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Kalendergeschichten aus der Schreibwerkstatt im Turm, Bordesholm.
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Titelblatt und Gemälde: Ingrid Brandenburger
Cartoons: Thorsten Schönberg
Vorwort
I
Ein Leben ohne Grenzen
Die Zeit
Das Flusspferd
II
Spurlos verschwunden.
E-Mails
Braugerstenbesichtigung
Glückfälle
Einkaufen
Fische
Futterneid
Echt Profi
Geschenke
Menschlichkeit
III
Frühling – Segen oder Fluch
Essen ist nicht mehr einfach nur Essen
Wie die Löcher in den Käse kamen
Der Hase oder der Fluch der Hormone
IV
Hühnchens Spaziergang
Kindererziehung
Disziplin
Wünsche
Zähneputzen
Von Würstchen, Benzin und Energiesparlampen
V
Spargelzeit
Frösche
Nachhelfen
Triebe
Ecken
Traummaße
VI
Von Amseln und Dämonen
Töön
Berufswahl
Brille
Jäger und Sammler
Der Schatz des Regenbogens
VII
Feste feiern
Der Spatz
Teurer Fetisch
VIII
Zu viel des Guten
Männer und Meditation
Schulweisheiten
Unerklärlich
IX
Gespenster
Bahnfahrt
Die Kraft der Gedanken
Liebeserklärung
Alles nur Mathematik
Lesen bildet
Die Hosen voll machen
Krone der Schöpfung
X
Adventskalenner in`n Oktober
Der Mann und sein Forscherdrang
Die Brunft
Der Klaus
Wer mit wem
Mein Arbeitsbrot und ich
XI
Festdagseten
Das Schwein
Die Primaten
Schnarchen
XII
Der Fänger der Weihnachtsnüsse.
Weihnachten in der Zukunft.
Besetzt!
Pizzageschichten
Ortsnamen
Zu Hause bei Dieter Krause
Zwei Jungen und ein PC
Die Zeit
Casanova
Die Autorinnen und Autoren
Johann Peter Hebel hatte seine Lesestücke vier Jahre lang dem „Badischen Landkalender“ geliefert, bevor die besten seiner Kalenderstücke in einem eigenen Buch veröffentlicht wurden. Wir überspringen den ersten Schritt. Eigentlich wollten wir aber auch einen Kalender gestalten, aber unsere kurzen Texte gerieten immer länger. Anders als zu Zeiten Johann Peter Hebels lesen die Leute aber heute keine längeren Kalendertexte – egal, ob als Tages-, Wochen- oder Monatskalender. Das hat sich seit den Zeiten des „Badischen Landkalenders“ sicher geändert.
Aus diesem Grunde legen wir unsere „Kalendergeschichten 2018“ gleich in Form eines kleinen Büchleins vor.
Kalendergeschichten, weiß Wikipedia, sind kurze Erzählungen, die Elemente anderer epischer Kleinformen wie den Schwank, die Anekdote oder die Parabel in sich vereinigen. Kraut und Rüben also, die sich mit allem möglichen anderen Gemüse zu einem bunten, abwechslungsreichen Gericht vereinen.
Guten Appetit!
Es gibt nicht Wenige, die behaupten, das Leben stecke voller Wunder und Überraschungen. Und nicht Weniger behaupten sogar, man hätte im Leben alle Chancen, man könne alles erreichen. Ich sage: „ Alles Lüge!“
Seien wir doch mal ehrlich zu uns selbst. Wir können nicht alles im Leben erreichen. Ein Beispiel gefällig? Okay…können Männer schwanger werden? Sehen Sie!
Fakt ist doch viel mehr, wir sind wie Hamster in einem Laufrad. Obwohl wir uns anstrengen und alles geben, so bewegen wir uns doch nicht vorwärts, sondern entweder im Kreis oder bloß auf der Stelle. Das Leben meint es nicht gut mit uns. Das Leben stellt uns Aufgaben, deren Bewältigung gar nicht vorgesehen ist. Ich zum Beispiel führe ein karges Leben. Ich arbeite hart, als Saisonarbeiter im Winter. Und nichts wünsche ich mir sehnlicher herbei als das Saisonende, den Frühling…den Sommer. Einmal in den warmen Süden fahren, das ist mein Traum. Doch so sehr ich mich auch anstrenge, so sehr ich arbeitsam und auch sparsam bleibe, ich werde mir diesen Traum einfach nicht erfüllen können…der sonnig warme Süden wird mir für alle Zeit verwehrt bleiben, denn ich befürchte, als Schneemann hole ich mir dort den Tod!!!
Thorsten Schönberg
Deine Gastfreundschaft sollte dir zum Verhängnis werden.
Du konntest halt nicht „nein“ sagen. Egal wer kam, er war immer willkommen. Also nahm die Zeit die Einladung an und machte es sich bequem bei dir.
Anfangs schien sie dir noch ganz nützlich. Schließlich war es ihr zu verdanken, dass du in den Genuss von vormals sündigen, verbotenen Früchten in Form von beispielsweise alkoholischen Getränken und schmuddeligen Filmchen kamst.
Später entpuppte sich die Zeit jedoch als ungebetener Quälgeist.
Sie war es schließlich, die deiner Zellteilung riet, nur noch „ Dienst nach Vorschrift“ zu leisten und selbst dieses Tempo noch zu verlangsamen. Die Zeit war es auch, die deine blanke Kopfhaut aufstachelte, sich Quadratzentimeter um Quadratzentimeter zu erobern. Sie hängte sich wie Bleigewichte an jede Form von Bindegewebe. Sie grub mit einer Schaufel tiefe Löcher in dein Hirn und hinterließ bei jedem Ausholen mit dem Stiel eine kleine Delle in Oberschenkel und Po.
Und wie es bei ungebetenen Gästen halt immer so ist, sie bleiben viel länger als erwünscht. Eine Zeit lang dachtest du schon, sie sei endlich verschwunden. Du hast Sport getrieben, dich gesund ernährt. Doch sie hatte sich nur versteckt. Versteckt in Körperöffnungen. Als Polyp oder als Hämorride getarnt saß sie dort und lauerte wie ein Panther im dichten Unterholz. In einem kurzen Moment der Schwäche erbeutete sie deinen Bauch zurück und ließ sich dort in Jahresringen nieder.
Es wird Zeit, sich mit der Zeit zu arrangieren, denn sie ist lange schon kein Gast mehr. Sie ist längst bei dir eingezogen.
Thorsten Schönberg
Es fand einmal ein Flusspferd,
es wäre einen Kuss wert.
Kein Flusspferd sonst zugegen,
so blieb zu überlegen,
wenn keine anderen hier seien,
vielleicht ein echtes Pferd zu freien.
Doch find erst mal `nen Gaul
mit so `nem Riesenmaul."
Thorsten Schönberg
Es gibt Tage, die haben's in sich! Man vergisst sie nicht, selbst wenn sie Jahrzehnte zurück liegen. Sie sind so lebendig im Gedächtnis eingespeichert, dass man sie in allen Einzelheiten erinnern kann. Wohl jeder von uns kennt das.
Von einem solchen Tag in meinem Leben will ich berichten. Er fing ganz harmlos an: Seinerzeit lebte ich mit meiner Familie auf einem großen Bauernhof. Eines Tages hatten mein Mann und ich einen wichtigen Termin in der Stadt. Unsere Zwillinge, damals noch klein, waren zum Spielen bei ihrer Freundin untergebracht. Eben wollten wir aufbrechen, als ein Auto in die Hofeinfahrt bog. Heraus stieg Herr Schwarz, seines Zeichens Handelsvertreter für Futtermittel und Mineralstoffe. Wir waren in Eile, eigentlich kam er ungelegen, dennoch schnackten wir uns fest. Vertreter kommen viel herum, sie hören hier dies und dort das, manches davon ist sehr nützlich. Außerdem konnten wir gleich unsere nächste Bestellung ordern.
Die Zeit drängte, wir verabschiedeten uns, und beim Abschließen der Haustür fragte mein Mann: „Wo ist eigentlich der Hund?“ Ich antwortete: „Ich glaube, im Haus“. Sicherheitshalber schloss er noch einmal auf, ging durchs Haus, pfiff und rief: Kein Hund.
Jetzt wurden wir hektisch. Draußen zu rufen blieb ohne Erfolg. Mit sehr ungutem Gefühl machten wir uns schließlich auf den Weg. Als wir zwei Stunden später zurückkamen, war der Hund immer noch verschwunden. Voll böser Ahnungen begannen wir, ihn zu suchen. Ein mühsames Unterfangen, denn auf dem weitläufigen Gelände gab es etliche Stallungen voller Tiere und mehrere Scheunen, in denen Maschinen und Gerätschaften abgestellt waren.
Dummerweise hatte ich morgens vergessen, ihm das Halsband abzunehmen. Hatte er sich irgendwo damit verhakt? Nein, dann würde er bellen.
War er mal wieder verbotenerweise zum Nachbarn geschlichen, wo er die Futterschüssel der Katzen leer zu fressen pflegte? Nein, dann wäre er schon wieder zurück und hätte uns scheinheilig an der Haustür begrüßt.
War er auf der Jagd nach Ratten in eine der Jaucherinnen gefallen? Jämmerlich ertrunken? Die Rinnen waren fast einen Meter tief. Für einen Dackel keine Chance, herauszuklettern. Dann kämen wir zu spät.
Zu allem Überfluss kam mir auch noch die Geschichte mit der Katze in den Sinn: Sie war in den Trichter der elektrischen Schrotmühle gefallen und konnte nicht wieder raus. Um ein Haar hätte sie einen grässlichen Tod gehabt, zerhackt von den Schlägeln. Wir hörten ihr Klagen einzig und allein durch einen Zufall, kurz bevor wir die Maschine anstellten.
Ich spürte einen Kloß in der Kehle und meine Knie fühlten sich weich an. Gerade weil nichts von ihm zu hören war, mussten wir mit dem Allerschlimmsten rechnen.
Die Kinder wurden zurückgebracht. Sie merkten sofort, wie besorgt wir waren und wollten wissen, was los sei. Als ich ihnen sagte, der Hund sei weg, begannen sie, fassungslos zu weinen. Der Dackel war ihr allerliebster Spielkamerad!
Wir suchten weiter, aber der Hund blieb unauffindbar. Ein Auto fuhr auf den Hof. Das war doch Herr Schwarz! Wieso kam der noch mal zurück? Er öffnete die Beifahrertür, und wer sprang da heraus, kam zu uns gerannt, sprang freudig an den Kindern hoch und leckte ihnen über das Gesicht? Unser Dackel. Als leidenschaftlicher Autofahrer pflegte er jede offenstehende Tür zu nutzen, auch die von fremden Autos.
Elisabeth Albert
