hauptfigur Mutter, Großmutter, Urgroßmutter

Eva Wedemeyer

*1942, Lottes Tochter (auch Eva Belours, Renate Hamann)

Judith Martens

*1959, Linas Mutter, geborene Wedemeyer

Ben Martens

*1955, Linas Vater

Lina Martens

*1992, Erzählerin

Arri Timmermann

*1920, gefallen 1940, Evas Vater

Willi Fuchs

1918–1947, Helfer bei Oma Tilde

Nommen Hansen

1910–1949, Intendant des Theaters in Geiringen

Farshad Belours

*1943, 1967 verschollen, Evas Freund

Alice Kampmüller

1922–2003, Souffleuse, Lottes Freundin

Henner Wedemeyer

*1940, Evas Vetter

Florian, Sarah und Jan

Mitbewohner von Lina

Weihenberg

erfundenes Dorf

Geiringen

erfundene Fast-Großstadt

Hamburg

Großstadt, die gibt’s

Am Deich

Wohnort von Eva an der Elbe auf ehemaligem DDR-Gebiet

Eva | Weihenberg | Sommer 2009

Eva beschloss, das Klingeln des Telefons nicht zu beachten. Vielleicht hörte es von selbst auf. Sie erwartete keinen Anruf. Und unerwartete waren entweder unangenehm oder nichtssagend. Der altmodische Apparat klingelte stur weiter, zögernd nahm sie ab.

»Henner?«, fragte sie ungläubig.

»Wir haben beschlossen, dir Oma Tildes Haus zu schenken, aber du müsstest herkommen und dich drum kümmern, keiner von uns will es. Du bist damals bis zum Schluss bei ihr gewesen, du warst ihr am nächsten«, sagte der Anrufer hastig, als wollte er die Botschaft schnell los werden.

Evas Linke umklammerte den schwarzen Telefonhörer, die Schnur wickelte sie um den Zeigefinger der Rechten.

»Eva? Bist du noch da? War gar nicht so einfach, deine Telefonnummer rauszukriegen. Die von deiner Mutter hatte ich auch nicht, aber die habe ich schließlich im Internet gefunden, und von ihr weiß ich, dass …«

»… ich gesessen und überhaupt ein unwürdiges Leben geführt habe!?«

»Ja, nein, ich meine – ja auch!« Henner räusperte sich. Eva amüsierte sich über seine Verlegenheit.

»Und trotzdem wollt ihr mir Oma Tildes Haus schenken? Ich war nie wieder in Weihenberg. Das ist mehr als fünfzig Jahre her. Wieso vermietet ihr das Haus nicht?«

»Wir haben das Haus behalten und waren manchmal im Sommer dort, aber vermieten können wir es nicht – wer will heutzutage noch ein Plumpsklo? Jetzt ist es an der Zeit, dass du dich darum kümmerst. Schließlich gehört es euch. Euch Frauen.«

Er hatte sein pralles Hennerlachen wiedergefunden. »Weißt du noch, wie viel Angst du immer hattest, zum Klo zu gehen? Vorbei an den Schweinen, Ziegen und Hühnern?«

»Und weißt du, dass du meine erste Liebe warst?«, sagte Eva spontan und wunderte sich über sich selbst. Sie hatte keine Lust, auf Henners unausgesprochene Fragen zu ihrer Vergangenheit einzugehen. Aber Henner antwortete auch nicht auf ihre Bemerkung.

»Überleg dir’s und ruf mich an, wenn du dich entschieden hast.«

Eva lächelte bei dem Gedanken an das Gespräch mit ihrem Vetter, während sie einige Tage später in Weihenberg mit raschen Schritten die Straße hinaufging, die ihrem Namen ›Auf der Höhe‹ alle Ehre machte. Als sie den Aschenpatt erreicht hatte, der zu Oma Tildes Haus führte, musste sie erst einmal stehen bleiben und tief durchatmen.

Beim Anblick des Hauses mit dem grauen Putz und den verwitterten roten Ziegeln erschrak sie darüber, wie mickrig es wirkte. Sie ging weiter zum Hof, der noch immer nicht gepflastert war. Die festgetretene Erde hat uns immer genügt, dachte Eva beklommen und lugte in den Garten.

Unter dem riesigen Kirschbaum lagen wie gesät verfaulte dicke Herzkirschen, ein Leckerbissen für Amseln und Stare. Niemand hatte sie gepflückt. Und wie sehr hatten sie immer darauf gewartet, dass sie endlich reif wurden. Auch der Brunnen war noch da und daneben Evas Versteck: die Laube aus dichtem wildem Wein. Sie ging ein paar Schritte in den Garten hinter dem Brunnen. Auch hier nur welke Pflanzen, ausgeschossener Salat, Kohlrabi, Blumenkohl. Die Bohnen hingen vertrocknet an den Stangen, der braune Teller einer riesigen Sonnenblume war leergepickt und ihr schwerer Kopf schwankte im leichten Sommerwind.

Sie ging zurück und setzte sich auf die rohe Holzbank neben der Dielentür. Hier hatte Oma Tilde Kartoffeln geschält, Bohnen abgezogen und Wurzeln geschrappt – Eva konnte sich nicht erinnern, dass ihre Großmutter jemals einfach nur dagesessen und ihre Hände in den Schoß gelegt hätte. Sie bekam Heißhunger auf den unvergleichlichen Bohnensalat, den die Oma zubereitete und präsentierte wie in anderen Häusern Hummer kredenzt wurde. Eva schloss die Augen, hielt ihr Gesicht in die Sonne und er innerte sich an den Geschmack von Pickert, von Dickmilch mit Zucker und Vollkornbrotkrümeln, und ließ sich von einer Sehnsucht erfassen, die sie sich eigentlich verboten hatte. Oft genug nämlich war ihr der erzwungene Abschied wie bittere Galle aufgestoßen. Nach Oma Tildes Tod hatte man sie zu ihrer Mutter nach Geiringen gebracht. Da war Eva zwölf gewesen.

Sie ging zur Dielentür und fand den Schlüssel, wie Henner es beschrieben hatte, eingewickelt in Zeitungspapier, in einem Mauseloch. Sie schloss auf, die Holztür knarzte, und mit dem Schritt in die Diele tauchte sie tief in abgestandene Luft ein. Es roch auch nach all den Jahren noch nach Geräuchertem, nach Heu und nach Stall. Sie öffnete beide Flügel der großen grünen Holztür und ließ Sommerluft und Sonne in das Dunkel fluten. In der Diele war es immer dämmrig gewesen; ihr wurde erst jetzt bewusst, dass dieser Raum kein Fenster hatte. Nur durch die Scheiben oben in der Rundung der Dielentür fiel Licht von außen ein.

Hier hatte sich vom Frühjahr an bis weit in den Herbst das Leben abgespielt. Oma Tilde kochte an dem Herd für alle, auch fürs Vieh. Über dem Herd auf einem Regal standen wie damals die Töpfe, und auch die graue Ölkanne mit Tülle und Deckel war noch da. Eva griff danach, nahm den Deckel ab und steckte ihre Nase in die alte Blechkanne. »Ranzig«, sagte sie halblaut und plötzlich wusste sie, dass Oma Tilde so gerochen hatte: ein bisschen ranzig.

Fasziniert hatte sie ihrer Oma früher beim Aufräumen nach dem Pickertbacken zugesehen. Sie fuhr sich zuerst mit den fettigen Händen durchs Gesicht, dann griff sie nach der Ölkanne auf dem Schemel neben dem Herd, nahm den Deckel ab und schaute hinein. »Schon wieder fast leer«, murmelte sie. Mit dem Zeigefinger wischte sie den Deckel innen ab und verrieb das Öl in ihren Händen. Anschließend fing sie mit der Handkante die Tropfen auf, die unter der Tülle hängen geblieben waren, rieb sie in den Handflächen und fuhr damit noch einmal über ihr Gesicht und die glatt zurück gekämmten grauen Haare. Evchen guckte gespannt zu und wartete, ob auch Oma Tildes Knoten im Nacken noch etwas von dem Öl abbekommen würde.

»Warum machst du das, Oma?«

»Fett ist kostbar, man darf es nicht verschwenden, und es ist gut für die Haut und die Haare.« Oma Tilde stellte die Ölkanne zurück auf das Bord über dem Herd.

Tildes Ölkur hat ihre Wirkung nicht verfehlt, ihr Gesicht war immer glatt und rund geblieben.

Myriaden von Staubkörnern tanzten im Sonnenlicht, als Eva die paar Stufen zu den Ställen hochging. Sie öffnete die Tür, das laute Quietschen erinnerte sie an die drei Schweine, die hier früher lebten – vom Frühjahr bis zu ihrer Schlachtung im Herbst. Angeekelt guckte sie auf den Verschlag am Ende des schmalen Ganges; sie hatte von Henner gehört, dass es dort noch immer das Plumpsklo mit der großen und der kleinen Öffnung gab, vergewissern wollte sie sich nicht. Gespenstisch war es hier ohne die Tiere, so still; ihren Geruch aber hatten sie genauso zurückgelassen wie der Abort. Hier im Stall war es heller als in der fensterlosen Diele. Evas Blick fiel auf die verdreckten Butzenscheiben über den Klapptüren, die nach draußen zur Suhle für die Schweine geführt hatten. Automatisch drehte sie sich um, ohne genau zu wissen, was sie suchte und entdeckte Geräte in der Ecke: einen Spaten, an dem trockene Erdklumpen hingen, und eine verdreckte Mistforke.

Plötzlich war das Bild wieder da. Sie war fünf Jahre alt, saß in ihrer Laube und hörte Geschrei. Durch die Blätter sah sie den Kammeier, ihre Mutter und Oma in Richtung Stall laufen. Sie schlich hinterher bis zu der angelehnten Stalltür. Dort lag Onkel Willi am Boden, Oma Tilde und der Nachbar beugten sich über ihn und zerrten an dem Stiel der Forke, die in seinem Bauch steckte. Sie rannte weg. Ein paar Tage später hatten alle im Haus schwarze Sachen an und ihre Mutter brachte sie zur Nachbarin. »Nur für zwei Stunden«, sagte sie.

Bis heute wusste sie nicht genau, was damals passiert war. Eva machte die Stalltür hinter sich zu, holte tief Luft und durchquerte die Diele. Sie nahm die beiden Stufen auf der anderen Seite neben dem Herd mit einem großen Schritt. Oben führte eine Tür in den schmalen Flur. Mit den Sohlen ihrer Sandalen schrappte sie über das abgetretene Linoleum, dann stand sie vor der Kammer. Ihre Hand lag schon auf der Türklinke, aber sie zögerte, als wäre der Raum dahinter versiegelt. Versiegelt durch ihre Furcht vor der Vergangenheit, die hinter dieser Tür lauerte. Sie gab sich einen Ruck, drückte die Klinke und stand in der kleinen Kammer. Immer noch beherrschte das wuchtige Ehebett den Raum. Jetzt lagen nur noch die blauen dreiteiligen Matratzen darauf, ohne Bettwäsche. Sie hatten Flecken. Eva schaute sich um, auch der große Schrank war noch da und das kleine Fenster mit dem weißen Holzkreuz. Sie öffnete es weit, hakte sorgfältig beide Fensterflügel ein und sog die frische Luft tief ein. Am liebsten wäre sie rausgeklettert wie früher und hätte die düstere Kammer vergessen. Hier am offenen Fenster hatte ihre Mutter gestanden. Ein großer Koffer lag auf der Matratze, die Schranktüren waren offen. Sie hörte sich sagen: »Was machst du da, Mama?«

»Ich packe ein paar alte Sachen ein.«

»Kann ich nach dem Essen noch mal raus?«

Ihre Mutter antwortete nicht und legte ihr blaues Kleid in den offenen Koffer auf dem Bett.

»Mama, das ist doch noch gar nicht alt. Du sagst immer, das ist dein Sonntagskleid?«

»Lauf zu Oma Tilde, die hat etwas Schönes für dich.«

»Was denn?«

»Verrate ich nicht.«

Eva schloss das Fenster, und auch die Kammertür zog sie mit einem energischen Ruck zu. Sie hatte sie belogen. Hier in diesem Zimmer hatte sie sie zum ersten Mal belogen. Oder war das auch schon vorher geschehen? Später, in Geiringen, hatte Lotte versucht, es Eva zu erklären. Viel zu spät. Da wollte die Tochter ihr Seufzen und die weinerliche Stimme nicht hören. Die fünfjährige Tochter im Stich zu lassen! Eva empfand den Verrat der Mutter an ihr immer noch stärker als all ihre eigenen Verfehlungen. Das Verhalten ihrer Mutter hatte sie auf eine gewisse Art als Freibrief dafür genommen, zu tun, was sie getan hatte. Doch sie hatte ihre Strafe abgesessen, sie hatte sich rehabilitiert – und jetzt war sie bereit, die Gespenster der Vergangenheit zu ertragen.

Die Tür zur Wohnküche neben der Kammer, in der sie sich nur im Herbst und im Winter aufgehalten hatten, stand einen Spaltbreit offen. Eva schob sie ganz auf und blickte in den Raum, der aussah, als habe er jahrzehntelang in einem Dornröschenschlaf gelegen. Alles stand noch da, unter einer dicken Staubschicht: der Herd, der karge Holztisch mit vier Stühlen, der Küchenschrank mit den matten Scheiben in den oberen Türen, und an der Wand das ›Sofa ohne Lehne‹, die Scheese, wie Oma Tilde die Chaiselongue immer genannt hatte. An diesem zerschlissenen Möbelstück blieben Evas Blicke hängen, und ein anderes Bild kehrte zurück, das unter den Trümmern ihres Lebens verschüttet gewesen war.

Sie lag auf dem Sofa in der Küche, über ihr das warme gelbe Licht der Stehlampe, abwechselnd schaute sie auf die Hände ihrer Mutter und auf deren konzentrierte Gesichtszüge. Sie las ihr etwas vor. Das tat sie so selten. Mamas Stimme hüllte sie ein wie ein seidenes Tuch. Manchmal schaute sie von dem Buch auf, sagte »Mein liebes Evchen« und streichelte ihre Wangen. Ein seltener Moment.

Nachmittags war sie rücklings vom Schlitten gerutscht und mit dem Hinterkopf auf einen Stein geknallt. Ihre Mutter hatte sie auf demselben Schlitten die abschüssige Straße hinunter bis zum Arzt gezogen. Viel Schnee lag nicht mehr und es rumpelte furchtbar. Unterwegs musste Eva sich übergeben. »Gehirnerschütterung«, sagte der Doktor. »Sie muss einige Tage ganz ruhig liegen. Wenn Sie sich nicht dran halten, wird sie für immer Kopfschmerzen haben.« Nach dem mühsamen Rückweg legte ihre Mutter sie in der Küche auf die Scheese und blieb stundenlang bei ihr. Diese Nähe hatte sie nicht oft erlebt und doch noch lange vermisst.

»Deine Mutter hat uns vergessen, wir wollen sie auch vergessen«, hatte Oma Tilde zu ihr gesagt, wenn wieder kein Brief von Lotte gekommen war. Eva hatte es geübt, das Vergessen, aber das Sehnen blieb. Als Oma Tilde starb, brachten ihr Onkel und Henner sie zu ihrer Mutter nach Geiringen. Da war ihre Sehnsucht vor lauter Vergeblichkeit verbraucht gewesen und hatte sich in Härte und Widerstand verwandelt. Und heute? Was hatte Lotte, diese alte Frau in ihrem feinen Wohnstift, mit der Mutter ihrer Kinderjahre zu tun?

Eva ging durch die Diele zurück, schloss die große Tür ab, versteckte den Schlüssel wieder in dem Mauseloch und sah sich unschlüssig auf dem Hof um.

»Nein, Henner«, sagte sie laut, »ich glaube nicht, dass ich dieses Haus haben will.«

Sie dachte an ihr Häuschen am Deich, ihr neues Zuhause, wo sie endlich Ruhe gefunden hatte. Den Deich aufgeben und hierher ziehen? Das kam nicht in Frage. Sie trat mit dem Fuß gegen den dicken Stamm des Kirschbaumes. Er warf Früchte ab, die noch nicht verdorben waren. Sie las eine Handvoll auf, biss in die dicken Kirschen, der Saft spritzte in die Gegend und die Kerne spuckte sie auf den Hof. Mit zögernden Schritten ging sie den Aschenpatt hinunter zu der abschüssigen Straße. Sie sah sich nicht mehr um. Im Siek am Ende der steilen Straße, wo eine Quelle in den Teich gluckerte, blieb sie stehen. Die Sonne brannte, sie setzte sich ins Gras und meinte, Kinderstimmen zu hören.

Auf der Heimfahrt dachte sie darüber nach, wie merkwürdig es war, dass gerade jetzt alles wieder hervorkam. Und dass Lotte nächstes Jahr ihren Neunzigsten feiern würde. Ihr grauste.

Lina und Lotte | Geiringen | September 2009

Ich hatte erwartet, dass sie in der Tür stehen würde. Aber die Tür zu ihrem Appartement wies mich ab, dunkelbraun wie all die Türen mit den uniformen Namensschildern, an denen ich auf dem langen Flur entlang gegangen war. Ich hatte Herzklopfen und starrte in dem viel zu hellen Neonlicht auf ihren Namen: Lotte Wedemeyer. »Geh gleich nach deiner Ankunft zu ihr. Immerhin wird sie nächstes Jahr im Sommer neunzig« , hatte meine Mutter mir ans Herz gelegt. Gleich nach meiner Ankunft hatte ich anderes zu tun gehabt. Erst musste ich Hamburg kennen lernen und mich eingewöhnen. Ich hatte schon meinen absoluten Sommerlieblingsort gefunden: den Strand Pauli Beach Club am Fischmarkt; und auf der Reeperbahn war ich mit meinen anderen Großeltern gewesen.

Aber jetzt, nach zwei Monaten, war ich bereit, Oma Lotte zu besuchen. Ich hatte mich die ganze Zeit davor gedrückt, weil sie nie zu uns nach Amerika gekommen war. Zwar hatte sie uns immer geschrieben und mir Päckchen geschickt, aber vor dem Besuch hatte ich Bammel. Schließlich sollten wir uns das erste Mal wirklich sehen.

Ich drückte auf die Klingel und erschrak vor dem schrillen Klang. Nichts rührte sich im Inneren. Vielleicht lag sie schwer atmend im Bett und konnte nicht mehr bis zur Tür kommen, um mir aufzumachen, oder vielleicht kam ich überhaupt zu spät. Aber an der Rezeption hatten sie gesagt: »Gehen Sie nur rauf, Ihre Großmutter freut sich schon auf Sie.«

Ich riss mich zusammen und klingelte noch einmal. Erst nach ein paar Sekunden hörte ich sie knurren: »Ist offen, komm rein!«

Sie saß in einem Schreibtischsessel am Computertisch in ihrem Wohnzimmer direkt neben der Tür und machte keinerlei Anstalten, sich mir zuzuwenden. Ihre Blicke klebten am Monitor, sie hackte in die Tastatur und sagte laut mit ihrer dunklen Stimme: »Das verdammte Outlook-Programm! Ich lerne das nicht mehr, so ein Mist.«

Das waren die ersten Worte, die ich von meiner Großmutter Lotte hörte. Ich kannte sie zwar aus vielen Briefen und von Fotos, aber ihr Profil war mir noch fremd, auch diese Unhöflichkeit. Ratlos blieb ich auf dem kleinen Teppich stehen.

Das Zimmer war überraschend hell. Die Sonne schien auf Lottes Rücken, ich konnte sie nur von der Seite sehen. Ihr kleiner Buckel wölbte sich unter einer weißen Bluse mit bunten Sprengseln, und über ihren glatten weißen Haaren lag ein schüchterner lila Schimmer. Sie lässt sich die Haare tönen, dachte ich und meine Beklommenheit wich.

»Gleich«, murmelte sie und schenkte mir immer noch keinen einzigen Blick. ›Was für ein Benehmen‹, hatte Mum früher oft gesagt, wenn ich frech, ungestüm oder einfach nur laut war. »Was für ein Benehmen«, rutschte es mir raus; ich hielt mir erschrocken die Hand vor den Mund.

Sie lachte, erhob sich mühsam, bis sie endlich vor mir stand und mich so an den Schultern packte, als sollte ich ihr Halt geben. Sie musterte mich lange. Alles an ihr war kantig und mager. Ihre breiten Schultern, ihre hohen Wangenknochen und ihr Kinn. Ihre blauen Augen blitzten mich an. »Das kann nur meine Enkelin sein«, sagte sie, als sei sie überrascht, dass ich plötzlich vor ihr stand. »Entschuldige bitte, dass ich dich habe stehen lassen! Vielleicht kannst du mir helfen, mit diesem Teufelskram klar zu kommen. Ich möchte so gern lernen, E-Mails zu schreiben und vielleicht sogar zu skypen, mit dir und deiner Mutter, das wäre zu schön. Ich habe hier im Haus einen Kurs begonnen, aber wenn ich allein vor dem Apparat sitze, klappt es nie. Jetzt lass dich erst richtig anschauen.«

Ihre Augen wurden feucht. »Du bist deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Das habe ich schon bei den Fotos immer gedacht, die ihr geschickt habt. Aber jetzt, wo du so lebendig vor mir stehst, kommt es mir vor, als wärst du Judith. Genau so sah sie aus, als sie mit Ben ausgewandert ist. Die dunklen Haare, das kecke Kinn! Du bist auch genauso groß wie Judith. Ach, …«

Sie taumelte ein wenig, als sei ich eine übernatürliche Erscheinung aus ihrem vergangenen Leben. Dabei war ich doch Judiths Tochter, Lottes Enkelin. Wäre sie wenigstens einmal zu uns gekommen nach Amerika, käme ich ihr jetzt sicher nicht vor wie Mum. Deren Haare waren ja schon von grauen Strähnen durchzogen, ein paar Falten hatte sie auch im Gesicht. Wieso hatten die beiden sich eigentlich so lange Zeit nicht wieder gesehen? Und warum tat Lotte, als sähe sie mich nicht? Vielleicht hatte aber auch sie Bammel vor unserer Begegnung? Vielleicht wollte sie sich ja gar nicht an den ganzen alten Kram erinnern? Mutter sprach selten von Deutschland und ihrer Kindheit, auch Dad hielt sich zurück. Er sagte nur, dass Lotte eine nette Schwiegermama sei. Aber das war schon alles.

Ich verspürte Lust, auf dem Absatz kehrtzumachen. Aber das Taumeln von Lotte ließ mich dann doch bleiben. Immerhin war sie schließlich meine Großmutter.

»Bitte nicht hinfallen, Lotte«, sagte ich und stützte sie. Vorsichtig setzte sie sich wieder auf ihren Computerstuhl. »Willst du ein Glas Wasser?«, fragte ich und suchte die kleine Küchenecke nach einem Glas ab. Als ich es ihr brachte, war Lotte wie zuvor, souverän und stark.

»Setz dich, Kind«, sagte sie nun mit fester Stimme. »Wir haben viel vor. Schließlich muss ich lernen, mit dem Computer umzugehen.«

Ich wusste nicht so richtig, was ich sagen sollte, holte mir einen Stuhl und setzte mich neben sie. Sie roch nach Tosca, Mums Parfum von früher. Ich erklärte, tippte, sie fuhr mit dem Mauspfeil über den Bildschirm, immer wieder sahen wir uns von der Seite an und lachten, wenn Lotte die moderne Technik kommentierte. Die Vertrautheit überraschte und umhüllte uns. Ich genoss den Augenblick, und Lotte machte in kürzester Zeit Riesenfortschritte.

»Schluss für heute«, sagte sie schließlich. »Ich habe dich überfallen mit der Computerei, aber das beschäftigt mich halt im Moment so sehr. Hoffentlich kann ich morgen noch alles, was du mir gezeigt hast.«

Wir schrieben gemeinsam eine Mail an Mum. Die barsche Begrüßung hatte ich ihr verziehen. Ich war froh, dass mein erster Besuch, obwohl verspätet, so gut abgelaufen war und auch, dass ich Lotte dann doch so munter angetroffen hatte.

»Jetzt kann ich nicht mehr«, japste sie. »Komm mit runter ins Restaurant, da gibt’s guten Kuchen oder was du sonst magst. Du musst mir unbedingt von euch erzählen. Wie geht es meiner lieben Judith? Und was macht Professor Ben? Jagt er immer noch den Teilchen nach, die man gar nicht sehen kann?« Sie lachte und hakte mich ein.

Auf dem Weg zum Fahrstuhl merkte ich wieder, wie hinfällig sie war. Das passte gar nicht zu der Frische, die sie am Computer an den Tag gelegt hatte. »Und von dir möchte ich auch noch viel mehr wissen. Was wirst du machen in dem Jahr hier in Deutschland? Hoffentlich kann ich dich ganz oft sehen!«

Ich wunderte mich auch darüber, dass sie so unbedarft von meiner Mutter sprach. ›Meine liebe Judith‹ – das hatte die liebe Judith zuhause anders dargestellt, zumindest keinen Wunsch verspürt, ihre liebe Mama in all den Jahren zu besuchen. Auch sprach Lotte so frisch von Dad, der seinen Teilchen hinterher jagte, als habe sie ihn gestern zuletzt gesehen. Dabei war auch das mindestens drei Jahre her. Dad musste öfter nach Deutschland zu einem Kongress, und wenn es ging, besuchte er alle Eltern, seine eigenen, die wieder nach Hamburg gezogen waren, und Lotte in Geiringen. Oft transportierte er dabei große Pakete hin und her. Geschenke machten sie sich, Judith und Lotte. Aber mehr? Was steckte bloß dahinter?

Bis zur Abfahrt meines Zuges nach Hamburg hatte ich noch Zeit. Ich stieg hinter dem Wohnstift im Wald auf eine Anhöhe und setzte mich auf eine Bank. Vor mir lag eine Wiese in der Septembersonne. Die Bäume rauschten im Wind, der Herbst zeigte sich in bunten Farben. Ich lauschte den Geräuschen des Waldes, saugte tief die laue Luft ein, blinzelte in den blassblauen Himmel und ließ mich von den dicken weißen Wolken gefangen nehmen. Mein Dad hatte dieses Spiel oft mit mir gespielt, und gerade hatte ich ein bisschen Sehnsucht nach ihm. Ein Bär zog vorüber, ein liegender Riese, ein Schwan und schließlich ein Schiff. Ich stieg ein und ließ mich über Wälder, Kontinente und Ozeane tragen und landete in meiner eigenen Vergangenheit. Mir war, als hörte ich den Jubel meiner Mutter, die meinem Vater erzählte: »Heute hab ich’s beobachtet, Lina weiß genau, wann sie milk und wann sie Milch sagen muss. Siehst du, sie wird sich in beiden Sprachen spielend zurechtfinden, wie ich’s vorausgesagt habe.« Zu dem Zeitpunkt muss ich zwei, drei Jahre alt gewesen sein.

Wir wohnten damals schon in Bloomsburg. Meine Eltern waren zwölf Jahre vor meiner Geburt ausgewandert, weil Dad in Berkeley eine Stelle an der Universität bekommen hatte. Kurz vor meiner Geburt waren sie nach Bloomsburg gezogen. Das muss eine große Veränderung gewesen sein. Beide aber sagten, dass es ihnen in Bloomsburg mit den Wäldern und der grandiosen Natur viel besser gefiele. »Auch wenn es nicht Berkeley ist, so können wir hier doch besser ausspannen«, sagte Dad oft, wenn wir zu dritt am Fluss, dem Susquehanna River, entlang liefen. Besonders im Herbst erinnerte sich meine Mutter an Deutschland, sie seufzte dann: »Im Herbst war es am schönsten in Deutschland.« Dad knuffte sie in die Seite und meinte nur »Ach ja, der Deutsche Herbst? Wirklich?« Beide lachten dann und obwohl ich es nicht verstand, war es mir egal, denn ich konnte mich ins Laub fallen lassen und darin herumwirbeln oder es in die Luft werfen wie den Schnee im Winter – tatsächlich: Auch mir gefiel es besser in Bloomsburg, obwohl ich Berkeley gar nicht kannte. Nur im Frühjahr, wenn der Susquehanna River über die Ufer stieg, war uns nicht nach gemeinsamem Spaziergang.

Zu Hause sprachen wir Deutsch. Das war für mich ganz normal. Nur meine Eltern machten ein Gewese daraus. »Aus deiner Zweisprachigkeit musst du unbedingt etwas machen!« Dad wurde nicht müde, mir das zu predigen. Ein Grund war sicher, dass er sich anfangs geschämt hatte mit seinem deutschen Akzent in Berkeley. Dabei hatte er doch gedacht, er spreche perfekt, als er hier ankam. Inzwischen sprachen wir alle aber das perfekteste Amerikanisch, das man sich vorstellen konnte.

Ab und zu nahm Mutter mich mit zu den Pennsylvania-Dutch, die hatten einen Markt – »wie früher in Geiringen«, sagte Mum, und wenn das Heimweh sie übermannte, fuhren wir dorthin. Wir kauften Leberwurst in Dosen und dunkles Brot. Und amüsierten uns königlich über die merkwürdige Sprache und die Kleidung dieser Leute, die noch lebten wie im neunzehnten Jahrhundert. Mutter betonte immer, dass man so nirgendwo mehr sprechen würde in Deutschland, auch dass dort niemand so gekleidet war. Aber der Markt war »wie der in Geiringen«.

Es war stets ein Fest, wenn wir das dunkle Brot mit der Wurst bestrichen, Senf und Gurken dazu aßen und versuchten, ein bisschen Pennsylvanian Dutch zu sprechen. »Näää«, sagten wir dann statt Nein und »Awwer glei iss des all«, wenn es kein Brot mehr gab. Das waren lustige Momente zuhause, allzu viele gab es davon nicht. Außerdem machte das Dutch nur meiner Mama und mir Spaß, Papa hatte Angst, ich würde mein schönes Hochdeutsch vergessen.

Auch an dem Tag, zu dem mein Wolkenschiff mich weiter führte, hatte er wieder diesen Satz mit der Zweisprachigkeit, die ich mir erhalten müsse, gesagt. Ich war mit meinen Eltern auf dem Weg zur Graduation-Feier, um das Diplom für meinen High-School-Abschluss entgegen zu nehmen. Mum saß am Steuer. Dad drehte sich zu mir um und neckte mich: »Na, du da hinten in deinem Talar, du angehende Studentin! Was willst du studieren? Physik wie ich, oder Medizin? Die Fachliteratur ist in Englisch, du könntest enorm von deiner Zweisprachigkeit profitieren.« Ich antwortete nicht. Ich war aufgeregt, rutschte hinten auf dem Sitz hin und her und schwitzte in meinem lilafarbenen Gown. Während meine Eltern sich einen Platz in der Aula suchten, ging ich zu den anderen in einen Klassenraum, wo wir alle unsere Caps mit der kleinen Troddel aufsetzten. Wir guckten uns an und brachen in schallendes Gelächter aus. Das verging uns bald, als wir im Gänsemarsch in die Aula einzogen, immer genug Abstand zum Vordermann, damit auch jeder ein gutes Foto bekäme. »God’s providence shining down«, tönte es aus den Lautsprechern und Gänsehaut kroch an meinen Armen hoch.

Den klugen Reden hörte ich kaum zu, nur der Satz von unserem Rektor drang zu mir durch: »Findet eure Begabung!« Pompös und emotional ging die Feier weiter, aber in mir kreiste immer wieder dieser eine Satz.

Zu Hause warf ich Gown und Cap aufs Bett, um mich für die Party umzuziehen, als meine Eltern mich riefen. Ich lief die Treppe hinunter und hörte Dad sagen: »Müssten wir nicht vorher mit ihr reden?« »Auf keinen Fall«, flüsterte Mum, als ich schon halb im Wohnzimmer war. Sie verstummten. Dad hatte Mum einen Arm um die Schulter gelegt und überreichte mir ein Päckchen, das ich hastig aufriss. Ich fand einen Stapel Papiere darin, blätterte sie durch und brauchte eine Weile, um zu begreifen: Ein Jahr Deutschland!

Dad hatte seine Eltern eingespannt. Da sie selbst bald eine Weltreise antreten wollten, würde ich nicht bei ihnen wohnen können. Sie hatten mir vorerst einen Platz in einem Studentenwohnheim reserviert. In Hamburg, am Stadtpark. Wie sich das anhörte. Mum hatte Tränen in den Augen. Nach der ersten Überraschung fiel ich meinen Eltern um den Hals.

»Du fliegst schon nächste Woche; und ich möchte so gern, dass du Oma Lotte besuchst, solange sie noch einigermaßen gesund ist. Immerhin wird sie nächstes Jahr neunzig. Ich wäre gern mit dir geflogen, aber ich kann im Moment hier nicht weg.«

So wurde die große Party auch meine Abschiedsfeier. Ich fand kaum die Zeit, mich von allen zu verabschieden. Alles ging jetzt hoppladihopp – zwar hatte ich mir schon immer gewünscht, nach dem High-School-Abschluss ein Jahr Auszeit zu haben, am liebsten in Deutschland, aber sie hätten es mit mir besprechen sollen. Außerdem hätte Mum mich auch begleiten können, zumindest für den Beginn, damit ich mich nicht so allein fühlte.

Mum hatte aber gerade wieder für einen kleinen Wissenschaftsverlag angefangen zu übersetzen, und diese Arbeit war ihr sehr wichtig. Deshalb schickte sie mich alleine los. Ich fügte mich, und die Zeit zwischen Kofferpacken und Organisieren, Verabschiedungen und letzten Partys verflog.