Kallistos Familie - L.J. Thomas - E-Book

Kallistos Familie E-Book

L.J. Thomas

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Beschreibung

Oft ist es eine zufällige Begegnung, die unserem Leben eine neue Richtung gibt. Dann folgen etwa das Ende einer Beziehung, Verachtung, Zorn, aber auch eine neue Haltung anderen und sich selbst gegenüber. Der Autor L.J. Thomas führt all dies vor die Augen des Lesers, indem er wahrnehmungsreich und sehr anschaulich in 15 Geschichten erzählt, was für Katastrophen und Glücksmomente ganz verschiedene Menschen treffen können. Das ist spannend und häufig auch voller Komik. Und wie nebenbei lernen wir eine Menge über alte und neue Berufe, etwa den Gasriecher oder den Limnologen.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2017

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L.J. Thomas

Kallistos Familie

Kleine Erzählungen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

František

Bindungsfähigkeit

Georg und Frieda

Die Geschichte von einem Ende

Verwicklungen

Zu verbergen lernen

Auf der Suche nach dem richtigen Kanal

Marions Wärme

Aufregende Tage im Klischee

Halt finden

Abokarten für Akrobaten

Kallistos Familie

Von Uhren und Menschen

Ein Rätsel

Der Friede des Vergessens

Impressum neobooks

Inhalt

L.J. Thomas

Kallistos Familie

Kleine Erzählungen

„Die sogenannten Paradoxien des Autors, an welchen ein Leser Anstoß nimmt, stehen häufig gar nicht im Buche des Autors, sondern im Kopfe des Lesers.“ (Friedrich Nietzsche)

František 5

Bindungsfähigkeit 14

Georg und Frieda 21

Die Geschichte von einem Ende 28

Verwicklungen 47

Zu verbergen lernen 55

Auf der Suche nach dem richtigen Kanal 72

Marions Wärme 80

Aufregende Tage im Klischee 105

Halt finden 115

Abokarten für Akrobaten 129

Kallistos Familie 137

Von Uhren und Menschen 144

Ein Rätsel 152

Der Friede des Vergessens 157

Wir versammeln in diesem Band Geschichten verschiedener Erzähler, die eigentlich anderen Berufen nachgehen. Manche stellen sich oder ihre sonstige berufliche Tätigkeit eingangs vor, andere versetzen sich ohne Umwege zurück in die Studentenzeit, wieder andere beginnen sofort mit ihrer Erzählung – je nach Temperament und Erzählmodus. Der Herausgeber hat in Zusammenarbeit mit den Autoren und Autorinnen die finalen Versionen besprochen und abgestimmt, bei manchen Texten war lediglich eine leichte Redaktion notwendig, bei anderen ein starker textueller Umbau. Auf die Nennung der Autorennamen verzichten wir aus Gründen der Persönlichkeitswahrung.

František

Natürlich wirkte das Geschehen alles andere als normal, was auch für ihn selbst galt. Wir waren inzwischen mehrere Geschädigte und hätten eine Selbsthilfegruppe gründen können. Doch eins nach dem anderen: Viele junge Leute, alles Studenten, Junggesellen, wohnten in einem Haus, das aus vielen kleinen Appartements bestand – eine Art Studentenwohnheim, das aber keins war. Frauen Fehlanzeige. So war das damals. Mittendrin wohnte František. Ein eigentlich ruhiger, zunächst unauffälliger Typ – wobei gerade seine Ruhe auffallend war. Er war ein Vertreter jener Sorte, die oft ambivalent wirkt: angenehm, nicht laut und aufdringlich wie so viele sind – und etwas suspekt, da so hintergründig, nachdenklich wirkend.

Tatsächlich war er extrem merkwürdig. Unerklärlicherweise forderte er eines Abends einen Wohnungsnachbarn zu einem nächtlichen Ringkampf ein. Da dieser Sport-Student war, keiner sportlichen Gelegenheit auswich und zudem bald eine Ringen-Prüfung bevorstand, nahm er das Angebot an und erschien gegen 1 Uhr nachts in Františeks Zimmer. Der saß am Schreibtisch, beendete einen offenbar kurz zuvor begonnenen Arbeitsschritt, den er ostentativ zu Ende führte – wie mäßige Schauspieler dies auf Provinzbühnen tun würden, also mit einem leichten Seufzer, aber wortlos –, stand dann auf und ging zu seinem Kontrahenten. Vor dem Schreibtisch war etwas Platz, vielleicht hatte František ihn eingerichtet, eine Stehlampe oder einen Ohrensessel beiseitegeräumt, jedenfalls reichte die Fläche für einen fairen Kampf im griechisch-römischen Stil – der war vereinbart worden. František studierte Germanistik und Philosophie; deshalb der Hang zum Griechisch-Römischen? Die Kämpfe, deren Ausgänge ich nicht kannte und kenne, fanden etwa eine Woche lang alle zwei Nächte statt. Dann hörte man das typische Männer-Stöhnen und Gepolter immer seltener aus seinem Zimmer. Schließlich verschwand es ganz, es wurde ruhig auf unserer Etage.

Ich weiß nicht, warum und wann genau mir das Gepolter zu fehlen begann. Meine Tage sind gefüllt mit juristischen Texten, die ich lesen, verstehen und auch schon mal kommentieren muss. Da kamen mir die Sportgeräusche aus dem Nachbarzimmer gelegen; ich hatte begonnen, sie zu mögen. Für mein Studienfach hatte ich mich einmal entschieden, weil ich geglaubt hatte, dass hier spannende Geschichten lagern und auch subtil ausgedachte und durchgeführte Straftaten, Einbrüche etwa und Dramen zwischen Liebenden, die in Mord oder Totschlag enden mussten – sanftere Alternativen gab es in diesen hochemotionalen Beziehungen gar nicht –, Verwandtschaftskonflikte, die in Betrügereien, Anklagen, Lügen münden, sodass der Anwalt lange an einem Fall arbeitet und sich ein Kosmos einer psycho-emotionalen Parallelwelt auftut, die schließlich nur er verstehen kann, der nach und nach alle Beziehungen durchblickende Advokat. Das war dann natürlich ich. Ich sah mich kombinierend, emphatisch mit Menschen umgehend, mich in einer Art von Liebe für sie engagierend – in Wirklichkeit, das erkannte ich schon während des ersten Praktikums, hatte der Anwaltsalltag mit all meinen Vorstellungen nichts, aber auch gar nichts zu tun. Oft beschlich mich das Gefühl, und es fühlte sich tatsächlich so an, als ob ein innerer Widerspruch auf mich zukam, sich immer weiter näherte, bis ich ihn nicht mehr abwehren konnte, er mich berührte, ergriff und schließlich ganz ummantelte, dass also meine Ursprungsideen sämtlich pubertär seien, gespeist von TV-Serien, in denen es stets auch um Moral, ja: Ethik geht. In den 70ern sah ich einige Folgen (oder alle?) einer Vorabendserie mit Udo Vioff, der einen Anwalt einer Italienerin spielte, die in einem wohl sizilianischen Dorf einen Mann (ihren Mann?) umgebracht hatte. Vioff versuchte, sie zu verstehen, und verteidigte dann vehement und stark psychologisierend (wie ich damals fand). Das Ganze ging wahrscheinlich gut aus, aber ich weiß es nicht mehr.

Zurück zur Studentenzeit: Aufgrund meiner Frustration im Studium schaute ich mich auch nach anderen Möglichkeiten um. Und als ich in einem Immobilien- und Maklerbüro einen gut bezahlten Nebenjob als rechtsberatende Teilzeitkraft fand und die Zusammenarbeit schon bald produktiv war, interessierte mich dieses Genre immer mehr. Ich recherchierte ein wenig, lernte, wie man zum Beispiel an günstige Grundstücke kommt oder von freien Wohnungen erfährt, die man dann erwerben, aber für viel Geld verscherbeln kann. Diese Forschungen erwiesen sich als weitaus spannender als die üblichen, langweiligen Studien des normalen Jura-Studenten – und: profitabler. In der Immobilienbranche war es damals wichtiger als heute, mit Geschäftspartnern und vor allem Kunden einen engen persönlichen Kontakt zu pflegen. Es gab Wochenendschulungen, in denen wir lernten, wie der Makler effektiv telefoniert und wie, auf welche Weisen er Vertrauen wecken kann. Freundlich muss er sein, den Gesprächspartner früh mit einbeziehen, auf ihn zugehen, das folgende Handeln seinen Wünschen entsprechend ausrichten – zumindest scheinbar. Das meiste in diesem Job ist mehr Schein als Sein – nur das Geld nicht, die Kohle, der Schotter; der ist, und der muss „rüberwachsen“.

František war in dieser Zeit noch immer mein Nachbar, die Ringkämpfe waren vorbei; nun hatte er sich etwas Neues ausgedacht (das ging mir erst später auf). Die Wände zwischen unseren Appartements waren dünn, man hörte vieles. Und ich hörte eines Tages ganz Konkretes, sehr deutlich zudem: Mein Nachbar, so vernahm ich, verhandelte mit einem Telefongesprächspartner über eine Wohnung in einer wirklich hervorragenden Ge-gend unserer Stadt. Selbstverständlich horchte ich nach der ersten, noch nicht ganz lückenlosen Informationsaufnahme. Ich stand also an der Trennwand, diese so oft verfluchte, nun offenbar zukunftsweisende Signale ermöglichende Hürde, und erhielt Details: Straßenname, Hausnummer, Preisvorstellungen. Was ich hörte, ergab ein sensationelles inneres Bild, eine Goldgrube für die Firma, in der ich arbeitete, für mich sicher auch (bei den Prämien!). Der vernommene Preis war extrem niedrig, die Gewinnspanne wäre immens. Als František noch formale Dinge klärte und Abschiedsfloskeln von sich gab, war ich schon auf dem Rad unterwegs, unterwegs zum Ort meines Zukunftsglücks. Das Fahrradfahren bewirkt häufig eine innere Ausdifferenzierung, ein Für und Wider, es hilft, Entscheidungen zu treffen. Vielleicht wegen der dauernden Links-rechts-Bewegungen; möglicherweise sorgt das dynamisch notwendige physische Verhalten des Radfahrers, das ja keine Seite bevorzugen darf, zu einer gleich struk-turierten psychischen Bewegung, die dann ebenfalls mal das eine, dann das andere betont, einmal jene Seite, daraufhin die andere – und das vollkommen gleichberechtigt. Jedenfalls traute ein Teil des Radfahrers, der ich war, seinem Glück nicht – ein anderer nahm es einfach an und hin.

Wie sich zeigte, war alles eine Verarschung, ein Fake. František hatte sein gespieltes Gespräch, das reine Hörspielerei war, bewusst und sehr genau auf meine neue Orientierung abgestimmt und diese Schein-Offerte offenbart. Er hatte Spaß daran, mich zu veräppeln, in die Irre zu führen, aber eben auch mit meinen Gefühlen zu spielen. Ich hatte mir so viel erhofft von dem Deal – meine Zukunft als Makler wäre gesichert gewesen. Und dann das. Natürlich sprach ich mit anderen über den Fall; die fanden das alle durchgehend lustig und lobten František für seine Schau- bzw. Hörspielkünste. Auf mich wirkte das alles infam und kindisch.

Als beunruhigend empfand ich die rückwärtsgewandte Vorstellung, dass František mich gewisser-maßen abgehört hatte. Er kannte meine neue Leidenschaft und ließ mich auflaufen. Zu sprechen war er nicht, er nahm keine einzige Einladung an, schwieg einfach. Hier war nichts zu machen. Auch das fanden die anderen „cool“, „krass“ und „lustig“.

Wenn ich das Geschehen nicht subjektiv betrachte, das gelang mir nach einigen Monaten, beginne ich František zu bewundern. Zweifellos verfügte er über eine erstaunliche Beobachtungsgabe und eine unfassbar weit gedehnte Empathiefähigkeit. Doch was sollte das alles? Was bringt das denn? Übrigens war er später mal Schriftsteller, mal Schauspieler, man liest das in der Lokalpresse. Ist das einträglich? Sein Ringerkollege ist Sportlehrer geworden – vorhersagbar. Ich bin noch immer angestellt in der Immo-Firma; wir machen jetzt viel online, ich stelle die Angebote ein, pflege so die Website. Da blüht ein großes Geschäft, sagt mein Chef. Allerdings seit ein paar Jahren. Und so richtig blüht noch nichts.

František starb letzte Woche, am 3. Juni. 40 Jahre wurde er, das ist wenig an Lebenszeit. Es gab und gibt keinen anderen Menschen, den ich auch nur annähernd so bewundert habe wie ihn. (Das wurde mir erst jetzt klar.) Eine solche Mischung aus scharfer Beobachtung der Menschen, Einfühl-samkeit ihnen gegenüber und Phantasie bezüglich ihrer Leben und möglichen Zukunft macht uns Normalos nur baff. Selbstverständlich war auch seine Einladung des Sport-Studenten kein Zufall: Wie dieser mir etwas später erzählte, hatte er selbst sehr häufig telefonisch Kontakte zu Kommilitonen gepflegt, mit dem Ziel, sie zu regelmäßigen Ringkämpfen zu bewegen, wegen der bevorstehenden Prüfung. Doch kein einziger reagierte positiv – nur František, der eigentlich nie Angerufene, und das gefiel dem Sportler, und die Kämpfe brachten ihn auch weiter, wie er sagte.

Heute glaube ich, dass František in Geschichten und die Leidenschaften anderer verknallt war, wie andere in Frauen oder Männer. Er war in Erzählungen über Menschen und menschliche Beziehungen verschossen, nicht in Menschen. Die standen außen vor, das spürte ich schon in unserem Wohnheim. Und manchmal taucht in mir die Frage auf, ob wir uns ihm zu selten von uns aus zu nähern versucht haben.

Bindungsfähigkeit

Wie man inzwischen weiß, ist der Riechkolben des Menschen direkt mit dem Hippocampus verbunden. Gerüche werden ohne Umwege mit Emotionen verknüpft und Erinnerungen an die Geruchssituationen natürlich auch. Das wusste Marcel Proust längst vor der Neurowissenschaft und mein Großvater ebenso. Er war Angestellter bei den städtischen Werken, als „Experte“, wie er später gerne erzählte. Riech-Experte war er, und das, was er erschnüffeln sollte, war Gas. Opa war Gasriecher. Er hielt ein langes Rohr, das aus einem in den Straßenbelag gebohrten Loch entsprang, am an-deren Ende an eines seiner erstaunlich großen Nasenlöcher und prüfte, ob es verdächtig roch. Wenn ja, wurde die gesamte Gegend abgesperrt, wie er manchmal genüsslich und sehr ausführlich im Familienkreis berichtete, und das Loch in den unter dem Belag verlaufenden Rohren gesucht. Das war eine große Verantwortung. Auch das betonte er immer wieder.

Für mich als Enkelkind ohne Vater war Opa der bedeutendste Angestellte der Welt. Seine Erzählungen, die häufig nur mir galten, entführten mich in eine spannende, gefährliche Welt, in der es sicher nicht einfach war zu bestehen. Sorgen müsse ich mir nicht um ihn machen, sagte Opa ab und zu, er sei ein geübter Riecher. Ich machte mir auch keine Sorgen um ihn, sondern um mich. Ich fragte mich, ob ich jemals in einer so gefahrvollen Arbeitswelt bestehen könnte. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Jedenfalls war Opa so wichtig, so bedeutend, so wollte ich auch mal werden. Und so mutig. Es hätte ja immer was passieren können, es hätte explodieren können, bevor er das Gas roch.

Was der erste Erzähler aus der Arbeitswelt, dem ich zuhörte, verschwieg, wurde mir erst spät klar, als Erwachsener: Die menschlichen Gasriecher wurden bereits in den 20er-Jahren durch Leck-suchgeräte und Hunde ersetzt. Seine Arbeit als Gasriecher wird nicht mehr als ein paar Jahre gedauert haben. Was hat Opa eigentlich danach gemacht? Es muss öde gewesen sein, langweiliger in jedem Fall, denn er redete nie davon.

Das Riechen spielt in meinem eigenen Beruf eine große Rolle, wenn auch nicht die größte, wie bei Opa. Ich bin Florist. Hier ist das Binden wichtiger als der sich ergebende Duft, der ja meist ein Mix ist. Beliebt sind derzeit natürlich wirkende Sträuße, die an Ländlichkeit erinnern, Bodenständigkeit suggerieren. Die Opulenz der 80er und 90er kommt vielleicht bald wieder – noch ist sie unbeliebt, und ich bin ganz froh, dass dem so ist. Als junger Florist kamen einmal Leute in unseren Laden, recht nett wirkend, aufgeschlossen, offen für Neues, die wollten, nachdem sie die roten, weißen und gelben Rosen im Laden betrachtet hatten, blaue haben und fragten, ob wir die weißen nicht färben könnten. Das brachte mich innerlich in Rage, äußerlich musste ich die Fassung bewahren, wie immer im Laden, verneinte also, so trocken ich konnte. Die Leute gingen unbefriedigt raus, ich hatte sie wohl schlecht beraten. „Ein Kunde, der ohne alles den Laden verlässt, kommt nicht wieder“, pflegte mein Chef zu sagen. „Für immer verloren.“ Der erste Verlust zieht weitere nach sich – ein kaufmännisches Desaster.

Mein Fehler war lange Zeit, dass ich mich falsch orientierte. Nicht der nahe, kurzfristige Gewinn war meine Stärke (den wollten aber meine Arbeitgeber), auch nicht die schnelle Eroberung der Kunden und Kundinnen, sondern der langfristige ästhetische Anspruch, den ich bei ihnen zu provozieren lernte. Das dauert schon mal Monate. In-zwischen habe ich einen eigenen Laden, bin um-geben von einfachen Blumen, die ich vergesellschafte, zu Familien, Freundesgruppen. Die Kunst besteht darin, all das natürlich wirken zu lassen, was aus Menschenhand entstand. Ein selbstverständliches Entstehen der Schönheit ist das Ziel im Auge des Betrachters – in Wirklichkeit steckten Stunden Arbeit im dann so attraktiven Produkt.

Ich bin ja kein Schreiber, ich kann von orangen Tulpen, die manche unglaublicherweise mit Violett koppeln, schreiben, von unsauber gelegten Bindestellen oder von Ringelblumen, die eine Zeit lang gerne auf Plastik geklebt wurden, vorzugsweise in Kindergärten. Doch um all diese widerlichen Dinge geht es mir gar nicht. Sondern?

Ich war alleine im Laden, als sie ihn betrat. Wir waren alleine. Sie ließ mich gleich an die schönsten Tulpenfelder der Welt denken, so empfinden, als stünde ich vor ihnen. Sie trug ein rotes, ja knallrotes Oberteil, das eng genug war, um die Form des Darunterliegenden konturiert zu sehen, und einen weißen Rock aus dünnem Stoff, Leinen vielleicht, der, als sie eintraf, leicht hochwehte, wie ein junges Rosenblütenblatt im Spätsommer, ein Anblick, der mich nie wieder losließ. Es war tatsächlich Sommer, ihre Beine waren nackt, ihr Gesicht hübsch, braune Augen darin, braunes gelocktes Haar drumherum, sie lächelte meist, als sie sich nach der ersten Begrüßung umschaute. Nie zuvor und nie mehr wieder habe ich eine Kundin oder einen Kunden dabei beobachtet. Sie benötigen Muße, um sich einzufühlen in die Pflanzenwelt, vielen sind die besonderen Eigenschaften der Wesen darin nicht geläufig. In diesem Fall war alles anders. Dass ich ihre Schritte, ihre Blicke verfolgte, nachvollzog, war mir selbst gar nicht klar – es geschah einfach. Ich konnte nicht von ihr lassen. Diese Frau bewegte sich, wiegte sich selbst in ihren Hüften, so sicher, so selbstgewiss, wie ich es für mich selbst niemals für möglich hielt und halte. Ein Körperbewusstsein wie eine Turnerin, eine Selbstsicherheit wie eine Schauspielerin. Doch sie turnte und spielte nicht, sie war sie selbst. Als sie den morgens von mir gebundenen Strauß betrachtete – das war mein neuester Lieblingsstrauß, die beste Kreation seit Monaten –, lächelte sie, ich sah das und lächelte auch, hätte am liebsten geschrien vor Lachen und Glücksempfinden.