Kalte Erinnerung & Dunkle Vergangenheit: Zwei Thriller in einem eBook - Patricia Walter - E-Book

Kalte Erinnerung & Dunkle Vergangenheit: Zwei Thriller in einem eBook E-Book

Patricia Walter

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Beschreibung

Zwei atemberaubende Psychothriller in einem eBook!

KALTE ERINNERUNG: Ein eisiger Wintermorgen: Zoe schreckt aus einem Albtraum auf, am ganzen Körper mit Verletzungen übersät und ohne Erinnerung an die vergangenen beiden Tage. Ihr Mann David ist spurlos verschwunden. Kurz darauf wird sie von einer verzerrten Stimme am Telefon bedroht, die die Wahrheit über gestern Nacht wissen will. Geschockt legt Zoe auf - doch der unheimlichen Forderung des Anrufers kann sie nicht entkommen. Und die Wirklichkeit ist grausamer, als sie sich jemals hätte vorstellen können ...

DUNKLE VERGANGENHEIT: Die achtjährige Tochter der TV-Journalistin Kim Jansen verschwindet spurlos. Wenig später meldet sich der Entführer und fordert: Entweder Kim gesteht öffentlich die Taten ihrer Vergangenheit, oder er tötet ihre Tochter Lilly. Für Kim beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie muss den Erpresser finden und Lilly befreien - bevor die Polizei es tut. Denn die Wahrheit darf niemals ans Licht kommen ...

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Seitenzahl: 678

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Inhalt

Cover

Grußwort des Verlags

Über das Buch

Titel

Kalte Erinnerung

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Epilog

Dunkle Vergangenheit

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Über die Autorin

Weitere Titel der Autorin

Impressum

Leseprobe

 

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Über das Buch

Kalte Erinnerung

Ein eisiger Wintermorgen: Zoe schreckt aus einem Albtraum auf, am ganzen Körper mit Verletzungen übersät und ohne Erinnerung an die vergangenen beiden Tage. Ihr Mann David ist spurlos verschwunden. Kurz darauf wird sie von einer verzerrten Stimme am Telefon bedroht, die die Wahrheit über gestern Nacht wissen will. Geschockt legt Zoe auf – doch der unheimlichen Forderung des Anrufers kann sie nicht entkommen. Und die Wirklichkeit ist grausamer, als sie sich jemals hätte vorstellen können …

Dunkle Vergangenheit

Die achtjährige Tochter der TV-Journalistin Kim Jansen verschwindet spurlos. Wenig später meldet sich der Entführer und fordert: Entweder Kim gesteht öffentlich die Taten ihrer Vergangenheit, oder er tötet ihre Tochter Lilly. Für Kim beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie muss den Erpresser finden und Lilly befreien – bevor die Polizei es tut. Denn die Wahrheit darf niemals ans Licht kommen …

PATRICIA WALTER

KALTEERINNERUNG—DUNKLEVERGANGENHEIT

Zwei Thriller ineinem eBook

 

Kalte Erinnerung

 

Für Martin.

Kapitel 1

Ihr gellender Schrei hallte in der Dunkelheit, als sie in die Tiefe stürzte. Das Blut rauschte in ihren Ohren, und ein eisiger Wind blies ihr ins Gesicht. Hilflos ruderte sie mit den Armen, doch ihr freier Fall war nicht aufzuhalten. Zeit hatte jede Bedeutung verloren, die Sekunden dehnten sich zur Unendlichkeit.

Es war so finster, dass sie nichts um sich herum erkennen konnte. Als ob es keinen Boden gäbe und sie tiefer und tiefer in den Schlund der Hölle stürzte. Das Pfeifen des Windes schwoll zu einem Heulen an. Tränen schossen ihr in die Augen. Eisige Kälte breitete sich im gesamten Körper aus und vermischte sich mit einer nie gekannten Angst.

Zoe fuhr senkrecht in die Höhe. Schweißgebadet und schwer atmend saß sie im Bett, während die Fragmente ihres Albtraums langsam verblassten. Zitternd verharrte sie in dem Schwebezustand zwischen Traum und Erwachen und starrte mit leerem Blick ins Nichts.

Im Zimmer war es dunkel. Nur die Straßenlaterne vor dem Fenster warf einen matten Schein durch die Ritzen der Jalousie. Zoe war schlaftrunken und orientierungslos. Noch immer hatte sie das beängstigende Gefühl zu fallen und spürte Wind und Kälte auf der Haut.

Ganz ruhig, sagte sie zu sich selbst. Es war nur ein Traum.

Sie blieb einen Augenblick sitzen, bis sie sich wieder gefangen hatte, dann sank sie erschöpft aufs Kopfkissen zurück. Das Nachthemd klebte ihr unangenehm auf der Haut.

Es war lange her, seit sie einen solch schlimmen Albtraum gehabt hatte. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern vor dreizehn Jahren war sie Nacht für Nacht von düsteren Träumen heimgesucht worden. Erst als sie David kennengelernt hatte, war sie allmählich ruhiger geworden und konnte wieder durchschlafen. Mit ihm hatte sie ihr Glück gefunden. Inzwischen waren sie acht Jahre verheiratet und wünschten sich nun ein Kind.

Zoe lächelte und strich sich mit der Hand sanft über den Bauch.

Wenn es nur schon so weit wäre.

Sie seufzte und griff nach dem Wecker. Die roten Ziffern zeigten Viertel nach sieben.

Seltsam. Normalerweise war sie bereits seit einer halben Stunde auf den Beinen. Hatte sie das Klingeln nicht gehört? Oder gestern vergessen, den Wecker zu stellen? Warum hatte David sie nicht geweckt? Hatte er auch verschlafen?

Sie tastete nach ihm, doch die Bettseite neben ihr war leer.

Zoe schaltete die Nachttischlampe ein und blinzelte. Sie hasste es aufzustehen, wenn es draußen noch dunkel war. Wie gut, dass in zwei Wochen Weihnachten war und die Tage danach wieder länger wurden.

Sie gähnte. Der Schreck des Albtraums saß ihr nach wie vor in den Gliedern. Als sie sich streckte, schoss ein stechender Schmerz durch ihre linke Schulter. Zoe stöhnte.

Na toll. Als ob der Albtraum nicht schon gereicht hätte. Jetzt hab ich mich in der Nacht auch noch verlegen.

Sie krümmte den Rücken und bewegte den Kopf, um ihre Muskeln zu lockern, doch der Schmerz verstärkte sich dadurch nur. Er fuhr durch ihren Oberkörper bis zur Hüfte und weiter in die Beine. Knie und Ellenbogen pochten, selbst das Atmen tat ihr weh.

Irritiert betrachtete sie ihren rechten Ellenbogen.

Was zum Teufel …?

Ungläubig blickte sie auf ihre Arme, die mit blauen Flecken und blutigen Schrammen übersät waren.

Zoe drehte die Unterarme in beide Richtungen. Eine Mischung aus Entsetzen und Fassungslosigkeit machte sich in ihr breit. Vorsichtig fuhr sie mit dem Finger über eine der Wunden und zuckte bei der Berührung zusammen. Die Verletzung war real. Eine Vorahnung überkam sie: Hektisch riss sie die Bettdecke weg und stellte fest, dass ihre Beine genauso aussahen. Ein tiefer Schnitt zog sich quer über ihren rechten Oberschenkel.

Mit einem Schlag war sie hellwach. Woher hatte sie diese Verletzungen?

Sie sprang so ruckartig aus dem Bett, dass ihr ganzer Körper aufschrie. Humpelnd lief sie ins Bad und schaltete die Deckenlampe an. Ihre Wunden traten im Neonlicht noch deutlicher hervor. Sie ging zum Waschbecken und schaute in den Spiegel.

Ihr schwarzes schulterlanges Haar war vom Schlaf zerzaust. Es fiel ihr strähnig ins Gesicht, das sie im ersten Moment gar nicht als ihr eigenes erkannte. Auf der Stirn prangte eine tiefe Platzwunde. Geronnenes Blut klebte auf der rechten Wange, die stark geschwollen war. Auf dem Kinn zeichnete sich ein dunkelblaues Hämatom ab.

Zoe kniff die Augen zusammen und beugte sich zum Spiegel vor. Wie in Trance berührte sie die Platzwunde und verzog das Gesicht. Behutsam schälte sie sich aus dem Nachthemd. Ihr Oberkörper war genauso zerschunden wie der Rest ihres schlanken Körpers. Sie sah aus, als wäre sie verprügelt worden.

Geschockt betrachtete sie ihr Spiegelbild. War das wirklich sie? Ihr Atem beschleunigte sich. Ihre Beine drohten nachzugeben, sodass sie sich am Waschbecken abstützen musste.

Was ist mit mir passiert? Wer hat mich so zugerichtet?

Die Wunden schienen frisch zu sein und waren höchstens ein paar Stunden alt. Zoe dachte an den gestrigen Tag zurück, an die Abendstunden, bevor sie ins Bett gegangen war. Doch sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. In ihrem Kopf herrschte völlige Leere.

Was …?

Beklemmung erfasste sie und steigerte sich zu einer bedrückenden Angst, die sich schwer auf ihren Brustkorb legte. Jeder Atemzug war eine Qual.

Verzweifelt versuchte Zoe, sich in Erinnerung zu rufen, was gestern geschehen war. Sie überlegte, wann sie aufgestanden war und wie sie den Tag verbracht hatte. Aber so sehr sie sich konzentrierte, es gelang ihr nicht. Als hätte es diesen Tag nie gegeben.

Ihre Angst wechselte in Panik.

Sie dachte an vorgestern und stellte entsetzt fest, dass sie sich daran ebenfalls nicht erinnern konnte. Die beiden Tage waren vollkommen aus ihrem Gedächtnis gelöscht.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

Man verliert nicht einfach das Gedächtnis.Oder wacht mit blutigen Schrammen auf.

Welcher Tag war heute überhaupt? Sie sah zur Badezimmeruhr.

Mittwoch.

Sie rieb sich die Augen und blickte abermals auf die Datumsanzeige, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht verlesen hatte.

Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war ein Besuch mit David in der Therme Erding. Und das war am Sonntag gewesen. Ihr fehlten ganze zwei Tage!

Das konnte nicht sein. Zoe humpelte ins Schlafzimmer und schaltete den Fernseher in der Ecke ein. Sie wechselte zu einem Nachrichtensender und öffnete den Videotext. Ganz oben stand Mittwoch. Sie schluckte schwer. Unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, stand sie wie angewurzelt da. Die Leere in ihrem Kopf machte sie fast wahnsinnig.

Es kostete sie viel Kraft, sich aus der Starre zu lösen. Zurück im Bad drehte sie den Hahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Die Kälte traf sie wie ein Schock. Stoßweise atmete sie, während sie sich das Blut von Stirn und Wange wusch.

Wenn sie gestern derart ramponiert nach Hause gekommen war, warum hatte David nichts gesagt? Er hätte sie sofort ins nächste Krankenhaus gefahren.

Zoe stellte den Wasserhahn ab.

Normalerweise verließ David kurz vor ihr das Haus, allerdings frühstückten sie vorher zusammen. Das konnte nur bedeuten, dass er noch da war. Sie neigte den Kopf und lauschte, konnte jedoch kein Geräusch in der Wohnung hören.

»David?«, rief sie, erhielt aber keine Antwort.

Hastig trocknete sie sich das Gesicht ab und zog ihren Bademantel über.

»David?«

Barfuß lief sie die Wendeltreppe ihrer Maisonettewohnung nach unten ins Wohnzimmer. Doch der Raum, den David wegen der vielen Pflanzen scherzhaft als »Dschungel« bezeichnete, war verlassen, genau wie das kleine Arbeitszimmer nebenan und die Küche.

Für einen Moment verharrte sie unentschlossen, dann ging sie wieder ins Schlafzimmer. Und blieb wie erstarrt stehen.

Im ersten Schreck war es ihr vorhin gar nicht aufgefallen: Davids Bettseite war unbenutzt, die Decke sauber zusammengelegt. Er hatte heute Nacht gar nicht hier geschlafen.

Wo war er nur?

Sie versuchte ein weiteres Mal, sich zu erinnern, jedoch ohne Erfolg.

War er vielleicht auf Dienstreise?

Sie dachte an Sonntag zurück, ihre letzte Erinnerung vor dem mysteriösen Blackout. Sie sah David vor sich, wie er ihr gegenüber entspannt im Whirlpool lag. Worüber hatten sie noch mal gesprochen? Über ihre Pläne für Weihnachten. Ob sie die Feiertage allein zu Hause oder bei Davids Eltern in Hamburg verbringen wollten. Eine Dienstreise hatte er nicht erwähnt.

Aber wo war er dann?

Sie griff nach ihrem iPhone auf dem Nachttisch und schaltete es an. Es dauerte quälend lange, bis das Gerät sich ins Mobilfunknetz eingeloggt hatte. Sie drückte die Kurzwahl für Davids Handynummer, die Verbindung baute sich auf. Sofort ertönte die weibliche Stimme des Anrufbeantworters: »Hallo, hier ist die Mobilbox von David Drexler. Bitte sprechen Sie nach dem Ton.«

Es piepte, und Zoe beendete die Verbindung, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Merkwürdig. David ließ sein Handy immer angeschaltet, wenn er unterwegs war. Nur für den Fall, dass sie ihn dringend erreichen musste.

So wie jetzt.

Sie versuchte es erneut, aber wieder ging nur der Anrufbeantworter an.

»David, ich bin’s. Bitte ruf mich sofort zurück. Ich …«

Sie stockte und überlegte, was sie ihm eigentlich sagen sollte.

Ich bin gerade mit blauen Flecken und blutigen Schrammen am ganzen Körper aufgewacht und weiß nicht, wo ich die herhabe. Hast du eine Ahnung?

Ihr wurde bewusst, wie irrsinnig das klang. Nach einigen Sekunden des Schweigens legte sie auf.

Wenn David gestern Abend nicht da gewesen war, dann hatte er vermutlich auch nicht mitbekommen, wie sie verletzt nach Hause gekommen war.

Gedankenverloren sah sie aufs Handy. Vielleicht eine SMS? Bestimmt hatte er ihr eine SMS geschickt.

Enttäuscht stellte sie fest, dass sie vor vier Tagen die letzte Nachricht von ihm erhalten hatte. Es war eine kurze SMS: Ich liebe dich.

Ich liebe dich, wiederholte sie in Gedanken und seufzte. Es waren diese kleinen Gesten, die sie an ihm mochte und die dazu beitrugen, dass sie immer noch so verliebt waren wie am ersten Tag. Mal brachte er ihr Blumen mit, schickte ihr eine Postkarte mit Liebesgedichten oder überraschte sie mit einem romantischen Picknick am See.

Zoe betrachtete das Foto, das auf dem Nachtkästchen stand und David in ihrem letzten Sommerurlaub in Griechenland zeigte. Braungebrannt und fröhlich lachte er in die Kamera. Neben seinen Mundwinkeln zeichneten sich die kleinen Grübchen ab, die sie so anziehend fand. Die kurzen schwarzen Haare wurden an einigen Stellen bereits grau. Obwohl er auf die vierzig zuging, leuchtete in seinen Augen noch immer die spitzbübische Ausgelassenheit eines Jungen.

Sie ging nach unten und sah sich ein weiteres Mal um.

Irgendeinen Hinweis über seinen Verbleib musste es doch geben. Doch weder im Wohnzimmer noch im Arbeitszimmer wurde sie fündig.

Zoe ging weiter in die Küche, die nicht den Anschein erweckte, als wäre kürzlich jemand hier gewesen. Alles war sauber in die Schränke geräumt. Und in der Luft hing auch nicht der Duft nach frisch gemahlenem Kaffee, den David am Morgen so dringend brauchte. Nur die Tannenzweige auf dem Tisch, zwischen denen eine rote zur Hälfte abgebrannte Kerze steckte, verströmten einen weihnachtlichen Geruch.

Wo war David?

Und was war gestern bloß passiert?

Kapitel 2

Tief in Gedanken stand Zoe in der Küche. Nach einer Weile ging sie zum Fenster und blickte nach draußen. Die Dämmerung setzte allmählich ein. Nebliger Dunst hing in der Luft, und die Erde lag unter einer dicken Schneeschicht. Es musste erneut geschneit haben. Auf dem Busch vor dem Fenster türmte sich eine weiße Krone. Eiszapfen hingen von den Bäumen, die die Straße säumten.

Zoe fröstelte bereits beim bloßen Anblick.

Sie wohnten am nördlichen Stadtrand von München in einem Haus, das aus vier Maisonettewohnungen bestand. Während die beiden oberen Parteien große Dachterrassen hatten, gehörte zu den Erdgeschosswohnungen ein Garten.

Sie wollte sich gerade wieder umdrehen, als eine Bewegung am Hauseingang ihre Aufmerksamkeit erregte. Ihre Nachbarin, eine hübsche Frau Anfang dreißig, trat ins Freie und lief mit gesenktem Kopf den Gehweg entlang. Die langen blonden Haare fielen ihr leicht gewellt über die Schultern und umrahmten das Gesicht mit den großen rehbraunen Augen.

Ob sie vielleicht etwas weiß?

Zoe öffnete das Fenster.

»Jasmin«, rief sie ihr hinterher. »Hey, Jasmin, warte doch mal!«

Jasmin zuckte zusammen und blieb abrupt stehen. Suchend blickte sie sich um, bis sie Zoe am Fenster entdeckte.

Zoe bedeckte mit der Hand ihre Verletzungen im Gesicht. Die Haare hatte sie notdürftig über die Platzwunde gestrichen.

»Entschuldige, hab ich dich erschreckt?«

»Gott ja, Zoe! Ich bin spät dran.«

»Tut mir leid. Nur kurz: Hast du zufällig gehört, wann ich nach Hause gekommen bin?«

Jasmin schüttelte den Kopf. »Nein. Warum fragst du?«

Weil ich verwundet bin, einen Blackout habe und die letzten zwei Tage vollkommen aus meinem Gedächtnis gelöscht sind.

Zoe bemühte sich um einen ungezwungenen Tonfall, obwohl die Angst sie weiterhin fest im Griff hatte. »Ach, irgendwie bin ich heute etwas durcheinander. Ich kann mich nicht erinnern, wie und wann ich heimgekommen bin.«

»Hast wohl zu wild gefeiert, was?«

Gute Frage. Hatte sie das?

»Keine Ahnung. Ich glaube nicht.« Zoe machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ist aber nicht so wichtig, ich dachte nur, du hättest vielleicht was gehört. Dann halt ich dich nicht länger auf. Bis dann.«

Damit schloss sie das Fenster.

War es möglich, dass sie tatsächlich zu viel getrunken und deshalb einen Filmriss hatte? Doch sie verwarf den Gedanken wieder. Sie fühlte sich kein bisschen verkatert. Und schon gar nicht erklärte es ihre Verletzungen.

Erneut betrachtete Zoe ihre Arme, bis sie die Kälte spürte, die ihr von den Fliesen in die Beine kroch. Unentschlossen ging sie ins Wohnzimmer. Dort ließ sie sich auf die braune Stoffcouch fallen und legte das Handy auf den Beistelltisch aus Glas.

Im nächsten Moment berührte sie etwas am Bein. Zoe fuhr zusammen. Sie schaute nach unten und sah in die leuchtenden Augen ihrer Katze.

»Plinky!«, sagte sie mit klopfendem Herzen. »Musst du dich so anschleichen?«

Der Kater strich auffordernd um ihre Beine.

»Na, komm schon hoch.« Sie klopfte auf ihren Schoß. Plinky sprang mit einem Satz auf ihre Oberschenkel und machte es sich bequem. Zoe presste die Lippen vor Schmerz zusammen, doch sie ließ den Kater gewähren, dessen Schnurren sie tröstete. Sie streichelte Plinky über das seidige orange-rötliche Fell.

»Ob du mitbekommen hast, was passiert ist?«

Sie erwartete nicht ernsthaft eine Antwort. Plinky lag mit geschlossenen Augen da und verstärkte sein Schnurren.

Kaum zu glauben, wie verschmust der Kater ist, dachte sie und erinnerte sich an den Tag, an dem David und sie ihn aus dem Tierheim geholt hatten. Spaziergänger hatten das völlig verwahrloste und schwer verletzte Bündel in einem Wald gefunden, wo es offenbar irgendein Tierquäler zum Sterben abgelegt hatte. Zoe schloss das Wesen, das scheu und sichtlich traumatisiert in der Ecke kauerte, sofort ins Herz. In den nächsten Monaten päppelte sie Plinky liebevoll auf und gewann langsam sein Vertrauen. Mittlerweile wich der Kater Zoe nicht mehr von der Seite und begrüßte sie stürmisch, sobald sie von der Arbeit nach Hause kam. Die Wohnung verließ er allerdings nie, zu groß war seine Angst vor dem, was draußen auf ihn lauern könnte.

Ein Miauen riss Zoe aus den Gedanken.

»Du hast Hunger.« Zoe musste lächeln. Mit Plinky vergaß sie alles um sich herum. David neckte sie regelmäßig damit, indem er den eifersüchtigen Ehemann spielte, der erst an zweiter Stelle kam. Dabei war er genauso in Plinky verschossen wie sie.

Der Kater sprang von ihrem Schoß und lief in die Küche. Zoe öffnete den Vorratsschrank, nahm eine der Dosen mit Katzenfutter, die sich darin stapelten, und leerte den Inhalt in den Napf. Schmatzend machte Plinky sich darüber her.

Sie sah ihm zu und griff nach der Schachtel Tabletten gegen ihre Schilddrüsenunterfunktion, die vor einigen Jahren bei ihr diagnostiziert worden war. Sie spülte die Kapsel mit einem Glas Leitungswasser hinunter.

Trotzdem fühlte sich ihre Kehle weiterhin wie ausgetrocknet an. Zoe trank ein zweites Glas. Plinky saß derweil vor seinem Futternapf und kaute genüsslich ein Stück Thunfisch.

Ihr Handy klingelte. Na endlich! Das musste David sein. Bestimmt hatte er ihre Nachricht auf der Mailbox abgehört.

Sie hastete ins Wohnzimmer und griff nach dem Telefon. Kurz wunderte sie sich über die unterdrückte Rufnummer auf dem Display und nahm das Gespräch an.

»David?«, fragte sie atemlos.

Doch statt der vertrauten Stimme ihres Mannes meldete sich eine seltsam verzerrte, metallisch klingende Stimme.

»Zoe Drexler?«

Zoe schwieg. Am anderen Ende der Leitung war ein Keuchen zu hören. Ein mulmiges Gefühl überkam sie.

»Sind Sie Zoe Drexler?« Zoe vermochte nicht zu sagen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Der Anrufer klang ungeduldig, und in seiner Frage schwang ein aggressiver Unterton mit.

»Ja«, antwortete sie zögernd. »Und wer sind Sie?«

»Mein Name tut nichts zur Sache. Aber Sie sollten mir jetzt sehr gut zuhören. Und genau das tun, was ich Ihnen sage.«

»Wovon reden Sie?«, fragte Zoe und setzte sich auf die Couch.

»Sie wissen genau, wovon ich rede.«

»Nein, das weiß ich nicht. Und wenn das hier ein Scherz sein soll, dann …«

»Ein Scherz?« Die Person lachte heiser auf. »Ganz bestimmt nicht.«

Die Stimme klang kalt. Zoe spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Sie spielte mit dem Gedanken, aufzulegen, aber die Worte hatten sich in ihrem Kopf festgesetzt.

Sie sollten mir jetzt sehr gut zuhören. Und genau das tun, was ich Ihnen sage.

»Wer sind Sie?«

»Ich kenne Sie, mehr müssen Sie über mich nicht wissen.«

Zoe legte die Stirn in Falten.

Vergeblich versuchte sie herauszuhören, wer hinter der verzerrten Stimme steckte, denn sie kam ihr sonderbar vertraut vor.

»Und was wollen Sie von mir?« Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, kam ihr ein furchtbarer Gedanke. Sie richtete sich kerzengerade auf. »Geht es um David? Ist ihm etwas passiert?«

Allein bei der Vorstellung stieg Übelkeit in ihr auf. Die Möglichkeit, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen. Hatte er einen Unfall gehabt? Wusste sie vielleicht längst davon, und ihre Gedächtnislücken zeigten nur, dass sie sich schlichtweg nicht erinnern wollte?

Aber an was?

Am anderen Ende der Leitung vernahm sie wieder dieses kehlige Lachen, und ihr wurde noch kälter.

»Was ist mit David? Warum sagen Sie mir nicht endlich, was los ist?«

»Weil ich genau das von Ihnen wissen will.«

»Wie bitte? Was wollen Sie von mir wissen?«

»Die Wahrheit«, antwortete die Stimme. »Ich will von Ihnen die Wahrheit hören.«

»Welche Wahrheit?«

Allmählich wurde Zoe wütend. Falls die Person etwas über Davids Verschwinden wusste, sollte sie endlich damit herausrücken.

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu. Wenn David was passiert ist, und Sie etwas damit zu tun haben sollten, dann …«

»Halten Sie endlich den Mund!«, unterbrach die Stimme sie in so scharfem Tonfall, dass sie augenblicklich verstummte. »Ich habe keine Zeit für Spielchen.«

Spielchen?

Zoe rang nach Atem.

War es etwa das? Ein perverses Spielchen?

Wer war diese Person? Und wieso benutzte sie einen Stimmenverzerrer?

Ein Teenager. Bestimmt war der Anrufer ein Teenager, der seine neueste technische Errungenschaft ausprobierte und sich aus purer Langeweile einen Spaß auf ihre Kosten erlaubte. Wahrscheinlich lag er schon vor Lachen am Boden.

»Du findest das Ganze wohl sehr witzig, was?«, sagte sie. »Schön, dass du deinen Spaß hattest, aber ich hab jetzt wirklich Wichtigeres zu tun. Ruf mich nicht noch mal an!«

Mit diesen Worten legte sie auf.

Auf was für Ideen die Jugendlichen kommen, dachte sie. Natürlich hatte sie als Kind auch Telefonscherze gemacht, aber sie hatte nie versucht, jemandem Angst einzujagen.

Zoe lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie konnte nicht sagen, warum, aber tief in ihrem Inneren hatte sie das ungute Gefühl, soeben den größten Fehler ihres Lebens begangen zu haben.

Kapitel 3

Lange, nachdem sie aufgelegt hatte, saß Zoe regungslos auf der Couch. Das Gespräch ging ihr nicht aus dem Kopf. Zu gut reihte es sich in die unerklärlichen Ereignisse ein, mit denen sie seit dem Aufwachen vor nicht einmal einer halben Stunde konfrontiert worden war. Ihre Verletzungen, der Gedächtnisverlust, Davids Verschwinden.

Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper. Zitterte sie, weil sie fror, oder kam die Kälte von innen heraus, genährt von einer wachsenden Angst?

Sind Sie Zoe Drexler?

Die mysteriöse Person hatte sie mit ihrem Namen angesprochen. Irgendwie wollte das nicht so recht zu einem Telefonstreich passen. Zumindest nicht zu einem, bei dem man wahllos eine Nummer wählte. Nein, offenbar hatte dieser Mensch sie ganz gezielt angerufen.

Die verzerrte, metallisch klingende Stimme echote immer noch in ihren Ohren. Zoe grübelte, was ihr daran so vertraut vorgekommen war. Die Art, wie die Person gesprochen hatte, ihre Wortwahl … Sie konnte es nicht beschreiben.

Irgendetwas an der Sache beunruhigte sie zutiefst. Ihr Blick fiel aufs Handy. Und dann wurde es ihr klar.

Ihre Handynummer.

Zoe legte viel Wert auf ihre Privatsphäre, allein aus beruflichen Gründen. Sie arbeitete als Bewährungshelferin beim Landgericht München. Auch wenn sie bisher nie von einem Probanden belästigt worden war, achtete sie darauf, nicht zu viel Persönliches preiszugeben. Daher kannten nur Freunde und direkte Arbeitskollegen ihre private Handynummer.

Und der unbekannte Anrufer.

Beim Gedanken an ihre Arbeitskollegen sah Zoe auf die Uhr und erschrak. In einer Dreiviertelstunde begann ihr Dienst.

Sie wählte die Nummer ihres Chefs.

»Jochen Hofer«, meldete sich die unverkennbar sonore Stimme ihres Vorgesetzten.

Zoe hatte selten jemanden getroffen, dessen Persönlichkeit sich derart im Klang seiner Stimme widerspiegelte. Selbst in der größten Hektik ließ Hofer sich nicht aus der Ruhe bringen. Seine einnehmende Art hatte ihm schon so manche Tür geöffnet, und Zoe war sich sicher, dass seine Karriere noch lange nicht zu Ende war.

»Ja, hallo, Zoe Drexler hier.«

»Hallo, Frau Drexler.«

»Es tut mir leid, aber ich kann heute nicht kommen. Ich bin krank.« Sie hüstelte, um glaubhafter zu klingen.

Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen in der Leitung.

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Ja. Warum?«

Sie hörte, wie Hofer am anderen Ende der Leitung seufzte. »Frau Drexler, Sie haben sich doch bereits am Montag für den Rest der Woche krankgemeldet.«

Wortlos ließ sich Zoe in den Sessel fallen.

Sie hatte was?

»Frau Drexler, sind Sie noch dran?«

»Ja«, presste sie mühsam hervor.

»Geht es Ihnen nicht gut?«

Wenn ich das nur wüsste!

»Weshalb habe ich mich krankgemeldet?«

»Das haben Sie nicht gesagt.«

Wieder legte sich Stille zwischen sie.

»Frau Drexler, was ist los mit Ihnen? Mir ist bereits in den letzten Wochen aufgefallen, dass Sie unmotiviert sind. So leid es mir tut: Sie machen einen Fehler nach dem anderen. Und unsere Probanden tragen die Konsequenzen, wenn sie wieder straffällig werden.«

Zoe war sprachlos. Für sie gab es nichts Erfüllenderes, als anderen Menschen zu helfen. Sehr zum Leidwesen ihres Vaters, der es gerne gesehen hätte, wenn sie eines Tages seine Steuerkanzlei übernommen hätte.

Zoe erinnerte sich noch genau, wie sie die Dienststelle der Bewährungshilfe in Schwabing das erste Mal betreten hatte.

»Die Einstellung eines neuen Mitarbeiters ist keine einseitige Sache«, hatte Hofer damals zu ihr gesagt. »Wir müssen von Ihnen überzeugt sein, und Sie sollen sich bei uns wohlfühlen.«

Das hatte sie.

»Ich bin nicht unmotiviert«, sagte sie.

»Und was ist mit Sebastian Baumgartner?«

Baumgartner war einer ihrer Probanden, ein Mann Anfang zwanzig, der wegen eines bewaffneten Raubüberfalls vier Jahre im Jugendgefängnis verbracht hatte und vor einigen Monaten auf Bewährung entlassen worden war. Sein Lebenslauf unterschied sich nicht wesentlich von dem anderer krimineller Jugendlicher. Aufgewachsen in einem gewalttätigen Elternhaus, hatte er sich in Alkohol und Drogen geflüchtet und war zunächst in mehrere Schlägereien und Wohnungseinbrüche verwickelt gewesen, ehe er mit einer Schreckschusspistole bewaffnet eine Tankstelle überfiel und dabei den Kassierer brutal niederschlug. Im Gefängnis hatte er einen Entzug gemacht und seinen Hauptschulabschluss nachgeholt. Zoe hatte ihm nach seiner Entlassung dabei geholfen, eine Wohnung sowie eine Lehrstelle als Automechaniker zu finden. Er war auf dem besten Weg zurück in ein normales Leben.

»Was ist mit ihm?«

»Baumgartner hat seine Lehrstelle verloren. Das wissen Sie doch.«

Zoe kniff die Augen zusammen. »Wann ist das passiert? Und warum?«

»Was soll das, Frau Drexler?«

»Bitte sagen Sie mir einfach, wie das passiert ist.«

Erneut seufzte Hofer, ehe er antwortete: »Aus der Werkstatt wurde Werkzeug gestohlen, und der Inhaber hatte natürlich sofort Baumgartner in Verdacht. Er hat ihn rausgeworfen.«

»Wie bitte?«

»Darum geht es mir jetzt aber gar nicht. Der Werkstattbesitzer war einverstanden, mit Ihnen noch mal in Ruhe über die ganze Sache zu reden. Er wäre unter gewissen Umständen sogar bereit gewesen, Baumgartner eine zweite Chance zu geben. Und was machen Sie? Sie sind einfach nicht zum vereinbarten Termin erschienen. Ohne eine Entschuldigung.«

Zoe traute ihren Ohren nicht.

»Für den Werkstattbesitzer war die Sache damit endgültig erledigt. Und Baumgartner ist deswegen stinksauer auf Sie. Letzte Woche ist er betrunken bei uns aufgetaucht. Wissen Sie eigentlich, was das bedeutet? Was glauben Sie, wie lange es wohl dauert, bis er den nächsten Überfall begeht? Der Kerl ist eine tickende Zeitbombe.«

Zoe schwieg noch immer. Verzweifelt versuchte sie, sich diesen Vorfall ins Gedächtnis zu rufen.

Allmählich bekam sie das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Sie hatte geglaubt, an einem kurzzeitigen Gedächtnisverlust zu leiden, doch offenbar reichten ihre Erinnerungslücken viel weiter zurück.

Litt sie womöglich an einer Amnesie?

Zoe lehnte sich zurück und schloss die Augen.

»Es tut mir leid«, sagte sie nach einer kurzen Pause, »aber ich fühle mich momentan nicht gut. Sobald ich wieder gesund bin, komme ich zur Arbeit. Auf Wiederhören.«

Sie legte auf und starrte auf das Foto an der gegenüberliegenden Wand.

Ich habe seit Wochen Probleme in der Arbeit und kann mich nicht daran erinnern.

Zwei Tage zu vergessen war eine Sache, aber das hier ging viel weiter.

Weshalb hatte sie sich bereits am Montag für den Rest der Woche krankgemeldet, obwohl sie gar nicht krank war? Es konnte nicht an den Verletzungen gelegen haben, denn die hatte sie sich definitiv erst später zugezogen. Und warum konnte sie sich an den Besuch der Therme mit David am letzten Sonntag erinnern, nicht aber an die Probleme in der Arbeit?

Verzweifelt fuhr sie sich durch die Haare. Sie musste mit David sprechen. Wenn sie Probleme im Job hatte, dann hatte sie ihm bestimmt davon erzählt.

Aber wo war er?

Konnte es sein, dass sie und David sich gestritten hatten und er deshalb woanders übernachtet hatte? Zwischen ihnen gab es so gut wie nie Auseinandersetzungen, aber ganz ausschließen konnte sie es nicht.

Sie rieb sich das Kinn und stöhnte leise auf, als sie den blauen Fleck berührte.

Wenn David tatsächlich bei jemand anderem übernachtet hatte, kam dafür nur eine Person in Frage: Marco Ries, Davids bester Freund und Trauzeuge. Bestimmt war David dort, und falls nicht, dann wusste Marco, wo er steckte. Kurzentschlossen rief sie Marco auf dem Handy an, doch genau wie bei David schaltete sich sofort der Anrufbeantworter an. War eigentlich irgendjemand erreichbar?

Allerdings wusste sie, dass Marco sein Handy in der Hauptsache beruflich nutzte. Und er wohnte nicht weit entfernt. Es war wohl das Beste, wenn sie zu ihm fuhr und die Sache mit ihrem Mann oder mit Marco persönlich klärte. Was auch immer das für eine Sache sein mochte.

Zoe lief hinauf ins Bad, zog den Bademantel aus und stieg unter die Dusche. Das Wasser brannte auf ihren Wunden. Der Wannenboden färbte sich bräunlich, als das getrocknete Blut sich von ihrer Haut löste. Erneut schauderte sie beim Anblick ihres zerschundenen Körpers.

Sie stellte das Wasser ab und griff nach dem Badehandtuch. Es war feucht.

Als hätte es jemand erst kürzlich benutzt.

Komisch. Sie hatte am Abend bestimmt nicht mehr geduscht. Sonst wäre sie nicht so blutverschmiert gewesen. Unsicher verharrte sie, während Wassertropfen an ihr hinunterrannen und sie eine Gänsehaut bekam.

Nein, wahrscheinlich hatte sie das Handtuch gewaschen und zum Trocknen über die Stange gehängt.

Oder jemand war in der Wohnung gewesen.

War das möglich? Die Vorstellung, ein Fremder könnte in ihren vier Wänden gewesen sein, jagte ihr eine Heidenangst ein.

Mach dich jetzt nicht verrückt! Es gibt bestimmt eine einfache Erklärung dafür.

Zoe zwang sich, an etwas anderes zu denken. Sie trocknete sich behutsam ab und zog frische Kleidung an. Anschließend klebte sie ein großes Pflaster auf die Stirn und frisierte sich so, dass der Pony die Stelle halbwegs überdeckte. Die Abschürfung auf der Wange versuchte sie mit Puder zu überdecken, doch die Verletzung brannte wie Feuer. Sie ließ es bleiben.

Sie hob ihr Nachthemd vom Boden auf, um es in der Wäschetonne zu verstauen. Kaum hatte sie den Deckel gehoben, taumelte sie zurück und ließ das Baumwollhemd fallen. In der Tonne steckten schmutzverklebte Kleidungsstücke. Nacheinander holte sie eine Winterjacke, eine Jeans und einen Pullover daraus hervor. Allesamt voller Blutflecken und an mehreren Stellen zerrissen. Offenbar hatte sie die Kleidung bei dem Unfall – oder was immer ihr passiert war – getragen. Alarmiert betrachtete sie die Sachen von allen Seiten.

Eine Erinnerung durchzuckte sie.

Zoe stand im Flur und zog ihre Stiefel an. Sie zitterte, brachte kaum den Reisverschluss ihrer Winterjacke zu.

Hatte sie jemals eine solche Eiseskälte in ihrem Inneren verspürt? Als wäre alle Freude abgestorben und nichts als Hoffnungslosigkeit übriggeblieben. Dunkelheit umhüllte sie, legte sich schwer auf ihre Schultern und erdrückte sie förmlich.

Ihr Blick fiel in den Spiegel über dem Schuhschrank. Die Wangen bleich und eingefallen, ihr Gesichtsausdruck starr. Eine Mischung aus Trauer und Wut lag in ihren geröteten Augen.

Die Bilder in ihrem Kopf begannen zu verblassen. Verzweifelt versuchte Zoe, die Erinnerungsfetzen festzuhalten.

War das gestern gewesen? Wohin wollte sie?

In der nächsten Sekunde schloss sich der Vorhang des Vergessens und hinterließ wieder diese alles verschlingende Leere.

Fluchend legte sie die schmutzige Kleidung zurück und zog im Schlafzimmer die Jalousien hoch. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen.

Zoe wandte sich ab, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung im Haus gegenüber wahrnahm. Jemand stand hinter der Gardine und spähte durch den Spalt.

Und sah genau zu ihr herüber.

Kapitel 4

Zoe wusste, das größte Risiko beim Kauf einer Wohnung waren die Nachbarn. Reiner Kreuss gehörte zu den Zeitgenossen, die Zoe sich vor dem Unterzeichnen des Kaufvertrags besser näher angeschaut hätte. Er war in ihren Augen schon immer sonderbar gewesen, doch seit dem Tod seiner Frau vor einem Jahr war Kreuss ihr zunehmend unheimlich geworden. Sie erwischte ihn nicht zum ersten Mal, wie er sie beobachtete. Versuchte er sich anfangs noch hinter dem Vorhang zu verstecken, machte er aus seiner Neugier inzwischen keinen Hehl mehr.

Mit seinem kahlen Kopf und den raubtierhaften Gesichtszügen wirkte Kreuss deutlich älter als Ende vierzig und erinnerte Zoe an ein Relikt aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Fehlte nur noch die entsprechende Uniform.

Zoe kam ein beängstigender Gedanke. War es möglich, dass seine Bespitzelung eine neue Dimension erreicht hatte? War er der anonyme Anrufer?

Sie wandte sich vom Fenster ab und spürte seinen Blick im Nacken.

Wenig später verließ sie in Jacke und Winterstiefel das Haus. Sofort begannen ihre Augen im eisigen Wind zu tränen. Und wie aus dem Nichts tauchte erneut eine Erinnerung auf.

Der Schneesturm. Gestern Abend hatte ein Schneesturm getobt!

Zoe verließ das Haus und trat in die klirrende Kälte hinaus. Der Wind pfiff heulend durch die Straße, peitschte die Schneeflocken wie kleine Nadeln in Zoes Gesicht und zerrte an ihren Haaren. Tränen schossen ihr in die Augen. Es war bereits dunkel, der aufwirbelnde Schnee dämmte das Licht der Straßenlaterne. Zoe stemmte sich gegen die unsichtbare Wand und stapfte mit eingezogenem Kopf durch den knöcheltiefen Schnee.

Der Sturm war nichts im Vergleich zu dem, der in ihrem Inneren wütete.

Abrupt brach die Erinnerung ab.

Zoe stieß einen tiefen Seufzer aus und setzte sich in Bewegung. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten, während sie versuchte, ihren schwarzen Fiat Punto unter der Schneeschicht der parkenden Autos auszumachen.

Wenn sie die Fernbedienung für die Zentralverriegelung drückte, würde sich ihr Wagen schon bemerkbar machen. Den Daumen auf dem Schalter lief sie den Gehweg entlang und übersah die Eisplatte vor ihr. Sie schlug hart auf dem Boden auf. Ein stechender Schmerz schoss durch den linken Ellenbogen. Für einen Moment glaubte sie, das Bewusstsein zu verlieren. Benommen blieb sie liegen.

Ein Schatten verdunkelte den eisgrauen Himmel. »Alles in Ordnung mit Ihnen? Sind Sie verletzt?«

Zoe blinzelte und blickte in das stoppelige Gesicht eines jungen Mannes. Die Daunenjacke ließ ihn noch ein paar Kilo schwerer erscheinen. Den wulstigen Hals versuchte er mit einem dicken Schal zu verstecken.

Er beugte sich zu ihr hinunter. »Können Sie mich hören?«

»Nein«, stammelte sie. »Doch … Ich meine … Ich bin nur ausgerutscht.«

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen hoch.« Er streckte ihr die behandschuhte Hand entgegen und zog sie auf die Beine.

Zoe klopfte sich den Schnee von der Kleidung.

»Geht’s wieder?«

Sie setzte ein gequältes Lächeln auf und nickte.

»Sie haben ganz schön was abbekommen. Ihr Gesicht ist voller blauer Flecken!« Er beugte sich vor.

Zoe roch seinen Schweiß und wich zurück. »Halb so wild. Ich bin in Ordnung.«

»So sehen Sie aber nicht aus.« Er fasste sie am Arm. »Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause. Oder gleich ins Krankenhaus.«

Zoe riss sich von ihm los. »Danke für Ihre Hilfe, aber ich bin okay. Bitte gehen Sie jetzt.«

»Schon gut.« Der junge Mann setzte einen beleidigten Gesichtsausdruck auf. »Wollte nur helfen.« Wortlos ließ er Zoe stehen.

Zoe unterdrückte die aufsteigenden Tränen und hob den Autoschlüssel vom Boden auf. Ewigkeiten später leuchtete ein schwaches Licht hinter einer Schneewand auf. Gott sei Dank!

Bevor sie die Windschutzscheibe freigekratzt hatte, verlor sie jedes Gefühl in den Fingern. Ihr Blick blieb an einer Einbuchtung in der Schneedecke hängen. Mit dem Ärmel wischte sie über die Stelle und entdecke einen tiefen Kratzer im Blech. Panisch legte sie die gesamte rechte Vorderseite frei. Der Kotflügel war völlig verbeult, der schwarze Lack großflächig abgeblättert. Mehrere Schrammen deuteten darauf hin, dass sie etwas gestreift haben musste.

Oder jemanden?

Zoe verwarf den grauenhaften Gedanken wieder. Denn immerhin hatte der Airbag nicht ausgelöst.

Zoe brauchte bei dem Wetter fast doppelt so lange, bis sie Marcos Haus erreichte. Die Fassade leuchtete hellrot in der schneebedeckten Stadtlandschaft. Auf dem zugeschneiten Spielplatz daneben spielten zwei Kinder ausgelassen mit ihrem Hund.

Vor zwölf Jahren hatte sie Marco auf einer Studentenparty kennengelernt und sich sofort in seinen Freund verliebt: David.

Zoe klingelte.

»Ja?« Marcos Stimme kratzte durch die Gegensprechanlage.

»Ich bin’s, Zoe.«

Sie registrierte sein Zögern, bevor er den Türsummer betätigte. Zoe nahm den Lift in den fünften Stock.

Marco stand im Türrahmen und hielt eine junge Frau in den Armen. Sein Maßanzug spannte sich über den muskulösen Körper.

»Rufst du mich an?«, fragte die Frau und warf ihr langes braunes Haar in den Nacken.

»Natürlich«, antwortete Marco lächelnd.

Sie gab ihm einen Abschiedskuss und musterte Zoe, als sie an ihr vorbei in den Aufzug stieg.

»Um Gottes willen, Zoe. Was ist denn mit dir passiert?«

Zoe winkte ab. »Halb so wild«, log sie. »Ich bin auf einer Eisplatte ausgerutscht.«

»Autsch. Das sieht übel aus.«

»Wenigstens hab ich mir nichts gebrochen.«

»Zum Glück.«

»Wer war die Frau?«, wollte Zoe wissen.

»Nur eine Bekannte. Christina. Oder hieß sie Christine?« Er machte eine wegwerfende Geste. »Egal. Was ist los, Zoe?«

»Ich würde gerne mit David sprechen.«

»David?« Er blickte sie irritiert an.

Zoe spürte, wie sie unter der Winterjacke zu schwitzen begann. »Ist er nicht hier?«

Marco schüttelte den Kopf. »Warum sollte er?«

Zoe stand reglos da.

»Du bist ja ganz blass«, sagte er. »Los, komm erst mal rein.« Er legte ihr den Arm um die Schultern und schob sie mit sachtem Druck in die Wohnung. Sie spürte seine Kraft und roch den männlich herben Duft seines Rasierwassers.

Der Flur war wie der Rest der Wohnung großzügig geschnitten. Edle Designerstücke aus Chrom, heller Eiche und schwarzem Leder dominierten die Ausstattung. An den Wänden hingen Leinwanddrucke von Franz Marc.

Marco nahm ihr die Jacke ab.

»Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee vertragen«, sagte er.

Zoe folgte ihm in die Küche und nahm Platz. Marco reichte ihr einen frisch gebrühten Kaffee, den sie dankbar entgegennahm. Sie umklammerte die Tasse und spürte, wie das Gefühl langsam in ihre Finger zurückkehrte.

»Hast du schon gefrühstückt?«

»Nein, aber ich hab auch keinen Hunger.«

Marco sah sie zweifelnd an. Kurz darauf stand eine Schale Müsli vor ihr.

Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. »Warum dachtest du, dass David bei mir ist?«

Lustlos rührte Zoe mit dem Löffel in der Schale. War Marco wirklich der Richtige, um über die merkwürdigen Ereignisse seit ihrem Aufwachen zu sprechen? Andererseits war er wahrscheinlich der Einzige, der ihr bei der Suche nach David helfen konnte. Immerhin war er sein bester Freund.

Marco legte seine Hand auf ihre. »Du kannst mit mir über alles reden.«

Konnte sie das?

Zoe spürte seine Wärme. »Als ich heute Morgen aufgewacht bin, war David nicht da. Und ich habe keine Ahnung, wo er sein könnte.«

»Warum war er nicht da?«

»Genau da liegt das Problem: Ich weiß es nicht.«

Seine Hand ruhte weiterhin auf ihrer.

»Ich versteh dich nicht ganz.« Sein Daumen bewegte sich über ihren Handrücken. Fast so, als würde er sie streicheln.

Was machte er da?

»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte sie und entzog ihm die Hand. Für einen kurzen Moment glaubte sie, einen enttäuschten Ausdruck in seinem Gesicht zu erkennen. »Ich habe keine Ahnung, was in den letzten beiden Tagen passiert ist.«

Er legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. »Du meinst, du hast das Gedächtnis verloren?«

»Na ja, sieht so aus.«

»Hast du dir eine Gehirnerschütterung zugezogen, als du gefallen bist?«

»Nein. So schlimm war es nicht.« Und eigentlich nur eine Notlüge.

Zoe erzählte ihm von den letzten Stunden, verschwieg ihm jedoch ihre Probleme in der Arbeit.

»Also … Möglicherweise haben wir uns gestritten, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Und ich dachte, dass er deshalb bei dir übernachtet hat.« Ihre Hand zitterte, als sie sich eine Strähne aus dem Gesicht strich.

»Verstehe, aber ich muss dich leider enttäuschen: David war nicht hier. Und es ist auch schon gut zwei Wochen her, dass wir uns zuletzt gesprochen haben.«

»Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte?«

»Nein. Tut mir leid.«

Zoe sank in sich zusammen. Ihre größte Hoffnung hatte sich soeben in Rauch aufgelöst.

»Hattet ihr in letzter Zeit irgendwelche Probleme, Zoe?«

»Nein, im Gegenteil.«

Wir wünschen uns sogar ein Kind.

»Hat sich David anders verhalten?«

Erneut verneinte sie, und im nächsten Moment entgleisten ihr die Gesichtszüge. »Du glaubst, er hat eine Affäre?«

»David?« Marco schüttelte den Kopf.

»Hat er dir gegenüber eine Andeutung gemacht?«

»Nein.« Er hob beschwichtigend die Hände. »Komm schon, du glaubst doch selbst nicht, dass David dich betrügen würde.«

Natürlich nicht.

Oder doch?

Ein betretenes Schweigen legte sich über sie, das durch das Klingeln von Marcos Handy unterbrochen wurde. Er warf einen Blick aufs Display.

»Entschuldige mich bitte«, sagte er und ging aus der Küche.

Zoe fühlte sich schrecklich und schob die Müslischale von sich. Sie sollte wieder gehen. Marco wusste nicht mehr als sie, und möglicherweise war David in der Zwischenzeit nach Hause gekommen.

Sie stand auf und ging in den Flur. Marcos Stimme drang gedämpft aus dem Wohnzimmer.

»Jetzt nicht … ja, bei mir … was?«, hörte sie ihn durch die angelehnte Tür sagen.

Zoe griff nach ihrer Jacke und wollte Marco nur rasch ein Zeichen geben, dass sie wieder aufbrach.

»Nein, sie weiß es nicht.« Seine Stimme wurde noch leiser.

Der nächste Satz ließ sie aufhorchen.

»Ich habe sie gefragt, aber sie kann sich nicht daran erinnern.«

Kapitel 5

Zoe stand bewegungslos im Flur und hielt die Jacke so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Was hatte er da gerade eben gesagt?

Sie kann sich nicht daran erinnern.

An ihren Schläfen setzte ein Pochen ein. Wusste Marco doch mehr, als er zugab? Oder hatte er gar nicht von ihr gesprochen?

Sie schlich näher zur Wohnzimmertür. Marco stand mit dem Rücken zu ihr und lauschte seinem Gesprächspartner. Obwohl sie ihn nur von hinten sah, konnte sie deutlich erkennen, wie angespannt er war.

Mit wem telefonierte er überhaupt?

Sie hielt den Atem an. Wenn er sich umdrehte, würde er sie sofort entdecken.

»Auf keinen Fall«, sagte er. Seine Stimme vibrierte. »Du unternimmst nichts, bis ich bei dir bin.« Er hörte kurz zu. »Ja, ich bin gleich unterwegs. Ich muss hier nur schnell noch was erledigen.«

Zoe überlegte fieberhaft, was sie tun sollte. Ihn zur Rede stellen?

Sie zögerte, entschied sich dann aber doch gegen eine offene Konfrontation.

Ohne Marco aus den Augen zu lassen, pirschte sie rückwärts zur Wohnungstür und öffnete sie leise. Sie hörte noch, wie Marco sich verabschiedete, dann trat sie ins Treppenhaus und zog hastig die Tür hinter sich zu. So schnell sie konnte, rannte sie die Stufen hinunter und stürmte ins Freie.

Sie musste sich Klarheit verschaffen. Und dafür gab es nur einen Weg.

Zoe hastete zu ihrem Wagen und riss den Strafzettel herunter, der hinter dem Scheibenwischer klemmte. Sie zerknüllte das Blatt und warf es auf den Beifahrersitz.

Ihr Handy klingelte. Marco. Zoe überlegte, ob sie das Gespräch annehmen sollte, ließ es aber bleiben.

Die Tiefgarage, in der Marco seinen Porsche parkte, war keine fünfzig Meter entfernt. Ich bin gleich unterwegs, hatte er ins Telefon gesagt. Wenn sie herausfinden wollte, mit wem er gerade gesprochen hatte, musste sie ihm nachfahren.

Es dauerte nicht lange, bis sich das Garagentor öffnete.

Zoe ließ den Motor an und duckte sich, als Marco an ihr vorbeikam. Dann folgte sie ihm in sicherem Abstand. Obwohl die Straße schneebedeckt war, fuhr er viel zu schnell.

Ich muss dich leider enttäuschen. David war nicht hier.

Konnte sie sich so in ihm getäuscht haben?

Sie musste an ihre Hochzeit denken, die wegen Marco beinahe in einem Fiasko geendet hätte.

Kurz vor Mitternacht. Die Gäste waren ausgelassen. Nach einer kurzen Pause stimmte die Liveband wieder an.

»Lass uns tanzen«, lachte Marco, trank sein Bier in einem Zug aus und streckte Zoe die Hand entgegen. »Ein Rock ’n’ Roll für die schönste Braut der Welt.«

Er wirbelte mit ihr über die Tanzfläche. Sie kicherte und ließ sich nach einer wilden Umdrehung in seine Arme fallen. Marco zog sie an sich und sah sie mit glasigen Pupillen an. Er beugte sich vor, dann berührten sich ihre Lippen.

Erschrocken stieß sie ihn von sich. »Bist du verrückt geworden?«

Sie warf einen verstohlenen Blick zu David, der sich mit seinen Eltern unterhielt. Nicht auszudenken, wenn er die Szene gerade mitbekommen hätte. Die anderen Gäste waren in ihren Tanz vertieft.

»Entschuldige«, stammelte Marco. »Ich …«

Wortlos ließ Zoe ihn auf der Tanzfläche stehen und ging zu ihrem Mann zurück.

Beim Frühstück am nächsten Morgen führte Marco sie in eine ruhige Ecke. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen, dunkle Ränder zeichneten sich ab. »Wegen gestern …«

Zoe verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es tut mir furchtbar leid. Ich hab zu viel getrunken. Keine Ahnung, was da plötzlich über mich gekommen ist. Ich …« Sein Blick wanderte unruhig zu David auf der gegenüberliegenden Seite des Raums. »Hast du es ihm erzählt?«

Sie schüttelte den Kopf. Hätte sie es getan, wäre es vermutlich das Ende der Männerfreundschaft gewesen.

Marco atmete auf. »Bitte entschuldige mein blödes Verhalten. Wenn ich betrunken bin, mache ich manchmal Sachen, die ich später bereue. Ich wollte dir nicht zu nahe traten. Du bist für mich eine sehr gute Freundin, mehr nicht.«

Zoe glaubte ihm. Und nahm seine Entschuldigung an.

Hatte er damals womöglich sein wahres Gesicht gezeigt?

Ich habe sie gefragt, aber sie kann sich nicht daran erinnern.

Was verschwieg er ihr?

Ein Wagen kam aus einer Seitenstraße und drängte sich zwischen sie und Marco.

Es waren nicht nur seine Worte, die sie so beunruhigten, sondern auch sein merkwürdiges Verhalten.

Zoe musste jäh bremsen, als vor dem Porsche ein Räumfahrzeug auftauchte. Im Schritttempo fuhren sie hinter dem Schneepflug her. Immer wieder scherte Marco nach links aus und lauerte auf eine Gelegenheit zum Überholen. Erneut rief er an, doch sie drückte das Gespräch wieder weg.

Kurz darauf bog das Räumfahrzeug in eine Querstraße ab, und Marco gab Gas. Mit quietschenden Reifen schoss er auf den Mittleren Ring. Das Auto vor Zoe hielt sich hingegen an die Höchstgeschwindigkeit. Der Abstand zu Marcos Porsche vergrößerte sich.

»Jetzt fahr schon!«

Schließlich verlor sie die Geduld. Ohne in den Rückspiegel zu schauen, riss sie das Steuer nach links und wechselte so abrupt die Spur, dass das Auto hinter ihr eine Vollbremsung hinlegen musste. Der Fahrer hupte, und im Spiegel konnte sie sehen, wie er ihr eindeutige Gesten zuwarf.

»Ist ja gut.«

Sie beschleunigte und hatte kurz darauf wieder zu Marco aufgeschlossen. Damit er ihr Gesicht nicht erkennen konnte, klappte sie die Sonnenblende runter.

Ein Ton signalisierte den Eingang einer neuen Sprachnachricht. Zoe hörte die Mailbox ab.

»Hallo, Zoe, Marco hier. Ich wollte mich nur erkundigen, ob mit dir alles okay ist. Du bist vorhin so plötzlich verschwunden. Tut mir leid, dass wir gestört worden sind, aber der Anruf war wirklich wichtig. Ruf mich doch zurück, damit ich weiß, dass es dir gut geht. Wollen wir uns später treffen? Dann können wir in Ruhe weiterreden. Also melde dich, ja?«

Wenig später verließ er den Mittleren Ring und fuhr auf eine größere Kreuzung zu. Die Ampel schaltete von Grün auf Gelb. Der Porsche wurde langsamer. Zoe war ein paar Meter hinter ihm.

Marco gab unvermittelt Gas. Genau in dem Moment, als die Ampel rot wurde, raste er über die Kreuzung.

Zoe versuchte ihm trotz der Ampelschaltung zu folgen, als von beiden Seiten der Verkehr heranrauschte. Panisch stieg sie auf die Bremse, aber die Reifen griffen auf dem nassen Untergrund nicht. Das Auto rutschte auf die Kreuzung zu. Zoe trat das Bremspedal bis zum Anschlag durch, doch der Wagen schlitterte mehrere Meter schlangenlinienförmig übers Eis, bevor er zum Stehen kam. Der Sicherheitsgurt schnitt in ihren Oberkörper. Sie stöhnte auf und wurde schmerzhaft an ihre Verletzungen erinnert.

Neben ihr quietschten Bremsen. Ein Auto von links krachte beinahe in den vorderen Teil des Puntos. In letzter Sekunde konnte der Fahrer ausweichen und fuhr wild hupend an ihr vorbei.

»Mist!” Zoe schlug mit den Händen aufs Lenkrad. Hilflos musste sie zusehen, wie der Porsche sich weiter entfernte und schließlich ganz aus ihrer Sicht verschwand.

Kapitel 6

Als Zoe das Auto direkt vor dem Haus parkte, war sie immer noch verärgert, dass Marco ihr entkommen war. Außerdem hatte sie auf dem Rückweg lange im Stau gestanden.

Zoe betrat den Hausflur und entdeckte Jasmin am Briefkasten. Sie war dezent geschminkt, und Zoe bewunderte ihre feine, makellose Haut.

»Und?«, meinte Jasmin, während sie ein paar Briefe aus dem Kasten fischte. »Was macht dein Kater?«

Zoe entschied sich für eine Notlüge. »Geht schon. Ich bin gestern Abend mit einer Freundin unterwegs gewesen und hab etwas zu viel erwischt.«

»Ist uns doch allen schon mal passiert«, schmunzelte Jasmin und sah auf. In der nächsten Sekunde verzog sie das Gesicht. »Du liebe Güte, wie siehst du denn aus?«

Zoe fürchtete, dass sie diese Frage noch öfter zu hören bekommen würde. Sie beschloss, bei der Geschichte mit der Eisplatte zu bleiben.

»Ich bin ausgerutscht.«

»Aha«, erwiderte ihre Nachbarin trocken. »In der Badewanne, oder was?«

Der Klassiker der Ausreden.

»Um Himmels willen, nein. Draußen auf dem Gehweg. Ich hab eine Eisplatte übersehen.«

Eigentlich war das auch nur eine Ausrede.

»Ja, der Boden ist teilweise spiegelglatt. Und wie immer kommt der Räumdienst erst, wenn es wieder taut.« Jasmin schloss den Briefkasten.

»Sag mal«, meinte Zoe, »hast du gestern vielleicht mitbekommen, wann David heimgekommen ist? Beziehungsweise das Haus wieder verlassen hat?«

Jasmin zog eine Augenbraue hoch. »Wie viel hast du denn getrunken?«

»Nein, das hat jetzt nichts damit zu tun.«

»Sondern?«

»Nichts. Wir müssen uns nur verpasst haben.«

»Gibt es Probleme bei euch?«

»Nein.«

Zumindest nicht bis vor zwei Tagen. Danach weiß ich leider nichts mehr.

Jasmin schwieg.

»David musste gestern auf Dienstreise«, log Zoe. »Er war leider schon weg, als ich zurückgekommen bin, und wir hatten bis jetzt noch keine Gelegenheit zu telefonieren. Daher hab ich mich gefragt, wie knapp wir uns verpasst haben.«

»Ach so. Tut mir leid, aber ich hab ihn nicht gehört.« Und mit einem sarkastischen Unterton ergänzte sie: »Im Gegensatz zu manchen anderen häng ich allerdings auch nicht den ganzen Tag am Fenster und beobachte heimlich meine Nachbarschaft.«

»Meinst du Kreuss?«

»Genau den.« Jasmin schnaubte verächtlich. »Frag am besten ihn. Er kann dir sicher auf die Minute genau sagen, wann David aufgebrochen ist.« Sie beugte sich zu Zoe und senkte ihre Stimme. »Weißt du was? Ich wette, der wartet nur darauf, dass er eine von uns beiden Hübschen mal nackt erwischt.« Sie grinste.

Entsetzt sah Zoe sie an. Sie fand diesen Gedanken alles andere als komisch.

»Aber darauf kann er lange warten«, fuhr Jasmin fort. »Und wenn er so weitermacht, dann kauf ich ihn mir demnächst mal.«

»Versuch das lieber nicht. Dem Kerl ist alles zuzutrauen.«

»Ach was, der ist total ungefährlich. Glaub mir, mit Männern kenn ich mich aus.«

In diesem Punkt musste Zoe ihr recht geben. Jasmin ging mit vielen Männern aus, allerdings geriet sie immer an die falschen.

»Mir macht er schon etwas Angst«, sagte Zoe.

»Keine Sorge, der ist nur ein harmloser Spanner. Oder warum, glaubst du, dass er sich hinterm Vorhang versteckt?«

»Hm.« Stimmte auch wieder.

»So, ich muss dann mal wieder weiter«, verabschiedete sich Jasmin, und Zoe blieb nachdenklich im Treppenhaus zurück.

Hoffentlich lag Jasmin mit ihrer Einschätzung von Kreuss richtig. Dennoch wurde sie das ungute Gefühl nicht los, dass der Mann mehr im Schilde führte.

Zurück in ihrer Wohnung kam ihr sogleich Plinky entgegengelaufen.

»Na, du«, sagte sie und streichelte ihm über den Rücken, bis ein Klingelton den Eingang einer neuen SMS signalisierte.

David. Das musste David sein!

Hastig tippte sie aufs Display. Die SMS kam nicht von ihm. Sie war anonym und dem Werbelink nach zu urteilen übers Internet versendet worden.

Ich weiß, welches Auto Sie fahren, stand in der Nachricht, direkt über dem beigefügten Foto, das ihren Fiat Punto zeigte.

Was sollte das?

Lange betrachtete sie das Bild und realisierte erst dann, dass es den Parkplatz vor ihrem Haus zeigte, dort, wo sie vor fünf Minuten ihr Auto abgestellt hatte. Sie sprang auf, lief in die Küche und zog den Vorhang zur Seite.

Der Punto stand am Straßenrand.

Wer hatte das Foto gemacht?

Sie spähte die Straße entlang, aber außer einem Pärchen, das Händchen hielt, war niemand zu sehen.

Sie zuckte zusammen, als eine neue SMS eintraf. Wieder ein Foto ihres Autos, diesmal eine Großaufnahme des verbeulten Kotflügels.

Tststs … Was haben Sie nur getan?

Zoe stockte der Atem. Ohne Jacke stürmte sie aus dem Haus. Der Wind pfiff ihr eisig ins Gesicht, aber das war ihr egal. Hektisch blickte sie sich nach allen Seiten um, doch die Straße war menschenleer.

Sie ging auf ihr Auto zu und musterte den verbeulten Kotflügel. Im nächsten Moment berührte sie jemand an der Schulter, und Zoe wirbelte erschrocken herum.

Vor ihr stand Sebastian Baumgartner.

Kapitel 7

Sebastian Baumgartner war ein großer, drahtiger Mann mit kurzgeschorenen hellbraunen Haaren und einer Narbe auf der Stirn.

Seine Pupillen waren geweitet.

Hatte er Drogen genommen?

»Herr Baumgartner.«

»Einen schönen guten Tag, Frau Drexler.« Er lächelte, und in seiner Stimme schwang ein sarkastischer Unterton mit. »Gut sehen Sie aus.« Sein Lächeln wurde breiter.

»Was machen Sie hier?«

»Bin zufällig in der Gegend und hab Sie gesehen. Und da dachte ich, sagst du der Frau Drexler mal schnell Hallo.«

Zoe zog kaum merklich eine Augenbraue hoch.

»Warum haben Sie mir diese SMS geschickt?«

»Welche SMS?«, fragte er mit Unschuldsmiene.

»Sie wissen genau, wovon ich rede.«

»Tu ich das?« Er grinste.

»Woher haben Sie überhaupt meine Handynummer?«

»Ihre Handynummer?« Er verschränkte seine Arme, und Zoe fühlte Beklemmung. Ihr ganzer Körper war auf einmal in Alarmbereitschaft. Baumgartner war kein unbeschriebenes Blatt, und jetzt hatte er irgendwie herausgefunden, wo sie wohnte.

Der Kerl ist eine tickende Zeitbombe.

»Haben Sie etwas damit zu tun?«, wollte Zoe wissen und deutete auf den verbeulten Kotflügel ihres Autos.

Er stieß einen Pfeifton aus. »Was ist denn da passiert?«

»Sie haben mir vorhin eine SMS mit einem Bild von meinem Auto geschickt. Also, was soll das?«

»Was fragen Sie mich das? Das wissen Sie doch am besten.«

Zoe stand mit zusammengepressten Lippen da. Der wolkenverhangene Himmel tauchte den Tag in trübes Licht. Leichter Schneeregen setzte ein, und der Wind blies die feinen Tropfen in Zoes Gesicht. Sie begann zu frieren.

»Schlechtes Gewissen?«, fragte Baumgartner. Sein Grinsen trieb Zoe allmählich zur Weißglut.

Im nächsten Moment verfinsterte sich sein Blick bedrohlich, und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Ich habe wegen Ihnen meinen Job verloren!«

Er ist deswegen stinksauer auf Sie.

»Dieser Wichser hat behauptet, ich hätte sein Werkzeug gestohlen. Aber das ist nicht wahr. Er wollte mich nur loswerden, weil ich was mit seiner Tochter angefangen hab. Das hab ich Ihnen auch gesagt. Und was haben Sie getan? Hm? Sie haben diesen Scheißtermin einfach sausen lassen.«

Zoe schwieg, weil sie nicht wusste, was sie darauf sagen sollte. Wenn sie sich daran nur erinnern könnte!

»Sie hätten sich für mich einsetzen müssen.«

Sie atmete tief durch. »Ich weiß …«

»Einen Scheißdreck wissen Sie!« Er mahlte mit den Zähnen, dass seine Wangenknochen hervortraten. »Waren Sie schon mal im Knast? Haben Ihre Eltern Sie geschlagen, als Sie noch ein kleines Kind waren und sich nicht wehren konnten? Kennen Sie das Gefühl, wenn man Mitte des Monats nicht weiß, wie man sich die restlichen vierzehn Tage durchschlagen soll? Nein? Also erzählen Sie mir nicht, Sie wüssten irgendetwas.«

Wortlos sah Zoe ihn an. Seine Augen funkelten vor unverhohlener Wut, und sie spürte, wie ihr die Angst die Kehle zuschnürte. Der Schneeregen wurde stärker und legte sich wie ein Vorhang zwischen sie.

»Sie sind genauso verlogen wie alle anderen.« Er beugte sich vor. Der Kragen der schwarzen Winterjacke entblößte den Tattoo-Schriftzug auf seinem Hals. »Ich wollte mich ändern, habe mein Bestes gegeben, aber Sie haben alles kaputtgemacht. Alles!«

»Bitte beruhigen Sie sich!«

»Ich soll mich beruhigen? Nach allem, was Sie mir angetan haben?«

Ohne Vorwarnung versetzte er ihr einen Stoß. Zoe taumelte nach hinten und ruderte mit den Armen. Drohend kam er auf sie zu, und sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken gegen ihr Auto stieß. Er beugte sich so nahe zu ihr, dass sie seinen nikotingeschwängerten Atem im Gesicht spürte.

»Sie vermasseln mir die Tour und halten es nicht mal für nötig, sich zu entschuldigen.« Er lachte auf. »Aber weshalb sollten Sie? Für Sie bin ich nur ein Stück Dreck, nicht wahr? Jemand, der es nicht wert ist, dass man sich für ihn einsetzt.«

»Hören Sie, Herr Baumgartner …«

»Wegen Ihnen habe ich meinen Job verloren. Jetzt werden Sie auch mal merken, was es heißt, alles zu verlieren.«

Mit voller Wucht trat er gegen ihr Auto. Zoe starrte entsetzt auf die Delle in der Tür. Sie machte einen Schritt zur Seite und wollte an ihm vorbei. Baumgartner bekam sie am Arm zu fassen. Sie riss sich von ihm los, sodass er auf dem glatten Untergrund ausrutschte und zu Boden stürzte. Zoe zögerte keine Sekunde und lief auf ihr Haus zu. Sie fischte den Schlüssel aus der Tasche, zitterte aber so stark, dass sie ihn nicht ins Schloss brachte.

Hinter ihr hörte sie Baumgartner brüllen. Sie warf einen Blick über die Schulter und sah, dass er sich wieder aufgerappelt hatte. Sein Gesicht war hasserfüllt.

Er rannte los. Und kam immer näher.

Endlich gelang es ihr, die Haustür aufzuschließen. Sie trat ein, und die Tür fiel in dem Moment ins Schloss, als Baumgartner sie erreicht hatte. Er warf sich dagegen. Die Scheibe vibrierte unter seinem Gewicht, aber sie hielt stand.

»Machen Sie auf!«, schrie er und hämmerte mit den Fäusten gegen das Glas.

Zoe flüchtete in ihre Wohnung. Zitternd lehnte sie sich von innen gegen die Tür und schloss die Augen. Das war verdammt knapp gewesen!

Sollte sie die Polizei rufen?

Plötzlich schrillte die Klingel. Zoe verkrampfte sich. Mit klopfendem Herzen stand sie da, während Baumgartner Sturm läutete.

Sie ging in die Küche und beobachtete, wie Baumgartner mit geballten Fäusten vor dem Haus auf- und ablief. Nach einer gefühlten Ewigkeit schien er genug zu haben und verschwand.

Erleichtert wandte sie sich vom Fenster ab und ließ sich auf den Küchenstuhl fallen. Viel länger hätte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können.

Wie um alles in der Welt hatte Baumgartner herausgefunden, wo sie wohnte?

Da war so viel Hass in ihm gewesen. Hass auf sie, weil sie diesen einen Termin versäumt hatte.

Jetzt werden Sie auch mal merken, was es heißt, alles zu verlieren.

Seine Drohung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Ihr Gedächtnis hatte sie bereits verloren.

Eine Viertelstunde später saß sie immer noch verängstigt in der Küche, als es erneut an der Haustür klingelte. Zoe sprang auf.

Baumgartner?

Sie warf einen Blick aus dem Fenster und entdeckte einen Mann mit Käppi. Als es ein zweites Mal läutete, ging sie in den Flur und drückte die Gegensprechanlage.

»Ja bitte?«

»Paket für Sie.«

Hatte sie in letzter Zeit etwas bestellt?

»Moment.«

Sie drückte den Türöffner und hörte das Summen, gefolgt von Schritten im Treppenhaus. Bevor sie öffnete, warf sie einen Blick durch den Türspion.

»Hallo«, nuschelte der Mann und setzte ein Paket auf dem Boden ab. Seine Ohren waren vor Kälte rot angelaufen. Auf dem Mützenschirm prangte der Aufdruck »H. C. Express Service«.

Wer schickte ihr denn etwas per Kurier?